Wenn auch in unterschiedlicher Weise, so findet sich Höflichkeit doch in allen Gesellschaftsformen. Sie verfolgt das übergeordnete Ziel einer Gesellschaft, das soziale Miteinader einzelner Individuen auf der Basis von gemeinsamen Wertstrukturen zu sichern und so reibungslos wie möglich zu gestalten. In allen Kulturen haben sich dabei über Jahrhunderte hinweg Prioritäten hinsichtlich wegweisender Werte herauskristallisiert, die in ihrer Gesamtheit für den Inhalt spezifischer sozialer Normen verantwortlich sind. Sie haben zur Herausbildung sprachlicher Routinen und Konventionen, sowie zu kulturell bedingten Erwartungshaltungen und Interpretationsschemata geführt.
Die vorliegende Arbeit versucht, einen ersten Ansatz für eine kontrastive Betrachtung des Deutschen und des Spanischen zu liefern. Die Grundlage für die Untersuchung bilden vor allem die klassischen Höflichkeitsmodelle von Lakoff (1973), Leech (1983), Brown & Levinson (1987) und Blum-Kulka et al. (1989) und die neueren Arbeiten im Rahmen der interkulturellen Forschung von Held (1994), Trosborg (1995) und Wierzbicka (1991). Diese theoretischen Grundlagen werden im ersten Teil ausführlich dargelegt. Zentrum der Arbeit bildet jedoch die Auswertung einer Untersuchung der tatsächlichen Sprachverwendung anhand einer Fragebogenerhebung, die an zwei Universitäten (Würzburg, Cádiz) durchgeführt wurde. Sie versucht einen eingehenden, aber sicherlich nicht erschöpfenden Einblick in sprachspezifische Realisierungsweisen der Bitte anhand von deutschen und spanischen Sprachdaten zu geben. Dabei wird zum einen das linguistische Repertoire gesammelt, zum anderen wird untersucht, ob sich klare kulturspezifische Differenzen und Präferenzen im Hinblick auf deren Verwendung zeigen, die Hinweise darauf geben könnten, dass sprachliche Strategien und Realisierungsweisen in den beiden untersuchten Sprechergruppen nicht das gleiche ‚höfliche’ Potential besitzen und grundlegend anderen Interpretationsschemata unterliegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1.Sprachliche Höflichkeit: eine Annäherung
1.1.1.Höflichkeit als positive Beziehungsgestaltung
1.1.2.Höflichkeit als Konfliktvermeidung
1.1.3.Normen, Wertstrukturen und interkulturelle Differenzen
1.2.Methode, Gegenstand und Zielsetzung der vorliegenden Arbeit
2.Theoretische Grundlagen
2.1.Grundlagen der Höflichkeitsforschung
2.1.1.Die Sprechakttheorie
2.1.2.Grice und das Kooperationsprinzip
2.1.3.Goffmans soziologische Betrachtungen
2.2.Die klassischen Höflichkeitsmodelle
2.2.1.Lakoff
2.2.2.Leech
2.2.3.Brown & Levinson
2.2.3.1.Der ‘face’ Begriff bei Brown & Levinson
2.2.3.2.‚Negative’ und ‚positive politeness’
2.2.3.3.Das Konzept der ‚face threatening acts’ (FTA)
2.2.3.4.Sprachliche Strategien zur Reduzierung des Konfliktpotentials
2.2.3.5.Kalkulation des Konfliktpotentials
2.2.3.6.Kritische Betrachtung
2.3.Interkulturelle Ansätze
2.3.1.Sprechakte interkulturell
2.3.2.‚Face’ und ‚face-work’ interkulturell
2.3.2.1.Gruppenorientierte ‚face’-Bedürfnisse
2.3.2.2.Soziale Nähe
2.3.2.3.Betonung von Gegenseitigkeit und Interdependenz
2.3.2.4.Herzlichkeit und Emotionalität
2.3.3.Höflichkeit, Soziale Harmonie und Konfliktvermeidung
2.3.4.Zusammenfassung und Ausblick
3.Auswertung der Antworten
3.1. Schwerpunkte der Analyse
3.1.1.‚Negative politeness’ vs. ‚positive politeness’
3.1.2.Struktur- und Handlungsebene
