Haben oder Sein. Der Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und materieller Werteorientierung


Bachelorarbeit, 2017

58 Seiten, Note: 1.1


Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung

2) Theorieteil
2.1 Achtsamkeit
2.1.1) State Achtsamkeit oder Trait Achtsamkeit
2.1.2) Die buddhistischen Wurzeln von Achtsamkeit
2.1.3) chtsamkeit in der empirischen Forschung
2.2) terialismus in der empirischen Forschung
2.3) Werte und Wertewandel
2.4) Materialismus, Achtsamkeit und subjektives Wohlbefinden
2.5) Prädiktionsmodell: Achtsamkeit, Dankbarkeit und Materialismus
2.6) Konsumverhalten und Achtsamkeit
2.7) Bildung für nachhaltigen Konsum durch Achtsamkeitstraining (BiNKA)
2.8) Ableitung der Methode aus dem Theorieteil

3) Methodenteil
3.1) Hypothesen
3.2) ethodisches Vorgehen
3.3) Die Mindfulness Attention Awareness Scale (MAAS)
3.3.1) Die empirische Prüfung der deutschen Version der MAAS
3.4.) Die Material Values Scale
3.4.1) Die empirische Prüfung des Material Values Scale

4) Ergebnisteil
4.1) Die Hypothesenprüfung in Kürze
4.2) Ergebnisse der Soziodemographische Kennwerte
4.3) Die Sozialstruktur im Zusammenhang mit der MVS
4.4) Die Sozialstruktur im Zusammenhang mit der MAAS
4.5) Ergebnisse der MVS im Vergleich zu Normierungsstichprobe
4.6) Ergebnisse der MAAS im Vergleich zu Normierungsstichprobe
4.7) Zusammenhangs von MAAS und MVS

5) Diskussion
5.1) Diskussion der Stichprobengewinnung
5.2) Diskussion Der Achtsamkeitsoperationalisierung
5.3) Diskussion der Operationalisierung der Materiellen Werteorientierung
5.2) Diskussion der empirischen Ergebnisse

6) Fazit/Ausblick

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

Anhang: Orginal SPSS Outputs

Anhang: Fragebogen

Zusammenfassung/ Abstract

Die hier vorliegende Bachelorarbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und der materiellen Werteorientierung. Hierfür wurden die Mindfulness Attention Awareness Scale (MAAS) von Brown & Ryan (2003) und die Material Values Scale (MVS) von Richins & Dawson (1992) herangezogen, um der Fragestellung, ob eine höhere Achtsamkeit mit einer geringeren materiellen Werteorientierung einhergeht, empirisch Rechnung zu tragen. Weiteren in diesem Zusammenhang auftretende Fragestellungen der Vergleichbarkeit von Achtsamkeit und Materialismus als Wertkonstrukt, sowie die Nutzbarmachung innerhab gezielter Achtsamkeitsintervention, wird deduktiv, explorativ nachgegangen. Methodologisch wurde die MAAS und die MVS im Rahmen eines Online-Fragebogens an 117 Probanden getestet und mit den soziometrischen Daten in Verbindung gebracht.

Die Ergebnisse zeigten einen hypothesenkonformen, negativen Zusammenhang von Achtsamkeit und der materiellen Werteorientierung (r = -0.65), was die schlussfolgernde Deutung zulässt, dass Achtsamkeit einen konsumrelevanter Faktor darstellt, der sich bedeutsam in der materiellen Werteorientierung niederschlägt. Anschließend wird der postmaterialistische Wertewandel unter der Hinwendung intrinsischer achtsamkeitsorientierter Wertsetzungen diskutiert.

This Bachelor thesis examines the connection between mindfulness and material value. For this purpose, the Mindfulness Attention Awareness Scale (MAAS) by Brown & Ryan, 2003 and the Material Values Scale (MVS) by Richins & Dawson, 1992 were used, to investigate the question whether a higher mindfulness is empirically associated with a lower material value orientation.

Further questions arising in this context concerning the comparability of mindfulness and materialism as a value construct, as well as the utilization of internal deliberate mindfulness interventions, are investigated in a deductive, explorative way. Methodologically, the MAAS and MVS were tested in an online questionnaire on 117 probands and linked with the sociometric data.

The results showed a hypothesis-consistent negative connection between mindfulness and the material value orientation (r = -0.65), which allows the concluding interpretation that mindfulness is a consumption-relevant factor, which is relevant in material value orientation. Finally the postmaterialistic change of values is discussed under the application of intrinsic mindfulness-orientated values.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1) Einleitung

Der Haupttitel „Haben oder Sein“ findet Anlehnung an dem gleichnamigen Hauptwerk des deutsch -US- amerikanischen Sozialpsychologen Erich Fromm.

Fromm plädiert in diesem gesellschaftskritischen Werk für ein Umdenken von einem am Haben orientierten Wertesystem zu einer am Sein orientieren Sozialstruktur (Fromm, 1976).

Sowohl auf sozialer, als auch auf individuell persönlicher Ebene skizziert Fromm die bis zur Opposition reichende Unterschiedlichkeit der Erlebnisweisen im Haben und im Sein. Tendenziell orientiert sich die Erlebensweise im Haben-Modus eher an extrinsischen Werten, wohingegen sich das Erleben im Sein-Modus eher an intrinsischen Werten orientiert. Sowohl in der Selbstbestimmungstheorie nach Deci & Ryan (1985), als auch im Existenzialismus und in der Humanistischen Psychologie bei Fromm (1976),Maslow (1987) und Rogers (1967) findet sich die Typologie von intrinsischer und extrinsischer Werteorientierung.

