Über Clemens Brentano: Die Virtuosität der Sprache


Seminararbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Anlage und Veranlagung

2. Die Verfügung der Sprache

3. Die poetische Sprache der Liebe

4. Die poetische Sprache der Schwermut

5. Vergleichung und Exkurs: Die poetische Sprache Eichendorffs

6. Die Sprache im Märchen

7. Die Sprache im Drama

8. Die Sprache im Brief

9. Schluss: „Brentanos Poetik“ und ihre Wirkung bis heute

Literaturverzeichnis

1. Anlage und Veranlagung

Clemens Brentano kam am 9. September 1778 in Ehrenbreitstein nahe Koblenz zur Welt. Obgleich aus einer reichen Frankfurter Kaufmannsfamilie stammend, mag bereits dem Vater Peter Anton die Poesie im Blut gelegen haben:

Clemens erinnerte sich im Alter daran, diesen immer so feierlichen Papa auch einmal beobachtet zu haben, wie er [...] mit dem halblauten Skandieren italienischer Verse beschäftigt erregt im Zimmer umherlief.[1]

Clemens Großmutter, Sophie von La Roche, war bereits sehr erfolgreich dichterisch tätig gewesen; u.a. war 1771 ihr Roman „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ publiziert worden. Wie dem jungen Dichter Wieland Sophiens Jugendliebe gegolten hatte, so war 1772 der junge Goethe deren sechzehnjähriger Tochter Maximiliane, Clemens Mutter, leidenschaftlich zugeneigt. In Goethes 1774 niedergeschriebenen Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ weist denn Lotte auch Züge von Maximiliane auf. So war dichterische Anlage bereits in das Blut von Clemens und seinen Geschwistern gelegt.

Es mag einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des kleinen Clemens gehabt haben, dass seine Erziehung bereits 1784 in die Hände der strengen Tante Möhn in Koblenz gelegt wurde. Die Trennung von den Eltern und deren früher Tod im Abstand von nur vier Jahren sowie das Unverständnis, mit welchem der Regung seiner Phantasie und der frühen Neigung zum Lesen sämtlicher Romane, die ihm unter die Hände kamen, begegnet wurde, begünstigten schnell das Hervorbrechen jener Traumwelt, in die sich Brentano Zeit seines Lebens phasenweise flüchten sollte. Nach erfolglosem Besuch des Gymnasiums vom Vater in die Lehre genommen, verfasste Clemens in Reimen geschriebene Geschäftsbriefe und zog sich in eine abgelegene Dachkammer zurück, wo er der Literatur huldigte und welche er „Vaduz“ taufte, vielleicht als künstlerischen Zufluchtsort im Hinblick auf die in jener liechtensteinischen Stadt befindliche berühmte Gemäldesammlung. So schrieb eines Tages dem kleinen Clemens Brentano die kluge

Frau Rath Goethe, die ihm das eine oder andere Mal in Frankfurt begegnet war, in sein Stammbuch:

Wo dein Himmel, da ist dein Vaduz,
Ein Land auf Erden ist dir nichts nutz!
Dein Reich ist in den Wolken
und nicht von dieser Erde,
und so oft es sich mit dieser berührt,
wird es Tränen regnen.[2]

So lebte Brentano in der Dichtung; das Leben war ihm ein Gedicht von höchstem Überschwang und tiefster Traurigkeit, von bizarrer Komik und abenteuerlicher Spannung. Wenn ihn Ina Seidel einen „wahren Sänger und Spielmann“[3] nennt, so findet sie die vielleicht schönsten Worte, indem sie weiter ausführt: „...daß ihm die Lieder unmittelbar aus dem Trieb des Herzens quellen, aus dem schwingenden Rhythmus, aus einer gleichsam vom Winde empfangenen Melodie...“[4]

2. Die Verfügung der Sprache

Die nun folgenden Äußerungen gehen auf Vorlesungen zurück, die von Emil Staiger während der Sommersemester 1936 und 1938 an der Universität Zürich gehalten wurden und im Jahre 1939 erstmals in Buchform vorlagen. Es hat wohl niemand die grenzenüberspringende, zu neuen Ufern stürmende, vokalumarmende und konsonantenverzehrende poetische Sprache Brentanos trefflicher beschrieben als Emil Staiger es mit den Worten getan hat:

Clemens Brentano greift die Sprache nicht selbsttätig an. Sie ist kein ‚Gegenstand‘ für ihn, kein ‚Stoff‘ [...] Er lässt sie in einem ungewöhnlichen Grade geschehen, wie sie geschieht [...] er verfügt nicht über die Sprache, sondern die Sprache verfügt über ihn. Sie reisst den Dichter mit sich fort. Und wie sie den Dichter mit sich hinreisst, sind auch wir davon hingerissen.[5]

Brentanos Lyrik trägt den Leser mit sich fort in ihre eigene, eigenartig entrückte Traumwelt und wir spüren eine Ahnung von Unwirklichkeit, die Emil Staiger „ein eigentümliches Gleiten“[6] nennt:

Ich eile hin, und ewig flieht dem Blikke [sic!]

