Zum Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext

Eine empirische Erhebung zu Möglichkeiten der Förderung des Gesundheitsbewusstseins


Masterarbeit, 2018

197 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1 Zur Entwicklung des Gesundheitsbegriffes
1.1 Historischer Abriss des Gesundheitsbegriffes
1.1.1 Von der Frühhistorie bis zum 19. Jahrhundert
1.1.2 Das 20. Jahrhundert als Wendepunkt
1.1.3 Weitere Definitionen des 20. und 21. Jahrhunderts
1.2 Zwischenfazit und Bedeutung für die eigene Erhebung

2 Drei Dimensionen von Gesundheit
2.1 Die Dimension der biomedizinischen Gesundheit
2.2 Die Dimension der psychischen Gesundheit
2.3 Die Dimension der sozialen Gesundheit
2.4 Bedeutung für die eigene Erhebung

3 Das salutogenetische Gesundheitsmodell nach Aaron Antonovsky
3.1 Ausgangslage – Gesundheit als Gleichgewicht oder Flexibilität?
3.2 Das salutogenetische Gesundheitsverständnis
3.3 Stressoren und Widerstandsressourcen
3.4 Das Kohärenzgefühl
3.5 Bedeutung des salutogenetischen Modells für die eigene Erhebung

4 Studienlage zum Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.
4.1 Analyse ausgewählter deutscher Kinder- und Jugendstudien
4.2 Zwischenfazit und Bedeutung für die eigene Erhebung

5 Bedarf der Förderung des Gesundheitsbewusstseins im Schulalter
5.1 Bedarfsanalyse anhand der HBSC-Studie
5.2 Ergänzende Bedarfsanalyse anhand der KiGGS-Studie
5.3 Fazit der Bedarfsanalyse

6 Die Schule als Ort der Gesundheitsförderung
6.1 Entwicklung der schulischen Gesundheitsförderung
6.2 Bedeutung der schulischen Gesundheitsförderung
6.3 Forderungen und Vorgaben zur Gesundheitsförderung
6.4 Ist-Zustand schulischer Gesundheitsförderung anhand niedersächsischer Kerncurricula.
6.4.1 Analyse der Sekundarstufe
6.4.2 Analyse der Sekundarstufe
6.4.3 Fazit der curricularen Analyse
6.5 Zwischenfazit und Bedeutung für die eigene Erhebung

7 Empirie
7.1 Ausgangslage und Fragestellung
7.2 Forschungsdesign
7.3 Auswahl der Stichprobe
7.4 Leitfaden
7.5 Pretest
7.6 Durchführung der Erhebung
7.7 Transkriptionsrichtlinien
7.8 Vorgehensweise bei der Auswertung des Datenmaterials
7.9 Entwicklung des Kategoriensystems
7.10 Ergebnisse
7.10.1 Zur Erklärung und Beurteilung von Gesundheit
7.10.2 Zum Gesundheitsbewusstsein
7.10.3 Zum Thema Gesundheit im Schulunterricht
7.10.4 Zur Bedeutung von geistiger und sozialer Gesundheit (Ergänzungsblock)

8 Diskussion.
8.1 Zur Eindimensionalität des Gesundheitsverständnisses
8.2 Zur heterogenen Entwicklung des Gesundheitsbewusstseins
8.3 Zum fehlenden Alltags- und Praxisbezug des schulischen Gesundheitsunterrichts
8.4 Diskussionsfazit

9 Desiderate.

10 Reflexion und Limitation der Erhebung Fazit und Ausblick

Quellen- und Literaturverzeichnis

Anhang.

Anhang 1: Kodierleitfäden.

Anhang 2: Statistische Erfassungen und Verteilungen

Anhang 3: Digitaler Anhang: „Codes und Codierungen“

Anhang 4: Interviewleitfaden

Anhang 5: Transkriptionsregeln und Transkripte

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Erklärung von Gesundheit: Auswertung der Unterkategorien 1.1 und 1.2. (OK 1) 61

Tab. 2: Beurteilung von Gesundheit: Auswertung der Unterkategorien 2.1 und 2.2 (OK 2) 62

Tab. 3: Erklärung von Gesundheit: Auswertung der Unterkategorie 1.3 (OK 1) 63

Tab. 4: Erklärung von Gesundheit: Auswertung der Unterkategorien 1.4 und 1.5 (OK 1) 64

Tab. 5: Beurteilung von Gesundheit: Auswertung der Unterkategorie 2.3 (OK 2) 64

Tab. 6: Beurteilung von Gesundheit: Auswertung der Unterkategorien 2.4 und 2.5 (OK 2) 65

Tab. 7: Dimensionalität bei der Erklärung von Gesundheit: Auswertung der Unterkategorien
1.6 und 1.7 (OK 1) 65

Tab. 8: Dimensionalität bei der Beurteilung von Gesundheit: Auswertung der Unterkategorien
2.6 und 2.7 (OK 2) 66

Tab. 9: Nachdenken über Gesundheit: Auswertung der Unterkategorien 3.1 bis 3.4 (OK 3) 69

Tab. 10: Gesundheitliche Erfahrungswerte: Auswertung der Unterkategorien 4.1 bis 4.3 (OK 4) 70

Tab. 11: Gesundheitliche Erfahrungswerte: Auswertung der Unterkategorien 4.1 bis 4.3 (OK 5) 72

Tab. 12: Szenario des starken Einbezugs: Auswertung der Unterkategorien 6.1 bis 6.5 (OK 6) 74

Tab. 13: Inhaltliche Wünsche für den Schulunterricht: Auswertung der Unterkategorien
7.1 bis 7.6 (OK 7) 75

Tab. 14: Bestandteile von Gesundheit abseits der biomedizinischen Dimension:
Auswertung der Unterkategorien 8.1 bis 8.3 (OK 8) 76

Tab. 15: Verständnis von geistigem Wohlbefinden: Auswertung der Unterkategorien
9.1 bis 9.3 (OK 9) 77

Tab. 16: Verständnis von sozialem Wohlbefinden: Auswertung der Unterkategorien
10.1 und 10.2 (OK 10) 78

Tab. 17: Rolle geistiger und sozialer Aspekte an der Schule: Auswertung der Unterkategorien
11.1 bis 11.4 (OK 11) 79

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Generalisierte Widerstandsressourcen nach Antonovsky,
übernommen nach: Franke, 2012: 173. 20

Abb. 2: 1. Block des Leitfadeninterviews (vor Durchführung des Pretests), (e.A.) 47

Abb. 3: 2. Block des Leitfadeninterviews (vor Durchführung des Pretests), (e.A.) 49

Abb. 4: 3. Block des Leitfadeninterviews (vor Durchführung des Pretests), (e.A.) 49

Abb. 5: 4. Block des Leitfadeninterviews (nach Durchführung des Pretests), (e.A.) 52

Abb. 6: Verlauf der Unterkategorien innerhalb Oberkategorie 1 (OK 1), (e.A.) 57

Abb. 7: Verlauf der Unterkategorien innerhalb Oberkategorie 2 (OK 2), (e.A.) 58

Abb. 8: Leerversion des Orientierungskontinuums zur Auswertung von
UK 1.1, 1.2 ,2.1 und 2.2 (e.A.) 58

Abb. 9: Leerversion des Dimensionen-Modells zur Einschätzung der ein- oder
mehrdimensionalen Erklärung von Gesundheit sowie Beurteilung der
eigenen Gesundheit (e.A.) 59

Abb. 10: Ausgefülltes Orientierungskontinuum zur Auswertung von UK 1.1, 1.2, 2.1 & 2.2 (e.A.) 63

Abb. 11: Ausgefülltes Dimensionen-Modell zur Einschätzung der ein- oder
mehrdimensionalen Erklärung von Gesundheit sowie Beurteilung der
eigenen Gesundheit (e.A.) 66

Abb. 12: Säulendiagramm zur Einschätzung der eigenen Gesundheit (e.A.) 67

Abb. 13: Kreisdiagramm zur Angabe des Nachdenkens über Gesundheit (e.A.) 68

Abb. 14: Bewertung des Einbezugs gesundheitlicher Themenfelder nach Schulnote (1-6), (e.A.) 70

Einleitung

„Gesundheit ist für mich ein Geschenk der Natur, das für jedes einzelne Individuum gegeben ist. […] im Endeffekt finde ich, dass Gesundheit das größte Geschenk ist, was man bekommen hat“.(M2K12: #00:01:07-1#)

Das Thema Gesundheit erhält in der heutigen Zeit zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Dies erscheint nicht verwunderlich, ist Gesundheit schließlich die Grundlage für alles Tun und Erleben. Doch obwohl sie zweifelsohne einen fundamentalen Aspekt des Lebens darstellt, variiert das Verständnis sowie das Bewusstsein von Gesundheit deutlich. So kann die Frage, wie sich Gesundheit verstehen lässt, offenbar vielseitig beantwortet werden. Abhängig vom eigenen Gesundheitszustand, den Erfahrungen mit Gesundheit und der Bedeutsamkeit, die man ihr zuteilwerden lässt, erscheint es nicht abwegig, zu ein und derselben Frage ganz unterschiedliche Antworten zu erhalten. Mit dieser Einschätzung lässt sich vermuten, dass die Art und Weise des Einzelnen, Gesundheit zu erklären, zugleich das Gesundheitsverständnis eben dieser Person offenbart – ein Verständnis, das nicht nur die jeweiligen Ansichten zu diesem Thema offenlegt, sondern zugleich auch auf das Verhalten und den Umgang mit Gesundheit hinweist.

