Die Theorie des Funktionalismus in den Internationalen Beziehungen - umgesetzt durch das Konzept der europäischen Integration?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Themenrelevante Grundkenntnisse
II.1. Die Theorie des Funktionalismus
II.1.a. Der Versuch einer Definition
II.1.b. Kritik am Funktionalismus
II.2. Der Liberalismus
II.3. Die Europäische Integration
II.3.a. Historischer Exkurs
a. Inkubationsphase
b. Gründungsphase
c. Konsolidierungs- und Krisenphase
d. Erweiterung und Stagnation
e. Neuer Schub ab 1986
f. Der Vertrag vom Maastricht
g. Der Vertrag von Amsterdam
h. Der Aufbau der Europäischen Union
II.3.b. Motivation für den Europäischen Integrationsprozess

III. Theorieübertragung: Die Theorie des Funktionalismus in den Internationalen Beziehungen – umgesetzt durch das Konzept der europäischen Integration

IV. Fazit

V. Bibliographie
V.1. Monographien und Sammelbände
V.2. Internet

VI. Abbildungsverzeichnis

I. Einleitung

Die vorliegende Analyse beschäftigt sich mit der Theorie des Funktionalismus der Internationalen Beziehungen im Rahmen der liberalen Friedenstheorien. Besonderes Aufmerksamkeit wird dabei auf die Frage geschenkt werden, ob man die Entstehung der Europäischen Union (EU) nach dem Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen europäischen Integrationsprozess mit dieser Theorie erklären kann.

Eine eindeutige Ergebnisfindung gestaltet sich jedoch ausgesprochen schwierig, da eine empirische Beweisführung im Bereich der Theorie nicht immer gelingen kann. Wenn man aufgrund eines Fallbeispieles, das die Richtigkeit der Theorie zu belegen scheint, direkt auf die allgemeine Gültigkeit derselben schließt, ergeben sich oftmals nicht beachtete Differenzen. Denn oft genug sind ebenso viele die Theorie negierende wie positive Beispiele zu finden.

Die Arbeit wird im ersten Kapitel mit der Vermittlung der themenrelevanten Grundkenntnisse beginnen. In diesem ersten Teil der Arbeit soll die Theorie des Funktionalismus vorgestellt, sowie in den Gesamttheoriebereich der Internationalen Beziehungen eingeordnet werden. Hier empfiehlt sich zusätzlich ein kurzer Blick auf den Liberalismus als solchen; seine Herkunft und die Grundgedanken sollen nachgezeichnet werden.

Anschließend wird ein kurzer historischer Exkurs über die Entstehung der Europäischen Union (EU) und über den dazugehörigen Integrationsprozess den ersten Teil der Arbeit abschließen. Hierzu gehört die Betrachtung der einzelnen Integrationsphasen, aber auch ein kurzer Blick auf die für die Union so wichtigen Verträge von Maastricht und Amsterdam. Zuletzt sollen die Motivationen für den europäischen Integrationsprozess diese Unterkapitel abschließen.

Das zweite Kapitel des Hauptteils wird nun die angesprochen empirische Untersuchung der Funktionalismustheorie im Rahmen des europäischen Integrationsprozesses vornehmen.

Natürlich muss in diesem Zusammenhang wird hier die Frage nach der Motivation des Prozesses aufgegriffen werden, also, ob die Integration in erster Linie als friedensfördernde Maßnahme gesehen werden kann (wie dies der Funktionalismus behauptet) oder ob andere Motive, wie z.B. die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den beiden Supermächten USA und UdSSR ausschlaggebend waren.

Entscheidend ist hier der Verlauf der Integration von einer Europäischen Wirtschafts-gemeinschaft hin zu einer politischen Integration.

Enden wird die Arbeit mit einem Fazit, in welchem einwenig über die Zukunft der Union spekuliert werden wird.

