Rembrandt van Rijns "Die Nachtwache"

Gruppenporträt oder Historie? Die Inszenierung der Schützengilde des Frans Banningh Cocq


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bildbeschreibung und historischer Kontext
a. Die Nachtwache als Bühnenszene
b. Die Nachtwache als Gruppenporträt und im Vergleich

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

“Sieht man die „Nachtwache" zum ersten Mal, glaubt man, an einem bedeutenden historischen Ereignis teilzunehmen, so dramatisch hat der Künstler die dargestellten Figuren in Szene gesetzt.“1

Mit seinem Zitat leitet Jürgen Müller treffend in die Grundidee dieser Arbeit ein. Das Ziel der Arbeit soll sein auf die verschiedenen Bildmerkmale einzugehen und Rembrandts Nachtwache sowohl in den Kontext eines Historien- oder Genregemäldes einzuordnen und auf seinen theatralischen fast „bühnenhaften“ Charakter einzugehen, als auch die Merkmale eines Gruppenporträts herauszuarbeiten und zu vergleichen. Beide Aspekte sind in dem Bild vertreten und regen zu verschiedenen Interpretationen an. Die Rembrandt Forschung ist sich bis heute uneinig und es gibt unterschiedliche Interpretationen, welche von einer Bewertung der Nachtwache als ein simples Gruppenporträt, bis hin zur verbildlichten Allegorie für eine antike Tugend gehen. Schon die Zuordnung einzelner Figuren zum Gesamtgeschehen beziehungsweise zur Gesamthandlung stellt die Forschung vor Probleme, die zu keiner eindeutigen Lösung führten. In Auftrag gegeben für den großen Festsaal des neuen Versammlungshauses der Büchsenschützengilde fertigt Rembrandt vermutlich weit aus mehr an, als ein Gruppenporträt im ursprünglichen Sinne.2

Seinen Titel „Nachtwache“ erhielt das Gemälde erst Ende des 18. Jahrhunderts, da wohl die Firnisschichten stark nachgedunkelt waren und das Bild dunkler erschien, als es vermutlich ursprünglich von Rembrandt entworfen wurde.3 Dies und eine Anpassung des Werks an seinen neuen Ausstellungsort im Rathaus der Stadt zu Beginn des 18. Jahrhunderts erschwerten eine eindeutige Interpretation. Allerdings konnte das Gemälde anhand einer frühen Skizze und der Kopie eines Zeitgenossen sehr gut rekonstruiert werden, sodass es heutzutage zumindest als Rückgriff mit in eine Interpretation einbezogen werden kann.

Der ursprüngliche Titel der Nachtwache, welcher in dem Familienalbum des Frans Banningh Cocq unter einer Skizze des Gemäldes vermerkt ist lautet:

„Zeichnung des Gemäldes in der großen Halle der Kloveniersdoelen, in welchem der junge Herr von Purmerland (gemeint ist Banningh Cocq, J. M.), als Kapitän, seinen Leutnant, den Herren von Viaardingen (Ruytenburgh, J. M.) anweist, die Bürgerwehr ausrücken zu lassen.“4,

Dies deutet im Gegensatz zu einer einfacheren Bezeichnung wie „Die Kompanie des Frans Banningh Cocq“ auf ein dargestelltes Ereignis hin und eben auf mehr, als ein einfaches Gruppenporträt.5 Es impliziert einen dargestellten Handlungsmoment, eine Art „Schnappschussmoment“ einer Situation. Alle Personen in dem Bild werden während einer Aktion dargestellt und bei längerer Betrachtung fallen viele Details auf, welche zur Dynamik des Bildes beitragen und ihr fast einen „bühnenhaften“ Charakter verleihen. Beginnend mit einer detaillierten Beschreibung des Werks, wird versucht sich den einzelnen Bildelementen anzunähern, um so im Anschluss auf ihre Gesamtwirkung einzugehen.

2. Bildbeschreibung

Am Ufer einer Gracht, aus einem Torbogen heraus drängend, wird die Kloveniers- beziehungsweise Büchsenschützengilde des Frans Banningh Cocq in Szene gesetzt. Vermutlich vor ihrem Versammlungshaus zum Aufmarsch bereit, wartet die Gruppe von Männern in einem ungeordnet anmutenden Haufen auf den Befehl ihres Kapitäns.6

In der ersten Reihe und durch eine Beschneidung des Werkes sehr in den Bildmittelpunkt gerückt sind der Kapitän Frans Banningh Cocq und sein Leutnant Willem von Ruytenburgh.7 Mit einem weisenden Handgestus und geöffnetem Mund erteilt Ersterer offenbar den Befehl, allerdings geht sein Blick in eine unbestimmte Richtung und ist nicht auf den oder die Empfänger seiner Nachricht gerichtet. In seiner rechten Hand hält er eine Büchse und seinen abgestreiften Handschuh. Sein Zuhörer, in auffällig goldenem Rock und in einer abwartenden Haltung, schaut den Sprechenden an und scheint ihm still zu folgen. Trotz der vielen Personen in dem Bild (ursprünglich 34, davon 18 Mitglieder der Kompanie), gelingt es Rembrandt die vermeintlich wichtigeren Charaktere nicht in der Masse oder der Dunkelheit untergehen zu lassen.8 Durch geschickten Einsatz von Licht und Schatten, auffälliger Kleidung oder die vereinzelte Darstellung ganzer Körper stechen einige Figuren heraus.9

