Die Neue Sachlichkeit und Mascha Kaléko


Hausarbeit, 2006

14 Seiten, Note: 2-


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Neue Sachlichkeit und deren spezifische Merkmale

3. Mascha Kaléko in der Neuen Sachlichkeit

4. Bekanntheitsgrad und Gegenwartsbezug von Kalékos Lyrik

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Folgend auf die Wirren des 1. Weltkriegs hielt die Neue Sachlichkeit neben der Bildenden Kunst Einzug in der Deutschen Literatur. Im Folgenden sollen einige der wichtigsten Charakteristika der Neuen Sachlichkeit dargestellt werden. Diese Merkmale sollen in Bezug zu dem Gedicht Großstadtliebe der jüdischen Autorin Mascha Kaléko untersucht werden.

Abschließend wird die Frage zu stellen sein, aus welchen Gründen Kaléko in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts einen hohen Bekannheits-grad genoss, heute jedoch selbst in bekannten Bibliographien zum Teil nicht mehr erwähnt wird und warum es trotzdem so scheint, als würde sie den Nerv der heutige Zeit treffen.

2. Die Neue Sachlichkeit und deren spezifische Merkmale

Dass die Neue Sachlichkeit zeitlich der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik von 1924 bis 1929 zugeordnet werden kann, gilt heute als überholte Meinung.[1] Der Zeitraum von 1920 bis 1933 ist allgemein akzeptiert, denn es muss beachtet werden, dass auch nach 1929 und während der Anfangszeit des Nazi-Regimes weiterhin Literatur erschienen ist, die neusachliche Züge trägt.[2] Wie im Folgenden gesehen werden kann, dient gerade Mascha Kalékos Lyrik als Unterstützung dieser These.

Wie lange angenommen wurde, war der Begriff der Neuen Sachlichkeit nicht erstmals 1925 in der Kunst von Gustav Friedrich Hartlaub zum Anlass der Ausstellung „Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ verwendet worden. Bereits 1918 tauchte der Begriff zum ersten Mal auf. So zum Beispiel in Egon Erwin Kischs Aufsatz „Wesen des Reportes“ (Das literarische Echo 20 (1918), Nr. 8, Sp. 437-440, hier Sp. 437) oder in ähnlicher Form wie „moderner, sachlicher Roman“ in Moritz Heimanns „Über das Authentische; ein Feuilleton“ (Die Weltbühne 20 (1925) I, Nr.14, S.505-510, hier S.505).[3] Aber auch schon Alfred Döblin setzt sich seit 1909 für eine sachliche Ästhetik innerhalb der Literatur ein.[4]

Die Literatur der Neuen Sachlichkeit konnte nicht erst 1924 und später populär geworden sein. Dies wird klar, wenn man die historischen Verhältnisse betrachtet. Der Krieg ist verloren, die harte Realität trifft die Menschen. Ihrer Ideale und Kriegsutopien beraubt müssen sie sich dem Alltag stellen, dem mühsamen Broterwerb, dem Aufbau einer neuen Existenz. Später, im Zuge der Stabilisierungsphase, werden die Menschen mit neuen Lebensformen konfrontiert, sie sind einem Modernisierungsprozess unterworfen, der im Zuge der Industrialisierung, Technisierung und Urbanisierung auf sie zukommt. Nicht zuletzt darf die Krise ab 1929 nicht vergessen werden, welche die Menschen auf ein Neues überrollte.

Im Weiteren sollen einige der wichtigsten Aspekte der neusachlichen Literatur dargestellt werden. Diese werden danach unter Berücksichtigung der Liebesthematik zu dieser Zeit anhand von Mascha Kalékos Lyrik untersucht.

Die Niederlage des Ersten Weltkriegs führte für die Menschen zu einer extremen Ernüchterung und zum Verlust jeglicher Utopie. Die dem Krieg folgende Epche der Neuen Sachlichkeit richtet sich in seiner Nüchternheit und Sachlichkeit explizit gegen den Pathos des Expressionismus. Sie fordert Realitätsbezug.[5] Auch möchte sie die Versachlichung der Inhalte, statt utopischer Vorstellungen sollen nun Fakten geschildert werden.[6] Das Erfahrene soll nicht ausgeschmückt, sondern so wiedergegeben werden, dass es der absoluten Wahrheit entspricht.[7] Der Expressionismus vernachlässige, so Herrmann Wedderkop die tatsächliche, reale Welt, verliere den Kontakt zur Realität, fliehe in die Vision und proklamiere utopische Ideen.[8] Vereinzelt wurden schon vor Ausbruch des Kriegs Stimmen gegen den Expressionismus laut. Dies zeigt eine Äusserung Alfred Döblins von 1911 in der „Futuristischen Worttechnik“. Indem er sagt, es gehe nicht um Verschönerungen und Ausschmückungen, sondern um Einfachheit und Nüchternheit des Stils, spricht er sich deutlich gegen den Expressionismus aus.[9]

Ziel der Neuen Sachlichkeit war in dieser Zeit der Ernüchterung, durch Literatur alle gesellschaftlichen Schichten zu erreichen. Es sollten alle Schichten erreicht werden. Dem Expressionismus war dies durch seine Subjektivität, seine Irrationalität und seinen Pathos nicht möglich. Kunst sollte nun nicht mehr um der Kunst Willen geschaffen werden, sondern für das Volk, das daran teilhaben und dadurch widergespiegelt werden sollte.[10]

