In der vorliegenden Arbeit soll nachgezeichnet werden wie es um eine deutsche kollektive oder nationale Identität bestellt ist. Die zentrale Bedeutung des Geschichtsbildes für eine solche Identität anerkennend, wird die Vergangenheitspolitik Deutschlands den Rahmen bilden, an dem dargestellt werden kann, wie sich Geschichtsbilder verändern, wie sie im Laufe der Zeit festgeschrieben werden und sich identitätsbildend auswirken. Das beherrschende Thema deutscher Vergangenheits- und Erinnerungspolitik ist natürlich das Nationalsozialistische Regime unter dessen Regie sich die schlimmsten Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts ereignet haben. Die sich in diesem Zusammenhang aufdrängenden Fragen sind: wie eine solche Vergangenheit überhaupt Gegenstand von Identitätsstiftung sein kann und wenn ja, wie Geschichte in Deutschland gelesen wurde, um eine gemeinsame Identität nicht zu gefährden.In einem ersten Teil sollen die anfänglichen Anstrengungen der fünfziger und sechziger Jahre dargestellt und in einem weiteren Abschnitt die aktuelle Lage umrissen werden. Ein theoretischer Exkurs wird sich mit der Bedeutung von Gedächtnis als Grundlage von Erinnerung auseinandersetzen und damit inwieweit diese einen gemeinsamen kulturellen Wahrnehmungsrahmen produziert und/oder von ihm abhängt. Im letzten vergleichenden Teil wird eine Konklusion versucht, wie spezifisch deutsche Erinnerungspolitik eine deutsche Identität herausgebildet hat und an welchen Punkten eine solche immer noch als problematisch empfunden wird. Die dabei leitende These soll sein, dass auf Grund der schweren historischen Hypothek, die auf den Deutschen lastet, ein Identität weniger an der Geschichte und dem Bild davon festgemacht wird, sondern sich vielmehr an dem spezifischen Umgang damit konstituiert Bei allen Betrachtungen um kollektive, historische oder nationale Identität darf nicht übersehen werden, dass der Identitätsbegriff keineswegs ein homogener ist. Im Rahmen der personalen Identität ist er noch am klarsten umrissen, bei der Gruppen- oder kulturellen Identität fehlt nahezu deutliche Klärung dessen was er umschreiben soll. Die folgende Arbeit orientiert sich im wesentlichen an dem Begriff des kollektiven Gedächtnisses oder historischen Identität, wie er sich in der jüngeren historischen Wissenschaft herausgebildet hat.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Anfänge der Vergangenheitspolitik
II.1. Antinazistische Normsetzung
II.2. Schuld und Sühne
II.3. Gedächtnis und Erinnerung in den 50er Jahren
III. Vergangenheitspolitik heute
IV. Kollektives Gedächtnis – Exkurs
IV.1. Gedächtnis
IV.2. Erinnerung
V. Kollektive Erinnerung in Deutschland
VI. Vergangenheit und Identität
VII. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie sich eine deutsche kollektive Identität unter dem Einfluss der spezifischen Vergangenheitspolitik in Bezug auf die nationalsozialistische Ära herausgebildet hat und ob diese Identität primär durch ein Geschichtsbild oder durch einen kontinuierlichen Habitus des Umgangs mit der Vergangenheit konstituiert wird.
- Konstruktion von Geschichtsbildern und kollektiver Identität
- Die Entwicklung der deutschen Vergangenheitspolitik von den 1950er Jahren bis heute
- Theoretische Grundlagen des kollektiven Gedächtnisses und der Erinnerungskultur
- Der Wandel der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit über verschiedene Generationen
Auszug aus dem Buch
II. Die Anfänge der Vergangenheitspolitik
Die vom Parlamentarischen Rat verabschiedete Verfassungsordnung einer „abwehrbereiten Demokratie“ spiegelte von Anfang an die Absicht in der Bundesrepublik Deutschland einen Staat zu verwirklichen der sich positiv von seiner Vorgeschichte abhob. Dabei handelte es sich zunächst um kaum mehr als um eine aus den allgemeinen politischen Anordnungen der Alliierten abgeleitete Generaldistanzierung, die eine spezifische vergangenheitspolitische Abgrenzung erst noch erforderte. Zunächst interpretierten SPD und CDU dieses Prinzip vor allem im Sinne der Schaffung entsprechender Strafvorschriften, denn tatsächlich hatten bereits seit dem Frühjahr 1950 die Veranstaltungen radikaler Agitatoren wieder vermehrt Zulauf, was unter dem Eindruck einer zögerlichen Strafjustiz und dem Fehlen einer Verfassungsgerichtsbarkeit zu einer gestiegenen Bereitschaft administrativer und polizeilicher Maßnahmen führte.