Ich habe mir genau diese Fragestellung gewählt, da durchaus ein aktueller Bezug zur weltpolitischen Gesamtsituation herzustellen ist. Die Union ist auf dem Weg des Zusammenwachsens. Im Rahmen des Europäischen Konvents von Laeken, also bei den Verhandlungen über den Entwurf einer gemeinsamen europäischen Verfassung, ist der Grundgedanke eine politischen, nicht nur einer wirtschaftlichen Union, wieder stärker in den Blickwinkel der Öffentlichkeit getreten.

Somit kann eine „theoretische Unterfütterung“ eben dieses Prozesses für die Gesamtdiskussion durchaus hilfreich sein und eventuell auch dazu beitragen, Lösungen und Umsetzungen für die Zukunft zu finden.

II. Themenrelevante Grundkenntnisse

II.1. Die Theorie des Funktionalismus

II.1.a. Versuch einer Definition

Im diesem Kapitel soll die Theorie des Funktionalismus kurz definiert werden. Hierzu werde ich mich besonders auf die Arbeit von Michael Henkel stützen.[1]

Der Funktionalismus ist im Kontext in die Theorieschule einzuordnen, die den Weltfrieden mit Hilfe eines ökonomischen Marktsystems zu erreichen versucht. Die Theorie des Funktionalismus selbst ist sehr viel umfangreicher, als sie in dieser Hausarbeit dargestellt werden kann. Deshalb wird sich die Analyse auf die ökonomische Dimension beschränken. Henkel verweist in diesem Zusammenhang auf die lange Tradition dieser Gedankengänge, die bis hin zum Liberalismus des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts reichen.[2]

Doch auch die heutige Forschung hat sich exemplarisch mit der Friedensschaffung durch Ökonomie beschäftigt. Wichtig Namen, in diesem Zusammenhang zu nennen, sind: Ernst-Otto Czempiel[3] oder auch Joseph A. Schumpeter[4].

Nach David Mitrany des der Funktionalismus in erster Linie eine Theorie des internationalen Friedens. Die Ursachen von Krieg sollen auf die Weise beseitigt werden, dass die kriegsauslösenden Motive beseitigt werden. Mitrany sieht die Kriegsursachen nun vor allem in den unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen der Menschen verankert. Diese umfangreichen Probleme seien allerdings nicht mehr von den heutigen Nationalstaaten zu lösen. An die Stelle dieser solle eine „funktionale Organisation“ treten, die eine zunehmende Interdependenz, besonders im ökonomischen Bereich, nach sich ziehen soll. Dadurch soll die internationale Zusammenarbeit, auch über politische Grenzen hinweg, intensiviert werden. Dies soll zunächst bei technischen Fragen und in Fragen der Wohlfahrt der Fall sein. Durch eine solche Vernetzung „entwickeln sich mit der Zeit Strukturen und Muster internationaler Kooperation und Solidarität, welche eine tragfähige Grundlage für friedliche Beziehungen zwischen den Staaten (...) abgeben“.[5]

Aus der zunehmenden Interdependenz zwischen den Staaten wird sich mit der Zeit ein Prozess der Integration entwickeln, an dessen Ende die Entstehung einer Vielzahl von supranationalen Organisation stehen wird. Daniel Frei geht sogar soweit, dass er davon spricht, dass durch diesen Integrationsprozess, die „Trennmauern zwischen den Staaten von unten allmählich erodieren und schließlich völlig verschwinden werden“ .[6]

Kernpunkt der Theorie von Mitrany ist dabei, dass sich der Integrationsprozess auf leisen Sohlen vollzieht, also hinter dem Rücken der politischen Eliten. Zu erklären ist dieser Umstand damit, dass er Politik als dissoziativ, Sachlichkeit hingegen als assoziativ ansieht. Die politische Integration geschieht also über den Umweg der Sachlichkeit, in unserem Falle über die Ökonomie, und führt so von „Unpolitischen zum Politischen“.[7] Für die Funktionalisten ist der ökonomische Bereich allerdings nur ein Beziehungsfeld unter vielen. Ebenso können kultureller Austausch oder andere Formen des Austausches entscheidende Rollen übernehmen.[8]

Ernst B. Haas hat später die Theorie von Mitrany wieder aufgenommen und sie zum sogenannten „Neo – Funktionalismus“ weiterentwickelt. Bei seiner Interpretation fällt besonders auf, dass er auch den politischen Bereich direkt in die Überlegungen mit einbezieht. Dabei wird der Prozess der Integration als eine Art „Stufen-Prozess“ mit einem sogenannten „spillover-Effekt“ verstanden. Dies bedeutet, dass die funktionale Integration, die zu Beginn vornehmlich im Bereich der Wirtschaft stattfindet, in andere Sektoren „überläuft“, die wirtschaftliche Integration findet ihre Fortsetzung folglich im politischen Sektor. Die Annahme, dass die „spillover-Effekte“ zwangsläufig ablaufen werden, mussten mit der Zeit jedoch relativiert werden. Sind also nicht mehr eine „automatischen und unausweichliche“ Folge der wirtschaftlichen Integration, sondern nur noch eine notwendige Bedingung. Interessant ist an dem Haaschen Gedanken, dass den funktionalen Interessengruppen und den politischen Eliten eine besondere Rolle zugedacht wird. Dadurch, dass die sachlichen Problemlösung (oft) erfolgreich verlaufen, wird eine Ausweitung dieser Muster auf den politischen Prozess in Angriff genommen. Demnach steigt der Wunsch nach verbesserter und umfangreicherer Kooperation nicht nur zwischen den funktionalen Partnern sondern ebenfalls zwischen den einzelnen politischen Eliten der Staaten.[9]

Zusammenfassend lässt sich also folgendes feststellen:

Über den Umweg einer wirtschaftlichen Integration zwischen verschiedenen Staaten wird die Bereitschaft einer politischen Integration nicht nur gesteigert, sondern fast zwangsläufig angenommen. Diese kann, wie von Mitrany angenommen, schleichend und von den politisch Mächtigen ungesehen oder, wie bei den „Neo-Funktionalisten“, über die sogenannten „spillover-Effekte“ geschehen.

Diese zunehmende Interdependenz führt zum Frieden zwischen den Nationen, da sich eine kriegerische Auseinandersetzung wirtschaftlich nicht mehr lohnen. Die Kosten, die für die eigenen Volkswirtschaft im Falle eines Krieges entstehen würden, übersteigen den zu erwartenden Nutzen deutlich. Darüber hinaus bedingen die Austauschbeziehungen eine Interessengemeinschaft zwischen den einzelnen Völkern. Die Völker haben ein Interesse miteinander zu verkehren und Handel zu treiben. Demzufolge ist es im Interesse von Volk A, dass es dem Volk B gut geht; denn je größer die Prosperität, desto reger werden auch die Handelbeziehungen sein und somit der Wohlstand der beteiligten Nationen. Deshalb kann der Krieg diese „Harmonie der Interessen“ nur zerstören und folglich ist für ihn in einer solchen Welt kein Platz mehr. Je intensiver und enger diese Interdependenz sein wird, desto dauerhafter und fester wird auch der Frieden sein.[10]

II.1.b. Kritik am Funktionalismus

Die Theorie des Funktionalismus ist in der Vergangenheit häufig kritisiert worden:

Ein Kritikpunkt ist, dass sich wirtschaftliche Beziehungen einem sachlichen Sinn unterwerfen. Die Störung des Friedens innerhalb eines politischen Verbandes hingegen ist ein Aufgabe des Zusammenlebens, also von direkten persönlichen Problemen, die oftmals nicht sachlich und rationell ablaufen. Henkel sieht ein großes Problem darin, die sachliche, wirtschaftliche Denkweise auf den politischen Bereich zu übertragen. Ebenso muss Berücksichtigung finden, dass wirtschaftliche Transaktionen fast ausschließlich auf gesellschaftlicher Ebene ablaufen, während die Entscheidung über Krieg und Frieden nicht direkt von den Gesellschaften, sondern von den politischen Eliten eines Staates getroffen werden.[11]

Zudem setzt eine wirtschaftliche Kooperation zwischen verschieden Staaten zunächst an erster Stelle den „Nicht-Krieg“ voraus.

