Das Ritual der Mevlevi-Derwische. Religion und Rituale in der zeitgenössischen türkischen Kunst


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Derwische in der Kunst

2 Die Bedeutung der Derwische und ihres Rituals
2.1 Was ist ein Derwisch?
2.2 Das Ritual der Mevlevi-Derwische

3 Umsetzung des Rituals durch zeitgenossische Kiinstler
3.1 Die Performance „Umgestulpt" von Nezaket Ekici
3.2 Die Installation „Come" von Vahap Avsar

4 Die neueAra der Derwische

5 Literaturverzeichnis

6 Verzeichnis der Bilder im Anhang

7 Anhang

1 Derwische in der Kunst

„Komm wer auch immer du bist, spielt keine Rolle ob du ein Unglaubiger bist, spielt keine Rolle ob du schon tausend Mai gefallen bist, komm wer auch immer du bist."1 -so lauteten einst beruhmte Zeilen des spirituellen Lehrers Mevlana Rumi, der die Ritua-le der Mevlevi-Derwische im Wesentlichen pragte.2 Diese zeitweise verbotene Glau-bensrichtung des Sufismus bezaubert durch ihren Dreh-Tanz, den Sema, der von den Derwischen hingebungsvoll ausgefiihrt wird.3 Jenes Ritual wurde von einigen zeitge-nossischen, meist tiirkischen Kiinstlern wieder aufgegriffen, die den Tanz der Derwi­sche auf unterschiedliche Weise in ihren Werken zum Ausdruck bringen. Durch ihre modernen Kreationen wird jene Tradition des Derwisch-Kultes wieder lebendig und erinnert heute noch an die allumfassenden spirituellen Botschaften Rumis die das Eins-Sein der Seele mit Gott in der Mystik symbolisieren.4

In der folgenden Arbeit soil untersucht werden, wie der Dreh-Tanz der Derwische als Beispiel eines religiosen Rituals in der Tiirkei von zeitgenossischen Kiinstlern darge-stellt und in verschiedenen Medien umgesetzt wurde. Der Fokus liegt dabei auf zwei turkischstammigen Kiinstlern: Zum einen auf der Performancekiinstlerin Nezaket Ekici, die das Ritual des Trancetanzes in ihrer Performance „Umgestiilpt" iibernommen hat, zum anderen auf dem Kiinstler Vahap Avsar, der mit seiner Installation „Come who ever you are" die Botschaft Mevlana Rumis wieder aufgreift. Urn auf das Kernthema hinzufuhren, ist es zunachst einmal wichtig die allgemeine Bedeutung der Derwische und das Ritual der Mevlevi genauer zu beleuchten. In einem ersten Schritt wird daher erklart worum es sich bei einem Derwisch handelt. AnschlieBend wird das Ritual des Mevlevi-Derwisch-Ordens in seinen unterschiedlichen Auspragungen behandelt. Hier-durch soil ein grundlegendes Verstandnis fur die darauffolgende Interpretation der je-weiligen Kunstwerke Ekicis und Avsars geschaffen werden. Was den ersten Teil meiner Arbeit iiber Rumi und das Mevlevi-Ritual betrifft, so konnte ich mich auf diverse Lite-ratur zum Sufismus beziehungsweise zu Mevalana Rumi stiitzen.5 Der zweite Teil der Arbeit, der sich damit beschaftigt, wie das Ritual auf vielfaltige Weise in der Kunst um­gesetzt wurde, ist dabei groBtenteils Ausstellungskatalogen wie etwa „Call me Istanbul ist mein Name" entlehnt. Da dieses spezielle Thema des Derwischs in der zeitgenossi-schen Kunst meiner Meinung nach unzureichend erforscht ist, war ich jedoch zusatzlich gezwungen auf diverse Internetquellen zuriickzugreifen.

2 Die Bedeutung der Derwische und ihres Rituals

2.1 Was ist ein Derwisch?

Als Derwisch bezeichnet man in der Turkei einen Menschen, der den Sufismus, die is-lamische Mystik, praktiziert. Dabei gehort der Derwisch einer muslimisch-asketischen Ordensgemeinschaft an, der tariqa. Es gibt verschiede Derwisch-Orden: einer der be-kanntesten ist der Mevlevi-Orden in der Turkei, welcher den Trancetanz praktiziert. Mit dem persischen Wort „darwisch" wird normalerweise ein asketischer Monch bezeich­net. Hiermit soil ausgedriickt werden, dass derjenige, der sich auf dem Weg des Sufis­mus befindet die eigene Armut gegeniiber Gottes Reichtum wahrnehmen soil. Dabei leitet sich der Begriff Derwisch vom persischen Wort „dar" her, was Tor bedeutet. Ge-meint ist damit, dass der Sufi von Turschwelle zu Turschwelle wandert, womit auch die Schwelle zwischen der Erkenntnis der diesseitigen irdischen beziehungsweise materiel-len und der jenseitigen gottlichen Welt gemeint ist. Allgemein gelten Derwische als Quelle der Weisheit, Klugheit, Poesie, Heilkunst und Erleuchtung. Nachfolgend wird jedoch ausschliefilich das Ritual der Mevlevi-Derwische behandelt, da dieser Orden sich uber Jahrhunderte auf den Dreh-Tanz spezialisiert hat.6 7 8

2.2 Das Ritual der Mevlevi-Derwische

Hierbei stellt sich zunachst die Frage was ein Ritual eigentlich ausmacht: Nach Beyeler ist ein Ritual ein „kulturell konstruiertes System symbolischer Verhaltensweisen. Es besteht aus strukturierten und hochst standardisierten Sequenzen von Handlungen und Worten mit repetitivem, formalem und stereotypem Charakter." Das Ritual der Derwi­sche besteht aus dem einleitenden Mukabele Ritual und dem darauffolgenden Sema, welcher in vier Selams beziehungsweise Dreh-Tanz-Sequenzen unterteilt ist. Jeder Teil des Derwisch Rituals folgt strengen Vorschriften und einem durchdachten symbolischen Kodex.9 10 Dabei hat jede Handlung der Derwische wie beispielsweise die Haltung der Arme sowie die Linksdrehung symbolische Bedeutung.

Der Dreh-Tanz der Mevlevi-Derwische geht auf Mevlana Jalal al-din Rumi (1207-1273) zuriick. Mevlana Rumi wurde urspriinglich in Balkh, im heutigen Afghanistan geboren und fliichtete mit seiner Familie vor den Mongolen ins seldschukische Konya in der heutigen Tiirkei. Dort starb er 1273. Rumi war ein grofier Gelehrter, urn den sich An-hanger aus alien Glaubensrichtungen versammelten. Die Begegnung mit dem Wander-derwisch Shams-i Tabriz brachte eine folgenreiche Wendung in Rumis Leben: Dieser lehrte ihn ein neues Verstandnis von Wissen, wobei dieses nur aus der unmittelbaren Erkenntnis des Gottlichen mittels des Dreh-Tanzes und nicht durch das Studieren von Bvichern zu erwerben sei.11 Bereits zu Rumis Zeiten zahlte der Dreh-Tanz zu den altes-ten Ritualen der Sufisten und war eine verbreitete Methode der mystischen Erkenntnis. Rumi war dafur bekannt, dass er diesen Tanz spontan und rneist ununterbrochen, beina-he bis zur volligen Erschopfung, durchfuhrte. Seine Erkentnisse, die er aus dem Tanz gewonnen hatte fasste er im Mathnawi zusammen, was heute zu den bekanntesten Wer-ken des Sufismus zahlt. Das Mathnawi ist grofies Gedicht, welches aus 26.000 lyrischen Versen besteht. Es enthalt hunderte von Geschichten welche die mystische Liebe von alien Seiten beleuchten. Rumi selbst bezeichnete es als die Leiter zur Wahrheit.12 Je-doch erst nach Rumis Tod fasste dessen Sohn Sultan Valad den Dreh-Tanz in ein Ge-samtritual, dem Mukabele Ritual, welches auf diese Weise noch heute praktiziert wird.13 Der Sema stellt einen Teil des traditionellen Mukabele Rituals dar. Sema beziehungs-weise Sama ist die sogenannte ekstatische Entziickung. Bei den Mevlevi-Derwischen soil dieser Trance-Zustand mittels Dreh-Tanz erlangt werden.14 Bei dem Ritual selbst handelt es sich urn einen religiosen Auferstehungsritus, der zum einen das Sterben und Auferstehen versinnbildlicht, zum anderen aber auch den Tanz der Planeten urn die Sonne darstellen soil. Das hochst komplexe Ritual unterliegt strengen Vorschriften, wo­bei jede Handlung und Bewegung genau festgelegt ist. Das Ritual wurde dabei regel-mafiig einmal pro Woche in den sogenannten Tekkes, den Mevlevi-Klostern, praktiziert.

Das traditionelle Mukabele Ritual besteht aus einem zeremoniellen Ablauf von Musik, Prozession, Gebet sowie Dreh-Tanz und bezieht sich auf eine Koranrezitation, welche die Liebe zu Gott, die gottliche Verziickung und die Vereinigung mit Gott darstellt.15 Vor dem Ritual, sowie vor den Ubungsstunden ffihrt der Derwisch eine rituelle Wa-schung durch. AnschlieBend legt er seine Ritual-Kleidung an. Die Bekleidung der Der-wische des Mevlevi-Ordens setzt sich aus unterschiedlichen Kleidungsstiicken zusam-men: Zum einen aus der Sikke, der konischen Derwischmutze, welche aus Filz besteht und das Emblem des Mevlevi-Ordens symbolisiert. Dariiber hinaus ist sie ein Sinnbild ftr den Grabstein des menschlichen Egos und des Himmelsgewolbes. Die Khirka ist ein schwarzer, bodenlanger Umhang, der fur das Grab sowie fur die vergangliche Welt steht. Dieser wird vor dem Sema-Ritual abgelegt. Unter der Khirka tragt der Derwisch die Tennure. Dies ist ein langes, weifies, armelloses Gewand beziehungsweise ein Tra-gerrock der auch ein Symbol fur das Leichentuch des Egos ist. Dies versinnbildlicht auch den Durchgang zum Eins-Sein. Unter der Tennure tragt er weifie Hosen. Dazu kommen eine weifie kurze Jacke, das Destegiil und den Elii nemed, einen Giirtel, der urn die Taille geschnurt wird. Als Schuhwerk dienen schwarze Gebetsschuhe mit wei-cher Ledersohle. Die Farbe Weifi bedeutet in der Sufi-Symbolik die Farbe Adams und Mohammeds; sie ist zudem ein Sinnbild fur das Licht Gottes.16

Die Personen die das Ritual ausfuhren, werden als Semazen bezeichnet. Hiermit sind die Mevlevi-Derwische sowie der Mevlevi-Scheich gemeint. Der Scheich, als Ordens-oberhaupt und Vertreter Mevlana Rumis, steht dabei fur den Baum der Erkenntnis. Dar­iiber hinaus ist an dem Ritual der Semazenbaschi beteiligt, der wahrend des Rituals die Bewegung der Semazen iiberwacht und korrigiert sowie der Dede, der ftr die Verwal-tung des Serna Tanzsaals sowie den Ritual-Ablauf zustandig ist. Der Ritus wird von einem Musikorchester begleitet, welches aus Neyflote, Trommeln, Streich- und Zupfm-strumenten besteht. Neben den unmittelbar am Ritual beteiligten Personen sind noch Sanger und Koranrezitatoren sowie ein Publikum anwesend.17 Der Brauch wurde ur-spriinglich in der Semahane, in einem abgetrennten Tanzsaal des Mevelvi-Klosters durchgefthrt. Diese war urspriinglich in runder oder achteckiger Form gebaut. Die im Bau integrierte Tanzflache wurde als edler Platz bezeichnet. Eine architektonische Be- li Vgl. zu diesem Abschnitt Bahn 2010, Abschnitt 1.2, 1.2.6 und 1.3; Die Bezeichnung tekke wird aus-schlieMich von den Tiirken fur das Sufi-Konvent gebraucht. Vgl. Schimmel 1985, S. 328; vgl. auch Kat. Ausst. Call me Istanbul ist mein Name 2004, S. 81.

sonderheit ist dabei, dass der Mittelpunkt der Tanzflache iiber eine imaginare Achse mit dem Mittelpunkt der Semahane beziehungsweise mit seinem Dom als Symbol des Himmelgewolbes verbunden ist. Gegeniiber des Eingangs der Semahane befmdet sich der Mihrab, die Gebetsnische, wo das rote Vlies des Scheichs ausgebreitet wird. Vom sogenannten Post, dem roten Sitzfell, welches die hochste geistige Instanz bedeutet, leitet der Scheich sitzend oder kniend das Ritual. Der imaginare Aquator, der sich vom Eingang bis zum Mihrab erstreckt, verlauft durch die Mitte der Tanzflache und steht sinnbildlich fur die Schopfungslinie beziehungsweise den kiirzesten Weg zur Wahrheit der Einigkeit Gottes. Diese Linie teilt die Tanzflache in zwei Halften: die rechte Seite steht dabei fur die sichtbare Welt der Materie und der Erscheinungen, die linke Seite stellt die unsichtbare und unbekannte Welt des Ubersinnlichen dar. Die Schopfungslinie darf nur vom Scheich beschritten werden. Im Verlauf des Rituals betritt und verlasst er den Tanzsaal iiber diese Linie. Die Mutribhane, auch Ort der Erregung genannt, befm­det sich in der Nahe des Eingangs. Dieser ist fur die Musiker und Sanger vorgesehen. Das Publikum, welches das Geschehen beobachtet, wird auf einer Zuschauertribune oberhalb der Tanzflache untergebracht. Manner und Frauen sitzen dabei getrennt vonei-nander. Zum Publikum zahlten fur gewohnlich Ordensmitglieder und Personlichkeiten, die dem Orden nahe standen.18

Nachdem nun die wichtigsten Bestandteile des Rituals erlautert wurden, wird nun auf den Ablauf des Mukabele Rituals eingegangen. Der Ablauf gestaltet sich dabei folgen-dermafien: Die Semazen, der Scheich, der Dede, der Semazenbaschi und die Musiker nehmen ihre Platze ein. AnschlieBend erfolgen eine Koran-Rezitation sowie eine musi-kalische Lobpreisung Mevlana Rumis. In einem nachsten Schritt beriihren die Derwi-sche mit den Lippen den Boden, womit die Welt des Gegenstandlichen verehrt werden soil. Danach erheben sie sich und nehmen ihre Platze ein. Nach einem kurzen Trommel-solo und einer Improvisation auf der Neyflote erfolgt ein weiterer Trommelschlag durch den Scheich, der die Derwische auffordert sich zu erheben. Im Anschluss erfolgt die Zeremonie des Sultan Valad, dem devr-i Veledi. Hierbei wird der Sema-Saal dreimal gegen den Uhrzeigersinn, vom Scheich und den Derwischen in einem schleppenden Nachstellschritt umschritten. Die langsam ausgefuhrte Bewegung ist dabei ein Symbol fur die hinkende Zeit. Wahrend die Semazen den Tanzsaal umrunden wiederholen diese innerlich den Namen des Gottes Al-lah. Daruber hinaus symbolisiert das dreimalige Umrunden der Semahane die drei Stufen der Erkenntnis, wobei die Gewissheit der gott- lichen Existenz durch miindliche Uberlieferung, durch das eigene Wahrnehmen und durch das eigene Erleben erlangt werden soil. 1st der letzte Rundgang vollzogen, bleiben die Semazen vor dem Post des Scheichs stehen, urn sich von Angesicht zu Angesicht zu begruBen, wobei alle Semazen das Gottliche im anderen begruBen. AnschlieBend wird die Khirka von den Derwischen abgelegt. Daraufhin verbeugen sich die Semazen mit gekreuzten Armen, wobei die rechte Hand die linke Schulter und die linke Hand die rechte Schulter umfasst. Daraufhin tritt der erste Semaze drei Schritte in die rechte Half-te der Tanzflache. Die rechte Flache symbolisiert die Welt der Materie und der Manifes-tationen. AnschlieBend verbeugt er sich ein zweites Mai indem er Arme und FiiBe kreuzt. Die aufrechte Korperhaltung in Verbindung mit den gekreuzten Armen und Fii-Ben, steht sinnbildlich fur die Zahl Eins als „Einheit Gottes". Durch die Haltung soil die Konzentration und Besinnung sowie die Abkehr von der AuBenwelt eingelautet wer­den.19

