Die Funktion des Hässlichen im Expressionismus und in der frühen Lyrik Gottfried Benns


Seminararbeit, 2004
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort: Inhalt, Aufbau und Intention der Arbeit

2. Zur Funktion des Hässlichen im Expressionismus und in der frühen Lyrik Gottfried Benns
2.1 Eine neue Ästhetik: Das Hässliche in Umkreis des Expressionismus
2.2 Die Funktion des Hässlichen in der frühen Lyrik Gottfried Benns
2.2.1 Der hässliche Mensch in der frühen Lyrik

3. Fazit

1. Vorwort: Inhalt, Aufbau und Intention der Arbeit

In meiner Hausarbeit „Die Funktion des Hässlichen im Expressionismus und in der frühen Lyrik Gottfried Benns“ möchte ich, wie der Titel schon andeutet, eine Ästhetik des Hässlichen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, die in der Kunst des Expressionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie in keiner anderen Kunstrichtung zuvor ihren Ausdruck fand, und damit dem Lebensgefühl und der Wirklichkeitserfahrung einer ganzen Generation von Künstlern Ausdruck verlieh, sowie viele der nachfolgenden Generationen entscheidend in ihrer Wahrnehmung beeinflusste.

Als einer der bedeutendsten, wenn nicht sogar der bedeutendste dieser Künstler, die sich im expressionistischen Umfeld bewegten und das Hässliche programmatisch in ihr Werk einfließen ließen, war es der junge Gottfried Benn, der in seiner frühen Lyrik in krassen, schonungslosen Bildern, wie kein anderer das ästhetisch Hässliche verarbeitete und zum zentralen Objekt der Darstellung machte.

In meine Ausführungen möchte ich dementsprechend zunächst versuchen die Funktion des Hässlichen in der Kunst des Expressionismus im allgemeinen darzustellen, um dann auf dieser Grundlage zu einer Betrachtung der Verwendung und Funktion des Hässlichen in der frühen Lyrik Gottfried Benns zu gelangen. Diese Betrachtung wird im wesentlichen mit Textbeispielen aus der frühen Lyrik arbeiten und versuchen, anhand der Analyse dieser Beispiele, so viel wie möglich über die Funktion des Hässlichen im lyrischen Frühwerk Benns auszumachen.

Ziel eines abschließenden Fazits soll es dann sein, zu resümieren was sich über die Funktion des Hässlichen im Expressionismus und in Benns früher Lyrik aussagen lässt, und zu überprüfen inwieweit Gemeinsamkeiten oder Unterschiede dieser Funktion bei Benn im Vergleich zum Expressionismus feststellbar sind.

2. Zur Funktion des Hässlichen im Expressionismus und in der frühen Lyrik Gottfried Benns

2.1 Eine neue Ästhetik: Das Hässliche im Umkreis des Expressionismus

Es ist eine althergebrachte ästhetische Doktrin in der Geschichte der Literatur bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, dass das Wesen und Ziel der Kunst auf die Schönheit ausgerichtet sein sollen.

Der Expressionismus sowie die ihm verwandten, nach der Jahrhundertwende entstandenen künstlerischen Richtungen allerdings, stellen eine neue Perspektive in den Vordergrund:

Die Kunst soll nicht mehr nur das Schöne betonen und dessen Darstellung als Ziel haben. Sie soll „nicht eines Verschönerers Sache, sondern das Amt eines Offenbarenden, eines Vorgestaltenden sein.“[1]

Die Kunst soll eine tiefere Bedeutungsebene erlangen, „der gegenüber das Verschönern nur als äußerliches und oberflächliches verzieren gilt.“[2]

Das Schöne repräsentiert in den Augen der Expressionisten, neben dem Oberflächlichen im allgemeinen, die klassische Ästhetik der Antike, welche diese als überkommen und konservativ ansehen, und dementsprechend zu bekämpfen suchen.

So bringt man zunächst nur zum Ausdruck, von Äußerlichkeit und Oberflächlichkeit des „ästhetisch Schönen“ abkehren zu wollen, ohne jedoch genauer zu definieren wohin der Willen der neuen Kunstform eigentlich tendiert bzw. was ihre Inhalte und Ziele sind.

Ein rebellischer Geist wird sichtbar, der „allem Klassischen, Harmonischen [...], dem sogenannten „guten Geschmack““[3] den Kampf ansagt.

Die „Revolutionäre“ sehen den guten Geschmack als etwas Aufgedrängtes, Erlerntes an, das einer ästhetischen Doktrin entstammt, die den Menschen in Fesseln hält und von der er sich befreien muss.

Die zunächst nur harsch verneinende Kritik wird zur positiven Forderung abgewandelt,

indem man dazu aufruft, „jeden eingrenzenden und aussondernden ästhetischen Maßstab

aufzugeben.“[4], so dass alle Stoffe und Motive der Realität (auch die traditionell „unästhetischen), dem Künstler zugänglich werden.

Dieser Drang nach absoluter Freiheit der künstlerischen Darstellung erteilt dem Hässlichen in der Kunst „die Absolution“:

„wir werden alle brutalen Töne gebrauchen, die ausdrucksvollen Schreie des heftigen Lebens, das uns umkreist. Gebrauchen wir das „Hässliche“ in der Literatur und töten wir überall die Feierlichkeit .[...] Wir betreten die unbegrenzten Gebiete der freien Intuition.“[5]

Wie sich in diesem Zitat zeigt verbindet sich das Vorhaben der Verwendung des Hässlichen nur allzu oft mit einer krassen Abwendung vom Schönen.

Die Tatsache dass das Hässliche im Expressionismus nicht mehr verpönt ist, sondern als starkes Ausdrucksmittel im Vordergrund steht, bedeutet aber wiederum nicht, dass der Künstler sich nun bedingungslos im Hässlichen „suhlen“ soll um das Schöne kategorisch auszuschließen.

Eine solch einseitige thematische Festlegung würde ja, genauso wie die kritisierte klassische Ästhetik bezüglich des Schönen, einen eingrenzenden und aussondernden ästhetischen Maßstab bezüglich des Hässlichen festlegen. Da dies allerdings grundlegend dem schon eingeführten Gedanken der „freien Intuition“[6] im Expressionismus und dem Vorhaben des Aufsprengens solcher Maßstäbe widersprechen würde, muss das Schöne, genauso wie das Hässliche, seinen Platz in einer Kunstrichtung haben, die die Welt in all ihren Aspekten betrachten will. „Das Hässliche [...] darf nicht zum Selbstzweck werden.“[7]

Nun könnte solche theoretischen Ansätze natürlich dazu verführen, den Expressionismus als einen verkappten Naturalismus zu sehen. Denn die Sprache und die evozierten Bilder expressionistischer Lyrik im besonderen können da, wo es um die „rohe“, „unbehauene“

Wiedergabe des Hässlichen geht, außerordentlich wirklichkeitsnah und detailgetreu sein.

Allerdings geht es den Expressionisten wie sich im Folgenden zeigen wird um alles andere als um eine möglichst genaue Wiedergabe der Realität und das typisch naturalistische Streben nach Fortschritt und Besserung fehlt im Expressionismus völlig.

Sofern es um die Lyrik des Expressionismus geht, scheint eine naturalistische Darstellung ohnehin kaum im Bereich des Möglichen zu liegen, denn ein „aus Worten gemachtes Gedicht hat in der grundlegenden Identität seiner Struktur nichts mehr mit dem Leben zu tun. Es erscheint, wie Rene Wellek sagt, „als ein Erkenntnisobjekt sui generis mit einem besonderen ontologischen Status.““[8]

Zudem ist, wie sich noch zeigen wird, die Realitätswahrnehmung in Expressionismus eine äußerst subjektive, vom Innenleben des betrachtenden Individuums geprägte.

Die Realität wird subjektiv geschaut und von den meisten Künstlern dieser Kunstrichtung als äußerst krisenhaft empfunden.

Der Expressionist lässt die Wirklichkeit mit all ihren hässlichen Aspekten in seine Betrachtungen einfließen, um sich eben dadurch von ihr zu distanzieren.

So dient das Hässliche dazu, die Hässlichkeit die in der Realität vorhanden ist darzustellen, um eben diese Realität zu defamieren und abzuwerten (ein Aspekt, auf den wir im besonderen bei den Betrachtungen der Bennschen Lyrik noch zurückkommen werden).

Die Funktion des Hässlichen im Expressionismus ist also eine dienende, als Mittel im Kampf gegen die Wirklichkeit.

Eine Wirklichkeit, die auf drei Ebenen zu sehen ist:

1. Als wirtschaftliche, gesellschaftliche und religiöse Wirklichkeit, wie sie sich den Expressionisten nach der Jahrhundertwende präsentierte:
„Vermassung, stupides Bürgertum, Mechanisierung, Normierung, Materialismus, Kommerzialisierung.“[9], kurz: eine antispiritualistische, geistfeindliche Realität
2. Als Bewusstseinsprodukt des Menschen, der der „fortschreitenden Verhirnung“[10]
unterworfen ist
3. Als „Gegenständlichkeit“ der Realität im eigentlichen Wortsinn

[...]


[1] Otto Fischer: Das neue Bild. Veröffentlichung der Neuen Künstlervereinigung München. München 1912, S.11; zit. Nach: EK , S.109

[2] EK, S.109/110

[3] EK S.111

[4] EK, S.112

[5] F. T. Marinetti: technisches Manifest der futuristischen Literatur. In: St, Jg. 3, Nr.133, 1912, S.194 f.; zit. nach: EK, S.112

[6] vgl.: Nr.5

[7] EK, S.113

[8] LE, S. 73

[9] EK, S.116

[10] EK, S.116

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Funktion des Hässlichen im Expressionismus und in der frühen Lyrik Gottfried Benns
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Abteilung für neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Gottfried Benn
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V53440
ISBN (eBook)
9783638488952
ISBN (Buch)
9783656618386
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktion, Hässlichen, Expressionismus, Lyrik, Gottfried, Benns, Benn
Arbeit zitieren
Benedikt Fuchs (Autor), 2004, Die Funktion des Hässlichen im Expressionismus und in der frühen Lyrik Gottfried Benns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53440

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