Des Lebens Spiegel fort in wilder Fluth,

Die Sehnsucht in die Ferne nimmer ruht,

Und weinend schaut Erinnerung zurücke

Da blickt aus einer Blume neu Geschicke.

Zwei blaue Kelche voll von Liebes-Gluth

Erwecken in dem Flüchtling neuen Muth,

Daß er das Leben wieder jung erblicke.

Es hat der Sinn die Aussicht wiederfunden,

Er sieht im klaren Strome abgespiegelt,

Des Wechsel-Lebens zwiefach-lieblich Bild,

Die Fläche ruht und schwillt in tiefen Stunden,

Wenn Leidenschaft die Trunkenheit entzügelt,

Und Liebe sich dem Strome nackt enthüllt.[7]

3. Die poetische Sprache der Liebe

Als Clemens Brentano sich 1834 in die Patriziertochter Emilie Lindner verliebt, nutzt er ihren Namen für allerlei poetische Sprachspiele, von vielfältigsten Assoziationen getragen. Er nennt sie „lind“ und ihre Wirkung auf ihn „lindernd“. Zum Symbol der Geliebten wird ihm die „treu dunkellaubige Linde“, diese wiederum wird ihm zum mütterlichen Baum. Aus seiner Emilie wird die „Lilie“ mit dem Nimbus der Jungfräulichkeit

und Reinheit. Die Bienen in den Zweigen der Linde verwandeln sich in Brentanos Seele, die den Duft aus der Linde zieht. Seine vergangene Jugend schart sich um die Linde. So wird Emilie für ihn zum „Baum der Erinnerung“ und zum „Abendbaum der Wehmut“. „Süß Lieb soll mich mit Thränen laben / An dunkellaubiger Linde Fuß.“[8]

Hans Magnus Enzensberger führt hierzu aus:

Das ‚Ich‘ liegt hier tot und ‚unbegraben‘ am Fuß der Linde (Baum), und zu Füßen der Geliebten (diese Redensart liegt zugrunde), die es beweinen soll: ‚Süß Lieb‘ und ‚Linde‘ ist ein und dieselbe Person. [...] Im Fall der ‚Linde‘ schließt sich der Komplex um ein einziges Wort, das mit gleich- oder ähnlichklingenden Worten in einen etymologisch falschen, dem Ohr aber eingängigen Zusammenhang gebracht wird.[9]

Mit ungewöhnlicher Sprachvirtuosität nimmt Brentano das Wort „Linde“ auf, trägt es in sein Reich der poetischen Phantasie, nimmt ihm Form und gibt ihm vielfältig neue, öffnet federleicht verspielt scheinbar mühelos Türen und Fenster in noch unbewohnten Raum der Sprache. Hier wie an anderer Stelle „...steht der Einsatz aller stilistischen und sprachkünstlerischen Mittel primär im Dienst eines virtuosen Spiels mit der Sprache“[10]

4. Die poetische Sprache der Schwermut

Ein ganz anderer Wesenszug Clemens Brentanos, der sich gewissermaßen leitmotivisch in seiner Poetik niederschlägt, ist die ihm eigene Schwermut und Melancholie. Eine schauderhafte Ahnung von Todessehnsucht und Lebensangst schwingt in diesen Versen mit, die Wolfgang Frühwald als „Schmerzstenogramme“[11] bezeichnet, da sie „Berührungspunkte einer schmerzhaften Spannung“[12] sind:

[...]


[1] Ina Seidel: Clemens Brentano. In: dies.: Drei Dichter der Romantik. Stuttgart 1944, S. 15.

[2] Seidel: Brentano, S.28.

[3] Ebd., S. 72

[4] Ebd.

[5] Emil Staiger: Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters. Untersuchungen zu Gedichten von Brentano, Goethe und Keller. 3. Auflage, CH-Zürich 1963, S. 41.

[6] Ebd., S. 29.

[7] Clemens Brentano: Kolathiskos von Sophie Mereau. Erstes Bändchen. Berlin 1801. In: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, hg. von Jost Schillemeit. Band 7. München 2001, S. 23.

[8] Clemens Brentanos gesammelte Schriften in IX Bänden. Hg. Von Christian Brentano. Frankfurt am Main 1852/55. Band II, S. 260.

[9] Hans Magnus Enzensberger: Brentanos Poetik. München 1973, S. 65.

[10] Susanne Mittag: Clemens Brentano. Eine Autobiographie in der Form. Heidelberg 1978, S. 48 f.

[11] Wolfgang Frühwald: Leben im Zitat. In: Lieb, Leid und Zeit. Über Clemens Brentano. Hg. von Wolfgang Böhme. Karlsruhe 1979, S. 33.

[12] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Über Clemens Brentano: Die Virtuosität der Sprache
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Märchen
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V51386
ISBN (eBook)
9783638473811
ISBN (Buch)
9783638791816
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Clemens, Brentano, Virtuosität, Sprache, Proseminar, Märchen
Arbeit zitieren
Matthias Mühlhäuser (Autor), 2005, Über Clemens Brentano: Die Virtuosität der Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51386

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