Der Diamantweg-Buddhismus. Alltagspraxis, Organisation und Motivation


Hausarbeit, 2018

44 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Theoretische Grundlagen

2 Diamantwegbuddhismus in Göttingen
2.1 Einführung in den Buddhismus
2.2 Meditation auf den 16. Karmapa
2.3 Interview mit B. R

3 Methodische Reflexion

4 Zusammenfassung und Fazit

Anhang

Fragekatalog

Handschrifttum

Interviewtranskription

Bildergalerie

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Diamantwegbuddhismus ist eine neue buddhistische Bewegung, gegründet vom Dänen Ole Nydahl. Er zählt zur Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus1 und stellt die größte buddhistische Gemeinde Deutschlands dar.2 Die Bezeichnung „Diamantweg“ ist eine Übertragung des Sanskritbegriffes vajray na3 .4 Aus den Quellen des Diamantwegbuddhismus ist zu entnehmen, dass ihm über 600 Zentren angehören. Davon befinden sich über 100 in Deutschland.5 Die Gemeinde bezieht sich auf den 16. Karmapa und betrachtet Thaya Dorje als 17. Karmapa.6

Diese Arbeit erforscht den Diamantwegbuddhismus im Raum Göttingen. Sie ist von wissenschaftlichem Interesse, als dass sie versucht das soziale Umfeld einer religiösen Gruppierung darzustellen. Sie untersucht, wie die religiöse Gemeinde organisiert wird und erforscht die individuelle Alltagspraxis des Gemeindemitglieds, die im Zentrum der Arbeit steht.

Sie hat nicht den Anspruch ein allgemeingültiges Bild darzustellen und die Erfahrungen, die im Feld gemacht wurden, sind subjektiv. Es handelt sich um eine beispielhafte Momentaufnahme. In dieser Arbeit wird nicht detailliert auf den tibetischen Buddhismus oder die Karma-Kagyü-Linie im Allgemeinen eingegangen werden. Soziale Aspekte werden untersucht. Hierzu zählt die Organisation der Gemeinde, welches Bedürfnis der Menschen erfüllt wird und wie das soziale Umfeld fungiert. Interpretationen können nur anhand der befragten Einzelfälle gemacht werden und sind nicht repräsentativ für den gesamten deutschen Raum des Diamantwegbuddhismus.

Aus der bisherigen Darstellung ergeben sich hinsichtlich der zu betrachtenden Thematik folgende Forschungsfragen:

1. Wie wird der Diamantwegbuddhismus in Göttingen organisiert?

Die Antwort auf die Forschungsfrage soll aufzeigen, wie die Gemeinde sich finanziert, wer für was zuständig ist und wie die Räumlichkeiten auszusehen haben.

2. Was motiviert Menschen dazu sich dem Diamantwegbuddhismus anzuschließen? Was gibt es ihnen?

Bei dieser Frage wird geklärt werden, was die Befragten motiviert Gemeindemitglied zu sein, an den regelmäßigen Meditationen oder anderen Veranstaltungen teilzunehmen. Außerdem wird erfragt, wie sie ihren Zugang zu der Gemeinde gefunden haben.

3. Wie leben sie ihren Glauben aus?

Die Forschungsfrage versucht eine Antwort darauf zu finden, wie die Gemeindemitglieder ihren Glauben im Alltag praktizieren, ob sie missionarisch tätig sind und ihre Überzeugungen offen kommunizieren.

Zur Beantwortung der aufgestellten Forschungsfragen wird folgende methodische Vorgehensweise gewählt:

Zuerst wird ein Einblick in die theoretischen Grundlagen des Themas gegeben. Es wird auf die Entstehung des Diamantwegbuddhismus eingegangen und eine erste Begriffsdefinition vorgenommen. Auf der nächsten Ebene folgt der subjektive Erfahrungsbericht aus der Feldarbeit. In diesem werden die Erfahrungen aus der Feldforschung beschrieben und analysiert. Auf der nächsten Ebene findet eine methodische Reflexion statt, bei der darauf eingegangen wird, welche Methoden verwendet wurden, wie die Durchführung vonstattenging, was funktioniert hat und was nicht. Daraufhin folgen eine Vorstellung der Ergebnisse und ihre Auswertung in einem abschließenden Fazit.

