Die Diskurstheoretikerin Judith Butler beschäftigt sich seit den 1990ern mit der Frage nach der Konstruktion von Geschlecht und hat den feministischen Diskurs bis heute geprägt, wie kaum eine andere Wissenschaftlerin vor ihr. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit ihrem Denken und geht vorrangig der Frage nach, wie Butler die Konstruktion des Geschlechts erklärt und welchem Stellenwert sie der Kategorie im Leben des modernen Subjekts beimisst.
Zur Beantwortung ebendieser Fragen wird zunächst eine überblickartige Skizze über den feministischen Diskurs des späten 20. Jahrhunderts gegeben, um Butlers Denken und Wirken in einen zeitspezifischen Kontext zu bringen. Dieser fokussiert die Strömung, welche die Unterscheidung zwischen dem anatomischen Geschlecht (sex) und dem kulturellen Geschlecht (gender) populär vertreten hat.
Anschließend wird Butlers Kritik an ebendieser Unterscheidung dargelegt sowie ihre Gedankengänge zu einer Weiterentwicklung des feministischen Diskurses diesbezüglich nachgezeichnet. Im darauffolgenden Kapitel wird die Forschungsfrage fokussiert und zentrale Konzepte für die Beantwortung ebendieser vorgestellt. Abschließend soll noch auf die Kritik an Butler aus feministischer Perspektive eingegangen werden, um ein möglichst differenziertes Bild der Theoretikerin zu übermitteln.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zeitgeschichtlicher Kontext
2.1. Die Pluralisierung weiblicher Subjektidentitäten
2.2. Butlers Kritik an der Unterscheidung zwischen biologischem und kulturellen Geschlecht
3. Butlers Überlegungen zu Konstruktion von Geschlecht
3.1. Regulierende Normen
3.2. Konstruktion von Geschlecht
3.2.1. Diskursbegriff
3.2.2. Das Konzept der Performativität
3.3. Subjektivation qua Vergeschlechtlichung
4. Kritik an Butler
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Denken von Judith Butler und geht der zentralen Forschungsfrage nach, wie Butler die Konstruktion des Geschlechts erklärt und welchen Stellenwert sie dieser Kategorie für das moderne Subjekt beimisst.
- Der feministische Diskurs des späten 20. Jahrhunderts und die Kritik an der Unterscheidung von sex und gender.
- Die Analyse der heterosexuellen Matrix als regulierendes System für Geschlechtsidentitäten.
- Die Untersuchung des Diskursbegriffs und der Theorie der Performativität als zentrale Mechanismen der Geschlechtskonstruktion.
- Die Verknüpfung von Subjektivation und Vergeschlechtlichung innerhalb gesellschaftlicher Machtstrukturen.
- Die Auseinandersetzung mit feministischer Kritik an Butlers Thesen.
Auszug aus dem Buch
3.2.2. Das Konzept der Performativität
Die Annahme, dass Subjekte nicht nur von den Geschlechternormen durchdrungen und in ihren Möglichkeiten eingeschränkt werden, sondern auch an der Aufrechterhaltung ebendieser mitwirken, wirft die Frage auf, wie sich dieser Prozess vollzieht und wo potentielle Handlungsmöglichkeiten liegen. Den Vorgang der diskursiven Erzeugung von sozialer Wirklichkeit nennt Butler Performativität. Diese findet omnipräsent statt und beinhaltet nicht nur Sprech- sondern auch Handlungsakte und jegliches Verhalten, das die hegemonialen Vorstellungen von Geschlechtsidentitäten reproduziert. So verdeutlicht Butler, dass das Sprechen über Dinge erst zur Materialisierung diskursiver Inhalte führt und so soziale Tatsachen erzeugt werden. Performativität wird jedoch nicht als absichtsvoller Akt verstanden „durch den ein Subjekt dem Existenz verschafft, was sie/ er benennt, sondern vielmehr als jene ständige wiederholende Macht des Diskurses, diejenigen Phänomene hervorzubringen, welche sie reguliert und restringiert“ (Butler 1995, S. 22).
Butler folgt de Beauvoirs These, dass die Konstruktion des eigenen Geschlechts ein nie abgeschlossener Prozess ist, welcher zu keinem Zeitpunkt beginnt oder zu Ende geht, vielmehr sei es eine fortdauernde diskursive Praxis, welche sich durch das Leben der Subjekte zieht. Nur durch die Erscheinung als geschlechtlich eindeutiges Wesen, können Subjekte intelligibel und damit Teil der Gesellschaft sein. Dass Performativität nicht immer unbewusst und unhinterfragt von statten geht, zeigen die diversen Berichte von Menschen, die sich als Trans* definieren. Sie müssen ständige performative Arbeit leisten, um zu dem richtigen Geschlecht zugeordnet zu werden. Zusätzlich müssen sie mit Sanktionen, wie Ausschlüssen oder Angriffen rechnen, wenn sie Menschen irritieren und verunsichern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Kategorie Geschlecht ein und benennt die Zielsetzung der Arbeit sowie das methodische Vorgehen.
2. Zeitgeschichtlicher Kontext: Hier wird die feministische Forschung des späten 20. Jahrhunderts skizziert, um Butlers theoretische Ansätze in den historischen Diskurs um die Begriffe sex und gender einzuordnen.
3. Butlers Überlegungen zu Konstruktion von Geschlecht: Dieses Kapitel expliziert zentrale Begriffe wie die heterosexuelle Matrix, Diskursivität, Performativität und die Subjektwerdung im Kontext von Geschlechternormen.
4. Kritik an Butler: Die Autorin setzt sich hier mit Vorwürfen der Körperfeindlichkeit sowie der Fehlinterpretation von Butlers Theorie durch andere feministische Kreise auseinander.
5. Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass der regulatorische Apparat Gender die Lebensweise und das Handeln des Subjekts maßgeblich bestimmt.
Schlüsselwörter
Judith Butler, Konstruktion von Geschlecht, Performativität, heterosexuelle Matrix, Diskurs, Geschlechtsidentität, Subjektivation, Vergeschlechtlichung, Gender Studies, Macht, Regulierende Normen, Feminismus, Intelligibilität, sex, gender
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Theorie der Geschlechterkonstruktion der Philosophin Judith Butler und hinterfragt, wie Geschlecht als soziale Kategorie entsteht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Bedeutung von Diskursen, die Rolle machtvoller Normen (heterosexuelle Matrix) und die performative Erzeugung von Geschlechtsidentitäten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Autorin untersucht, wie der Prozess der Geschlechtskonstruktion bei Butler abläuft und welchen Stellenwert diese Kategorie für das Leben moderner Subjekte einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer diskurstheoretischen Analyse der Schriften von Judith Butler und deren Einbettung in den zeithistorischen feministischen Kontext.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Konzepte Butlers, insbesondere die Macht regulierender Normen, den Diskursbegriff, das Konzept der Performativität sowie die Verknüpfung von Subjektwerdung und Vergeschlechtlichung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Performativität, heterosexuelle Matrix, Subjektivation und die Unterscheidung von sex und gender definiert.
Warum betont Butler, dass das Subjekt nicht autonom ist?
Weil die Identität des Subjekts laut Butler erst innerhalb eines bestehenden sozialen Rahmens und durch die ständige Wiederholung gesellschaftlicher Normen hervorgebracht wird.
Wie reagiert die Arbeit auf Kritik an Judith Butler?
Die Autorin entkräftet Vorwürfe der "Entkörperung", indem sie verdeutlicht, dass die diskursive Konstruktion von Geschlecht nicht die materielle Existenz des Körpers leugnet, sondern dessen gesellschaftliche Sichtbarkeit und Bedeutung erklärt.
- Arbeit zitieren
- Michelle Dailey (Autor:in), 2019, Konstruktion und Stellenwert von Geschlecht nach Judith Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518399