Kann und sollte es moralische Experten geben?


Essay, 2020

22 Seiten


Leseprobe

Moralische Experten scheinen großes Vertrauen zu erwecken. Sie sind jene Menschen, denen man in Entscheidungssituationen um Rat fragt, von denen man sich erhofft sie könnten sie beantworten. In diesem Text soll es zunächst darum gehen, ob es überhaupt moralische Experten geben kann, warum es keine geben sollte, um dann schließlich zu beweisen, daß es moralische Experten geben sollte.

Folgendes Fallbeispiel soll der Analyse dienen: Person A versucht Person B davon zu überzeugen, daß es moralisch verwerflich sei Plastikmüll anzuhäufen. Person A war als Entwicklungshelfer in Ruanda und glaubt deren Plastik-Verbot sei auf Deutschland übertragbar, was er mit seiner Arbeit als Journalist und Umweltaktivist auch kundgibt. Person B hingegen nutzt Plastik, zum Beispiel beim Einkaufen von Weintrauben und hat sich bisher keine Gedanken darüber gemacht. Person A klärt nun Person B über die schädlichen Umweltfolgen von Plastiknutzung auf, woraufhin Person B seinen Plastikkonsum auf das Minimalste reduziert.

Kann A ein moralischer Experte sein? Er scheint etwas zu wissen, was B nicht weiß und was in unmittelbaren Zusammenhang mit der Vermeidung des Vorantreibens des Klimawandels steht. Wenn A aber moralischer Experte in Umweltfragen sei, stellt sich widerum die Frage, was ihn aus der Menge der Umweltaktivisten kennzeichnet ein moralischer Experte zu sein. Sicherlich die Qualität seiner Arbeit sowie die Überzeugbarkeit dieser gegenüber anderen. Angenommen A wäre durch die geleistete Entwicklungsarbeit ein moralischer Experte in Belangen der Umwelt, so wäre er es doch nur auf diesem Gebiet. B glaubt A liege richtig und handelt dementsprechend. B vertraut A und macht ihn für sich zum moralischen Experten. Voraussetzung dafür muß sein, daß B A als Person vertraut und dem moralischen Gegenstandsbereich Beachtung schenkt. B müßte wie Allison Hills es nennt motiviert (S. 109) sein an dem Thema. Zudem könnte es sein, daß B die moralische Lehre von A als gelebten Beweis in A's Leben sucht. Der Maßstab eines Moralexperten erfordert geradezu, daß dieser danach lebt, womit er oder sie andere Menschen mit überzeugen will, damit ihre Glaubwürdigkeit gewahrt bleibt, worauf später noch näher eingegangen wird.

Sollte es Menschen geben, die Virtuosen auf bestimmten Gebieten der Moral sind, solche Personen wie A, die im Bereich Umweltschutz umfassende Kenntnisse haben? Gehen wir davon aus, daß Moralexperten, uns den 'Weg' weisen werden in eine 'bessere' Zukunft, so ist man gewillt, zu glauben, sie seien unabdingbar. Moralexperten glauben zu verstehen, daß Menschen Macht haben und sie sie nutzen wollen. Dies sollten sie nur geschickter und mit Rücksicht auf Tiere, Umwelt, Erde, anderen Menschen machen. In anderen Worten: Es fehle den Menschen an Empathie zu ihrem Umfeld, während sie ihre Macht ausüben. Dies mag richtig sein, dennoch würde ein blindes Vertrauen auf sogenannte 'Moralexperten', die Freiheit der Menschen deutlich beeinschränken. Sie müßen in sich eine Instanz haben, mit der sie das Gesagte der Moralexperten für sich prüfen können. Wenn sie sich zu schnell auf deren Meinung verlaßen, würden sie ihre Selbstbestimmtheit aufgeben und doch kann es nicht ohne moralische Experten gehen, wie spätere Argumente zeigen werden.

Wenn eine Person moralisches Verständnis besitzt, scheinen Moralexperten obsolet zu sein. Alison Hills[1], schreibt in ihrem Text 'Moral Testimony and Moral Epistemology', daß es eine Spannung gäbe zwischen dem Formen einer moralischen Überzeugung auf der Basis von moralischem Verstehen, welches essentiel für einen guten Charakter ist (S. 119, 108), und dem Formen einer moralischen Überzeugung auf der Basis von 'moral testimony'. Dies muß deshalb so sein, weil die moralische Aussage einer Person nicht das gleiche ist wie moralisches Verstehen. Das moralische Zeugnis einer Person gegenüber einer anderen Person, ist davon gekennzeichnet, das es moralisches Wissen vermittelt. Moralisches Verständnis zeugt davon, daß dieses Wissen als richtig erkannt wurde, aus den richtigen Gründen. Würde (B) seine moralischen Überzeugungen aufgrund seines moralischen Verstehens bilden, statt von dem Gesagtem von (A), so würde er eher 'moralisch' handeln, denn er versteht dann warum eine Handlung moralisch richtig oder falsch ist. Ein moralischer Experte würde dieser Person zwar moralisches Wissen über eine (B) vielleicht nicht bekannte Thematik vermitteln, jedoch würde das moralische Verständnis nicht vom Moralexperten geschaffen werden, was ja die eigentliche Funktion von ihm oder ihr ist.

