„Im internationalen Kontext gesehen, stellen Rilkes Neue Gedichte eine der großen Errungenschaften der modernen Literatur dar.“ Das Neue an diesen Gedichten, die zwischen 1903 und 1907 hauptsächlich in Paris und Meudon entstanden, stellt die veränderte Sicht des Autors auf das Gegenständliche dar. Rilke offenbart seine Sensibilität und seine Erfahrungen mit den Dingen in der Welt und ist nicht mehr versucht, sie so objektiv und präzise wie möglich zu beschreiben. Innerhalb der Neuen Gedichte gibt es einen kleineren Zyklus von etwa neun Gedichten, die vom Leben in den Tod führen. Brinkmann bemerkt, dass sich Dinge bei Rilke wie auf magische Weise verselbstständigten und erlöst würden, sobald der Mensch ihr Wesen erkenne. Einen sehr wichtigen Wendepunkt innerhalb dieser „Todesdichtung“ stellt wiederum das Gedicht Blaue Hortensie dar, dessen Ende ein erneutes Aufleben beschreibt. Die in dem Gedicht thematisierte Pflanze kann sich kurz vor ihrem Tod einer Wiedergeburt erfreuen. Es scheint besonders die Malerei Manets und Cézannes gewesen zu sein, die den Autor dazu anregte, das Gedicht im Juli 1906 in Paris zu schreiben und dabei die Farben in den Mittelpunkt zu rücken. Mit den Gestaltungsmitteln in Rilkes Blaue Hortensie haben sich bereits zahlreiche Literaturforscher auseinandergesetzt. Auch die Themen Sterblichkeit, Tod und Leben werden im Zusammenhang mit diesem Gedicht immer wieder genannt. In welchem Verhältnis die Gestaltungsmittel zur Thematik stehen und inwiefern sie zur Darstellung von Tod und Wiedergeburt verhelfen, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Dazu wird zunächst die Form des Gedichts analysiert und in einen Zusammenhang mit dem Inhalt gestellt. Anschließend wird der Fokus auf die Verwendung von Farbelementen gelegt, da diese im vorliegenden Gedicht besonders präsent sind. Dazu wird eine kurze Einleitung in die Farbsymbolik gegeben, um auf dieser Grundlage die Farben im Gedicht analysieren zu können. Im nächsten Schritt wird das Augenmerk auf die Benutzung der dem Gedicht innewohnenden Vergleiche gelegt, wobei vorab definiert wird, was dieses Stilmittel ausmacht.
Auf den gewonnenen Erkenntnissen aufbauend soll letztlich zu einer eigenen Schlussfolgerung gelangt werden, die den Zusammenhang zwischen der Darstellung von Tod und Wiedergeburt und den o.g. formalen, semantischen und rhetorischen Gestaltungsmitteln betrifft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Formale Analyse
3. Semantische und rhetorische Analyse
3.1 Farben
3.2 Vergleiche
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, wie Rilke durch formale, semantische und rhetorische Gestaltungsmittel in seinem Gedicht „Blaue Hortensie“ die Themen Sterblichkeit, Tod und Wiedergeburt darstellt und miteinander verknüpft.
- Analyse der formalen Struktur und des Sonett-Aufbaus
- Untersuchung der Farbsymbolik (Blau und Grün)
- Rolle rhetorischer Vergleiche in der Naturlyrik
- Wechselbeziehung zwischen Gestaltungsmitteln und inhaltlichem Ausdruck
- Die zyklische Dynamik von Tod und Erneuerung
Auszug aus dem Buch
3.1 Farben
„Da wird einem alles aus den Augen herausgeträumt, was drin ist“.24 Rainer Maria Rilkes Faszination für die Malerei findet ihr Pendant in Blaue Hortensie. Wie es dem Autor in diesem Gedicht gelingt, mithilfe des semantischen Feldes der Farben ein anschauliches Bild einer sterbenden und letztlich wiederaufblühenden Pflanze zu realisieren, soll im Folgenden analysiert werden.
Welche außerordentliche Wirkung Farben grundsätzlich haben, wird deutlich, wenn bedacht wird, dass etwa 80% aller Informationen optischer Natur sind.25 Farben prägen, kontrollieren und steuern wirkungsvoll und nachhaltig unser gesamtes Denken, Fühlen und Handeln.26 Sie sind eng an Erfahrungen der Menschheit geknüpft und bewirken klar erkennbare und messbare Zustände.27 Die vorherrschenden Farben in Blaue Hortensie sind Blau und Grün.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in Rilkes „Neue Gedichte“ ein, verortet das Gedicht „Blaue Hortensie“ im Kontext der Todesdichtung und stellt die Forschungsfrage zur Funktion der Gestaltungsmittel bei der Darstellung von Tod und Wiedergeburt.
2. Formale Analyse: Hier wird die metrische Struktur und das Reimschema des Sonetts untersucht, wobei aufgezeigt wird, wie Rilke durch Abweichungen vom klassischen Sonett-Schema den inhaltlichen Lebenszyklus der Blume formal spiegelt.
3. Semantische und rhetorische Analyse: In diesem Hauptteil wird analysiert, wie die Farbsymbolik sowie spezifische Vergleiche zur Erzeugung melancholischer Stimmung und zur Darstellung des Transformationsprozesses der Pflanze eingesetzt werden.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, wobei betont wird, dass erst das Zusammenwirken von Form, Farbwahl und rhetorischer Bildlichkeit die volle Wirkung der Thematik entfaltet.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Blaue Hortensie, Neue Gedichte, Farbsymbolik, Sonett, Tod, Wiedergeburt, Lyrik, Gestaltungsmittel, Enjambement, Metaphorik, Dinggedicht, Literaturanalyse, Kontingenz, Ontologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Rainer Maria Rilkes Gedicht „Blaue Hortensie“ hinsichtlich der eingesetzten Gestaltungsmittel, um zu verstehen, wie diese die Darstellung von Tod und Wiedergeburt stützen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die formale Struktur des Sonetts, die Wirkung der Farbsymbolik (insbesondere Blau und Grün) sowie die Funktion rhetorischer Vergleiche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Zusammenspiel zwischen den formalen/semantischen Gestaltungsmitteln und der inhaltlichen Thematik des Lebenszyklus der Pflanze im Gedicht aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Textanalyse, kombiniert mit der Untersuchung farbpsychologischer Aspekte und der theoretischen Einbettung in die Rilke-Forschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine formale Analyse des Sonetts, eine semantische Untersuchung der Farbsymbolik und eine rhetorische Analyse der verwendeten Vergleiche.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Zu den prägenden Begriffen gehören die „Dingsmystik“, die „phänomenologische Reduktion“, der „zyklische Rhythmus“ und die spezifische „Farbsymbolik“ bei Rilke.
Warum spielt die Malerei eine Rolle für das Verständnis des Gedichts?
Der Autor argumentiert, dass Rilkes Faszination für die Malerei (Manet/Cézanne) die Farbsymbolik beeinflusste und das Gedicht eher als ein „gemaltes Bild“ denn als rein naturlyrische Beschreibung zu verstehen ist.
Wie wird der Umschwung zur „Wiedergeburt“ im Gedicht interpretiert?
Der Umschwung wird als ein „instantaner Ereignis“ gedeutet, bei dem sich das Blau am Ende des Gedichts durch Personifizierung und sprachliche Aufwertung von einer melancholischen Farbe zu einem Symbol der Lebendigkeit wandelt.
- Arbeit zitieren
- Eva Brandes (Autor:in), 2017, Formen, Farben und Vergleiche. Die Darstellung von Tod und Wiedergeburt in Rilkes Gedicht "Blaue Hortensie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513880