Funktionale Beziehungen, seien sie ökonomischer oder politischer Natur, können den Frieden durch zunehmende Interdependenz verstärken, dass Frieden allerdings alleine dadurch erreicht werden kann, scheint zweifelhaft.

In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, dass Volkswirtschaften gegebenenfalls von einem (erfolgreich) geführten Krieg profitieren können, indem beispielsweise die Rüstungsindustrie „boomt“ oder neue Absatzmärkte erschlossen werden

Für Henkel sind sowohl die Theorie von Mitrany, als auch die neo-funktionalistischen Theorien von Haas Utopien, die nicht in die Realität übertragen werden können.

Trotzdem leugnet er die wechselseitige Beeinflussung von Staaten durch funktionale Prozesse nicht. Er sieht diese Wechselwirkungen allerdings nicht als Folge kausaler Prozessen an, denn „Ökonomie, Technik, internationaler Tourismus werden dann politisch relevant, wenn sie politisiert werden, wenn sie als politische Probleme definiert werden. Wann solches der Fall ist, ist jedoch keine Frage von Automatismen, sondern eine Frage des politischen Prozesses“.[12]

[...]


[1] Henkel, Michael: Frieden und Politik. Eine interaktionistische Theorie (Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Band 108), Berlin 1999.

[2] Ebenda, S. 221.

[3] Czempiel, Ernst-Otto: Friedensstrategien. Systemwandel durch Internationale Organisation, Demokratisierung und Wirtschaft, Paderborn, München, Wien 1986, S. 146 – 155.

[4] Ebenda, S. 152 – 154, sowie den als Dokument 26 auf S.228 abgedruckten Texten Schumpeters.

[5] Henkel, Michael: Frieden und Politik. Eine interaktionistische Theorie (Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Band 108), Berlin 1999, S. 222.

[6] Frei, Daniel: Integrationsprozesse. Theoretische Erkenntnisse und praktische Folgerungen, in: Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Die Identität Europas, Bonn 1985, S. 113 – 131, hier S. 123.

[7] Henkel, Michael: Frieden und Politik. Eine interaktionistische Theorie (Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Band 108), Berlin 1999, S. 222.

[8] Steinweg, Rainer: Hilfe + Handel = Frieden. Die Bundesrepublik in der Dritten Welt (Friedensanalysen 15), Frankfurt am Main 1982, S. 23.

[9] Henkel, Michael: Frieden und Politik. Eine interaktionistische Theorie (Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Band 108), Berlin 1999, S. 223.

[10] Frei; Daniel: Kriegsverhütung und Friedenssicherung. Eine Einführung in die Probleme der internationalen Beziehungen, Frauenfeld und Stuttgart 1970, S. 46.

[11] Ebenda, S. 223f.

[12] Henkel, Michael: Frieden und Politik. Eine interaktionistische Theorie (Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Band 108), Berlin 1999, S. 225.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Theorie des Funktionalismus in den Internationalen Beziehungen - umgesetzt durch das Konzept der europäischen Integration?
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Strategien und Theorien Internationaler Sicherheit
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V52180
ISBN (eBook)
9783638479585
ISBN (Buch)
9783656562238
Dateigröße
1058 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Analyse beschäftigt sich mit der Theorie des Funktionalismus der Internationalen Beziehungen im Rahmen der liberalen Friedenstheorien. Besonderes Aufmerksamkeit wird dabei auf die Frage geschenkt werden, ob man die Entstehung der Europäischen Union (EU) nach dem Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen europäischen Integrationsprozess mit dieser Theorie erklären kann.
Schlagworte
Theorie, Funktionalismus, Internationalen, Beziehungen, Konzept, Integration, Strategien, Theorien, Internationaler, Sicherheit
Arbeit zitieren
M.A. Marc Brandstetter (Autor), 2002, Die Theorie des Funktionalismus in den Internationalen Beziehungen - umgesetzt durch das Konzept der europäischen Integration?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52180

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Theorie des Funktionalismus in den Internationalen Beziehungen - umgesetzt durch das Konzept der europäischen Integration?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden