Das Attentat von Sarajevo. Politische Ausgangssituation, Tathergang und die historische Bedeutung des Anschlags vom Juli 1914


Hausarbeit, 2019
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Balkankrisen und ihre Folgen
2.1 Die Bosnische Annexionskrise 1908/09
2.2 Der Erste und Zweite Balkankrieg

3 Das Attentat von Sarajevo
3.1 Sonntag, der 28. Juni 1914
3.2 Zwischen Trauer und Freude: Europäische Reaktionen

4 Beurteilung des Attentats in der historischen Forschung

5 Fazit

6 Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Literatur

1 Einleitung

An einem Sonntag im Juni 1914 fielen in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo zwei Schüsse mit weitreichenden weltgeschichtlichen Folgen. Während eines Staatsbesuchs ermordete der Student Gavrilo Princip den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Herzogin von Hohenberg.

Das Attentat stand am Anfang der sogenannten Julikrise. Dabei handelte es sich um einen diplomatischen Konflikt zwischen den fünf europäischen Großmächten und Serbien, welcher sich in seinem weiteren Verlauf zuspitzte und letztendlich zum Ersten Weltkrieg führte.[1] Oft als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet, kostete das vierjährige Kriegsgeschehen Millionen Menschen das Leben und verursachte in Europa einen Zusammenbruch auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene.[2] Zudem bildeten die langfristigen Nachwirkungen den idealen Nährboden für den späteren Aufstieg Hitlers. Den Ausgangspunkt für diese augenscheinliche Kettenreaktion liefert im populären Verständnis die Ermordung des zukünftigen Regenten der Donaumonarchie und seiner Gemahlin.[3]

Allerdings zählten Attentate auf bedeutende politische Persönlichkeiten in dieser Zeit keineswegs zu den Ausnahmen. Der italienische König Umberto I. starb 1900 eines gewaltsamen Todes, 1905 traf es Großfürst Sergei Alexandrowitsch Romanow, 1908 König Carlos I. von Portugal und 1913 gelang ein Anschlag auf König Georg I. von Griechenland, um nur einige Beispiele zu nennen. Selbst die deutschen Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II. waren Zielobjekte von Attentätern gewesen.[4] Begünstigte die Ermordung des Habsburger Paares eine Verschärfung der Ereignisse auf dem europäischen Kontinent? Wäre es auch ohne Anschlag zum Ersten Weltkrieg gekommen und wie viel Bedeutung muss oder darf dem Geschehnis vom Juni 1914 beigemessen werden?

Mit eben diesen Leitfragen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Dabei wird eingangs anhand ausgewählter Krisen untersucht, wie das europäisch-diplomatische Stimmungsbild aussah und wie es sich im Laufe der Jahre entwickelte. Anschließend steht der Tag des Anschlags selbst – der 28. Juni 1914 – zusammen mit den Reaktionen ausgewählter, europäischer Staatsoberhäupter im Mittelpunkt. Zum Abschluss folgt eine Untersuchung, welchen Stellenwert die historische Forschung dem Attentat einräumt sowie ein Resümee der gesamten Ausarbeitung. Bei allen Betrachtungen liegt das Hauptaugenmerk vorrangig auf der Balkanregion als Schauplatz des Mordes, sowie auf Österreich-Ungarn und den Südslawen aufgrund der staatlichen bzw. ethnischen Zugehörigkeit der Opfer und Täter der Vorkommnisse vom 28. Juni 1914 in Sarajevo.

Als Hauptliteratur- bzw. Quellengrundlage dienen die Werke „Der lange Weg in die Katastrophe“ und „Juli 1914“ von Imanuel Geiss, welche, trotz ihrer dreißigjährigen Existenz nicht an thematischem Wert eingebüßt haben. Sie werden ergänzt durch Veröffentlichungen aus dem neueren Forschungsstand von Christa Pöppelmann („Juli 1914“), Gerd Krumeich („Juli 1914“) und Christopher Clark („Die Schlafwandler“).

