Ilja Repin, Zar Ivan der Schreckliche und sein Sohn am 16. November 1581. Wodurch sind die Angriffe von 1913 und 2018 auf Repins Gemälde motiviert?


Hausarbeit, 2019
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Übersicht über die Reaktionen auf das Gemälde

3 Ivan der Schreckliche in der russischen Historienmalerei des 19. Jahrhunderts

4 Die Darstellung des Zaren in Repins Gemälde
4.1 Im Vergleich mit W. G. Schwarz‘ Darstellung des Zaren
4.2 Im Vergleich mit Studien

5 Das Gemälde als Antwort auf die politische Situation von 1885

6 Fazit

7 Abbildungsverzeichnis

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Repins Gemälde Zar Ivan der Schreckliche und sein Sohn am 16. November 1581 (Abb.1) fand von der Erstausstellung 1885 bis heute viele Bewunderer, aber auch glühende Gegner. Die Reaktionen, die das Gemälde auslöst sind so hitzig, dass es im Laufe seiner 134jährigen Existenz zahlreiche Beschwerden, ein Ausstellungsverbot, Gesuche dieses zu erneuern und sogar zwei Angriffe auf das Bild gab.

Wie kann ein Historiengemälde so stark polarisieren und warum hat dies sogar tätliche Angriffe zur Folge? Da der Stein des Anstoßes eher in der Darstellung des Zaren zu suchen ist als in der des Zarewich, werde ich auf letzteren nur sporadisch eingehen und mich hauptsächlich auf Ivan IV. konzentrieren. Die Darstellung dieses Moments in der Geschichte Russlands ist einzigartig, ebenso das Erscheinungsbild Ivans IV., der das gesamte 19. Jahrhundert über eine beliebte Figur in der Historienmalerei war. Auch, wenn er oft Anlass für eher genrehafte und wenig ruhmreiche Darstellungen bot, wie zum Beispiel beim Betrachten seiner schlafendenden Frau oder im Moment seines Todes, scheint Repin in seiner Interpretation des Zaren diese noch zu übertreffen.

Im Vergleich mit einem Gemälde von Wjatscheslaw G. Schwarz, das zeigt, wie andere Künstler mit der Darstellung des Mordes am eigenen Sohn umgehen, untersuche ich verschiedene Aspekte, die die Reaktionen ausgelöst haben könnten. Diese sind auf mehreren Ebenen zu suchen, zum einen in der gezeigten Szene, deren historische Akkuratesse oft hinterfragt wird, zum anderen in der Art der Darstellung des Zaren, aber auch in der persönlichen Auffassung von Kunst der Angreifer. Der Status, den die Historienmalerei in Russland verglichen mit anderen Ländern, wie beispielsweise Deutschland, besitzt, spielt hier ebenfalls eine Rolle.

Dass dieses Thema auch Repin selbst lange beschäftigte, zeigt, dass er das Gemälde nicht nur langwierig vorbereitete, sondern auch nach Fertigstellung des Hauptwerkes in weiteren Studien alternative Darstellungen ausprobierte. Da das Gemälde als Antwort auf die politische Situation seiner Entstehungszeit entstand, sind, auch wenn diese Ereignisse selbst nicht dargestellt sind, auch hier mögliche Gründe für die starke Ablehnung des Bildes zu suchen.