Matrialismus kann als eine Werthaltung betrachtet werden (vergl. dazu Brown & Kasser, 2005; Kasser & Kanner, 2004), welchen ihren Wert extrinsisch bestimmt. Auch wenn eine extrinsische Werteorientierung weiter gefasst ist als eine materielle Werteorientierung, so kann doch Materialismus als ein prototypischer Wert für eine extrinsische Werteorientierung gesehen werden (Kohlmann, 2016). Im Zentrum der intrinsischen Werte stehen laut Kasser & Ryan (1996) das persönliche Wachstum, die zwischenmenschliche Beziehungen und das soziale Engagement. Hingegen ist eine extrinsische Werthaltung von der Suche nach finanziellen Erfolg, der Imagepflege und der Mehrung der eigenen Popularität geprägt (T. Kasser & Ryan, 1996). Die Material Values Scale (MVS), die in dieser Untersuchung als Instrument für die Erfassung materieller Werteorientierung verwendet wird, erhebt folgende Dimensionen:

Materieller Erfolg, Zentralität materieller Werte und Zufriedenheit mit der materiellen Ist- Situation. Der Studie von Brown et al. (2009) zufolge geht eine höhere Achtsamkeit mit einer geringeren finanziellen Ist-Sollwert-Diskrepanz einher. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass Achtsamkeit mit einer geringeren materiellen Werteorientierung und einer erhöhten intrinsischen Werteorientierung einhergeht (Brown & Kasser, 2005), weshalb Achtsamkeit exemplarisch als eine intrinsische Werteorientierung, eine Orientierung am Sein, gesehen werden kann.

Ein weiteres Argument, das diese These stützt, lieferten Levesque und Brown (2007), indem sie herausfanden, dass Achtsamkeit intrinsisch gebildetes, volitionales Handeln begünstigt und die externalen Einflüsse auf Handlungen tendenziell verringert.

Auch wenn Haben und Sein keine Konstruktäquivalenzen zu der hier untersuchten materiellen Werteorientierung und zum Achtsamkeitskonstrukt besitzen, so kann man doch davon sprechen, dass sie funktionale Äquivalenz besitzen. Der von Fromm postulierte Sein-Modus speist sich beispielsweise stark aus der Beschäftigung mit dem ursprünglich buddhistischen Achtsamkeitsphänomen. Fromm geht in einem posthum veröffentlichten Buch „Vom Haben zum Sein“ spezifisch auf die in der Geistesgegenwart erlebte Achtsamkeitserfahrung ein (Fromm, 2005). Die Orientierung am „Haben“ statt am „Sein“ bei Fromm hinterfragt materielle Werteorientierung in ihrer Grundsätzlichkeit und kann zu den Klassikern postmaterialistischen Gedankenguts gezählt werden.

In dieser Arbeit soll es darum gehen, einen Brückenschlag zwischen der postmaterialistischen Wertehaltung und der empirische Erhebung des Materialismus- und Achtsamkeitskonstruktes zu vollziehen.

Obwohl Achtsamkeit ein zunehmend umfassend beforschtes Konstrukt in der gegenwärtigen Psychologie darstellt, wurde doch bisher der Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und materieller Werteorientierung nur wenig untersucht. Die einzige Studie, die explizit zu diesem Zusammenhang empirische Untersuchungen durchführte, ist die Studie von Brown et al. „When what one has is enough“ (2009) , welche Achtsamkeit, die finanzielle Ist-Sollwert-Diskrepanz und das subjektive Wohlbefinden in einen Zusammenhang bringt.

Zwar gibt es bereits Studien, die Achtsamkeit in Verbindung bringen mit moderateren Konsum (vergl. Rosenberg, 2004), doch nur eine Studie liefert für den amerikanischen Sprachraum direkte empirische Daten zum Verhältnis von Achtsamkeit zur materieller Werteorientierung (Brown et al., 2009). An dergleichen Daten für den deutschsprachigen Raum mangelt es noch. Sowohl im psychologisch-empirischen, als auch im transdisziplinären Dialog soll diese Arbeit hierzu Abhilfe schaffen.

2) Theorieteil

2.1 Achtsamkeit

Achtsamkeit (engl. mindfulness) kann verstanden werden als eine vorurteilsfreie und akzeptierende Aufmerksamkeitslenkung auf die Erfahrung des gegenwertigen Moments (Brown & Ryan, 2003). Wobei das aufmerksame Beobachten von innerer und äußerer Erfahrung von Moment zu Moment als das zentrale Element von Achtsamkeit gesehen werden kann (Shapiro, Carlson, Astin, & Freedman, 2006). Für Kabat-Zinn (1990) setzt sich Achtsamkeit aus drei Hauptmerkmalen zusammen: Die absichtsvolle (1), nicht wertende (2), auf den gegenwärtigen Moment gerichtete (3) Aufmerksamkeitslenkung.

Wieder andere definieren Achtsamkeit als ein unvoreingenommenes Gewahrsein, das durch das absichtsvolle und kontinuierliche Betrachten eigener augenblicklicher Erfahrungen mit einer offenen, annehmenden, wohlwollenden und mitfühlenden Haltung entsteht (Böhme, 2016).

Je nach theoretischer Ausrichtung und Veränderungszusammenhang werden andere Schwerpunktsetzungen innerhalb der Konzeptualisierung von Achtsamkeit gelegt.

Dies führt dazu, dass es ein recht heterogenes Spektrum an Achtsamkeitskonzepten gibt, das nur bedingt vergleichbar oder replizierbar sind (Böhme, 2016).

Aufgrund der Schwierigkeit, eine einheitliche Definition für Achtsamkeit zu finden, extrahierten Nilsson und Kazemi (2016) aus 33 bereits bestehenden Achtsamkeitsdefinitionen eine Art „Big Five of Mindfulness“, die sowohl westlich säkulare als auch östlich traditionelle Achtsamkeitsfacetten miteinbeziehen. Die „Big Five of Mindfulness“ beinhalten folgende Elemente: Aufmerksamkeit und Bewusstsein (Attention and Awareness), Zentriertheit im Hier und Jetzt (Present-Centeredness), [Achtsamkeit auf] äußere Umstände (External Events), Kultivierung (Cultivation) und Ethische Achtsamkeit (Ethical Mindedness) (Nilsson & Kazemi, 2016). Unter den ethischen Achtsamkeitselementen versteht Grossmann (2015) Qualitäten wie Gleichmut, Wohlwollen, Güte, Toleranz, Mitgefühl und Freundlichkeit.

Obwohl viele Studien einen positiven Effekt von Achtsamkeit auf die Gesundheit nachweisen konnten, sind die genauen Wirkmechanismen noch weitestgehend unbekannt (Brown, & Ryan, 2003). Nach Shapiro (2006) entsteht im Zusammentreffen von Intention, Aufmerksamkeit und Haltung eine Neubewertung der Situation, die sich gesundheitsförderlich zeigen kann.

In der Neubewertung kommt es zu einer dissoziierten Betrachtung von dem, was sich in der Situation abspielt, womit sich eine Identifikation mit negativen Gedanken und Emotionen auflösen kann (Shapiro et al., 2006). Ein weiterer, möglicher Effekt einer achtsamen Geisteshaltung ist der, dass konventionell geprägte Verhaltensmuster sowie reaktiv konditionierte Verhaltensschema schneller erkannt und bewusst modifiziert werden können. Anālayo (2003) spricht in diesem Zusammenhang vom Entautomatisieren von geistigen Mechanismen durch Achtsamkeit.

Achtsamkeit gleicht die programmierte Wohlerfahrungssuche, die immer damit beschäftigt ist aversive Erfahrungen zu vermeiden und appetitive Erfahrungen zu suchen, aus. Das Erleben, in das eine achtsame Geisteshaltung dann hineinführt, ist ein gelassen gleichmütiges, das den gegenwärtigen Moment wertzuschätzen weiß. Auch sorgt die, in der Achtsamkeit mit inbegriffene Akzeptanz der Momenterfahrung, für vermindertes Flucht- und Vermeidungsverhalten (Kolberg, 2007), was es ermöglicht, Problemsituationen schneller zu bewältigen. In Abgrenzung zu anderen Coping Strategien wird in der Achtsamkeit das Annehmen von dem, was ist, kultiviert, anstatt im Sinne eines Präventionsfokus aktiv gegen etwas vorzugehen, was nicht gewollt ist. Durch eine urteilsfreie Akzeptanz der gegenwärtigen Situation können Veränderungen leichter initialisiert werden, als wenn etwas in der Situation abgelehnt und verdrängt wird. Dabei unterscheidet sich eine achtsame Geisteshaltung von anderen reflexiven Bewusstseinsformen vor allem darin, dass die introspektive Wahrnehmung darauf abzielt, das innere Erleben unsprachlich zu elaborieren (Michalak, Heidenreich, Ströhle, & Nachtigall, 2008). Auch zielt die Aufmerksamkeitslenkung auf das Hier und Jetzt darauf ab, die mentalen Aktivitäten auf das Wesentliche zu konzentrieren, um gedankliches Abschweifen in Vergangenheit und Zukunft zu vermeiden.