3.1.3.Einbettung
3.1.4.Interne Modalisierung
3.1.5.Analyse des Direktheitsgrades
3.1.6.Der Satzmodus
3.2.Direktheitsskala
3.2.1 Vergleich und Interpretation der Antworten
3.2.2. Perspektive: Vergleich und Interpretation
3.3.Strategien der ‚negative politeness’
3.3.1. Abschwächung auf der Struktur- und Handlungsebene
3.3.1.1.Vorbereitende Phase
3.3.1.2.Argumentation und Hauptsprechhandlung
3.3.1.3.Nachbereitende Phase
3.3.2. Interne Modalisierung: Minimalisierung
3.3.2.1. Herabsetzung der Verantwortung
3.3.2.3. Entaktualisierung
3.3.2.2.1.Das Modalverbsystem
3.3.2.2.2.Tempus- und Modusverschiebung
3.3.2.2.3.Einschränkung der Gültigkeit
3.3.2.2.3.Präsequenzen
3.3.2.2.4.Vergleich und Interpretation
3.3.2.3.Kostensenkende und modifizierende Handlungsdarstellung
3.4.Strategien der ‚positive politeness’
3.4.1. Maximalisierungstechniken
3.4.1.1.Temporale Angaben, Adverbien und Adjektive
3.4.1.2.Quantitative Adverbien und Gradpartikel Qualifizierung
3.4.1.3.Deontische Modalverben
3.4.1.4.Die Negation
3.4.1.5.Verpflichtung zur Gültigkeit der Äußerung
3.4.2.Verstärkung auf der Struktur- und Handlungsebene
3.4.2.1.Vorbereitende Phasen
3.4.2.2.Hauptsprechhandlung
3.4.2.3.Illokutionsindizierende Gesprächswörter
3.4.2.4.Argumentation
3.4.2.4.1.Notwendigkeit
3.4.2.4.2.Appell an das Gewissen
3.4.2.4.3.Wünsche und Pläne des Sprechers
3.4.2.4.5.Beziehungsdefinition
3.4.2.4.5.Vergleich und Interpretation der Antworten
3.4.3.Explizite Beziehungsgestaltung
3.4.3.1.Zuwendungsstrategien
3.4.3.1.1. Anredesystem
3.4.3.1.2. Nominale Anrede
3.4.3.1.3. Pronomina
3.4.3.2. Direkte Einbeziehung des Partners
3.4.3.2.1. Der Einsatz von ‚cajolern’
3.4.3.2.2. Der Einsatz von ‚appealern’
3.4.3.2.3. Evokation von geteiltem Wissen
3.4.3.2.4. Emotionalisierung
3.4.3.2.5. Vergleich und Interpretation der Ergebnisse
3.4.3.3. Beziehungsorientierte Nebensprechhandlungen
3.4.3.3.1. Entwaffnende Sprechhandlungen
3.4.3.3.2. Darlegung der beziehungsstärkenden Konsequenzen
3.4.3.4. Zusammenfassung und vergleichende Interpretation
4. Zusammenfassung, Interpretation und Ausblick
4.1. ‚Negative politeness’ oder ‚positive politeness’
4.2. Das ‚face’-Konzept
4.3. Die Sprechhandlung
4.4. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kontrastiv die sprachlichen Realisierungsformen von Bitten im Deutschen und Spanischen. Dabei wird analysiert, wie Sprecher in beiden Kulturen ihre Sprechhandlungen strategisch anpassen, um zwischen dem Bedürfnis nach effizienter Kommunikation und der Notwendigkeit zur Höflichkeit sowie Konfliktvermeidung zu balancieren.
- Kontrastive Analyse deutscher und spanischer Sprachdaten.
- Anwendung klassischer Höflichkeitsmodelle auf die Sprechhandlung „Bitte“.
- Untersuchung von sozialen Parametern wie Distanz und Autorität.
- Einfluss kultureller Normen und Werthierarchien auf das Sprachverhalten.
Auszug aus dem Buch
1.1. Sprachliche Höflichkeit: eine Annäherung
Die linguistische Forschung hat zahlreiche Definitionsansätze hervorgebracht, die zwar in einzelnen Punkten stark konkurrieren, jedoch alle eine harmonische zwischenmenschliche Beziehung als übergeordnetes Ziel hervorheben. Dabei handelt es sich zum Einen um den Erhalt des sozialen Gleichgewichts und die Bemühung um freundliche Beziehungen, zum Anderen um die Vermeidung von Konfrontation und die Reduzierung von Konfliktpotential (vgl. Spencer-Oatey 2002: 87).
