Wandel der Arbeitsgesellschaft durch die Tertiärisierung. Einfluss auf die Struktur der privaten Lebensformen


Bachelorarbeit, 2019

81 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe


Inhalt

1. Einleitung

2. Wandel der Arbeitsgesellschaft
2.1 Sektorenwandel
2.1.1 Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft
2.1.2 Industriegesellschaft
2.1.2.1 Fordismus
2.1.2.2 Normalarbeitsverhältnis
2.1.3 Von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft
2.1.3.1 Dienstleistungen
2.1.3.2 Postfordismus
2.1.4 Tertiärisierungsrückstand der Deutschen Demokratischen Republik
2.1.5 Begleiterscheinungen der Dienstleistungsgesellschaft
2.1.5.1 Bildungsexpansion
2.1.5.2 Wertewandel
2.1.5.3 Erhöhte Erwerbsbeteiligung der Frau
2.2 Globalisierung
2.3 Neoliberalismus
2.3.1 Entstandardisierung
2.3.2 Prekarisierung

3. Lebensformen und Familie
3.1 Familiendemographische Indikatoren und Trends
3.1.1 Geburtenentwicklung
3.1.2 Kinderlosigkeit
3.1.3 Ehe
3.1.4 Scheidung
3.2 Konflikte innerhalb von Familien
3.3 Monopolverlust der Normalfamilie
3.4 Pluralisierung der Lebensformen
3.4.1 Nichteheliche Lebensgemeinschaften
3.4.2 Living-Apart-Together und Commuter-Beziehungen
3.4.3 Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
3.4.4 Alleinerziehende
3.4.5 Alleinwohnende und Alleinlebende
3.4.6 Familien mit Migrationshintergrund
3.5 Erklärungsversuche
3.6 Relativierung der Pluralisierungsthese

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Jeder kennt sie und jeder hat seine eigenen Vorstellungen von ihr. Fast alle Menschen sind in einer aufgewachsen. Die Familie ist der Ort, an dem Menschen ihre ersten grundlegenden Erfahrungen mit der Gesellschaft machen.

Was als eine Familie oder gar als eine so genannte „normale“ Familie verstanden wird, unterliegt dem historischen sowie kulturellen Wandel. Die Familie ist eine soziale Institution, die durch die kulturellen Bedingungen der jeweiligen Gesellschaft geformt wird (Schneider 2012: 97). Häufig besteht sie aus Mutter, Vater und Kindern, die alle zusammen in einem Haushalt leben. Dieses konservative Verständnis einer Familie ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Doch vor allem im Zuge des Wandels der deutschen Gesellschaft von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft um circa 1970, entwickelten sich manche Formen des Zusammenlebens, die von diesem Verständnis abweichen. Dieser Wandel hat die Familie zweifelsohne verändert. Während einerseits die individuelle Freiheit gestiegen ist, da man heute zwischen verschiedenen Lebensformen wählen kann, entstehen andererseits auch Unsicherheiten, Ängste und Risiken, da ein Zwang zum Wählen besteht. Teilweise ist die Rede von „[...] schockierenden Entwicklungen [wie] [w]ilde[n] Ehen, Ehen ohne Trauschein […] [und] allein herumirrende[n] Elternteile[n] [...]“ (Beck 1990: 43 zitiert in Nave-Herz 2015: 13).

Diese Arbeit beschäftigt sich mit folgender Fragestellung: Wie hat sich die Arbeitsgesellschaft im Zuge der Tertiärisierung, also dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, verändert und wie wirkte sich dieser Wandel auf die Struktur der privaten Lebensformen aus?

Das zweite Kapitel dieser Arbeit behandelt die Veränderungen in der Wirtschaft seit 1950. Dabei betrachtet es den Wandel der Sektoren, die Globalisierung sowie den Neoliberalismus und bezieht Erscheinungen mit ein, die den wirtschaftlichen Wandel begleiteten.

In Kapitel 3 werden demographische Indikatoren und Trends beschrieben, die sich auf Familie und Lebensform auswirken. Anschließend werden die wichtigsten Lebensformen neben der Ehe mit Kindern aufgeführt. Der Einfluss wirtschaftlicher Veränderungen wird bei den demographischen Trends und der Beleuchtung der Lebensformen aufgedeckt.

2. Wandel der Arbeitsgesellschaft

Dieses Kapitel zeigt den Wandel der Arbeitsgesellschaft der letzten Jahrzehnte auf und gliedert diesen in die Unterkapitel 2.1 Sektorenwandel, 2.2 Globalisierung und 2.3 Neoliberalismus.

Arbeit wird nach Schäfers folgendermaßen definiert:

„[…] Arbeit [Hervorhebung im Original] nennen wir eine zielgerichtete menschliche Tätigkeit zum Zwecke der Existenzsicherung und zur Befriedigung der Bedürfnisse. Von ihrer Ausprägung […] nehmen die Formen des menschlichen Zusammenlebens, der Wohn- und Siedlungsstrukturen, ihren Ausgang [...]“ (Schäfers 2012: 179).

Arbeitsgesellschaften sind folglich moderne Gesellschaften, in denen die eigene Erwerbstätigkeit die wichtigste Quelle für den „[...] Lebensunterhalt [...], de[n] Kontakt [...] zu Mitmenschen, d[a]s Ansehen [...], d[en] Selbstrespekt [...] und d[ie] eigene [...] Identität darstellt [...]“ (Steuerwald 2016: 187). Die deutsche Gesellschaft kann seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft als Arbeitsgesellschaft bezeichnet werden. Identität und soziale Position eines Menschen werden in einer solchen Gesellschaft durch seine Stellung im Erwerbsleben bestimmt. (Steuerwald 2016: 187)

Eine moderne Arbeitsgesellschaft kennzeichnet sich durch die im Folgenden aufgezählten Merkmale. Die Arbeitsorganisation ist zweckrational gestaltet. Dies bedeutet, möglichst viel Leistung oder Output durch möglichst wenige Ressourcen oder Input zu erbringen. Dieser Output in Form von Gütern und Dienstleistungen sowie Arbeitskraft und Boden wird auf den Märkten nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage getauscht. (Heidenreich/Zirra 2012: 286)

Das zentrale Organisationsprinzip ist die Erwerbsarbeit, wonach die Arbeitskraft als „Ware“ „[...] ohne Rücksicht auf verwandtschaftliche, nachbarschaftliche, dörfliche oder feudale Bindungen gekauft und verkauft werden kann [...]“ (Heidenreich/Zirra 2012: 286).

Die aus den vormodernen Ständegesellschaften bekannten typischen persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse direkter Herrschaft werden abgelöst von den durch den Markt bestimmten Formen sozialer Ungleichheit. Vertragliche Beziehungen und hierarchische Verhältnisse in Unternehmen begründen ökonomische Abhängigkeiten. (Heidenreich/Zirra 2012: 286)

Der Arbeitsmarkt ist eine zentrale Vergesellschaftungsinstanz einer modernen Gesellschaft. Er ist zuständig für die Verteilung des Erwerbseinkommens. Anbieter von Arbeitskraft stellen ihre Arbeitsleistung in einer bestimmten Menge zur Verfügung. Der nach Arbeitskraft Nachfragende bietet dafür einen bestimmten Preis in Form einer Bezahlung, wie beispielsweise Lohn oder Gehalt. Kommt ein Arbeitsvertrag zustande, verpflichten sich beide Parteien, ihre Leistungen zu erfüllen. Über diese rein wirtschaftliche Betrachtung hinaus spielt der Arbeitsmarkt auch eine Rolle für individuelle Lebenschancen, soziale Teilhabechancen an der Gesellschaft und subjektiv wahrgenommene Lebensqualität und -zufriedenheit Einzelner. Was den Arbeitsmarkt von anderen Märkten unterscheidet, ist, dass er kulturellen und soziopolitischen Umständen unterliegt, beispielsweise begrenzter Mobilitätsbereitschaft der Arbeitskräfte oder Einschränkungen aus der Arbeitszeit- sowie Sozialgesetzgebung, welche den Markt in seiner Freiheit beschränken. (Giesecke 2013: 40)

2.1 Sektorenwandel

Nach der Drei-Sektoren-Hypothese des sozioökonomischen Wandels des französischen Ökonomen und Soziologen Jean Fourastié lässt sich die Produktionsstruktur in drei Sektoren einteilen. Demnach umfasst der primäre Sektor der Produktgewinnung die Landwirtschaft, die Forstwirtschaft und die Fischerei. Der sekundäre Sektor der Produktverarbeitung beinhaltet die Industrie und das Handwerk einschließlich des Bergbaus und des Baugewerbes, während der tertiäre Sektor sich über Dienstleistungen erstreckt, die in den verschiedensten Branchen wie Handel, Verkehr, Logistik, Kommunikation, Bildung, Verwaltung, Gesundheitswesen oder vielen weiteren vorkommen können. (Geißler 2014 a: 185 f.)

Mit der Drei-Sektoren-Hypothese nach Fourastié werden grundlegende langfristige Veränderungen in der Wirtschaft beschrieben. Es wird davon ausgegangen, dass die Hauptleistung in jeder Wirtschaft zunächst im primären Sektor stattfindet und dann auf den sekundären Sektor wechselt. Daraufhin verlagert sich der Schwerpunkt der Wirtschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt auf den tertiären Sektor. Kurz gesagt, verwandeln sich Agrargesellschaften zu Industriegesellschaften, welche sich wiederum zu Dienstleistungsgesellschaften entwickeln. Die Drei-Sektoren-Hypothese bezieht sich auf den ökonomischen Bereich und fokussiert die Zusammenhänge und Interdependenzen zwischen technischem Fortschritt, Produktivitätssteigerung, Verlagerung der Arbeitskräfte und Verschiebung privater Nachfrage. Die enormen Produktivitätsfortschritte in der Agrarproduktion und Güterherstellung setzen Arbeitskräfte frei, die so dem Dienstleistungssektor zur Verfügung stehen können. Der tertiäre Sektor dient hier als Sammelbecken für freigewordene Arbeitskräfte, da die Produktivitätssteigerung in diesem dritten Sektor nicht in dem gleichen starken Ausmaß der anderen beiden Sektoren durch Technik oder Maschinen wachsen kann. Aufgrund der fehlenden Möglichkeit, beispielsweise Lehrkräfte oder Pflegekräfte maschinell zu automatisieren, unterliegt der Dienstleistungssektor bestimmten Beschränkungen. (Geißler 2014 a: 190 f.)

Der Sektorenwandel entspricht einer wirtschaftlichen Schwerpunktverlagerung, wodurch einige Veränderungen in der Sozialstruktur, dem Schichtgefüge sowie den Lebens- und Arbeitsbedingungen entstehen. Der Begriff Sozialstruktur umfasst

„[...] die Wirkungszusammenhänge in einer mehrdimensionalen Gliederung der Gesamtgesellschaft in unterschiedlichen Gruppen nach wichtigen sozial relevanten Merkmalen sowie in den relativ dauerhaften sozialen Beziehungen dieser Gruppen untereinander [Hervorhebung im Original]. Mit sozial relevanten Merkmalen sind Wirkfaktoren wie […] Beruf, Qualifikation, Geschlecht oder ethnische Herkunft gemeint, die das soziale Handeln dieser Gruppen sowie deren Position in gesellschaftlichen Teilbereichen […] beeinflussen [...]“ (Geißler 2014 a: 3).

Ein Strukturwandel der Wirtschaft wird in der Regel am Anteil der jeweiligen Sektoren an der Wertschöpfung sowie der Anzahl der Beschäftigten in den drei Sektoren angezeigt (Geißler 2014 a: 185 f.).

Die folgenden Unterkapitel skizzieren den eben beschriebenen Sektorenwandel, der sich auch in Deutschland so vollzogen hat. Der erste sektorale Wandel fand gegen Ende des 19. Jahrhunderts statt, indem sich die Agrargesellschaft zunächst zu einer Industriegesellschaft entwickelte.

2.1.1 Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft

Ausgangspunkt des Sektorenwandels ist die Agrargesellschaft. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich in Deutschland im wirtschaftlichen Bereich der Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft wie auf Abbildung 1 zu erkennen ist. Zu dieser Zeit „überholte“ der Industriesektor den Agrarsektor in den Bereichen Höhe der Wertschöpfung und Anzahl an Erwerbstätigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wertschöpfung nach Wirtschaftssektoren 1850 - 2011 (Deutsches Reich und Bundesrepublik) (Geißler 2014 a: 10)

Abbildung 1 zeigt die Wertschöpfung der Bundesrepublik beziehungsweise des Deutschen Reiches von 1850 bis 2011 aufgeteilt auf die drei Wirtschaftssektoren. Bis circa 1885 war die Wertschöpfung im primären Sektor am höchsten, bis sie von der des zu dieser Zeit wachsenden sekundären Sektors „überboten“ wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren 1800 - 2011 (Deutsches Reich und Bundesrepublik) 1 (Geißler 2014 a: 11)

Ein ähnliches Muster zeichnet sich in Abbildung 2 ab. Hier sieht man die Anzahl der in den jeweiligen Sektoren arbeitenden Erwerbstätigen von 1800 bis 2011. Auch diese Zahl war von circa 1800 bis circa 1885 im primären Sektor am höchsten, bis sie vom sekundären Sektor „überholt“ wurde. Als Erwerbstätige zählen alle in einem versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis beschäftigten Personen. (Geißler 2014 a: 185 f.)

Die beiden Abbildungen 1 und 2 zeigen auch, wie der bis circa 1885 dominante primäre Sektor bis heute konstant an wirtschaftlicher Bedeutung verloren hat.

Auf der ökonomischen Seite war die treibende Kraft für die so genannte „industrielle Revolution“ beziehungsweise die Industrialisierung - und damit für den Übergang zur Industriegesellschaft - die technische Revolution. Neue Formen der Energienutzung kamen auf und damit neue Maschinen mit im Vergleich zu vorher sehr hoher Produktivität und Dynamik. Beispielsweise hat James Watt 1769 mit der Erfindung der Dampfmaschine, welche erstmals die Umsetzung von chemischer Energie der Kohle in mechanische Energie ermöglichte, eine grundlegende Basis für hohe Produktivitätssteigerungen und weitere technische Entwicklungen in der Eisen- und Stahlindustrie sowie bei den Spinn- und Webmaschinen und dem Transport- und Verkehrswesen geschaffen. (Geißler 2014 a: 6 ff.)

Durch die Industrialisierung fand eine Umschichtung der Sozialstruktur im 19. Jahrhundert statt. Die bis dahin vorherrschende Ständegesellschaft wurde zu einer Klassengesellschaft. Als Stände werden „[...] relativ scharf umrissene, durch Tradition, Sitte und Recht festgelegte soziale Gruppierungen [...]“ (Geißler 2014 a: 12) bezeichnet. Die Standeszugehörigkeit wird durch die Geburt erworben und ist mit bestimmten Verpflichtungen, Privilegien oder Benachteiligungen verknüpft. Vom Stand hängt das Ansehen ab, da er zu bestimmten Berufen und Lebensstilen verpflichtet. Die Stände der deutschen Gesellschaft im 18. Jahrhundert entsprechen den allgemeinen Strukturen des europäischen Feudalismus und gliedern sich auf in den Adel, Geistlichkeit, Bürger und Bauern. Noch unter den Bauern stehen die sozial schlechter gestellten „unterbürgerlichen“ Schichten. Diese ständische Ordnung wich mit dem Wandel zur Industriegesellschaft einer Klassengesellschaft, womit die soziale Ungleichheit ihre Form änderte. Durch die Verstädterung und dadurch, dass sich die kapitalistische Produktionsweise in der Industrie und auf dem Land durchsetzte, verlor die Unterscheidung zwischen städtisch-bürgerlicher und ländlich-bäuerlicher Bevölkerung an Bedeutung. Räumliche und soziale Bindungen wurden abgebaut, während die Menschen gleichzeitig stärker den Geschehnissen des Wirtschaftslebens und des Marktes ausgesetzt waren. Dies schuf die Grundlage für die Entstehung von Klassen. In der oberen Gesellschaftsschicht fand sich nun das kapitalbesitzende Großbürgertum, in der mittleren das akademische Bildungsbürgertum und das wohlhabende Besitzbürgertum. Neben dem alten Mittelstand entstand durch den Aufschwung und der erhöhten Staatstätigkeit von Handel und Verkehr ein neuer Mittelstand von Angestellten und Beamten. Die alten Mittelstände der Handwerker, Händler und Bauern gerieten in ökonomische Not und wurden teilweise proletarisiert. In der in sich zersplitterten Unterschicht, welche den Großteil der Bevölkerung ausmachte, war die in sich ebenso differenzierte Industriearbeiterschaft die dominierende Klasse. (Geißler 2014 a: 12 f.)

Die Zugehörigkeit zu einer Klasse und die Stellung einer Klasse in der Sozialstruktur sind von ökonomischen Faktoren wie der Stellung im Produktionsprozess, Besitz und Einkommen abhängig. Diese ökonomisch bestimmte Klassenlage ist maßgeblich für die weiteren Lebenschancen der Menschen. (Geißler 2014 a: 5 ff.)

Die Familienstruktur änderte sich auch mit dem Übergang von Agrar- zur Industriegesellschaft. Sie bildete während der Zeit der Agrargesellschaft „[...] nicht nur eine soziale Einheit, sondern auch eine rechtliche, politische und insbesondere wirtschaftliche Einheit, die primär für die Selbstversorgung produzierte [...]“ (Geißler 2014 a: 22). Viele vorindustrielle Familien waren familienwirtschaftliche Produktionsstätten, deren Hausgemeinschaft die Basis der Arbeitsorganisation bildete. Teil dieser Hausgemeinschaften waren auch nicht-verwandte Angehörige wie Knechte, Mägde, Gesellen oder Dienstmädchen, weshalb es passender ist, statt der Bezeichnung „Familie“ den Begriff „ganzes Haus“ zu verwenden. (Geißler 2014 a: 24)

Unter anderem durch die Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz setzte sich in der modernen Industriegesellschaft die Zwei-Generationen-Kernfamilie beziehungsweise Kleinfamilie durch, in der Männer erwerbstätig waren und Frauen ihre Zuständigkeit im Haushalt fanden (Steuerwald 2016: 347). Widergespiegelt wird die Durchsetzung der Kleinfamilie im Zuge der Etablierung der industriellen Produktionsweise auch dadurch, dass die haushaltsbezogenen Dienstleistungen bis 1925 stark abnahmen, während die gewerbeorientierten und staatlichen Dienstleistungen stark expandierten (Jacobsen 2013: 189).

2.1.2. Industriegesellschaft

Weiterhin zeigt Abbildung 1 die Dominanz des sekundären Industriesektors in der Wertschöpfung von circa 1885 bis circa 1970 gegenüber dem primären Agrarsektor und dem tertiären Dienstleistungssektor in der deutschen Gesellschaft.