2 Balkankrisen und ihre Folgen

2.1 Die Bosnische Annexionskrise 1908/09

Im 19. Jahrhundert waren Krisen zwischen den europäischen Welt- und Großmächten keine Seltenheit. Doch nur sehr wenige spitzten sich derartig zu, dass an ihrem Ende eine kriegerische Auseinandersetzung, wie beispielsweise der Krimkrieg von 1853 bis 1856, stand.[5]

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts gerieten die Mächte jedoch immer stärker aneinander. Ein ausgeprägtes imperialistisches Streben, die Weltpolitik des Deutschen Reiches, sowie ein wachsendes Nationalbewusstsein, welches hauptsächlich kleinere Staaten erfasste und sich mit dem Drang nach Autonomie verband, sind hier als entscheidende Gründe für die Zunahme der Spannungen untereinander anzuführen.[6] Besonders die Balkanregion, Europas vermeintliches Pulverfass, ließ die Militärblöcke nicht zur Ruhe kommen und stellte bestehende Bündniskonstellationen über die Jahre hinweg mehrmals auf die Probe.[7] Vor allem Österreich-Ungarn versuchte aus dem schwindenden Einfluss der Osmanen auf dem Balkan Vorteile zu ziehen. Bereits 1878 okkupierte die Doppelmonarchie daher die türkischen Gebiete Bosnien und Herzegowina. Dreißig Jahre später folgte die Annexion und mit ihr die Krise. Für Österreich-Ungarn ging es hierbei um die Sicherung ihres Großmachtstatus, die Festigung des Einflussbereiches und den Erhalt eines wichtigen finanzwirtschaftlichen Sektors. War die Besetzung der südslawischen Provinzen in den 1870er Jahren auf diplomatischer Ebene weitestgehend ereignislos verlaufen, kamen mit dem Jahrhundertwechsel zwei Probleme hinzu. Auf der einen Seite zielte das aufstrebende Serbien auf einen gesamtsüdslawischen Staat ab, was eine österreichfeindliche Politik als Konsequenz nach sich zog. Auf der anderen Seite änderten sich Russlands kontinentaleuropäische Prioritäten, sodass das Zarenreich zum politischen Gegenakteur auf dem Balkan heranwuchs.[8] Als die Machtverhältnisse zwischen den beiden Vielvölkerstaaten zeitweilig zu Gunsten der kaiserlichen und königlichen (k. u. k.) Monarchie kippten, nutzte Österreich-Ungarn das Ungleichgewicht zur Annexion von Bosnien und Herzegowina. Serbien reagierte auf die aufgezwungenen geopolitischen Umstände mit scharfer Kritik wie vehementen Protesten und setzte auf die Unterstützung Russlands bei eventuellen zukünftigen kriegerischen Verstrickungen.[9] Eine Kriegserklärung gegenüber der Donaumonarchie hätte jedoch eine Intervention des Deutschen Reiches nach sich gezogen, da beide Staaten Mitglieder des Militärbündnisses Dreibund waren.[10] Geschwächt durch den Krieg mit Japan und die anhaltenden revolutionären Unruhen konnte Russland eine solche Konfrontation aber nicht riskieren und ohne den Rückhalt der Schutzmacht war Serbien handlungsunfähig. Österreich-Ungarn war seinerseits ebenfalls nicht in der Position, selbstständig kriegerisch in Aktion zu treten, um territoriale Ansprüche geltend zu machen. Eine Patt-Situation entstand, welche erst 1909 durch eine indirekte militärische Drohung von Reichskanzler Bernhard von Bülow an Russland beendet wurde. Eine Entscheidung mit drastischen internationalen Konsequenzen: Das erniedrigte Zarenreich begegnete der diplomatischen Niederlage mit der Aufrüstung seiner Armee, worauf die deutsche Regierung gleichfalls mit einer Aufstockung der Truppen reagierte, was wiederum Frankreich unter Zugzwang setzte. Hinzu kam, dass sich das Deutsche Reich bereits vor der Bosnischen Annexionskrise in einen ähnlichen Rüstungswettlauf mit England manövriert hatte, sodass mit Ende der Krise fast ganz Europa gegeneinander aufrüstete.[11]

