"Allein irre ich in der großen Stadt umher". Albert Ehrenstein und Karl Tubutsch


Seminararbeit, 1994

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

GLIEDERUNG

Vorwort

1) Der "Schlemihl-Schatten"

2) Diskrepanzen

3) Exkurs über die "Ghettoluft"

4) Spaziergänger, Wanderer, Herumirrender

5) Kommunikationslosigkeit in der großen Stadt

Bibliographie

Verwendete Abkürzungen

Vorwort

Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird es darum gehen, biographische Parallelen zwischen Albert Ehrenstein und seiner Figur Karl Tubutsch aufzuzeigen.

Im folgenden Kapitel werden dagegen - unserer Meinung nach entscheidende - Unterschiede zwischen Ehrenstein und Tubutsch - der gebotenen Kürze wegen notgedrungen eher skizzenhaft - nachgezeichnet. Im dritten Kapitel wird auf Ernst Weiß eingegangen, der Tubutsch vor allem als jüdische Symbolfigur sieht. Im vierten Kapitel wird versucht, die Wanderungen des Karl Tubutsch ganz konkret nachzuzeichnen und daraus einen Schluß zu ziehen.

Das letzte Kapitel sieht die Erzählung quasi auf den Tod zutreiben.

1) Der "Schlemihl-Schatten"

Schon von Ehrensteins Zeitgenossen wurde der Dichter des "Tubutsch" mit seiner Figur vielfach in einem Atemzug genannt und gleichgesetzt. Stefan Zweig steht hier stellvertretend für so manchen zeitgenössischen Rezipienten, wenn er 1937[1][2] diesen biographischen Zugang zum Werk folgendermaßen auf den Punkt bringt:

"Tubutsch, dieser verlorene Schlemihl-Schatten seines Dichters

Albert Ehrenstein."[3]

Wir wollen in diesem Kapitel diese Parallelen zwischen Ehrenstein und seiner Figur nachzeichnen, um dann im folgenden Kapitel einige entscheidende Diskrepanzen aufzuzeigen.

Schon der zweite Satz der Erzählung weist auf die materielle Armut des Karl Tubutsch hin, die auch quasi eine Grundkonstante in Albert Ehrensteins Leben gewesen ist.

"Mein Name ist Tubutsch, Karl Tubutsch. Ich erwähne das nur

deswegen, weil ich außer meinem Namen nur wenige Dinge

besitze..."[4]

Auf diese Armut wird in der Erzählung immer wieder hingewiesen. Tubutsch lebt zwar im prächtigen und imperialen Wien des Fin de siècle, aber dort wie so viele damals nur im "Souterrain der Armut"[5].

"[...] abgesehen von meinem immer chronischer werdenden Mangel

an gebräuchlichen Zahlungsmitteln [...]."[6]

Seine weltliche Habe ist so gering, daß sie in einen Schuhkarton passen würde:

"[...] ihm die Sehenswürdigkeiten meiner Wohnung zu weisen:

meinen Stiefelknecht Phillipp und - mit umflorter Stimme - die

zwei Fliegen Pollak..."[7]

Das ist nicht eben viel. Das ist eigentlich nichts an materiellen Besitz, was im Text auch explizit vermerkt wird:

"Oder aber es ist ein Bettler. Denen gebe ich nichts. Erstens habe

ich selber nichts [...]."[8]

Die Armut war wie gesagt auch Albert Ehrenstein sein Leben lang eine überaus treue Begleiterin. 1910 verließ er die Universität Wien und stürzte sich in eine Existenz als freier Schriftsteller.

"[...] und endlich promoviert, versuchte er es nicht einmal mit

irgendeinem Aktenberg, hinter dem er als Beamter sein österreichisches Dichterleben verbergen und sichern hätte können. Ehrensteins Entschluß, als freier Schriftsteller, als materiell völlig ungesicherter Lyriker und Erzähler zu leben, ist für die

österreichischen Verhältnisse um 1910 geradezu verwegen."[9]

Diese "materiell völlig ungesicherte" Existenz beschreibt der dreiundzwanzigjährige Albert Ehrenstein ganz konkret in der dritten Strophe seines berühmten Gedichtes "Wanderers Lied"[10], mit dem ihm 1910 in der "Fackel" der Durchbruch als Lyriker gelang:

"Ich kenne die Zähne der Hunde,

In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,

Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte,

Schimmel freut sich an den Wänden,

Gute Ritzen sind für den Regen da."[11]

Dieser "Wind-ins-Gesicht-Gasse" konnte Ehrenstein sein Leben lang nicht entrinnen. Egal, ob er gerade in Wien, Zürich, Berlin oder New York lebte.

"Als Ehrenstein sich für die unfreie Existenz als freier Autor

entscheidet, weiss er, dass er in keine familiären Sicherheiten

zurückkehren und auf keine gesicherte Pension hinleben können

wird: er leistet sich den freien Mut, auf die Hand, die ihm nichts

gibt, zu schlagen, dem Amt, von dem er sich nicht aushalten lässt,

zu höhnen, der Klasse, der er nichts schuldet, den Abgesang

anzustimmen - und wird dafür mit lebenslanger Armut

bezahlen."[12]

Eine weitere Parallele zwischen dem Dichter Ehrenstein und seiner Figur Tubutsch besteht wohl darin, daß auch Letzterer Schriftsteller war bzw. ist.

"Früher habe ich geschrieben."[13]

Dichtung wird von Tubutsch[14] mit Vergänglichkeit in Verbindung gebracht:

"[...] alles, was ich in Hinkunft noch aufzuzeichnen habe, um es

sozusagen noch vergänglicher zu machen, mit Bleistift

niederzuschreiben [...]."[15]

Der gewesene Dichter Tubutsch hat natürlich auch vom - wahrscheinlich literarischen - Ruhm geträumt. Vergeblich.

"Früher träumte ich vom Ruhm. Er wurde mir nicht zugestellt."[16]

Umgekehrt verhält es sich mit dem Dichter Ehrenstein. Er wurde mit dem "Tubutsch" berühmt.

Eine weitere Gemeinsamkeit wäre darin zu sehen, daß Tubutsch Pressekritik beinahe im Stil von Karl Kraus übt, wobei Letzterer ja als Mentor des jungen Ehrenstein[17] gelten kann.

"Aber bei dem diametralen Gegensatze der Weltanschauungen, der

mich von den Herausgebern illustrierter Publikumszeitschriften

trennt, bei der Verschiedenheit der Dinge, die sie und ich wichtig

zu nehmen organisiert sind, war es ziemlich fraglich, ob ich mit

meiner Ansicht durchdringen würde. Ja, wenn die abgestürzten

Fliegen Besitzer eines Powidlbergwerkes gewesen wären und

Pollak geheißen hätten, die Hähne...der österreichische

Vorkämpfer, Schachmeister Papabile, und der andere der

präsumptive Champion of the World...dann hätte man sich nicht auf

die Straße wagen können, ohne bei jedem zweiten Schritt aus dem Hinterhalte der Trafikenauslagen von den Alltagsgesichtern dieser

Heroen angeglotzt zu werden..."[18]

[...]


[1] Stefan Zweig: Wiederbegegnung mit Tubutsch, S. 99

[2] Die Erstausgabe des "Tubutsch" erschien 1922. In seiner "Wiederbegegnung mit Tubutsch" schreibt Stefan Zweig:

"Fünfzehn Jahre mag es sein, daß Tubutsch, diese allermerkwürdigste Wiener

Gestalt, zum erstenmal in die Literatur trat [...] Heute nun, nach fünfzehn

Jahren bin ich Tubutschen wieder begegnet."

Stefan Zweig: Wiederbegegnung mit Tubutsch, S. 99

Daher datiere ich diesen Aufsatz auf das Jahr 1937.

[3] Stefan Zweig: Wiederbegegnung mit Tubutsch, S. 99

[4] Albert Ehrenstein: Tubutsch, S. 5

[Im folgenden nur mehr als Tubutsch zitiert.]

[5] Karl-Markus Gauß: Wann endet die Nacht, S. 41

[Im folgenden nur mehr als Gauß zitiert.]

[6] Tubutsch, S. 10

[7] Ebd., S. 44

[8] Ebd., S. 44

[9] Ebd., S. 44

[10] "Wanderers Lied" wurde von Karl Kraus in „Die Fackel“ Nr. 296 vom 18. 2. 1910 erstveröffentlicht.

[11] Zitiert nach: Gauß, S. 14

[12] Ebd., S. 44

[13] Tubutsch, S. 12

An anderer Stelle bezeichnet sich Tubutsch sogar explizit als Autor:

"[...] es wäre auch mir, dem Autor [...]"

Tubutsch, S. 17

[14] Das antike "Exegi monumentum aere perennius" besitzt offenbar keine Bedeutung mehr für ihn.

[15] Tubutsch, S. 17

[16] Ebd., S. 38

[17] In dieser Mentorrolle löst er ab 1910 Arthur Schnitzler ab.

Der Bruch zwischen Kraus und Ehrenstein vollzog sich zwischen 1919 und 1921.

"Selten hat Kraus die rituelle Verstossung, auf die die meisten seiner

Beziehungen zu jüngeren Autoren zuliefen, so hasserfüllt vollzogen wie im

Fall des zuvor geförderten Ehrenstein [...]."

Gauß, S. 94

[18] Tubutsch, S. 16

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Allein irre ich in der großen Stadt umher". Albert Ehrenstein und Karl Tubutsch
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Prosa des Expressionismus
Note
1
Autor
Jahr
1994
Seiten
24
Katalognummer
V51927
ISBN (eBook)
9783638477598
ISBN (Buch)
9783638687935
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Literaturwissenschaftlicher Aufsatz über die 1922 erschienene Erzählung "Tubutsch" von Albert Ehrenstein
Schlagworte
Allein, Stadt, Albert, Ehrenstein, Karl, Tubutsch, Prosa, Expressionismus
Arbeit zitieren
Mag. Manfred Wieninger (Autor), 1994, "Allein irre ich in der großen Stadt umher". Albert Ehrenstein und Karl Tubutsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51927

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