Die methodische Vorgehensweise wurde gewählt, um einen Einblick in die religiöse Gemeinde zu gewähren und die Eindrücke in einen wissenschaftlichen Kontext einzuordnen.

Im Folgenden werden zunächst die theoretischen Grundlagen betrachtet, die zum Verständnis und zur Darstellung der geplanten methodischen Vorgehensweise notwendig sind.

1 Theoretische Grundlagen

Der Diamantweg-Buddhismus lässt sich der Kategorie Neue Buddhistische Bewegung7 zuordnen. Der dänische Begründer Ole Nydahl war ein ehemaliger Hippie und Boxer, der zum Buddhismus kam sich mittlerweile als Lama betrachtet. Er traf 1969, zusammen mit seiner Frau Hannah, das erste Mal in Nepal auf den 16. Karmapa, der ihn zum Buddhismus brachte. Er war das Oberhaupt der Karma Kagyü-Schule in Tibet. Ursprünglich reiste Nydahl nach Nepal, um Marihuana für den Weiterverkauf zu beschaffen.8 Ole Nydahl spricht vor allem junge, gebildete Westler an. Er verbindet die Lehre der Kagyü-Tradition mit einer Lebensführung, die der Freude folgt.9 Er begründete den „ Karma Kagyü Dachverband10 (KKD), eine Abspaltung vom „ Karma Kagyü Verein11 (KKV), dem ursprünglichen Verband der Karma Kagyü Schule in Deutschland.12 Der KKD wurde mittlerweile in „ Buddhistischer Dachverband Diamantweg13 (BDD) umbenannt.14 Scherer stuft die Bewegung als neo-orthodox bzw. neo-orthoprax ein, 15 nach Peter Bergers Definition sei Neo-Orthodoxie „ die erneute Bekräftigung der objektiven Autorität relativiert und geschwächt worden ist.“16

Die Bewegung hat eine Tendenz zum tibetisch-buddhistischer orthopraxer Hingabe zum Lehrer und die Nachahmung des Habitus des Lehrers und die Identifikation mit ihm sind von zentraler Bedeutung.17

In den Zentren praktizieren ausschließlich Laien.18 Seit 2007 gibt es in Immenstadt ein Europazentrum auf einem Gutshof, das international ausgerichtet ist und viele Gäste anzieht.19

2 Diamantwegbuddhismus in Göttingen

Nachdem ich mich für den Diamantwegbuddhismus in Göttingen als Forschungsschwerpunkt entschied, überlegte ich mir eine Leitfrage für meine Feldforschung. Der Fokus sollte auf der individuellen Auslebung des Glaubens liegen. Als erstes las ich die Webseite20 der Gemeinde, um mir einen Einblick zu verschaffen. Mir ist aufgefallen, dass sie nutzerfreundlich und simpel gestaltet ist. Der Nutzer kann zwischen den Menüpunkten „Home“, „Buddhismus“, „Meditation“, „Lehrer“ und „Zentren“ wählen. Unter dem Punkt „Zentrum“ lässt sich der Standort des Zentrums in Göttingen ausfindig machen. Oben rechts an der Leiste ist ein Banner auf dem „Diamantwegbuddhismus/ Karma Kagyü Linie“ steht. Alles auf der Seite ist allgemein gehalten und leicht verständlich formuliert. Ich hatte die Absicht mich im Vorfeld ausführlich über den Diamantwegbuddhismus zu informieren und konnte dies nicht tun, da wenig Text vorhanden ist. Auf der Seite „Home“ finden sich große, wechselnde Bilder von der Gemeinde und Buddha, die viel Platz einnehmen. Die Webseite scheint vor allem dazu gedacht zu sein, Veranstaltungen zu finden und weniger um sich selbstständig Wissen anzueignen. Ich wurde auf eine Veranstaltung mit dem Namen „Einführung in den Buddhismus“ aufmerksam, gefolgt von einer gemeinsamen „Meditation auf den 16. Karmapa“ und beschloss diese zu besuchen, ohne mich vorher anzumelden. Ich wollte zuerst unvoreingenommen ein Gefühl für die Gemeinde bekommen und erste Beobachtungen machen. Dennoch formulierte ich erste Fragen an die Gemeindemitglieder und wusste aber nicht, ob ich diese bei den Veranstaltungen stellen würde.

