Selbstdarstellung im Internet. Die digitale Bühne und das Ensemble


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Selbstinszenierung
2.1 Wir alle spielen doch Theater!
2.2 Ich & meine Identität
2.3 Der Habitus

3. Die Selbstdarstellung 2.0
3.1 Die digitale Bühne & das Ensemble
3.2 Die digitale Identität
3.3 Meine Follower - Mein Habitus
3.4 Darstellungsformen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Theater: Die klassische Unterhaltungsform für die obere Schicht, so lautet eine weitverbreitete Annahme. Aber ist das wirklich so? Theater ist vielmehr als dies, egal ob das Obdachlosentheater Ratten 07 in Berlin, indem Heimlose alten Klassikern ihre persönliche Note verleihen dürfen, Kindertheater, indem alte Märchen mit neuem Gesicht aufgeführt werden oder auch die ZDF Sendung „Die Anstalt“, in der gesellschaftliche Themen in einer Art Theaterstück dem Zuschauer zugänglich gemacht werden. Theater bedeutet weitaus mehr als nur eine Darstellung einer Geschichte, Theater erzählt Gesellschaftliches für die Gesellschaft, auf die unterschiedlichsten Art und Weisen.

In der heutigen Zeit kommt kaum noch jemand an den sozialen Netzwerken vorbei und fast jeder hat sich bei mindestens einem sozialen Netzwerk registriert: Ob es sich um XING & LinkedIn für die Arbeitswelt handelt, Facebook, um mit seinen Freunden im Kontakt zu bleiben, Instagram für die schönen Bilder des letztens Sommerurlaubs zu posten oder auch Tinder für die „Partner“suche. Egal ob man auf der Job- oder auch Partnersuche & Freundschaften ist, die sozialen Netzwerke bietet ihnen eine perfekte Plattform. Sie dienen nicht nur der Selbstdarstellungen sondern auch der Kommunikation mit anderen Menschen.

In der Gesellschaft gewinnt die digitale Welt immer mehr an Bedeutung und ist kaum noch wegzudenken, man könnte sogar sagen, dass sie unser Leben immer mehr bestimmt. Kann hier auch von einer Art theatralischen Darstellung die Rede sein? Man bekommt den Anschein, dass die Selbstdarstellung im Internet eine Art Zurschaustellung des privaten Lebens darstellt:

„Wird die Hinterbühne für ein Publikum sichtbar inszeniert, dann spielt sich dieses Stück konsequenterweise auf der Vorderbühne ab. Demnach schwindet der Sinn und die eigentliche Funktion der beiden Bühnenbereiche.“ (Wandke, 2015: S.104)

Wandke bezieht sich bei seiner Aussage auf die Haupttheorie der Selbstdarstellung im Alltag von Erwing Goffmann, und geht davon aus, dass durch die Darstellung der Einzelnen im Internet alles Private auf der Vorderbühne zur Schau gestellt wird und somit für jeden zugänglich ist, aber ist das wirklich so? Kann man davon ausgehen, dass bei der heutigen digitalen Darstellung keine Hinterbühne mehr existiert?

In meiner Arbeit möchte ich mich ebenfalls mit Goffmans Arbeit näher auseinander setzten und seine Theorie an dem Beispiel der Selbstdarstellung im heutigen Zeitalter, also der digitalen Selbstdarstellung anwenden und herausfinden, ob die Theorie auch hier Verwendung findet, und ob die heutigen sozialen Medien auch eine Art darüber hinaus werde ich mich an den zwei berühmte Theorien, die Identitätstheorie von Herbert Mead und die Habitustheorie von Pierre Bourdieu, bedienen. Ich werde die drei Theorien nicht im vollen Umfang behandeln, sondern nur auf einzelne Aspekte eingehen, die ich für meine Arbeit wichtig erachte. Um den Rahmen nicht zu sprengen werde ich mich ebenfalls nicht auf jedes soziale Netzwerk beziehen, sondern explizit nur auf Facebook und Instagram konzentrieren, da die verschiedenen Netzwerke bestimmte Darstellungsmerkmale aufweisen. Facebook und auch Instagram stellen beide eine Art von sozialem Netzwerk dar, auf der sich die Präsentationsweise der Teilnehmer ähnelt.

2. Die Selbstinszenierung

In diesem Kapitel werde ich näher auf die soziologische Betrachtung der Selbstdarstellung eingehen. Um dies genauer untersuchen zu können werde ich nun zuerst näher die Arbeit von Erving Goffman „Wir alle spielen nur Theater“ betrachten und zur Ergänzung die Habitustheorie von Pierre Bourdieu und der Identitätstheorie von Herbert Mead heranziehen.

2.1 Wir alle spielen doch Theater!

Wer kennt es nicht? Wir treffen eine noch uns unbekannte Person und wollen beim ersten Zusammentreffen Informationen über den Unbekannten erhalten, um ihn einschätzen zu können. Was allerdings auch sein kann, dass wir schon im Voraus sichtbare oder auch unsichtbare Informationen über diesen erhalten haben und eine voreingenommene Meinung haben. Und man kann sich sicher sein, diese Informationen werden wir von unserem Gegenüber erhalten oder wir werden sie uns einholen, denn Informationen und der Drang dieses zu erhalten, gibt uns eine Sicherheit und die Garantie die Situation einschätzen oder auch definieren zu können.

„ Im Alltagsleben ist natürlich jedem klar, daß erste Eindrücke entscheidend sind.“ (Goffman 1969, S.12)

Aber was bedeutet das für zwischenmenschliche Interaktionen, die als eine Art Schauspiel betrachtet werden können? Jeder Teilnehmer einer zwischenmenschlichen Aktion, sei sie die erste zwischen zwei unbekannten oder auch zwei vertrauten Menschen, nimmt eine Rolle oder auch Position ein, die als eine Stellung im System sozialer Systeme verstanden werden kann (vgl. Arbeitergruppe Soziologie 1986, S.21). Als Beispiel kann hier die Position des Vaters betrachtet werden, er hat seinen Kindern gegenüber eine Aufgabe bzw. Rolle zu erfüllen oder auch die des/der Lehrers/Lehrerin, die/der gegenüber der Schüler(innen) eine Rolle zu erfüllen hat.

„[…] seine Pflichten – und er spielt seine Rolle unter der Aufsicht einer ganzen Menge von Regisseuren. Der Rollentheoretiker nennt sie Bezugsgruppen. Das sind die Gruppen, auf die er während seiner Tätigkeit dauernd achten muss.“ (ebd., S.21)

Diese zwischenmenschliche Interaktion kann auch Selbstdarstellung im Alltag genannt werden:

„Die soziale Welt ist eine Bühne eine komplizierte sogar, mit Publikum, Darstellern und Außenseitern, mit Zuschauerraum und Kulissen (…).“ (Goffman 1969, S. 3).

Goffman untersucht in seinem Werk „Wir alle spielen nur Theater – Die Selbstdarstellung im Alltag“, wie ein Individuum sich selbst anderen gegenüber darstellt und mit welchen Mitteln die Selbstdarstellung kontrolliert oder auch gelenkt werden kann und vergleicht diese soziale Welt mit der der Theaterwelt. Aber wie genau kann das verstanden werden? Goffman erklärt es folgendermaßen, das JEDER unbewusst oder auch bewusst Rollen einnimmt. Als Beispiel möchte ich „die Frau“ nehmen: Morgens nach dem Aufstehen muss sie die Rolle der Mutter einnehmen, Mittags der Arbeitskollegin und Chefin und gegen Abends, nachdem sie zwischenzeitlich die der Mutter wieder eingenommen hatte, wird sie die Rolle der Freundin oder auch Ehefrau einnehmen. Goffman beschreibt es mit dem Wort „Maske“ (vgl. ebd., S.17), jeder Mensch besitzt seiner Meinung nach eine oder mehrere Masken und führt auf, dass

„[…] (es ) wohl kein historischer Zufall (sei), daß das Wort „Person“ in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske bezeichnet.“ (ebd., S. 17).

Aber nicht dass hier nur verschieden Rollen, die wir im Alltag einnehmen, gemeint sind, nein Goffman geht noch weiter und ist der Meinung dass:

„Wir […] als Individuen zur Welt (kommen), bauen einen Charakter auf und werden Personen.“ (ebd.17).

Die Person (Maske) stellt somit eine selbstgeschaffenes Bild oder Rolle, die Darstellung dieser Rolle stellt wiederrum einen integralen Bestandteil der Persönlichkeit dar. Die Rolle, die jeder einzelne spielt ist auf die Rollen der anderen, die während der Darstellung einem gegenüber stehen, abgestimmt und beinhaltet vorherbestimmte Handlungsmuster, die jeweils den unterschiedlichen Gelegenheiten angepasst werden.

Kommen wir aber auf das Theatermodell von Goffman zurück: Laut Goffman gehört zu einem Bühnenmodell ein festes Ensemble bestehend aus Darsteller (der seine Rolle/Maske präsentiert), dem Publikum (Kommunikationsteilnehmer, die aber auch getäuscht werden können) und der Bühne.

Die Bühne wird von Goffmann in zwei Bereiche aufgeteilt: Der Vorderbühne, die für jeden sichtbar ist und der Hinterbühne, die nur für wenige zu sehen ist; die Vorderbühne kann als der öffentliche und die Hinterbühne als der private Raum eines „Darstellers“ betrachten werden.

Goffmann unterteilt in 8 verschiedenen Formen der Darstellung: Der Glaube an die eigene Rolle, Fassade, Idealisierung, Ausdruckskontrolle, Unwahre Darstellung 1, Unwahre Darstellung 2, Mystifikation und Dichtung & Wahrheit. Im dritten Kapitel möchte ich auf einige Darstellungstypen näher eingehen, hierzu später mehr.

2.2 Ich & meine Identität

„Jeder einzelne steht dauernd vor der Aufgabe, die unklaren und widersprüchlichen Ansprüchen der anderen an das eigene Rollenverhalten nicht nur >auszubalancieren<, sondern auch aktiv zu interpretieren und zu beeinflussen. Die Handlungsstrategie des Subjekts ist auch gar nicht so sehr die der >klugen Anpassung […], sondern eher die der Bewahrung eines Stücks Identität im Netzwerk der sozialen Beziehungen.“ (Arbeiterkreis Soziologie 1986, S. 54).

Wie aber entwickelt sich das „Selbst“, das für die Selbstdarstellung benötigt wird? Um das genauer betrachten zu können, müssen wir uns der Identitätstheorie von Hebert Mead nähern und diese betrachten. Im vorherigen Kapitel wurde klar, dass an jeder Position oder auch Rolle gewisse Erwartungen geknüpft sind, die erfüllt werden müssen, also in unserer Darstellung gegenüber unserem Publikum.

George Herbert Mead geht davon aus, dass Menschen als Individuen geboren werden und im Laufe ihres Lebens durch Sozialisation ein Selbst- sowie Fremdbild erhalten (vgl. Wandke 2015, S.96). Das Individuum lernt durch das Nachspielen der wichtigen Bezugspersonen (laut Mead die signifikanten Anderen), was diese denken und wie sie handeln. Dadurch lernt das Individuum sich aus der Perspektive anderer sehen zu können, aber sich auch in die Gefühle anderer hineinzuversetzen und somit ein reflektiertes „Ich“ entwickelt.

„Man nimmt mit den Erwartungen, die man hinsichtlich der Erwartungen hat, die ein Gegenüber uns gegenüber haben könnte, gewissermaßen vorweg, was der andere von einem tatsächlich wollen könnte (erwartet). (ebd., S.47).

Somit entwickelt sich eine soziale Struktur, die das Denken im Kollektiv fördert. Und nicht nur dies sondern durch diese Art von Antizipation beziehungsweise dieser Rollenübernahme können wir das Verhalten des Gegenübers voraussehen, das eigene Verhalten dementsprechend anpassen und eine bestimmte Reaktion provozieren oder herbeiführen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Selbstdarstellung im Internet. Die digitale Bühne und das Ensemble
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V512225
ISBN (eBook)
9783346093172
ISBN (Buch)
9783346093189
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstdarstellung, internet, bühne, ensemble
Arbeit zitieren
Laura Stephan (Autor), 2018, Selbstdarstellung im Internet. Die digitale Bühne und das Ensemble, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512225

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Selbstdarstellung im Internet. Die digitale Bühne und das Ensemble


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden