Das Motiv des Unheimlichen in Jeremias Gotthelfs "Die schwarze Spinne"

"wenn die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt"


Hausarbeit, 2019

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlung und konventionelle Deutungen der ›Schwarzen Spinne‹

3. Zum Verständnis von Rahmen und Binnenerzählung

4. Nicht-Wissen in der Literatur

5. Das Unheimliche nach Freud

6. Das Unheimliche in ›Die schwarze Spinne‹
6.1 Dynamisierung als Steuermechanismus
6.2 Nicht-Wissen als Katalysator der Angst
6.3 Intradiegetische Angst als Quelle des Unheimlichen

7. Fazit

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: ›Die schwarze Spinne‹ auf Histoire-Ebene (Quelle: Eigene Abbildung)

Abbildung 2: ›Die schwarze Spinne‹ auf Discours-Ebene (Quelle: Eigene Abbildung)

Abbildung 3: Entwicklung des Unheimlichen (Quelle: Eigene Abbildung)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Figuren und ihre Funktionen (Quelle: Eigene Abbildung nach Lukas)

Tabelle 2: Realitäts- und Zeichencharakter (Quelle: Eigene Abbildung nach Lukas)

1. Einleitung

Unheimlich ist, „wenn die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt“1, so schreibt es Freud in seinen Ausführungen über das Unheimliche im Jahr 1941. Das Unheimliche ist also etwas, „das real vor uns hintritt, was wir bisher für phantastisch gehalten haben“2. Für die Unterhaltungsindustrie und vor allem auch für die Gesellschaft stellt diese Verflechtung einen ganz besonderen Reiz dar und so zeigt sich in den letzten Jahrzehnten ein zunehmender Trend zum unheimlichen Unterhaltungsgenre. Die Zahl an klassischen Mystery-Serien und -Filmen oder Fantasy-Büchern hat sich vervielfacht. Insbesondere die Produktionen, deren Protagonisten oder Antagonisten Untote wie Vampire und Zombies oder fantastische Monster darstellen, gewinnen konstant an Beliebtheit. Neben Erfolgsserien wie Game of Thrones (2011–2019), Stranger Things (2016–2019) und The Walking Dead (2010–2019) sind auch die Bestseller Lord of the Rings (1954/1955) von J.R.R. Tolkien und die Twilight- Saga (2006–2009) von Stephenie Meyer wegweisende Beispiele für den anhaltenden Trend zum Unheimlichen.3

Dieses Interesse ist jedoch nichts Neuartiges, denn bereits vor mehr als 150 Jahren wurde das unheimliche Erzählen beherrscht. Thomas Degering spricht sogar von „einer der unheimlichsten und beunruhigendsten Novellen, die jemals geschrieben wurde“4. Gemeint ist Jeremias Gotthelfs wohl bekanntestes Werk Die schwarze Spinne (1842) . Doch wie gelingt es Gotthelf diese bemerkenswert unheimliche Atmosphäre zu schaffen? Ein besonderes strukturelles Merkmal dieser Novelle ist die Kombination aus Rahmen und Binnenhandlungen. Auch die Rahmenerzählung als Stilmittel zu nutzen, ist kein unbekanntes Phänomen, sondern findet seinen Ursprung Jahrhunderte zuvor. Bereits die Geschichtenerzähler von Tausendundeiner Nacht (8. Jh.) nutzten die Unwissenheit des Zuhörers (und der Protagonisten), um den Spannungsbogen möglichst lang zu halten und immer wieder für überraschende Entwicklungen zu sorgen. Auch wenn populäre Produktionen5 noch heute auf dieses stilistische Phänomen zurückgreifen, feiert die Rahmenerzählung im 19. Jahrhundert ihre Blütezeit.

Ziel dieser Arbeit ist es nun, zu untersuchen, welchen Einfluss die Rahmenstruktur auf das Unheimliche der Erzählung ausübt, wenn die Binnenhandlungen als Vorgeschichte betrachtet werden. Dazu wird der Fokus auf drei verschiedene Analyseschwerpunkte gelegt, die in folgenden Untersuchungsfragen zusammengefasst sind und als Leitfaden dieser Arbeit dienen:

Welche Bedeutung und Funktion nehmen die Dynamisierung der Handlungsstruktur, das Nicht-Wissen und die intradiegetische Angst im Erzählprozess des Unheimlichen ein? Welche neuen Deutungsansichten ergeben sich aus diesem Perspektivwechsel?

Um diese Fragen angemessen beantworten zu können, werden zunächst die Handlung und konventionelle Deutungsansätze der Schwarzen Spinne zusammengefasst. Es folgt eine Betrachtung des vorherrschenden Verständnisses und der Charakteristik von Binnen- und Rahmenhandlungen. Als weitere theoretische Grundlage greift die Arbeit auf Sigmund Freuds Gedanken über das Unheimliche zurück. Mit Rückblick auf diese theoretische Basis wird untersucht, welche Aspekte das Unheimliche in Gotthelfs Erzählung hervorrufen. In einem abschließenden Fazit werden die Untersuchungsergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf weiterführende Untersuchungsschwerpunkte gegeben.

2. Handlung und konventionelle Deutungen der ›Schwarzen Spinne‹

So wurde ich von allen Seiten gelähmt, niedergehalten, ich konnte nirgends ein freies Tun sprudeln lassen. […] Begreife nun, dass ein wildes Leben in mir wogte, von dem niemand eine Ahnung hatte, […]. Dieses Leben musste sich entweder aufzehren oder losbrechen auf irgendeine Weise. Es tat es in Schrift.6

Der Schweizer Dichter Jeremias Gotthelf, mit bürgerlichem Namen Albert Bitzius, nutzte sein Pseudonym genau dafür – um zu schreiben. Denn ursprünglich war er reformierter Pfarrer, der in der schweizerischen Region Emmental lebte. Sein bäuerliches Umfeld übte großen Einfluss auf seine literarischen Werke aus und so findet auch die Handlung der Schwarzen Spinne im bäuerlichen Emmental statt.

Gotthelf strukturiert diese Novelle in eine dreiteilige Rahmenhandlung, die sich um zwei zeitlich getrennte Binnenerzählungen legt. Die Rahmenerzählung beginnt mit dem Bericht eines auktorialen Erzählers, der die idyllische Umgebung und das Geschehen einer Taufgesellschaft beschreibt. Eine Frau der Gesellschaft wundert sich über einen schwarzen Fensterpfosten, woraufhin die Handlung in die erste Erzählung des Großvaters – die erste Binnengeschichte – mündet. Setzt man die Erzählgegenwart mit der Entstehungszeit der Novelle gleich, so spielt die erste Binnenerzählung um 1200, in der Blütezeit der Feudalkultur. Der Großvater erzählt der Taufgesellschaft die Geschichte um die Entstehung der teuflischen Spinne, die pestähnliche Todesfälle hervorruft. Eine kurze Rückkehr in die Rahmenhandlung leitet zur zweiten Binnenerzählung über, die in die Zeit um 1400 versetzt, in die „Phase des niedergehenden Rittertums und des Aufblühens einer bäuerlich-bürgerlichen Kultur“7, in der sich die Spinnenkatastrophe wiederholt. Der Schluss lenkt zurück zur sonntäglichen Idylle der Rahmenhandlung.8

Die schwarze Spinne verbindet so drei alte Sagen mit der Gegenwart Gotthelfs. Die Sagen um eine tödliche Spinne, den geprellten Teufel und die erbarmungslose Pest waren damals weit verbreitet, Gotthelf stellt diese Geschichten jedoch auf neuartige Weise in einen gemeinsamen sinngebenden Zusammenhang.9

Die Biografie Bitzius‘ führt bereits zu einer der häufigsten Deutungsansätze der Novelle: Die Religion und der Glaube an Gott. Viele Symboliken der Erzählung finden ihren Ursprung im christlichen Glauben. Gotthelf behandelt die allgemeinen Vorstellungen von Gut und Böse sowie weitere biblische Motive wie Taufe, Sünde und Bescheidenheit. Ein grundlegender Gedanke der Novelle ist, dass der Glaube an Gott Rettung und der Unglaube Unglück bringt. Erst durch das selbstlose Verhalten der Mutter und ihren Glauben an Gott, gelingt es in der ersten Binnenerzählung, die Spinne und damit das Werk des Teufels zu verbannen:

Da dachte sie an Gott und griff mit rascher Hand die Spinne. Da fuhren Feuerströme von derselben aus, der treuen Mutter durch Hand und Arm bis ins Herz hinein; aber Muttertreue und Mutterliebe drückten die Hand ihr zu, und zum Aushalten gab Gott die Kraft. (S. 55)

Die Gegenüberstellung von Gut und Böse ist demnach nicht nur ein bedeutender Aspekt der Religion, sondern stellt auch in der Novelle eines der zentralen Themen dar. Gegen diese zwei Mächte müssen sich die Figuren in ihrem alltäglichen Leben behaupten.10

Eine weitere gängige Deutung der Novelle basiert auf ihrer Entstehungszeit, dem Biedermeier. Typisch für die Zeit, zeichnet Gotthelf mit seiner Rahmenhandlung ein strukturiertes Idyll, das sich durch klare Rollenverhältnisse, Genauigkeit und Detailfreude (hier etwa durch die strengen Abläufe der Tauffeier und der Speisefolge) äußert. Die Tugend der Vaterlandliebe sowie der Liebe zur Heimat sind ebenfalls typische Merkmale der Zeit, die sich auch in der Schwarzen Spinne widerspiegeln. Die Umgebung der Rahmenhandlung ist geordnet und „die durch Gottes Hand erbaute Erde und das von Menschenhand erbaute Haus glänzte im reinsten Schmucke“ (S. 4). Demut und Schlichtheit gelten ebenfalls als Tugenden des Biedermeiers und zählen auch in der Novelle als Ideal.

Ein weiterer konventioneller Deutungsansatz findet seinen Ursprung in der Französischen Revolution. Sieht man sich Gotthelfs Biografie genauer an, fällt auf, dass seine Kindheit geprägt ist von wirtschaftlichem Wachstum der Industrialisierung, aber vor allem auch von der anarchischen Atmosphäre der Französischen Revolution. Wie auf ganz Europa übte diese auch auf die politischen Strömungen der Schweiz großen Einfluss aus. Mit dem Ausruf der Helvetischen Republik wird auch die Leibeigenschaft abgeschafft, sodass das Volk vor einer „Neugestaltung seiner Lebenswelt“11 steht. Bitzius galt als treuer Anhänger der christlichen und humanistischen Ideale, sodass er sich aktiv gegen den radikalen Liberalismus einsetzte, denn gleichzeitig gefährdete die zunehmende Säkularisierung die Stellung der Kirche. Diese Positionierung spiegelt sich auch in seiner Novelle Die schwarze Spinne wider. Mit seiner Beschreibung vom idyllischen Bauernleben sollten die christlichen Werte in der vorindustriellen Gesellschaft wieder höher geschätzt werden.

Da diese konventionellen Deutungen wenig Augenmerk auf die für die Novelle so charakteristische Erzählstruktur der Rahmen- und Binnenhandlung legen, werden im folgenden Kapitel die wichtigsten Eigenschaften und Funktionen zusammengefasst. Welche Bedeutung die Erzählform in Bezug auf das Unheimliche hat, wird in Kapitel 6 weiter fortgeführt.

3. Zum Verständnis von Rahmen und Binnenerzählung

Die Rahmenerzählung erlebt seine Hochphase im 19. Jahrhundert und gilt als besondere Charakteristik der Novelle im Poetischen Realismus.[1] Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (1795) gilt nicht nur als erste deutsche Novelle, sondern ebnet dem Stilmittel den Weg in die deutsche Literatur und sorgt so für flächendeckende Beliebtheit. Neben den bereits erwähnten Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zählt auch der Decamerone (um 1349–1353) von Giovanni Boccaccio als eines der prominentesten Beispiele der Rahmenerzählung.

Mit seinem Werk Die Rahmenerzählung im 19. Jahrhundert (1994) bietet Andreas Jäggi ein entscheidendes Schlüsselwerk für die Forschung dieser Erzählform.

Er definiert die Rahmenerzählung wie folgt:

Die Rahmenerzählung ist eine Sonderform des mehrschichtigen Erzählens. In ihrer einfachen Form zeigt sie sich als ein epischer Text mit einer charakteristischen, die Struktur der Erzählung dominierenden Zweischichtigkeit. Diese ist derart, dass die erste Textebene (der Rahmen) die zweite (die Binnenerzählung) umgibt oder ihr auch nur vorangestellt ist und eine mündliche Erzählsituation konstruiert, in der ein oder mehrere nicht mit dem Rahmenerzähler identische Erzähler einem oder mehreren Zuhörern ein oder mehrere Geschichten frei erzählen.12

Charakteristisch für Novellen mit Rahmenerzählung sind also gerahmte Einzelerzählungen mit Zwischenrahmen und eine dadurch entstehende Segmentierung der Binnenerzählung. Ähnlich der Akte eines Dramas können Teilhandlungen so aus dem Ganzen isoliert und hervorgehoben werden. Dadurch setzt der Erzähler deutliche Akzente in der Handlungsabfolge sowie dem Erzählrhythmus. „In den Zwischenrahmen besteht die Möglichkeit, dramatische Wirkungen zu verstärken, die Handlungen zur Spannungserhöhung zu retardieren oder auf folgende Binnenteile vorzubereiten“13, so Jäggi.

Typisch ist zudem eine gegensätzliche Darstellung von Rahmen und Binnenhandlung. Die so entstehenden Parallelhandlungen weisen häufig Ähnlichkeiten auf Discours-Ebene auf, während die Rahmenbedingungen nicht selten gegensätzlich erscheinen. Das Aufeinandertreffen dieser ambivalenten Rahmen- und Binnenerzählung birgt die Möglichkeit von Überraschungsmomenten und dient als „innerwerkliches Instrument“14, um den Rezipienten zu Interpretationen anzuregen. Mit dem Rahmen und der Binnenerzählung stehen der Erzählung zwei Textebenen innerhalb eines Textes zur Verfügung – die zusätzliche Funktion ermöglicht es zudem, ergänzende Bedeutungen zu erzeugen, die auf die Beziehung zwischen den unterschiedlichen Ebenen zurückzuführen sind. So können die verschiedenen Textebenen nicht mehr alleine gelesen und verstanden werden, sondern nur als „Komplement der jeweils anderen“15. Die Intention des Textes geht erst aus dem Zusammenspiel beider hervor.

Und so zeigt sich auch in Gotthelfs Schwarzer Spinne dieser charakteristische Aufbau. Ergänzend werden in den folgenden Kapiteln die Bedeutung des Nicht-Wissens in der Literatur sowie Freuds Verständnis des Unheimlichen zusammengefasst, um so den Weg für weitere Deutungsperspektiven zu ebnen.

4. Nicht-Wissen in der Literatur

Seit Jahrzehnten herrscht das Bestreben nach einer Differenzierung von Wissen und Nicht-Wissen und lange wurde dieses Verhältnis auf hierarchischer Ebene betrachtet. Denn jedes Streben nach Wissen sei als ein Versuch der Verwandlung von Nicht-Wissen in Wissen zu verstehen. Diese vordergründig negative Bedeutung wird jedoch heute von einem komplexeren Verständnis von Nicht-Wissen abgelöst. Michael Bies und Michael Gamper veröffentlichen 2012 mit Literatur und Nicht-Wissen. Historische Konstellationen 1730–1930 eine wegweisende Neubetrachtung von Nicht-Wissen. Essenziell ist, dass zwischen überwindbarem und prinzipiell nicht-überwindbarem Nicht-Wissen unterschieden werden kann. In beiden Fällen ist darüber hinaus relevant, ob das Nicht-Wissen den jeweiligen Wissenspersonen bewusst oder unbewusst ist. Im nächsten Schritt differenziert Gamper zwischen dem Nicht-Wissen-Wollen (Ignoranz), dem Nicht-Wissen-Können (Uninformiertheit) sowie dem Strukturellen Nicht-Wissen. Mit dieser Differenzierung rückt die Beziehung zwischen Wissen und Träger in den Fokus und beeinflusst somit den „diskursive[n] Status“16 des Nicht-Wissens. Ist das (Nicht-)Wissen „von den beteiligten Instanzen aktiv verhandelbar […] oder nicht“17 ?

Zu betonen ist zudem der fruchtbare Charakter des Nicht-Wissens, denn ohne das Bewusstsein des Nicht-Gewussten wären die Bestrebungen, zu Wissen zu gelangen, nicht derart erfolgreich. Letztlich sei das Verhältnis zwischen Wissen und Nicht-Wissen ein dynamisches Konstrukt, bei dem mit zunehmendem Wissen immer mehr Bereiche des Nicht-Wissens bewusst werden. Gamper gliedert das Verhältnis zwischen Wissen und Nicht-Wissen in drei Kategorien:

1) Relation zeitlicher Art

Hier sind das ‚Nicht-Mehr-Wissen‘ und das ‚Noch-Nicht-(Genau)-Wissen‘ zu unterscheiden. Diese Beziehung beinhaltet beispielsweise das Vergessen, Verdrängen, Entdecken, Präzisieren und Neubewerten von Wissen. Demnach kann das Verhältnis nie als Ersetzen von Nicht-Wissen durch Wissen verstanden werden.

2) Hierarchisch-räumliche Beziehung

Hier lässt sich das ‚echte Wissen‘ von dem ‚anderen Wissen‘ und dem ‚Pseudowissen‘ differenzieren.

3) Modale Differenzen

Nicht-Wissen kann Wissen ähnlich sein, doch es besitzt nie denselben Grad der Sicherheit oder der Überprüfbarkeit.18

Wissen kann wiederum ebenfalls in zwei Kategorien gegliedert werden: das Wissen durch eigenes Erleben und das Wissen durch Erzählungen anderer. Diese Gliederung leitet bereits zu Freuds Überlegungen zum Unheimlichen über, denn der berühmte Psychoanalytiker unterscheidet zwischen dem Unheimlichen des Erlebens und dem Unheimlichen der Phantasie und der Dichtung.

5. Das Unheimliche nach Freud

Etymologisch findet der Begriff ‚unheimlich‘ seinen Ursprung im Mittelhochdeutschen als Negativbildung zum bereits bestehenden Ausdruck ‚heimlich‘ und definiert zunächst nur das „nicht zum Heim gehörige, nicht Vertraute, das Fremde“19. Dennoch entzieht sich das Unheimliche nach wie vor einer eindeutigen Definition. Ein Grund dafür liegt in „seiner Wesenlosigkeit“, die sich „gerade durch die Untergrabung von feststehenden Bedeutungen und Definitionen auszeichnet“20.

Sigmund Freud liefert mit seinem Werk „Das Unheimliche“ (1919) einen entscheidenden Beitrag für die Beziehung zwischen dem Unheimlichen und der Literatur. Im Rahmen dieses Aufsatzes unterscheidet der Wiener Psychoanalytiker mehrere unheimliche Phänomene und untermauert seine Thesen mit literarischen Beispielen. Eine von Freuds Kernthesen lautet: „Unheimlich sei alles, was ein Geheimnis, im Verborgenen bleiben sollte und hervorgetreten ist“21. Er umschreibt das Unheimliche also als etwas Vertrautes, das durch Verdrängung entfremdet wurde, durch einen Impuls jedoch erneut zum Vorschein kommt. Als ‚unheimlich‘ versteht Freud auch Phänomene der Wiederholung oder des Doppelgängers. Dies kann sich in Form von wiederkehrenden Erlebnissen, Zahlen und Namen ereignen, was wiederum das Gefühl von Unheimlichkeit erzeugt. Es erinnere an „die Hilflosigkeit mancher Traumzustände”22. Weiter führt Freud aus, dass die Begegnung mit dem Tod das Phänomen sei, das den Menschen am unheimlichsten erscheint. Die Rückkehr von Toten sowie die Konfrontation mit Leichen und Geistern zählen zum grauenhaftesten Teil des Unheimlichen. Seit jeher herrsche eine primitive Angst vor dem Tod, die die Menschen auch heute noch am meisten fürchten.23 Als letzten Aspekt greift Freud die Angst vor dem Scheintod auf, also der Gedanke lebendig begraben zu werden. Ursprung dafür, so Freud, sei die Fantasie, im Mutterleib zu leben. Hier begegnen sich das Schreckliche (Scheintod) und das Heimliche-Heimische bzw. das Vertraute (Mutterleib).24

[...]


1 Freud, Sigmund: Das Unheimliche. Aufsätze zur Literatur. 4. Aufl., Berlin 1963, S. 74.

2 Ebd.

3 Vgl. Werner, Hendrik: „Drachenblut und Satansbrut – Der Fantasy-Boom“. In: Welt-Online. Kultur, 20. März 2007, http://www.welt.de/kultur/article768769/Drachenblut_und_Satansbrut_-_Der_Fantasy-Boom.html (15.10.2019).

4 Degerin, Thomas: Kurze Geschichte der Novelle. München 1994, S. 66.

5 Hier sind beispielsweise die US-amerikanischen Produktionen How I Met Your Mother (2005–2014), Forest Gump (1994) oder Titanic (1997) zu nennen.

6 Manuel, Carl: Albert Bitzius (Jeremias Gotthelf). Sein Leben und seine Schriften. Berlin 1875, S. 46.

7 Vgl. Freund, Winfried: Literarische Phantastik. Die phantastische Novelle von Tieck bis Storm. Stuttgart 1990, S. 121.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. Iblher, Gundula: Die schwarze Spinne: Das Thema. Bayern 2 – radioWissen. 11.05.2010. https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/deutsch-und-literatur/gotthelf-das-thema100.html (29.10.2019).

10 Vgl. Iblher, Gundula: Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne. Bayern 2 – radioWissen. 18.12.2012. https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/manuskripte-radiowissen-328.html (29.10.2019).

11 Iblher, Gundula: Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne.

12 Jäggi, Andreas: Die Rahmenerzählung im 19. Jahrhundert. Untersuchungen zur Technik und Funktion einer Sonderform der fingierten Wirklichkeitsaussage. Bern 1004, S. 62.

13 Ebd., S. 83.

14 Ebd., S. 119.

15 Picard, Hans Rudolf: Der Geist der Erzählung. Dargestelltes Erzählen in literarischer Tradition. Bern 1987, S. 71.

16 Bies, Michael (Hg.) / Michael Gamper (Hg.): Literatur und Nicht-Wissen. Historische Konstellationen 1730–1930. Zürich 2012, S. 11.

17 Ebd.

18 Vgl. Bies, Michael / Michael Gamper: Literatur und Nicht-Wissen, S. 12f.

19 Schade, Oskar: Altdeutsches Wörterbuch, 2. Bd, Halle/Saale 1882, S. 124.

20 Günther, Elisabeth: Konfigurationen des Unheimlichen. Medien und die Verkehrung von Leben und Tod in Elfriede Jelineks Theatertexten. Bielefeld 2017. https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/487326?rskey=BqRPx5&result=6 (28.09.2019), S. 36.

21 Freud, Siegmund: Das Unheimliche, S. 51.

22 Ebd., S. 65.

23 Vgl. Freud, Siegmund: Das Unheimliche, S. 71.

24 Vgl. ebd., S. 73.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Motiv des Unheimlichen in Jeremias Gotthelfs "Die schwarze Spinne"
Untertitel
"wenn die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verwischt"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
(Nicht-)Wissen erzählen. Das Modell Vorgeschichte in der Literatur des 19. Jahrhunderts.
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
25
Katalognummer
V538139
ISBN (eBook)
9783346132871
ISBN (Buch)
9783346132888
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spinne, Vorgeschichte, Unheimlich, Freud, Dynamisierung, Nicht-Wissen, Angst, Phantasie, Motiv, Gott, Glaube, Christentum, Novelle, Französische Revolution, Rahmenerzählung, Parallelhandlung, 19. Jahrhundert, Erleben, Vormärz, Binnenhandlung, Teufel
Arbeit zitieren
Sophie Hohmann (Autor:in), 2019, Das Motiv des Unheimlichen in Jeremias Gotthelfs "Die schwarze Spinne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538139

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