Einen wichtigen Bildpunkt markiert so zum Beispiel der Fahnenträger im oberen Bildabschnitt. Auf seiner Flagge ist das Wappen von Amsterdam abgebildet, in heldenhaft anmutender Pose streckt er diese diagonal nach oben. Er ist einerseits nach den Offizieren ein ranghohes Mitglied der Gilde und könnte andererseits einen wichtigen Bezugspunkt zu der Stadt Amsterdam an sich darstellen, deswegen findet er einen recht präsenten Platz im Bild.10 Ein weiterer, recht versteckter Hinweis auf die Stadt Amsterdam ist im Rock des Leutnants van Ruytenburg eingenäht. Der Schatten der Hand des Kapitäns weist den Blick des Betrachters auf drei goldene eingestickte Kreuze, welche das Wappen der Stadt abbilden.11

Rechts und links flankieren zwei Sergeanten die Gruppe. Sie gehören zu den wenigen namentlich zu identifizierenden Personen des Gemäldes und werden von Rembrandt durch ihre Beleuchtung und der Darstellung ihrer ganzen Figur hervorgehoben.12 Ganz links auf einer Mauer sitzt der Sergeant Rejer Engelen, welcher vor der Beschneidung einen deutlich präsenteren Platz innehatte, rechts befindet sich Rombout Kemp mit weißem Kragen und zeigender Hand (Abbildung 2).13

Es lassen sich jedoch nicht alle Hervorhebungen der Figuren durch ihre Dienstgrade erklären. So werden zum Beispiel die weiblichen Personen stark durch Licht und Gewand hervorgehobenen, welche in einer Flucht der linken Bildhälfte zu sehen sind. Ihnen wird wohl eine andere Aufgabe zu Teil, denn sie wirken auf den ersten Blick der Männergruppe nicht zugehörig. Über ihre Funktion gibt es noch keine eindeutige Interpretation und so kann man nur vermuten, warum Rembrandt ihnen einen so präsenten Platz im Bild zugewiesen hat. Während einige Kunsthistoriker sie als Marketenderinnen identifizierten, welche militärische Gruppen begleiteten und im mittelalterlichen Bedeutungsmaßstab dargestellt sein sollen14, schreibt ein anderer Deutungsansatz den Mädchen eine allegorische Funktion zu und sieht in ihnen eine Personifikation der Kloveniersgilde.15 Mit ihren Attributen wie der Hahnenkralle, dem Trinkhorn und ihren Kleidern in einem kräftigen Gold und blau spielen sie möglicherweise auf das Wappen der Büchsenschützen an.16 17 In Kombination mit den Büchsen, die öfter im Bild wiederzufinden sind, könnte Rembrandt so gezielt das Gruppenporträt auf eine bestimmte Gilde zugeschnitten haben und neben den Porträts einzelner Personen auf die Tradition und Symbole eben dieser bestimmten Gilde anspielen, da er auf die Einzeichnung eines Wappens gänzlich verzichtet.18 19

Links unten im Schatten sieht man, wie ein kleiner Jungen aus dem Bild herausläuft. Auf seinem Kopf trägt er einen Helm, welcher viel zu groß für seine kleine Statur ist. Sein Blick ist zurückgewandt auf die Ansammlung von Menschen. Im Laufschritt abgebildet markiert er einen wichtigen dynamischen Punkt im Bild.

Rechts neben ihm befindet sich ein rotberockter Mann, der konzentriert seine Büchse mit Schießpulver lädt. Trotz seiner recht präsenten Bildposition, Farbgebung und Beleuchtung ist der Mann heute nicht namentlich zu identifizieren. Dennoch wichtig scheint er in Kombination mit zwei weitere Personen zu werden, welche weiter rechts im Bild zu sehen sind. Der Erste, kaum sichtbar verdeckt von Hauptmann und Leutnant, ist von der Seite zu sehen, steht gebückt im Ausfallschritt mit angelegtem Gewehr und ist dabei einen Schuss abzugeben. Das Mündungsfeuer scheint mit dem Federhut des Leutnants zu verschmelzen und ist beim ersten Hinschauen kaum auszumachen. Dennoch hat Rembrandt es eingefügt und bildet so neben der dargestellten Bewegung auch ein akustisches Element ab, welches für große Unruhe und Chaos sorgt. Die Komponente der Lautstärke wird im rechten Bildabschnitt wieder aufgegriffen, in dem ein Trommler einen Hund, der sich zu seinen Füßen aufhält mit seinen lauten Trommelschlägen erschreckt. Durch die Reaktion des Hundes macht Rembrandt eine tatsächliche unangenehme Lautstärke und Unruhe in dem Bild für den Betrachter sichtbar beziehungsweise greifbarer.