Die deutsche Arbeitsgesellschaft konnte bis in die 1960er Jahre hinein als Industriegesellschaft bezeichnet werden. Ihr Hauptmerkmal ist die industrielle Organisationsform der Produktion, worunter eine

„[...] arbeitsteilige, hierarchisch organisierte, technisch unterstützte Fertigung größerer Stückzahlen von Sachgütern durch räumlich konzentrierte, lohnabhängige Beschäftigte […] [in einem] mechanisierten, rational organisierten Großbetrieb [, meist eine Fabrik,] [...]“ (Heidenreich/Zirra 2012: 287)

zu verstehen ist. Weitere grundlegende Kennzeichen sind „[...] die Verwissenschaftlichung der industriellen Produktion, [...] die Durchsetzung einer industriellen Arbeitsdisziplin, [...] eine historisch beispiellose Erhöhung des Lebensstandards, [...] Landflucht und Verstädterung [sowie] die Polarisierung zwischen den Interessen von »Kapital« und »Arbeit« [...]“ (Heidenreich/Zirra 2012: 287).

Geißler unterscheidet folgende fünf Merkmale, die kennzeichnend für die Industrieproduktion sind:

„1. Die Technik wird systematisch zur Gütererzeugung eingesetzt: Maschinen und Maschinensysteme [Hervorhebung im Original] ersetzen die Produktion mit der Hand und mit einfachen Handwerkszeugen.
2. Wissenschaftliche Forschung und Produktion verzahnen sich. [Hervorhebung im Original] In fortgeschrittenen Branchen breitet sich z[um] B[eispiel] die wissenschaftliche Erfassung und Gliederung von Arbeitsabläufen nach den Prinzipien des auf Frederick Winslow Taylor [Hervorhebung im Original] […] zurückgehenden Taylorismus [Hervorhebung im Original] aus.
3. Die maschinelle Produktionsweise und ihre Rationalisierung steigern einerseits die Produktivität und ermöglichen Groß- und Massenproduktion [Hervorhebung im Original]. Andererseits begründen sie qualitativ neue, hochgradig artifizielle Muster von Arbeits- und Zeitdisziplin [Hervorhebung im Original].
4. Produziert wird nicht in kleinen Gruppen wie in der Familie oder in Kleinstbetrieben, sondern in Großgruppen b[eziehungsweise] Großbetrieben (Fabriken) [Hervorhebung im Original].
5. Dadurch wird ein höherer Grad an Arbeitsteilung [Hervorhebung im Original] möglich [...]“ (Geißler 2014 a: 6 f.).

Ein bekanntes Konzept der industriellen Massenproduktion der Anfänge des 20. Jahrhunderts ist der Taylorismus. Diese so genannte tayloristische Organisation der Arbeit wurde vom amerikanischen Ingenieur Frederick Winslow Taylor entwickelt. Ihr liegt ein Dualismus zwischen Arbeit mit der Hand und Arbeit mit dem Kopf zu Grunde. Planende und steuernde Tätigkeiten sind strikt voneinander getrennt. (Heidenreich/Zirra 2012: 291)

So sollen die Arbeiter von jeder geistigen Arbeit befreit werden. Das Interesse des Arbeiters an der Arbeit selbst wird im Taylorismus nur durch den Lohn gesteuert. Die Planung des Arbeitsprozesses erfolgt ausschließlich durch das Management. (Mikl-Horke 2000: 71)

Durch wissenschaftliche Betriebsführung wird der Arbeitsprozess von den Fertigkeiten des Arbeiters abgelöst. Das Wissen um die beste Arbeitsdurchführung konzentriert sich beim Management, indem der Arbeitsprozess von allen handwerklichen Fähigkeiten, Traditionen und Kenntnissen der Arbeiter unabhängig gemacht wird. Die Arbeiter selbst werden nur in ihrer vorgesehenen Tätigkeit angelernt und kontrolliert. (Mikl-Horke 2000: 70 f.)

Kennzeichnend sind die kleinteilige Zerlegung von Arbeitsabläufen, eine Formalisierung von Arbeitsaufgaben und Bewertungsverfahren und monotone, durch Maschinen und technische Anlagen vorgegebene Arbeitsabläufe unter Zeitdruck. Ein Beispiel für diese Organisationsform der Arbeit war die Massenproduktion von Automobilen. (Heidenreich/Zirra 2012: 291)

Die Betriebe werden nach dem unternehmerischen Rationalitätsprinzip „mehr Output für weniger Input“ geführt, während zeitgleich Bürokratisierung durch die Verwissenschaftlichung der kaufmännischen und verwaltenden Tätigkeiten stattfindet (Geißler 2014 a: 7 f.).

Ein typisches Merkmal für den Taylorismus ist also die industrielle Produktionsweise, die Präzision und Effizienz in der Güterproduktion durch systematische Anwendung von technischem Wissen. Die Bezeichnung Industriegesellschaft beschreibt demnach technologische Veränderungen in der Produktionsweise, die den Kern des sozialen Wandels ausmachen, da der technisch-ökonomische Wandel auch andere Bereiche der Gesellschaft beeinflusst und somit soziale, kulturelle und politische Veränderungen nach sich zieht. Sozialer Wandel meint „[...] alle nachhaltigen Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen [...]“ (Bundeszentrale für politische Bildung/Hradil 2017: 497). Diese Veränderungen werden mit dem Begriff „industrielle Revolution“ beschrieben, welche im 19. Jahrhundert stattfand. Der Begriff der industriellen Revolution beschreibt die besondere Geschwindigkeit und Radikalität der politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen, die mit dem Auftreten der industriellen Produktionsweise gekoppelt stattfanden. Eine dieser schwerwiegenden Veränderungen war beispielsweise die Entstehung der Klassengesellschaft ausgehend von der Ständegesellschaft (Geißler 2014 a: 5 ff.).

Als Industrialisierung ist also der „[...] Übergang zur maschinen-orientierten Produktion von Massengütern in arbeitsteiligen Großbetrieben mit einer wachsenden Gruppe von Büroangestellten unter Anwendung des unternehmerischen Rationalitätsprinzips […]“ (Geißler 2014 a: 7) zu verstehen.

Weitere grundlegende Merkmale der Industriegesellschaft sind die Massenbildung für alle mit formaler Chancengleichheit und eine immer mehr an den Bildungsgrad gekoppelte soziale Stellung. Die Stellung im Ungleichheitsgefüge der entstandenen Schichten wird erst durch Besitz, dann durch Beruf geprägt. Lokale oder religiöse Kulturen werden größtenteils durch Arbeits-, Klassen- und Schichtkulturen abgelöst. (Steuerwald 2016: 26)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Erwerbsbevölkerung nach ihrer Stellung im Beruf 1882 - 2011 (Geißler 2014 a: 190)

Der Sektorenwandel spiegelt sich ebenso in der Berufsstatistik wider. Unter Beruf wird „[...] eine spezifische Kombination von Kenntnissen und Fertigkeiten zur Erbringung von Leistungen im Wirtschaftssystem [verstanden] […]. Sozialstrukturell sind Berufe gesellschaftlich erwünschte Qualifizierungen und betrieblich organisierte Formen von Arbeit [...]“ (Schäfers 2012: 186).

1907 betrug der Anteil an Arbeitern unter den Erwerbstätigen noch 53 %. Hierbei handelte es sich größtenteils um unqualifizierte Proletarier. Die Gruppe der Arbeiter schrumpft seit 1950. Bis in die 1970er Jahren war sie dennoch dominant, als sie hier von der rasch anwachsenden Gruppe der Angestellten und Beamten überholt wurde.

Wenn man über die Industriegesellschaft spricht, ist es unabdingbar, auch den Fordismus und das Normalarbeitsverhältnis zu erwähnen, welche in den nächsten beiden Unterkapiteln beleuchtet werden.

2.1.2.1 Fordismus

Der Fordismus, benannt nach dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford, setzte erstmals in den 1920er Jahren ein und ist bekannt als ein grundlegendes Kennzeichen der Industriegesellschaft. Er lässt sich durch die vier Merkmale „standardisierte Massenproduktion“, „Steigerung der Massenkaufkraft“, „Aufbau des Sozialstaates“ und „steigende Ansprüche an die individuelle Lebensführung“ beschreiben, welche nachfolgend erläutert werden. (Schimank 2012: 22 ff.)

Die standardisierte Massenproduktion stellt den Höhepunkt der Industriegesellschaft dar. Für diese Form der Güterproduktion ist lediglich ein mittleres Qualifikationsniveau der meisten Beschäftigten ohne großen Weiterbildungsbedarf erforderlich. Die wichtigsten Eigenschaften, die der Arbeiter mitbringen muss, sind Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft und ein „[...] Sich-fügen in eine monotone Tätigkeit, die sich häufig auf ganz wenige immer gleiche Handgriffe beschränkt [...]“ (Schimank 2012: 23). Durch die standardisierte Massenproduktion und die dadurch gewonnenen Kostenvorteile wurden viele Güter deutlich erschwinglicher. (Schimank 2012: 22 ff.)

Die standardisierte Massenproduktion zog eine Steigerung der Massenkaufkraft nach sich, was als zweites Merkmal des Fordismus gilt. Henry Fords Motto, jeder Arbeiter solle sich auch selbst das leisten können, was er in der Fabrik produziert, lässt sich als große Einstellungsänderung bezeichnen, wurden doch gerade die Unternehmen des 19. Jahrhunderts von Karl Marx und anderen Kapitalismuskritikern als Ausbeuter bezeichnet. Diese Einstellungsänderung ging aus der Annahme der Unternehmen hervor, dass diese auf die Kaufkraft der Massen angewiesen seien, denn wer sonst solle die in Massen hergestellten Güter kaufen. (Schimank 2012: 22 ff.)

Das dritte Merkmal ist der Aufbau des Sozialstaates, welcher Ende des 19. Jahrhunderts stattfand (Schimank 2012: 22 ff.). Der Sozialstaat hat

„[…] den Verfassungsauftrag, für einen sozialen Ausgleich in dem Maße zu sorgen, dass sich aus der ungleichen Verteilung von Einkommen, Vermögen und sonstigen Ressourcen keine gravierenden sozialen Konflikte […] [oder] Ausgrenzungen von bestimmten Sozialgruppen ergeben […]“ (Schäfers 2012: 214).

Es wurden Versicherungssysteme eingeführt, die Schicksalsschläge Einzelner, wie Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit, abfederten. Ausgleichende Wirtschaftspolitik sollte gesamtwirtschaftlichen Krisen entgegenwirken. Demnach nahm der Staat in Krisenzeiten Schulden zur Sicherung der Beschäftigung auf, um diese während des nächsten wirtschaftlichen Booms wieder auszugleichen. (Schimank 2012: 22 ff.)

Diese Wirtschaftspolitik ist dem Keynesianismus zuzuordnen. Der Staat übernahm hier die Aufgabe, zu geringe private Nachfrage durch staatliche Nachfrage in Form von Erhöhung seiner Ausgaben auszugleichen. (Kirchner/Pollert/Pollert 2016: 108)

Das vierte Merkmal des Fordismus sind die steigenden Ansprüche an die individuelle Lebensführung. Die standardgemäße Lebensführung, die mit dem Fordismus verknüpft war, bestand aus einer Kleinfamilie mit einem männlichen Alleinverdiener. Der Alleinverdiener blieb lebenslang im selben Betrieb und hatte nur geringe Aufstiegschancen. Ziel der Arbeiter war es vor allem, ein eigenes Haus in den sich ausdehnenden Vorstädten zu besitzen. Auch der Jahresurlaub war ab den 1950er Jahren ein von vielen angestrebtes Ziel. Ab den 1960er Jahren wurde zunehmend der Wunsch verfolgt, den eigenen Kindern durch Bildungsanstrengungen und dem sich daraus ergebenden beruflichen Erfolg ein besseres Leben zu ermöglichen. Diese Entwicklung war mitverantwortlich für einen gesellschaftlichen Individualisierungsschub, der „[...] im Grunde bereits das Stabilitätsmuster, das den »Fordismus« ausgezeichnet hatte [, sprengte] [...]“ (Schimank 2012: 24), war aber nicht der alleinige Grund für das Schwinden des Fordismus ab Mitte der 1970er Jahre. (Schimank 2012: 22 ff.)

2.1.2.2 Normalarbeitsverhältnis

Ein weiteres Merkmal, das stark prägend für die Lebensbedingungen im Fordismus war, ist das Normalarbeitsverhältnis des Mannes. Die Frau fand ihre Rolle in der häuslichen Sphäre. Als Normalarbeitsverhältnis gilt ein Arbeitsverhältnis mit einem Arbeitsvertrag über unbefristete Beschäftigung in Vollzeit und einem für den Lebensunterhalt ausreichenden Einkommen. Der erwerbstätige Arbeiter ist in der Industriegesellschaft typischerweise männlich, sein gesamtes Arbeitsleben in einem hoch arbeitsteiligen Großunternehmen tätig und arbeitet üblicherweise in einer Ganztagstätigkeit mit festen Arbeitszeiten von acht Stunden. Oft signalisiert eine Sirene in der Fabrik Beginn und Ende des Arbeitstages. Die Tätigkeiten und Arbeitsbedingungen sind zwar von Beruf zu Beruf unterschiedlich, innerhalb der Berufe aber ähnlich und monoton. Durch den zu dieser Zeit starken Sozialstaat befand sich der Normalarbeiter in einer sozial und ökonomisch abgesicherten Situation. (Steuerwald 2016: 189 ff.)

In Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis sind atypische Beschäftigungsverhältnisse zu nennen, die befristete Tätigkeiten, Teilzeitarbeit, Leiharbeit, Zeitarbeit, Solo-Selbstständigkeit, Minijobs oder geringfügige Beschäftigung umfassen. Diese atypischen Beschäftigungsverhältnisse gehen oft mit einem erhöhten Armutsrisiko durch Zugehörigkeit zum Niedriglohnsektor einher und gelten somit auch oft als prekäre Beschäftigungsverhältnisse (Bundeszentrale für Politische Bildung 2017: 492).

Das männliche Familienernährermodell etablierte sich mit der so genannten „[...] fordistische[n] Trias [...]“ (Motakef 2015: 12), bestehend aus Wohlfahrtstaat, Normalarbeit und Normalfamilie. Unter Normalfamilie versteht man eine auf der Ehe gegründete Gemeinschaft von leiblichen heterosexuellen Eltern mit ihren Kindern. Diese Trias gilt als Kernmerkmal des Fordismus und der Industriegesellschaft. (Motakef 2015: 12)

Weiterhin fand mit der Institutionalisierung der Normalfamilie eine Festlegung und Standardisierung von individuellen Lebensläufen statt, welche klar an den Geschlechterrollen und Arbeitsverhältnissen orientiert war. Dies bezieht sich vorrangig auf die Trennung zwischen der männlichen öffentlichen Arbeitssphäre und der weiblichen häuslichen Sphäre. Der typische männliche Lebenslauf bestand aus den drei Bereichen Schulbildung und Lehre, Erwerbstätigkeit im Normalarbeitsverhältnis mit der Versorgung einer Familie sowie Ruhestand und Rente. Die Frau schied nach Heirat und Geburt der Kinder aus dem Erwerbsleben aus und widmete sich der Kinderbetreuung und dem Haushalt. (Wirsching 2008: 72)

Mit dem Auftreten der Industriegesellschaft wurde der Beruf zum wichtigsten sozialen Statusmerkmal und „[...] zur Basis für den sozialen Rang eines Individuums in der sozialen Schichtung einer Gesellschaft [...]“ (Schäfers 2012: 186) für den Mann, während die Frau die Erfüllung ihrer Rolle im Haushalt und in der Kindererziehung fand.

2.1.3 Von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft

Den zweiten sektoralen Wandel erlebte die deutsche Gesellschaft circa um 1970. Hier entwickelte sich die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft.

Ab diesem Zeitpunkt ging die Dominanz des sekundären Sektors verloren, da der tertiäre Sektor erstmals den höchsten Anteil an der Wertschöpfung aufwies, was auf Abbildung 1 erkennbar ist. 2011 betrug der Anteil des tertiären Sektors an der

Wertschöpfung 69 %, der Anteil des sekundären Sektors nur noch 30 % und der Anteil des primären Sektors daran lediglich ein Prozent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Erwerbstätige nach Wirtschaftsbereichen in Prozent in 2015 (Crößmann/Günther 2018: 153)

Abbildung 4 zeigt, dass im Jahre 2015 der Dienstleistungssektor in seinen Bereichen Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation, Finanzierung, Immobilien, Unternehmensdienstleister, öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit und sonstige Dienstleister in Deutschland mit 33 Millionen von 42,6 Millionen Erwerbstätigen, also 73,9 % aller Beschäftigten, nach wie vor der größte Wirtschaftssektor war, während der sekundäre Sektor lediglich 10,7 Millionen, also 24,6 %, und der primäre Sektor nur 1,5 % aller Erwerbstätigen beschäftigte. Die Zahl der im Dienstleistungssektor Tätigen stieg seit 2007 um 3,5 Millionen an. (Statistisches Bundesamt 2018: 153 f.)

Der Dienstleistungssektor wird nach Fourastié dadurch bestimmt, dass die Arbeitstätigkeiten, die dort geleistet werden, nur schwer technisch-organisatorisch gesteigert werden können. Demnach wird die Tertiärisierung nicht nur durch die komplexer werdende materielle Produktion, die mehr organisatorische Dienstleistungen erfordert, entwickelt, sondern

„[...] es sind bei Fourastié vor allem die sich mit zunehmendem Wohlstand steigernden Impulse aus der Bedarfsartikulation der privaten Konsumenten […], die zu prinzipiell unendlichem Wachstum der Dienstleistungen führen und damit einen zivilisatorischen Fortschritt ermöglichen [...]“ (Jacobsen 2013: 187).

Der sektorale Wandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft ist erneut mit grundlegenden Veränderungen im Schichtgefüge sowie den Lebens- und Arbeitsbedingungen verbunden. Fourastié steht diesen optimistisch gegenüber und zählt dazu „[...] steigende[n] Wohlstand und soziale Sicherheit, Aufblühen von Bildung, Kultur, höheres Qualifikationsniveau, Humanisierung der Arbeit, Vermeidung von Arbeitslosigkeit [...]“ (Geißler 2014 a: 185 f.), welche jedoch nur in Teilen in Erfüllung gingen. Besonders der Punkt der sozialen Sicherheit ist kritisch zu betrachten. (Geißler 2014 a: 185 f.)

Die Gruppe der Angestellten und Beamten sind als typische Dienstleister zu betrachten und haben sich durch die Tertiärisierung als neue Sozialfigur herausgestellt. 1907 betrug ihr Anteil an den Erwerbstätigen 13 %. Durch tayloristische Arbeitsorganisation, welche eine Verwissenschaftlichung und Planung von Produktion nötig machte, sowie dem Wachstum von Banken, Versicherungen und staatlicher Verwaltung, konnte diese Zahl schnell wachsen. Seit 1950 stieg sie ununterbrochen an und betrug 2011 63 %. Zwischen 1961 und 2011 fand eine zahlenmäßige Verdopplung statt. Das geschah klar zu Lasten der Arbeitergruppe, die im selben Zeitraum fast halbiert wurde. Die enorme Expansion der Angestellten und Beamten ist ein zentrales Merkmal für den Wandel der Sozialstruktur auf dem Weg zur Dienstleistungsgesellschaft, genauso wie es die hohe Zahl der Industriearbeiter für die Industriegesellschaft war. (Geißler 2014 a: 191 ff.)

2011 betrug der Anteil der Arbeiter an den Erwerbstätigen noch 26 %. Im Vergleich zu 1907 haben sie heute mehr Freizeit, Zugang zu Luxusartikeln, soziale Absicherung und einen besseren Lebensstandard. (Geißler 2014 a: 215 ff.)

Der Anteil der Selbstständigen stieg von 1990 bis 2011 um zwei Prozentpunkte und betrug elf Prozent. Zu beachten ist, dass es sich bei diesem Zuwachs vor allem um so genannte Solo-Selbstständige handelt, die in großen Teilen unter risikobehafteten prekären Bedingungen arbeiten, und nicht um erfolgreiche Freiberufler. (Geißler 2014 a: 189 f.)

Die Gruppe der mithelfenden Familienangehörigen ist definiert als Berufsgruppe, die ohne Bezahlung und somit ohne Pflichtbeiträge zu gesetzlichen Versicherungen in einem von einem Familienmitglied geleiteten Betrieb arbeitet. Durch die Abnahme der Anzahl der Betriebe, die so eine Form der Mitarbeit praktizierten, ist diese Gruppe zu vernachlässigen. (Geißler 2014 a: 189 f./Schäfers 2012: 187 ff.)

In einer Dienstleistungsgesellschaft sind mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen im tertiären Wirtschaftssektor beschäftigt. Arbeits- und Lebensbedingungen sowie das Wertesystem sind nicht mehr von der industriellen Fertigung, sondern vom Dienstleistungssektor bestimmt. Hinsichtlich der Bildung weist die Dienstleistungsgesellschaft im Rahmen der Bildungsexpansion weiterführende Bildung für die Masse, eine organisatorische Ausdifferenzierung des Bildungssystems und mehr faktische Chancengleichheit auf. Auf dem Arbeitsmarkt ist eine höhere Qualifizierung der Erwerbstätigen gefordert, da nun der Großteil der Arbeitnehmer nicht mehr in Berufen tätig ist, die von großer Monotonie in ihren Ausführungen und Abläufen geprägt sind. Karrieren und Biographien sowie Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen sind wesentlich flexibler. Die Wirtschaftsleistung und der Wohlstand steigen. Kulturell sind Wertewandel, Individualisierung und soziokulturelle Differenzierung zu verzeichnen. (Steuerwald 2016: 347 ff.)

Folgende Veränderungen begünstigten zudem die Verschiebung der privaten Nachfrage zu mehr Dienstleistungen. Durch erhöhten Reallohn und mehr Freizeit, die sich aus sinkender Arbeitszeit durch technischen Fortschritt ergeben, steigt die Nachfrage nach Dienstleistungen. Weiterhin erhöht die demographische Überalterung der Gesellschaft die Nachfrage nach medizinischer Versorgung und Pflegediensten. Durch die Technisierung des Alltags und des Haushalts gibt es deutlich mehr Reparatur- und Wartungsdienste. Der veränderte Arbeitsmarkt, der oft schnelle Anpassungen an berufliche Anforderungen erfordert, sorgt für eine erhöhte Nachfrage nach Weiterbildungen und Umschulungen. Zudem wächst mit der erhöhten Güterproduktion die Nachfrage nach „[...] Dienstleistungen in der Warenzirkulation [, also] Handel, Transport, Kommunikation[,] sowie im Geldverkehr und Versicherungsbereich [...]“ (Geißler 2014 a: 191). Ebenso betroffen ist der Bedarf an Ausbildung, öffentlicher Verwaltung und Rechtsschutz. Letztere entstehen dank einer „[...] wachsenden Komplexität der ökonomischen und sozialen Systeme [...]“ (Geißler 2014 a: 191), wodurch ihr „[...] Regelungs-, Vermittlungs- und Steuerungsbedarf [...]“ (Geißler 2014 a: 191) steigt. (Geißler 2014 a: 191)

2.1.3.1 Dienstleistungen

Was unter einer Dienstleistung zu verstehen ist, ist sehr umfangreich. Nach der klassischen Definition sind Dienstleistungen nicht materiell, nicht lagerfähig, nicht transportfähig und werden „uno actu“, also im zeitgleichen Prozess von Produktion und Konsumption, erzeugt. Volkswirtschaftlich betrachtet wird sich bemüht, Dienstleistungen weniger durch negative Abgrenzung zu definieren, sondern sie als ein „[...] »Gewebe« das allen Produktionsprozessen […] zugrunde liegt, z[um] B[eispiel] in Form von wissenschaftlich-technischem Wissen oder in Form von Handels- und Finanztransaktionen [...]“ (Jacobsen 2013: 185), zu verstehen. Die Definition erfolgt nicht mehr über den Inhalt, sondern über ihr Ergebnis oder ihre Funktion im Wirtschaftsprozess. Diese Funktion des Zugrundeliegens aller Produktionsprozesse wird aus sich selbst heraus als relevant verstanden und nicht mehr der materiellen Produktion untergeordnet. Betriebswirtschaftlich betrachtet kennzeichnen sich Dienstleistungen dadurch, dass sie den Zustand einer Person oder eines Artefaktes verändern. Der Prozesscharakter tritt in den Vordergrund. Die Dienstleistung wird als eigenständiger Bestandteil des Wirtschaftsprozesses begriffen, die Beziehungen zwischen ökonomischen Einheiten und externen Faktoren, also dem Anbieter und dem Nutzer, herstellt. Die Voraussetzung für die Veränderung eines Zustandes ist also eine Beziehung. (Jacobsen 2013: 185 ff.)

Innerhalb des Dienstleistungssektors werden Dienstleistungen üblicherweise nach ihren Funktionen für die Wirtschaft in distributive, produktionsorientierte, soziale und personenbezogene Leistungen aufgeteilt.

Weiterhin lassen sich Dienstleistungen, welche nach Geißler „[...] alle Arbeiten [sind], die nicht in der Produktgewinnung oder Produktverarbeitung stattfinden [...]“ (Geißler 2014 a: 189), in produktbezogene Dienste zur Planung und Durchführung der Güterproduktion und verbraucherbezogene Dienstleistungen, „[...] die unmittelbar vom Letztverbraucher in Anspruch genommen werden [,] zum Beispiel Bildung, Information, Unterhaltung, Gesundheitsversorgung, Beherbergung [oder] Beratung [...]“ (Scharpf 1986: 7 zitiert in Geißler 2014 a: 189), einteilen.

Die produktbezogenen Dienstleistungen sind eng verknüpft mit der Industriearbeit, indem sie dem produzierenden Gewerbe vorgeschaltet, beigeordnet oder nachgestellt sind. In jedem Fall aber ist Industriearbeit vorausgesetzt. Schätzungsweise ist die Hälfte aller verrichteten Dienstleistungen produktionsbezogen. (Kühl 2014)

Angesichts dieser Tatsache, dass viele Dienstleistungen auf den sekundären Sektor bezogen sind, wird auch oft von einer industriellen Dienstleistungsgesellschaft oder sogar von einer Überindustrialisierung in Deutschland gesprochen (Geißler 2014 a: 188 ff.). Hier wird erkennbar, dass eine klare Trennung zwischen sekundärem und tertiärem Sektor oft schwierig ist. Dennoch signalisiert auch diese Bezeichnung einen Bedeutungsverlust des verarbeitenden Gewerbes (Trinczek 2011: 607).

Das Outsourcing beschreibt die Tendenz von Industriebetrieben, ihre Dienstleistungen auszulagern, also an externe Dienstleistungsunternehmen in Auftrag zu geben. Darunter fallen beispielsweise Dienste wie die Buchführung, Reinigung, Wach- und Sicherheitsdienste oder Kantinen- und Cateringservice. Viele dieser Dienstleistungen verrichteten Industrieunternehmen früher selbst. Immer öfter betten sie ihre Produkte in vorgeschaltete oder nachgelagerte externe Dienstleistungen ein. Aus Gründen der Arbeitskosten, der Tarifbindung und der Personalvertretung lagern viele Industrieunternehmen diese Tätigkeiten aus, was als ein Grund für die Ausbreitung des Dienstleistungssektors zählt. (Kühl 2014)

2.1.3.2 Postfordismus

Genauso wie der Fordismus eng mit der Industriegesellschaft verknüpft ist, so ist dies auch bei der Dienstleistungsgesellschaft und dem Postfordismus der Fall. Ab den 1970er Jahren fand der Fordismus sein Ende und der Wandel zum Postfordismus schritt voran. Eine Ursache für das Ende des Fordismus waren die Ölkrisen in den Jahren 1973 und 1978. Öl als bedeutender Rohstoff der industriellen Fertigung vieler Branchen wurde verknappt und damit sehr teuer. Die Folgen waren stagnierendes Wirtschaftswachstum, eine hohe Inflation und steigende Arbeitslosenzahlen. Auch der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1973, welches bis dahin für feste Wechselkurse sorgte, trug zum Ende des Fordismus bei. Die Verselbstständigung des Finanzmarktes ergab sich aus der Freigabe der Wechselkurse. Eine öffentliche Finanzkrise, ausgelöst durch eine „[...] starke Steigerung der Staatsausgaben aufgrund der »Anspruchsinflation« an wohlfahrtsstaatliche Leistungen insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswesen […]“ (Schimank 2012: 24 f.), und hohe Lohnforderungen der öffentlichen Arbeitskräfte waren ein zusätzlicher Grund für die Entwicklung zum Postfordismus, welcher noch bis heute andauert. Der Wandel zum Postfordismus lässt sich in den vier Merkmalen „Veränderung im Produktionsbereich“, „permanente Innovation von Gütern und Dienstleistungen“, „Abbau von sozialstaatlicher Leistung“ und „typische Lebensführung der Individuen“ beschreiben, die im Folgenden ausgeführt werden. (Schimank 2012: 24 ff.)

Die standardisierte Massenproduktion am Fließband verschwand nicht, sie wurde aber in Dritte-Welt-Länder oder „Schwellenländer“ und teilweise auch nach Osteuropa verlagert. Die Arbeitsorganisation kennzeichnet sich also durch flexible Spezialisierung, dezentrale Produktion und internationale Arbeitsteilung. In Deutschland blieben die Produktionsbereiche, die eine flexible Spezialisierung durch verschiedenste und sich schnell verändernde Kundenwünsche und -präferenzen erfordern. Dies gilt für verschiedenste Branchen, vom Maschinenbau bis zur Modebranche, welche die verschiedenen Geschmäcker unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus berücksichtigen. Technische Grundlagen für die dafür notwendige Arbeitsweise sind Computerisierung und die Ausbreitung des Internets. In der Internet- und Computerbranche sind hierdurch sehr viele neue Dienstleistungsberufe entstanden. Die Produktion wurde weiter erforscht und verwissenschaftlicht. In den Unternehmen erfreuten sich neue Strukturen der Arbeitsorganisation wie Dehierarchisierung und Teamarbeit großer Beliebtheit. (Schimank 2012: 25)

[...]


1 Die Daten in Abbildung 2 bestimmen die Zuordnung zu einem Sektor nach Produktionszweck eines Betriebes. Dienstleister innerhalb eines Industrieunternehmens werden so als erwerbstätig im sekundären Sektor erfasst. So ergibt sich eine Messungenauigkeit, indem die Tertiärisierung des sekundären Sektors nicht dargestellt wird, also der Tatsache, dass innerhalb der produzierenden Betriebe immer mehr Dienstleistungen wie beispielsweise Transport, Werbung oder Management angesiedelt sind. (Geißler 2014 a: 188)

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Wandel der Arbeitsgesellschaft durch die Tertiärisierung. Einfluss auf die Struktur der privaten Lebensformen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Jahr
2019
Seiten
81
Katalognummer
V539040
ISBN (eBook)
9783346268129
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wandel, arbeitsgesellschaft, tertiärisierung, einfluss, struktur, lebensformen
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Wandel der Arbeitsgesellschaft durch die Tertiärisierung. Einfluss auf die Struktur der privaten Lebensformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539040

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