2.1.1) State Achtsamkeit oder Trait Achtsamkeit

In der Achtsamkeitsforschung finden sich sowohl Autoren, die Achtsamkeit als einen eher fluktuativen, situationsabhängigen, psychischen Zustand (state) sehen und andere, die Achtsamkeit als eine im Charakter immanente Verhaltenstendenz (trait) betrachten. Dadurch, dass State Achtsamkeit (SA) konzeptuell stark von Trait Achtsamkeit (TA) (oder auch dispositioneller Achtsamkeit) abweicht, spricht man bei neueren Opperationalisierungsansätzen von Achtsamkeit häufig nur noch von SA und TA. Jedoch sind weit mehr Instrumente darauf ausgerichtet TA zu messen. Dazu gehören beispielsweise die MAAS, die Kentucky Inventory of Mindfulness Scale (KIMS), der Five Facet Mindfulness Questionnaire (FFMQ) oder die Cognitive and Affective Mindfulness Scale-Revisted ( CAMS-R) (R. A. Baer et al., 2008; R. A. Baer, Smith, & Allen, 2004; Brown, K.W. & Ryan, 2003; Feldman, Hayes, Kumar, Greeson, & Laurenceau, 2007). Bishop et al. (2006) hingegen plädiert für eine Achtsamkeitserfassung, die Achtsamkeit als SA misst. Die von Bishop et al. (2006) konzipierte Toronto Mindfulness Scale (TMS) misst den Grad der Achtsamkeit direkt nach einer Achtsamkeitsintervention. Die TMS orientiert sich dabei an einem Achtsamkeitsverständnis, das Achtsamkeit als einen psychologischen Prozess der Bewusstseinsregulation in der spezifischen Erfahrung definiert, wobei die achtsame Bewusstseinsregulation nach dieser Erfahrung abebbt (Bishop et al., 2006). Trotz der möglicherweise fluktuativen Bewusstseinsregulation in einzelnen Erfahrungssituationen zeigten sich über die Einzelsituation hinaus substanzielle, interpersonelle und intrapersonelle Unterschiede im Achtsamkeitslevel (Brown & Ryan, 2003). Achtsamkeit kann also sowohl State- wie auch Trait- Elemente enthalten, wobei die achtsamkeitsbasierten Interventionsstudien als Längsschnittstudien Wert darauf legen, Interventionen für TA zu gestalten. So spricht sich Kabat-Zinn (2006) im Sinne der von ihm entwickelten MBSR für eine Messung von TA aus. Auch das BiNKA-Projekt geht sowohl auf die unmittelbare Achtsamkeitsmessung im Interventionsprogramm (SA), als auch auf Achtsamkeit als Charaktermerkmal im alltäglichen Leben (TA) ein (Böhme, 2016). Shapiro und Carlson (2009) sprechen sich in ihrem Buch „Die Kunst und die Wissenschaft der Achtsamkeit“ dafür aus, Achtsamkeit sowohl als TA, als auch als SA zu berücksichtigen. Im Hinblick auf das In-Beziehung-Setzen zwischen der MAAS und der MVS ist es für diese Erhebung wichtig, dass im MAAS TA gemessen wird, da auch die materielle Werteorientierung eher ein stabiles Charaktermerkmal, als ein volatil schwankender Zustand ist. Dies erhöht die Vergleichbarkeit von MAAS und MVS und kann grundlegende Einstellungszüge im Charakterbild offenlegen.

2.1.2) Die buddhistischen Wurzeln von Achtsamkeit

Achtsamkeit nimmt eine zentrale Rolle ein in dem buddhistischen Weg der Leidbefreiung. Der Originalbegriff von Achtsamkeit stammt aus dem altindischen Pali und heißt “sati“, wobei “samma sati“ so viel wie richtige, oder rechte Achtsamkeit bedeutet.

Bei einer rechten Achtsamkeit (samma sati) kommt es nicht mehr zur Anhaftung, und der Grad des Begehrens vermindert sich (Ñāṇamoli & Bodhi, 1995). Der Pali Begriff für Anhaftung lautet “upādāna“ und entspricht einem festhalten Wollen bzw. ein für sich haben Wollen.

Der Zusammenhang von Achtsamkeit (sati) und persönlichem haben Wollen (upādāna) wurde folglich schon vor über 2500 Jahren festgestellt.

Nach einem der primären Lehrtexte aus der buddhistischen Achtsamkeitslehre, der “satipatthana sutta“, die die Grundlagen der Achtsamkeit vermittelt, gilt es, achtsame Geistesgegenwart an vier Objekten zu kultivieren:

In der Betrachtung des Körpers (kāyānupassanā),

In der Betrachtung der Gefühle (vedanānupassanā),

In der Betrachtung des Bewusstseins (cittānupassanā) und in der Betrachtung von Geistobjekten (dhammānupassanā), die im weitesten Sinne alle Gedanken umfasst (Nyanatiloka., 1999).

Laut dem Palikanon (die gesammelten Lehrreden des Buddha) gibt es analog dazu vier Bereiche, an denen man für gewöhnlich anhaftet:

Die Anhaftung an Sinnesempfindungen (kāmupādāna), die Anhaftung an Ansichten und Meinungen (ditthupādāna), die Anhaftung an Riten und Regeln (silabbatupādāna) und die Anhaftung am Glauben an eine feste Persönlichkeit (attavādupādāna) (Nyanatiloka., 1999). Der Buddhismus erklärt, dass die Ursache von Leid darin besteht, dass man an vergänglichen Formen anhaftet und sie als zu sich selbst zugehörig betrachtet, was in die Illusion einer festen Persönlichkeit hineinführt. Die Aufhebung des Leides besteht folglich darin, die Anhaftungen an vergängliche Formen aufzulösen. Durch Achtsamkeitsmeditation soll der Meditierende lernen, dass die Objekte, die er als wichtige Bestandteile seines Subjektes sieht, nichts mit sich als Subjekt zu tun haben. Achtsamkeit nimmt folglich in der ursprünglichen Verwendungsweise eine zentrale Rolle ein in der Auflösung der Bindung zu materiellen, wie auch zu mentalen Formen bzw. Objekten. Diese Auflösung der Bindung geschieht unter anderem darüber, dass man die eigenen Urteile von den Objekten abzieht, um diese “nur so, wie sie sind“ zu erkennen. Der nicht wertende Aspekt in der achtsamen Geisteshaltung, der das Entstehen und Vergehen beobachtet, ohne sich damit zu identifizieren, spielt besonders dann eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, persönliche Verzerrungstendenzen in der eigenen Weltsicht zu überwinden.