2.1 Einführung in den Buddhismus

Am 16.01.2018 um 18 Uhr fand die Veranstaltung „Einführung in den Buddhismus“ im buddhistischen Zentrum in Göttingen statt. Das Zentrum befindet sich in der Rote Str.21 16 in einem Hinterhaus. Die Veranstaltung ist jedem kostenfrei zugänglich. Auf der Veranstaltung waren außer mir noch fünf Personen, eine Frau, zwei Männer und zwei Männer, die vortrugen. Einer davon war B. R., den ich bei einem weiteren Termin gesondert interviewte. Einer der anderen Teilnehmer, ein älterer Herr mit weißen langen Haaren, war ebenfalls zu Forschungszwecken in der Gemeinde. Dies erfuhr ich bei unserem Vorgespräch auf den Sofas im Aufenthaltsbereich22. Als ich das hörte, teilte ich mit, dass ich ebenfalls zu Forschungszwecken da sei und von der Universität Göttingen komme. Mir wurde gesagt, dass sie schon einmal jemanden da hatten, der für die Universität geforscht hat und dass das kein Problem sei, was eine günstige Atmosphäre für mein Vorhaben erzeugte. Es gab eine kleine Küche, die an den Sitzbereich angrenzt. Dort wurde zum Beispiel Tee gemacht, der mir nach Einstieg des Gesprächs sofort angeboten wurde. Ich erhielt in dieser Vorrunde erste Informationen zu der Gemeinde. B. erklärte, dass für gewöhnlich bis zu 60 Personen an den Veranstaltungen teilnahmen, was ich mir aufgrund unserer kleinen Runde schwer vorstellen konnte. Bei großen Veranstaltungen in Kassel seien es sogar bis zu 1000 Personen. Die Gemeindemitglieder seien gemischt und vom Alter und Geschlecht ausgewogen. Nach dieser ersten Begrüßung, die mir sehr nett erschien und Informationen, gingen wir in einen Nebenraum. Es handelte sich um den Meditationsraum23 der Gemeinde, der mit roten Matratzen ausgelegt ist. Er hat einen kleinen Eingangsbereich mit einem Regal24, das mit Meditationskissen in verschiedensten Farben gefüllt ist. Eine Art Altar befand sich im Raum. Die Wand25 darüber schmückte Fotos vom Begründer Ole Niedahl, dem 16. Karmapa und dessen Sohn. Unter diesem nahmen die beiden Vortragenden Platz und wir Zuhörer vor ihnen. Die Einführungsveranstaltung wurde abwechselnd gehalten. Einleitend wurde die Geschichte von Ole Nydahl und seiner Frau Hannah erzählt und wie sie das erste Mal mit dem Buddhismus in Kontakt kamen. Demnach waren sie Hippies, die Ende der Sechziger Jahre nach Nepal gingen, um Drogen für den Weiterverkauf und den persönlichen Konsum zu erwerben. Bei dieser Reise stießen sie auf den 16. Karmapa, der ihnen bewusst machte, dass diese Substanzen ihnen nicht dienlich waren. Er brachte sie stattdessen mit der Meditation in Berührung, die sie vom Drogenkonsum wegbrachte. Sie wollten in Nepal bleiben und bis zur Erleuchtung meditieren, doch der Karmapa erklärte, dass dies ein egoistischer Wunsch sei. Sie seien dazu auserkoren in den Westen zurückzukehren und die Meditationspraxis dort zu lehren. 1072 gingen sie dann zurück nach Deutschland.

