Der Werther-Effekt. Was für ein Einfluss kann Literatur auf Menschen haben?


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Die Leiden des jungen Werther"
2.1 Charakterisierung von Werther
2.2 Suizidmotiv

3. Auswirkungen des Romans auf die Gesellschaft
3.1 Werther-Effekt
3.2 Papageno-Effekt

4. Auslöser der Debatte „Lesesucht" im 18Jahrhundert

5. Autobiographischer Kontext

6. Psychologische Erklärung

7. Fallbeispiele aus der heutigen Zeit
7.1 Robert Enke
7.2 Netflix-Serie: „Tote Mädchen lügen nicht"

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf”1

Der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther" handelt vom Konflikt zwischen den Erwar­tungen des Menschen und den Konventionen der Gesellschaft, von der Tragik unglücklicher Liebe und dem Recht auf Freitod.2 Das Motiv des Freitods des literarischen Vorbilds 'Werther' löste in der damaligen fromm christlichen Gesellschaft für Entsetzen und gleichzeitiger Selbst­mordwelle vieler junger Menschen aus.

Goethe selbst war rückblickend von der fatalen Medienwirkung seines Werkes überrascht. Mehrere deutsche Städte verboten sogar bis zum Jahr 1825 die Verbreitung dieses Romans. Der immense Einfluss von Literatur bzw. Medien auf die Menschen war spätestens seit diesen Vorfällen unumstritten.

Dieser Schlüsselroman des Sturm und Drang war gleichzeitig Mitauslöser der sogenannten "Lesesucht" - einer Debatte um "gefährliche Literatur" und "falsche Lektüre", die Ende des 18. Jahrhunderts öffentlich geführt wurde.

2. „Die Leiden des jungen Werther"

2.1 Charakterisierung von Werther

Da der Roman hauptsächlich aus Briefen von Werther an Wilhelm besteht, fehlen dem Rezi­pienten genauere Vorkenntnisse über Aussehen, Alter oder seinen Werdegang. Über seine Familie wird nicht ausführlich erzählt. Im Briefroman werden seine Mutter und Tante sowie der früh verstorbene Vater erwähnt. Werther scheint weitläufige Kenntnisse zu verfügen, da er die griechische Sprache beherrscht und zudem mehrere berühmte Kunsthistoriker sowie Theologen der damaligen Zeit kennt, was ein breites Allgemeinwissen wiederspiegelt. Ebenso von Intelligenz zeugt seine stetige Neigung nach Reflexion und gedanklichen Erfassung der Welt, wie seine Vorliebe nach Sentenzen bestätigt. Da Werther den Gefühlen gegenüber dem Verstand bevorzugt, steht er der Wissenschaft skeptisch gegenüber.

Werthers finanzieller Hintergrund scheint gesichert zu sein, da seine Familie dem gehobenen Bürgertum angehört.

Seine Geliebte Lotte empfindet er als außergewöhnlich schön und intelligent, da sie ihre Inte­ressen und Leidenschaften in kulturellen Tätigkeiten wie Musik, Tanzen und Lesen von Roma­nen hat. Da sie für die selben Autoren schwärmt, hält Werther sie für seine Seelenverwandte. Nicht nur seine starke Liebe zu Lotte, sondern auch die Konflikte im gesellschaftlichen Leben fügen ihm psychischen Leid zu. Er kritisiert die obere Sozialschicht, die sich vom niedrigeren Volk distanziert und sich als lebenswerter betitelt. Des Weiteren belustigt er sich darüber, dass jeder Bürger versucht einen höheren Rang in der Bürgerhierarchie zu erstreben. Werther ak­zeptiert nicht, dass Herkunft einen höheren Wert haben soll, als Charakter, Bildung oder Kom­petenzen.

Werther sucht sich seine Zuflucht in der Natur und Literatur, dennoch leugnet er nicht Religion und Gott. Jedoch will er sich dem christlichen Glauben nicht völlig unterwerfen und seine Le­bensweise danach richten.3

2.2 Suizidmotiv

Die Liebesproblematik zwischen Werther und Lotte war nicht ursächlich verantwortlich für die Wahl des Freitods. Im Verlauf des Romans zeigt sich ein weitaus komplexeres Geflecht von Motiven, welche ihm zu dieser Tat verleiten ließen.4

Schon zu Beginn des Romans lässt sich mit der Aussage von Werther „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!"5 eine Vorahnung seines tragischen Endes zu bilden, obwohl vordergründig die Abreise aus seiner Heimat gemeint ist.

Werther pflegte den Gedanken über Selbstmord noch bevor er Lotte kennenlernte. So schreibt er im Brief vom 22. Mai: „Und dann, so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das Süße Gefühl der Freiheit und dass er diesen Kerker verlassen kann, wann er will”.6 Der Suizid ist demnach für Werther ein Ausdruck nach Freiheit. Eine Flucht von den Zwängen und der Vorstellungen der Gesellschaft bzw. der bürgerlichen Konventionen, denn er sieht die menschliche Existenz in keinerlei Zusammenhang damit. Die Zwänge der Gesellschaft sind hier demnach der Kerker, den er entkommen will und dadurch einen Selbstmord rechtfertigt, wo­bei die Entscheidung frei der Person obliegt. Er glaubt zwar an eine höhere Macht, jedoch nicht an Gott als letzte Instanz. Daher verbindet er den Selbstmord nicht mit einer religiösen Schuld oder moralisch unentschuldbaren Tat.7

In den Briefen vom 12. August wird das 'Pistolenmotiv' eingeführt. Nachdem sich Werther die ungeladene Pistole von Albert an die Stirn gehalten hat, erwidert dieser mit den Worten „Denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben zu ertragen..".8 Hier ist deutlich zu erkennen, dass Albert die Moralvorstellung der Gesellschaft vertritt, indem Selbstmord als schwer vorstellbar und töricht angesehen wird. Gleichzeitig wird eine Obsession vom Tod von Werther deutlich, da er hier zeigt, dass er immer wieder mit Suizidgedanken spielt und es auch selbst als „Krankheit vom Tod" bezeichnet.9

In den Briefen vom 21. August und 30. August erkennt Werther endgültig die Sinnlosigkeit seiner Liebe zu Lotte und der nie eintreffenden Zukunft miteinander: „Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? betriegst du dich nicht selbst? Was soll diese tobende endlose Leidenschaft?"10

Um sich von diesen psychischen Qualen der Zustände zu befreien denkt Werther wieder an den Freitod als Lösung. Im letzten Brief wird jedoch deutlich, dass der Tod sowohl für ihn als auch für Lotte nichts Endgültiges wäre, denn es gebe ein Leben nach dem Tod, in dem sich die beiden wieder treffen könnten.11

3. Auswirkungen des Romans auf die Gesellschaft

3.1 Werther-Effekt

Nach der Veröffentlichung von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther" am Ende des 18. Jahrhundert, löste der darin beschriebene Suizid des Protagonisten 'Werther' eine Reihe von Selbstmorden in Europa aus.12

Suizide und Suizidversuche traten zeitlich und örtlich gehäuft auf, woraus geschlossen wurde, dass Suizidalität auch durch Nachahmung erklärt werden kann. Somit lässt sich vermuten, dass Literaturen und Medien die Macht, derartige Anregungen bzw. Suizidvorlagen zu geben, wel­che als 'Werther-Effekt' bezeichnet werden.13

Es ist quellenmäßig belegt, dass zu dieser Zeit eine zweistellige Zahl von Suiziden in verschie­denen europäischen Ländern zu verzeichnen war, die in direkter Verbindung zu Goethes Buch­publikation standen. Das Phänomen der Nachahmung d ieser tragischen Tat ließ sich in meh­reren Fällen belegen, in dem sich die Suizidenten genau wie ihr literarisches Vorbild mit blauer Jacke und gelber Weste kleideten. Beispiele hierzu wären die Suizide eines jungen Mannes, namens Karsten, der sich bei aufgeschlagenem Buch erschoss oder der Fall der Christine von Lassberg, die sich mit dem Buch in der Tasche selbst ertränkte.14

