Der Prozess der Staatsauflösung im marxschen Kommunismus und dessen Folgen für die Rolle des Individuums


Seminararbeit, 2019

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle des Individuums im vorkommunistischen Zustand nach Marx
2.1 Die wirtschaftlichen Verhältnisse im vorkommunistischen Zustand
2.2 Die persönliche und gesellschaftliche Selbstentfremdung

3. Marx Staatsbild und seine staatspolitischen Forderungen
3.1 Generelles Staatsbild von Marx
3.2 Religions- und Freiheitsrechte und die wahre Emanzipation
3.3 Verhältnis von Staat und Gesellschaft und die Rolle der Demokratie

4. Der Prozess des Übergangs in den Kommunismus
4.1 Die Herausbildung des Kommunismus
4.2 Die Kommune als Instrument zur Einführung des Kommunismus

5. Die Rolle des Individuums im vollendeten Kommunismus
5.1 Aufgaben
5.2 Freiheitsräume und Entfaltungsmöglichkeiten
5.3 Bedeutung und Position im System des Kommunismus

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Karl Marx wurde zeit seines Lebens mit Einschränkungen seiner Freiheit konfrontiert. Von der zwanghaften Abkehr seines Vaters vom Judentum, um die Tätigkeit als Rechtsanwalt auszuüben, über die Versagung des Professorenamtes gegenüber Marx aufgrund seines Status als Linkshegelianer, bis hin zum Verbot der Rheinischen Zeitung, für die er tätig war.1 Aufgrund dessen kam Marx wohl schließlich auch zu folgender Überlegung: „[…] menschlich gut kann nur sein, was eine Verwirklichung der Freiheit ist.“2 Um diese Freiheit zu verwirklichen, hat sich Marx während seiner Schaffensphase unter anderem auch ausführlich mit dem Staat, seiner Funktion und dessen Perspektive auseinandergesetzt. Seine Staatstheorie liegt jedoch in keiner geschlossenen Darstellung in einem Werk vor und hat deshalb eher fragmentarischen Charakter.3 Ziel dieser Arbeit ist es zu prüfen, welche Auswirkung die von Marx konstruierte Gesellschafts- und Staatsvorstellung auf das Individuum hat und ob es durch diese der von Marx gewünschten Freiheit näherkommt. Hierzu wird zunächst unter 2. aufgezeigt, wie Marx die Rolle des Individuums im vorkommunistischen Zustand darstellt. Im Folgenden wird unter 3. das marxsche Staatsbild und seine staatspolitischen Forderungen analysiert, bevor im 4. Kapitel der nach Marx erdachte Prozess des Übergangs und der Ausformung des Kommunismus beleuchtet wird. Unter 5. werden schließlich die aus den vorhergehenden Kapiteln gewonnen Erkenntnisse dazu genutzt, um zu erörtern, welche Rolle dem Individuum im vollendeten Kommunismus zukommt. Hierbei werden die Aufgaben, Freiheitsräume und die Bedeutung und Position des einzelnen Individuums im marxschen Kommunismus herausgestellt.

2. Die Rolle des Individuums im vorkommunistischen Zustand nach Marx

Bevor analysiert wird wie Marx sich die Staatsauflösung und die gesellschaftliche Veränderung hin zu einem kommunistischen System vorstellt, soll zunächst erörtert werden wie Marx in seinen Werken die Rolle des Individuums in der kapitalistischen Gesellschaft, also einem vorkommunistischen Zustand, einordnet. Hierzu werden zunächst im Kapitel 2.1 die nach Marx anzutreffenden wirtschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus aufgezeigt, denen das Individuum ausgesetzt ist. Unter 2.2 wird schließlich die persönliche und gesellschaftliche Entfremdung aufgezeigt, die nach Marx auf das Individuum im kapitalistischen System wirkt.

2.1 Die wirtschaftlichen Verhältnisse im vorkommunistischen Zustand

Als Grundlage für seine Analyse der Rolle des Individuums in der kapitalistischen, vorkommunistischen Gesellschaft setzt Marx die gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. So führt er im Vorwort seines Werks „Kritik der politischen Ökonomie“ aus:

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt.“4

Ersichtlich wird hieran, dass Marx davon ausgeht, dass sämtliche Handlungen des Individuums und dadurch auch der Gesellschaft an sich, durch die in der jeweiligen Zeit vorzufindenden Produktionsressourcen geprägt sind, die Marx als Produktivkräfte bezeichnet. Diese würden die Gesellschaft dazu zwingen, in einer von ihrem Willen unabhängigen Weise, zu den vorhandenen Produktionsressourcen passende Produktionsverhältnisse auszubilden. Die hierdurch gebildeten Produktionsverhältnisse sieht Marx wiederum als konstituierend für die Ausbildung der gesellschaftlichen Strukturen an und bezeichnet diese als Basis für alle übrigen politischen, rechtlichen und moralischen Regelungen und Vorstellungen der Gesellschaft. Marx legt folglich die Produktionsverhältnisse als einzigen und bestimmenden Einflussfaktor für die Ausgestaltung einer Gesellschaft fest und spricht damit indirekt dem Individuum und der Gesellschaft die Fähigkeit ab, politische, rechtliche und moralische Werte reflektiert aufgrund von Denk- und Diskussionsprozessen herauszubilden. Ottmann umschreibt diese, alles auf die Produktionsverhältnisse reduzierende Ansicht von Marx, prägnant mit der Bemerkung, dass diese den Eindruck erwecke, „als ob sich die Geschichte ökonomisch und technologisch determiniert vollziehen würde, eine Art Automatik von technologischem Fortschritt, unpassend werdenden Produktionsverhältnissen und darauf folgender Sprengung der Fesseln.“5

Unter Berücksichtigung des oben beschriebenen Konzeptes deutet Marx schließlich auch die Verhältnisse im frühkapitalistischen Zeitalter. So führt er im dritten Band seines Werkes „Das Kapital“ aus:

„Die spezifische ökonomische Form, in der unbezahlte Mehrarbeit aus den unmittelbaren Produzenten ausgepumpt wird, bestimmt das Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis, wie es unmittelbar aus der Produktion selbst hervorwächst und seinerseits bestimmend auf sie zurückwirkt. Hierauf aber gründet sich die ganze Gestaltung des ökonomischen, aus den Produktionsverhältnissen selbst hervorwachsenden Gemeinwesens und damit zugleich seine spezifische politische Gestalt. Es ist jedesmal das unmittelbare Verhältnis der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten (…), worin wir das innerste Geheimnis, die verborgene Grundlage der ganzen gesellschaftlichen Konstruktion und daher auch der politischen Form des Souveränitäts- und Abhängigkeitsverhältnisses, kurz, der jedesmaligen spezifischen Staatsform finden.“6

Demzufolge sieht Marx im kapitalistischen Wirtschaftssystem den einfachen Arbeiter, der von ihm als unmittelbarer Produzent bezeichnet wird, in einer Ausbeutungsmaschinerie gefangen, die ihn zu unbezahlter Mehrarbeit zwingt und ihn in eine wirtschaftlich unterlegene Position gegenüber dem Kapitalisten drängt. Marx Ansatz folgend bildet sich diese unterlegene Position zwangsweise dann auch in den hieraus erst entstehenden kulturellen und politischen Gegebenheiten ab. So eröffne die politische Betätigung für den Arbeiter keine Möglichkeit sich von dem totalen Abhängigkeits- und Unterdrückungsverhältnis gegenüber der überlegenen Klasse zu lösen, da sich auch die politische Arena allein nach den Charakteristika der vorhandenen Produktionsverhältnissen herausbilde und die vorgefundenen Machtverhältnisse übernehme. Diese Sichtweise von Marx wird schließlich besonders gut in dem von Marx und Engels verfassten „Manifest der Kommunistischen Partei“ deutlich, in dem ausgeführt wird: „Das Proletariat […] kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.“7 Eine politische Betätigung des Individuums in einem vorkommunistischen System wird demnach von Marx strikt abgelehnt. Als nötig erachtet er vielmehr die Abschaffung und Zerstörung des bisherigen politischen Systems, wie aus dem obigen Zitat klar ersichtlich ist.

Ein „Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis“8 in der Wirtschaft und die hieraus hervorgehende Unterdrückung in Politik und Gesellschaft, sieht Marx zu seinen Lebzeiten allein zwischen den zwei von ihm charakterisierten Klassen der Bourgeoisie und dem Proletariat. So führt er im „Manifest der kommunistischen Partei“ aus: „ […] immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von Kollisionen zweier Klassen an.“9 Wie es Marx Ansicht nach zur Unterdrückung des Proletariats durch die Bourgeoisie kommt, wird ausführlich im ersten Buch des Werkes „Das Kapital“ behandelt. Marx setzt als Ursprung der Möglichkeit der Ausbeutung des Proletariats durch die Bourgeoisie, die im Kapitalismus vorzufindende Nutzung der Arbeitskraft des Arbeiters durch den Kapitalisten:

„Das Produkt ist Eigentum des Kapitalisten, nicht des unmittelbaren Produzenten, des Arbeiters. Der Kapitalist zahlt z. B. den Tageswert der Arbeitskraft. […] Dem Käufer der Ware gehört der Gebrauch der Ware, und der Besitzer der Arbeitskraft gibt in der Tat nur den von ihm verkauften Gebrauchswert, indem er seine Arbeit gibt. […] Der Arbeitsprozeß ist ein Prozeß zwischen Dingen, die der Kapitalist gekauft hat, zwischen ihm gehörigen Dingen. Das Produkt dieses Prozesses gehört ihm daher ganz ebensosehr, als das Produkt des Gärungsprozesses in seinem Weinkeller.“10

Marx sieht im Kapitalismus die Arbeitskraft des Arbeiters also dadurch herabgewürdigt, dass sie nur noch einen weiteren Produktionsfaktor darstelle, um ein Endprodukt herzustellen. Viel bedeutender für Marx ist jedoch der von ihm so bezeichnete Mehrwert, der durch diesen Prozess gewonnen wird und der sich aus dem Prozess der Umwandlung von Geld in Ware und dann wiederum in Geld vollzieht, worin sich jedoch nun der aus der Arbeitskraft gewonnene Mehrwert befindet, der jedoch allein zugunsten des Kapitalisten geht11. Marx folgert hieraus:

„[…] das Kapital – und der Kapitalist ist nur das personifizierte Kapital, fungiert im Produktionsprozeß nur als Träger des Kapitals -, also das Kapital pumpt in dem ihm entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsprozeß ein bestimmtes Quantum Mehrarbeit aus dem unmittelbaren Produzenten oder Arbeitern heraus, Mehrarbeit, die jenes ohne Äquivalent erhält, und die ihrem Wesen nach immer Zwangsarbeit bleibt, wie sehr sie auch als das Resultat freier kontraktlicher Übereinkunft erscheinen mag.“12

Hieran wird ersichtlich, dass Marx sowohl die Klasse der Bourgeoisie, als auch die Proletarier als Getriebene des kapitalistischen Systems betrachtet. So sieht er den einzelnen Kapitalisten zwangsweise dem aufgrund der Systemumstände wirkenden Drang zur Mehrwerterzielung in Form der Umwandlung von Geld in Ware und dann wiederum in Geld ausgesetzt. Dagegen stuft Marx die Tätigkeit des Arbeiters noch prekärer, nämlich als Zwangsarbeit ein. Jedoch verweist er darauf, dass diese im Alltag des kapitalistischen Wirtschaftens nicht offensichtlich als solche erscheint, sondern Kapitalist und Arbeiter zunächst „zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer“13 erscheinen würden. Aus der aufgezeigten Kritik von Marx an der Mehrwertgewinnung des Kapitalisten durch die Mehrarbeit des Arbeiters ziehen Butollo und Nachtwey schließlich den treffenden Schluss, dass es Marx durch seine Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise nicht darum gegangen sei, lediglich die ungerechte Verteilung des generierten Mehrwerts zu kritisieren, sondern vielmehr aufzuzeigen, dass in seinen Augen dieses kapitalistische System ein würdevolles Leben sowohl für den Arbeiter als auch für den Kapitalisten unmöglich mache.14

Als Ausgangspunkt für die zwanghafte Akkumulation des Kapitals durch Kapitalisten und die Leistung von Mehrarbeit durch den Proletarier sieht Marx die Teilung der Arbeit. So führt er an:

„Und endlich bietet uns die Teilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar, daß […] die eigne Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht. Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann […], wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will.“15

Marx sieht den Menschen also in einer Art Falle gefangen, in die er sich dadurch begibt, dass er sich einer bestimmten Tätigkeit zuwendet, um dadurch seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dies führe dazu, dass sich der Mensch durch jene Spezialisierung in eine gewisse Abhängigkeit von dieser Tätigkeit begebe, da er den Ertrag der Tätigkeit in Form des Lohns zur Überlebenssicherung benötige. Folgt man dem angeführten Denkmuster ist die berufliche Tätigkeit der Einzelperson also eine Art Druckelement, das den Einzelnen in eine existenzielle Abhängigkeit zieht. Reese-Schäfer liest deshalb aus dieser Marxschen Auffassung die Forderung heraus, dass es nach der Lehre von Marx das Ziel sein müsse, neben dem Privateigentum, auch insbesondere die Arbeitsteilung an sich aufzuheben, da jene nach Marx konstituierend für die Entfremdung des Menschen sei.16 Diese Folgerung erscheint aufgrund der negativen Einstellung von Marx bezüglich der Arbeitsteilung folgerichtig, jedoch finden sich im weiteren Werk von Marx keine stichhaltigen Hinweise, wie man sich eine solche Auflösung der Arbeitsteilung praktisch vorstellen kann.

2.2 Die persönliche und gesellschaftliche Selbstentfremdung

Die soeben thematisierten Missstände des kapitalistischen Wirtschaftens, namentlich die privilegierte Position des Kapitalisten durch die vollständige Aneignung des Mehrwerts und die vorhandene zwanghafte Arbeitsteilung, ist für Marx Ausgangspunkt einer von ihm erörterten Selbstentfremdung des Menschen von seiner Arbeit und letzten Endes auch von der Gesellschaft. Den Prozess der Selbstentfremdung beschreibt Marx ausführlich in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“. Dabei setzt er als Basis für die bloße Möglichkeit der Selbstentfremdung,

„daß der Arbeiter zur Ware und zur elendesten Ware herabsinkt, daß das Elend des Arbeiters im umgekehrten Verhältnis zur Macht und zur Größe seiner Produktion steht, daß das notwendige Resultat der Konkurrenz die Akkumulation des Kapitals in wenigen Händen, also die fürchterlichere Wiederherstellung des Monopols ist, […] und die ganze Gesellschaft in die beiden Klassen der Eigentümer und eigentumslosen Arbeiter zerfallen muß.“17

An diesem Zitat wird deutlich, dass Marx den Prozess der Entfremdung, allein auf eine falsche, durch den Menschen vorgenommene, Ausgestaltung der Wirtschaftsbeziehung zurückführt. Als dem Arbeiter fremde gegenüberstehende Macht sieht Marx den Kapitalisten, der den Arbeiter zu folgendem Vorgehen zwingen würde:

„Da vor seinem Eintritt in den Prozeß seine eigene Arbeit ihm selbst entfremdet, dem Kapitalisten angeeignet und dem Kapital einverleibt ist, vergegenständlicht sie sich während des Prozesses beständig in fremdem Produkt. […] Der Arbeiter selbst produziert daher beständig den objektiven Reichtum als Kapital, ihm fremde, ihn beherrschende und ausbeutende Macht.“18

Marx konstruiert den Arbeitsprozess also als eine sich immer weiter verstärkende Spaltung zwischen Arbeitern und Kapitalisten, in denen die Arbeiter gerade durch ihre Arbeit ihre Unterdrückung immer weiter vertiefen und sich dadurch immer stärker von ihrer Arbeit entfremden würden. Henning fasst die Folgerungen, die sich aus der Ansicht von Marx zum Entfremdungsprozess der Arbeit ergeben, treffend zusammen, wenn er ausführt, dass es nach Marx also drei Ursachen der Entfremdung vom Arbeitsprozess gebe: zum einen würden die Arbeitenden keine Kontrolle mehr über das Produkt des Arbeitsprozesses haben, ferner würde der Arbeitsprozess nicht mehr durch den Arbeiter, sondern den Kapitalist bestimmt und das Kapital würde in seiner politischen Macht bezüglich der Bestimmung genereller makrosoziologischer Verhältnisse gestärkt.19 Hieran wird gut ersichtlich, welche umfassenden und tiefgreifenden Folgen Marx dem System der Lohnarbeit und der Arbeitsteilung zuschreibt.

Diese negativen Auswirkungen der Lohnarbeit, wie sie sich nach Marx darstellen, beschreibt er in seinem Werk noch ausführlicher. So argumentiert er:

„[…] daß die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen.“20

Dies zeigt, dass Marx die Problematik, die zur Selbstentfremdung des Arbeiters führe, insbesondere in dem Umstand sieht, dass der Arbeiter seinen Lebenssinn nicht mehr in der Arbeit erblicken könne. Vielmehr sei dem Arbeiter im Kapitalismus die Abhängigkeit von seiner Arbeit zur physischen Existenzsicherung bewusst. Dadurch würde sich wiederum der Fokus des Arbeiters zur Sinnsuche auf Tätigkeiten außerhalb der Arbeit verlegen und die Arbeit zu einem reinen Mittel werden, um die Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen fern von der Arbeit zu realisieren. Marx schließt hieraus, dass sich durch die Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit eine bedeutende Veränderung bezüglich der Rolle der Arbeit einstelle. So führt er an:

„Es kömmt daher zu dem Resultat, daß der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, […] sich als freitätig fühlt und in seinen menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.“21

Marx entnimmt hieraus also, dass sich der Arbeiter, dadurch, dass er sich nicht mehr in seiner Arbeit wiederfinde, nach anderen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung und der Sinnhaftigkeit umschaue, da die Sinnhaftigkeit der Arbeit ihm verloren gegangen sei. Hierbei wird ersichtlich, welch hohe Rolle Marx der Arbeit zurechnet, bezeichnet er diese doch als typisch menschliche Funktion, die ihn von einem Tier unterscheide. Gerade diese gehobene Rolle kann die Arbeit für den entfremdeten Menschen nach Marx jedoch nicht mehr erfüllen. Als Kompensation sucht sich der Arbeiter demnach andere Tätigkeiten, die er in der natürlichen Bedürfnisbefriedigung in Form der Nahrungsaufnahme und seiner Fortpflanzungsfunktion wiederfindet und sich deshalb in diesen zu erfüllen versucht. Dies führe jedoch dazu, dass den Menschen, nach dieser geänderten Fokussierung, nichts mehr von einem Tier unterscheide, weswegen sich ja gerade der Mensch entfremdet vorkommen müsse. Röhrich umschreibt diese Charakterisierung des entfremdeten Menschen präzise als ein geändertes Lebensinteresse des entfremdeten Arbeiters, die sich auf die Sphäre des Konsums verlagert habe.22

Neben dieser, auf die individuelle Arbeit des Einzelnen abstellenden Entfremdungsbeobachtung, eruiert Marx auch noch eine Entfremdung des einzelnen Arbeiters von seinem Gattungswesen, die er aus der individuellen Entfremdung von der Arbeit ableitet. So schreibt er:

„Der Gegenstand der Arbeit ist daher die Vergegenständlichung des Gattungslebens des Menschen […]. Indem daher die entfremdete Arbeit dem Menschen den Gegenstand seiner Produktion entreißt, entreißt sie ihm sein Gattungsleben, seine wirkliche Gattungsgegenständlichkeit […]. Ebenso indem die entfremdete Arbeit die Selbsttätigkeit, die freie Tätigkeit, zum Mittel herabsetzt, macht sie das Gattungsleben des Menschen zum Mittel seiner physischen Existenz.“23

Marx betrachtet demnach die Arbeit als etwas für die Menschheit, respektive das Gattungswesen, identitäts- und sinnstiftendes. Wenn nun aber der Mensch sich von seiner individuellen Tätigkeit entfremdet, kann sich der Mensch auch nicht mehr in seinem Gattungswesen vollumfänglich wiedererkennen. Hierbei ist der Gedanke Ottmanns aufzunehmen, dass bei Marx der Begriff des Gattungswesens Ausdruck des Naturalismus sei und zeige, dass Marx davon ausgehe, dass der Mensch von der Natur lebe und diese ihm eine Art zweiter Leib sei.24 Somit muss der, durch seine individuelle Arbeit entfremdete Mensch, in seinem Gattungswesen und somit der Natur ein alleiniges Mittel zur bloßen Lebenserhaltung erkennen, die er ja schon bereits in seiner individuellen Tätigkeit erblickt. Diese Beobachtung entfremdet den Arbeiter nach Marx also schließlich auch von seinem Gattungswesen. Auf einer letzten Stufe überträgt Marx die zuvor beschriebenen Entfremdungstendenzen schließlich noch auf die Ebene der zwischenmenschlichen Beziehung einzelner Personen:

„Überhaupt der Satz, daß dem Menschen sein Gattungswesen entfremdet ist, heißt, daß ein Mensch dem anderen, wie jeder von ihnen dem menschlichen Wesen entfremdet ist. Die Entfremdung des Menschen, […] drückt sich aus in dem Verhältnis, in welchem der Mensch zu den anderen Menschen steht. Also betrachtet in dem Verhältnis der entfremdeten Arbeit jeder Mensch den anderen nach dem Maßstab und dem Verhältnis, in welchem er selbst als Arbeiter sich befindet.“25

Marx vertritt somit die Auffassung, dass die Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit dazu führe, dass sich die Menschen jeweils gegenseitig als reine Wirtschaftssubjekte betrachten würden. Engel überträgt diese Entfremdungslehre von Marx anschaulich auf die Kritik die aus ihr hervorgehe: durch die Möglichkeit des kapitalistischen Systems „die Ware Arbeitskraft“ auf Märkten zu handeln, komme es letzten Endes dazu, dass „die Ware Mensch“ auf den Märkten gehandelt werde, was dazu führe, dass der Mensch einen Tauschwert vorweisen müsse, um seine physische Existenz zu sichern.26

Hieraus wird ersichtlich, dass Marx insbesondere an der Verwertungslogik des kapitalistischen Wirtschaftens seine Kritik und seine Entfremdungslehre aufbaut. So sieht er die Produktionsverhältnisse nicht nur als Ursprung der Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit, also der persönlichen Selbstentfremdung, sondern leitet hieraus auch eine Entfremdung des Arbeiters von der Natur und seinen Mitmenschen, also eine gesellschaftliche Selbstentfremdung, ab.

3. Marx Staatsbild und seine staatspolitischen Forderungen

Nachdem die marxsche Charakterisierung der Rolle des Individuums im vorkommunistischen Zustand untersucht wurde, sollen im Folgenden seine staatspolitischen Vorstellungen näher erörtert werden. Hierzu wird zunächst Marx generelles Staatsbild aufgezeigt, bevor seine Position zu Religions- und Freiheitsrechten und einer anzustrebenden menschlichen Emanzipation erörtert wird. Abschließend werden Marx Vorstellungen zum Verhältnis von Staat und Gesellschaft und der Rolle der Demokratie kritisch beleuchtet.

3.1 Generelles Staatsbild von Marx

Marx betrachtet den modernen Staat als reine Ausformung und Folge der kapitalistischen Produktionsbedingungen. Dabei greift er auf seine bereits unter 2.1 erörterte Theorie, die die wirtschaftlichen Verhältnisse als Einflussfaktor für alle übrigen gesellschaftlichen Institutionen ansieht, zurück. Er schreibt hierzu:

„Durch die Emanzipation des Privateigentums vom Gemeinwesen ist der Staat zu einer besonderen Existenz neben und außer der bürgerlichen Gesellschaft geworden; er ist aber weiter nichts als die Form der Organisation, welche sich die Bourgeois sowohl nach außen als nach innen hin zur gegenseitigen Garantie ihres Eigentums und ihrer Interessen notwendig geben.“27

[...]


1 Vgl. Ottmann (2008): Geschichte des politischen Denkens, S. 149 f.

2 Marx (1842): Debatten über Preßfreiheit, S. 54.

3 Vgl. Röhrich (2018): Karl Marx und seine Staatstheorie, S. 1.

4 Marx (1859): Zur Kritik der Politischen Ökonomie, S. 8 f.

5 Ottmann (2008): Geschichte des politischen Denkens, S. 163 f.

6 Marx (1894): Das Kapital. Dritter Band. Buch 3, S. 799 f.

7 Marx/Engels (1848): Manifest der kommunistischen Partei, S. 472 f.

8 Marx (1894): Das Kapital. Dritter Band. Buch 3, S. 799.

9 Marx/Engels (1848): Manifest der kommunistischen Partei, S. 470.

10 Marx (1890): Das Kapital. Erster Band. Buch 1, S. 200.

11 Vgl. hierzu die Ausführungen von Marx (1890): Das Kapital. Erster Band. Buch 1, S. 165.

12 Marx (1890): Das Kapital. Erster Band. Buch 1, S. 827.

13 Marx (1890): Das Kapital. Erster Band. Buch 1, S. 182.

14 Vgl. Butollo/Nachtwey (2018): Marx und die Kritik des Kapitalismus, S. 22.

15 Marx/Engels (1932): Die deutsche Ideologie, S. 33.

16 Reese-Schäfer (2016): Klassiker der politischen Ideengeschichte, S. 208.

17 Marx (1844): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, S. 510.

18 Marx (1890): Das Kapital. Erster Band. Buch 1, S. 596.unten

19 Vgl. Henning (2017): Marx und die Folgen, S. 59 f.

20 Marx (1844): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, S. 514.

21 Marx (1844): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, S. 514 f.

22 Vgl. Röhrich (2018): Karl Marx und seine Staatstheorie, S. 24.

23 Marx (1844): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, S. 517.

24 Vgl. Ottmann (2008): Geschichte des politischen Denkens, S. 158 f.

25 Marx (1844): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, S. 518.

26 Vgl. Engel (2005): Entfremdung - der Preis der Moderne, S. 47.

27 Marx/Engels (1932): Die deutsche Ideologie, S. 62.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Prozess der Staatsauflösung im marxschen Kommunismus und dessen Folgen für die Rolle des Individuums
Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
31
Katalognummer
V515013
ISBN (eBook)
9783346107961
ISBN (Buch)
9783346107978
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marx, Individuum, Kommunismus, Freiheit, Kapital, Kapitalismus, Philosophie, Mensch, Gesellschaft, Wirtschaft, Engels, Kommunistische Manifest, Marx Engels Werke, Diktatur, Proletariat
Arbeit zitieren
Florian Hertle (Autor), 2019, Der Prozess der Staatsauflösung im marxschen Kommunismus und dessen Folgen für die Rolle des Individuums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515013

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