In dieser Arbeit wird das Gleichnis „vom verlorenen Schaf“ genauer analysiert. Dieses Gleichnis ist sowohl im Lukasevangelium 15,1-7, als auch im Evangelium nach Matthäus 18,12-13 zu finden. In dem Gleichnis wird von dem Verlust und dem Wiederfinden eines Schafes erzählt.
Wenn man sich den Verlauf der Gleichnisforschung anschaut, findet man viele Definitionen einzelner Theologen, wie die von A. Jülicher, Bultmann oder Jeremias. Zunächst wurden Gleichnisse als Allegorien verstanden. Also mehrere Metaphern, die aneinandergereiht sind und einzeln verstanden werden müssen. A. Jülicher wandte sich jedoch von dieser Theorie ab und erweiterte die Gleichnisforschung vor knapp 100 Jahren mit seiner eigenen Theorie. Er behauptet, man müsse zwischen Gleichnissen im engeren Sinne, Parabeln und Allegorien unterscheiden. Gleichnisse im engeren Sinne sieht er als alltägliche Vorgänge an. Parabeln beschreibt er als außergewöhnliche Vorgänge und Allegorien als metaphorische Deutungen der späteren Tradition. Jülicher sagt, Gleichnisse bestehen immer aus zwei Hälften. Zum einen die Sachhälfte und zum anderen die Bildhälfte, welche durch das „tertium comparationis“ verbunden sind. Diese neue Deutung von A. Jülicher hatte den Grundzug der konstituierten Rätselhaftigkeit dieser Texte verstellt.
Allgemein kann man sagen, dass ein Gleichnis eine Redegattung ist, bei der die bestimmten Aussagen des Textes mit Hilfe eines Bildwortes veranschaulicht werden. Ähnlich wie bei Metaphern. Daher werden sie auch als „entfaltete Metapher“ bezeichnet, die das Bild eines alltäglichen Geschehens verstärkt ausschmücken sollen. Gleichnisse haben als Aufgabe, Erfahrungen und Visionen in Sprache zu bringen, die auf andere Weise schwer auszudrücken sind. Sie tragen außerdem eine Rätselhaftigkeit mit sich, die herausfordert, sich genauer mit der Aussage des Textes zu beschäftigen und sind somit Diskussionsstarter und Handlungsappell zugleich. Selbst die zunächst scheinbar einleuchtenden Texte, sind auf den zweiten Blick eher irritierend. So stellt man sich bei dem Gleichnis „vom verlorenen Schaf“ in Lk 15,1-7 [...].
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition Gleichnis
3. Form
4. Geschichtlicher Kontext
5. Textanalyse
5.1 Aufbau und Inhalt
5.2 Interpretation
6. Ezechiel 34, 11-16
6.1 Inhaltliche Analyse und Interpretation
6.2 Vergleich Lk15, 1-7 und Ez34, 11-16
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lk 15,1-7) unter formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten, um die Intention Jesu sowie die biblische Metaphorik von Hirte und Herde zu ergründen. Ziel ist es, die bedingungslose Zuwendung Gottes zu den Verlorenen herauszuarbeiten und durch einen Vergleich mit dem alttestamentlichen Text Ezechiel 34, 11-16 die theologische Tiefe der Erzählung zu verdeutlichen.
- Definition und Gattungsbestimmung von Gleichnissen
- Formale Analyse der Erzählstruktur in Lk 15,1-7
- Kontextuelle Einbettung der Reiseberichte Jesu
- Vergleich der Metaphorik bei Lukas und Ezechiel
- Bedeutung von Gemeinschaft und göttlicher Fürsorge
Auszug aus dem Buch
5.2 Interpretation
Wenn man sich das erste Ereignis des Gleichnisses anschaut, scheint die Handlung des Hirten völlig einsichtig. Die Aufgabe eines Hirten ist es, für die Vollständigkeit seiner Herde zu sorgen. Wenn eines verloren geht, hat er dies zu kompensieren. Also zieht er los, begibt sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf und kommt so seiner fundamentalen Aufgabe als Hirte nach. Auf den zweiten Blick fragt man sich trotz allem, ob er durch die gestartete Suche, die anderen 99 Schafe, welche von ihm zurückgelassen werden, gefährdet und somit seine Pflicht als Hirte erneut verletzt. Man könnte allerdings davon ausgehen, dass der Hirte „die Einöde“ (Die Bibel: Lk 15,4) und Berge, die im Text beschrieben sind als Schutz- und sicheren Zufluchtsort sieht. Das Tal und die Schlucht hingegen als Gefahr, weshalb er ohne großes Zögern, seine 99 Schafe auf dem scheinbar sicheren Berg zurücklassen kann.