Goethe war persönlich bei der Bergung der Leiche von Christine von Lassberg anwesend und erkannte auch die immense Medienwirkung seines Romans auf die Gesellschaft und schrieb rückblickend auf Geschehnisse; „So verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln (...) und sich allenfalls selbst erschießen: und was hier im Anfang unter Wenigen vorging, ereignete sich nachher im großen Publicum".15

Obwohl zur damaligen Zeit keine quantitative sozialwissenschaftliche Methoden angewendet werden, um die Nachahmungswirkung zu evaluieren, war es zur damaligen ein evidentes Phä­nomen, welches zeitgenössisch als 'Werther-Fieber' bezeichnet wurde und von der eigentli­chen Bedeutung des Werther-Effekts zu unterscheiden ist. Dieses Phänomen beschrieb ledig­lich, dass sich Teile der bürgerlichen Jugend in Reaktion auf den Roman unter anderem wie die Figur des Werther, in der so genannten 'Werther-Tracht' bestehend aus blauem Tuchfrack, gelber Weste, Kniehosen aus gelbem Leder, Stulpenstiefeln und grauem Filzhut kleideten. Die Publikationsverbote des Romans in den Städten Leipzig, Kopenhagen und Mailand, bestä­tigte die Wahrnehmung der Auswirkungen.16 Der Leipziger Stadtrat begründete die Entschei­dung mit folgender Veröffentlichung: „Es wird hier ein Buch verkauft, welches den Titel führt Leiden des jungen Werthers. Diese Schrift ist eine Empfehlung des Selbstmordes [...]".17 Diese Art von Nachahmung blieb jedoch kein Einzel-Phänomen bei jungen Intellektuellen zur damaligen Goethe - bzw. Sturm und Drang - Zeit. Denn bis heute ereignen sich derartige Taten exemplarisch in verschiedensten Variationen bis heute.18 Der amerikanische Soziologe David Phillips verwendete erstmals den Begriff 'Werther-Effekt' als wissenschaftliche Arbeitsbegriff für die Kennzeichnung von Nachahmungen medial vermittelter Suizide. Diese erkennt man heute vor allem an Selbstmorde prominenter Persönlichkeiten, die in Zeitungsartikeln oder viral im Internet veröffentlicht werden. Die Suizide in der Allgemeinbevölkerung stiegen nach diesen Meldungen statistisch messbar an.19

Der Werther-Effekt wird vor allem durch wiederholte Publikationen zu einem Suizidfall, insbe­sondere an prominenter Stelle. Je größer die Prominenz des Verstorbenen war, desto höher war die Anzahl der Folgesuizide.20

Es konnte bei keiner seriösen Untersuchung bzw. Studie nach dem Anstieg ein entsprechendes überproportionales Absinken der Suizidrate festgestellt werden. Daher wird davon ausgegan­gen, dass durch Medienwirkung die Menschen zu Tode kommen, die sich normalerweise nicht das Leben nehmen würden.21

[...]


1 Goethe, 2017

2 vgl. Rumpf 2005, S. 4

3 vgl. Goethe 2008

4 vgl. Wallbruch 2015, S. 9

5 Goethe 2008, S.9

6 vgl. Goethe, S. 11, Z. 16-18

7 vgl. Husmann 1996, S. 24-25

8 vgl. Goethe 2008, S. 55

9 vgl. ebd

10 vgl. Goethe 2008, S. 64

11 vgl. Goethe 2008, S. 65

12 vgl. Ziegler et. al. 2002, S. 41

13 vgl. Scherr et. al. 2015, S. 557

14 vgl. Ziegler et. al. 2002, S. 41

15 vgl. ebd.

16 vgl. Ziegler et. al. 2002, S. 41

17 vgl. Ziegler et. al. 2002, S. 42

18 vgl. ebd.

19 vgl. ebd.

20 vgl. Scherr 2015, S. 20

21 vgl. Ziegler et. al. 2002, S. 43

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Werther-Effekt. Was für ein Einfluss kann Literatur auf Menschen haben?
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V511319
ISBN (eBook)
9783346088949
ISBN (Buch)
9783346088956
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Goethe, Werther, Werther-Effekt, Literatureinfluss
Arbeit zitieren
Ahmad Amine (Autor), 2018, Der Werther-Effekt. Was für ein Einfluss kann Literatur auf Menschen haben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511319

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