Das unterlegene Serbien sah sich indes mit weitreichenden innenpolitischen Auswirkungen konfrontiert. Der gesellschaftliche und politische Unmut innerhalb der Bevölkerung wuchs und bewirkte eine Radikalisierung des serbischen Nationalismus, welcher fortan das Erschließen von neuen Herrschaftsgebieten als Vorhaben definierte und die habsburgische Monarchie zum bedeutendsten Feind erklärte. In einer von Österreich 1909 abgefangenen Nachricht hieß es: „Österreich ist unter uns Serben und Südslawen eingedrungen. Wir werden es in die Luft sprengen, denn wir sind Sprengstoff.“ Ähnlich radikale Züge wies die 1911 in Serbien gegründete militante Gruppierung „Schwarze Hand“ auf, die in den kommenden Jahren kompromisslos gegen Österreich-Ungarn im In- und Ausland agierte.[12]

2.2 Der Erste und Zweite Balkankrieg

Ernst Schulin bezeichnet in seiner Abhandlung „Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ die Bosnische Annexionskrise als „die Krise, die nicht mehr friedlich beigelegt werden konnte [...]“ und gibt damit einen Ausblick auf die internationalen Folgejahre, in denen sich die ohnehin schwierigen zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa weiter verkomplizierten und die Unruhen auf dem Balkan wuchsen.[13]

Einen Ausgangspunkt dafür bot beispielsweise der durch die Annexion Bosnien und Herzegowinas wieder aufgeflammte russisch-österreichische Antagonismus, welcher zur neuerlichen Intensivierung der Balkanbestrebungen Russlands führte und 1912 in der Gründung einer Allianz der Balkanstaaten gipfelte. Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland agierten in diesem Militärbündnis gemeinsam und unter russischer Schirmherrschaft als Balkanbund.[14] Russlands Einfluss auf die außenpolitischen Bestrebungen der vier Partner blieb jedoch gering, sodass sich die Koalition – dem russischen Unmut zum Trotz – primär gegen die Türkei richtete und Österreich-Ungarn nur eine sekundäre Bedeutung beigemessen wurde.[15] Noch im Oktober des Gründungsjahres erklärte der Balkanbund dem Osmanischen Reich den Krieg und fügte ihm in schweren Gefechten hohe Verluste zu, welche nicht lange kompensierbar waren. Mit der Niederlage im Ersten Balkankrieg und dem darauf folgenden Frieden von London am 30. Mai 1913 verlor die Türkei fast alle Besitzungen auf dem europäischen Kontinent, während das slawische Staatensystem territorial profitierte.[16] Um den Machtzuwachs Serbiens zumindest teilweise einzudämmen, trieben sowohl Österreich-Ungarn als auch Italien mit Kriegsende die Bildung eines neuen Staates voran: Albanien entstand. Die Staatsgründung wirkte zum einen einer weitaus umfangreicheren serbischen Ausdehnung entgegen, zum anderen schränkte sie Serbiens Ambitionen einen Zugang zum Mittelmeer zu bekommen entscheidend ein.[17]

Allerdings währte die kriegerische Ruhe nur kurz, da sich die vormaligen Verbündeten untereinander zerstritten. Allen voran Bulgarien war mit der Gebietsaufteilung nicht zufrieden und geriet sowohl mit Griechenland als auch mit Serbien über das eroberte Mazedonien aneinander. Sein militärischer Aktionismus im Juni 1913 führte zum Zweiten Balkankrieg, blieb in seiner Konsequenz aber erfolglos und brach im Monat darauf vollends zusammen als Rumänien und die Türkei ebenfalls in den Konflikt eingriffen. Im Frieden von Bukarest musste sich Bulgarien letztendlich von umfangreichen territorialen Ansprüchen verabschieden. Rumänien und Griechenland bauten ihren Herrschaftsraum hingegen weiter aus und das Osmanische Reich konnte zumindest einige Gebiete zurückgewinnen.[18] Hauptnutznießer beider Kriege waren die Serben. Russlands Verbündete schafften es ihr Staatsgebiet nahezu zu verdoppeln, was die übrigen Großmächte, insbesondere Österreich-Ungarn, zusehends beunruhigte.[19] Hatte der Vielvölkerstaat mit Beginn des Ersten Balkankrieges die Hoffnung verbunden, dass sich die Balkanvölker hauptsächlich untereinander schaden würden und eine militärische Intervention ausgeschlossen, sahen sie sich mit Verlauf der Balkankonflikte mit einem rasant an Einfluss gewinnenden Serbien konfrontiert.[20] Eine Eskalation der dadurch gewachsenen diplomatischen Spannungen zwischen der Donaumonarchie und dem südslawischen Widersacher verhinderten 1913 lediglich Österreich-Ungarns Bündnispartner Deutschland und Italien.[21] Serbiens außenpolitische Erfolge hatten zwar das eigene Selbstvertrauen gestärkt aber keineswegs den seit der Bosnischen Annexionskrise schwelenden Unmut innerhalb der Gesellschaft zu besänftigen vermocht. Innenpolitisch war das Land gespalten. Alt-Radikale und „Schwarze Hand“ kämpften um die Vormachtstellung im Staat und rückten mit ihrem Kräftemessen die Frage nach der Realisierung der südslawischen Einheit wieder in den Vordergrund.[22]

[...]


[1] Vgl. Grgić, Ružica: „Mir scheint, wir werden heute noch einige Kugeln bekommen.“. Das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914, in: Gehler, Michael und Ortner, René (Hrsg.): Von Sarajewo zum 11. September. Einzelattentate und Massenterrorismus, Innsbruck [u.a.] 2007, S. 24.

[2] Vgl. Schulin, Ernst: Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, in: Michalka, Wolfgang (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung. Wahrnehmung. Analyse, München und Zürich 1994, S. 20–22.

[3] Vgl. Sösemann, Bernd: Die Bereitschaft zu Krieg. Sarajevo 1914, in: Demandt, Alexander (Hrsg.): Das Attentat in der Geschichte, Köln [u.a.] 1996, S. 295.

[4] Vgl. Pöppelmann, Christa: Juli 1914. Wie man einen Weltkrieg beginnt und die Saat für einen zweiten legt, Berlin 2013, S. 11–12.

[5] Vgl. Krumeich, Gerd: Juli 1914. Eine Bilanz, Paderborn 2014, S. 15.

[6] Vgl. Geiss, Imanuel (Hrsg.): Juli 1914. Die europäische Krise und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, 3. Aufl., München 1986, S. 13–14.

[7] Vgl. Pöppelmann 2013, S. 12.

[8] Vgl. Hannig, Alma: Die Balkanpolitik Österreich-Ungarns vor 1914, in: Angelow, Jürgen (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg auf dem Balkan. Perspektiven der Forschung, Berlin 2011, S. 35–36.

[9] Vgl. Geiss, Imanuel: Der lange Weg in die Katastrophe. Die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs 1815-1914, München 1990, S. 250–251.

[10] Vgl. Geiss 1986, S. 13.

[11] Vgl. Geiss 1990, S. 250–251.

[12] Vgl. ebd., S. 284–285.

[13] Vgl. Ernst Schulin 1994, S. 4.

[14] Vgl. Krumeich 2014, S. 34.

[15] Vgl. Hannig 2011, S. 39.

[16] Vgl. Hösch, Edgar: Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, München 1995, S. 183.

[17] Vgl. Krumeich 2014, S. 34.

[18] Vgl. Hösch 1995, S. 183–184.

[19] Vgl. Geiss 1990, S. 265.

[20] Vgl. Hannig 2011, S. 39–40.

[21] Vgl. Geiss 1990, S. 265–266.

[22] Vgl. ebd., S. 285–287.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Attentat von Sarajevo. Politische Ausgangssituation, Tathergang und die historische Bedeutung des Anschlags vom Juli 1914
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V514375
ISBN (eBook)
9783346103284
ISBN (Buch)
9783346103291
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Attentat, Sarajevo, 1914, Balkankrieg, Bosnische Annexionskrise, Erster Weltkrieg, Balkankrise, Balkan, Serbien, Österreich-Ungarn, Annexionskrise, Julikrise
Arbeit zitieren
Madelaine Kühn (Autor), 2019, Das Attentat von Sarajevo. Politische Ausgangssituation, Tathergang und die historische Bedeutung des Anschlags vom Juli 1914, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514375

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