Die subjektbezogene Perspektive, die in der expressionistischen Literatur vorherrschte, wurde nun abgelöst durch die der Masse, des Kollektivs. Nun war nicht mehr der einzelne Mensch in der literarischen Darstellung, also das Individuum wichtig, sondern die gesamte Gesellschaft mit jeder ihrer Facetten. Ein Einzelner konnte nicht als eigene Persönlichkeit, sondern lediglich stellvertretend für eine bestimmte soziale Schicht oder einen bestimmten Typus Mensch betrachtet werden. Interessen, die ein Kollektiv vertrat, sollten aufgezeigt werden, nicht, wie im Expressionismus Einzelschicksale. Keine Helden sollten `verehrt´, sondern soziale Typen dargestellt werden. Es zählt also nicht das Leben, die Persönlichkeit, der Zustand eines Individuums, wie dies im Expressionismus im Extremen der Fall war, sondern wichtig in der Neuen Sachlichkeit ist der Bezug zum alltäglichen Leben. Der Zustand der Gesellschaft und der Politik sollten dargestellt werden, also ein Sujet, das aufgrund seiner Thematik alle Menschen, also eine Masse, angeht.[11] In diesem Punkt lässt sich die Neue Sachlichkeit auf ein Zeitalter der Massenmedien und –kultur ein, zu dem es durch bereits oben erwähnte Industrialisierung, Technisierung und Urbanisierung gekommen war. Die Literatur sollte sich abwenden von der Konzentration auf das Individuum, hin zu der auf kulturelle und gesellschaftliche Prozesse. Diese sollten widergespiegelt werden. Dadurch erhält sie eine gesellschaftskritische Funktion und kehrt dadurch aus der eigenen, isolierten und Ichbezogenen `Dichterwelt´ auf den Boden der Tatsachen zurück.[12] So sagt Becker diesbezüglich weiter, Formen der Gesellschaftskritik, wie sie für die den Beginn des Jahrhunderts kennzeichnend seien, ein literarischer Eskapismus etwa oder die zivilisationskritische und fortschrittsfeindliche Besinnung auf Natur und Heimat, erweisen sich in Anbetracht der Tragweite der Modernisierungsprozesse in der Weimarer Republik als anachronistisch und hinsichtlich eines kritischen Potentials als unzureichend bzw. wirkungslos.[13] Diese Hinwendung zur Realität soll in der Literatur durch die Darstellung einzelner Schichten oder Völker in ihrer sozialen, wirtschaftlichen, aber auch kulturellen und politischen Vielfalt gezeigt werden. In der literarischen Realität versuchte man dies durch den Reportagen- oder Berichtstil zu erreichen.[14] Es kann zusammenfassend gesagt werden, dass sich die Literatur der Neuen Sachlichkeit sowohl antiexpressionistisch, als auch antiindividualistische verhält.

[...]


[1] Vgl. Sabina Becker: Neue Sachlichkeit. Band 1: Die Ästhetik der neusachlichen Literatur (1920 – 1933). Böhlau Verlag: Köln, Weimar, Wien, 2000, S.13.

[2] Ebd., S.20.

[3] Ebd., S.41f.;

[4] Ebd., S.65ff.

[5] Vgl. Becker 2000, S.98.

[6] Ebd. S.101.

[7] Ebd. S.21.

[8] Vgl. Herrmann von Wedderkop: Querschnitt durch das Jahr 1922. In: Der Querschnitt 2 (1922/1923), Nr. 1, S. 1-8, hier S. 1, 5, 7 und 8.

[9] Vgl. Alfred Döblin: Futuristische Worttechnik. Offener Brief an F.T. Marinetti (1911). In: Ders.: Schriften zur Ästehtik, Poetik und Literatur, S. 113-119, hier S. 113f. Vgl. hierzu auch das Kapitel über „Nüchternheit“. In: Becker, 2000, S.116-129. Becker spricht hier von einer Proklamation der „Nüchternheit, Einfachheit und Klarheit“ der neusachlichen Literatur, wie auch von einer „Resignation“, von der man „im Sinne einer Erschöpfung der utopistischen Programmatik und den realitätsfernen Ansprüchen des Expressionismus gegenüber“ spricht. Vgl. S. 117 und 119.

[10] Vgl. Wellershof, Irene Astrid: Vertreibung aus dem `kleinen Glück´. Das lyrische Werk von Mascha Kaléko. Aachen 1992, S.7.

[11] Vgl. Becker 2000, S.23.

[12] Ebd., 2000, S.53.

[13] Ebd., 2000, S.54.

[14] Ebd., 2000, S. 250f. Becker verweist hier außerdem auf die von Richard Bie gemachte und in seinem Aufsatz Diagnose der Bühne erschienene Aussage, in dem es heisst, das `traditionelle Seelendrama´ möchte durch ein `Drama der Gemeinschaft´ abgelöst werden. Die hier für das Drama gemachte Aussage, kann allgemein für die neusachliche Literatur geltend gemacht werden. Vgl. Richard Bie: Diagnose der Bühne. In: Die Scheinwerfer 2 (1928), Nr. 3, S.7-9, hier S.3.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Neue Sachlichkeit und Mascha Kaléko
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Liebe - der Wandel in der literarischen Darstellung vom 18. Jh. bis zur Gegenwart
Note
2-
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V51498
ISBN (eBook)
9783638474542
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue, Sachlichkeit, Mascha, Kaléko, Liebe, Wandel, Darstellung, Gegenwart
Arbeit zitieren
Franziska Sperner (Autor), 2006, Die Neue Sachlichkeit und Mascha Kaléko, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51498

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