2 Übersicht über die Reaktionen auf das Gemälde

Ich möchte dieses Kapitel mit meiner eigenen Reaktion beginnen, als ich dieses Gemälde zum ersten Mal sah. Das Gemälde – durch seine schiere Größe und Positionierung klar als Höhepunkt des Raumes erkennbar – war für fast alle BesucherInnen erster Anlaufpunkt. Aus dem ca. drei mal drei Meter großen Dunkel heben sich, erschwert durch Lichtreflexe, zwei sich scheinbar umarmende Personen hervor, die sich entgegen dem ersten Erscheinungsbild, vor allem durch den entsetzten und entsetzlichen Blick der älteren Person, langsam als Sterbeszene entpuppten. Dieser erschütternden Erkenntnis folgte sogleich die zweite, denn die Mordwaffe, ein Eisenstab, die sich noch im Bild befindet und weitere Indizien legten Nahe, dass der ältere Herr nicht nur Trauernder, sondern zugleich Mörder ist. Der Bildtitel definiert die beiden Personen als Vater und Sohn. Eine Betrachterin, die zeitgleich mit mir den Raum betreten hatte, konnte einige Tränen nicht unterdrücken. Eine Reaktion die ich auch bei weiteren BetrachterInnen beobachten konnte, da ich mich im Bann des Bildes eine lange Zeit davor aufhielt. Freilich genügen Emotionen und Rührungen nicht als Argumentationsgrundlage, jedoch lohnt es sich bei einem Gemälde, das eine solche Wirkung entfaltet, mögliche Gründe dafür zu untersuchen, denn Repins Gemälde war Anlass für zahlreiche Äußerungen positiver, wie negativer Art. Nur neutral scheint dem Gemälde niemand gegenüberzustehen.

Die meisten von Repins Zeitgenossen, allen voran die Maler Surikov und Kramskoi, zeigten sich von dem Gemälde zutiefst beeindruckt. So schreibt letzterer in einem Brief an Suvorin vom 21.01.1885:

„But how it is painted, God how it is painted! …Can you really imagine a pool of blood going unnoticed and not affecting you, because in the painting there is this terrible, sensational expressiveness of the father’s grief and his piercing scream? […] Ah, my God! You simply must see it!!!” (Kramskoi 1885 zit. Nach Jackson 2006, S.60)

Es gab jedoch nicht nur positive Reaktionen. Pobedonostsew, Berater von Alexander III., berichtet diesem am 15.02.1885 von seinem Besuch des Bildes in abfälligen Worten:

„Today I saw that painting and was unable to look at it without disgust… the art of today is remarkable: without the slightest ideals, only the sense of naked realism, critical tendentiousness and denunciation… It is hard to understand what thought induced the artist to describe in such total realism these particular moments. And why Ivan the Terrible? Besides a determined tendentiousness you will not find another motive.” (Pobedonostsew 1885, zit. nach Jackson 2006, S.61)

Außerdem wird behauptet, dass einige BesucherInnen in dem Gemälde eine „Verletzung der Gefühle des Herrscherhauses“ (Schäfer 1985, S.129) befürchteten. Als das Gemälde in Moskau gezeigt werden sollte, wurde schließlich ein Ausstellungsverbot verhängt. Sogar positive Rezensionen über das Bild wurden zeitweise verboten,1 was seinem Erfolg jedoch keinen Abbruch tat: Der Kunstmäzen und -sammler Tretjakow kaufte es für seine Galerie an und als er das mittlerweile berüchtigte Gemälde nach einigen Monaten schließlich zeigen durfte, entfachte es größte Begeisterung beim Publikum.2,3

Repins Gemälde sorge nicht nur zur Erstausstellung bei der 13. Wanderausstellung von 1885 für großes Aufsehen, sondern auch weit darüber hinaus. 1913 übte der, wie es heißt psychisch kranke, Ikonenmaler Abram Balaschow einen Anschlag auf das Gemälde aus und verletzte es mit einem Messer im Bereich des Gesichts des Zaren, als er dreimal darauf einstach. Repin selbst leitete in hohem Alter die anschließende Restaurierung.4 Erst kürzlich, am 25. Mai 2018 gab es einen weiteren Angriff auf das Gemälde. Der 37-jährige Igor Podporin schlug mit einer der Metallstangen, die das Bild eigentlich schützen sollten, auf dieses ein, wobei das Schutzglas zu Bruch ging und die Leinwand an drei Stellen einriss. Nach eigenen Angaben, habe er nach dem Besuch der Galerie im Museumscafé Wodka getrunken und sei so über das Gemälde erzürnt gewesen, dass er im Anschluss zurückgekehrt sei, um es anzugreifen.5

Zwar wurde Balaschow psychische Labilität und Podporin Trunkenheit attestiert, doch kann man darin nicht den Grund, sondern lediglich den Auslöser für die Angriffe sehen.

3 Ivan der Schreckliche in der russischen Historienmalerei des 19. Jahrhunderts

Ivan IV. oder der Schreckliche war für russische Historienmaler ein beliebtes Thema. Seit Gründung der Akademie der Künste 1757 durch Lomonossov stellte die Historienmalerei das wichtigste Fach dar.6 Dabei sollten vor allem diejenigen historischen Ereignisse und Persönlichkeiten thematisiert werden, welche zur Verteidigung des russischen Reiches gegen innere und äußere Feinde und so zur Entfaltung des Nationalgefühls beitrugen.7 Dies geschah vor allem vor dem Hintergrund, dass westliche Historiker, die sich mit der russischen Geschichte beschäftigten, ein solches durch ihre Objektivität nicht weckten.8

Ivan IV. eignete sich für diese Zwecke hervorragend. Als der erste Zar aller Russen vereinte er die vielen russischen Völker, aus denen die Nation bestand, unter sich und war eine der markantesten Herrscherfiguren der vorpetrinischen Zeit.9 Die Jahrhunderte vor Peter dem Großen, der Russland dem Westen öffnete, wurden vor allem von den Slawophilen, als Ursprung der russischen Tradition und der russischen Seele gesehen.10 Die Slawophilen, keine geschlossene Bewegung sondern vielmehr eine Sammelbezeichnung, waren Peter dem Große gegenüber weitgehend negativ eingestellt und sahen ihn als Henker des alten Russlands. Dementsprechend positiv wird Ivan IV. als Peters Antagonist aufgefasst.11 Auch ist sein Namenszusatz grosny nicht nur mit dem stark negativ konnotierten schrecklich zu übersetzen, sondern auch mit streng, drohend, bedrohlich.12 Unter dem Argument, Ivan IV. sei psychisch krank gewesen und seine Taten seien nicht grausamer als die anderer Zaren,13 versuchten Slawophile, wie der Philosoph und Schriftsteller Aleksej S. Chomjakov, ihn in ein besseres Licht zu rücken.14 Zudem machte diese gespaltene Persönlichkeit den Zaren zu einem interessanten Sujet.15

Das gesamte 19. Jahrhundert über hat die Figur Ivan des Schrecklichen nicht an Anziehungskraft verloren. Die Darstellungen des Zaren umfassen unter anderem genrehafte Sujets, wie den Zaren mit seiner Mutter, oder bei der Betrachtung seiner schlafenden Frau, was unter anderem der Tatsache geschuldet ist, dass sich die russische Historienmalerei oft an Dramen und nicht an wissenschaftlichen Quellen orientierte.16 Auch wichtige Stationen aus seinem Leben und Verdienste für die Nation werden oft dargestellt, ebenso der Zar als alter Mann mit Mönchskutte, die er nach dem Mord an seinem Sohn anlegte.17 Jedoch gibt es nur vier Künstler, die sich im 19. Jahrhundert mit dieser Tat selbst beschäftigen.18 Neben Repin sind es Schwarz (Abb. 2), Shustov und Koselev. Sie wählen jedoch den Moment drei Tage nach dem Angriff, an dem der Zarewich schließlich seinen Verletzungen erliegt,19 und zeigen Ivan IV. neben dem verstorbenen Sohn sitzend. Repin hingegen zeigt als einziger den Moment unmittelbar nach der Tat. Ob Ivan IV. seinen Sohn tatsächlich ermordet hat und aus welchem Grund, ist nicht eindeutig belegt. Die verbreitetste Theorie besagt, der Zar habe seinen Sohn des Verrats bezichtigt, als dieser ein eigenes Heer führen wollte und ihn im Zorn ermordet.20 Eine andere Theorie lautet, der Zarewich habe sich schützend zwischen seinen Vater und seine schwangere Ehefrau gestellt, woraufhin dieser ihm einen Schlag versetzte.21 Ob andere Personen anwesend waren22 und wo sich die Szene abgespielt haben soll, ist ebenfalls unklar. Auch darum erntet das Gemälde noch heute Kritik, denn die Behauptung des Kindermordes wird von einigen als antirussische Propaganda des Westens aufgefasst. So argumentiert Podporin, der Angreifer vom Mai 2018, dass er die dargestellte Szene schlicht für unglaubwürdig gehalten habe.23

Während die Historienmalerei in West- und Mitteleuropa als eine von vielen abgeschlossenen Perioden in der Kunstgeschichte gilt, kommt ihr in Russland heute weit größere Bedeutung zu. Sie ist, so Schäfer, „fester Bestandteil [d]es kulturellen Bewusstseins, dessen historische Kontinuität Bestand hat“ (zit. Schäfer 1985, S.49). In Russland war es schon im 19. Jahrhundert mit den Slawophilen, aber auch heute wieder verstärkt, ein Anliegen, sich vom Westen abzuheben und eine Tradition und Seele in der eigenen Vergangenheit zu suchen, wozu die Historienmalerei einen maßgeblichen Beitrag leistete. Daher scheint es naheliegend, dass eine Historie, dass eine Tat zeigt, die als westliche Verunglimpfung eines Zaren gilt, solchen Anstoß erregt, dass es Opfer von Ikonoklasmus wird.

4 Die Darstellung des Zaren in Repins Gemälde

4.1 Im Vergleich mit W. G. Schwarz‘ Darstellung des Zaren

Repin versetzt die Szene in den Thronsaal. Mittig im Bild befinden sich Vater und Sohn. Der in Mönchskutte gekleidete Zar hält seinen sterbenden Sohn in den Armen. Er presst ihn mit größter Kraft an sich, wobei er ihn mit der rechten Hand vom Boden hebt, mit der linken das Blut, das aus der klaffenden Wunde an seinem Kopf strömt, zu stillen versucht. Sie befinden sich im Zentrum der Komposition, zudem werden sie von links schlaglichtartig beleuchtet, wobei das Licht von dem zartrosa Gewand des Sohnes stark reflektiert wird. Obwohl der Sohn so die hellste Stelle bildet, stellt der hinter ihm kniende Zar das energetische Zentrum des Bildes dar. Sein Körper ist aufs Äußerste angespannt, an Handrücken und Schläfe treten die Sehnen und Adern deutlich hervor.24 Die Augen, weit aufgerissen, treten aus den Höhlen. Das hagere Gesicht ist in der qualvollen Erkenntnis seiner Handlung wie versteinert. In seinem Entsetzen bring der alte Mann die Kraft auf, den Zarewich vom Boden anzuheben, um ihn an sich zu drücken, wodurch die beiden eine Pietà-ähnliche Pose einnehmen.25 Fast im goldenen Schnitt befindet sich die Hand des Zaren, die den Blutstrom zu stillen versucht, der trotz größter Anstrengung zwischen den Fingern hindurchrinnt. Dieselbe Hand hielt vorher die Mordwaffe, den Eisenstab, der nun im Bildvordergrund achtlos auf dem Boden liegt.26 Unterstützt wird die Dramatik des Bildes von der dunkelroten Farbgebung einiger dekorativer Elemente des Raumes, wie zum Beispiel des Kissens, das vom umgestürzten Stuhl auf den Boden gefallen ist, oder der Teppiche, die im vorherigen Kampfgeschehen aufgeworfen wurden. Ebenso rot ist das großzügig im Bild verteilte Blut, weshalb Repin ihm in seinen Erinnerungen den Namen „Blutbild“ (Zit. Repin 1923 nach Raev 2003, S. 33.) gab. Auch diese Tatsache bot Anlass für Kritik, so beanstandete der Anatom Landtsert, dass diese Wunde unmöglich eine solche Menge an Blut verursachen könne.27 Stärker als dieses Argument, das Stassow schnell entkräftete, indem er konstatierte, die Ausdrucksmöglichkeit der Kunst hinge nicht mit anatomischer Korrektheit zusammen,28 wiegt jedoch die Kritik, dass dieser übertriebene Realismus nicht in eine Historie gehöre, wie schon im Brief von Pobedonostsev an Alexander III. zu lesen war. Jedoch nicht nur das Blut, die gesamte Erscheinung des Zaren fällt unter diesen Aspekt. Der Herrscher lässt jegliche Zarenwürde vermissen. Das Alter ist ihm deutlich anzusehen, auch seine sonst prunkvolle Kleidung hat er abgelegt und schon gegen die Mönchskutte getauscht. Vor allem die fehlende Kopfbedeckung, die sein schütteres, gerauftes Haar preisgibt, ist entwürdigend. Jegliche Machtinsignien fehlen, sodass wir vor uns eher einen alten, verwirrten Mann als einen Zaren sehen.29 Noch dazu befindet er sich kniend auf dem Boden, eine Position die ein Herrscher höchstens zu Krönungszwecken einnehmen sollte.

Ganz anders geht Schwarz bei seiner Darstellung des trauernden Zaren von 1864 vor. Da er die Szene drei Tage nach der Tat verortet, kann er die Darstellung der äußersten Gefühlsregung vermeiden. Der Zar ist zwar in seinem Stuhl zusammengesunken und auch hier deutlich als gealterter Mann erkennbar, jedoch erscheint er um einiges würdevoller als bei Repin. Er ist in kostbare pelzbesetzte Gewänder gekleidet und hat Goldschmuck angelegt. Auch das Interieur selbst wirkt durch die vergoldete und mit Ikonen versehene Wand, sowie die kunstvoll gearbeiteten Kerzenständer und die üppigen, mit im Lichtschein glänzenden Goldfäden durchzogenen Stoffe des Sterbebettes, reich und würdevoll. Nichts weist auf das vorhergegangene Drama und dem gewaltvollen Tod des Zarewich, der bei Schwarz eher als Kulisse für den trauernden Zaren fungiert.30 Zusätzlich zu Vater und Sohn bevölkern bei Schwarz vier Geistliche den Raum, sodass für die Seele des Tsarewich gut gesorgt ist.31 Wie bei Repin, so ist auch bei diesem Gemälde der Hintergrund nur spärlich beleuchtet. Jedoch werfen der Kerzenschein und die Hauptlichtquelle, die sich ungefähr auf der Position der Betrachtenden befindet, ein weicheres, beruhigendes Licht auf Vater und Sohn, während bei Repin die sich hart aus dem bedrohlichen Dunkel abhebenden Stellen noch zur Dramatik beitragen.

Repin zeigt jedoch nicht nur einen in der Historienmalerei und im allgemeinen historischen Gedächtnis der russischen Bevölkerung oft verherrlichten Zaren in einem seiner schwächsten Momente, er stellt in seinem Gemälde auch einen Moment dar, der einen Tiefpunkt der russischen Geschichte zur Folge hatte. Auch wenn Repins Gemälde vornehmlich eine private Tragödie zeigt, die sich zwischen Vater und Sohn abspielt, so handelt es sich doch auch um den Zaren und seinen Thronfolger.32 Dieser eine Moment des Zornes, der den Zarewich das Leben kostet, gefährdet somit die dynastische Kontinuität. Zwar verfügte Ivan IV. über einen zweiten Sohn, dieser wird jedoch als schwachsinniger Gottesnarr bezeichnet und verscheidet kinderlos nach nur kurzer Regierungszeit.33 Da es in Russland kein eindeutiges Erbrecht gibt,34 hatte der Verlust des Thronerben blutige Auseinandersetzungen um die Herrschaft zur Folge, die erst 1613, also 32 Jahre nach dem Tod Ivans IV., mit der Krönung von Michail Romanow und damit einem Wechsel der Dynastien endeten.35 Damit entspricht das Gemälde nicht den eingangs erwähnten Anforderungen Lomonossows, da es keinen Moment nationaler Größe, sondern eher Unsicherheit darstellt. Zudem wird durch den bereuenden Zaren die Unfehlbarkeit der Herrscher hinterfragt.36

[...]


1 Jackson, David, The Russian vision. The Art of Ilya Repin, Woodbridge 2006, S.61.

2 Wesenberg, Angelika/ Hartje, Nicole/Werner, Anne-Marie [Hg.], Ilja Repin. Auf der Suche nach Russland, Aust.-Kat. Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, 15.08.-02.22.2003, Berlin 2003, S.128.

3 Raev, Ada, Auf der Suche nach Repin. Ilja Repin und die „Genossenschaft der Wanderausstellungen", in: Wesenberg, Angelika/ Hartje, Nicole/Werner, Anne-Marie [Hg.], Ilja Repin. Auf der Suche nach Russland, Aust.-Kat. Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, 15.08.-02.22.2003, Berlin 2003, S.33.

4 Hartje/Werner/Wesensberg 2003, S.128.

5 Schmid, Ulrich, Ein neuer Bilderstreit – in Moskau wurde ein berühmtes Gemälde von Iwan dem Schrecklichen attackiert, in: Neue Züricher Zeitung, 29. Mai 2018, https://www.nzz.ch/feuilleton/ein-neuer-bilderstreit-in-moskau-wurde-ein-beruehmtes-gemaelde-von-iwan-dem-schrecklichen-attackiert-ld.1389710, Zugriff am 28. März 2019.

6 Schäfer, Marie, Historienmalerei und Nationalbewusstsein in Russland 1860-1890, Köln 1985, S.180f.

7 Ebd., S.39.

8 Ebd., S.9.

9 Lang, Walther, Herrscher, Helden und Häretiker. Russische Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, in: Russlands Seele. Ikonen, Gemälde, Zeichnungen aus der Tretjakov-Galerie Moskau, Aust.-Kat. Kunst und Ausstellungshalle Bonn, 16.05.-26.08.2007, München/Bonn 2007, S.200

10 Ebd., S.198.

11 Ebd., S. 206.

12 Neumann-Hoditz, Reinhold, Iwan der Schreckliche, Hamburg 1990, S.7.

13 Ebd., S.85.

14 Schäfer 1985, S.17.

15 Lang 2007, S.200.

16 Schäfer 1985, S.96.

17 Payne, Robert/Romanoff, Nikita, Ivan the Terrible, New York 1975, S.393.

18 Schäfer 1985, S.128.

19 Payne/Romanoff 1975, S.392.

20 Payne/Romanoff 1975, S.390f.

21 Neumann-Hoditz 1990, S.125.

22 Payne/Romanoff 1975, S.391.

23 Schmid 2018.

24 Brunson, Molly, Russian Realism. Literature and Painting 1840-1890, Illinois 2016, S.150.

25 Tschurak, Galina, Der Maler Ilja Repin, in: Wesenberg, Angelika/Hartje, Nicole/Werner, Anne-Marie, [Hg.], Ilja Repin. Auf der Suche nach Russland, Aust.-Kat. Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, 15.08.-02.22.2003, Berlin 2003, S.18.

26 Brunson 2016, S.157.

27 Platt, Kevin, Terror and Greatness. Ivan and Peter as Russian Myths, London 2011, S.113.

28 Ebd., S.113.

29 Dijkink, Gertjan, On the European Tradition on nationalism and its National Codes, in: Geography Research Forum, vol. 19, 1999, S. 45-59, S.50.

30 Schäfer 1985, S.70.

31 Jackson 2006, S.62.

32 Lang 2007, S.200.

33 Neumann-Hoditz 1990, S.126.

34 Neumann-Hoditz 1990, S.62.

35 Lang 2007, S.200.

36 Brodski, Boris, Kunstschätze Moskaus Leipzig, 1986, S.163.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ilja Repin, Zar Ivan der Schreckliche und sein Sohn am 16. November 1581. Wodurch sind die Angriffe von 1913 und 2018 auf Repins Gemälde motiviert?
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V508702
ISBN (eBook)
9783346069573
ISBN (Buch)
9783346069580
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ilja, repins, angriffe, wodurch, november, sohn, schreckliche, ivan, repin, gemälde
Arbeit zitieren
Sophie Schmidt (Autor), 2019, Ilja Repin, Zar Ivan der Schreckliche und sein Sohn am 16. November 1581. Wodurch sind die Angriffe von 1913 und 2018 auf Repins Gemälde motiviert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508702

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