Märchen als Weg zum Feminismus. Wie geeignet sind Märchen zur Vermittlung feministischer Geschlechterbilder?


Hausarbeit, 2019

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Feminismus
2.1. Feminismus in Märchen

3. Der Vergleich des Rotkäppchenmärchens
3.1. Perraults Rotkäppchen
3.2. Grimms Rotkäppchen
3.3. Angela Carters „The Company of Wolves“
3.4. Zusammenfassung

4. Erziehung durch Märchen
4.1. Feminismus durch Märchen erziehen

5. Fazit: Märchen als Weg zum Feminismus?

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Märchen gelten noch heute als ein Genre der Literatur, das zum Kulturgut einer Gesellschaft gehört und Werte und Normen dieser in sich trägt. Auch wenn es schwierig ist, eine genaue Definition für das Genre zu finden, so lassen sich doch wesentliche Punkte bestimmen, die ein Märchen ausmachen. Dazu gehört unter anderem, dass sie im Laufe ihrer Überlieferung immer wieder variiert und an die jeweilige Zeit angepasst wurden, dabei aber ihre innere Struktur und ihr Magisches nicht verloren.1 Auch die Themen von Märchen beschäftigen sich immer wieder mit Motiven wie Metamorphose, Verzauberung, Erfolg der Schwachen und Entwicklung einer Persönlichkeit. Heute könnte man Märchen als „Alltagskulturgut“ bezeichnen. Sie begegnen uns in sämtlichen Formen, z.B. als Buch oder Film und besitzen dabei einen hohen Stellenwert, insbesondere für das kindlichen Leben.2 Immer wieder beschäftigen sich deshalb Psychologen und Pädagogen mit der Wirkung von Märchen auf Kinder. Insbesondere die Tiefenpsychologie macht darauf aufmerksam, dass es zwischen dem kognitiven Vorstellungsprozessen von Kindern und der Erzählweise von Märchen große Entsprechungen gibt. Aus diesem Grund gelten Märchen noch bis heute als ein geeignetes Mittel, um zur Erziehung von Kindern beizutragen. Sie können über bildhafte Weise Regeln vermitteln und Kindern Rollenbeispiele und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.3

Wie bereits erwähnt, lassen sich Märchen stark variieren und an die Gesellschaft mit ihren Rollenbildern anpassen. Aus diesem Grund werden in der heutigen Zeit immer mehr Märchen in moderne, feministische Versionen umgewandelt. Über Jahrhunderte hinweg transportierten Märchen bestimmte Archetypen von Mann und Frau und prägten darüber maßgeblich das Bild der beiden Geschlechter. Mit der neuen Art von feministischen Märchen sollen genau diese Archetypen aufgebrochen werden, um Frauen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Ein Beispiel für diese Art des Märchens soll im Rahmen der Hausarbeit Angela Carters „The Company of Wolves“ sein. Dafür wird das neue, moderne Märchen mit zwei älteren Versionen des Rotkäppchens von Perrault und den Brüder Grimm verglichen. So soll herausgearbeitet werden, wie die Archetypen der beiden Geschlechter über Generationen hinweg bestanden, bzw. verändert wurden.

Aufgrund ihrer erzieherischen Wirkung soll weiter untersucht werden, inwieweit sich Märchen dafür eigenen, hinsichtlich des Feminismus und der Emanzipation zu wirken. Dafür gilt es, sich zuerst damit zu beschäftigen, wie genau Märchen in die Erziehung und Entwicklung von Kinder eingreifen können, um im Anschluss eine Hypothese darüber aufzustellen, ob Märchen die Erziehung des Feminismus fördern können.

2. Feminismus

Da im Rahmen dieser Hausarbeit der feministische Wandel von Märchen untersucht werden soll, muss vorab eine Definition des Begriffs erfolgen. Grundsätzlich geht es bei der feministischen Bewegung darum, Gleichheit der beiden Geschlechter zu schaffen. Themen sind dabei Bildung, Beruf, Selbstbestimmung über den Körper und die Sexualität. Der Begriff des Feminismus setzte sich 1968 in der Welle der neuen Frauenbewegung durch und gilt seitdem als Leitbegriff. Innerhalb dieser Bewegung lassen sich einzelne Gruppen unterscheiden, wie beispielsweise der liberale oder der radikale Feminismus.4 Unabhängig von der genauen Differenzierung wollen alle Gruppen das Gleiche erreichen: Frauen sollen Zugang zur männlichen symbolischen Ordnung, d.h. Bildung und Rechtssystem, erhalten, um diese für sich nutzen zu können.5

