Die Albigenserkriege und die Eingliederung Okzitaniens in den entstehenden französischen Zentralstaat 1209-1229


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Okzitanien am Vorabend des Kreuzzuges

2. Die Katharer

3. Der Kreuzzug
3.1. Unterwerfung der Länder Trencavels (1209-1210)
3.2. Eroberung des Toulousain (1211-1213)
3.3. Intervention König Peters II. von Aragon (1213)
3.4. Triumph Simon de Montforts (1213-1215)
3.5. Gegenwehr und Rückeroberung des Südens (1216-1224)
3.6. Eroberung durch die französische Krone (1225-1229)

Epilog

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im folgenden Beitrag befasse ich mich mit den Albigenserkriegen, in deren Folge eine der zur damaligen Zeit reichsten und kulturell blühendsten Regionen Frankreichs in großen Teilen fast völlig verwüstet wurde. Dabei werde ich die Entwicklung des Krieges darstellen, vom ersten Kreuzzug gegen Häretiker in einem christlichen Land, hin zu einem bloßen politischen Konflikt, an dessen Ende die Etablierung der Inquisition, sowie die Eingliederung des gesamten Midi in die französische Krondomäne und damit der Zugang Frankreichs zum Mittelmeer stehen. Diese Annexion machte Frankreich für die nächsten fünfhundert Jahre zum mächtigsten und bevölkerungsreichsten Land Europas.[1]

Nach einer kurzen Beschreibung Okzitaniens werde ich mich mit dem Katharismus als erstem Schwerpunkt und Auslöser des Kreuzzuges beschäftigen, um dann den wechselhaften Verlauf des Krieges vom Ausbruch 1209 bis zum Frieden von Meaux 1229 vorzustellen. Abschließend folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse bis zum Fall der letzten Katharerfestung Quéribus 1255 bzw. bis zum Tod Alphonse de Poitiers und dessen Frau Jeanne, der Erbtochter Raymonds VII. 1271.

Als einzige Quelle stand mir die „Historia Albigensis“ des Pierre des Vaux-de-Cernay, des offiziellen Historikers des Kreuzzuges, zur Verfügung. Der Zisterziensermönch aus dem Kloster Vaux-de-Cernay bei Paris, nahm als Begleiter seines Onkels Guy (Abt von Vaux-de-Cernay und späterer Bischof von Carcassonne) 1212-1218 während zweier Reisen am Kreuzzug teil, traf mit diversen Protagonisten zusammen und kann als aufmerksamer - wenn auch zugunsten der Kreuzfahrer sehr parteiischer - Augenzeuge gelten.[2]

Ich möchte hier noch auf zwei weitere wichtige Quellen verweisen, die mir leider nicht zur Verfügung standen und zwar einmal das in provençalisch geschriebene epische Poem „Chanson de la Croisade Albigeoise“ des Guillaume de Tudele und die „Cronica Albigensium“ des Guillaume de Puylaurens. Weitere Quellenangaben finden sich in der jeweiligen Sekundärliteratur, zum Katharismus vor allem bei Arno Borst.

1. Okzitanien am Vorabend des Kreuzzuges

Strayer stellt fest, daß auf Grund der politischen Heterogenität der Länder südlich der Dordogne und des Zentralmassivs, diese im Gegensatz zum nördlich davon gelegenen „Frankreich“ keinen gemeinsamen Namen besaßen. Die Benennung Languedoc („oc“ bedeutet „ja“ in Provençalisch) wurde nach der französischen Eroberung im 13. Jahrhundert als Abgrenzung zum Languedoïl geschaffen, umfaßte nicht den gesamten Süden und wurde erst im Laufe der Zeit von den Einheimischen als Eigenbezeichnung akzeptiert. Der Argumentation Strayers folgend, habe ich mich daher für die auf linguistischen Überlegungen basierende Bezeichnung Okzitanien entschieden. Okzitanien beinhaltet die Regionen, in denen okzitanische bzw. provençalische (was ich synonym verwende) Dialekte gesprochen wurden und in denen die gleichen, vom Norden verschiedenen, kulturellen, sozialen und politischen Strukturen existierten.[3]

Zwischen Norden und Süden herrschte ein linguistischer Bruch. Das Provençalische ist eher dem Katalanischen verwandt und Strayer meint dazu: „A merchant from Narbonne would have been easily understood in Barcelona, while he would have needed an interpreter in Paris.“[4]

Geographisch erstreckte sich Okzitanien vom Herzogtum Aquitanien im Westen, über die Grafschaft Toulouse, bis zu Markgrafschaft und Grafschaft Provence östlich der Rhône, im Süden begrenzt durch die Pyrenäen und im Norden durch den Fluß Lot und das Zentralmassiv. Die wichtigste Verbindung zwischen Nord und Süd bildete seit der Römerzeit das Rhônetal, durch das eine wichtige Handelsstraße verlief.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurden diese Gebiete von verschiedenen Machthabern beherrscht, die vor allem dem französischen König als oberstem Lehensherrn huldigten. Der rex francorum herrschte als König der Franken zwar nicht nur über Frankreich (womit im 12.Jahrhundert grundsätzlich nur Nordfrankreich gemeint war), sondern auch über die südlichen Länder. Doch bis zum Ende der Albigenserkriege blieb dies nur eine nominelle Herrschaft, ohne wirklichen Einfluß.[5] Daneben besaßen die Könige von England und von Aragon, sowie der deutsche Kaiser umfangreiche Lehen in Okzitanien. Der mächtigste unter den Fürsten des Midi, Raymond VI., Graf von Toulouse (1194-1222), war daher für diverse Ländereien Vasall dreier Könige und des deutschen Kaisers.

Diese Fragmentierung im Großen setzte sich im Kleinen fort. Der größte Teil der feudalen Kleinherrschaften entzog sich erfolgreich dem direkten Einfluß Raymonds, erkannte ihn zwar als Lehensherrn an, aber blieb de facto unabhängig. Neben der Familie Trencavel, die über die Vizegrafschaften Carcassonne, Béziers, Albi und Razés herrschte, befanden sich die Grafen von Toulouse im 12. Jahrhundert unter anderem in Auseinandersetzungen mit den Grafen von Foix, denen von Comminges, den Vizegrafen von Montpellier und von Narbonne sowie den Herrschern der Provence, um ihren Anspruch auf Souveränität durchzusetzen. Doch auch diese großen Adelsfamilien hatten ständig mit der mangelhaften Loyalität ihrer eigenen Vasallen zu kämpfen, so daß „Languedoc in the twelfth century exhibited the classic symptom of social disintegration in the face of constant war: the appearance of a rash of small castles whose garrisons were usually the only authority in the area they dominated“.[6] Die von den verschiedenen Parteien beschäftigten, routiers genannten, Söldnertruppen zogen in Friedenszeiten plündernd und mordend durch Okzitanien und trugen das ihre zum allgemeinen Chaos bei. Auf dem Laterankonzil von 1179 wurden Katharer und die Beschäftigung von routiers gleichermaßen verdammt, da man erkannt hatte, daß in den vom Krieg zerstörten Regionen die katharische Häresie ihren größten Zulauf erfuhr.[7]

Außerdem hatten es viele der prosperierenden Städte verstanden, den Fürsten umfangreiche Zugeständnisse abzuringen und ebenfalls Autonomie zu erreichen. So hatte Raymond VI. in seiner eigenen Hauptstadt Toulouse de facto nichts mehr zu sagen. In Okzitanien war die Urbanisierung fortgeschrittener als im Norden und lehnte sich stark an die Entwicklung in den italienischen Stadtstaaten an. Reiche Händler und zugezogene Ritter bildeten patrizische Oligarchien, welche die Mitglieder der Ratsversammlungen stellten und in städtischen Angelegenheiten nahezu uneingeschränkte Autorität besaßen. Die großen Städte hatten Vasallen, schlossen Allianzen und Verträge und führten Kriege, ganz wie feudale Herrscher.[8] Diese urbanen Gesellschaften brachten einen gewissen Grad an Kosmopolitismus hervor. Händler und Ritter waren mit vielen Teilen der Welt verbunden, besonders mit Spanien, Italien und Palästina (man denke an Raymond IV., einen der Führer des 1. Kreuzzuges und Gründer der Grafschaft Tripoli). Entlang der Handelsrouten breiteten sich außer Waren auch Kenntnisse über andere Länder und Ideen aus, die ein Klima der Toleranz entstehen ließen, das es so im Norden nicht gab.[9] So durften zum Beispiel Juden ihre Religion frei ausüben und waren nicht gezwungen, in Ghettos zu leben. Außerdem war ihnen Landbesitz gestattet.[10]

Einen weiteren nicht zu unterschätzenden Machtfaktor stellten die klerikalen Herrscher dar. Gegen Adel und Bürger stritten sie vor allem um den Einfluß in den Städten. Bezeichnend ist das Beispiel Narbonnes, wo die Macht zwischen den drei Fraktionen geteilt war. Daneben stellten vor allem die größeren Abteien mit ihrem dazugehörigen Umland halb-autonome Mächte dar.[11]

Zu diesen Konflikten im Inneren kamen noch Spannungen mit den angrenzenden Mächten. Englische Ansprüche wurden erst 1196, nach der Heirat einer Schwester König Richards I. mit Raymond VI. aufgegeben, doch die größte Gefahr drohte von den Grafen von Barcelona, seit 1137 auch Könige von Aragon.

Deren expansionistische Ambitionen in Okzitanien führten zu mehreren offenen Konflikten, vor allem um den Besitz der Provence. Die lokalen Fürsten wechselten in diesen Kämpfen oft dien und vor allem die Trencavel und der Graf von Foix knüpften enge Bande mit Aragon, verweigerten dem Grafen von Toulouse den Lehnseid und übertrugen ihre Länder dem aragonischen König.[12]

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts erreichte Raymond VI. aber auch an dieser Front einen Friedensschluß, der durch seine Heirat mit Eleonore, einer Schwester König Peters II. von Aragon bekräftigt wurde.

Zu den sprachlichen Unterschieden zwischen Nord und Süd gesellten sich vor allem Gegensätze in rechtlichen und sozialen Gebräuchen.

So gestattete zum Beispiel das im Süden vorherrschende „Römische Recht“ einem Vasallen, sein Lehen weiterzuvererben oder gar zu verkaufen, was im Norden undenkbar gewesen wäre.[13]

Während sich bei den großen Fürsten wie im Norden das Prinzip der Primogenitur durchgesetzt hatte, blieb der niedere Adel davon weitgehend unberührt und teilte Erbschaften regelmäßig unter allen direkten männlichen oder auch weiblichen Nachkommen auf. Daraus folgten neben einer großen Zahl kleiner und kleinster Herrschaften solch kuriose Verhältnisse wie 50 Herren von Lombers, 36 von Montréal oder 35 von Mirepoix zur gleichen Zeit. Streit und Fehden waren fast unausweichlich. Viele dieser Adligen, die ein Dreißigstel einer Burg oder ein Sechzehntel eines Dorfes ihr Eigen nannten, zogen es daher vor, in Städte zu ziehen und ihr Glück als Kaufleute oder Juristen zu versuchen. Es ist klar, daß unter diesen Bedingungen feudale Bindungen fast bedeutungslos wurden. Die meisten Adligen waren Vasallen vieler Herren, denen sie kaum irgendwelche Dienste schuldeten und deren Loyalität niemandem außer sich selbst galt.[14]

Einen weiteren Kontrast zum Norden stellte die große Zahl an Allodien dar, die es im Süden noch gab. Besitzer solcher freien Ländereien schuldeten dafür niemandem feudale Dienste, konnten aber auch keinen Schutz erwarten. Im Norden dagegen waren die meisten Allodien in Lehen umgewandelt worden.[15]

­­Eine typische Entwicklung im 12./13. Jahrhundert –nicht nur in Okzitanien- war das Aufkommen von Dichtung in Mundart. Den Trouvères und Chansons de geste in der langue d´oïl standen die Troubadoure mit ihrer poésie courtoise in der langue d´oc gegenüber. Die provençalischen Troubadoure schufen mit ihrer bittersüßen, höfischen Liebeslyrik ein neues Genre. Daneben entstanden aber auch politische Satiren und Epen wie „La Chanson de la Croisade Albigeoise“. Herzog Guillaume IX. von Aquitanien († 1127) kann als erster Troubadour bezeichnet werden. Über 400 Namen von Troubadouren aus dem Süden sind bekannt, darunter zum Beispiel Marcabrun, Peire Cardenal, Bertrand de Born.

Die politische Fragmentierung Okzitaniens in viele kleinen Herrschaften, die alle einen eigenen Hofstaat unterhielten, der natürlich wenigstens einen Troubadour beinhalten mußte, förderte hier im friedlichen Wettstreit die kulturelle Blüte. Troubadoure konnten durch das Land von einem Hof zum anderen ziehen und fanden überall Unterkunft und Verpflegung als Gegenleistung für ihre Künste.

In der Vergangenheit wurde des öfteren versucht, eine Verbindung zwischen Troubadouren und Katharern herzustellen, aber dafür existieren keine Belege. Entweder ignorierten die Troubadoure die Katharer einfach oder waren ihnen gegenüber sogar feindlich eingestellt. Gemeinsam war den meisten jedoch die Ablehnung des Kreuzzuges, wenn auch aus anderen Gründen.[16]

[...]


[1] Strayer 1971: Preface (ohnenangabe).

[2] Mehr zu Pierre des Vaux-de-Cernay in: Vaux-de-Cernay: 350-361.

[3] Strayer: 10-11; Wakefield: S. 50 plädiert dagegen für Languedoc.

[4] Strayer: 3.

[5] Strayer: 1.

[6] Sumption: 21.

[7] Sumption: 23; Hamilton: 12.

[8] Strayer: 6 f.; Belperron: 53-61.

[9] Wakefield: 50 f.; Hamilton: 12 f.

[10] Wakefield: 61; Strayer: 8.

[11] Strayer: 5 f.; Wakefield: 53f.

[12] Sumption: 23; Belperron: 43.

[13] Sumption: 19.

[14] Strayer: 4 f.; Sumption.: 19 f.; Wakefield: 52 f.; Belperron: 47; Hamilton: 11.

[15] Sumption: 19; Belperron: 47.

[16] Hamilton: 13; Wakefield: 56-59; Sumption: 28-31; Strayer: 9; Belperron: 69-88.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Albigenserkriege und die Eingliederung Okzitaniens in den entstehenden französischen Zentralstaat 1209-1229
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V52080
ISBN (eBook)
9783638478830
ISBN (Buch)
9783656721871
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Albigenserkriege, Eingliederung, Okzitaniens, Zentralstaat
Arbeit zitieren
Kay Ramminger (Autor:in), 2002, Die Albigenserkriege und die Eingliederung Okzitaniens in den entstehenden französischen Zentralstaat 1209-1229, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52080

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