Revolutionäre Bewegungen in Sparta zwischen 220 und 192 v.Chr.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Zeit der Reformen unter Agis IV. und Kleomenes
1.1 Zur Quellenlage
1.2 Die Restaurationsversuche des Agis
1.3 Die Reformen des Kleomenes

2. Agesipolis, Lykurgos, Pelops und Machanidas

3. Der Umsturzversuch des Chilon

4. Nabis und das Ende des freien Sparta
4.1 Zur Quellenlage
4.2 Nabis Aufstieg und Herrschaft
4.3 Die Römer in Sparta und das Ende der politischen Selbstständigkeit Nachwort

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur

Einleitung

Mit dem Scheitern der Reformpolitik Agis IV., welcher zwar Elan, aber wenig realpolitisches Gespür mitbrachte und so der erste spartanische König wurde, den die Ephoren hinrichten ließen, blieben die wirtschaftlichen und sozialen Probleme ungelöst. Die Zahl der Vollbürger war auf 700 geschmolzen, nur ganze 100 davon besaßen eigenes Land, das übrige, mittellose Volk nahm ohne Eifer an den Kriegen teil und wartete, laut Plutarch, auf die Gelegenheit zum Umsturz.[1] Der Verfall des Staates der Lakedaimonier setzte ein, als das Lykurgische Gesetz aufgehoben wurde, nachdem der Vater sein Landlos jeweils dem Sohn hinterlassen musste und ergo Grund und Boden in der Familie zu bleiben hatten und nicht veräußert werden durfte. Nach Beseitigung dieses Gesetzes erwarben die Mächtigen Güter und der Reichtum floss von da an in den Händen weniger zusammen. Der gesamte Reichtum der Stadt war in den Händen dieser Großgrundbesitzer versammelt, die ihre wirtschaftliche Macht ausspielten, um diesen Konzentrationsprozess weiter voranzutreiben. Durch das starke soziale Gefälle war die Unzufriedenheit groß und die Spannungen enorm. Diese Arbeit soll darstellen, welche Reformversuche seit Agis unternommen wurden, um, zum einen, die sozialen Missstände zu beseitigen und zum anderen, um Sparta auf die Bühne der großen Politik auf der Peloponnes zurückzuführen. Im Zentrum steht dabei die Regierungszeit Nabis’, wobei aber ein Augenmerk auf die Entwicklung der genutzten politischen Mittel von Agis bis Nabis gelegt werden soll, deren sich die Herrscher Spartas bedienten und beginnend mit dem Bruch der Verfassung durch Agis, über den politischen Mord bei Kleomenes bis zur selbstverständlichen Gewaltanwendung unter Nabis in ihrer Brutalität und Skrupellosigkeit eine ständige Steigerung erfuhren. Um Entwicklungen in eben jenem und im sozialen Bereich aufzeigen zu können, erfasst die Arbeit den Zeitraum etwa 20 Jahre vor Nabis bis zu dem Zeitpunkt, als dessen Regierung in Sparta zu ihrem Ende kommt.

1.Die Zeit der Reformen unter Agis IV. und Kleomenes

1.1 Zur Quellenlage

Der Philosoph Sphairos von Borysthenes, der auch den späteren König Kleomenes unterrichtete, verfasste eine Schrift über die spartanische Verfassung sowie über Lykurg und Sokrates. Sie macht den geistigen Hintergrund der hellenistischen Stoa deutlich und pflegte das Bild eines früheren elitären Spartas und auch das Ideal des gesellschaftlichen Ausgleiches. Beides Angelegenheiten, die Agis IV. und Kleomenes III. erneut zu initiieren planten.

Beiden hat Plutarch Biographien gewidmet, die er mit den römischen Tribunen Tiberius und Gaius Gracchus parallelisierte – Männer, die ebenfalls für ihre Aufsehen erregenden Bodenreformpläne bekannt sind. Plutarchs Materialgrundlage waren hauptsächlich die Schriften des Phylarch, einem Unterstützer des Kleomenes und dementsprechend wohlwollend und stellenweise überhöht fällt dessen Bild aus. Bereits Polybios kritisiert allerdings Phylarchs Methoden der historischen Inszenierung und vergleicht sie mit denen von Tragödiendichtern.[2] So ist wohl zu einem gewissen Grade in Phylarchs Werk eine Ausschmückung der Tatsachen zu erwarten.

Der Archaier Polybios, dessen Heimatstadt Megalopolis 223 von Kleomenes zerstört wurde, greift hauptsächlich auf die Memoiren des Führers des Achaiischen Bundes, Aratos von Sikyon, zurück, die, verständlicherweise, ein eher ungünstiges Bild zeichnen. Informationen über die Verhältnisse innerhalb Spartas sind vielmehr bei Plutarch zu finden.

1.2 Die Restaurationsversuche des Agis

Die historische Situation in Sparta wurde vor allem durch soziale Spannungen bestimmt, die sich aus der ungleichen Verteilung von Grund und Boden ergaben. Von der prinzipiellen Gleichheit der Bürger konnte keine Rede mehr sein. In allen griechischen Poleis waren im 3.Jh.v.Chr. überall tiefe Gräben zwischen Arm und Reich entstanden, doch in Sparta war die Disproportion der Zahlen weitaus größer als anderswo.[3] Von der spartanischen Staatserziehung, der Agogé, war nur noch ein Schatten vorhanden. Wenige Reiche führten ein Leben angefüllt mit Luxus und Vergnügen, der Rest lebte in Armut. Möglichkeiten der Expansion des spartanischen Staates waren nicht mehr vorhanden. Messenien war schon vor mehr als 100 Jahren verloren gegangen; alle Versuche, es zurück zu gewinnen, waren gescheitert, so dass seine Bewohner nicht mehr als Heloten zur Verfügung standen.

Zur Rettung des Staates und seiner Bürgerschicht drängten sich Reformen auf, vor allem eine Neuverteilung des Bodens bzw. eine Reduzierung des Großgrundbesitzes.[4]

Als Agis IV. aus der Familie der Eurypontiden 244 v.Chr. den Thron bestieg, sah er in einer tief greifenden, konsequenten Reformpolitik und der Wiederherstellung des „lykurgischen Systems“ die einzige Möglichkeit, den weiteren Verfall Spartas aufzuhalten.[5] Selbst in reichem Hause geboren drängte der trotzdem auf eine Neuverteilung des gesamten Vermögens – ein Plan, für den er leicht den größten Teil der Bürger gewinnen konnte. Er legte der Apella einen Aktionsgrundriss vor, der eine Tilgung aller Schulden, die Neuverteilung des gesamten Grundbesitzes, die damit verbundene Schaffung von 4500 Landlosen für Spartiaten und deren 15000 für waffenfähige Periöken vorsah. In einer für das Volk eindrucksvollen Geste stellte er vor der Abstimmung der Geronten über diese Pläne sein gesamtes Vermögen und das seiner Familie dem Staat zur Verfügung und stiftete zusätzlich noch 600 Talente.[6] Die Vermögenden Spartas wandten sich an Leonidas, den zweiten König, er solle Agis an dessen Vorhaben hindern und der stellte die provozierende Frage, ob denn Lykurg einer Schuldenaufhebung zugestimmt hätte. Daraufhin strengten Agis und der Ephore Lysander einen Prozess zur Absetzung Leonidas auf Grund eines Gesetzes an, das es den Spartanern verbot, „mit einer Frau fremden Stammes Kinder zu zeugen“, um ihn aus dem Amt zu entfernen. Die Königswürde wurde ihm aberkannt und auf seinen Schwiegersohn Klembrotos übertragen, einem Anhänger von Agis’ Ansichten.[7]

Zwischenzeitlich war jedoch die Stimmung umgeschlagen; im Laufe der langen Debatten waren neue Spartiaten ins Ephorat gelangt, welche sich gegen die Reformen stellten. Dies zeigt, dass die Gruppen der Reformer und der Gegner annähernd gleich stark gewesen waren, wodurch die Mehrheiten schnell kippen konnten. Da sich Agis in dieser Situation nicht anders zu helfen wusste, beging er einen klaren Bruch der Verfassung: Er griff zur Gewalt und trieb mit einigen bewaffneten Männern die Widerspenstigen ins Exil.[8] Ein erster Schritt einer Entwicklung, in deren Verlauf die Gewalt innerhalb des Regierungsapparates Spartas zu einem der wichtigsten Instrumente wurde.

Einer der neuen Ephoren war Agesilaos, ein Onkel des Agis. Er gehörte zu den großen Landbesitzern, mit allerdings großen Schulden. Deshalb trieb er zwar den Schuldenerlass voran, verzögerte aber die Landverteilung.

So erfolgte die allgemeine Schuldentilgung zuerst: Auf der Agora entzündete man symbolisch den aufgetürmten Berg der Schuldbriefe. Gläubiger und Vermögende verließen demonstrativ den Platz. Danach geriet der Reformprozess ins Stocken. Viele hatten sich, wie Agesilaos, bei der Schuldentilgung gesundgestoßen und hatten nun kein Interesse mehr daran, ihr Land zur Verteilung herzugeben. Durch Verschleppung des Vorganges, ständige Beanstandungen und Ausflüchte wurde die Neuverteilung auf die lange Bank geschoben und Agis Ansehen und Glaubwürdigkeit schwer beschädigt. Dies setzte sich mit einem außenpolitischen Rückschlag 241 fort, als Agis Truppen nach Korinth führte, um den Achäischen Bund gegen eine drohende Invasion durch die Aitoler zu unterstützen. Die Situation hatte sich bei seiner Rückkehr grundlegend geändert. Der rückberufene und wieder eingesetzte Leonidas umgab sich mit Söldnern und ernannte selbst neue Ephoren. Agis floh in den Tempel der Athena und wagte sich nur noch mit Leibwächtern auf die Straße. 241 wurde er vor Gericht gestellt und später im Gefängnis erdrosselt, sein Mitkönig Klembrotos ins Exil gezwungen.[9] Der König hatte den Widerstand gegen die Reformen bei weitem unterschätzt und zuviel auf einmal gewollt.[10] Seine Gegner aber hatten keinen anderen Weg gesehen, als den Reformkönig durch Justizmord beiseite zu schaffen. Die sozialen Probleme waren nach dem Tod des Agis nicht gelöst, sondern nahmen noch zu.

1.3 Die Reformen des Kleomenes

Aber die Reformidee hatte Agis überlebt. Es existierte auch weiterhin eine starke Gruppierung in Sparta, die erneute militärische Stärke nur auf dem Wege des Agis zu erreichen sah. Auch Kleomenes III., der das schwere Erbe Agis’ antrat, bestieg in jungen Jahren, mit 25, den Königsthron (235). Sein Vater war Leonidas II., der von Agis vertrieben worden war. Seine zahlreichen militärischen Erfolge brachten Sparta noch einmal ins Gerede: Sollte die Stadt am Euratos noch einmal zu alter Stärke zurückfinden können? Kleomenes soll sogar den Krieg mit den Achaiern bewusst geschürt haben (indem er die Ephoren bestach), um ein günstiges Klima für seine Pläne zuschaffen.[11]

Er war betrübt darüber, dass bei den führenden Bürgern Spartas nur noch wenig Staatsbewusstsein, doch um so mehr Eigennutz vorhanden war. Zunächst stand er der Entwicklung machtlos gegenüber, weil das Ephorat seine Tätigkeit einengte. Bald ergab sich für ihn eine große Chance: Erneut stand Sparta im Krieg mit den Arkadiern. Kleomenes zog im Winter 227/226 mit seinen Söldnern, nicht mit Lakedaimonischen Soldaten, nach Sparta und ließ in einem regelrechten Staatsstreich vier der fünf Ephoren töten (einem gelang schwer verletzt die Flucht in den Tempel des Phobos), um größere militärische Handlungsfreiheit zu gewinnen.[12] Er erklärte den Bürgern, die Ephoren seien ursprünglich Diener des Königs gewesen und hätten ihre starke Position nur durch den Bruch der Verfassung erlangen können.[13] Auch der rechtmäßige, zweite König aus dem Hause der Eurypontiden, Archidamos, wurde ermordet. Es ist allerdings strittig, ob von Kleomenes selbst - dessen Bruder Eukleidas daraufhin zum Gegenkönig ernannt wurde. Dies war ein Akt, der das ganze Zwei-Königs-System in Frage stellte, da nun beide Herrscher aus demselben Hause stammten. Die Gerontie wurde zur Versammlung der 30 verändert – zwei Könige und 28 Geronten, wobei diese jährlich neu gewählt wurden. So war dafür gesorgt, dass sich keine Opposition etablieren konnte. Als Ephorenersatz wurden die Patronomoi, die „Wächter der Ordnung und der Gesetze“, geschaffen. Die politischen Rechte aber gingen auf den König über.[14] Kleomenes schwächte systematisch alle Ämter der Stadt und schuf um sich herum eine Konzentration der Macht. Polybios bezeichnet Kleomenes nach 226/227 als Tyrannen Spartas, da er aufgrund der Ausschaltung Archidamos das Doppelkönigtum beseitigt sah.

Kleomenes realisierte teilweise die Pläne des Agis, indem er durch die Verleihung des Bürgerrechts an Periöken die Zahl der Spartiaten auf 4000 erhöhte und allen Bürgern und Neubürgern durch eine neue Landverteilung Klaroi zuwies,[15] jedoch versuchte er nicht, die sozialen Probleme generell zu lösen. Vielmehr privilegierte er mit dieser Landverteilung eine bestimmte Zahl von Personen zur Sicherung seiner Machtbasis, ohne aber die soziale Struktur wirklich zu verändern.[16] 222 erließ Kleomenes ein Freikaufangebot an alle Heloten, die fünf attische Minen zahlen konnten. Auch dies war kein Zeichen von sozialem Reformeifer, sondern diente dazu, neue Gelder und Soldaten für den Krieg gegen Makedonien zu generieren und so zum Überwinden einer schweren militärischen Krise. Etwa 6000 Heloten waren zu dieser Zahlung in der Lage und füllten so die Kriegskasse mit 500 Talenten - damit war aber die Institution der Helotie keinesfalls beseitigt. Diese Heloten wurden keine Bürger Spartas und erhielten auch keine Klaroi. In den nächsten Jahren erzielte Kleomenes einige, teils überraschende militärische Erfolge, die aber nicht nur auf die Stärke der Armee zurückzuführen sind, sondern auch darauf, dass die Nachricht von den Reformen in Sparta auf der Peloponnes die Runde gemacht hatte und in zahlreichen anderen Städten kam so im Volk der Ruf nach Schuldentilgung und Landneuverteilung auf. Vielerorts fand er so bei der verarmten und verschuldeten Bevölkerung Anhänger. Mantineia öffnete ihm die Stadttore, etliche weitere Städte konnte er erobern. Doch trotz aller Bemühungen unterlag das spartanische Heer in der Entscheidungsschlacht bei Sellasia 222 der Übermacht des makedonischen Königs Antigonos. Kleomenes floh nach Alexandreia. Am Hof des Ptolemaios III. erfüllten sich seine Hoffnungen auf dessen (und seines Nachfolgers, Ptolemaios IV.) Unterstützung zur Weiterführung des Kampfes nicht. Ptolemaios IV. ließ ihn gar einsperren. Nach einem gescheiterten Befreiungsversuch beging Kleomenes Selbstmord oder ließ sich von einem seiner Getreuen töten.[17]

[...]


[1] Plut. Agis 5.; Weber (S. 407) und Bengtson (S.167) halten diese Zahlen für glaubwürdig, Welwei (S. 329) hält sie für übertrieben

[2] Polyb. 2,56,10f.

[3] Clauss, S.78

[4] Thommen, S.184

[5] Weber, S. 407

[6] Plutarch, Agis 9

[7] Plutarch, Agis 11

[8] Weber, S. 410

[9] Plut. Agis 16,4-20,1

[10] Bengtson, S.168

[11] Plut. Kleom. 6, Weber, S.412

[12] Welwei, S.334

[13] Plut. Kleom. 10,2-5

[14] Clauss, S.81

[15] Plut. Kleom. 6-11 und Shimron, S.151

[16] Welwei, S.335

[17] Polyb. 5,35,1-39,6; Plut. Kleom. 33-37

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Revolutionäre Bewegungen in Sparta zwischen 220 und 192 v.Chr.
Hochschule
Universität Rostock  (Altertumswissenschaften)
Veranstaltung
Reform und Revolution im hellenistischen Sparta
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V53252
ISBN (eBook)
9783638487573
ISBN (Buch)
9783638662604
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Reform und Revolution im hellenistischen Sparta unter Agis, Kleomenes, Agesipolis, Lykurgos, Pelops, Machanidas, Chilon und das Ende des freien Sparta unter Nabis
Schlagworte
Revolutionäre, Bewegungen, Sparta, Reform, Revolution, Sparta
Arbeit zitieren
Andy Schalm (Autor), 2006, Revolutionäre Bewegungen in Sparta zwischen 220 und 192 v.Chr., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53252

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