Die Rolle ausgewählter sozialer Gruppen in Platons Idealstaat


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Quellengrundlage

3. Platons Idealstaat
3.1. Aufbau des Idealstaats
3.2. Soziale Gruppen in Platons Idealstaat
3.2.1. Frauen
3.2.2. Kinder
3.2.3. Philosophinnen
3.2.4. Wächter*innen
3.2.5. Künstlerinnen: Dichtung und Malerei

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

Forschungsliteratur

1. Einleitung

Beschreibt Platon in seiner Politeia den gerechten Staat oder eine totalitäre Gesell­schaft? War Platon Feminist oder gar Kommunist? Die Antworten auf diese Fragen sind durchaus umstritten. Sicher ist, dass er mit seinem Werk das utopische Denken zahlreicher Philosoph*innen inspirierte, von den renaissancistischen Staatsutopien bis hin zu Ernst Bloch, einem marxistischen Philosophen.1 Dementsprechend existiert eine Vielzahl von Untersuchungen zu Platons Hauptwerk zu den unterschiedlichsten Aspekten. Interessant sind hierbei vor allem die Auseinandersetzung mit Platons Po­sitionen zur Kunst, insbesondere der Dichtung, den Frauen und Kindern sowie den Philosoph*innen. Vor allem in feministischen Debatten gelten Platon und seine Aus­sagen noch heute als umstritten. Aufgrund des großen Einflusses von Platons Staatsutopie gibt es außerordentlich umfangreichen Bestand aktuelle Literatur zu verschiedensten Aspekten des Werkes. Neben der Geschichte spielt Platons Politeia beispielweise auch in der Politikwissenschaft, der klassischen Philologie und der Phi­losophie eine tragende Rolle.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, welche Rolle ausgewählte soziale Grup­pen in Platons Idealstaat spielen. Das besondere Augenmerk liegt dabei auf Frauen, Kindern, Philosoph*innen und Künstlerinnen.

2. Quellengrundlage

Als Quellengrundlage für diese Hausarbeit dient Platons Politeia in der Übersetzung von Gernot Krapinger.2

Platon gilt als einer der einflussreichsten Philosophen der griechischen Antike. Er lebte von 428/27 bis 348/37 v. Chr. und somit in einer Zeit politischer Umbrüche, welche sein Werk maßgeblich beeinflussten. Die Lebensdaten Platons sind allerdings recht ungenau und beruhen zum Großteil auf Briefen, deren Echtheit nicht selten umstritten ist, und Mitteilungen von Plutarch oder Diogenes Laertius, die teilweise erst viel später getätigt wurden.3 Nach verschiedenen Reisen, unter anderem nach Sizilien, gründete der ehemalige Schüler des Sokrates (469 - 399 v. Chr.) mit der so­genannten „Akademie" eine Philosophenschule, welche bis 529 n. Chr. bestand.4 Als sein berühmtester Schüler gilt der Gelehrte Aristoteles.5 Seine Werke verfasste Pla­ton meist in Dialogform, da er Lehre als Prozess und nicht als fertiges System ver­stand.6

Die Politeia ist Platons Hauptwerk und eine der einflussreichsten und erste voll­ständig erhaltene Staatsutopie7 der Geschichte.8 Die Hinrichtung seines Lehrers Sok­rates im Jahr 399 v. Chr.9 überzeugte ihn, dass die bestehenden Staaten schlecht ver­waltet seien, was ausschlaggebend für die Idee des Idealstaats in seiner Politeia war.10 Bereits im griechischen Titel Politeia, übersetzt „Lehre von der polis/Stadt", wird deutlich, dass Platon statt dem heutigen Staat die Stadtstaaten der Antike be­handelt.11 Verfasst wurde der Text wahrscheinlich 370 v. Chr. Der Untertitel „Über das Gerechte"12 weist bereits auf die Frage hin, welche sich als roter Faden durch das Werk zieht: Was ist Gerechtigkeit? Gerechtigkeit bezieht sich dabei nicht wie im Deut­schen auf ein regulierendes Prinzip innerhalb von Gemeinschaften (iustitia), sondern auf die individuelle Verhaltensweise (dikaiosyné).13