Rechts neben dem Leutnant bläst ein weiterer Mann Schießpulver von der Zündpfanne seiner Büchse. Zusammen mit dem ladenden und schießenden Schützen komplettiert er den Zyklus eines Schießvorgangs mit Laden, Schießen und Abblasen.20 Hier baut Rembrandt möglicherweise wieder versteckt das Attribut einer Büchsenschützengilde ein, beziehungsweise stellt mittels Bilddetails einen Bezug zu dieser her. Nahezu alle Personen in dem Gemälde werden mit Waffen, Schilden oder in Rüstung gekleidet dargestellt und weisen so auf den militärischen Aspekt einer Schützengilde des 17. Jahrhunderts hin.

[...]


1 Müller, Jürgen: „Rembrandts „Nachtwache“ Anmerkung zur impliziten Kunsttheorie“. In: Morgen-Glantz : Zeitschrift der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft, 9. 1999, S. 133, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/1560/1/Mueller_Rembrandts_Nachtwache_1999.pdf (06.03.2018).

2 Müller, Jürgen: „Rembrandts „Nachtwache“ Anmerkung zur impliziten Kunsttheorie“. In: Morgen-Glantz : Zeitschrift der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft, 9. 1999, S. 130, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/1560/1/Mueller_Rembrandts_Nachtwache_1999.pdf (06.03.2018).

3 Tümpel, Christian, „Beobachtungen zur Nachtwache“. In: von Simon, Otto; Kelch, Jan (Hg.): Neue Beiträge zur Rembrandt-Forschung. Berlin 1973. S. 163.

4 Haverkamp-Begemann, Egbert: „Rembrandt: The Nightwatch“. In: Princeton essays on the arts 12, 1982, S. 10.

5 Tümpel, Christian: Rembrandt: Mythos und Methode. Königstein im Taunus 1986. S. 219.

6 Bockemühl, Michael: Rembrandt: 1606-1669; das Rätsel der Erscheinung. Köln 1991. S. 48-57.

7 van de Wetering, Ernst: „Rembrandt, eine Biographie“. In: Ausst.-Kat. Berlin, Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin, 2006: Rembrandt Genie auf der Suche. S.38.

8 Bockemühl, Michael: Rembrandt: 1606-1669; das Rätsel der Erscheinung. Köln 1991. S. 48-57.

9 Siehe 7 und 8.

10 Tümpel, Mythos und Methode, S. 223.

11 Haverkamp-Begemann, Egbert: „Rembrandt: The Nightwatch“. In: Princeton essays on the arts 12, 1982, S. 77.

12 Tümpel, Christian: Rembrandt: Mythos und Methode. Königstein im Taunus 1986. S. 223

13 Kettering, Alison Mc Neil: Rembrandt´s Group Portraits Zwolle 2006. S. 18-19

14 Tümpel, Christian, „Beobachtungen zur Nachtwache“. In: von Simon, Otto; Kelch, Jan (Hg.): Neue Beiträge zur Rembrandt-Forschung. Berlin 1973. S. 169

15 Müller, Jürgen: „Rembrandts „Nachtwache“ Anmerkung zur impliziten Kunsttheorie“. In: Morgen-Glantz : Zeitschrift der Christian Knorr von Rosenroth-Gesellschaft, 9. 1999, S. 136, http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/1560/1/Mueller_Rembrandts_Nachtwache_1999.pdf (06.03.2018).

16 Haverkamp-Begemann, Egbert: „Rembrandt: The Nightwatch“. In: Princeton essays on the arts 12, 1982, S. 77.

17 Bockemühl, Michael: Rembrandt: 1606-1669; das Rätsel der Erscheinung. Köln 1991. S. 54.

18 Tümpel, Christian: Rembrandt: Mythos und Methode. Königstein im Taunus 1986. S. 223.

19 Tümpel, Christian, „Beobachtungen zur Nachtwache“. In: von Simon, Otto; Kelch, Jan (Hg.): Neue Beiträge zur Rembrandt-Forschung. Berlin 1973. S. 170.

20 Bockemühl, Michael: Rembrandt: 1606-1669; das Rätsel der Erscheinung. Köln 1991. S. 52

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Rembrandt van Rijns "Die Nachtwache"
Untertitel
Gruppenporträt oder Historie? Die Inszenierung der Schützengilde des Frans Banningh Cocq
Hochschule
Universität zu Köln  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Rijksmuseum: Geschichte und Sammlung
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V510148
ISBN (eBook)
9783346086280
ISBN (Buch)
9783346086297
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rembrandt, Nachtwache, Historiengemälde, Porträt, Bühne, Licht, Schatten, Rembrandt van Rijn
Arbeit zitieren
Tara Hennig (Autor), 2018, Rembrandt van Rijns "Die Nachtwache", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510148

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