Achtsamkeit geht in der Regel auch mit einer “geistigen Weite“ einher, die das Präsent-Sein ausmacht (Anālayo, 2003). In dieser Weite kann von einer Salienz der eigenen geistigen Natur gesprochen werden. Die Achtsamkeitskonstrukte, die Achtsamkeit in eine säkulare, für die naturwissenschaftliche Forschung adaptierte Form gebracht haben, gehen weniger auf den Aspekt der geistigen Weite und des Nichtwertens ein. Auch scheint die naturwissenschaftliche Forschung zum Teil weniger Achtsamkeit, als vielmehr die Auswirkungen von Achtsamkeit zu untersuchen. Dadurch, dass sich das buddistische Achtsamkeitsverständnis relativ stark von den Achtsamkeitskonstrukten in der empirischen Forschung unterscheidet, soll im Folgenden differenzierter auf Achtsamkeit innerhalb der empirischen Forschung eingegangen werden.

2.1.3) samkeit in der empirischen Forschung

Ende der 1970er Jahre wurde das Konzept der Achtsamkeit in den USA für psychotherapeutische Zwecke nutzbar gemacht, wobei es zunächst additiv zur Behandlung von chronischen Schmerzerkrankungen, Depressionen und Borderlinestörungen genutzt wurde (Lohmann, Annies, & Schattauer, 2016). Besonders über das von Jon Kabat-Zinn entwickelte und evaluierte achtwöchige Behandlungsprogramm der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (engl. Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR) kam es zu einem vermehrten Forschungsinteresse für das Achtsamkeitsparadigma. Das MBSR-Programm ist ein Gruppen- Interventionsprogramm für Patienten mit unterschiedlichen Diagnosen, wobei die gesundheitsförderliche Wirksamkeit bereits mehrfach bestätigt werden konnte (Grossman, Niemann, Schmidt, & Walach, 2004).

In einer Metanalyse über zehn Studien hinweg konnte das MBSR-Programm mittlere Effektstärken (Cohen’s d = 0.54) für die psychologischen Skalen nachweisen (Grossman et al., 2004). 1995 entwickelten Williams, Teasdale und Segal die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie, (engl. Mindfulness Based Cognitive Therapy, MBCT), die auf das MBSR-Programm aufbaut (Williams, Russell, & Russell, 2008). In der Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie achtsamkeitsbasierten Stressreduktion kombiniert und besonders für die Rückfallprävention bei Depression ausgearbeitet (Morgan, 2003). Zwar ist die Zahl der achtsamkeitsbasierten Interventionen erheblich gestiegen, der Erfassung des Achtsamkeitskonstruktes hingegen kam, verglichen damit, weniger Beachtung zu (R. A. Baer et al., 2008). Die drei zentralen Instrumente zur Achtsamkeitsmessung im Fragebogenformat für den Deutschen Sprachraum sind die Mindfulness Attention Awareness Scale (MAAS), der Freiburger Fragebogen zur Achtsamkeit (FFA) und das Kentucky Inventory of Mindfulness Skills (KAIMS) (Kolberg, 2007), wobei die theoretischen Herleitungen der Konstrukte und das messtechnische Vorgehen recht unterschiedlich ausfallen. Ein auf Selbsteinschätzung basierender Fragebogen besitzt andere Konzeptualisierungs- und Validierungsvoraussetzungen, wie beispielsweise die Achtsamkeitsmessung durch Mindful Breathing Exercise (MBE). MBE misst Achtsamkeit als State Variable, wohingegen die meisten Achtsamkeitsmessungen die dispositionelle Achtsamkeit messen (siehe hierzu State Achtsamkeit oder Trait Achtsamkeit S ). Im MBE wird der Proband gebeten, 18 Minuten die Achtsamkeit auf seinen Atem zu lenken, wobei er jedes Mal, wenn er mit den Gedanken abschweift, dies per Mausklick dokumentiert. Auch wird über ein Signal in regelmäßigen Abständen erfragt, ob der Proband zu diesem Zeitpunkt die Achtsamkeit auf seinem Atem hatte (Kuschel, 2016). Das dem MBE zugrunde liegende Achtsamkeitskonstrukt erhebt besonders konzentrative Elemente der Achtsamkeit. Inwiefern das multidimensionale, facettenreiche Achtsamkeitsphänomen hinreichend über eine eindimensionale Faktorstruktur erklärt werden kann, bleibt fraglich.

2.2) Materialismus in der empirischen Forschung

Das, was unter Materialismus verstanden wird, kann je nach Forschungsgebiet stark variieren, weshalb eine Materialismusdefinition an die jeweilige Forschungsdisziplin und den Erhebungszusammenhang adaptiert sein sollte. Eine klassische Definition, auf die nach wie vor Bezug genommen wird, lieferte Belk Mitte der 80iger Jahre. Er definierte Materialismus als das Maß der Bedeutung, die ein Verbraucher an weltliche Besitztümer legt (Belk, 1985). Laut Belk ist Materialismus als Werteorientierung eine Zustandsvariable, die ihren Ausprägungsgrad danach richtet, wie sehr Besitz als selbstkonstitutiv gesehen wird. Daran angelehnt, definieren die Erwerb von materiellen Gütern beim Erreichen wichtiger Lebensziele, oder erwünschter Zustände zukommt (Richins & Dawson, 1992). Damit ist für Richins und Dawson Materialismus ein Wertesystem, das die Interpretation der Umwelt und die Strukturierung des Lebens enorm beeinflussen kann und eine charakterologisches Grundhaltung darstellt. In diesem Sinne kann Materialismus als Werteorientierung, als eine Persönlichkeitseigenschaft (trait) aufgefasst werden. Die beiden in der Literatur gängigen Instrumente, die Materialismus als Werteorientierung erheben, sind die Materialismusskala von Belk (1985) und die Material Value Scale von Richins & Dawson (1992), wobei sich letztere in der empirischen Forschung durchgesetzt hat (Furchheim, 2016). Die von Belk (1985) konzipierte Materialismusskala geht besonders auf die mit Geiz zusammenhängenden Persönlichkeitsmerkmale einer materialistischen Werteorientierung ein.

Die Materialismusskala umfasst 24 Items, wobei die Skala an sich aus drei Dimensionen besteht.

(1) Besitzsucht (possessiveness)
(2) ehlende Freigiebigkeit bzw. “Nicht-Großzügigkeit“ (non-generosity)
(3) eid (envy) (Belk, 1985).

Diese drei Dimensionen ergaben sich nach der Selektion und Clusterung von 33 Items, die prägetestet und auf ihre Reliabilität und Validität hin untersucht wurden (Belk, 1985). Nichtsdestotrotz schein die Materialismusskala nicht die gesamte Bandbreite einer materialistischen Werteorientierung zu erfassen, sondern vielmehr nur die stark negativ konnotierten Charakterzüge, die in einem Zusammenhang mit einer materialistischen Werteorientierung stehen. Inwiefern Besitzsucht, Nicht-Großzügigkeit und Neid eine materialistische Werthaltung abbilden können, erscheint fragwürdig.

Ein weiteres Erhebungsinstrument, das die materialistische Wertehaltung aus einer eher soziologischen Perspektive betrachtet, ist der Ende der 70er Jahre konzipierte Inglehart-Index. Der Inglehart-Index zur Messung der materiellen Werte und postmaterielle Werte beinhalten vier Items, wobei der Proband dann als Materialist eingestuft wird, wenn er für sich die Zielitems “Kampf gegen steigende Preise“ und “Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung“ auswählt. Dagegen wird er als Postmaterialist eingestuft, wenn er sich für den “Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung“ und “Mehr Einfluss der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung“ ausspricht. Inwiefern man durch die Wahl der ersten beiden Items jemand als Materialist Nichtsdestotrotz war die Sozialforschung von Ronald Inglehart ein ausschlafgebender Faktor in der Erfassung des Wertewandels, hin zu postmaterialistischen Werten (Gallus, 2007).

2.3) Werte und Wertewandel

Nach Frey et al. (2016) können Werte als Grundsätze verstanden werden, nach denen eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen ihr Zusammenleben ausrichtet.

Kluckhohn (1951) definiert einen Wert (innerhalb der Sozialforschung) als eine Auffassung von etwas Wünschenswertem, Erstrebenswertem, das explizit oder implizit für einen einzelnen oder eine Gruppe kennzeichnend ist (Kluckhohn, 1951). Damit führen Werte hohe handlungsweisende, orientierungsgebende Implikationen mit sich. Sie kennzeichnen zentrale Aspekte des Daseins und der Lebensgestaltung, wobei sie im Besonderen im zwischenmenschlichen Kontext wirksam werden. Werte sind kulturabhängig (vgl. individualistische oder kollektivistische Kulturen) und im hohen Maß vom sozialen Milieu, sowie der Familie geprägt (Frey, Henninger, Lübke, & Kluge, 2016). Im Vergleich zu angrenzenden Konzepten wie Normen, Bedürfnissen, Präferenzen und Strebungen sind Werte weniger personen- und situationsbezogen und besitzen dadurch eine höhere Generativität, sowie eine empirische Abgehobenheit. Werte sind abstrakt, und die weltanschaulichen Implikationen müssen dem Wertträger nicht immer bewusst sein. Auch können Werte als eine übergeordnete Kategorie von Einstellungen gesehen werden, da sich Einstellungen aus dem individuellen Wertesystem ableiten lassen (Frey et al., 2016).

Die materielle Werteorientierung ist, wie jede andere Werteorientierung auch, eine Präferenzsetzung, eine Abstufung innerhalb eines relativen Wertesystems, das einer multifaktoriellen Bedingtheit ausgesetzt ist. Der Wertedogmatismus durch die Verabsolutierung einzelner Werte innerhalb eines relativen Wertesystems kann zu extremen Einstellungstendenzen und zu einer Belastung des Wertträgers führen.

Obwohl sich Werte innerhalb des Sozialisierungsprozesses als relativ feste Persönlichkeitsmerkmale (traits) ausbilden, bleiben sie dennoch wandelbar und lassen sich somit als ein dynamisches Konzept verstehen.

der sich von materiellen zu postmateriellen Werten gewandelt hat.

Initialisiert durch die Sozialforschung von Ronald Inglehart (1977) wurde der Wandel zu postmateriellen Werten unter dem Namen “The Silent Revolution“ bekannt.

Die Post-Materialismus-Hypothese geht davon aus, dass bereits innerhalb der 1980er Jahre eine Werteverschiebung innerhalb der westlichen Industriestaaten stattfand (Gallus, 2007). Werte wie Sicherheit, Wohlstandssicherung, Versorgung und das hedonistisch-materialistische Streben nach Wohlstand wurden abgelöst von Werten, die auf Selbstverwirklichung, Verantwortungsübernahme und Autonomie abzielten.

Zwei wesentliche Argumente führt Inglehart zur Unterstützung seiner Hypothese an:

(1) Die Mangelhypothese, die besagt, dass in Situationen, in denen existenzieller Mangel herrscht, (wie z. B. im Krieg, oder der unmittelbaren Nachkriegszeit) grundlegende, materialistische Bedürfnisse der Existenzsicherung im Vordergrund stehen.
(2) e Sozialisationshypothese, die annimmt, dass eine im Wohlstand aufwachsende Generationen eher postmaterialistische Werte für sich entwickelt, als eine im Mangel aufgewachsene Generation.

Beide Argumente orientieren sich an der hierarchischen Strukturierung von Bedürfnissen (Bedürfnispyramide) nach Maslow (Maslow & Frager, 1987) Noch bis heute wird der Inglehart-Index zur Messung materieller und postmaterieller Werteorientierung im Rahmen des bundesweiten Datenreports verwendet (Statistisches Bundesamt, 2016).

Wenn vom Wertewandel hin zu postmaterialistischen Werten die Rede ist, ergibt sich daraus die Frage, zu welchen Werten sich denn materialistische Werte gewandelt haben, und ob Achtsamkeit als ein solcher postmaterialistischer Wert angesehen werden kann.

Achtsamkeit wird überwiegend als Geisteshaltung, als Bewusstseinszustand verstanden, doch kann sie auch als psychologischer Wert betrachtet werden. Beispielsweise schreibt Kuschel (2016) in dem Buch „Psychologie der Werte - von Achtsamkeit bis Zivilcourage“ davon, dass hinter der zunehmenden Hinwendung zur Achtsamkeit das Bedürfnis innerer Einkehr stehen könnte. Kuschel (2016) meint weiter, dass Achtsamkeit durchaus auch als eine Werthaltung betrachtet werden kann, die einen Gegenwert zu den gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen der Arbeitswelt, des Leistungsdrucks und der Selbstoptimierung darstellt.

In diesem Sinne verkörpert Achtsamkelt ein postmaterialistisches Wertesystem, in dem es Achtsamkeit als Wert ist darum bedacht, im Lebensvollzug innezuhalten, um einen Raum außerhalb der täglichen Routine zu schaffen, indem man sich auf sich selbst besinnt.

Ist das Zu-sich-Kommen des Achtsamseins zu einem etablierten Wert im eigenen Wertsystem geworden, dann kann dies der inneren Zufriedenheit zugutekommen.

Da die Zufriedenheit, das subjektive Wohlbefinden, ein häufig erhobener Parameter, sowohl in Zusammenhang mit Achtsamkeit, als auch in Verbindung mit Materialismus ist, soll an dieser Stelle näher auf diesen eingegangen werden.

2.4) Materialismus, Achtsamkeit und subjektives Wohlbefinden

Sowohl in der Achtsamkeitsforschung, als auch in den Studien zur materiellen Werteorientierung ist die Zufriedenheit, bzw. das subjektive Wohlbefinden (self reported well being) ein beliebtes und oft untersuchtes Parameter. Häufig wird kontrovers diskutiert, wieweit die finanzielle und materielle Dimension sich auf die Lebenszufriedenheit auswirken kann.

Der zu einem Messzeitpunkt erhobene Zusammenhang zwischen dem Einkommen und dem subjektiven Wohlbefinden zeigt eine geringe Korrelation zwischen .10 bis .24 (Diener, Sandvik, Seidlitz, & Diener, 1993; Easterlin, 2001), wobei besonders in den sehr armen Ländern ein Bezug zwischen Lebenszufriedenheit und der finanziellen Ist-Situation erkennbar ist (Belk, 1985b). In einer amerikanischen Studie konnte festgestellt werden, dass ein individueller Anstieg des Einkommens keinen über die Zeit konsistenten Effekt auf das subjektive Wohlbefinden hatte (Brown et al., 2009). Nach einem Kurzzeiteffekt, der das angegebene subjektive Wohlbefinden anhob, sank das berichtete Wohlbefinden wieder auf das Ausgangslevel zurück, obwohl die finanzielle Situation stabil blieb.

Ein höherer Wohlstand scheint sich folglich nicht einschlägig auf die finanzielle

Ist-Sollwert-Diskrepanz auszuwirken (Brown et al., 2009). Die subjektiv wahrgenommene Diskrepanz zwischen dem, was man hat, und dem, was man gerne haben möchte, ist weniger daran orientiert, was man hat, als daran, mit welcher materiellen Erwartungshaltung an das herangetreten wird, was bereits vorhanden ist. Diese Erwartungshaltung scheint im Besonderen durch das Achtsamkeitsphänomen erklärbar und prognostizierbar zu sein. Brown et al. (2009) zeigte, dass gerade Achtsamkeit die Ist-Sollwert-Diskrepanz zu überbrücken vermag und im Lag eine Diskrepanz vor, von dem, was man haben will und dem, was man hat, dann konnte aufgrund dieser Diskrepanz ein verringertes subjektives Wohlbefinden festgestellt werden (Michalos, 1991). Auch Solberg et al. (2002) wies nach, dass eine wohlstandsorientierte Ist- Sollwert-Diskrepanz negativ mit dem subjektiv berichteten Wohlbefinden zusammenhängt. Hingegen führt die Reduzierung der finanziellen Bedürftigkeit zu einem Anstieg des subjektiven Wohlbefindens (Solberg et al., 2002).

Das Achtsamkeitstraining zur Bildung für nachhaltigen Konsum stellt eine Chance dar aufzuzeigen, wie durch Achtsamkeitstraining die materielle Ist-Sollwert-Diskrepanz reduziert werden kann, bzw. wie durch die an Nachhaltigkeit orientierte Senkung der finanziellen Bedürftigkeit einen möglichen Anstieg des subjektiven Wohlbefindens zur Folge haben kann. Der positive Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und subjektiven Wohlbefinden konnte bereits mehrfach empirisch nachgewiesen werden (Brown & Ryan, 2003; Shapiro, Oman, Thoresen, Plante, & Flinders, 2008; Warren, Kasser, Ryan, Linley, & Orzech, 2009). Auch finden sich Hinweise darauf, dass die materielle Bedürfnisreduzierung einen positiven Effekt auf das subjektive Wohlbefinden hat (verg. Brown et al., 2009).

Zwar sind die korrelativen Verhältnisse von Achtsamkeit und subjektivem Wohlbefinden und auch von Materialismus und subjektivem Wohlbefinden weitesthegend beforscht, doch hieraus lassen sich nicht zwangsläufig kausale Wirkrichtungen ableiten. Um im Folgenden das Verhältnis von Achtsamkeit und Materialismus auf seine Kausalität hin zu untersuchen, soll versucht werden, dieses über die Drittvariable (Dankbarkeit) näher aufzuklären.

2.5) Prädiktionsmodell: Achtsamkeit, Dankbarkeit und Materialismus

Laut Zygar und Angus (2016) kann Dankbarkeit (engl. gratitude) als ein zum Materialismus entgegengesetzter Wert verstanden werden. Dabei berufen sich Zygar und Angus auf eine Studie von Froh, Emmons, Card, Bono, & Wilson (2011), die Matrialismus als Gegenwert zu Dankbarkeit postuliert. Materialismus wurde bei Froh et al. mit der Materialismus-Skala von Belk (1985) gemessen, was auf der Ebene der Inhaltsvalidität den antagonistischen Wertcharakter von Dankbarkeit und Materialismus verständlich werden lässt. Die Studie von Froh et al. konnte zeigen, dass sowohl Dankbarkeit den durchschnittlichen Materialismus-Score prognostizieren Dabei versteht Froh et al. (2011) unter Materialismus einen Lebensstil, der darauf ausgerichtet ist, Konsumgüter über das benötigte Maß hinaus zu erwerben und zu sammeln. Dieses “benötigte Maß“ lässt zugegebenermaßen relativ viel Spielraum für individuelle Auslegungen.

In der Wertgegenüberstellung von Dankbarkeit und Materialismus von Zygar und Angus (2016) wird Materialismus als eine extrinsische, fremdmotivierte Einstellung beschrieben, die die Maximierung des eigenen Wohlstandes zum Ziel hat. Dankbarkeit hingegen wird als eingenmotivierter, intrinsischer und prosozialer Wert skizziert (Zygar & Angus, 2016).

Der antagonistische Charakter von Materialismus und Dankbarkeit konnte ebenfalls bei McCullough, Emmons, & Tsang (2002) festgestellt werden. McCullough wies nach, dass Menschen mit einem höheren Maß an dispositioneller Dankbarkeit sich tendenziell eher großzügig zeigten, weniger neidisch waren und eine geringere Besitzsucht hatten. Wenn Dankbarkeit und Materialismus sich entgegenstehende Werteinstellungen sind, dann müssten Achtsamkeit und Dankbarkeit zwei ähnlich geartete, sich bedingende Konstrukte sein.

Und tatsächlich gibt es bereits empirische Evidenz, dass Achtsamkeit ein guter Prädiktor für Dankbarkeit ist (Ahrens, A. H., Breetz, A. A., & Forbes, 2011). In der vierzehntägigen Tagebuchstudie von Ahrens et al. (2011) konnte die gemessene Achtsamkeit sowohl die dispositionelle Dankbarkeit, als auch das Maß der Dankbarkeit in den täglichen Tagebucheinträgen vorhersagen. Verbindet man die Forschungsergebnisse von Ahrens et al. (2011) mit der zuvor beschriebenen Studie von Froh et al. (2011), dann wäre Achtsamkeit ein Prädiktor für Dankbarkeit und Dankbarkeit wiederum ein Prädiktor für Materialismus. Inwiefern dieses Prädiktionsmodell extern valide ist, und ob die Konzeptualisierung bzw. Operationalisierung von Dankbarkeit über die Studien hinweg vergleichbar sind, kann jedoch anhand der vorliegenden Daten noch nicht eindeutig gesagt werden. Fest seht jedoch, dass sowohl eine erhöhte Achtsamkeit, als auch eine erhöhte Dankbarkeit mit einem geringeren Materialismus -Score einhergehen (Brown et al., 2009; Froh et al., 2011). Auch die Interventionsstudie von O’ Leary und Dockray (2015) konnte dies bestätigen, indem sie einen gleichgearteten Effekt von einer Achtsamkeitsintervention und einer Dankbarkeitsintervention auf das subjektive Wohlbefinden feststellen konnte, was auf die funktionale Äquivalenz beider Interventionskonstrukte hindeutet (O’ Leary & Dockray, 2015).

Die Befunde in der Trigonometrie von Achtsamkeit, Dankbarkeit und Materialismus legen nahe, dass Achtsamkeit und Materialismus zwei sich entgegenstehende Werthaltungen sind, und Materialismus gibt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Haben oder Sein. Der Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und materieller Werteorientierung
Hochschule
Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (vormals H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst)
Note
1.1
Autor
Jahr
2017
Seiten
58
Katalognummer
V509861
ISBN (eBook)
9783346076571
ISBN (Buch)
9783346076588
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Achtsamkeit, Materialismus, Werte
Arbeit zitieren
Robin Kaiser (Autor:in), 2017, Haben oder Sein. Der Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und materieller Werteorientierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509861

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