Das oben aufgeführte Zitat stammt von einem Schüler der Klasse 12. Der Schüler wurde gebeten, den Begriff Gesundheit aus seiner Perspektive zu erklären. Seine Aussage lässt auf ein Gesundheitsverständnis schließen, in dem Gesundheit einen hohen Stellenwert besitzt. Das Bewusstsein für Gesundheit scheint bei ihm stark ausgeprägt zu sein. Diese Betrachtungsweise ist im Rahmen der aktuellen Lebensbedingungen durchaus angemessen. In einer sich rasch verändernden Lebenswelt und damit einhergehenden Herausforderungen wird die Gesundheit des Menschen immens gefordert. Dies gilt bereits für Kinder und Jugendliche. Die Stabilität der Gesundheit ist demnach eine Voraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung all dieser Herausforderungen.

Es ist sicherlich davon auszugehen, dass die Aussage des Schülers nicht stellvertretend für das Gesundheitsverständnis deutscher Kinder und Jugendlicher steht. Des Weiteren lässt sich ein umfassendes Gesundheitsverständnis nicht anhand einer solch kurzen Antwort ableiten. Eine Betrachtung weiterer Fragen und ihrer Antworten nach dem Verständnis von Gesundheit soll an dieser Stelle weitere Erkenntnisse mit sich bringen. Unter Berücksichtigung der bisherigen Ausführungen erscheint es daher zielführend herauszufinden, wie Kinder und Jugendliche den Begriff Gesundheit für sich deuten, welchen Stellenwert sie ihrer Gesundheit beimessen und welche Maßnahmen sie möglicherweise bereits ergreifen. Ihre Antworten könnten Aufschluss darüber geben, ob, wie und welche gesundheitlichen Inhalte ihnen vermittelt werden sollten. Diese Frage stellt den Gegenstand der hier vorliegenden Arbeit dar.

Die Relevanz dieses Themas ergibt sich aus dem bereits vorhandenen aktuellen bildungspolitischen Diskurs. So gibt es eine breite Debatte darüber, ob an deutschen Schulen das Fach Gesundheit in den Fächerkanon aufgenommen werden sollte. Für eine solche Aufnahme spricht sich unter anderem die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Martina Wenker aus. Es sei wichtig, „schon Kinder und Jugendliche an das Thema Gesundheit heranzuführen“ (Bundes­ärzte­kammer, o.A., 20171). In diesem Zusammenhang wird gefordert, gesundheitliche Inhalte in den schulischen Lehrplan zu integrieren und auch die Ausbildung des Lehrpersonals dementsprechend zu ergänzen (vgl. ebd.). Demgegenüber stehen Bedenken der Umsetzung sowie das Meinungsbild, dass Gesundheit im schulischen Kontext bereits ausführlich thematisiert wird. Für diese Position kann exemplarisch eine Befragung von Bildungsminister Marco Tullner aufgeführt werden, der für sein Bundesland Sachsen-Anhalt keine Notwendigkeit eines eigenen Schulfaches für Gesundheit sieht: „Gesundheitsbildung spielt eine wichtige Rolle im schulischen Kontext. Aus diesem Grund werden in allen Schulformen und in verschiedenen Jahrgängen gesundheitsrelevante Inhalte thematisiert. Die fächerübergreifende und jahrgangsübergreifende Anbindung hat dabei ganz wesentliche Vorteile" (Mitteldeutscher Rundfunk, o.A., 20182). Die Debatte wird zudem angefacht durch die mediale Aufmerksamkeit, die der Betrachtung der Kinder- und Jugendgesundheit auch im Jahr 2018 zuteilwird. Unter Berücksichtigung einiger bundesweiter Gesundheitsstudien, die auch im Rahmen dieser Arbeit noch ausführlich behandelt werden, steht insbesondere das Körpergewicht als Indikator zur Beurteilung der Kinder- und Jugendgesundheit im Blickpunkt. Mit Überschriften wie „Mehr als jedes siebte Kind in Deutschland ist zu dick“ (Süddeutsche Zeitung GmbH, o.A., 20183), hier aus einem Bericht zu den jüngsten Studienergebnissen entnommen, wird die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen weiterhin als ein Problem gewertet, für dessen Lösung unter anderem ein Schulfach Gesundheit als möglicher Ansatz betrachtet wird.

Die Debatte um die Einrichtung eines solchen Schulfaches mit ausschließlich gesundheitlichen Inhalten als Teil des Lehrplans soll und kann hier nicht umfänglich bewertet werden. So kann die Frage nach der Sinnhaftigkeit und dem tatsächlichen Nutzen dieses Faches nicht im Rahmen einer solchen Masterarbeit in einem angemessen ausführlichen Maße bearbeitet werden. Dennoch soll diese Arbeit einen Teil zu der Diskussion über das Schulfach Gesundheit beitragen, indem sie sich nicht auf die externe Einschätzung von Experten sondern auf die Einschätzung der eigentlichen Zielgruppe konzentriert – der Schüler*.4

Im Rahmen einer Erhebung sollen Schüler* ebenso zu ihrem Gesundheitsverständnis befragt werden, wie auch zu ihrem Gesundheitsbewusstsein und ihren Erfahrungen mit dem Thema Gesundheit im schulischen Unterricht. Der entsprechende Beitrag zur beschriebenen Schulfach-Debatte besteht in den Erkenntnissen, die anhand der Aussagen der Schüler* gewonnen werden sollen. Es besteht die Annahme, dass eine Auseinandersetzung mit dem Gesundheitsverständnis der Schüler* weitere Hinweise auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen sichtbar machen, die bei den Kindern und Jugendlichen vorhanden und demnach auch für die schulische Auseinandersetzung mit gesundheitlichen Inhalten von Bedeutung sind. Somit sollen auf Basis des erfragten Gesundheitsverständnisses Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen erarbeitet werden, die für die Förderung der Gesundheit sowie des Gesundheitsbewusstseins von Kindern und Jugendlichen bedeutsam sein können.

Die gezielte Betrachtung dessen, wie die Schüler* Gesundheit für sich deuten, stellt nach Überprüfung diverser Studien zur Kinder- und Jugendgesundheit ein Forschungsdesiderat dar. Aufgrund der hohen Anzahl dieser Studien sowie ihrer thematischen Relevanz, die für diese Arbeit dennoch entscheidend sind, erfolgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand erst innerhalb der Arbeit (vgl. Kap. 4). Es muss jedoch vorweggenommen werden, dass sich aktuelle Studien verstärkt auf den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen konzentrieren und der Förderbedarf auf dem Gebiet Gesundheit vorwiegend anhand der Ergebnisse dieser Studien bestimmt wird (vgl. ebd.). Mithilfe der in dieser Arbeit durchgeführten Erhebung sollen hingegen neue Zugangsmöglichkeiten geschaffen werden, um Bedürfnisse und Bedarfseinschätzungen unmittelbar anhand der Aussagen der Schüler* ableiten zu können.
Auf Basis der bisherigen Überlegungen lautet die Forschungsfrage: Wie setzt sich das Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen zusammen und welche Möglichkeiten und Herausforderungen ergeben sich daraus für die Förderung ihres Gesundheitsbewusstseins?

Wie bereits angedeutet, ermöglicht die Antwort auf diese Frage zusätzliche Zugänge zu gesundheitlichen Bedürfnissen und Voraussetzungen von Kinder und Jugendlichen, die im schulischen Kontext berücksichtigt werden müssen. So kann vermutet werden, dass eine schülerorientierte Ausrichtung bei der Erstellung und Entwicklung eines gesundheitsorientierten Lehrplans dahingehend zielführend ist, dass die Schüler* bei der Entwicklung ihres Gesundheitsbewusstseins in ihren Handlungen und Kompetenzen unterstützt werden können. Anhand der Ergebnisse soll zudem diskutiert werden, inwieweit sich diese Bedürfnisse und Voraussetzungen im Kontext Schule umsetzen lassen. Für die Diskussion über ein eigenes Schulfach zu Gesundheit gilt es daher ebenfalls abzuwägen, ob die sichtbar gewordenen Herausforderungen durch den bestehenden Fächerkanon angemessen bearbeitet werden können oder ob die Ergebnisse doch für eine Einführung eines eigenen Schulfaches sprechen. Um zu dieser Diskussion einen Beitrag leisten zu können, steht neben der Herausstellung des Gesundheitsverständnisses und des -bewusstseins auch eine kritische Betrachtung des Einbezugs gesundheitlicher Fragestellungen im Kontext Schule im Blickpunkt. Um im Anschluss Bezug auf die Diskussion um das Fach Gesundheit nehmen zu können, bezieht sich diese Betrachtung hierbei zunächst ausschließlich auf den schulischen Unterricht selbst. Die mögliche Vergleichbarkeit von curricularen Lehrplänen sowie der limitierte Umfangs dieser Arbeit sind als weitere Reduktionsentscheidungen zu nennen, warum sich mit der Erhebung in erster Linie auf den schulischen Unterricht bezogen wird. Da der empirische Teil dieser Arbeit auf Basis der theoretischen Grundlagen entwickelt wird, muss die Forschungsfrage zu Beginn des Empirie-Kapitels unter Berücksichtigung dieser Ausführungen noch einmal konkretisiert werden.

Um das Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen herausstellen zu können, muss der Begriff Gesundheit zunächst einmal ausführlich behandelt werden. Hierfür wird zuerst die Entwicklung des Gesundheitsbegriffes vom Verständnis der Frühhistorie bis hin zum modernen Verständnis des 21. Jahrhunderts dargestellt (vgl. Kap. 1). Eine anschließende Auseinandersetzung mit den Dimensionen von Gesundheit soll gewährleisten, dass die Aussagen der Schüler* im Rahmen eben dieser Dimensionen erfasst und anschließend verglichen werden können (vgl. Kap. 2). Im Anschluss folgt eine Betrachtung des salutogenetischen Modells nach Antonovsky, das für die Interpretation der Ergebnisse von Bedeutung sein kann und auch in der aktuellen Gesundheitsförderung Erwähnung findet. Somit ist es an dieser Stelle wichtig, zunächst die Grundlagen dieses Modells zu sichern (vgl. Kap. 3). Nach dieser ausführlichen Interpretation des Gesundheitsbegriffes folgt eine gezielte Betrachtung des Forschungsstandes. Hierfür werden einige repräsentative und bundesweite Kinder- und Jugendstudien auf den Einbezug des Gesundheitsverständnisses überprüft. Es soll herausgestellt werden, an welchen Stellen es zwar Anknüpfungspunkte gibt, es sich bei der geplanten Erhebung aber dennoch um ein Forschungsdesiderat handelt (vgl. Kap. 4). Zwei der größten Kinder- und Jugendstudien – die HBSC-Studie sowie die KiGGS-Studie – werden darüber hinaus auch bezüglich des Gesundheitszustandes analysiert. Diese überblicksartige Betrachtung soll gesundheitliche Bedingungen und Voraussetzungen deutlich machen, die im Anschluss mit den Ergebnissen der eigenen Erhebung verglichen und diskutiert werden können (vgl. Kap. 5). Für die Diskussion unabdingbar ist zudem eine Betrachtung der schulischen Gesundheitsförderung samt ihrer Bedeutung, den Forderungen aus gesundheits- und bildungspolitischer Perspektive sowie dem Ist-Zustand der schulischen Gesundheitsförderung anhand der curricularen Verankerungen (vgl. Kap. 6). Zentraler Inhalt dieser Arbeit ist jedoch die Erhebung zum Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen, die in Form von 18 Leitfaden-Interviews an einer Kooperativen Gesamtschule durchgeführt wurde. Die Ergebnisse werden im Anschluss diskutiert und auf darauf basierende Möglichkeiten und Herausforderungen überprüft, die schlussendlich eine weitere Tendenz erkennbar werden lassen sollen, inwieweit die Notwendigkeit eines Schulfaches Gesundheit besteht.

1 Zur Entwicklung des Gesundheitsbegriffes

Um Aussagen über ein heute gültiges Gesundheitsverständnis treffen zu können, muss zunächst die historische Entwicklung des Gesundheitsbegriffes betrachtet werden. Erste Hinweise auf die Beschreibung von Gesundheit sind hierfür bereits in der Etymologie des Begriffes zu finden. In seiner semantischen Auslegung erfährt der Begriff Gesundheit in der Sprachgeschichte eine eindeutig positive Bewertung. Eine Ableitung der Bezeichnung eines Menschen als „gesund“ lässt sich aus Sicht der Sprachforschung zwar schwierig zurückverfolgen, jedoch ist nach Seebold ein Vergleich mit dem Adjektiv „geschwind“ möglich, das wiederum die Eigenschaften „mächtig“ und „stark“ beinhalte (Seebold, 2011: 355). Der etymologische Einbezug englischer Sprachgeschichte offenbart zudem weitere Eigenschaften, die mit dem Begriff Gesundheit in Verbindung gesetzt werden können. Nach Faltermaier geht der neuenglische Begriff „health“ auf das altenglische Wort „hale“ zurück, das heute als Adjektiv „whole“ geläufig ist und im Deutschen mit dem Adjektiv „ganz“ übersetzt wird (Faltermaier, 2005: 31). Die Betrachtung der etymologischen Sprachforschung kann demzufolge als erster Ansatz genutzt werden, um den Gesundheitsbegriff näher zu betrachten. Dennoch muss ausführlich betrachtet werden, welche Entwicklung das Verständnis von Gesundheit bis heute vollzogen hat, um ein heute formuliertes Gesundheitsverständnis einordnen zu können.

1.1 Historischer Abriss des Gesundheitsbegriffes

Die Betrachtung der historischen Entwicklung zeigt, dass das Verständnis von Gesundheit unter dem Einfluss epochaler Denkweisen und Handlungsstrukturen einen über Jahrhunderte andauernden Wandel vollzogen hat. Nach Faltermaier war die Auslegung des Gesundheitsbegriffes zu jeder Zeit verbunden mit dem jeweilig vorherrschenden Weltverständnis, aus dem heraus der Mensch seine Umgebung betrachtete und den menschlichen Körper auf Basis dieses Blickwinkels zu verstehen wusste. Das Verständnis von Krankheit und Gesundheit stand demnach in Abhängigkeit zu den historischen Weltbildern und Überzeugungen des jeweiligen Zeitalters (vgl. Faltermaier, 2017a: 672).

1.1.1 Von der Frühhistorie bis zum 19. Jahrhundert

In den frühhistorischen Epochen unterlag die Auslegung des Gesundheitsbegriffs einem stark religiösen Einfluss. Nach Faltermaier wurden Gesundheit sowie auch Krankheit als schicksalhaftes Geschehen bezeichnet, das von Gott allein bestimmt wurde. Nach diesem Verständnis werde ein gottesfürchtiges Leben mit dem Erhalt von Gesundheit belohnt, ein Leben in Sünde hingegen mit Krankheit bestraft, sodass Gesundheit und Krankheit als Folge des Handelns für oder wider der Erwartungen Gottes zu verstehen gewesen seien (vgl. Faltermaier, 2017a: 672).

Die Ablösung des mittelalterlichen Zeitalters durch die Epoche der Neuzeit hatte nach Ansicht Faltermaiers entscheidende Auswirkungen auf das Gesundheitsverständnis der Gesellschaft. In der Phase einer „allmählichen Säkularisierung des Weltbildes“ sei der Mensch dazu aufgerufen worden, selbst Einfluss auf seine Gesundheit zu nehmen (ebd.). Die damit einhergehend propagierte „Autonomie des Denkens“ führte nach Eckart in naturwissenschaftlichen Bereichen zu einem Forschungsaufschwung (Eckart, 2013: 139). Laut Faltermaier sollte in der Naturwissenschaft im Sinne des Aufrufes zur Vernunft, der prägenden Forderung dieser Epoche, von nun an mündig und selbstbestimmt gehandelt werden. Aus der Vernunft heraus habe sich das Verständnis entwickelt, die Gesundheit des Menschen durch eigenes, angemessenes Handeln bewahren und Krankheiten dementsprechend verhindern oder ihnen zumindest entgegenwirken zu können (vgl. Faltermaier, 2017a: 672). Die Loslösung von religiösen Glaubensgrundsätzen und kirchlichen Dogmen resultierte nach Faltermaier in der Auffassung, dass sich Gesundheit nicht länger außerhalb des menschlichen Zugriffs befand. Dem aufklärerischen Gedanken entsprechend, sei der Mensch in diesem Zeitalter somit zur Verantwortung aufgerufen worden – einer Verantwortung, die sich vor allem auf die Erforschung des menschlichen Körpers bezog und das Ziel verfolgte, Krankheiten zu verstehen und aus dem erworbenen Wissen heraus auch heilen zu können. In diesem Zeitalter entwickelte sich Gesundheit zu einem „Thema des aufstrebenden Bürgertums“ (ebd.), was Faltermaier in einer hohen Anzahl an verfassten medizinischen Werken dieser Zeit begründet sieht (vgl. ebd.).

Neben der Erkenntnis, dass Gesundheit ein durch den Menschen beeinflussbarer Zustand ist, benennt Faltermaier für das Zeitalter der Aufklärung weitere Auslegungen von Gesundheit. In Anlehnung an Rousseaus Naturbegriff sei Gesundheit als „natürlicher Zustand“ (ebd.). begriffen worden, der unter Einfluss von negativ bewerteten Faktoren Schaden nehmen konnte. Zu einem Lebensstil, der dem Naturzustand zuwiderläuft, zählt Faltermaier nach aufklärerischem Verständnis ein maßlos geführtes Leben, wie beispielsweise in Form des übermäßigen Genusses von Luxusgütern. Jedoch habe sich die Aufforderung zur Achtung des Naturzustandes nicht nur an die gesellschaftliche Oberschicht gerichtet, die sich eben solche Luxusgüter leisten konnte, sondern auch an diejenigen, die in der Gesellschaft finanziell schlechter gestellt waren. Wer demzufolge einem besonders hohen Arbeitspensum ausgesetzt war oder in ärmlichen Verhältnissen lebte, befand sich ebenfalls nicht im Einklang mit dem Naturzustand (vgl. Faltermaier, 2017a: 672). Resümierend wurde vom Einzelnen der Gesellschaft dieser Zeit gefordert, sich an einer natürlichen Lebensweise zu orientieren, vernünftig zu handeln und sich in sämtlichen Lebensbereichen diszipliniert und maßvoll zu verhalten. Wer nach diesem Verständnis lebte, hatte nach Faltermaier eine gute Aussicht darauf, ein Leben in Gesundheit zu führen (vgl. ebd.). Krankheit konnte im Zeitalter der Aufklärung hingegen als Spiegel einer Lebensweise fernab der propagierten Vernunft bezeichnet werden (vgl. Franke, 2012: 56).

In der Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich laut Faltermaier die Medizin als feste Disziplin der Naturwissenschaft. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass der menschliche Körper anatomisch tiefgehend erforscht wurde. Die Forschung war so weit vorangeschritten, dass Prozesse innerhalb des Organismus detaillierter erfasst werden konnten, was sich wiederum in der Herausbildung eines stark biomedizinisch orientierten Verständnisses von Gesundheit widergespiegelt habe (vgl. Faltermaier, 2017a: 672). Die Erforschung der Organe bis hin zur Molekülstruktur führte nach Faltermaier zu neuen Wegen, Krankheiten im menschlichen Körper zu erfassen. Die Auseinandersetzung mit möglichen Indikatoren zur Entstehung von Krankheiten verschob demnach zugleich die Perspektive, auch die Gesundheit an sich zu betrachten. Während der Mensch zuvor selbst in der Verantwortung gestanden habe, seinen eigenen Körper gesund zu halten, sei der Organismus fortan als Maschine betrachtet worden, dessen Erkrankungen mit einem technischen Defekt gleichzusetzen waren (vgl. ebd.). Zu dieser Zeit bildete sich als Schlussfolgerung der Grundsatz heraus, dass Gesundheit lediglich als „Abwesenheit von Krankheit“ (ebd.) zu verstehen sei. In dieser Epoche entwickelte sich somit ein krankheitsorientiertes Gesundheitsmodell, das, nach Ansicht von Faltermeier, „bis heute die Grundlage eines medizinisch geprägten Gesundheitssystems darstellt und die medizinische Kontrolle des kranken Körpers in den Mittelpunkt stellt“ (ebd.). Das 19. Jahrhundert kann daher als Zeitalter des biomedizinischen Fortschritts betrachtet werden, in dem sich jedoch vor allem auf die physischen Aspekte von Krankheit und Gesundheit konzentriert wurde (vgl. ebd.). Seelische Faktoren, welche einen möglichen Einfluss auf die Gesundheit des Menschen haben könnten, erhielten nach Faltermaier zu dieser Zeit wenig Aufmerksamkeit. Diese „Trennung von Körper und Seele“ sei erst im nachfolgenden Jahrhundert wieder aufgehoben worden (Faltermaier, 2005: 23).

1.1.2 Das 20. Jahrhundert als Wendepunkt

In der Mitte des 20. Jahrhundert erhielten psychische und soziale Bedingungsformen schließlich Einzug in die Diskussion, wie der Gesundheitsbegriff ausgelegt werden sollte (vgl. Faltermaier, 2017a: 672). Anteil an der Erweiterung des Gesundheitsbegriffs hatte in erster Linie die World Health Organization, kurz WHO, mit der Formulierung eines bis heute geltenden Grundsatzes:

„Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“ (WHO, 1948: 15)

Mit diesem Grundsatz beschreibt die WHO nicht nur ihr Verständnis von Gesundheit, die sich aus Faktoren des „vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ (Franke, 2012: 40) zusammensetzt, sondern distanziert sich konkret von zuvor gültigen Auslegungen des Gesundheitsbegriffes. Durch den angeführten Nebensatz wird deutlich, dass die WHO einen alleinigen Fokus auf die Abwesenheit von Krankheit als Voraussetzung für Gesundheit verneint. Laut Franke findet die Definition bis heute ein vergleichsweise hohes Maß an Zustimmung in den verschiedenen Forschungsbereichen, sodass die Zuteilung von Gesundheit als körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden eine dementsprechend hohe Popularität erzielen konnte. Gleichwohl habe der Begriff des Wohlbefindens Anlass zu einer großen Diskussion gegeben (vgl. ebd.).

Bei Hurrelmann findet sich eine Übersicht der Kernaspekte, die für das Verständnis von Gesundheit als Wohlbefinden prägend und zugleich diskussionswürdig erscheinen (vgl. Hurrelmann, 2010: 117). So wird angemerkt, dass die Definition zur Beschreibung von Gesundheit das subjektive Befinden des Menschen anstelle von externen Diagnosen in den Vordergrund stellt. Durch den Einbezug des Adjektivs ‚vollständig‘ setze die Definition zudem einen Idealzustand von Gesundheit fest. Des Weiteren kennzeichnet Hurrelmann die Entwicklung von einer biomedizinisch geprägten Eindimensionalität hin zur Mehrdimensionalität von körperlichem, geistigem und sozialem Wohlbefinden als auffälliges Merkmal dieser Definition, ebenso wie eine entgegengesetzte Positionierung von Krankheit und Gesundheit. (vgl. ebd.).

Die direkten Einwände gegen die Definition der WHO lassen sich nach Hurrelmann in einigen Hauptkritikpunkten zusammenfassen. Zum ersten werde der Vorwurf erhoben, die Einschätzung der eigenen Gesundheit als Wohlbefinden sei zu subjektiv, wenn ausschließlich der Mensch selbst über sein Wohl befinden könne. Die Entfernung von externen Diagnoseformen und Messmethoden scheint somit als äußerst kritisch betrachtet zu werden. Zweitens werde der formulierte Idealzustand aus Sicht von Kritikern als reine Utopie verstanden (vgl. Hurrelmann, 2010: 118). Nach Bergdolt ist die Formulierung eines vollständigen und mehrdimensionalen Wohlbefindens von der eigentlichen Realität weit entfernt, sodass nach diesem Verständnis lediglich eine sehr geringe Anzahl von Menschen als gesund betrachtet werden könnten (vgl. Bergdolt, 1999: 13). Als dritten Kritikpunkt verweist Hurrelmann auf die Frage nach der korrekten Auslegung eines vollständigen sozialen Wohlbefindens. Grund hierfür sei eine unzureichende Erläuterung dieser Komponente, sodass es als problematisch angesehen werde, das soziales Wohlbefinden eines Menschen einzuschätzen (vgl. Hurrelmann, 2010: 118). Ein letzter Hauptkritikpunkt bezieht sich auf die strikte Trennung von Krankheit und Gesundheit, die nach Definition der WHO als Gegenpole zu verstehen seien (vgl. ebd.: 118f.). Nach Bergdolt schließt dieses Verständnis die Existenz einer „Zwischenzone“ aus (Bergdolt, 1999: 12.). Gemeint ist hiermit ein Bereich, in den Beschwerden eingeordnet werden könnten, die dennoch nicht als Krankheit gelten (vgl. ebd.). Hurrelmann bestätigt diese Kritik, führt jedoch fernerhin an, dass sich im Zuge weiterer Auseinandersetzungen ein Verständnis von Stadien gebildet hat, die sich zwischen den beiden Polen Krankheit und Gesundheit befinden (vgl. Hurrelmann, 2010: 118f.).

Nach dieser Betrachtung erscheint es bemerkenswert, dass die Definition der WHO trotz aller Kritik in ihrer ursprünglichen Formulierung identisch geblieben ist und auch in der heutigen Zeit noch als angesehene Definition aufgeführt wird. Die kontrovers geführten Debatten können dennoch als Ausgangspunkt für weitere wissenschaftliche Diskussionen zur Auslegung von Gesundheit verstanden werden.

1.1.3 Weitere Definitionen des 20. und 21. Jahrhunderts

Um sich dem heutigen Verständnis von Gesundheit weiter anzunähern, stehen im Folgenden diverse Definitionen im Mittelpunkt, die nach Inkrafttreten der WHO-Verfassung im Jahr 1948 zur Fortentwicklung des Gesundheitsbegriffes beigetragen haben. In dieser Zeit wurden zahlreiche Versuche unternommen, Gesundheit weiterführend zu definieren. So kann die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als besonders produktive Phase der Auslegung von Gesundheit verstanden werden (vgl. Franke, 2012: 36f.). Ob diese hohe Anzahl an Deutungsansätzen als eine Reaktion auf die Definition der WHO zu verstehen ist, kann zwar nicht nachvollzogen werden, aber die vergleichsweise hohe Anzahl mehrdimensionaler Auslegungen von Gesundheit lässt jedoch auf einen Zusammenhang schließen (vgl. ebd.).

Eine Betrachtung einiger, von Franke ausgewählter Definitionen verdeutlicht den zunehmend mehrdimensionalen Charakter des Gesundheitsbegriffes (vgl. ebd.: 36ff.). So betrachtete der französische Arzt und Philosoph Georges Canguilhem Gesundheit als „biologische[n] Luxus“, da ein gesunder Körper fähig sei, sich von erlittenen Krankheiten wieder zu erholen (Canguilhem, 1950: 170). Der deutsche Philosoph Ernst Bloch fügte dem aus seiner Sicht zuvor biomedizinisch orientierten Verständnis von Gesundheit eine gesellschaftliche Perspektive hinzu: „Gesundheit wiederherstellen heißt in Wahrheit: Den Kranken zu jener Art von Gesundheit bringen, die in der jeweiligen Gesellschaft die jeweils anerkannte ist, ja in der Gesellschaft selbst erst gebildet wurde“ (Bloch, 1955: 539).

Ein weiterer Begriff wurde unter anderem vom amerikanischen Psychiater George L. Engel in die Diskussion eingebracht. Engel schrieb dem menschlichen Körper die Aufgabe zu, das gesundheitliche „Gleichgewicht“ zu erhalten (Engel, 1960, zitiert nach: Franke, 2012: 37). Werde das Gleichgewicht im Organismus gewahrt, sei es dem Menschen möglich, „mehr oder weniger frei von starkem Schmerz, Unbehagen, Handlungsunfähigkeit oder -einschränkung oder sozialer Leistungsunfähigkeit zu leben“ (ebd.). Das Verständnis von Gesundheit als Zustand des Gleichgewichts findet sich auch im Gesundheitsverständnis des deutschen Philosophen Hans-Georg Gadamer wieder, der Gesundheit als „Rhythmik des Lebens“ (Gadamer, 1993: 145) kennzeichnet. Ein weiterer Aspekt von Definitionen dieser Zeit ist der Einbezug einer Leistungskomponente. Sowohl der Soziologe Talcott Parsons als auch der Psychiater Giovanni Jervis integrieren eine Leistungskompetenz in ihre Auslegung von Gesundheit. Parsons betrachtet Gesundheit als einen „Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert worden ist“ (Parsons, 1967: 71). Für Jervis ist Gesundheit indessen vorhanden, wenn der Mensch in der Lage ist, „die physischen und psychischen Anlagen voll auszuschöpfen, d.h. die Fähigkeit, den eigenen Körper optimal zu gebrauchen“ (Jervis, 1978: 29).

Die Entwicklung des Gesundheitsbegriffes lässt sich darüber hinaus anhand der Definitionen in lexikalischen Artikeln nachvollziehen. So wurde Gesundheit in der Brockhaus-Enzyklopädie im Jahr 1969 als Zustand definiert, „in dem sich Lebewesen befinden, wenn all ihre Organe ungestört tätig sind und harmonisch zur Erhaltung ihres ganzen Wesens zusammenwirken sowie ihre Fortpflanzung gewährleisten (im Gegensatz zu Krankheit)“ (Brockhaus, 1969: 249).

Zwar wird im zugehörigen Artikel bereits auf die Definition der WHO verwiesen, Aspekte des Wohlbefindens sind im Rahmen der tatsächlichen Definition jedoch erst in späteren Ausgaben zu finden.

Im 21. Jahrhundert orientieren sich wissenschaftliche Definitionen und lexikalische Einträge verstärkt am Begriff des Wohlbefindens. Dies wird unter anderem anhand der Definition von Gesundheit in der aktuellen Brockhaus-Auflage deutlich: „Gesundheit, das ‚normale‘ (bzw. nicht ‚krankhafte‘) subjektive Befinden, Aussehen und Verhalten sowie das Fehlen von der Norm abweichender ärztlicher Befunde“ (Brockhaus, 2006: 659). In der heutigen Zeit dominieren vor allem Definitionen, die sich bemühen, möglichst viele Bereiche und Bestandteile von Gesundheit zu vereinen. Als Beispiel kann abschließend Hurrelmann genannt werden, der sowohl die WHO-Definition aufgreift, als auch Aspekte von Gleichgewicht, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude in seine Definition mit einbezieht (vgl. Hurrelmann, 2010: 7)6. Somit scheinen moderne Definitionen von Gesundheit im 21. Jahrhundert möglichst umfassend ausgelegt zu werden.

1.2 Zwischenfazit und Bedeutung für die eigene Erhebung

Es ist deutlich geworden, wie sich das Verständnis und daraus resultierend die Definition von Gesundheit über die Jahrhunderte aufgrund gesellschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Einflüsse gewandelt hat – von einem religiös geprägten Verständnis des Mittelalters über die vernunftgeleitete Interpretation von Gesundheit als natürlicher Zustand, dem Entstehungszeitalter der Biomedizin, bis hin zum Einbezug psychisch-sozialer Aspekte in den Gesundheitsbegriff. Die Herausbildung einer Definition kann zweifelsohne als dynamischer Vorgang bezeichnet werden, wobei Gesundheit bereits überwiegend mehrdimensional interpretiert wird (vgl. Faltermaier, 2017a: 672f.) Die Tatsache, dass viele Autoren um eine solch mehrdimensionale Auslegung des Gesundheitsbegriffes bemüht sind, deutet darauf hin, dass es bis heute nicht möglich zu sein scheint, im Rahmen dieser Mehrdimensionalität eine allgemeingültige Definition von Gesundheit festzulegen.

Zur Einordnung des Gesundheitsverständnisses von Kindern und Jugendlichen bietet es sich an, im Rahmen der aufgezeigten Mehrdimensionalität die einzelnen Dimensionen von Gesundheit herauszustellen, um die Aussagen dieser Zielgruppe besser erfassen und einordnen zu können. Für diese Arbeit ist jedoch eine exakte Abgrenzung der einzelnen Dimensionen notwendig, da dies insbesondere in der Definition der WHO nicht eindeutig bestimmt werden konnten (vgl. Hurrelmann, 2010: 118). Im Folgenden wird sich daher mit bestehenden Dimensionsmodelle auseinandergesetzt, um eine weitere Grundlage für die spätere Erhebung zu sichern.

2 Drei Dimensionen von Gesundheit

Da bereits Versuche unternommen wurden, die dargestellten Auslegungen in Dimensionen einzuordnen, wird sich im Folgenden auf eine bestehende Aufteilung nach Faltermaier bezogen. Hierbei werden drei weitumfassende Dimensionen von Gesundheit benannt, die scheinbar eng an die Beschreibung des mehrdimensionalen Wohlbefindens der WHO-Definition angelehnt sind. Nach Faltermaier kann der Gesundheitszustand eines Menschen im Rahmen einer biomedizinischen, einer psychischen und einer soziale Dimension beurteilt werden (vgl. Faltermaier, 2017b: 670f.). Unterschieden werden muss hierbei zwar deutlich zwischen den Dimensionen von Gesundheit allgemein und den Dimensionen des Wohlbefindens im Sinne der WHO, dennoch nehmen beide Verständnisse ähnliche Unterteilungen vor, die im Folgenden herausgearbeitet werden.

Zunächst gilt es, die drei Dimensionen nach Faltermaier differenziert darzustellen. In diesem Zusammenhang sollen einige der behandelten Definitionen sowie Aspekte eines weiteren Dimensionen-Modelles nach Franke diesen drei Hauptdimensionen zugeordnet werden (vgl. Franke, 2012: 38ff.). Ziel ist es, die drei Dimensionen für die spätere Erhebung so deutlich wie möglich voneinander abzugrenzen und eindeutige Kriterien für die Einteilung eines Verständnisses im Rahmen der jeweiligen Dimension festzulegen. Dabei ist jedoch anzumerken, dass sich die Dimensionen nach Angabe beider Autoren nicht vollständig voneinander trennen lassen, sodass eine Differenzierung zwischen den Dimensionen mit Bedacht erfolgen muss (vgl. ebd.: 38; vgl. Faltermaier, 2017: 671).

2.1 Die Dimension der biomedizinischen Gesundheit

Die biomedizinische Dimension beschränkt sich nach Faltermaier ausschließlich auf die Beurteilung der körperlichen Verfassung. Der Autor unterscheidet hierbei zwischen einer positiv-gesundheits- und einer negativ-krankheitsorientierten Perspektive. Aus negativer Perspektive werde der Körper lediglich dann als gesund bezeichnet, wenn keine medizinisch erfassbaren Beschwerden vorliegen (vgl. Faltermaier, 2017b: 670). Nach diesem Verständnis werde Gesundheit als „Schweigen der Organe“ verstanden (Paul Valéry, o.D., zitiert nach: Keil, 2015: 21; vgl. Faltermaier, 2017b: 670). Dieser Sichtweise entspricht auch die von Franke beschriebene Dimension von „Gesundheit als Störungsfreiheit“ (Franke, 2012: 38). Hierbei dienen nach Franke in erster Linie festgesetzte Zahlenwerte als Messinstrument zur Bestimmung von Störungsfreiheit (vgl. Franke, 2012: 38f.). Als Beispiel hierfür sind unter anderem anthropometrische Messungen zu nennen, zu denen unter anderem die Ermittlung des Body-Maß-Index und des Körperfettanteils zählen (vgl. o.A., Anthropometrie, in Wirtz, 2017: 164). Wer letztlich als störungsfrei zu bezeichnen ist, kann im Rahmen dieser Dimension nach Franke ausschließlich anhand von externen Messungen ermittelt werden (vgl. Franke, 2012: 39f.). Dennoch wird die körperliche Gesundheit häufig subjektiv beurteilt, sodass auch der Aspekt des körperlichen Wohlbefindens dieser Dimension zugeordnet werden kann.

Eine positive Betrachtung von Gesundheit bezieht sich nach Faltermaier hingegen nicht ausschließlich auf das Fehlen von Beschwerden, sondern auf die „Erhaltung der Funktionen des Körpers, den ‚normalen‘ Zustand des Körpers und seiner Funktionen sowie die physische Leistungsfähigkeit“ (Faltermaier, 2017b: 670). Dementsprechend können auch Maßnahmen und Handlungen zu einer solch positiven Betrachtung gezählt werden, die mit der Intention durchgeführt werden, diesen Zustand des Körpers aufrechtzuerhalten oder zu verbessern. Zu möglichen Einflussfaktoren, die sich allein auf den biomedizinischen Zustand des Körpers beziehen, können nach diesem Verständnis beispielsweise das Ernährungs- und Bewegungsverhalten gezählt werden.

2.2 Die Dimension der psychischen Gesundheit

Bevor diese Dimension ausführlich betrachtet werden kann, bedarf es einer Abgrenzung einzelner Begrifflichkeiten. Der Vergleich mit den drei Dimensionen des Wohlbefindens der WHO zeigt, dass anstelle von psychischer Gesundheit von geistigem Wohlbefinden die Rede ist, obwohl zunächst vermutet werden kann, dass beide Dimensionen auf eine ähnliche Bedeutung anspielen. Aus diesem Grund sollen die Begriffe Psyche, Geist und auch Seele eine kurze psychologische Betrachtung erfahren.

Der Begriff der Psyche steht nach Definition des Dorsch-Lexikons für die „Gesamtheit Bewusstes/Unbewusstes“ und bildet das Gegenstück zum leiblichen Körper (o.A., Psyche, in Wirtz, 2017: 1344). Aus diesem Grund scheint die Verwendung dieses Begriffes eine zusammenfassende und überordnende Funktion einzunehmen. Geistige und seelische Vorgänge werden nach Lexikoneintrag in der Psychologie hingegen synonym verwendet. Jedoch wird mit geistigen Fähigkeiten das „Denken […] und Wollen“ des Menschen ausgedrückt, das sich unter anderem in Einstellungen und Handlungen manifestiert (o.A., Geist, in Wirtz, 2017: 648).

Bei Betrachtung der psychischen Dimension differenziert Faltermaier ebenfalls zwischen einer positiv-gesundheitsorientierten und einer negativ-krankheitsorientierten Betrachtungsweise von Gesundheit. Aus der negativen Perspektive sei ein Mensch ausschließlich dann gesund, wenn keine psychischen Erkrankungen festzustellen sind (Faltermaier, 2017b: 670). Nach positivem Verständnis ist ein gesunder Mensch laut Faltermaier hingegen über „seelisches Wohlbefinden und psychische Handlungsfähigkeit“ zu definieren (Faltermaier, 2017b: 671). Den Begriff des Wohlbefindens beschreibt Faltermaier in dieser Dimension mit den Eigenschaften von Ausgeglichenheit und Zufriedenheit (ebd.). Fernerhin sind „Lebensfreude, Verwirklichung persönlicher Ziele und Sinnfindung“ Teil eines psychischen Wohlbefindens nach Faltermaier, das zudem auch „geistige Leistungsfähigkeit“ beinhaltet und „in einem Gefühl psychischer Stärke und Widerstandsfähigkeit“ erkennbar sein kann (ebd.).

2.3 Die Dimension der sozialen Gesundheit

Abschließend betrachtet Faltermaier die soziale Dimension von Gesundheit. Laut Faltermaier zeigt sich soziale Gesundheit „in der Integration in soziale Netzwerke, in der Kontaktfähigkeit und dem sozialen Wohlbefinden (Erleben von Harmonie) innerhalb von sozialen Beziehungen“ (Faltermaier, 2017b: 671). Des Weiteren zählt der Autor den Begriff der Leistungsfähigkeit nach soziologischer Definition nach Parsons ebenfalls zu dieser Dimension (vgl. ebd.; vgl. Kap. 1.1.3). Bezüglich der Leistungskomponente kann hierbei zudem auf Franke verwiesen werden. Die Autorin führt an, dass sich der Leistungsbegriff auf die Erwartung bezieht, eine in der Gesellschaft zugeteilte Rolle zu erfüllen, die sowohl beruflicher als auch privater Natur sein kann. Gefordert seien aus psychologischer Perspektive diverse Fähigkeiten und Kompetenzen, um die Bedeutung dieser Fähigkeiten im alltäglichen Leben hervorzuheben (vgl. Franke, 2012: 42f.). Demnach zählen „Anpassungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, […] Durchsetzungsfähigkeit“ sowie „Liebes- und Arbeitsfähigkeit“ ebenso zu den geforderten Eigenschaften eines gesunden Menschen wie Kompetenzen „zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse“ und „in sozialen Beziehungen“ (ebd.: 43).

2.4 Bedeutung für die eigene Erhebung

Durch die Aufstellung von Dimensionen ist es möglich, die Aussagen zum Verständnis von Gesundheit einzuordnen und Positionen und Hintergründe von Befragten sichtbar zu machen. Auf Basis der dargestellten Dimensionen ist es realisierbar, das Gesundheitsverständnis der Befragten zu beschreiben und anhand dessen Möglichkeiten zur Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen im Kontext abzuleiten. Es soll deutlich werden, im Rahmen welcher Dimensionen Gesundheit gedeutet wird und welche Dimensionen den Kindern und Jugendlichen unter Umständen noch verschlossen geblieben sind.

3 Das salutogenetische Gesundheitsmodell nach Aaron Antonovsky

Anhand der dargestellten Dimensionen und ihrer Auslegung ist sichtbar geworden, dass es sowohl gesundheits- als auch krankheitsorientierte Verständnisse von Gesundheit gibt. Mittlerweile finden sich diese Verständnisse in einigen Modellen wieder, die sich mit dem Umgang von Gesundheit und Krankheit befassen. In diesem Kapitel steht ein Begriff im Fokus, der die Gesundheitswissenschaften maßgeblich geprägt hat und auch in der modernen Gesundheitsförderung eine große Rolle spielt. Es handelt sich um den Begriff der Salutogenese, der auf den Mediensoziologen Aaron Antonovsky zurückzuführen ist (vgl. Antonovsky, 1997: 15). Im Rahmen salutogenetischer Modelle verschiebt sich der Fokus von der Betrachtung der Entstehung von Krankheit, dementsprechend als Pathogenese bezeichnet, hin zu der Frage, wie eigentlich Gesundheit entsteht (vgl. ebd.).

Im Folgenden erfährt das Modell der Salutogenese nach Antonovsky eine gezielte Betrachtung. Das Kapitel soll als theoretische Grundlage dienen, um die wesentlichen Aspekte salutogenetischer Konzepte im Rahmen der Gesundheitsförderung herausstellen und auf ihre Bedeutung für die Förderung im Kontext Schule überprüfen zu können. Gleichzeitig bildet dieses Kapitel den Abschluss wissenschaftlichen Betrachtung der Frage, wie das Gesundheitsverständnis nach modernen Interpretationen ausgelegt werden kann.

3.1 Ausgangslage – Gesundheit als Gleichgewicht oder Flexibilität?

Um das Salutogenese-Modell umfassend untersuchen zu können, muss zunächst die Ausgangslage für die Gedankenstrukturen Antonovskys dargelegt werden. Die Frage nach dem Verständnis von Gesundheit als Zustand des Gleichgewichts oder als flexibles, sich kontinuierlich veränderndes Gefüge stellt die Grundlage salutogenetischer Überlegungen dar.

In der Forschung lassen sich Auffassungen vorfinden, nach denen Gesundheit als Zustand von äußerem sowie innerem Gleichgewicht zu begreifen sei, das zur Bewahrung der Gesundheit aufrechterhalten bzw. wiederhergestellt werden muss. Diesem Verständnis, dass sich auch bei Hurrelmann wiederfinden lässt (vgl. Kap. 1.2.3), ist der Fachterminus der „Homöostase“ zugeteilt (Franke, 2012: 45). Nach Schübel ist die Vorstellung des inneren Gleichgewichts, indem sich sowohl Geist als auch Körper in einem Balance-Zustand befinden, in der asiatischen Gesundheitslehre verwurzelt (vgl. Schübel, 2016: 43). Das Verständnis von einem Gleichgewicht im menschlichen Körper kann Franke zufolge jedoch nicht ausschließlich auf eine innere Balance bezogen werden, sondern schließt auch die harmonische Interaktion mit der äußeren Umwelt ein. Gerät das Gleichgewicht durch äußere Einflüsse ins Wanken, sei der Körper eines gesunden Menschen dazu in der Lage, schnellstmöglich auf diesen Umstand zu reagieren und ihm entgegenzuwirken, um die Balance wiederherzustellen (vgl. Franke 2012: 46).
Ein vollkommen konträres Verständnis geht hingegen von der Sichtweise aus, Gesundheit als Flexibilität zu verstehen. Nach Franke wird Gesundheit zwar erneut als Fähigkeit interpretiert, aus einem Zustand heraus auf äußere Einwirkungen reagieren zu können, jedoch stehe dem Verständnis von Gesundheit als Homöosthase an dieser Stelle die Heterostase gegenüber – der Vorstellung eines Ungleichgewichts innerhalb des menschlichen Körpers (vgl. ebd.: 47). Während das Homöostase-Modell auf die Rückkehr zu ein und demselben Zustand abzielt, bedeutet Gesundheit, dem Verständnis der Heterostase nach Franke entsprechend, dass der menschliche Körper in der Lage ist, den Angriffen und Beeinträchtigungen von außen sowie von innen durch flexible Veränderungen Widerstand zu leisten, ohne dabei zu einem Grundzustand zurückzukehren. Stattdessen existiere im Sinne der Heterostase kein Grundzustand, sondern lediglich eine dauerhafte Form der Veränderung, mit der sich der menschliche Körper gegenüber den beschriebenen Einflüssen zu wehren versucht. Grund für diese Auslegung sei die Annahme, dass nicht das Gleichgewicht den Normalfall darstellt, sondern die andauernde Auseinandersetzung mit äußeren, gefährdenden Einflüssen. Gesund wäre nach diesem Verständnis nicht, wer sein Gleichgewicht immer wieder neu herstellen kann. Stattdessen wären gesunde Menschen dazu in der Lage, sich erfolgreich und in stetiger Veränderung und Flexibilität eindringenden Angriffen zu widersetzen (vgl. ebd.).

3.2 Das salutogenetische Gesundheitsverständnis

Antonovskys Verständnis lässt sich auf das Modell der Heterostase zurückführen. Antonovsky nimmt demzufolge an, dass Krankheiten nicht nur als Störung eines Normalzustandes anzusehen sind. Stattdessen befindet sich der menschliche Organismus nach diesem Verständnis in dauerhafter Veränderung dadurch bedingt, dass der Mensch einer Entropie ausgesetzt ist – einem Zustand der Unordnung. Diese These kann laut Franke bereits dadurch bestätigt werden, dass der menschliche Organismus auf Energie von außen angewiesen ist und ohne diese Energiezufuhr nach kurzer Zeit verenden würde. Die Energieaufnahme sei hierbei als eine von diversen Stimuli zu verstehen, die auf den Organismus einwirken und andauernde Anpassungen erfordern (vgl. Franke 170, f; vgl. Antonovsky, 1997: 29).

Die Frage nach der Erklärung von Gesundheit bildet die Ausgangslage salutogenetischer Denkansätze (vgl. Antonovsky, 1997: 22). Antonovsky weist darauf hin, dass zuvor, unabhängig eines gesundheits- oder krankheitsorientierten Blickwinkels, Gesundheit überwiegend als „Dichotomie“ betrachtet wurde – einem Modell, in dem Krankheit und Gesundheit strikt voneinander zu trennen sind (ebd.: 23). So sei stets zwischen kranken und gesunden Menschen unterschieden worden, während der Fokus dauerhaft auf der Erhaltung von Gesundheit lag . Antonovsky schlägt hingegen vor, Gesundheit nicht länger als Dichotomie zu verstehen, sondern als „Kontinuum“ zu betrachten (ebd.). Das vorherrschende dichotome Verständnis wird mit der Begründung widerlegt, dass alle Menschen zwar sterblich sind, bis zum Augenblick des Ablebens jedoch immer noch am Leben seien und somit in gewisser Weise weiterhin als gesund bezeichnet werden könnten (vgl. ebd.) Antonovsky betitelt sein salutogenetisches Gesundheitsmodell daher als „Gesundheits-Krankheits-Kontinuum“ (ebd.). Unter Berücksichtigung der Heterostase-Dimension bewegen sich Menschen nach Verständnis von Antonovsky dauerhaft auf diesem Kontinuum, entweder in Richtung des Krankheits- oder des Gesundheitspols. Ziel der Mediziner müsse es demnach sein, die Position ihres Patienten auf dem Kontinuum durch Behandlung in Richtung des Gesundheitspols zu lenken (vgl. ebd.). Antonovsky kritisiert das dichotome Verständnis von Gesundheit und Krankheit dahingehend, dass die Aufmerksamkeit verstärkt auf der Pathologie liegen würde. Anhängern dieses Ansatzes sei es nicht möglich, sich auf die allgemeine Gesundheit zu konzentrieren, da ihr Fokus zu stark auf die Krankheit gerichtet sei. Nach diesem Verständnis stehen somit gesundheitsgefährdende Risikofaktoren im Zentrum pathogenetischer Aufmerksamkeit (vgl. ebd.: 23ff.). Nach Antonovsky soll die salutogenetische Orientierung hingegen zu Gedanken anregen, die „zu einer Bewegung in Richtung auf das gesunde Ende des Kontinuums beitragen“ (ebd.: 25). Nach Antonovsky gelangt der Mensch nicht nur in diese Richtung, indem er weniger Risikofaktoren aufweist. Vielmehr werden einige Strategien und Ressourcen benannt, mithilfe derer Menschen ihre Position auf dem Kontinuum in Richtung des Gesundheitspols verändern können (vgl. Antonovsky, 1997: 25).

3.3 Stressoren und Widerstandsressourcen

Nach dem Verständnis der Heterostase sieht sich der Mensch in seinem Leben diversen Stressoren ausgesetzt, die für den bereits beschriebenen Zustand der Entropie verantwortlich sind. Antonovsky beschreibt Stressoren als „Herausforderungen, für die es keine unmittelbar verfügbaren oder automatisch adaptiven Reaktionen gibt“ (Antonovsky, 1979, zitiert nach Antonovsky, 1997: 43). Antonovsky benennt drei Formen von Stressoren, die jedoch nicht strikt voneinander getrennt werden können. Als Stressoren gelten andauernde, „chronische“ Herausforderungen, wichtige „Lebensereignisse“ sowie „tägliche Widrigkeiten“ (Antonovsky, 1997: 44f.). Während Stressoren aus pathogenetischer Perspektive als Risikofaktoren bewertet werden (vgl. ebd.: 26), identifiziert Antonovsky auch positive Stressoren. Für den Bereich der bedeutsamen Lebensereignisse werden neben negativen Stressoren wie einer Scheidung oder einer Kündigung auch positive Erfahrungen gezählt, beispielsweise eine berufliche Beförderung oder die Geburt des eigenen Kindes (vgl. ebd.: 44). Somit wird deutlich, welche Bedeutung Antonovsky der Einwirkung von Stressoren auf die menschliche Gesundheit beimisst. Aus diesem Grund wird postuliert, im Krankheitsfall stets die Lebensgeschichte des Menschen zu untersuchen und nicht nur die „Ätiologie“, die pathologischen Symptome der Krankheit (ebd.: 29). Des Weiteren fordert Antonovsky eine Suche nach „Quellen der negativen Entropie […], die die aktive Adaption des Organismus an seine Umgebung erleichtern können“ (ebd.: 30). Gemeint sind hiermit Ressourcen, die als Reaktion auf Stressoren genutzt werden können, um die eigene Position auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum beizubehalten oder sich weiter in Richtung des Gesundheitspols bewegen zu können. Antonovsky spricht hierbei von „Copingressourcen“, die als Strategien zur Bewältigung oder zur Überwindung von Problemen zu deuten sind (ebd.: 30). Aus diesem Verständnis erwächst schließlich das „Konzept der generalisierten Widerstandsressourcen“ (Antonovsky, 1997: 16), indem verschiedene Ressourcen zur Reaktion auf Stressoren genannt werden. Franke differenziert hierbei „gesellschaftliche Widerstandsressourcen“ (Franke, 2012: 173), wie die Intaktheit sozialer und politischer Strukturen innerhalb einer Gesellschaft, von “individuellen Widerstandsressourcen“ (ebd.), die wiederum auf „kognitiver“, „psychischer“, „physiologischer“, „ökonomischer“ sowie „materieller“ Ebene entwickelt werden können (Franke, 2012: 173). Die Bestandteile dieser Ebenen fasst Franke in einem Modell zusammen, das für diese Arbeit übernommen wird und als Orientierung dienen soll (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Abb. 1: Generalisierte Widerstandsressourcen nach Antonovsky, übernommen nach: Franke, 2012: 173

3.4 Das Kohärenzgefühl

Das Kohärenzgefühl kann als Maß der Überzeugung beschrieben werden, inwieweit sich eine Person gegenüber Stressoren zu behaupten weiß und daraus resultierend für sich selbst das Gefühl entwickeln kann, für die Anforderungen des Lebens gerüstet zu sein (vgl. Franke, 2012: 174). Für Antonovsky stellt dieses Gefühl die Antwort auf die salutogenetische Frage dar. Das Kohärenzgefühl sei maßgeblich an der eigenen Verortung im Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, insbesondere der Orientierung in Richtung des gesunden Pols, beteiligt (vgl. Antonovsky, 1997: 33). Antonovsky fasst die Bedeutung des Kohärenzgefühls wie folgt zusammen: „Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, daß (sic!)

1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“. (Antonovsky, 1997: 36)

Mit dieser Definition stellt Antonovsky drei wesentliche Komponenten des Kohärenzgefühls heraus, die er als „Verstehbarkeit“, „Handhabbarkeit“ und „Bedeutsamkeit“ kennzeichnet (Antonovsky, 1997: 34). Das Kohärenzgefühl einer Person wird danach gemessen, wie stark die Überzeugung in den drei Teilkomponenten jeweils ausgeprägt ist.

Nach Antonovsky geht ein hohes Maß an Verstehbarkeit mit der Erwartung einher, eintretende Situationen und Entwicklungen für sich erklären zu können (vgl. ebd.). Die Umwelt werde bei hoher Ausprägung als „geordnete, konsistente, strukturierte und klare Information“ wahrgenommen, nicht als „chaotisch, ungeordnet, willkürlich, zufällig und unerklärlich“ (ebd.). Auch die Komponente der Handhabbarkeit wird klar definiert. Stehen einer Person große Mengen an generalisierten Widerstandsressourcen zur Verfügung, ist sie nach Antonovsky dazu in der Lage, mit eintretenden Negativereignissen und großen Herausforderungen umgehen zu können, ohne sich selbst als Opfer zu betrachten (vgl. ebd.: 35). Ein hohes Maß an Bedeutsamkeit könne schließlich dann erkannt werden, wenn das eigene Leben als sinnvoll empfunden wird und den jeweiligen Anforderungen mit großem Engagement begegnet wird (vgl. ebd.: 35).

3.5 Bedeutung des salutogenetischen Modells für die eigene Erhebung

Das salutogenetische Modell von Aaron Antonovsky rückt die Frage nach der Entstehung von Gesundheit in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die Auseinandersetzung mit Stressoren und Widerstandsressourcen sowie das Verständnis eines Kohärenzgefühl zu der Fähigkeit, sich auf einem heterostatischen Kontinuum zwischen Krankheit und Gesundheit zu bewegen, scheinen auch in der Gesundheitsförderung wahrgenommen zu werden. Um diese These zu überprüfen und daraus Konsequenzen für die eigene Erhebung ziehen zu können, wird das salutogenetische Gesundheitsmodell im Zuge der Bedeutung von schulischer Gesundheitsförderung in Kapitel 6.2 erneut aufgegriffen.

4 Studienlage zum Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Nachdem die vorausgegangenen Kapitel der Entwicklung des Gesundheitsbegriffes gewidmet waren, beinhalten die folgenden Ausführungen eine Betrachtung der Forschungslage zum Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen. Bevor im empirischen Hauptteil dieser Arbeit analysiert werden kann, wie sich dieses Verständnis in die bereits aufgestellten Dimensionen von Gesundheit einordnen lässt, muss zunächst herausgestellt werden, inwiefern diese Frage in der Kinder- und Jugendforschung bereits in anderen Studien erhoben wurde. Zu dieser Fragestellung werden insgesamt fünf bundesweite Kinder- und Jugendstudien untersucht, die sich im Bereich dieser Zielgruppe mit dem Thema Gesundheit beschäftigt haben.

[...]


1Es handelt sich um eine Onlinequelle. Bundesärztekammer (Hg.) (2017): Schulunterricht: Plädoyer für Fach „Gesundheit“. Online: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/75802/Schulunterricht-Plaedoyer-fuer-Fach-Gesundheit, zuletzt aufgerufen am 02.10.18, 17:57 Uhr.

2Es handelt sich um eine Onlinequelle. Mitteldeutscher Rundfunk (2018): Schulfach Gesundheit? Politik sieht keinen Handlungsbedarf. Online: https://www.mdr.de/wissen/bildung/gesundheit-als-schulfach-stimmen-aus-sachsen-sachsen-anhalt-thueringen-100.html, zuletzt aufgerufen am 02.10.18, 18:21 Uhr.

3Es handelt sich um eine Onlinequelle. Süddeutsche Zeitung GmbH (2018): https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/studie-zur-gesundheit-mehr-als-jedes-siebte-kind-in-deutschland-ist-zu-dick-1.3907059

4Zur vereinfachten Lesbarkeit wird die Bezeichnung der Gesamtmenge von Schülerinnen und Schüler in Form eines Gendersternes kenntlich gemacht. So sind Schülerinnen in der Bezeichnung Schüler* stets miteinbezogen.

5Es handelt sich um eine Onlinequelle. World Health Organization (1948): CONSTITUTION

OF THE WORLD HEALTH ORGANIZATION. Online: http://apps.who.int/gb/bd/PDF/bd47/EN/constitution-en.pdf, zuletzt aufgerufen am 06.10.2018, 11:31 Uhr.
Übersetzung: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ (Franke, 2012: 40).

6Die Definition nach Hurrelmann lautet: „Gesundheit bezeichnet den Zustand des Wohlbefindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich körperlich, psychisch und sozial in Einklang mit den jeweils gegebenen inneren und äußeren Lebensbedingungen befindet. Gesundheit ist nach diesem Verständnis ein angenehmes und durchaus nicht selbstverständliches Gleichgewichtsstadium von Risiko- und Schutzfaktoren, das zu jedem lebensgeschichtlichen Zeitpunkt immer erneut her gestellt (sic!) werden muss. Gelingt das Gleichgewicht, dann kann dem Leben Freude und Sinn abgewonnen werden, ist eine produktive Entfaltung der eigenen Kompetenzen und Leistungspotentiale möglich und steigt die Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu integrieren und zu engagieren“. (Hurrelmann, 2010: 7)

Ende der Leseprobe aus 197 Seiten

Details

Titel
Zum Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext
Untertitel
Eine empirische Erhebung zu Möglichkeiten der Förderung des Gesundheitsbewusstseins
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
197
Katalognummer
V539332
ISBN (eBook)
9783346163028
ISBN (Buch)
9783346163035
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitsförderung, Gesundheit, Jugendgesundheit, Gesundheitsverständnis, Kindergesundheit, Salutogenese, Pathogenese, Empirie, Forschung, Fitness, Ernährung, Studie
Arbeit zitieren
Alexander Moeksis (Autor), 2018, Zum Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539332

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