Poetry Slam / Slam Poetry. Julia Engelmanns Auftritt "One Day/ Reckoning Text" als Beispiel für typische Popliteratur und plötzliche Popularität


Ausarbeitung, 2015

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Poetry Slam / Slam Poetry
2.1 Definition
2.2 Vorläufer und Bewegung im historischen Abriss
2.3 Merkmale und Besonderheiten

3. Julia Engelmann – „One Day/ Reckoning Text“
3.1 Virale Verbreitung und Popularität des Auftritts
3.2 Engelmanns Auftritt als Beispiel für ‚typische‘ Popliteratur
3.3 Erklärungsansätze des Hypes

4. Fazit

Literatur und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Slam Poetry als Teil der Popliteratur zeichnet sich durch seine Lebendigkeit und Neuinterpretation von Literatur auf der Bühne aus, macht also ein „überaltertes Medium […] szenefähig“ (Stahl, 2003, S. 1) und zieht bereits seit Jahrzehnten „jüngste[...] Zuhörer“ (ebd.) an. Doch gerade in den Jahren 2013/2014 erlebte die Poetry Slam-Szene und speziell der Auftritt von Julia Engelmann große Bekanntheit und das vorgestellte Werk „One Day/ Reckoning Text“ verbreitete sich in den sozialen Medien viral. Um dieser Besonderheit auf den Grund zu gehen, soll im Folgenden nicht nur der historische Hintergrund und die speziellen Merkmale dieser Spoken-Word-Poetry beschrieben und erläutert werden, sondern auch darauf aufbauend Engelmanns Auftritt im Kontext der typischen Merkmale der Popliteratur analysiert werden. Zentrale Fragen sind hierbei, ob Engelmanns Slam Poetry typische Popliteratur widerspiegelt und wie die plötzliche Popularität zu erklären ist, die sich speziell bei „One Day/ Reckoning Text“ ergeben hat. Hat Julia Engelmann einer ganzen Generation aus der Seele gesprochen oder spielt der Text einfach nur mit einem hohen Identifizierungsgrad der Zuhörerschaft? Ist es der Eventcharakter des Poetry Slams oder sind es popliterarische Merkmale wie der starke Medienbezug, der dem Auftritt die schnelle Popularität zusicherte?

2. Poetry Slam / Slam Poetry

2.1 Definition

Die Begriffe „Poetry Slam“ und „Slam Poetry“ sind zunächst zu unterscheiden, da Poetry Slam den literarischen „Wettstreit an sog. Szeneorten (Musikclubs, Cafés, Bars u.a.), bei dem Autoren mittels Vortrag ihrer Texte gegeneinander antreten“ (Porombka, 2007, S. 596) meint und Slam Poetry vielmehr die daraus entstehende Textsorte oder auch Auftrittsart meint (vgl.: ebd.). Somit ist zwischen den Wettkämpfen auf der Bühne und der Spoken-Word-Poetry oder auch –Performance, die sich dahinter verbirgt, zu unterscheiden.

Die Veranstaltung Poetry Slam bezeichnet also den Vortrag literarischer Texte auf der Bühne und die anschließende Bewertung durch eine, meist in der Veranstaltung spontan gewählten, Jury aus dem Publikum. Ein Moderator führt durch das Event und stellt die Poeten vor, die anschließend ihren fünf- bis zehnminütigen Auftritt haben. Je nach Poetry Slam wird ein Zeitmaß vorher gesetzt und muss auch von den Künstlern eingehalten werden. Die Autoren können sich größtenteils spontan vor der Veranstaltung entscheiden mit ihrem Text anzutreten, sieht man von Meisterschaften oder anderen besonderen Formen des Poetry Slams ab. Anders als eine Lesebühne präsentiert sich ein Poetry Slam also durch seine Spontanität, den Wettbewerbscharakter, der aber eine „Art demokratisches Forum verschaff[en]“ (Porombka, 2007, S. 596) soll und den Anspruch hat „jenseits des großen Lit.betriebs“ (ebd.) zu sein. Im Vordergrund steht bei der Veranstaltung nicht nur der vorgestellte Text, sondern vielmehr die Organisation als literarisches Event, welches sich an „Showformaten der Popkultur“ (ebd.) orientiert. (Vgl.: ebd.). Ebenso ist der Gewinn oftmals unkommerziell und wird eher mit Applaus als mit Gage vergütet.

Slam Poetry, ein Begriff aus dem Englischen und übersetzt „to slam = >zuschlagen<, >schmettern<, >in die Pfanne hauen<“ (Stahl, 2003, S.1), spiegelt somit den Wettbewerbscharakter wider. Inhaltlich können die Texte sehr vielfältig sein, Lyrik oder Prosatext sind variabel, genauso wie der Vortrag auch kreativ verändert werden kann und Künstler das Publikum mit einbeziehen können. (Vgl.: ebd., S. 4).

2.2 Vorläufer und Bewegung im historischen Abriss

Ursprünge fand Slam Poetry in den USA, angelehnt an andere Spoken Word Performances, wie den Rap Battles in der Rap-/Hip-Hop-Szene und an der Beat-Literatur (vgl.: Porombka, 2007, S. 596), die auch die Popliteratur in Deutschland generell beeinflusste (vgl.: Ernst, 2005, S. 6f.). In den 1980ern etablierte sich langsam eine Poetry Slam-Szene in Chicago, die erstmalig ein eigenständiges Format, „The Uptown Poetry Slam“, auf die Bühne brachte (vgl.: Porombka, 2007, S. 596). 1990 fand nun die erste landesweite Veranstaltung, der „National Poetry Slam“, in den USA statt mit Autoren aus Großstädten (vgl.: Stahl, 2003, S. 2).

Das urbane Phänomen des Poetry Slams erlangte nun auch in Deutschland Bekanntheit in den 90ern und 1998 kam es zum ersten „Nation-Slam“ in Weimar (vgl.: Porombka, 2007, S. 596), der auch einen bundesweiten Wettbewerb bezeichnet. Heute gelten immer noch Großstädte als die „kreativen Zentren“ (ebd.): Berlin, Hamburg und München sind einige von vielen Städten, die Poetry Slams anbieten und austragen. Somit gibt es die Poetry Slam-Szene in Deutschland bereits seit den 90ern, wird seitdem teilweise sogar in wöchentlichen Formaten, wie in Berlins Kneipe „Ex’n Pop“ (vgl.: Stahl, 2003, S. 3) veranstaltet und wird bis heute von Stadt zu Stadt variabel in Regelwerk und Ritus gehalten (vgl.: ebd., S. 4). Die Veranstaltungen sind also vom Konzept gleich, jedoch in der Umsetzung immer wieder neu: Im Oldenburger und Bremer Raum gibt es beispielsweise heutzutage auch ein neues Poetry Slam-Projekt für junge Autoren unter 20 Jahren (vgl.: Meyer, 2015) oder es werden Veranstaltungen unter bestimmter Themenvorgabe wie Liebe oder Musik gehalten.

2.3 Merkmale und Besonderheiten

Slam Poetry zeichnet sich durch die Veranstaltung, also den Wettstreit der einzelnen Autoren aus und hebt sich dadurch hervor, dass es nicht nur um vorgetragene Literatur geht, sondern vielmehr um die „Eventhaftigkeit“ (Stahl, 2003, S.5), in dessen Rahmen sich Slam Poetry bewegt. Es geht um das Zusammenwirken von Autor und Publikum, um die Interaktion zwischen dem Moderator, den Slammern, der Jury und der Zuhörerschaft, die den Poetry Slam zu einem Erlebnis machen und genau durch diese Merkmale wird Slam Poetry besonders (vgl.: ebd.). Der „Live-Charakter“ (ebd.), der sich hinter dem einmaligen Auftritt auf der Bühne verbirgt, ist ausschlaggebend für den Erfolg der Veranstaltungen, zudem kann das Publikum als Jury den Poetry Slam mitbestimmen und wird gelegentlich auch direkt vom Autor in die Performance einbezogen. Dies kann beispielsweise durch den Appell des Künstlers an die Zuhörerschaft gelingen, wenn diese bei bestimmten Worten im vorgetragenen Text applaudieren oder vorgegebene Geräusche machen sollen. In dieser modernen Gedichtform spiegle sich die „interaktive und multimediale Kultur des 21. Jahrhunderts“ (Preckwitz, 2009, S. 81) wider, nach Preckwitz seien dies „neue Paradigmen wie Präsenz, Persönlichkeit und Performanz“ (ebd.). Auch hier wird deutlich, wie besonders das Zusammenspiel vom Slammer und dem Publikum sei, der sich auf der Bühne inszeniere und auch als „metasprachliches Medium“ (Preckwitz, 2002, S. 108) fungiere. Es gehe nicht nur um das Erfahren von Literatur in Textform, sondern auch im sinnlichen Kontext, durch Bild, Audio und Aktion.

Die Autorinszenierung ist, anders als in der ‚gängigen‘ Popliteratur, aus dem „literarischen Untergrund“ (Stahl, 2003, S. 5) entstanden und möchte dort auch mit seinen Autoren bleiben, so Stahl. Es gehe um die Abgrenzung von einer „dandyistischen“ (ebd.) Autorschaft, wie wir sie allgemein in der Popkultur fänden würden. Zudem ginge es nicht nur um eine Abgrenzung innerhalb der Popliteratur, sondern auch um das Abkehren vom großen Literaturbetrieb (vgl.: Porombka, 2007, S. 596). Nicht der kommerzielle Erfolg sei wichtig, sondern ein Blick von Unten auf den Alltag, fern vom Establishment (vgl.: Stahl, 2003, S. 5f.).

Inhaltlich sind die Texte in der Slam Poetry durch starke Vielfalt geprägt, ebenso die Form in Gedicht- oder Prosatext ist offen gehalten und kennt keine Vorgaben. Themen können Liebe, Politik oder auch Alltagsphänomene sein, sie können zum Nachdenken oder zum Lachen anregen. Ausschlaggebend für einen erfolgreichen Text sind oftmals eine gewollte Sprachrythmik im Vortrag und der richtige Umgang mit Worten, nach dem Motto: „Hauptsache, sie sind >tanzbar<“ (ebd., S. 4). In den präsentierten Texten und generell in der Slam Poetry ist also ebenso die Besonderheit, dass sie kreativ und variabel in vielerlei Hinsicht umsetzbar sein können.

3. Julia Engelmann – „One Day/ Reckoning Text“

Die Bremer Poetryslammerin und derzeitig 23-Jährige Studentin (Stand 2015) Julia Engelmann erlangte in Deutschland über die Videoplattform YouTube in der Szene die größte Berühmtheit, es geht genauer um ihren Auftritt bei dem 5. Bielefelder Hörsaal-Slam mit dem Text „One Day/ Reckoning Text“ (siehe auch Campus TV Bielefeld, 2013). In ihrer Slam Poetry, übersetzt „Eines Tages/ Text der Rechenschaft“, geht es inhaltlich um den Appell, aktiv zu leben und Träume umzusetzen, statt ein Leben im Konjunktiv zu führen und dies ‚eines Tages‘ zu bereuen. Der Text ist angelehnt an den Popsong „One Day/ Reckoning Song“ von Asaf Avidan, der sich thematisch ähnlich verhält, und baut auch die Refrainzeile „One Day, baby, we’ll be old/ oh baby, we’ll be old/ and think of all the stories/ that we could have told.“ (Engelmann, 2014, S.24), meist ins Deutsche übersetzt, ein (vgl.: ebd., S. 24ff.).

3.1 Virale Verbreitung und Popularität des Auftritts

Veröffentlicht wurde der Auftritt „5. Bielefelder Hörsaal-Slam - Julia Engelmann - Campus TV 2013“ am 01.07.13 auf der Video-Plattform YouTube durch Campus TV Bielefeld, ein studentisches TV-Magazin der Universität Bielefeld (vgl.: Campus TV Bielefeld, 2013). Bis heute (27.03.15) wurde das Video ca. 7,8 Mio. Mal auf YouTube angesehen, Klicks auf anderen Plattformen wie Facebook oder MyVideo nicht mitgezählt. Allein diese Zahlen sind bekennend für die Popularität, die das Video bis heute erlangt hat, wobei die virale Verbreitung vor allen Dingen in den Monaten Dezember 2013 und Januar 2014 über soziale Medien stattfand. Während das Video auf YouTube angesehen wurde, auf Facebook geteilt wurde oder auf anderen Plattformen erwähnt, kommentiert und zumeist gelobt wurde, kam es auch in bekannten Zeitungen und Zeitschriften zu Artikeln über Julia Engelmann und ihren Erfolg. Beispielsweise veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung, neben der ZEIT, dem Stern oder Spiegel Online, im Januar 2014 einen Artikel zu Engelmanns Erfolg (siehe auch Göttler, 2014), vielerlei Erwähnungen in anderen Medien folgten. Durch das große Interesse an ihrem Text und an ihrer Person wurde Julia Engelmann in Fernsehformate eingeladen, beispielsweise folgte ein Auftritt in der NDR-Talkshow (vgl.: ARD, 2014), in dem sie ihre Slam Poetry ein weiteres Mal vortrug und zu ihrem Umgang mit dem plötzlichen Erfolg und der Message ihres Textes befragt wurde.

[...]

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Details

Titel
Poetry Slam / Slam Poetry. Julia Engelmanns Auftritt "One Day/ Reckoning Text" als Beispiel für typische Popliteratur und plötzliche Popularität
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V513281
ISBN (eBook)
9783346110176
ISBN (Buch)
9783346110183
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poetry Slam, Julia Engelmann, Popliteratur, Slam Poetry, Popularität, one day, Literatur, Literaturwissenschaften, Deutsche Literatur
Arbeit zitieren
Lisa Krenke (Autor), 2015, Poetry Slam / Slam Poetry. Julia Engelmanns Auftritt "One Day/ Reckoning Text" als Beispiel für typische Popliteratur und plötzliche Popularität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513281

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