Pronominale Anredeform im "Parzival". Schwierigkeiten der angemessenen Verwendung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung

2. Pronominale Anreden im „Parzival“
2.1 Parzivals erste Begegnung mit einem Ritter
2.2 Das Aufeinandertreffen der Brüder

3. Ergebnis

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang

1. Fragestellung

„Die Geschichte der Anredeformen ist ein Teil der Geschichte der sozialen Rangordnungen und Höflichkeiten.“1 Sie unterliegt zu jeder Zeit Veränderungen und Sprecher passen sie den jeweils geltenden Konventionen an. Durch die Wahl der Anrede schätzt man das Verhältnis zum Angeredeten ein. So kann beispielsweise Respekt, Überlegenheit, Distanz und Zusammengehörigkeit ausgedrückt werden. Die Entscheidung, welche Form der Anrede verwendet werden darf, unterliegt dem Rahmen der durch die Sprachgemeinschaft festgelegten Konvention und kann nur teilweise durch den Sprecher entschieden werden, da es sonst zu Fehlinterpretation und Irritationen auf der Seite des Rezipienten kommen kann.2

Ziel der Hausarbeit „Pronominale Anredeform im „Parzival“ – Schwierigkeiten der angemessenen Verwendung“ ist es, exemplarisch anhand einiger Beispiele die pronominale Anredeform auf ihre Verwendung, mögliche Konventionen und Funktion in Bezug auf den Rezipienten, sowie mögliche Probleme zu untersuchen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um das Redeverhalten Parzivals und um die Verwendung von du und ihr in Anreden von ihm und an ihn. Die entscheidende Frage, welche es zu klären gilt ist also, wann welche Form der pronominalen Anrede gebraucht wird. In diesem Zusammenhang wird außerdem betrachtet, ob eine Rangfolge innerhalb der Konventionen besteht. Das heißt, ob unter Beachtung verschiedener Faktoren, diese eine unterschiedliche Wertigkeit in Bezug auf die Wahl der Anredeform haben. Abschließend ist eine Auflistung der Verwendung in bestimmten Situationen des Werkes dargestellt, welche als Zusammenfassung der herausgearbeiteten Erkenntnisse stehen soll.

Die Bearbeitung wird sowohl unter sprachwissenschaftlichen, literaturwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Aspekten erfolgen, da dass Verwenden von Anredeformen sich auf Grund der Problematik kaum auf einen dieser Bereiche fixieren lässt.

Um dieses Thema bewerkstelligen zu können, dient die These, dass Parzival Probleme bei der angemessenen Verwendung der pronominalen Anredeform hat als Grundlage. Ein Sprecher, welcher ohne Wissen bezüglich gesellschaftlicher Konventionen aufwächst, hat große Schwierigkeiten bei der Wahl einer angemessenen Anredeform. Parzival wird im gleichnamigen Werk immer wieder vor das Problem der Verwendung einer pronominalen Anredeform gestellt. Da er keine höfische Erziehung in seiner Kindheit genießt und demnach auch die vorherrschenden Konventionen nicht vermittelt bekommt, ist für ihn nicht immer eindeutig, welche Form in den jeweiligen Situationen angemessen wäre.

In der Forschung gibt es zahlreiche Ansätze bezüglich der Anredeformen, welche teilweise in die Hausarbeit eingehen sollen. Besonders hilfreich sind die Erkenntnisse von Otfrid Ehrismann, welcher in: „Kommunikationsformen im Wandel der Zeit“ mehreren Aspekte der Anrede betrachtet. Allerdings muss gesagt werden, dass es keine vollständige Übersicht mit Regeln und Konventionen zu der Zeit gibt. Die Wissenschaft kann nachweisen, dass pronominale Anredeformen gattungsabhängig sind und sich in unterschiedlichen Werken nicht in eine gemeinsame Form bringen lassen. Dazu werden einzelne Textstellen herausgegriffen und auf ihre Kommunikationsstruktur analysiert. Das heißt, es können Aussagen über Funktion und Verwendung von Anredeformen in Teiluntersuchungen unter Zuhilfenahme von Textbeispielen getroffen, jedoch keine vollständige Konvention abgeleitet werden.