Nach Elaine Showalter lässt sich die Entwicklung des Feminismus in drei wesentliche Stufen unterteile. Vor Beginn der feministischen Bewegung war die weibliche Literatur und insgesamt das gesellschaftliche Bild stark von Rollenbildern der idealisierten Frau geprägt. Diese wurden vom Patriarchat auferlegt und die Frau so zu „etwas anderem“ als der Mann degradiert. Beispiele dafür werden im Verlauf das Frauenbild von Perrault und den Brüder Grimm in ihren Märchen sein. Während des 20. Jahrhunderts begannen Frauen nach und nach sich dagegen aufzulehnen und forderten mehr Gleichheit ein. Die derzeitige Entwicklung geht dahin, dass Frauen sich unabhängig von Männern definieren und Kritik am Patriarchat üben, um Gleichheit und Recht einzufordern.6

Angela Carter dient in der Hausarbeit als Beispiel einer feministischen Autorin. Sie lässt sich zur Bewegung des radikalen Feminismus zuordnen.7 Diese Bewegung beschäftigt sich verstärkt mit den Differenzen zwischen Mann und Frau hinsichtlich der Sexualität. Es wird kritisiert, dass Frauen ihre Sexualität nicht ausleben dürfen, sondern sie von Männern dominiert und bestimmt wird. Die von der Gesellschaft geschaffenen Rollenbilder für Mann und Frau sollen beseitigt und durch Selbstbestimmtheit beider ersetzt werden.8 Carters Version des Rotkäppchens orientiert sich genau an diesen Punkten, was im weiteren Verlauf der Hausarbeit herausgearbeitet werden soll.

2.1. Feminismus in Märchen

Märchen gelten als Genre, dass über Jahrhunderte hinweg dazu diente, Werte und Normen, aber auch Ängste und Sorgen einer Gesellschaft zu vermitteln. Sie bilden stets eine Möglichkeit zur Reflektion einer Gesellschaft, in der sie entstanden sind und erzählt wurden.9 Auch patriarchale Ideen konnten so verbreitet und über lange Zeit hinweg getragen werden. In den meisten Geschichten wiesen die Subtexte Konstruktionen der Wirklichkeit auf, die sexistisch waren und auf Klassenunterschieden beruhten.10 Frauen wurden als das schwache Geschlecht, das sich dem männlichen fügen sollte, dargestellt. Weibliche Rollen wurden allgemein als passiv und oftmals hilflose Teilnehmer beschrieben, die ihrer Notsituation nur durch die Rettung eines Mannes entkommen konnten. Neben dem Zuschreiben von Eigenschaften wie Gehorsam- und Tugendhaftigkeit erfolgte auch immer wieder die Objektivierung. Weibliche Figuren wurden meist Extremen zugeteilt: Ihre Rollen reichten von der unschuldigen Jungfrau bis hin zur grausamen und bösartigen Hexe oder Stiefmutter. In den meisten Fällen erfolgte diese Beschreibung über objektivierende Elemente, die an die patriarchalen Ideen der Frau erinnerten.11 Im späteren Vergleich des Rotkäppchenmärchens soll anhand von Angela Carter diesbezüglich ein Beispiel gezeigt werden.