Weiterhin schreibt Allison Hills, daß wir moralisches Verständnis erwerben sollten (S. 125), (man werde eine gute Entscheidung nur treffen können, wenn man 'moral understanding' hat, S. 106, 119) was bedeutet, daß wir nicht den moralischen Aussagen anderer 'einfach' trauen sollten, sondern unser eigenes moralisches Verständnis entwickeln sollten. Dies würde bedeuten, das wir vorhandene moralische Ansichten reflektieren um zu moralischen Verständnis zu gelangen, oder die Aussagen von Moralexperten kritisch zu prüfen. Würde (A) zu (B) lediglich sagen, er soll keinen Plastik mehr nutzen, und (B) würde dieser Aufforderung uneingeschränkt nachgehen ohne zu fragen, so wüßte (B) nicht weshalb er so handelt und wüßte auch nicht weshalb, das richtig ist. (B) würde handeln ohne moralisches Verständnis (S. 110f) und würde nicht reflektieren. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn (B) der anderen Person uneingeschränkt vertraut. Es wäre kaum das, was ein moralischer Experte als gelungene moralische Vermittlung betrachten würde, es wäre kein moralischer Gewinn, da (B) weder die Situation erfasst, noch die Handlung zu ihr einsehen kann und demnach kein moralisches Verständnis hat. Würde (B) allerdings die Gründe erfahren, warum es moralisch falsch ist Plastik zu nutzen, und würde er sich damit beschäftigen, so könnte (B) 'moral understanding' erlangen. Die erfolgreiche Durchführung der Arbeit von den moralischen Experten verlangt, daß moralisches Verständnis bei denen, die das moralische Wissen erwerben, sich herausbildet. Da jedoch für jenes moralische Verständnis die Vermittlung von moralischem Wissen allein nicht ausreichend ist, sondern auch die kritische und reflektierende Fähigkeit des Einzelnen gefragt ist, die nicht immer gegeben sein muß, ist die Tätigkeit des moralischen Experten an Bedingungen des Vertrauens gebunden, die Wechselwirkungen unterliegen. Es sollte daher keine moralischen Experten geben, weil die Wechselwirkungen des Vertrauens des Einzelnen zu ihnen, nicht ihrer Lenkung unterliegt und sie durch ein nur hypothetisches moralisches Verständnis, ihrer Funktion als Moralexperten nicht uneingeschränkt nachkommen würden.

Es wäre beängstigend, wenn es sogenannte 'moralische Experten' geben würde, weil es sein könnte, daß der individuelle Mensch dann nach einer Zeit als solcher nicht mehr erkennbar wäre. Seine Integrität wäre nicht länger vorhanden. Dies ist deshalb so, weil moralische Experten wie alle Menschen in der Öffentlichkeit die Gesellschaft verändern und dementsprechend ihre Macht mißbrauchen können. Ein moralischer Experte könnte einem Internat raten, sich Schuluniformen zuzulegen. Er würde vielleicht erklären, daß mehrere ethische Gründe dafür sprechen würden, daß eine einheitliche Kleidung insgesamt vorteilhafter und moralischer angemeßener wäre. Nun gibt es Vor- und Nachteile bei einer Schuluniform, wie etwa die gesenkten Kosten, das möglicherweise aber nicht ausgeschloßene eingestellte Mobbing. Dennoch ist das Grundproblem, daß ein solcher Rat, der das verschiedene Äußere ununterscheidbar schaffen will, fanatisch ist und daher muß so ein moralischer Experte fanatisch sein. Es sollte keine moralischen Experten geben, die dazu tendieren fanatisch zu sein, da Moral das genaue Gegenteil von fanatisch darstellen will und soll, also das was ganz frei von fanatischen Ansätzen und radikalen Änderungen ist. Da es jedoch keine keine eindeutige Unterscheidung dafür gibt, ob ein moralischer Experte fanatisch in seinen ethischen Ansätzen ist oder nicht, muß zur absoluten Sicherheit gewährleistet sein, daß die Souveränität und Gefahrlosigkeit in einer Gesellschaft bestehen bleibt und es damit keine moralischen Experten geben darf.

Dadurch, daß es moralische Experten gebe, wird durch ihr moralisches Zeugnis, auch moralischer Druck auf die Gesellschaft ausgeübt, selbst wenn dies nicht beabsichtigt ist. Es kann nicht nur zeitlich, sondern auch psychisch belastend sein, sich in jeder Situation zu fragen, was die moralisch richtige Handlung wäre. Dies kann sogar soweit gehen, daß Menschen Angst haben Entscheidungen zu treffen. Wenn ein Mensch (Z) feststellen würde, während er der Information eines moralischen Experten der Umwelt Beachtung schenkt, daß er sein ganzes bisheriges Leben der Umwelt massiv Schaden zugefügt hat, ohne sich darüber bewußt zu sein, möchte er es jetzt vielleicht umso besser machen. Dieser Mensch würde versuchen all die praktischen Tipps von dem moralischen Experten umzusetzten. Er würde beispielsweise sein Plastikverbrauch reduzieren, tierische Produkte aus seiner Nahrung streichen, auf Sonnenenergie umsteigen und sich in seiner Gemeinde aktiv für die Umwelt einsetzen. So ein Mensch würde den moralischen Druck, den der moralische Experte ins Rollen gebracht hat und unter den dieser Mensch sich selber stellt, an andere weiter geben. Auch wenn man argumentieren würde, daß jener moralischer Druck, doch positiv anzusehen ist, wenn dadurch mehr Menschen moralischer in ihren Handlungen werden würden, heißt daß nicht, das Druck und jegliche Art von Streß nicht gesundheitsgefährdend sind und moralischer Druck nicht als Indoktrinierung des individuellen Gedankenguts angesehen werden kann. Allison Hills schreibt 'Testimony' zu vertrauen sei eine rivalisierende Basis für die Überzeugungen (S. 122), das heißt 'testimony' steht in Konflikt mit den eigenen Überzeugungen. (Z) stellt fest, das das moralische Zeugnis des Umweltexperten in Konflikt steht mit seinen bisherigen Überzeugungen. Selbst wenn ihm seine bisherigen Überzeugungen gegenüber der Umwelt nicht bewußt waren, so hatte er eine Einstellung dafür, was in Ordung sei, wie er sich gegenüber der Umwelt verhalte, wie zum Beispiel viel Auto fahren. (Z) reagiert sofort und verbessert sein Verhalten zur Umwelt. Er übernimmt Verantwortung für sein Verhalten. Doch abgesehen, davon, daß er durch seine Weitergabe moralischen Druck ausübt, der Streß erzeugen und die Gesundheit beeinträchtigen kann, ist nicht jeder Mensch bereit seine bisherigen Überzeugungen über den Haufen zu werfen. So gerät 'moral testimony' mit den eigenen Überzeugungen in Konflikt, was dazu führen kann, das Menschen Angst haben davor Entscheidungen zu treffen. Wäre (Y) zum Beispiel an der Stelle von (Z), so wäre dieser vielleicht sehr verunsichert von den vielen verschiedenen Überzeugungen des Moralexperten und seinen eigenen. (Y) würde sich wahrscheinlich viele Gedanken machen und zu dem Schluß kommen, daß es sicherer wäre Entscheidungen zu umgehen. Es sollte daher keine moralische Experten geben, da diese Druck in der Gesellschaft auslösen könnten, was erheblich Folgen für die psychische, sowie pysische Gesundheit haben könnte.

Kann es moralische Experten überhaupt geben, wenn ethische Ansätze doch subjektiv sind? Es wäre schwierig, moralische Experten in Bereich der "Wissenschaft der Moral" zu identifizieren, als in anderen Bereichen (S. 96). In jeder Profession gibt es Ausbildungsmuster, Abläufe und Vorgaben. Was einen Moralexperten ausmacht, läßt sich bestensfalls vermuten. Wie sollte man sich objektiv für einen Moralexperten entscheiden, wenn dieser unter keiner genauen Profession steht? Würde beispielsweise die Bundesregierung sich einem neuen Berater in Umweltfragen zuwenden, würde sie das Risiko eingehen, bloß mit subjektiven ethischen Projekten konfrontiert zu sein, die nicht unbedingt das Wohl der Umwelt darstellen müßen, da es die gesonderte ethische Ansicht eines sogenannten 'Moralexperten' ist. Selbst wenn dieser hochrrangig qualifiziert ist, so bleibt seine ethische Ansicht doch immer subjektiv und kann daher nicht einfach auf ein kollektives Wohl umgedeutet werden. Es ist möglich die Meinung zu vertreten, daß es keine moralischen Experten geben sollte, da das Risiko der Konsequenz nicht tragbar wäre. Im weitern Verlauf dieses Textes wird ich dieses Argument abgemildert.

Ein weiterer Grund, warum es keine moralischen Experten geben sollte, ist der, daß diese sich irren könnten oder moralisches Wissen nicht vertrauenswürdig vermitteln können (S. 96). Wenn sogenannte 'moralische Experten' sich irren oder nicht vertrauenswürdig ihr Wissen mitteilen können, wären sie nicht qualifiziert und berechtigt ein moralischer Experte zu sein. Denn auch wenn nicht eindeutig ist, was ihn ausmacht, obwohl darauf im mittleren Teil eingegangen wird, so ist doch offensichtlich, daß ein moralischer Experte sich auf seinem Gebiet der Moral auszukennen hat, daß er sich langfristig also nicht irren darf, sowie, daß er mit seinem Wissen Vertrauen erweckt. Er muß deshalb vertrauenswürdig sein, weil sonst seine Funktion als moralischer Experte kein Sinn machen würde, daß heißt, das Menschen ihm und seiner Arbeit in gewisser Weise Achtung und Respekt zollen.

Würde ein moralischer Experte, der Ärtze auf dem Terrain der medizinischen Ethik lehren würde, sich langfristig irren, so könnte dies, wenn es nicht rechtzeitig aufgedeckt wird, dazu führen, daß jene Ärzte die Autonomie ihrer Patienten verletzen oder ihnen schaden. Um solche Folgen grundsätzlich zu vermeiden, würde ein Skeptiker moralische Experten von Grund auf mißbilligen.

Moralische Experten kann und sollte es nicht geben, weil es keinen Grund gebe ihren 'moral testimony' zu vertrauen (Bernard Williams, S. 96 und 97). Dies kann nur in sofern stimmen, als das es keine wissenschaftlichen Beweise für ein moralisches 'testimony' gibt. Hätte beispielsweise der Umweltwissenschaftler Charles Keeling seine Erforschung am Treibhauseffekt (URL-Link)[2] abgebrochen und keine wissenschaftlichen Beweise dafür geliefert, wie umweltschädigend das Fliegen ist, hätten Menschen keinen Grund seiner Aussage zu trauen. Neben diesem, gibt es auch noch ein weiteres Motiv dafür, warum es keinen Grund gebe den 'moral testimony' von Moralexperten zu vertrauen, da Vertrauen Personen entgegengebracht werden könnte, deren wichtigstes Anliegen nicht die Moral ist, sondern die Macht und Geltung, die sie dadurch haben. Geht man davon aus, daß Priester und Bischöfe in geistlichen Anliegen moralische Experten sein können, so dürfte der Katholik Franz-Peter Tebartz-van Elst mit seinem exklusiven Bischofsitz in Limburg, ein Beispiel dafür gewesen sein, daß Machtmissbrauch bei moralischen Experten nicht auszuschließen ist. Geldverschleierung und Transaktionen unter falschem Vorbehalt gelten als moralisch verwerflich und stehen in keiner Beziehung zu einem Geistlichen, von dem erwartet wird, das er moralisch 'aufgeklärt' ist. Da so ein Fall nicht unberücksichtigt gelassen werden kann und daher in Zukunft von moralischen Experten solche oder ähnliche Handlungen nicht abwegig erscheinen, sollte es keine moralischen Experten geben.

Es sollte keine moralischen Experten geben, weil die Frage nach der Berechtigung solcher zu kompliziert ist. Die Rolle der moralischen Experten ist begrenzt (S. 96), sagt Allison Hills. Doch geht man von der Perspektive aus, das jeder Mensch durch seine Vernunft sein eigener moralischer Experte ist und nicht durch seine Qualifikation, trifft dies nicht zu. Nach dieser Einschätzung wäre es anmaßend moralische Experten generell aufzustellen, denn wie will man die Auswahl begründen? Man würde gegen das Gleichheitsgesetz verstoßen. Jedoch muß die Qualifikation für einen moralischen Experten aussschlaggebend sein, weil er durch sie erst beurteilt werden kann und dementsprechend eingesetzt werden kann. Alle Menschen können aufgrund ihrer Vernunft nur insofern ein moralischer Experte sein, als das sie in sich eine moralische Instanz haben, mit der sie andere moralische Ansichten auf Wahrheit prüfen können. Jeder Mensch mag zwar Vernunft besitzen, aber nicht jeder Mensch beherrscht es sie anzuwenden, noch dazu ist nicht jeder in der Lage Vernunft und Moral zusammenzudenken. Gesetzt den Fall, das es moralische Experten gebe, die Qualifikationen vorweisen können, stellt sich immer noch die Frage, ob diese Qualifikationen ausreichen um einen Menschen einen moralischen Experten zu nennen. Angenommen, der Biologe (V) ist als Verhaltensforscher damit vertraut wie sich Moral im menschlichen Miteinander ausdrückt und der als Umweltschützer arbeitende (U), der lange jahre in der Wirtschaft gelebt und sein Geld gut angelegt hat, lebt nun als Selbstanbauer und -versorger mit anderen Menschen in einer Wohngemeinschaft auf dem Land. Beide sollen gleich alt sein. Doch qualifizierter für die Position des moralischen Experten scheint (V), da dieser als Verhaltensforscher sich regelrecht mit menschlichen Motiven bezüglich ihrer Handlungen beschäftigt. (U) dagegen lebt freiwillig mit anderen Menschen in einer Wohngemeinschaft, obwohl er sich eine eigene Unterkunft leisten könnte. Für Außenstehende sieht es keinesfalls so aus, als wenn (V) der qualifiziertere von den beiden für die Repräsentation und Erfüllung eines moralischen Experten wäre, da (U) praktischen Nutzen hat auf dem Gebiet der Umwelt, des Selbstversorgers aber auch auf dem Gebiet des moralischen Miteinanders dürfte (U) gegenüber (V) nicht unqualifizierter sein. Den Vorteil den (U) gegenüber (V) vermeintlich hat, ist der, daß (U) Glaubwürdigkeit in seinem moralischen Verhalten offenbart. Diese Glaubwürdigkeit können Gegner jedoch auch in dem Beruf des (V) sehen. Zudem kann Glaubwürdikeit allein nicht einen moralischen Experten bekunden, da sie zeitlich gebunden ist, abhängig von dem persönlichen Leitlinien eines Menschen und Glaubwürdigkeit subjektiver Natur ist. Aus all diesen Gründen ist die essentielle Frage nach der Berechtigung eines moralischen Experten zu komplex, sodaß mangels Rechtfertigungsgründe es keine moralischen Experten geben sollte.

Allison Hills stellt sich die Frage, ob Moralphilosophen besser geeignet wären moralisch etwas zu Beurteilen. Moralphilosophie würde zumindestens die Hoffnung geben, daß Menschen durch sie ernsthaft moralisches Verständnis erwerben können (S. 126 und S. 127). Platon stellt die Position der Wächter in seinem Staat als die einzigen dar, von denen moralisch gelernt wären könnte (S. 124). Daß Moralphilosophen, da sie die Moral lange Jahre erforscht haben und sich mit ihr auf verschiedenster Weise beschäftigt haben, heißt jedoch nicht, daß sie deshalb eher dazu geneigt sind moralisch richtige Ansichten zu vertreten. Stellt man sich ein Gespräch zwischen zwei Menschen vor, wobei der eine ein Moralphilosoph ist und der andere nicht und beide werden in der Theorie mit einer Situation konfrontiert, wobei sie entscheiden müßen was die moralisch richtige Handlung wäre, so ist der Moralphilosoph einer der vielleicht vorschnell eine Antwort gibt, die er anhand der Beispielfälle aus seinem Arbeitsleben abgeglichen hat. Der Nicht-Moralphilosoph würde hingegen ohne etwaige Beispielfälle nachdenken und seine Antwort möglicherweise aus seinem gesunden Menschenverstand und seiner Lebenserfahrung ableiten. Es kann nicht eindeutig gesagt werden, wer von den beiden, die moralisch richtige Ansicht auf die Situation herleiten kann, denn wie konstruiert, ist nicht nur der Moralphilosoph, sondern auch der Nicht-Moralphilosoph ist der Moral, oder moralischen Reflexionen in seinem Leben gegenübergestellt. Somit können auch Moralphilosophen als solche nicht als moralische Experten gelten, da ihnen dafür die Berechtigung fehlen würde.

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kann und sollte es moralische Experten geben?
Autor
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V538834
ISBN (eBook)
9783346136060
ISBN (Buch)
9783346136077
Sprache
Deutsch
Schlagworte
experten, moral, ethik, umwelt, Philosophie
Arbeit zitieren
Sarah Dietrich (Autor), 2020, Kann und sollte es moralische Experten geben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538834

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