„Der Staat" ist in zehn Bücher gegliedert, welche wie bereits erwähnt in der für Platon typischen Dialogform verfasst sind. Die Gesprächsteilnehmer und Zuhörer sind dabei Sokrates, Glaukon14, Polemarchos, Thrasymachos15, Adeimantos16, Kephalos17, Nikeratos18, Euthydemos19, Lysias20, Charmantides21 und Kleitophon22. Platons Lehre wird durch Sokrates vermittelt, wobei allerdings unklar bleibt, welche Ideen tatsäch­lich von Platon kommen und welche auf seinen Lehrer Sokrates zurückgehen.23

3. Platons Idealstaat

3.1. Aufbau des Idealstaats

Platons Idealstaat zeigt ein vergrößertes Ebenbild der Seele eines gerechten Men­schen. Er entsteht aus der Notwendigkeit der Lebensfürsorge und Geselligkeit und basiert auf dem Prinzip der Arbeitsteilung. Die Aufgaben innerhalb der Gesellschaft werden nach den Naturanlagen (kata physin) verteilt.24 Durch die Vergrößerung der Gruppe wird der Lebensstandard erhöht, was wiederum zur Überproduktion führt und somit das Entstehen neuer Berufsgruppen wie Händlerinnen und Seeleute mög­lich macht. Lohnarbeit wird durch Geld ermöglicht, was wiederum die Geschäfte er­leichtert. Ein Einwand Glaukons, der Mensch lebe zwar gesund, jedoch primitiv (in einem „Schweinestaat")25, führt zu einer Weiterentwicklung zum Luxusstaat. Dieser erfordert wiederum Richterinnen und Ärztinnen. Auch Krieg26 gehört nun zum Lu­xusstaat, das Hegemonialstreben verhindert Frieden.27 Ein Staat, der Krieg führt, wenn auch nur in der Verteidigung, benötigt vollberufliche Soldat*innen, die soge­nannten „Wächter"28. Schließlich braucht Platons Idealstaat eine politische Organisa­tion. Diese soll von den Ältesten und Besten29, den sogenannten Philosophenkö- nig*innen übernommen werden, deren genaue Rolle im Kapitel 3.2.3 näher erläutert wird. Die Gesetze des Staates sollen nicht auf die Vorteile der Herrschenden ausge­legt sein, sondern das Zusammenleben der Bevölkerung regeln.30

Platon gliedert seinen Idealstaat also in drei grundlegende Klassen, welche im Folgenden näher erläutert werden. An der Spitze stehen die Herrscherinnen, welche die herrschende Vernunft verkörpern. Ihre Aufgabe ist die Leitung des Staates nach den Prinzipien der Gerechtigkeit, Weisheit und Vernunft.31 Die zweite Klasse bilden die Wächterinnen, der dienende Wille, welche die Verteidigung nach außen sichern und Tapferkeit verkörpern sollen. An letzter Stelle folgt die Klasse der arbeitenden Bevölkerung, der beherrschten Leidenschaft.32 Gekennzeichnet durch Mäßigung ist ihre Aufgabe vor allem der Erwerb und die Ernährung.33 Innerhalb der Klassen gibt es keine Erbfolge. Ein Auf- und Abstieg zwischen den drei Schichten ist grundsätzlich möglich.34

In anderen Publikationen ist im Bezug auf die Gliederung des Idealstaates auch vom Lehrstand, Wehrstand und Nährstand die Rede.35 Dies ist gleichzusetzen mit der Einteilung im vorherigen Absatz.

Zur Realisierbarkeit seines Idealstaates äußert sich Platon durchaus kritisch. Auch wenn er als ,,einzige[n] Ausweg aus dem politischen Elend"36 die Regierung der Phi­losophen sieht, hat ein so funktionierender Staat zuvor noch nie existiert. Da der Stadtstaat von oben geschaffen werden müsse, sei die „Menge"37 zu überzeugen, wobei er den Erfolg dieser Überzeugungsarbeit allerdings bezweifelt.38 In einem

Gleichnis legt er das Verhältnis der Philosoph*innen zum Rest der Gesellschaft dar. Weil die Bevölkerung unfähig sei, philosophisch zu denken, verspotteten sie die Phi- losoph*innen39, welche sich daraufhin entweder wie Heraklit absonderten oder wie Sokrates zugrunde gingen.40

Schließlich thematisiert Platon auch den Untergang seines idealen Staates. Ob­wohl er länger halte als die bisher existierenden Stadtstaaten, würde auch er nicht ewig bestehen. Ein Grund des Untergangs wäre seiner Auffassung nach ein statistisch wahrscheinlicher Verfall des Erbguts.41 Auf die Rolle der Eugenik wird im Kapitel 3.2.2. näher eingegangen. Den Niedergang des Stadtstaates beschreibt Platon aus­führlich in einem Stufenmodell. Nachdem in der herrschenden Schicht der Philoso- phenkönig*innen Streit und Ehrgeiz entsteht, übernehmen die Wächter*innen die Rolle der Regierung. Aus dem Königtum des Idealstaats wird somit eine Timokratie42 nach dem Vorbild Spartas. Diese zerfällt schließlich zu einer Plutokratie, nachdem die Bevölkerung in Arm und Reich gespalten wurde. In dieser regiert der Reichtum. Aus einem Generationenkonflikt der reichen Oberschicht und dem Drang nach Freiheit entsteht schließlich eine Demokratie. Als letztes zerfalle auch diese aufgrund eines zu großen Freiheitsdranges zu einer Tyrannis43.

3.2. Soziale Gruppen in Platons Idealstaat

Grundsätzlich nennt Platon in seiner Politeia eine Vielzahl von sozialen Gruppen, vor allem verschiedenste Berufsgruppen. Die meisten dieser Gruppen gehören dabei zum sogenannten Nährstand, der untersten Schicht.

[...]


1 Vgl. Zimmer, Robert: Basis-Bibliothek Philosophie. 100 klassische Werke, Ditzingen 2019, S. 30.

2 Platon: Der Staat, herausgegeben und übersetzt von Gernot Krapinger, Ditzingen 2017.

3 Vgl. Weber-Fas, Rudolf: Über die Staatsgewalt Von Platons Idealstaat bis zur Europäischen Union, München 2000, S. 21.

4 Vgl. Kraplnger, Gernot: Nachwort, in: Platon: Der Staat, Ditzingen 2017, S. 547f.

5 Vgl. Weber-Fas (2000), S. 21.

6 Vgl. Demandt, Alexander: Der Idealstaat Die politischen Theorien der Antike, Köln/Wien/Wei- mar/Böhlau 2000, S. 76.

7 Die Politeia wird in der Forschung nicht ausschließlich als Utopie verstanden. Es ist unklar, ob Platon eine praktische Umsetzung seines Idealstaates geplant hatte, was gegen die gängige Definition einer Utopie verstoßen würde. Diese These greift Winiarczyk (2011), S. 18 u. S. 23 auf.

8 Vgl. Winiarczyk, Marek: Die hellenistischen Utopien, Berlin/Boston 2011, S. 18.; Vgl. Zimmer, Robert: Basis-Bibliothek Geschichte. 100 klassische Werke, Ditzingen 2019, S. 28.

9 Sokrates wurde im Jahr 399 v. Chr. in einem der sogenannten Asebieprozesse (asebeia = Gottlosig­keit), welche auch anderen Intellektuellen (Aischylos, Diagoras u. a.) das Leben kosteten, hingerichtet. Angeklagt wurde er unter anderem, weil er die Jugend verderbe und die Staatsgötter leugne. Weitere Informationen dazu liefern Demandt (2000), S. 74f und Weber-Fas (2000), S. 22.

10 Vgl. Demandt (2000), S. 75.

11 Vgl. Zimmer (2019), S. 28-30.

12 Es ist zweifelhaft, ob der Zusatz auf Platon zurückgeht oder nachträglich hinzugefügt wurde. Weite­res hierzu in Krapinger: Anmerkungen, in: Platon: Der Staat, Ditzingen 2017, S. 461.

13 Vgl. Demandt (2000), S. 76.

14 Älterer Bruder Platons. Vgl. Becker, Alexander: Platons »Politeia«. Ein systematischer Kommentar, Ditzingen 2017, S. 24.

15 Sophist. Vgl. Krapinger: Nachwort, in: Platon: Der Staat, Ditzingen 2017, S. 550.

16 Bruder Platons, Vgl. ebd.

17 Vater des Polemarchos. Vgl. ebd. ■

18 Sohn des Nikias. Vgl. ebd.

19 Bruder des Polemarchos. Vgl. ebd.

20 Weiterer Bruder des Polemarchos. Vgl. ebd.

21 Anhänger des Thrasymachos. Vgl. ebd.

22 Weiterer Anfänger des Thrasymachos. Vgl. ebd.

23 Vgl. Diell, Elisabeth: Kunst bei Platon und Aristoteles, in: Idsteiner Mittwochsgesellschaft, 20.02.2008, online unter: http://www.idsteiner-mittwochsgesellschaft.de/doku- mente/2008/20080220. pdf [17.10.2019].

24 Vgl. Demandt (2000), S. 76f.

25 Vgl. Plat. rep. 372d.

26 Platon fordert eine Humanisierung des Krieges. Im Vergleich zu den bisherigen Kriegen sollen in seinem Idealstaat keine Gefangenen versklavt, Gefallene beraubt oder Beute zur Schau gestellt wer­den. Außerdem solle kein Krieg zwischen den Griechen geführt werden. Stattdessen gilt gegenüber den sogenannten Barbaren eine natürliche Feindschaft. Vergleiche dazu Plat. rep. 471b und Demandt (2000), S. 78f.

27 Vgl. Plat. rep. 471a.

28 Plat. rep. 375b., übers, von G. Krapinger, Ditzingen 2017.

29 Vgl. Plat. rep. 416a f.

30 Vgl. Plat. rep. 590c-e.

31 Vgl. Diell (2008), S. 1.

32 Vgl. Zimmer (2019), S. 29.

33 Vgl. Diell (2008), S. 1.

34 Vgl. Demandt (2000), S. 81.

35 Vgl. ebd.

36 Ebd., S. 84.

37 Ebd.

38 Vgl. ebd., S. 84.

39 Vgl. Plat. rep. 488a-489b.

40 Vgl. Demandt (2000), S. 84.

41 Vgl. Plat. rep. 546a-b.

42 In einer timokratischen Verfassung sind die Rechte der Individuen an die Höhe des Vermögens ge­bunden. Vergleiche dazu Rhodes, Peter J., "Timokratia", in: Der Neue Pauly, Herausgegeben von: Hu­bert Cancik, Helmuth Schneider, Manfred Landfester (2006), online unter: http://dx.doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_el214820 [18.10.2019].

43 Der Begriff der Tyrannis bezeichnet unter anderem eine Herrschaft zugunsten der Regierenden und gegen den Willen der Bevölkerung. Vergleiche dazu Friedeburg, Robert v., "Tyrannis", in: Der Neue Pauly, Herausgegeben von: Hubert Cancik,, Helmuth Schneider, Manfred Landfester (2006), online un­ter: http://dx.doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_el5306290 [16.10.2019].

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Rolle ausgewählter sozialer Gruppen in Platons Idealstaat
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die athenische Demokratie
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V510010
ISBN (eBook)
9783346083272
ISBN (Buch)
9783346083289
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, antike, platon, soziale gruppen, idealstaat, politeia
Arbeit zitieren
Anna Hunger (Autor), 2019, Die Rolle ausgewählter sozialer Gruppen in Platons Idealstaat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510010

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