Konstruktion und Stellenwert von Geschlecht nach Judith Butler


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zeitgeschichtlicher Kontext
2.1. Die Pluralisierung weiblicher Subjektidentitäten
2.2. Butlers Kritik an der Unterscheidung zwischen biologischem und kulturellen Geschlecht

3. Butlers Überlegungen zu Konstruktion von Geschlecht
3.1. Regulierende Normen
3.2. Konstruktion von Geschlecht
3.2.1. Diskursbegriff
3.2.2. Das Konzept der Performativität
3.3. Subjektivation qua Vergeschlechtlichung

4. Kritik an Butler

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Kategorie Geschlecht ist wie keine andere in der heutigen Gesellschaft omnipräsent und relevant. Die Gender Studies haben Konjunktur und es wird reichlich zu verschiedensten feministischen Themen publiziert. Sogar konservative Politiker*innen müssen sich mit der Frage beschäftigen, ob und wie ein drittes Geschlecht offiziell zugelassen werden kann (vgl. Bertram 2018, o.S.). Wie kann es sein, dass in der breiten Gesellschaft ebenso wie auf wissenschaftlicher Ebene nichtsdestotrotz noch so viel Unverständnis und Unglaube bezüglich des sozialen Charakters der binär strukturierten Kategorie Geschlecht herrscht (vgl. beispielsweise Grau 2015 oder Martenstein 2013)1 ? Die Diskurstheoretikerin Judith Butler beschäftigt sich seit den 1990ern mit der Frage nach der Konstruktion von Geschlecht und hat den feministischen Diskurs bis heute geprägt, wie kaum eine andere Wissenschaftlerin vor ihr.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit ihrem Denken und geht vorrangig der Frage nach, wie Butler die Konstruktion des Geschlechts erklärt und welchem Stellenwert sie der Kategorie im Leben des modernen Subjekts beimisst.

Zur Beantwortung ebendieser Fragen wird zunächst eine überblickartige Skizze über den feministischen Diskurs des späten 20. Jahrhunderts gegeben, um Butlers Denken und Wirken in einen zeitspezifischen Kontext zu bringen. Dieser fokussiert die Strömung, welche die Unterscheidung zwischen dem anatomischen Geschlecht (sex) und dem kulturellen Geschlecht (gender) populär vertreten hat. Anschließend wird Butlers Kritik an ebendieser Unterscheidung dargelegt sowie ihre Gedankengänge zu einer Weiterentwicklung des feministischen Diskurses diesbezüglich nachgezeichnet. Im darauffolgenden Kapitel wird die Forschungsfrage fokussiert und zentrale Konzepte für die Beantwortung ebendieser vorgestellt. Abschließend soll noch auf die Kritik an Butler aus feministischer Perspektive eingegangen werden, um ein möglichst differenziertes Bild der Theoretikerin zu übermitteln.

2. Zeitgeschichtlicher Kontext

Um den Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu sprengen, kann an dieser Stelle selbstverständlich keine vollständige Diskursanalyse der feministischen Forschung des 20. Jahrhunderts geleistet werden, jedoch sollen im Folgenden ausgewählte Strömungen der 1990er Jahre betrachtet werden, um Butlers Thesen in einen historischen Kontext einordnen zu können.

2.1 Die Pluralisierung weiblicher Subjektidentitäten

Das 20. Jahrhundert ist aus feministischer Perspektive durchzogen von einem Ringen um wissenschaftliche Erkenntnisse sowie das Sichtbarmachen von Ausschlüssen und Privilegierungen diesbezüglich. Während sich die ersten feministischen Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert überwiegend für Gleichberechtigung und die Anerkennung als Bürgerinnen mit grundlegenden Bürgerrechten einsetzten, rückten mit dem Aufkeimen der akademischen Frauen- und Geschlechterforschung vielfältige Forschungs- und Interessensgebiete in den Vordergrund. In den 1970ern kam die Kritik an einem genuin feministischen Subjekt auf und insbesondere lesbische oder Schwarze Frauen kritisierten, dass ihre Lebensumstände in dem weißen, heteronormativen Mittelschichtfeminismus nicht repräsentiert wurden. Insgesamt ist eine „Pluralisierung weiblicher Subjektpositionen“ (Kerner 2007, S. 10) in den 70ern und 80ern auszumachen, welche u.a. zu einer neuen Perspektive auf Geschlechteridentitäten und dementsprechend auch zur Unterscheidung des anatomischen (sex) und des kulturellen Geschlechts (gender) geführt hat. Gayle Rubin, Simon de Beauvoir und Ursula Scheu waren u.a. wichtige Theoretikerinnen, die zur Entkoppelung von Körper, Charakter und Schicksal beigetragen und den feministischen Diskurs in eine entscheidende Richtung gelenkt haben. Aus der Annahme heraus, dass man nicht als Frau zur Welt komme, sondern durch Erziehung, Sozialisation, etc. erst dazu werde (vgl. Beauvoir 1992, S. 334), rückten dekonstruktivistische Perspektiven in den Fokus. Mit dieser Verschiebung war es nicht nur möglich die sozialen Anforderungen, welche mit einem bestimmten Geschlecht einhergehen zu thematisieren, sondern ebenso die damit einhergehenden gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufzudecken.

2.2. Butlers Kritik an der Unterscheidung zwischen biologischem und kulturellen Geschlecht

Butler spricht von einer Spaltung des feministischen Subjekts (vgl. Butler 2018, S. 22), welche mit der Unterscheidung des natürlichen2 und kulturellen Geschlechts einhergehe. Zwar wird es dadurch möglich, die Geschlechtsidentität als nicht zwingend aus dem sexuell bestimmten Geschlecht resultierend anzusehen, jedoch bleibt die binäre Geschlechterordnung und daran anknüpfend die Vorstellung des dazu passenden Begehrens unangefochten.

Diesbezüglich proklamiert Butler ein „gewisses Gefühl des Unbehagens“ (Butler 2018, S. 7), welches mit der Diskussion über Geschlecht, genauer der Debatte um die Begriffe sex und gender, in den 1990ern einhergeht und sieht in diesem positives Veränderungspotential. Sie kritisiert, dass die Pluralisierung der Geschlechtsidentitäten nicht auch mit einer Pluralisierung des anatomischen Geschlechts einhergeht und argumentiert, dass es eine Vielzahl von möglichen Interpretationen der Geschlechtsidentität gibt, welche sich unmöglich mit der Theorie von zwei, sich ausschließenden Optionen vereinbaren lassen (vgl. Butler 2018, S. 23). Daran anknüpfend bleibt auch die Vorstellung des mimetischen Verhältnisses zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität unangefochten, dementsprechend wird die Annahme eines der beiden resultiere aus dem anderen reproduziert, anstatt widerlegt. Die These es gebe eine vordiskursive und natürliche, anatomische Zweigeschlechtlichkeit (im Gegensatz zu den kulturell geprägten Geschlechtsidentitäten), in welche alle Menschen einsortiert werden können und welche auch das Begehren heteronormativ festlegt, widerspricht dem Versuch der feministischen Forschung den sozialen und konstruierten Charakter der Kategorie Geschlecht aufzudecken. Subjekten, welche demnach verstanden werden als „passive Empfänger eines unumstößlichen kulturellen Gesetztes“ (Butler 2018, S. 25) stehen laut dieser Annahme auch keine vielfältigen Interpretationen der Geschlechtsidentitäten zur Auswahl und der stets angefochtene Biologiebegriff in der Formel Biologie ist Schicksal kann durch den Kulturbegriff ersetzt werden.

Entgegen diesem Rückschritt der feministischen Theorie, macht Butler deutlich, inwiefern die Geschlechtsidentitäten (gender) nicht nur die kulturellen Zuschreibungen für das jeweilige anatomische Geschlecht beinhalten, sondern ebendieses erst hervorbringen. Dementsprechend kann das bis dato als vordiskursiv und unveränderlich betrachtetes anatomisches Geschlecht als Produkt eines Konstruktionsapparates und demnach als sozial und diskursiv konstruierte Kategorie verstanden werden, welche je nach Diskurs und historischen Gegebenheiten wandelbar ist und damit nicht als statisch und unveränderlich betrachtet werden kann.

3. Butlers Überlegungen zu Konstruktion von Geschlecht

Im Folgenden soll die o.g. These untersucht werden, inwiefern die Geschlechtsidentitäten, ebenso wie das anatomische Geschlecht laut Butler diskursiv hervorgebracht werden und welche Rolle der besagte Konstruktionsapparat dabei einnimmt. Hierfür werden zentrale Begriffe und Thesen Butlers erläutert, beginnend mit dem Konzept der heterosexuellen Matrix. Anschließend wird der Vorgang der Konstruktion von Geschlecht untersucht, indem zunächst der Diskurs- und daran anschließend der Performativitätsbegriff, erklärt wird. Abschließend wird noch einmal explizit die Voraussetzungen der Subjektwerdung in Butlers Denken betrachtet, um die Relevanz der Kategorie Geschlecht zu verdeutlichen.

3.1. Regulierende Normen

Butler sieht Macht als etwas subtiles, den Individuen Innewohnendes an. Von subtil und listig (vgl. Butler 2018, S. 7), spricht sie aus der Annahme heraus, Macht sei etwas, dass unbewusst auf die Individuen einwirkt und ihre Leben determiniert. Sie führt in ihren Überlegungen aus, dass Macht an der Produktion eines binären Rahmens, in welchem alles Denken und Handeln von statten geht, beteiligt ist. An dieser Stelle bringt Butler den Begriff der heterosexuellen Matrix ein, der ebendieses Regelwerk beschreibt, welches das Denken über Geschlechtsidentitäten und dementsprechend auch die Möglichkeiten des Intelligiblen3 determiniert:

„Sometimes the norms of recognition bind us in ways that imperil our capacity to live: what if the Gender that establishes norms require in order for us to be recognizable also do violence to us, imperil our very survival? Then the very categories which appear to promise us life take our life away.“ (Butler 2012, S. 27)

Wie werden diese Normen der Anerkennung jedoch wirksam und verinnerlicht? Butler stellt in Zuge dessen die These auf, dass „das geschlechtlich markierte Subjekt gerade dadurch entsteht, dass es Regulierungen unterworfen wird, es also in und durch diese spezifische Form der Subjektivierung hervorgebracht wird“ (Butler 2012, S. 72). Diese Regulierungen versteht Butler als Instanzen einer regulatorischen Macht und widerspricht damit dem Foucaultschen Begriff von regulatorischer Macht. Laut diesem sei der Genderapparat ein Teil innerhalb eines Machtgefüges, neben anderen regulatorischen Instanzen, wie anderen sozialen und kulturellen Normen und Regeln. Butler widerspricht ihm diesbezüglich, da der Genderapparat ihrer Ansicht nach ein eigenes Regime sei und sich nicht mit anderen Regeln oder Gesetzten gleichsetzten lasse (vgl. Butler 2012, S. 73). Sie verweist auf die Funktion der Normalisierung in der sozialen Praxis sowie das Bestimmen über Intelligibilität des Genderapparates und verdeutlicht damit, dass ebendieser wie keine andere Norm das Leben der Menschen bestimmt. Jedoch sind die Subjekte nicht bloß eingeschränkt durch ebendiese, sondern auch auf die Geschlechternormen angewiesen, denn

„sie ermöglich[en], dass bestimmte Praktiken und Handlungen als solche erkannt werden können. Sie erleg[en] dem Sozialen ein Gitter der Lesbarkeit auf und definier[en] die Parameter dessen, was innerhalb des Bereichs des Sozialen erscheinen wird und was nicht“ (ebd.)

Die Norm, welche bestimmt was als männlich und weiblich gilt, normalisiert, beschränkt und produziert Männlichkeit und Weiblichkeit erst und pathologisiert alles Abweichende. Mit dem Modell der heterosexuellen Matrix erläutert Butler ebendiese Funktionsweise und erklärt wie geschlechtliche Körper sowie die dazugehörigen Verhaltensnormen und das Begehren hervorgebracht werden. Laut Butler werden die Geschlechterkategorien immer wieder durch performative Akte diskursiv erzeugt und somit auch reproduziert (Butler 1995, S. 22). Vergeschlechtliche Subjekte sind demnach nicht einfach nur Produkte von Machteinwirkung, sondern üben auch Macht aus und sorgen durch die ständige Reproduktion der Normen für deren Aufrechterhaltung.

3.2. Konstruktion von Geschlecht

3.2.1. Diskursbegriff

Im Folgenden soll Butlers Verständnis des Diskurses näher beleuchtet werden, um zu verdeutlichen, wie Subjekte die Konstruktion von Geschlecht immer wieder neu durchführen und die heterosexuelle Matrix dementsprechend stets neu aufrechterhalten wird.

Der Sprache, bzw. dem Diskurs misst Butler diesbezüglich eine besondere Bedeutung bei, da sie ihn als Instanz sieht, welche Sprechweisen, Definitionen und Begriffe beinhaltet, die für die jeweilige Zeit konstitutiv sind. Sie behauptet, dass der Diskurs „von vornherein die Möglichkeit der vorstellbaren und realisierbaren Konfiguration der Geschlechtsidentität in der Kultur“ (Butler 2018, S. 27) festschreibt. Dementsprechend ist der Vorstellungshorizont, was möglich sein kann, stets Produkt seiner Zeit und des hegemonialen Diskurses, der wiederum auf binären Strukturen fußt und von den Subjekten nur durch eine binäre Brille wahrgenommen werden kann. Subjekte sind nach dieser Annahme ebenso als Folgeerscheinungen von Diskursen zu betrachten und somit auch diskursiv hervorgebracht:

„Die Sprache übt ihre Macht, auf das Reale einzuwirken, durch die lokutionären Akte aus, die als wiederholte zu eingebürgerten Praktiken und letztlich zu Institutionen werden“ (Butler 2018, S. 173).

[...]


1 Die beiden Journalisten Alexander Grau und Harald Martenstein, um nur zwei Beispiele des Mainstream Diskurses zu nennen, negieren den sozial konstruierten Charakter der Kategorie Geschlecht und scheuen nicht davor zurück das Existieren von geschlechtstypischen Eigenschaften mit plakativen, plumpen Beispielen zu untermauern. So empfindet Martenstein die Annahme Frauen seien kategorisch schwächer als Männer und dementsprechend weniger dazu geeignet, Kofferräume einzuladen als „nicht sexistisch, [sondern] klug“ (Martenstein 2013, S. 3) und Grau benennt den Sozialkonstruktivismus als „pseudowissenschaftlicher Taschenspielertrick zu Durchsetzung (wissenschafts-) politischer Interessen“ (Grau 2015, o.S.). An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob die beiden Journalisten Grau und Martenstein unter Umständen eine andere Perspektive auf die Frage der Geschlechterkonstruktion vertreten würden, wenn sie nicht aus der privilegierten Position als heterosexuelle, weiße Männer sprechen, bzw. schreiben würden. Hier wird deutlich, wie das Negieren und das Diffamieren der Gender Studies als Strategie zur Aufrechterhaltung der hegemonialen Ordnung sowie zur Privilegiensicherung missbraucht und mit unwissenschaftlichen Beispielen und Aussagen untermauert wird.

2 Der Begriff natürlich verweist auf die Tatsache, dass das anatomische Geschlecht oftmals als natürlich und demnach vorsozial und –diskursiv betrachtet wird. Hervorgehoben wird er und im Folgenden aus dem Grund, dass aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive soziale Tatsachen und Wahrheiten als Produkte von Diskursen verstanden werden und dementsprechend nicht als natürlich oder vorsozial begriffen werden können.

3 Intelligibel meint sozial leb- und anerkennbar. Intelligible Subjekte sind solche, die sich den sozialen Normen, beispielsweise den hegemonialen Geschlechternormen, unterwerfen. Nicht intelligible Subjekte können nach Butler von Sanktionen, wie z.B. sozialer Ausgrenzung oder Verfolgung betroffen sein.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Konstruktion und Stellenwert von Geschlecht nach Judith Butler
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung)
Veranstaltung
Konstruktion von Geschlecht
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V518399
ISBN (eBook)
9783346126498
ISBN (Buch)
9783346126504
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judith Butler, Gender, Geschlechterforschung, Foucault, Konstruktion, Sex, Subjekt, poststrukturalismus
Arbeit zitieren
Michelle Dailey (Autor), 2019, Konstruktion und Stellenwert von Geschlecht nach Judith Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518399

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