2. Pronominale Anreden im „Parzival“

Parzival wächst fernab vom Hof auf und erhält deshalb keine höfische Erziehung. Das bedeutet für das Verständnis von Anredeformen, dass er keine Notwendigkeit darin sieht, jemanden mit einer anderen Form als Du anzusprechen. Im Laufe des Werkes lernt er Konventionen, also Regeln kennen, wie er sich gegenüber anderen, teilweise fremden Menschen zu Verhalten hat. Dieses Unwissen führt des Öfteren zu irritierenden Situationen.

2.1 Parzivals erste Begegnung mit einem Ritter

So trifft er im III. Buch auf ein paar fremde Ritter, welchen er durch Zufall während der Jagd begegnet. Vom Hufgetrappel fasziniert stellt er sich mitten auf den Weg und wartet, bis sie nahe genug herangekommen sind. Da er noch nie solche Männer gesehen hat, wirft er sich, von den Eindrücken überwältigt auf den Boden und ruft: „Hilf, Gott; du hast Macht zu helfen!“

lûte der knappe sân

’hilf, got: du maht wol helfe hân.’ (Pz. 121,1f)3

Parzival verstößt damit gegen zahlreiche Konventionen, da er so früh im Werk noch nicht weiß, wie er sich angemessen zu Verhalten hat. Nicht nur, dass nicht Gott vor ihm steht, sondern auch in Bezug auf die Anrede. Da er keine Ahnung hat, wem er da begegnet und die Ritter dementsprechend auch nicht persönlich kennt, wäre grundsätzlich erst einmal die pronominale Anrede mit Ihr zu verwenden. Fremde Personen werden, da man den möglichen Stand nur erahnen kann erst geduzt, wenn feststeht, wen man vor sich hat. Ebenso müsste auf Grund des wahrscheinlich bestehenden Altersunterschied zwischen Parzival und den älteren Rittern das Ihr verwendet werden. Der Respekt vor dem Alter bestimmt, eine höfliche Form der Anrede zu verwenden.

Gegen die Verwendung von Ihr als pronominale Anredeform gegenüber den Rittern spricht, dass Parzival von königlicher Abstammung ist. Damit wäre er gesellschaftlich höher gestellt als diese. Da jedoch keiner in dieser Szene weiß, wen er vor sich hat und Parzival selbst auch keine Ahnung davon hat, was seine Abstammung für ihn zu bedeutet hat beziehungsweise wem er entstammt, ist für alle beteiligten das Ihr angemessen.

Eine gewisse Komik für das Publikum wird hervorgerufen, indem Parzival davon ausgeht, dass er Gott vor sich hat. Selbst diesen hätte man nicht Duzen dürfen, angenommen es bestände die Gelegenheit, auf ihn zu treffen. Seine Macht, sein Alter und Einfluss hätte niemanden auf der Welt überbieten können und daher hätte ihn jeder Ihrzen müssen.

Die erste Anrede seitens des Fürsten Karnahkarnanz, welcher mit seinen Rittern auf Parzival trifft, richtet sich nicht direkt an ihn. Es wird die Frage aufgeworfen, wer sich da in den Weg stellt.

er sprach ’wer irret uns den wec?’ (Pz. 121,28)

Anschließend unter Beachtung der Distanz zu einem Fremden wird das Ihr als Anrede gewählt.

Aller manne, schoene ein bluomen kranz,

den vrâgte Karnahkarnanz

’junchêrre, sâht ir für iuch varn

zwên ritter [ ... ] ’ (Pz. 125,13ff)

Da Parzival aber eine eher unkonventionelle Erziehung genossen hat und weltfremd aufgewachsen ist, fasziniert ihn die Szene so sehr, dass er immer noch davon ausgeht, Gott vor sich zu haben. Aus diesem Grund ruft er laut, dass ihm der mächtige Gott helfen solle ohne eine Anrede zu gebrauchen (Pz. 125,25f).

Dô rief er lûte sunder spot

’nu hilf mir, hilfrerîcher got.’

Als Reaktion auf die Unwissenheit des Knaben und nun in dem Glauben höher gestellt zu sein als der Gegenüber, wiederholt der Fürst, dass er kein Gott sei und duzt Parzival zum ersten Mal, wie man es mit Kindern tut.

du maht hie vier ritter sehn [ ... ] “ (Pz. 126,1)

Dadurch kann, wie in dieser Situation eine Annäherung ausgedrückt werden. Die Aussagen Parzivals müssen sowohl für den Fürsten als auch für das Publikum damals so lächerlich gewesen sein, dass man in diesem Moment nicht hätte ernst bleiben können. Die Art und Weise der Fragen gleicht der eines unwissenden Kindes und dementsprechend wird er nun behandelt.

Auf die nächste Frage Parzivals, was Ritter seien und wo man Ritterschaft bekommen kann, antwortet der Fürst wieder mit der höflicheren Anrede und bringt die doch eher komische Konversation dadurch wieder auf ein förmlicheres Niveau

’daz tout der künec Arrtûs.

Junchêrre, komt ir in des hûs,

der bringet iuch an ritters namn,

daz irs iuch nimmer durfet schamm.

Ir mugt wol sîn von ritters art.’ (Pz. 123,7ff)

Durch Parzivals Erscheinung, welche im Folgenden thematisiert wird, hält der Fürst ihn nun für einen Herrn, welcher adelig genug wäre, um ein Ritter werden zu können. Aus Respekt wird wie bereits erwähnt wieder das Ihr verwendet, da er nun nicht mehr sicher sein kann, ob er vom Stand her höher steht als Parzival.

Parzival entgegnet jedoch wieder ohne näher darauf einzugehen, was der Fürst überall an seinem Leib tragen würde und befühlt ihn sogar ungefragt, da ihn das Kettenhemd ungemein fasziniert. Er stellt Vergleiche zu Fingerringen an und kann sich absolut nicht erklären, warum man so etwas am Körper tragen sollte. Karnahkarnanz nimmt dadurch wieder eine verständnisvolle und erklärende Rolle ein und erklärt abschließend, wie er sich dadurch im Kampf schützt. Dies geschieht wieder auf einer weniger förmlichen Ebene. Parzival wird verabschiedet und die Ritter reiten fort.

der fürst sprach ’got hüte dîn.

ôwi wan waer din schoene mîn!

dir hete got den wunsch gegebn,

ob du mit witzen soldest leben. [ ... ] “(Pz. 127,17ff)

[...]


1 Fritz, Gerd (2006): Historische Semantik. Stuttgart, S.111.

2 Vgl. KADZADEJ, BRIKENA (2003): Anrede- und Grußformen im Deutschen und Albanischen. Gießen, S.2.

3 Die der Hausarbeit zu Grunde liegende Fassung von Wolframs von Eschenbach „Parzival“ ist die Studienausg., 2. Aufl. / mittelhochdt. Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Im Folgenden im Text mit (Pz.) abgekürzt.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Pronominale Anredeform im "Parzival". Schwierigkeiten der angemessenen Verwendung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Wolframs „Parzival“ im Kontext mittelalterlichen Erzählens
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V516664
ISBN (eBook)
9783346109729
ISBN (Buch)
9783346109736
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pronominale Anredeform, Ihrzen, Siezen, Parzival, Schwierigkeiten, angemessenen Verwendung, Wolfram, Eschenbach, mittelalterliches Erzählen
Arbeit zitieren
Max Sölter (Autor), 2015, Pronominale Anredeform im "Parzival". Schwierigkeiten der angemessenen Verwendung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516664

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Pronominale Anredeform im "Parzival". Schwierigkeiten der angemessenen Verwendung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden