Politische Lyrik im Mittelalter. Die Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide


Hausarbeit, 2020

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politik im deutschen Mittelalter
2.1 Politische Umstände zu Zeiten Walthers von der Vogelweide
2.2 Politische Lyrik
2.3 Ursprung Walthers politischer Dichtungen

3. Kirchenkritische Äußerungen im Unmutston
3.1 L 31,13 Gut und Ehre
3.2 L 33,21 Innozenz und Gebreht
3.3 L 34,4 Erste Opferstockstrophe
3.4 L 34,14 Zweite Opferstockstrophe
3.5 L 33,1 Verführte Christlichkeit
3.6 L 33,11 Der junge und der alte Judas
3.7 L 33,31 irregeleitete Christlichkeit

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Walther von der Vogelweide, der als einer der wirksamsten und namhaftesten Lyriker des Mittelalters gilt, nahm sich als einer der Ersten der politischen Sangspruchdichtung an. In einer Vielzahl seiner Spruchdichtungen äußert er sich kritisch gegenüber der Reichspolitik. Darüber hinaus beanstandet er auch die Kirche stark, was ich anhand einiger Strophen des Unmutstons darstellen werde. Ein besonderes Augenmerk lege ich dabei auf die beiden Opferstockstrophen, da sie im hohen Maße von Kirchen- und Papstkritik geprägt sind. Ich legte mich auf diesen Ton fest, da er einer der bekanntesten im politischen Rahmen ist und er sich für die Untersuchung von kirchenpolitischen Äußerungen Walthers qualifiziert. Besonders Papst Innozenz der III. erntet in ihnen starke Kritik, da er mehrerer sündhafter Taten bezichtigt wurde.

Es ist unerlässlich, Walthers Sprüche im historischen und gesellschaftlichen Kontext zu betrachten. Aufgrund dessen werde ich mich zunächst mit dem politischen Umfeld befassen, in welches Walther von der Vogelweide hineingeboren wurde. Daran anknüpfend wende ich mich der politischen Lyrik im Mittelalter zu, da die Vertrautheit mit diesem Sujet als Fundament zum Verständnis Walthers Sprüche dient. Innerhalb dessen widme ich mich einer der zentralen Fragestellungen, mit welchen Grenzen politische Dichter im Mittelalter konfrontiert wurden. Auch die Schnittmenge zwischen dem Dichter und der Politik lege ich kurz dar. Dies umfasst auch die Klärung der Frage, ob der Dichter seine subjektive Meinung kundtat oder im Auftrag arbeitete. Unter Berücksichtigung dieser Umstände lassen sich im Anschluss die Sangspruchstrophen analysieren. Im Herzstück dieser Hausarbeit widme ich mich den papst- und kirchenkritischen Äußerungen Walthers im Unmutston. Besonders hebt sich die Verwendung des Stilmittels Ironie ab. Dies spiegelt das Talent Walthers von der Vogelweide wider, Politik und Dichtung ästhetisch miteinander zu vereinen. Abschließend werde ich die wichtigsten Erkenntnisse prägnant darstellen, sodass eine Zusammenfassung der bearbeiteten Felder entsteht.

2. Politik im deutschen Mittelalter

2.1 Politische Umstände zu Zeiten Walthers von der Vogelweide

Diesen Teil der Hausarbeit gestalte ich mittels Hahns1 Übersicht: Da Walther aktuelle Tagesthemen in seinen Spruchdichtungen zum Ausdruck brachte, sind für den heutigen Rezipienten die damaligen Ereignisse zu Walthers Zeit maßgeblich.

Durch das Ableben Kaisers Heinrich VI. im Jahre 1197, der der Kaiser der Staufer war, machte sich Unordnung im Volk einher. Um dieser entgegenzuwirken, nahm Philipp von Schwaben übergangsweise den Platz des Reichsregenten ein. Papst Innozenz III.

„[…] wird mit seiner Politik der Wiederherstellung und Mehrung des Kirchenstaats und der Behauptung einer universalen päpstlichen Gewalt der große Gegenspieler der deutschen Könige.“2

Nachdem Papst Innozenz der III. gewählt wurde, gewann Philipp von Schwaben die Menschen für sich und wurde zum König mit echten Throninsignien gewählt. Da dies aber nicht am vorgesehenen Ort oder von der vorgesehenen Person vollbracht wurde und Philipp von Schwaben es verpasste, die Krönung nachzuholen, eröffnete sich eine Gelegenheit für die Welfen. Diese übermittelten schnellstmöglich Otto von Braunschweig die Königskrone. Jener wurde allerdings ohne die echten Throninsignien gekrönt, dafür aber von der dazu qualifizierten Person. Am 08.09.1198 holte Philipp seine Krönung schließlich nach, welche allerdings nicht vom Kölner Erzbischof, sondern vom burgundischen Erzbischof zelebriert wurde. Zur Etablierung von Ordnung musste daraufhin eine rechtmäßige Lösung gefunden werden und von Papst Innozenz III. wurde eine Entscheidung erwartet, da beide die Kaiserkrönung von ihm verlangten. Nach mehreren Jahren Briefkontakt zwischen dem Papst und den Königen, entschied er sich für Otto und erstreckte über Philipp von Schwaben und seine Anhänger einen Bann. Es folgten weitere Jahre des Thronstreites, in denen es Philipp schaffte, Welfen für sich zu gewinnen. Nachdem Philipps Verbündeter einen Verbündeten Ottos schlug, begab sich der Kölner Erzbischof auf die ihrige Seite und krönte Philipp schließlich in Aachen. Der über ihn erhobene Bann wurde aufgehoben, sodass er offiziell als König anerkannt werden konnte. Otto hingegen verzichtete auf seinen Thron. Aus Rachsucht wurde Philipp 1208 ermordet und Otto somit auch von der gegnerischen Partei als König anerkannt und erneut gewählt. Kurze Zeit darauf wurde er zum Kaiser ernannt, doch 13 Monate später wurde der päpstliche Bann über ihn verhängt. Um weiterhin einen Kaiser im Lande zu haben, wurde der Staufer Friedrich II. zum Kaiser gekrönt, woraufhin Otto nach Deutschland eilte, aber keinen langfristig nennenswerten Erfolg hatte. Im Jahre 1214 wurde Otto von den Franzosen geschlagen.

Bis hierhin ist deutlichen zu erkennen, welche Unruhen und welches Chaos im Reich herrschte. Aus diesem Kontext heraus entstanden eine Vielzahl Walthers Sangspruch-Töne, welche von Simrock und Burdach sowohl gruppiert, als auch benannt wurden.3 Da der Unmutston, auf den ich mich beziehe, in den Jahren 1212/1213 entstand, erfolgt der geschichtliche Überblick nur bis zu diesem Zeitpunkt.

2.2 Politische Lyrik

Die Sangspruchdichung beschäftigt sich im Gegensatz zum Minnesang mit religiösen, ethnisch-moralischen und politischen Themen und übt Kritik an Kirche und Gesellschaft aus.4 Der performative Akt spielt eine entscheidende Rolle, denn die Sangspruchdichtung ist eine

„formal gesungene Lieddichtung in mittelhochdeutscher Sprache, […] inhaltlich Sangverslyrik, die […] von Fragen der richtigen und falschen Lebensführung (Moral/Ethik), von der Problematik der Sängerexistenz, von Politik und Religion handelt.“5

Des Weiteren wird die Sangspruchdichtung dadurch gekennzeichnet, dass sie an lebensnahen Erfahrungen grenzt und somit mehr „Tagesaktualität“6 besitzt. Überwiegend erfüllt sie den Charakter der Auftragskunst, da die Dichter meistens fahrend waren und sich Gönner suchen mussten. Diese Gönner gaben ihnen für die vorgetragene Dichtkunst milte. Taten sie es nicht, so konnte ihr Ansehen fallen, da die fahrenden Dichter von Hof zu Hof berichten konnten. Sie waren in einer Position, in der auch sie Macht besaßen, „publizistische Macht“7.

„Das Verhältnis zwischen Publikum/Gönnern sowie den Autoren war also durchaus kompliziert und durch gegenseitige Abhängigkeiten bestimmt, durch die auch sonst bekannte Dialektik von ‚Herr‘ und ‚Knecht‘.“8

Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist kein Fortgang der Geschichte gewährleistet, wenn Herr und Knecht aufhören, das zu sein was sie sind. Denn nur durch ihr gegenüber können sie sich definieren, da der Knecht den Herrscher auch als diesen anerkennen muss - sie bedingen einander.9

2.3 Ursprung Walthers politischer Dichtungen

Auch Walthers von der Vogelweide mehrstrophige Sangspuch-Töne entstanden meist durch Aufträge von Herrschern bzw. Gönnern. Soweit bekannt, hatte er nach 1198 keine langfristige und gesicherte Arbeit mehr.10 „Es bedeutet eine ständige Demütigung, wenn man anders als der wirt, der Hausherr, nicht selbst über Ort und Zeit bestimmen kann.“11 Die wichtigste Neuerscheinung war das Integrieren der Politik im Sangspruch und das Thematisieren von nicht-lokalen Ereignissen. Walthers Töne stellen Themen dar, die die wichtigsten Fragen seiner Zeit widerspiegeln.12

„Ein Ziel hat Walther in allen wechselnden Diensten […] vertreten, die Abwehr politischer Ansprüche der Papstkirche, die er zu einer allgemeinen Kritik ihres auftragswidrigen Verhaltens ausweitet.“13

Mit jener allgemeinen Kritik fand er Anhänger bzw. machte zumindest auf sich aufmerksam. Aber auch der Spruchdichter hatte seine Grenzen. So konnte sich Walther nicht beliebig zu jedem politischen Ereignis äußern.14 Stattdessen thematisierte er die politischen Ereignisse, mit denen die Menschen vertraut waren. Auch Walther kann nur aus der gemeinsamen Wissensgrundlage wie das Volk heraus dichten, da auch er keinen Zugang zu internen Sitzungen und Gesprächen zwischen den Herrschern hatte. Seine politischen Aussagen sind als „Herrscherlob oder -schelte“15 gestaltet. Die politischen

„Forderungen bleiben auffällig oft auf das beschränkt, was auch dem Sänger zukommt: selbst wenn Walther im Namen und Interesse von Fürsten spricht, ist es vor allem die milte, die er zu verlangen berechtigt ist.“16

Die politischen Töne werden heute als „propagandistische Auftragsarbeiten im Dienst führender politischer Personen und Gruppierungen seiner Zeit, die er gekonnt bei der richtigen Gelegenheit ausführte“17 angesehen. Der Auslöser für Walthers Sprüche war immer der Konflikt. Hinter diesen Sprüchen steckt die Idee, sie „preisend, tadelnd, klagend, mahnend, auffordernd, ablehnend, politisch berichtend“18 wirken zu lassen. Da die Sprüche durch den performativen Akt geprägt sind, entsteht eine Kommunikation zwischen Publikum und Vortragendem. Die Basis dieser Kommunikation bildet der ordo-Gedanke.19 Laut diesem dient das geteilte Grundwissen als „gegebene Stoff- und Verständnisgrundlage“20.

„Ein auf Erfolg bedachter Sänger kann wesentlich vielversprechender auf der Grundlage allgemeiner gemeinsamer Wertevorstellungen agieren als auf der Basis detaillierter Spezialkenntnisse, ohne die sich die propagandistische Dimension seiner Sprüche dem ‚Normalpublikum‘ gar nicht, mindestens aber nur deutlich abgeschwächt erschließen würde.“21

[...]


1 Müller, Ulrich: Walthers Sangspruchdichtung, in: Brunner, Horst: Walter von der Vogelweide. Epoche, Werk, Wirkung. München: Beck 1996, Seite 142-144

2 Ebd. Seite 143

3 Vgl. Hahn, Gerhard: Eine Einführung, München; Zürich: Artemis-Verlag 1989, Seite 10

4 Vgl. Schweikle, Günther; Schweikle, Irmgard: Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen, Stuttgart: Metzler 1990, Seite 440

5 Müller, Seite 137

6 Ebd. Seite 137

7 Ebd. Seite 140

8 Ebd. Seite 140

9 Vgl. Kojève, Alexandre: Kommentar zu den ersten sechs Kapiteln der „Phänomenologie des Geistes“, in: Fulda, Hans Friedrich (Hrsg.): Materialien zu Hegels Phänomenologie des Geistes. Frankfurt am Main: 1973, Seite 151

10 Vgl. Hahn, Seite 25

11 Ebd. Seite 99

12 Vgl. ebd. Seite 109/110

13 Ebd. Seite 124

14 Vgl. ebd. Seite 127

15 Ebd. Seite 128

16 Ebd. Seite 128

17 Ebd. Seite 129

18 Müller, Ulrich: Politische Lyrik des Deutschen Mittelalters, Texte I: Von Friedrich II. bis Ludwig dem Bayern, Göppingen 1972, Seite 1

19 Vgl. Marzo-Wilhelm, Eric: Walther von der Vogelweide - zwischen Poesie und Propaganda. Untersuchungen zur Autoritätsproblematik und zu Legitimationsstrategien eines mittelalterlichen Sangspruchdichters. Frankfurt am Main: Peter Lang 1998, Seite 87

20 Ebd. Seite 87

21 Ebd. Seite 87

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Politische Lyrik im Mittelalter. Die Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V539808
ISBN (eBook)
9783346141927
ISBN (Buch)
9783346141934
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische, lyrik, mittelalter, sangspruchdichtung, walthers, vogelweide
Arbeit zitieren
Lea Siekert (Autor), 2020, Politische Lyrik im Mittelalter. Die Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539808

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