Nachdem der erste Teil der Zeremonie vollzogen ist, beginnt nun das Sema Ritual. Die­ses ist in vier Selams oder Dreh-Tanz-Sequenzen unterteilt. Die Selams werden musika-lisch von dem Orchester sowie von Instrumentalsolos der Neyflote begleitet. Zwischen den einzelnen Selams wird der Koran rezitiert und es werden Gebete gesprochen. Die verschiedenen Selams haben dabei folgende Bedeutung: Der erste Selam versinnbild-licht die Geburt des Menschen sowie die Bewusstwerdung der Existenz Gottes als Schopfer. Mit dem zweiten Selam werden die Allmacht Gottes sowie die Herrlichkeit des Kosmos gepriesen. Der dritte Selam reprasentiert das Umarmen des gottlichen Ge-heimnisses und der vierte beschreibt die Konzentration als die hochste Wahrheit, das Eins-Seins mit Gott.20 Die einzelnen Semas konnen dabei folgendermaBen unterschie-den werden: In den ersten drei Selams bewegen sich die wirbelnden Derwischen entlang des Randes der Tanzflache zur Mitte hin. Der vierte und letzte Selam kennzeichnet sich dadurch, dass sich die Derwische nur auf der Stelle drehen, wobei die Kreislinie inner-halb der sie sich drehen genau festgelegt ist. Der erste Semaze beginnt den ersten Selam des Rituals, indem er wiederholende Kreisbewegungen urn die eigene Achse, gegen den Uhrzeigersinn vollzieht und sich dabei gleichzeitig in den Raum dreht. Nachdem der Semaze die ersten Drehungen ausgefuhrt hat, losen sich seine Hande von den Schultern. Die Hande sinken zuerst herab und positionieren sich dann nach einigen weiteren Drehungen wieder in der traditionellen Sema-Haltung. Diese ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet: Die Rotationsbewegung wird ausschliefilich von der unteren Korper-halfte durchgefuhrt. Arme, Rumpf und Kopf werden wahrend der Drehung nicht veran-dert. Die linke Hand ist wahrend der Drehung nach unten geoffnet, wobei der linke FuB ebenfalls mit dem Boden verankert ist. Dagegen vollzieht das rechte Bein durch das AbstoBen eine Bewegungsrichtung nach oben, die rechte Handflache ist nach oben ge­offnet. Diese Haltung hat ebenfalls eine symbolische Bedeutung: Die nach oben geoff-nete rechte Hand steht sinngemaB fur das GefaB des Himmels. Mit dieser Geste signali-siert der Semaze die Bereitschaft, die gottliche Gnade zu empfangen. Mit der zur Erde hin geoffneten Handflache wird sinngemaB Gottes Geschenk an die Schopfung iiberge-ben. Auf diese Weise fungiert der Tanzer als Mittler zwischen Himmel und Erde.21 Nachdem der Scheich ein Gebet gesprochen hat beginnt dieser mit dem Dreh-Tanz, wobei er sich im Uhrzeigersinn, dem Symbol fur die Zentralsonne, iiber die imaginare Trennlinie bis zum Mittelpunkt der Semahane dreht. Dann beginnen auch die Derwi-sche sich zu drehen. Der erste Semaze beginnt, indem er sich links herum urn die eigene Achse auf einer Kreisbahn in den Raum dreht. Nachdem er die ersten Drehungen voll-zogen hat, losen sich seine Hande von den Schultern, sie sinken herab und nehmen dann nach ein paar weiteren Drehungen die urspriingliche Sema-Haltung wieder ein. Durch die kreisende Bewegung soil sich die Seele von irdischen Banden losen und in eine in-nere Kommunikation mit dem Gottlichen verfallen. Die Semazen drehen sich im Kreis urn den sich ebenfalls drehenden Scheich im Mittelpunkt bis sie mit ihrem Oberhaupt drei konzentrische Kreise gebildet haben. Die drei Kreise stehen dabei fur Korper (au-Berer Kreis) und Geist (innerer Kreis), die durch die Seele (mittlerer Kreis) verbunden sind. Zudem signalisieren die Kreise die Ubergange zwischen den verschiedenen Di-mensionen, was in der Mevlevi-Symbolik die Abkehr von der diesseitigen und den Ubergang zur jenseitigen Welt bedeutet. Durch die Drehung urn die eigene Achse wird die besondere Bedeutung des vierten Selams ersichtlich: Die Semazen konzentrieren sich auf den Punkt der hochsten Wahrheit, welcher das Eins-Sein mit Gott bedeutet.22 Am Ende des vierten Selams, welches von der Neyflote begleitet wird, schreitet der Scheich wieder langsam auf das Vlies zuriick. Der Dreh-Tanz ist damit beendet: Insge-samt haben die Derwische den Aquator im Mukabele Ritual siebenmal viberschritten, vergleichbar mit den sieben Umrundungen der Kaaba in Mekka. Die Semazen bekleiden sich nun wieder mit der Khirka, dem schwarzen Umhang. Dies symbolisiert den Ab-stieg in die Welt der Schopfung, der auf den Auferstehungs-Ritus und die Vereinigung mit Gott folgt. Am Ende des Rituals spricht der Scheich das Mevelvi-Gulbank-Gebet und verlasst anschliefiend wieder die Semahane iiber den Aquator.23 Der Derwischtanz wurde immer wieder von den orthodoxen Muslimen kritisiert. Er wurde jedoch erlaubt, weil durch ihn die Liebe zu Gott ausgedriickt und die Seele von den Fesseln des Korpers befreit wird urn in die himmlischen Spharen, den Ursprung des menschlichen Geistes, zu gelangen. 1925 verbot der Republikgriinder Kemal Atatiirk alle Derwisch-Orden in der Tiirkei und somit konnte das Mevlevi-Ritual und der Dreh-Tanz bis Mitte des 20. Jahrhunderts in seiner rituellen Form nicht mehr vollzogen wer-den. 1954 wurde dieses Verbot anlasslich des Jahrestages von Mevlana Rumis Tod auf-gehoben, wobei der Sema lediglich in einer Sporthalle nicht aber in der Semahane aus-gefuhrt werden darf. Die drehenden Derwische sind besonders in Konya, in der Tiirkei, der Heimat des Mevlevi-Ordens zu einer touristischen Attraktion geworden.24

[...]


1 Kat. Ausst. Call me Istanbul ist mein Name 2004, S. 83.

2 Vgl. Shah 1976, S. 240.

3 Vgl. zum Verbot des Ordens: Artikel "Derwisch", Wikipedia.

4 Vgl.Otzturk2006,S.85f.

5 Vgl. hierzu beispielsweise Otztilrk 2009, Rumi und die islamische Mystik; Schimmel 1985, Mystische Dimensionen des Islam; Schimmel 1978, Rumi; Shah 1976, Die Sufis.

6 Vgl. hierzu Kat. Ausst. Call me Istanbul ist mein Name 2004; Kat. Ausst. Istanbul Next Wave 2009; Kat. Ausst. Nezaket Ekici. 2011 u. a.

7 Vgl. zu diesem Abschnitt Shah 1976, S. 239 f.; vgl. zur Ausftihrlichen Erklarung des Sufismus Schimmel 1985, S. 16-43; vgl. zu den Sufi-Orden und Bruderschaften Schimmel 1985, S. 324-365; vgl. auch zur Wortbedeutung des Derwischs: Kat. Ausst. Call me Istanbul ist mein Name 2004, S. 83; vgl. auch Artikel "Derwisch", Wikipedia.

8 Beyeler 2003, S. 104.

9 Vgl. hierzu Bahn 2010, Abschnitt 1.2.6 und 1.3.

10 Vgl. Bahn 2010, Abschnitt 1.2; vgl. Kat. Ausst. Call me Istanbul ist mein Name 2004, S. 81; Artikel "Mevlevi", Wikipedia.

11 Vgl. zur Begegnung Rumis mit Shams-i Tabriz Otztilrk 2002, S. 11-14.

12 Vgl. Das Mathnawi von Rumi 2015.

13 Vgl. zu diesem Abschnitt zur Biografie Rumis: Schimmel 1978, S. 7-45; Ausst. Call me Istanbul ist mein Name 2004, S. 80-83; vgl. Doormann, Rumi, lyrische Texte; vgl. auch Das Mathnawi von Rumi 2015; vgl. zur Begegnung Rumis mit Shams-i Tabriz Otztilrk 2002, S. 11-14; vgl. zum Mathnawi auch Schimmel 1978, S. 8 ff.

14 Vgl. zur Bedeutung des Sema auch Schimmel 1985, S. 253-265.

15 Vgl. zur Bedeutung des Sema auch Schimmel 1985, S. 253-265.

16 Vgl. zur Bekleidung der Mevlevi-Derwische Kat. Ausst. Call me Istanbul ist mein Name 2004, S. 81; Schimmel 1985, S. 331 f.

17 Vgl. zu den Personen die am Ritual beteiligt sind Bahn 2010, Abschnitt 1.2.2.

18 Vgl. zu diesem Abschnitt, zur Besonderheit der Semahane als Ausfuhrungsort des Rituals: Bahn 2010, S. 1.2.3; vgl. auch Kat. Ausst. Call me Istanbul ist mein Name 2004, S. 81.

19 Vgl. zu diesem Abschnitt, zur Gestaltung des Mukabele Rituals: Bahn 2010, Abschnitt 1.2.6; vgl.

20 Vgl. zur Bedeutung der verschiedenen Dreh-Tanzsequenzen, beziehungsweise Selams: Bahn 2010,

21 Vgl. zu diesem Abschnitt zum Dreh-Tanz der Derwische allgemein: Bahn 2010, Abschnitt 1.2.6 und 1.3.2; vgl. hierzu auch das Video Istanbul - Derwisches Tourneurs; vgl. auch Kat. Ausst. Call me Is­tanbul ist mein Name 2004, S. 81.

22 Vgl. zu diesem Abschnitt zum Ablauf der Dreh-Tanz-Sequenzen Bahn 2010, Abschnitt 1.3.1; vgl. hierzu auch das Video Istanbul - Derwisches Tourneurs.

23 Vgl. zu diesem Abschnitt zum Ende des Semas: Bahn 2010, Abschnitt 1.3.1.

24 Vgl. zu diesem Abschnitt Bahn 2010, Abschnitt 1.1; vgl. zum Verbot der Derwisch-Orden durch Ke­mal Atatiirk und zur Aufhebung des Verbots: Artikel "Derwisch", Wikipedia; Kat. Ausst. Call me Is­tanbul ist mein Name 2004, S. 83.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Ritual der Mevlevi-Derwische. Religion und Rituale in der zeitgenössischen türkischen Kunst
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Istanbul Contemporary
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V538666
ISBN (eBook)
9783346178527
ISBN (Buch)
9783346178534
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Contemporary, Istanbul, Türkische Kunst, Okzident, Zeitgenössische Kunst, Mevlevi, Derwisch, Tanz, Derwisch Tanz, Türkei, Kunst, Kunstgeschichte, Nezaket Ekici, Performance, Protestkunst, Performance Kunst, Vahap Avsar, Installation, Moderne Kunst, Contemporary Art, Videoinstallation, Foto, Videokunst, Burcu Dogramaci, Call me Istanbul, Istanbul Next Wave, Derwisch Kultur, Rumi, Drehtanz, Trance, Sufi, Sufismus, Neyflöte, tariqa, symbolik, religion, Ritual, Rituale, Umgestülpt, Seele, Gott, Mystik, Sema, Eins-Sein
Arbeit zitieren
Victoria Landmann (Autor), 2015, Das Ritual der Mevlevi-Derwische. Religion und Rituale in der zeitgenössischen türkischen Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538666

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Ritual der Mevlevi-Derwische. Religion und Rituale in der zeitgenössischen türkischen Kunst



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden