Ästhetische Analyse als Kunsterlebnis von Hingabe


Akademische Arbeit, 2018

10 Seiten, Note: Bestanden


Leseprobe

Ludwig-Maximilian-Universität München

Fakultät 10

Dozent: Bastian Weiß

Referenten: Sarah Dietrich

Seminar: Analytische Ästhetik

WiSe 18/19

Ästhetische Erfahrung als Kunsterlebnis von Hingabe 1.

Politische Kritik zwischen der Algokratie und der Aristokratie

'Ästhetische Erfahrung' ist eine im weitesten Sinne (kunst-)bezogene Wahrnehmung2. Dabei wird Kunst als ein Teil der Vorstellungswelt von Objekten gehandelt, die der Geist hervorbringt. Eine freie Wahrnehmungskette steht für eine totale Erkenntnisgewinnung, ohne Unterbrechung als maximales Ziel mit Schenkungen von Begegnungen von Bewußtsein, die Kunst unmittelbar betreffen können, als Objekte von Wahrnehmungen. Diese implizieren als Gesamtinhalt von Kunsterleben einen politischen Apparat, nach John Dewey3 und Walter Benjamin4.

Für die Dekonstruvisten scheint 'ästhetische Erfahrung' ein zu großer Ausdruck für die Beschreibung von einer Verdichtung von Kunsterlebnis und Wahrnehmung zu sein5.

Dewey schreibt: „ästhetische Erfahrung ist imaginativ.“(D: S. 319)6 Die Wahrnehmung spielt sich also in der Vorstellungswelt ab. Diese Vorstellungswelt benötigt Confidence [Selbstständigkeit und Mut], (so daß vergangene Interaktionen nicht das Hier und Jetzt bestimmen laßen; D: S. 319) und Humility (die jetztige Interaktionen mit Bewußtsein zu begegnen: D: S. 319). Ein maskulines und ein feminines Prinzip, wobei das feminine das maskuline hervorbringt: Das Sehen bringt das Denken hervor (D: S. 319). Demnach, könnte man schließen, daß Kunst selbst aus Demut (Humility), dem femininen Prinzip geboren wurde und sich dies bewußt bleiben sollte.7 Eine geschlechtsneutrale Deutung des Geistes verlagert die Wahrnehmung zu seiner körperlosen Eigenschaft, die ohne psychologischem Ansatz einer Mechanik unterliegt, die sich unbewußt gegen sich selbst wendet, da sie keine völlige Ausschöpfung erfährt.

Politik, die als eine Verlängerung (im Wahrnehmungsteleskop) der Kunst steht, benötigt ein höheres Maß an Demut und Selbstbewußtsein oder mit Dewey gesprochen 'Bewußtsein in der Perzeption' (D: S. 319). Zwischen Kunst und Politik steht die Religion [etymologisch von religio, gewissenhafte Berücksichtigung], als ein Vermittler und Hervorbringer des blinden Flecks. Eine Wahrnehmungskette, die Begegnungen im Bewußtsein ermöglicht, mit einem abstoßenden (-) und einem erweiternden (+) Pol scheint beides zu verbinden. Dewey spricht hier von einer Gedankenkette (D: S. 140).

Kunst als ein Schein der Wirklichkeit (Platon)8 – daher auch keine 1:1 Abbildung der Wirklichkeit (Kunst zur Politik). Dies scheint einen politischer Zyklus in der prähistorischen Perspektive der Wahrnehmungsentwicklung (als eine Zusammenarbeit von Demut und Selbstbewußtsein) in einer festgelegten Weltgeschichte mit Spielraum für Veränderung der Wahrnehmung hin zum Zentrum darzustellen. Eine Wahrnehmung aus dem Zentrum heraus führt in Kunst, Religion und Politik zu einer Handlung von Hingabe.

„Der bewußt vollzogene Ausgleich von Neuem und Altem ist Imagination.“ (D: S. 319) Dewey sieht in dieser „Verbindung des Neuen mit dem Altem […] eine Neuschöpfung, bei der der bestehende Antrieb Form und Festigkeit erhält, während das alte, 'abgelagerte' Material buchstäblich wiederbelebt wird, indem ihm, in eine neue Situation versetzt, neues Leben, eine neue Seele verliehen wird.“ Kunst scheint demnach die Funktion von einer Art 'Rebirth' zu haben. Dies spricht für eine politische Herrschaftsform, die das Genußmittel so schätzt, daß es weitgreifende Funktion bekommt und zu einer 'Religion der guten Sitten' wird. Kunst wird nicht mehr als neutral angesehen, sondern als übermächtige Instanz, deren Geschmack sich die Politik zu beugen hat.

Die Erneuerung der Seele bei Dewey im Kunstwerk, kommt der Definition des Punctum bei Roland Barthes nahe: „Ein Fleck, Tupfen, Einstich im Kunstwerk“, dieser werde immer wieder gesucht. (Roland Barthes: Die helle Kammer, S. 35). Rebirth des (als ein von der Gesellschaft angesehenes) Kunstwerkes als eine Droge, die politische Zustände ignoriert, da das geistige 'Sehen' so sehr mit Punctum-Findung (Punctum-Findung als eine sexuelle Abarbeitung von immer neuen Reizen) beschäftigt ist und seiner Funktion nicht nachkommt. Dewey schreibt zwar: „Die Kunst macht den Menschen auch bewußt, daß sie untereinander eine Einheit bilden, eine Einheit im Hinblick auf ihren Ursprung und ihre Bestimmung.“ (D: S. 318), doch scheint es nicht deutlich, was für eine Einheit im Ursprung und die Bestimmung er damit meint: Die Einheit muß jedoch in der Bewußtheit liegen, nicht in der Wahrnehmung (z.B. eines Kunstwerkes), sonst ist es nur eine Ableitung.9

Ein einheitliches Bewußtsein mit einer offenen Wahrnehmung erfordert auch Transparenz in der Politik: Partizipation im Kleinen als Teil der Partizipation im Großen ganzen als pars pro toto Prinzip. Kunst werde, so Dewey aus „Konflikt und Widerstand geboren“, (D: S. 391), (Vgl. Hegel's Weltgeist).10 Dies muß für den Stellenwert der Kunst für die Politik entscheidend sein.

Das „Bewußtsein in der Perzeption“ bei Dewey (D: S. 319) schließt auf einen verantwortungsvollen Umgang mit der Kunst: Kunsterlebnis als ein Austausch von lebendigen Interaktionen. Kunst als ein dargestelltes 'Etwas' des Menschen. Ein Medium der verschiedenen Bewußtseinszustände des Menschen. Wechselnde Bewußtseinszustände sind für die Politik eines Landes schädlich.

Jede Kunst ist mehr als ein Kunsterlebnis. Kunst birgt ein (Meta-)Kunsterlebnis, da es zwangsläufig mit anderen Kunst-Konsumptionen in Beziehung steht und diese auch so betrachtet werden muß. („Löst man einen Kunstgegenstand sowohl aus seinen Entstehungsbedingungen als auch aus seinen Auswirkungen in der Erfahrung heraus, so erreichtet man eine Mauer um ihn, die seine allgemeine Bedeutung, um die es in der ästhetischen Theorie geht, beinahe unerkennbar werden läßt“, D: S. 9; „Sie [die Kunst] fängt jede Nuance der in den Dingen befindlichen Ausdrucksfähigkeit auf und ordnet sie zu einer neuen Lebenserfahrung“, D: S. 123). Diese neue Lebenserfahrung kann vermutlich als ein integierbarer Prozess der Perzeption angesehen werden.

Dewey schreibt „ästhetische Erfahrung ist Erfahrung in ihrer Unversehrtheit“. Das muß bedeuten, daß durch sie Handeln abgeleitet wird, das unmittelbares Geschehen darstellt, d. h. Handeln laut Verstehen der Wahrnehmung.

Wenn Michel Bachtin darüber schreibt, daß Wörter als Kontext überbefrachtet sind, könnte das in diesem Zusammenhang bedeuten, daß diese in ihrer Bedeutung in der kosmischen Wahrnehmung leicht Chaos verursachen können, wenn das feminine Prinzip nicht genutzt wird.11

Der Kreis der Bewußtseinzustände bei Platon12 stellt wechselnde Herrschaftsformen in der Politik als Entwicklung bzw. als fehlende Hingabe dar. Hingabe selbst muß für eine offene, bewußte Wahrnehmung stehen, fehlende Hingabe hingegen als einen Mangel am femininen Prinzip. Dies heißt sicherlich nicht, eine Umkehrung hin zu einem reinen femininen Prinzip: „Ästehtische Anschauung ist eine radikale Form des Aufenthalts im Hier und Jetzt. (ÄdE: S. 62)“13 Auch bei Dewey ein dies-seitiges Element (Bewußtheit), als eine sich selbst erkennende Wahrnehmung. Gleichzeitig spricht er von einer imaginativen Phase (D: S. 319). Vielmehr müßte das feminine Prinzip zugelassen, im Sinne von anerkannt werden, ohne es zeitlich zu kategorisieren. Eine ästhetische Erfahrung als ein gegenwartsbezogenes Schauen (Lyotard: „Sie [die Reflektion] versucht das Jetzt zu bewahren.“)14, daß den Bewußtseinsfluß nicht unterbricht (der Strom von Bedeutungen, D: S. 320) zur Gewinnung von Erkenntnis, scheint von einem Rückweg der Kunst zu sprechen, für die Art wie die Integration des femininen Prinzips erfolgt, ist das entscheidend.

Auch das Mimesis-Verständnis15 bei der Kunst weist diesen Ansatz auf: Reflektierende Gedanken des Kunstobjektes werden zurückgeworfen, dadurch entsteht ein Lernen von der Kunst, dem Kunsterlebnis. Richard Wollheim schreibt in seinem Buch 'Objekte der Kunst' von dem „Selbstbewußtsein der Kunst selbst“16. Dieses scheint eine Mindestanforderung an das Bewußtsein zu stellen – einen Zustand, der mindestens erreicht werden muß, um Kunst, als solche und das Kunsterlebnis in der Perzeption zu erkennen.

[...]


1 Hingabe als eine Schenkung mit (Selbst-)Gewinn als Teil einer Partizipation, die als Bindeglied (Platon-Lexikon: Partizipation, S. 281) Sehen und Denken verbindet.

2 Kunstbezogene Wahrnehmung als eine in Couleur-getauchte Perzeption im Gegensatz zu einer künstlichen Wahrnehmung, die nur in so fern existieren kann, als daß sie Unbewußtheit andeutet. Unbewußtheit bei Dewey als etwas mechanisches und gewohnheitsmäßiges (D: S. 319).

3 Dewey spricht die hektische, moderne Welt an, ein möglicher technischen Apparat der im Vordergrund steht und auf einen politischen Apparat hindeutet. Basile spricht von der weitreichenden politischen Implikation bei Dewey (D: S. 58; B: S. 162).

4 Walter Benjamin spricht von Bewegungen (z.B. im Passagenwerk, Bd 1, S.643), die immer auch politisch sind.

5 'Ästhetische Erfahrung' als ein Abstraktum. Für den Dekonstruvisten Lyotard scheint jeder philosophisch „der nicht mit der 'Sprache' zuendekommen und 'Zeit gewinnen' will. (Lyotard, Jean- Francois: Merkzettel zur Lektüre in Widerstreit: S. 14)“ Ein philosophisches ausgedehntes Zögern zur Erhaltung von Wahrnehmungsanalyse. Im weiteren könnte man daran wohl eine Kritik an der aristokratischen Herrschaftsform sehen: Es klingt fast als stehe die Wahrnehmung vor der Handlung, bei dem Ermeßen von einer sinnhaften Erfahrung: „Aber sie [die Erfahrung] trägt ästhetischen Charakter“ (D: S. 51). Der ästhetische Charakter einer Erfahrung, kann nur in so fern als wünschenswert gelten, als das die Handlung innerhalb dieser ästhetischen Erfahrung wünschenswert ist und damit für alle Beteiligten eine Verbesserung einhergeht, die nachhaltig ist. Dies ist in einem politischen Kontext durchaus entscheidend und keine Wortspielerei.

6 Imagination als der Begriff einer vorgestellten Welt, die sich zwischen Wahrnehmung und Denken bewegt. Das Verhältnis zwischen Wahrnehmung und ihrer geistigen (Weiter-)Verarbeitung hat politischen Charakter.

7 „Art is a form of a prayer“ (Zitat v. Rainn Wilson, Huffington Post, 22.01.2015). Kunst als eine Handlung in Bezug auf die Ordnung des Kosmos als eine feminine Einordnung und Eingliederung, sowie eine maskuline Interpretation der Kunst durch Verordnung und Verortung.

8 „Kunst und Poesie werden von nichtdichterischen mimetischen Künsten wie der Sophistik und Rhetorik nicht abgegrenzt, sondern zusammen mit ihnen als Exponenten einer Welt des Scheins behandelt, den der Philosoph als Schein durchschauen muß, um zur Erkenntnis der Wahrheit und zu einer angemessenen Lebensführung zu gelangen (Platon-Lexikon: Nachahmung, S. 210).“ Dewey spricht demgegenüber von der Kontrolle der Kunst für die imaginative Risiken der Philosophie (D: S. 346) Beides zusammen deutet für die Rolle der Kunst eine historische Umwälzung in der (Denk-) Gesellschaft an und spricht für einen kritischen Umgang mit der Aristokratie, der Herrschaftsform, die Kunst am meisten abgewinnt.

9 Einheit im Bewußtsein als eine nicht mathematische Einheit (mathematisch hier als eine Kunst Interpretation), sondern eine los-gelöste Mathematik, die im Abbild vom Zentrum, einen präfaktischen Zustand, die Kommunikation (Kunst als Kommunikation bei Dewey, D: S. 335) nicht länger berechnet.

10 Nach Hegel liegt im Widerspruch Wahrheit begründet, Kunst stehe allerdings an dritter Stelle, nach Theologie (theosophische Suche nach Wahrheit) und Philosophie (dialektische und logische Suche nach Wahrheit); (H: Phänomenologie des Geistes, S. 458f.).

11 Michail Bachtin: Literatur und Karneval, S. 129 f.: Wörter sind Kontext übergreifend.
Dewey schreibt: „Wir haben viele Erfahrungen, aber keine Erfahrungen. (D: S. 51)“ Wörter als Lenkungen geistig leicht mißverständlich, da der Mensch vergangene Interaktionen (D: S. 319) als ein metaphysisches Rätsel zu lösen sucht, dessen er die Perzeption verwendet.

12 Die Politeia (427c/d-434d, 543s-545c) kann in diesem Zusammenhang, als ein männliches Konstrukt gelesen werden, daß ein politisches Gleichgewicht von maskulinem und femininem Prinzip einfordert. Dewey spricht davon, daß es keinen Ausdruck ohne Erregung, ohne Unruhe gibt und beschreibt dann Handlungen, die aus einer inneren Bewegung folgen (D: S. 76). Über Platon schreibt er: „Plato nahm die Seelenvermögen als sozial beobachtbare Differenzen an“. Diese Sicht auf die Antike, wie ein Panopticon (Begriff von Michel Focault), hat das feminine Prinzip zurückgehalten, wenn nicht verdrängt und ihre Entfaltung eingebüßt.

13 Ein radikaler Aufenthalt im Hier und Jetzt setzt ein gleichzeitiges Dasein von femininer und maskuliner Kraft als Prinzip voraus (in welcher Proportion auch immer), die dem Hier und Jetzt zusammen als Teil einer politischen Zeit begegnen, mit einer klaren Wahrnehmung aus dem Zentrum heraus.

14 „Die Reflexion […] läßt die Frage offen: Geschieht es?“ (Jean-Francois Lyotard: Merkzettel zum Lesen, S. 16) Dies scheint eine Begegnung mit dem blinden Fleck anzudeuten, die das Kunstwerk zugänglich macht.

15 „Kunstwerke setzen eine Erfahrung in Gang, die in sich erfreulich ist“ (D: S. 323).
Dies appeliert an den Lerncharakter der Kunst, der ohne feste Ausrichtung zu sein scheint. Kunst muß also letztlich als eine Beziehung verstanden werden, die immer wenn sie eingegangen ist, als ein erweiterndes Lernmittel (der Wahrnehmung) betrachtet werden kann, was in sofern sinnvoll ist, als daß sie Lernen mit Freiheit verbindet.

16 (Vgl. Fußnote 7.) „Ästhetik: ihre mögliche Einteilung in das Substantielle und das scheinbare Triviale.
Die Wichtigkeit des scheinbar Trivialen in der Ästhetik für die Kunst selbst: das fortwährende und unauslöschliche Selbstbewußtsein der Kunst.“ (Richard Wollheim: Objekte der Kunst, S. 11).

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Details

Titel
Ästhetische Analyse als Kunsterlebnis von Hingabe
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
Bestanden
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V538509
ISBN (eBook)
9783346151063
ISBN (Buch)
9783346151070
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ästhetik, Wahrnehmung, Dewy, Benjamin, Imagination, Hegel, Partizipation
Arbeit zitieren
Sarah Dietrich (Autor), 2018, Ästhetische Analyse als Kunsterlebnis von Hingabe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538509

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