Was ist der Grund, weshalb ich mich neben einer fremden Person im Aufzug verpflichtet fühle, ein Gespräch über das Wetter anzufangen? Warum empfinde ich es als unhöflich, wenn mich eine bekannte Person nicht grüßt? Warum ist es so schwer, im Beisein anderer Personen still zu sein, obwohl man eigentlich nichts zu sagen hat?
Das liegt daran, dass der Aufbau und Erhalt zwischenmenschlicher Beziehungen primär über Sprache vollzogen wird. Wenn ich jemanden auf der Straße grüße, oder mich mit einem Bekannten auf einen kurzen ‚small talk’ einlasse, dann vermittle ich damit, dass mein Gegenüber „soziale und persönliche Wertschätzung“ (Raible 1987: 149) genießt. Menschen sind schließlich keine Computer, die nur Informationen prozessieren und dekodieren. Sie sind Teilnehmer an einem sozialen Geschehen und als ‚ens soziale’ (Raible 1987: 149) definieren sie sich immer auch in Bezug auf die Gemeinschaft, in der sie leben. Sie versuchen, durch ihr Verhalten dem universalen Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Akzeptanz gerecht zu werden. Diese Funktion von Höflichkeit fasst Lakoff (1973) in einer ihrer Maximen zusammen: Make A [= Alter] feel good! – Be friendly! Erst Höflichkeit als aktive Beziehungsgestaltung versichert uns der gegenseitigen Kooperationsbereitschaft und ermöglicht so eine erfolgreiche Kommunikation (vgl. Leech 1983).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die pragmatische Dimension der Höflichkeit ein und definiert das übergeordnete Ziel der Arbeit: die kontrastive Untersuchung der Bitte als Sprechhandlung im Deutschen und Spanischen.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel skizziert die wissenschaftlichen Fundamente, insbesondere die Sprechakttheorie sowie Modelle von Brown & Levinson und Goffman, auf denen die Analyse aufbaut.
3. Auswertung der Antworten: Dieser Hauptteil präsentiert die empirischen Ergebnisse der Befragung und untersucht detailliert die sprachlichen Strategien zur Realisierung von Bitten sowie deren kulturelle Einbettung.
4. Zusammenfassung, Interpretation und Ausblick: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und diskutiert die unterschiedlichen kulturellen Interpretationsschemata von Höflichkeit in Deutschland und Spanien.
Schlüsselwörter
Höflichkeit, Sprechhandlung, Bitte, kontrastive Pragmatik, Sprachvergleich, Konfliktvermeidung, Face-Work, soziale Distanz, interkulturelle Kommunikation, Sprechakttheorie, Modalisierung, Indirektheit, soziale Normen, Beziehungsgestaltung, Diskursanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen in Deutschland und Spanien im Alltag höflich um einen Gefallen bitten und welche sprachlichen Strategien sie dabei anwenden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die „Höflichkeitsforschung“, das „Face-Konzept“ (Gesichtswahrung) sowie die sprachliche Umsetzung von Bitten unter Berücksichtigung sozialer Faktoren wie Distanz und Macht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen kontrastiven Vergleich der deutschen und spanischen Sprache im Hinblick auf höfliche Sprachverwendung zu liefern und dabei kulturelle Unterschiede aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin führt eine kontrastive Studie auf Basis von Fragebögen durch, in denen Muttersprachler aus Würzburg und Cádiz mit 8 verschiedenen Situationen konfrontiert wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie durch verschiedene sprachliche Ebenen – etwa durch Modalisierung, Satzbau oder Anredeformen – das „Konfliktpotential“ einer Bitte abgemildert oder das „positive Gesicht“ des Partners gestärkt wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Höflichkeit, Sprechakttheorie, Face-Work, Indirektheit, soziale Distanz und interkulturelle Pragmatik.
Warum wird die Bitte als Sprechhandlung gewählt?
Die Bitte wird als „gesichtsbedrohende Sprechhandlung“ eingestuft, da sie in die Handlungsfreiheit des Gegenübers eingreift und daher besonders feinfühlige sprachliche Beziehungsarbeit erfordert.
Wie unterscheiden sich deutsche und spanische Teilnehmer?
Spanische Teilnehmer tendieren zu direkteren Formulierungen und einer stärkeren Betonung der sozialen Nähe, während deutsche Teilnehmer häufiger indirekte Strategien zur Wahrung der individuellen Distanz einsetzen.
- Quote paper
- Sarai Jung (Author), 2005, Höflichkeit kontrastiv: Verbalisierungsformen von direktiven Sprechhandlungen in Deutschland und Spanien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50875