Dennoch bleibt die Verwunderung über die geopferte Zeit und Mühe in Relation zu dem Wert des einzelnen Schafes. Ist das eine Schaf mehr wert, als all die anderen zusammen? Diese Frage wird durch die aufkommende Freude nach dem Wiederfinden enorm verstärkt. Der Hirte trägt das wiedergefundene Schaf auf seinen Schultern, ruft seine Mitmenschen zusammen und fordert zur Mitfreude auf.
Die Auskunft, dass der Hirte das wiedergefundene Schaf auf seinen Schultern zurückträgt, soll die Liebe zu jedem einzelnen seiner Schafe zeigen. Es findet kein Tadeln statt, das Schaf wird nicht zur Verantwortung für den aufgekommenen Aufwand oder das Risiko der 99 alleingelassenen Schafe gezogen. Einzig und allein die Freude über das verlorene bzw. wiedergefundene Schaf steht im Vordergrund. Deutlich wird hier, dass allein im Finden Gottes Ziel liegt. Ist dieses erreicht, hat man alles geschafft, worauf es im Glauben ankommt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Analyse des Gleichnisses vom verlorenen Schaf ein und erläutert die methodische Vorgehensweise sowie die Abgrenzung zum Matthäusevangelium.
2. Definition Gleichnis: Dieses Kapitel klärt den literaturwissenschaftlichen Begriff des Gleichnisses, insbesondere unter Einbezug der Thesen von A. Jülicher.
3. Form: Hier werden die formalen Eigenschaften der Erzählung beleuchtet, wobei der Fokus auf der Dramaturgie und den typischen Merkmalen des Gleichnisses liegt.
4. Geschichtlicher Kontext: Das Kapitel bettet das Gleichnis in den historischen Rahmen der Reiseberichte Jesu ein und thematisiert die Bedeutung der Tischgemeinschaft.
5. Textanalyse: Dieser Teil widmet sich dem Aufbau und der Interpretation des spezifischen Bibeltextes Lk 15,1-7 sowie der Intention Jesu.
6. Ezechiel 34, 11-16: In diesem Kapitel wird der alttestamentliche Vergleichstext analysiert und inhaltlich mit dem Gleichnis bei Lukas in Beziehung gesetzt.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, in der die Gemeinsamkeiten der Hirten-Metaphorik und die zentrale Botschaft der göttlichen Fürsorge betont werden.
Schlüsselwörter
Gleichnis, verlorenes Schaf, Lukasevangelium, Ezechiel, Hirtenmetaphorik, Gotteserkenntnis, Fürsorge, Sünder, Umkehr, Gemeinschaft, biblische Exegese, biblische Didaktik, Heilsverheißung, Textanalyse, neutestamentliche Forschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer exegetischen und interpretatorischen Analyse des Gleichnisses vom verlorenen Schaf nach Lukas 15,1-7.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Gattungsbestimmung von Gleichnissen, die Bedeutung der Hirten-Metaphorik sowie die Frage nach der göttlichen Zuwendung zu den Verlorenen.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die spezifische Intention Jesu im lukianischen Gleichnis herauszuarbeiten und durch einen Vergleich mit Ezechiel 34 die Kontinuität der Heilsverheißung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine textanalytische Vorgehensweise gewählt, die auf historisch-kritischen Grundlagen und bibeldidaktischen Kommentaren basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine formale Analyse, die Kontextualisierung, eine detaillierte Textinterpretation von Lukas 15 und einen Vergleich mit dem Ezechiel-Text.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Gleichnis, Hirtenmetaphorik, göttliche Fürsorge, Gemeinschaft und Exegese definiert.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Hirten bei Lukas und Ezechiel?
Bei Lukas agiert der Hirte als handelnde Person, die den Verlust ausgleicht, während bei Ezechiel Gott explizit selbst als Hirte auftritt, um sein verstreutes Volk zu sammeln.
Welche Bedeutung hat das Feiern am Ende der Erzählung?
Das Feiern unterstreicht die enorme Bedeutung der Wiederaufnahme eines Einzelnen in die Gemeinschaft und ist ein Ausdruck göttlicher Freude über die Rückkehr eines Sünders.
- Arbeit zitieren
- Julia Michel (Autor:in), 2019, Exegese des Gleichnisses vom verlorenen Schaf (Lk 15, 1-7), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515132