Während also das weibliche Geschlecht immer wieder negative und schwache Eigenschaften zugeschrieben bekam, galt für das männliche Geschlecht das Gegenteil. Eigenschaften wie Mut, Intelligenz und Kraft waren maßgebliche Beschreibungen. Der Mann verkörperte in den meisten Erzählungen die Figur des Retters, der die Frau aus ihrer misslichen Lage befreite. So galt über lange Zeit hinweg für fantastische Erzählungen, dass die Aktivität einer Frau nur dann akzeptiert werden konnte, wenn sie selbstlos für jemand anderes handelte, während Männer selbstbestimmt und grundlos stark und mächtig sein konnten.12 Auch die Art der Dominanz zwischen Mann und Frau unterschied sich stark. Männer galten als das dominante Geschlecht, das Regeln auferlegte. Nur im häuslichen Rahmen konnte die Frau etwas an Macht erlangen, wobei sich diese nochmals von der „männlichen Macht“ unterschied. Häuslichkeit wird im Genre des Märchens mit Liebe gekoppelt. Somit zeigten auch hier Frauen kein selbstbestimmtes, sondern viel mehr ein selbstloses Verhalten. In Märchengeschichten, in denen die Frau die aktive Rolle übernimmt, verliert sie oftmals ihr sicheres Heim und somit auch ihre Liebe, weil sie den Ansprüchen des Patriarchats nicht entspricht.13 Insgesamt galt, dass ein Ausbruch aus den gesellschaftlichen Strukturen, die Männer mit Dominanz und Frauen mit Unterwürfigkeit assoziierten, als Unmoral, bzw. Inkompetenz galt. Im Grunde galt dies als fehlende korrekte Einordnung zum Geschlecht, was als Makel der eigenen moralischen Identität wahrgenommen wurde.14

Aufgrund dieser narrativen Strukturen, die einen maßgeblichen Einfluss auf die Gesellschaft haben, bzw. die Gesellschaft widerspiegeln, werden heute mit der feministischen Bewegung immer mehr Märchen abgewandelt. Bekannte Erzählungen werden in ihrer Struktur beibehalten, Merkmale von Märchen erhalten, die Position des Weiblichen aber wird dabei abgeändert und gestärkt. Patriarchalische Ideen und Zwänge sollen aufgebrochen werden, um sie durch emanzipatorische zu ersetzen.15 Dabei geht es nicht darum, sich gesellschaftlichen Strukturen gänzlich zu entziehen. Denn diese Strukturen sind notwendig, sie begrenzen individuelles und gesellschaftliches Handeln. Aber ihnen entspringen die Eigenschaften „männlich“ und „weiblich“ und diesen die angehängten Verhaltensweisen. Es gilt deshalb, sie abzuändern und zwar in einer Art und Weise, die es schafft, Männer und Frauen in gesellschaftlicher, aber auch sexueller Hinsicht als gleichwertig darzustellen.16 Eine Untersuchung von Märchen im Wandel der Zeit bietet die Möglichkeit herauszuarbeiten, wie sich das Frauenbild, aber auch die Rolle des männlichen Geschlechts in der Gesellschaft verändert hat.

3. Der Vergleich des Rotkäppchenmärchens

Im Rahmen dieser Hausarbeit sollen drei Variationen des Rotkäppchenmärchens miteinander verglichen werden: Perrault, die Brüder Grimm und die moderne, feministische Version von Angela Carter. Untersucht werden soll dabei vor allem die Darstellung des männlichen und weiblichen Geschlechts und welche Eigenschaften ihnen zugeschrieben werden. Dies bietet die Möglichkeit, einen Bezug zu den damals, bzw. heute gültigen gesellschaftlichen Ansichten über das Verhältnis der beiden Geschlechter zu gewinnen. Es sollen also Arche-, bzw. Stereotypen für männlich und weiblich herausgearbeitet werden. Die feministische Bewegung fordert, dass diese aufgebrochen und durch emanzipatorische Ansichten ersetzt werden sollen. Aus diesem Grund liegt der Hauptfokus auf dem modernen Märchen „The Company of Wolves“ von Angela Carter, um zu zeigen, wie dieser Fortschritt in narrativen Strukturen aussehen kann. Perrault und die Brüder Grimm dienen zum Vergleich der Intertextualität und bilden die Hypotexte, an denen Carter sich orientiert hat. Sie zeigen die damaligen Geschlechterrollen auf, die von Carter in moderne, feministische Typen umgewandelt wurden.

3.1. Perraults Rotkäppchen

Perraults Rotkäppchen wurde 1697 unter dem Titel Le petit chaperon rouge veröffentlicht und für die gehobenen Frauen der Aristokratie und Bourgeoisie geschrieben.17 Aus diesem Grund werden Rotkäppchen für die damalige Zeit tugendhafte Eigenschaften der Frau wie Unterwürfigkeit und Gehorsam zugeschrieben, sowie sie als schwaches Geschlecht dem Wolf gegenüber dargestellt wird. Rotkäppchen wird als „kleines Dorfmädchen“, das „so hübsch (war), wie man es sich nur denken kann“18 vorgestellt und erfüllt somit den Prototypen des jungen Mädchens der damaligen Zeit. Ihren Namen Rotkäppchen bekommt sie durch das rote Käppchen, das ihre Großmutter ihr genäht hat. Im weiteren Verlauf wird sie als naives und kindliches Mädchen dargestellt, das unbedacht dem bösen Wolf von ihren Plänen erzählt: „[.]; das arme Kind, das nicht wußte [sic], wie gefährlich es ist, bei einem Wolf zu verweilen und ihm Gehör zu schenken, [.].“ Der Wolf, der als „Gevatter Wolf, der rechte Lust hatte, es zu fressen“ vorgestellt wird, nimmt in dieser Geschichte die Rolle der männlichen Dominanz ein. Ihm gelingt es, Rotkäppchen zu verführen und vom direkten Weg abzubringen. Durch die Bezeichnung „Gevatter Wolf“ kommt es zu einer Personifizierung des Tierischen, wodurch der Wolf zu etwas Menschlichem wird. Rotkäppchen, das auf den Trick des Wolfes hereinfällt, beginnt im Wald zu trödeln und „[...] machte (es) sich eine Freude daraus, Haselnüsse aufzulesen, hinter Schmetterlingen herzulaufen und aus den Blümchen, die es fand, kleine Sträuße zu winden.“ Auch hier wird wieder die Kindlichkeit und Naivität, die Perrault ihm zuschreibt, deutlich. Statt ihrer Aufgabe, der Besuch der Großmutter, gewissenhaft nachzugehen, lässt sie sich leicht ablenken und gibt dem Wolf somit auch die Möglichkeit, ihre Großmutter und später auch sie selbst zu fressen. Der Wolf, der in der Zwischenzeit das Haus der Großmutter erreicht, schafft es erneuert durch seine Geschicklichkeit, die Großmutter auszutricksen, „indem er seine Stimme verstellte“. Er verschlingt sie und legt sich dann in das Bett, wo er auf Rotkäppchen wartet. Wenig später erreicht dann auch Rotkäppchen das Haus der Großmutter. Als es an der Tür klopft, verstellt der Wolf seine Stimme und bittet Rotkäppchen ins Haus. Rotkäppchen wundert sich über die raue Stimme der Großmutter, vertraut jedoch und betritt das Haus. Nach Betreten des Hauses fordert der Wolf Rotkäppchen auf, sich zu ihm zu legen und „Rotkäppchen zieht sich aus und legt sich ins Bett.“ Perrault verbildlicht hier das sexuelle Verhältnis zwischen Mann und Frau: Der Mann, hier repräsentiert durch den Wolf, fordert die Frau, repräsentiert durch Rotkäppchen, dazu auf, seinen sexuellen Verlangen nachzukommen und die Frau folgt diesen, ohne sie in Frage zu stellen. Es folgt das „Fragen-Antwort-Spiel“ zwischen Wolf und Rotkäppchen, das sich über das Aussehen ihrer Großmutter wundert. Perraults Märchen endet damit, dass der Wolf Rotkäppchen verschlingt.

Perrault hängt seinem Märchen eine Moral an, in der er vor allem „junge Mädchen, wenn sie hübsch sind, fein und nett“, also den damaligen Stereotypen der Frau entsprachen, besser auf sich aufzupassen und nicht „jedwedem Gehör zu schenken, denn dann nimmt es nicht wunder, daß [sic] der Wolf so viele von ihnen frißt [sic].“ Er warnt weiter im allgemeinen vor Wölfen und im Besonderen vor denen, die zahm und gefällig folgen, denn sie seien die Schlimmsten. Durch die Moral wird deutlich, was im gesamten Märchen bereits anklang: Der Frau wird die Schuld an ihrem Schicksal, der Vergewaltigung durch den Mann, zugeschrieben. Im Märchen wird dieses Schicksal durch das Fressen des Rotkäppchens durch den Wolf symbolisiert. Obwohl der Wolf/der Mann der Täter in diesem Märchen ist, werden ihm positive Eigenschaften wie Gewitztheit und Intelligenz zugeschrieben, während das Rotkäppchen/die Frau als Opfer mit negativen Eigenschaften wie Dummheit, Naivität und Leichtgläubigkeit beschrieben wird.

3.2. Grimms Rotkäppchen

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm veröffentlichen zwischen 1812 und 1857 mehrere Auflagen ihre Märchensammlung Kinder- und Hausmärchen, zu der auch das Märchen des Rotkäppchens gehört. In einer Vorrede gingen die Brüder auf ihre Absicht ein, Märchen nicht allein im poetischen Sinne zu verfassen, sondern ihnen auch eine erzieherische Wirkung zuzuschreiben:

„Wir wollten indeß [sic] durch unsere Sammlung nicht bloß [sic] der Geschichte der Poesie einen Dienst erweisen, es war zugleich Absicht, [.] daß [sic] ein eigentliches Erziehungsbuch daraus werde.“19

Aus diesem Grund änderte Wilhelm Grimm die Märchen ab und verschönerte, bzw. moralisierte sie und beseitigte sexuelle Sachverhalte.20 Im Vergleich zu Perrault beispielsweise wird Rotkäppchen am Ende des grimmschen Märchens nicht gefressen, sondern durch einen Jäger gerettet, bzw. rettet sich selbst. Dennoch finden sich viele Intertextualitäten zwischen den beiden Märchen. Ein weiterer Punkt für die Verschiedenheit der beiden Fassungen liegt im Publikum, aus dem das Märchen hervorging, bzw. für welches es verfasst wurde. Wie bereits erwähnt, schrieb Perrault für die gehobene Klasse, während sich die Brüder Grimm wieder den volkstümlichen Erzählungen der Bauern und Mittelschicht annäherten.

Rotkäppchen wird im grimmschen Märchen als „kleine süße Dirn“, die jedermann lieb hatte, der sie nur ansah, beschrieben, also auch hier zu einem Prototypen eines jungen Mädchens gemacht. Auch hier bekommt das Rotkäppchen seinen Namen durch ein „Käppchen von rothem [sic] Sammet“, das es von seiner Großmutter geschenkt bekommt. Anders als bei Perrault bekommt Rotkäppchen von ihrer Mutter zu der Aufgabe, die Großmutter zu besuchen, die Ermahnung: „Sey [sic] hübsch artig und grüß sie von mir, geh auch ordentlich und lauf nicht vom Weg ab, [.].“21 Die Mutter wirkt hier als dominante Figur im häuslichen Rahmen, was mit der bis heute in gewissem Maße gültigen Verteilung von Dominanz zwischen Mann und Frau übereinstimmt: Während Männer im außerhäuslichen Rahmen die dominanten Positionen einnehmen, fällt sie im häuslichen Rahmen meist Frauen zu.22 Zudem werden in dieser Aufforderung der Mutter nochmals die Ansprüche an junge Mädchen und Frauen der damaligen Zeit deutlich: sie sollen hübsch und artig sein und sich an Regeln halten, also nicht selbst aktiv handeln. Auch im grimmschen Märchen begegnet Rotkäppchen auf ihrem Weg zur Großmutter im Wald dem Wolf, „Rothkäppchen [sic] aber wußte [sic] nicht, was das für ein böses Thier [sic] war, und fürchtete sich nicht vor ihm.“ Ähnlich zu Perrault also vertraut Rotkäppchen aufgrund ihrer Unwissenheit und Leichtgläubigkeit dem Wolf und erzählt ihm im Detail, was ihr Vorhaben ist und wie sie zur Großmutter gelangt. Es werden ihm also die gleichen Eigenschaften zugeschrieben wie im Märchen von Perrault. Gleiches gilt für den Wolf, der es auch hier schafft, durch seine Klugheit und Kreativität Rotkäppchen auszutricksen. Ein wesentlicher Unterschied bei den Brüder Grimm ist jedoch, dass der Wolf Rotkäppchen dazu verleitet, von ihrem rechten Wege abzukommen und es so die von der Mutter auferlegte Regel bricht. Hinsichtlich der Interpretation des Verhältnisses der beiden Geschlechter, könnte man hierin die Überlegenheit der männlichen Dominanz sehen: Der Wolf verkörpert das männliche Geschlecht, der es durch seine Geschicktheit schafft, die von einer weiblichen Dominanz auferlegte Regel im außerhäuslichen Rahmen nichtig zu machen und die Naivität der Weiblichkeit, verkörpert durch Rotkäppchen, auszunutzen. Denn Rotkäppchen verlässt nach dem Gespräch mit dem Wolf den rechten Weg „und lief [...] immer weiter in den Wald hinein“, während der Wolf auf geradem Weg zur Großmutter eilt. Wie auch bei Perrault verstellt der Wolf seine Stimme und wird von der Großmutter aufgefordert, die Klinke zu drücken und einzutreten. Der Wolf frisst daraufhin die Großmutter und legt sich in ihrer Kleidung in das Bett, wo er auf Rotkäppchen wartet.

Als Rotkäppchen beim Haus der Großmutter ankommt, wundert es sich über die offenstehende Tür und hat ein ungutes Gefühl. Dennoch tritt es ein und begibt sich zur Großmutter. Statt also seinem Gefühl zu vertrauen und aktiv zu handeln, ignoriert Rotkäppchen es und begibt sich naiv und in gewisser Weise auch selbstlos in Gefahr, um seiner Großmutter zu helfen und seine Aufgabe zu erfüllen. Auch hier spiegeln sich wieder Normen wider, die von den Frauen zur damaligen Zeit eingefordert wurden: Gehorsam, Tugendhaftigkeit und Selbstlosigkeit. Zu Beginn wurde angesprochen, dass Wilhelm Grimm die Märchen umänderte, was auch für eine Beseitigung von sexuellen Sachverhalten galt. Im grimmschen Märchen zieht sich Rotkäppchen nicht aus und legt sich auch nicht zum Wolf ins Bett. Stattdessen folgt direkt das „Frage-Antwort-Spiel“ zwischen ihm und dem Wolf, woraufhin der Wolf Rotkäppchen verschlingt. An dieser Stelle endet das Märchen von Perrault, die Brüder Grimm aber führen es weiter aus. Sie fügen die Figur des Jägers ein, der die Großmutter und das Rotkäppchen aus dem Bauch des Wolfes rettet. Er ist schlau genug, um nicht auf den Wolf zu schießen, da er vermutet, dass sich die Großmutter und das Rotkäppchen noch im Bauch des Wolfes befinden und schneidet diesen deshalb auf „und wie er ein paar Schnitte gethan [sic], da sah er das rote Käppchen leuchten, und wie er noch ein wenig geschnitten, da sprang das Mädchen heraus An dieser Stelle ist es eine männliche Figur, die die Aufgabe des Retters übernimmt und erneuert positive Eigenschaften wie Mut und Intelligenz zugeschrieben bekommt. Insgesamt erscheint es, als hätte er jede Situation im Griff und könne unabhängig seiner Emotionen handeln. Diese Verteilung der Rollen findet sich in den meisten Märchen. Meist ist es der Mann, der die Frau aus einer Gefahr rettet. Der männliche, aktiv Handelnde mit Eigenschaften wie Mut und Intelligenz rettet das weibliche, hilflose und passive Opfer. Es sind Archetypen, die wir immer wiederfinden.23 Ebenfalls fällt hier dem männlichen Geschlecht eine deutliche Dominanz gegenüber dem weiblichen Geschlecht zu: Der Jäger als Mann kann über das Leben der beiden Frauen entscheiden.24 Zwar wird Rotkäppchen zusammen mit ihrer Großmutter vom Jäger gerettet, es schafft es jedoch am Ende selbst, den Wolf zu erlegen, indem es seinen Bauch mit Steinen füllt. Das Märchen endet also damit, dass der Wolf stirbt und somit das Böse des Märchens für seine Tat bestraft wird und, anders als bei Perrault, nicht gewinnt. Auch wird die Moral des Märchens nicht einfach auferlegt, sondern Rotkäppchen selbst zieht sie für sich aus dem Geschehen: „Und Rothkäppchen [sic] gedacht bei sich: Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Weg ab in den Wald laufen, wenn dirs [sic] die Mutter verboten hat.“ Die Brüder Grimm fügen ihrem Märchen noch einen Epilog bei, in dem erzählt wird, wie Rotkäppchen erneuert einem Wolf begegnet, sich diesmal aber nicht von seinem Wege abbringen lässt und es am Ende schafft, mit Hilfe der Großmutter den Wolf auszutricksen und zu Tode zu bringen. In diesem Fall sind es die Frauen, die sich durch ihre Vernunft selbst retten und aus ihren Fehlern gelernt haben. Ihre Eigenschaften wie Naivität, Selbstlosigkeit und Leichtgläubigkeit, die sie zuvor zum Opfer haben werden lassen, können sie nun also durch Erfahrungen mit Vernunft und Mut ersetzen. In Bezug auf die Darstellung des weiblichen Geschlechts lässt sich bei den Brüder Grimm also bereits ein Fortschritt im Vergleich zu Perrault erkennen. Die Frauen werden nicht mehr für ihr Schicksal vollkommen selbst verantwortlich gemacht, sondern es wird deutlich, dass der Wolf das Böse im Märchen repräsentiert und das Böse nicht gewinnen kann. Dennoch werden dem männlichen Geschlecht mehr positive Eigenschaften wie Mut, Intelligenz und Dominanz, sowie deutlich mehr Aktivität zugeschrieben. Diese Eigenschaften finden sich zudem beim Wolf und dem Jäger, unabhängig davon, ob sie das Gute oder Böse verkörpern. Zwar können die Frauen am Ende des Märchens sich selbst retten, werden somit also auch mutig und vernünftig. Sie mussten dafür aber zuerst zum Opfer werden und eine negative Erfahrung machen, während dem männlichen Geschlecht diese Eigenschaften von Anfang an zugeschrieben werden.

[...]


1 Fricke, Harald: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 514

2 Feyen-Mülhause, Rose Marie: Märchen - erlebte und gelebte Erziehung. S. 5

3 Ebd. S. 6

4 Lenz, Ilse (2018): Was ist Feminismus? https://www.gwi-boell.de/de/2018/05/25/was-ist-feminismus (24.03.2019 - 18:45).

5 Moi, T. (1986): Feminist Literary Criticism. S. 11

6 Showalter, Elaine (1985): New feminist criticism: Essay on women, literature, theory.

7 Sun-Jin, Lee: Metamorphoses in and between Charles Perrault's „Little Red Riding Hood“ and Angela Carters „The Company of Wolves“. S. 120

8 Lenz, Ilse (2018): Was ist Feminismus? https://www.gwi-boell.de/de/2018/05/25/was-ist-feminismus (24.03.2019 - 18:45).

9 Heidlmair, Anna: The depiction of gender in selected traditional fairy tales and fairy tale picturebooks. S. 16

10 Davies, Bronwyn: Frösche und Schlangen und feministische Märchen. S. 67

11 Hinterregger, Anna: Gerettet werden oder sich selbst retten. S. 22

12 Davies, Bronwyn: Frösche und Schlangen und feministische Märchen. S. 64

13 Ebd. S. 100-101

14 Ebd. S. 35

15 Gerettet werden oder sich selbst retten. S. 7

16 Frösche und Schlangen und feministische Märchen. S. 25-26

17 Metamorphoses in and between Charles Perrault's „Little Red Riding Hood“ and Angela Carter's „The Company of Wolves“. S. 118

18 Sämtliche Zitierungen aus Perraults Rotkäppchen beziehen sich auf folgende Ausgabe: Perrault, Charles (1986): Sämtliche Märchen. Philipp Reclam jun. GmbH & Co, KG, Stuttgart. S. 70-73

19 Brüder Grimm: Vorrede von 1814. S. 7 ff.

20 Märchen - erlebte und gelebte Erziehung. S.13

21 Sämtliche Zitierungen des Rotkäppchens der Brüder Grimm beziehen sich auf folgende Ausgabe: Grimm, Jacob und Wilhelm (2013): Rothkäppchen. In: Kinder und Hausmärchen 1812/18115. Erster Band. (Hrsg.: Michael Holzinger) Create & Space Independent Publishing Platform, North Charleston, USA. S. 71-73

22 Frösche und Schlangen und feministische Märchen. S. 65

23 Gerettet werden oder sich selbst retten. S. 21

24 The depiction of gender in selected traditional fairy tales and fairy tale picturebooks S. 48

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Märchen als Weg zum Feminismus. Wie geeignet sind Märchen zur Vermittlung feministischer Geschlechterbilder?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V537148
ISBN (eBook)
9783346129628
ISBN (Buch)
9783346129635
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Märchen, Rotkäppchen, Feminismus, Literatur, Epoche, Gattung, Märchenvariation, Angela Carter
Arbeit zitieren
Jana Penelope Hartmann (Autor), 2019, Märchen als Weg zum Feminismus. Wie geeignet sind Märchen zur Vermittlung feministischer Geschlechterbilder?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537148

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