Der Anspruch der abwehrbereiten Demokratie wurde besonders deutlich in dem Verbot und der Auflösung der Sozialistischen Reichspartei (SRP) durch das Bundesverfassungsgericht 1952, welches feststellte, dass die Bestrebungen der SRP gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtet sei und konkretisierte dies in seiner Entscheidung in bis heute unübertroffener Weise, indem es sich eingehend mit der Geschichte der SRP ihren organisatorischen und ideologischen Wurzeln beschäftigte und zugleich eine knappe Lektion über die Stellung der Parteien im Grundgesetz und eine historische Analyse der deutschen Parteien unter besonderer Berücksichtigung der Rechtsparteien seit dem ersten Weltkrieg mitlieferte. Das Ziel war zu zeigen wie es die NSDAP unter günstigen Rahmenbedingungen und mit absichtlich unklar gehaltenem Parteiprogramm und vagen Versprechungen geschafft hatte mit formal-demokratischen Mitteln die Macht an sich zu reißen um erst dann ihr wahres Wesen zu offenbaren.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einführung erläutert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich der Konstruktion deutscher Identität durch das Geschichtsbild und die Vergangenheitspolitik, wobei die These aufgestellt wird, dass nicht das Geschichtsbild selbst, sondern der Habitus des Umgangs mit der Geschichte identitätsprägend wirkt.
II. Die Anfänge der Vergangenheitspolitik: Dieses Kapitel analysiert die frühen Bemühungen der Bundesrepublik zur Abgrenzung vom Nationalsozialismus durch antinazistische Normsetzungen, Amnestiepolitik und den Umgang mit Schuldfragen im Kontext der 1950er Jahre.
III. Vergangenheitspolitik heute: Hier wird der heutige Stand der politischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit skizziert, wobei die Institutionalisierung der Erinnerung und die Rolle öffentlicher Debatten im Vordergrund stehen.
IV. Kollektives Gedächtnis – Exkurs: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Fundierung der Begriffe "Gedächtnis" und "Erinnerung" unter Einbeziehung relevanter kulturwissenschaftlicher Ansätze, um die sozialen Prozesse der Konstruktion von Vergangenheit zu verdeutlichen.
V. Kollektive Erinnerung in Deutschland: Es wird untersucht, wie die Erfahrungen der NS-Zeit von nachfolgenden Generationen tradiert werden und welche Rolle "Erinnerungsrituale" und die politische Liturgie bei der Formung einer kollektiven Identität spielen.
VI. Vergangenheit und Identität: Dieses Kapitel diskutiert, wie der Umgang mit der NS-Vergangenheit zu einem zentralen Element des politisch-ethischen Selbstverständnisses der Deutschen geworden ist und wie sich die Möglichkeiten der Schuldzuweisung gewandelt haben.
VII. Schlusswort: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass die Vergangenheitspolitik in eine institutionalisierte Form übergegangen ist und dass die Art und Weise der Auseinandersetzung mit der Geschichte ein spezifisches Merkmal der Identität der deutschen Nation darstellt.
Schlüsselwörter
Vergangenheitspolitik, Kollektives Gedächtnis, Nationale Identität, NS-Vergangenheit, Erinnerungskultur, Bundesrepublik Deutschland, Aufarbeitung, Identitätsstiftung, Geschichte, Politische Liturgie, Schuldfrage, Generationsgedächtnis, Historische Verantwortung, Abwehrbereite Demokratie, Erinnerungsrituale.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen deutscher Vergangenheitspolitik und der Konstruktion einer nationalen Identität im Umgang mit der nationalsozialistischen Ära.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der Erinnerungskultur in der Bundesrepublik, die theoretischen Konzepte des kollektiven Gedächtnisses und die Identitätsbildung über verschiedene Generationen hinweg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich durch den spezifischen Umgang mit der NS-Vergangenheit ein Habitus entwickelt hat, der heute identitätsprägender für die Deutschen ist als das Geschichtsbild selbst.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine kulturwissenschaftliche Analyse, die historische Tatsachen, öffentliche Debatten und theoretische Ansätze aus der Gedächtnisforschung miteinander verknüpft.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Anfänge der Vergangenheitspolitik, eine theoretische Reflexion über Gedächtnis und Erinnerung sowie eine Untersuchung der aktuellen Erinnerungspraktiken in Deutschland.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören "Kollektives Gedächtnis", "Vergangenheitspolitik", "Identitätsstiftung" und "Erinnerungskultur".
Wie bewertet der Autor den Einfluss der "Zeugengeneration"?
Der Autor argumentiert, dass mit dem physischen Verschwinden der Zeugengeneration ein Prozess einsetzt, in dem das kommunikative Gedächtnis in ein institutionalisiertes, kollektives Gedächtnis übergeht.
Welche Rolle spielt die "politische Liturgie" bei der Erinnerung?
Die politische Liturgie dient dazu, gesellschaftliche Rituale zu etablieren, um die Erinnerung an den Holocaust dauerhaft zu bewahren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch eine gemeinsame ethische Verpflichtung zu sichern.
- Quote paper
- M.A. Birk Töpfer (Author), 2001, Vergangenheit und Identität: Anfänge und Gegenwart kollektiver Erinnerung in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51380