Im Diamantweg-Buddhismus gehe es darum Erleuchtung und Glück für alle Wesen zu erlangen und nicht nur für sich selbst.

Buddha habe die Antwort darauf gefunden, wie der Mensch dauerhaftes Glück erlangen könne und die Meditation sei die Praxis, die zu diesem Ziel führe. Wir Menschen würden immer leiden, weil wir alles bewerten.

Die buddhistische Lehre habe drei Ebenen:

1. Bewertung = Identifikation mit dem Körper
2. Das Glück ist nicht im Außen
3. Ursache + Wirkung = Karma

Alles was Menschen denken, sagen und tun habe eine Wirkung auf ihr Leben und bestimme ihre Zukunft. Das bedeute, dass ein Mensch die Verantwortung für sein Leben trage und eine Opferhaltung verhindere dies.

Die Wichtigkeit von Gewohnheiten wurde betont und dass diese Reizreaktionen auslösen würden.

Der Satz „ Glaube nicht alles, was du denkst “ wurde in diesem Zusammenhang von einem der beiden Vortragenden geäußert. Mit Hilfe der Meditation käme Ruhe in den Geist und erzeuge eine Pause zwischen Reiz und Reaktion.

Würde der Buddhismus mit einem Wort beschreibbar sein, sei dieses: „Freiheit“. Hiermit sei zum Beispiel die Freiheit von den Gefühlen gemeint. Die Meditation sei als eine Art Geistestraining zu verstehen. Ein zentraler Aspekt sei Mitgefühl. Menschen hätten außerdem die Fähigkeit über dieses Leben hinaus zu wirken, deswegen sei es für weitere Leben entscheidend, wie sie ihre jetzige Lebenszeit verbringen.

Der Diamantwegbuddhismus gehöre der tibetischen Linie an. Helfen sei wichtig, aber es sei auch wichtig sich nicht herunterziehen zu lassen.

Dauerhaftes Glück sei die Fähigkeit Dinge zu erleben. Für einen erleuchteten Geist hebe sich jegliche Trennung auf.

Ein erleuchteter Geist lasse sich an drei Zuständen erkennen. Diese seien immer vorhanden.

1. Vollständige Furchtlosigkeit
2. Freude, unabhängig vom Außen
3. Teilen mit dem Umfeld, Mitgefühl

Der 6-Tage-Kurs mit Ole Nydahl in Kassel wurde den Teilnehmern der Veranstaltung empfohlen. In diesem Kurs würde viel meditiert werden, da die Praxis im Diamantwegbuddhismus von zentraler Bedeutung sei.

Auf die Lehrer-Schüler-Beziehung wurde in der Einführungsveranstaltung ebenfalls eingegangen. Der Mensch könne am besten von Menschen lernen, denen er sich öffnen könne. Ein kritischer Umgang sei erwünscht, selbst mit dem Lehrer. Der Lehrer profitiere von der Kritik, da er dadurch seinen Umgang mit den Schülern schule. Diese Aussage steht im Kontrast zu der Kritik26 von Mechthild Klein, die behauptet der Diamantwegbuddhismus habe ein zu hingebungsvolles Lehrer-Schüler-Verhältnis. Nach der allgemeinen Einführung der beiden Vortragenden stellte ich direkt eine meiner Kernfragen, was die beiden zum Diamantwegbuddhismus gebracht habe. Sie sagten, in vielen Fällen fühlten sich Menschen durch persönliche Krisen zum Buddhismus hingezogen. Bei ihnen war es genauso. „ Irgendwann war der Gedanke: Da muss ich hin !“, meinte B.

Dann stellte ich die Frage, wie oft ein Mensch am Tag meditieren sollte und bekam als Antwort: „So oft man will, aber eine halbe Stunde am Tag wäre gut.“ Die Meditation bringe viel Ruhe und Frieden in das eigene Leben. Außerdem schaffe es ein Bewusstsein dafür, dass der Mensch der Gestalter seines Lebens sei. Dann fragte ich, ob sie ihren Glauben im Alltag kommunizieren würden. Daraufhin wurde sehr deutlich gemacht, dass sie eher selten darüber redeten und Missionieren nicht gut wäre. Außerdem war ihnen wichtig, dass sie sich als „ganz normale Leute“ betrachten und nicht als Mönche. Damit endete die kleine Fragerunde nach der Veranstaltung und wir gingen wieder in den Aufenthaltsraum, bis die Nächsten zur Meditationsveranstaltung eintrafen.

2.2 Meditation auf den 16. Karmapa

Der Aufenthaltsraum füllte sich nach einer Zeit und am Ende waren ca. 20 bis 30 Leute zur gemeinsamen Meditation anwesend.27 Es handelte sich um überwiegend Frauen, einige schätzungsweise über 40 und der Rest zwischen 20 und 30 Jahren. Sie saßen auf den Sofas verteilt oder standen und unterhielten sich fast alle angeregt miteinander. Ich unterhielt mich mit zwei Studenten. Einer von beiden war 19 Jahre alt und hatte gerade erst sein Studium begonnen. Er war in den Diamantwegbuddhismus reingeboren, da seine Eltern der Gemeinde angehörten. Er erzählte, dass seine Eltern ihn nie in die Richtung gedrängt haben und er das Meditieren erst neu für sich entdeckt hatte. Er war jedoch einmal im Ausland gewesen und hatte dort einen Ort besucht, der mit dem Diamantwegbuddhismus in Kontakt stand. Seinen Kommilitonen hatte er für die Sache begeistern können und mitgebracht.

Um 19 Uhr begann dann die Meditation im gleichen Raum, wie die Einführungsveranstaltung. Jeder nahm sich ein rundes Meditationskissen und B. leitete die Meditation. Er setzte sich wieder an die gleiche Stelle, diesmal mit einem kleinen Tisch28 vor ihm, auf dem Flyer lagen. Alle anderen setzen sich in einem Halbkreis, mit dem Gesicht zu ihm, auf ihre Meditationskissen. Eine Frau konnte nicht auf dem Kissen sitzen und setzte sich auf einen Stuhl29. Auf dem Flyer stand ein tibetisches Meditationslied, das auch an uns ausgeteilt wurde, damit wir mitsingen konnten. Die Meditierenden saßen im Schneidersitz auf den Sitzkissen, schlossen ihre Augen und wurden mit Worten durch die Meditation geleitet. Dabei wurden ruhig und monoton Sätze wie: „ Jede Zelle deines Körpers arbeiten für dein persönliches Glück “ gesagt, die ein gutes Gefühl erzeugten. Am Ende der Meditation wurde zusammen das tibetische Meditationslied gesungen. Unklar ist wie viele Anwesenden den Text überhaupt verstanden, aber es wurde erklärt, dass es sich um ein Mahakala handele. Ein Mahakala sei ein aus Mitgefühl entstehender Schutzaspekt des Geistes. Das Lied war ein Ausschnitt aus einer Puja, das ein Ritual mit Musik und Gesang sei.

Vor der Meditation kam die Angst auf bei dem Gedanken eine Stunde lang still meditieren zu müssen, aber die Zeit verging unerwartet schnell. Hinterher fühlte ich mich glücklich und friedvoll. Ich blieb jedoch nicht mehr lange, beobachtete aber, dass einige der Anwesenden sich wieder zusammen in den Aufenthaltsraum setzten und ich wurde auch von B. zu weiteren Gesprächen herzlich eingeladen. Der Austausch untereinander scheint einen hohen Stellenwert innerhalb der Gemeinde zu haben. Die Atmosphäre war einladend und locker. Die meisten Gespräche drehten sich um die persönlichen Meditationserfahrungen.

2.3 Interview mit B.R.

Um einen weiteren Termin für ein Interview und Fotos auszumachen, schrieb ich an die E-Mail-Adresse, die ich auf der Webseite der Gemeinde fand:30 goettingen@diamondway-center.org. B. R., der auch die Meditation geleitet hatte, antwortete und ich erhielt seine Handynummer. Auf diese Weise konnten wir leichter einen Termin ausmachen. Die meisten Veranstaltungen fanden abends statt, aber ich wollte tagsüber ins Zentrum gehen. Die Fotos, die ich schießen wollte, sollten eine gute Qualität haben. Vor dem Treffen formulierte ich einen Fragekatalog31 aus, den ich mitnahm. Diesmal war nur B. im Zentrum. Er begrüßte mich und dann nahmen wir auf den Sofas im Aufenthaltsraum Platz. Er war damit einverstanden, dass ich das Interview mit dem Handy aufzeichnete. Auf meine Frage, was das Besondere am Diamantwegbuddhismus sei, antwortete B. allgemein zu den Hintergründen. Er erzählte, dass der Name Diamantweg eine Übersetzung von vajray na sei, was so viel heiße wie diamantenes Fahrzeug oder Diamantweg. Es sei eine alte Übersetzung aus dem tibetischen Buddhismus, der auch ähnlich in Ostasien existiere. Dort sei er als esoterischer Buddhismus bekannt. Dieser komme ursprünglich aus China und habe eine Verbindung zum Shaolin Kloster. Es existieren drei unterschiedliche Formen: der Diamantwegbuddhismus in Nepal, in Tibet und der esoterische Buddhismus in Ostasien. Ich fand meine Frage nicht präzise beantwortet und fragte weiter, was das Besondere am westlichen Buddhismus sei und ob er sich von dem, in den Ursprungsländern, unterscheide. Ich erhielt die Antwort, dass der Diamantwegbuddhismus in Deutschland sich nicht von der Form im Ursprungsland unterscheide, aber es verschiedene Ansätze des tibetischen Weges gebe: den kleinen Weg, den großen Weg und den Diamantweg. Der Diamantweg sei jedoch der, den sie für richtig hielten.

Einen offiziellen Austausch mit anderen Gemeinden gebe es nicht. Eine gegenseitige Sympathie sei vorhanden und ein verbaler Austausch finde statt. Gegeneinander arbeiten oder schlecht voneinander reden, gehöre sich nicht, denn die Gemeinden würden sich gegenseitig als Ergänzung betrachten. An diesem Punkt erzählt B. nichts über die Konflikte der 90iger Jahre, die es innerhalb des Dachverbands der Karma Kagyü Schule in Deutschland gab. Sie hatten zur Folge, dass der Dachverband sich teilte. Da ich diese Information erst zu einem späteren Zeitpunkt der Kritik von Peljor32 zum Diamantwegbuddhismus entnahm, habe ich das Interview nicht in diese Richtung vertieft. Am Anfang der Antwort klingt es, als hätten die Gemeinden nichts miteinander zu tun. „ Es gibt keinen offiziellen Austausch, aber man kennt sich zum Teil.“33, aber am Ende der Antwort wird der Eindruck erweckt, als fände ein regelmäßiger Austausch statt. „ Der berühmte Satz, dass man sich gegenseitig als Ergänzung fühlt. Das stimmt wirklich.“34

Im nächsten Themenabschnitt frage ich B., ob und wie sein eigenes Leben sich durch den Diamantwegbuddhismus verändert hat. Er sagt, man wäre enttäuscht, wenn man große, dramatische Veränderungen erwarten würde. In bestimmten Situationen handelt man anders als früher, wie fast jeder bestätigte. Dazu führe die regelmäßige Meditation. Durch sie habe man einen Moment länger Zeit dafür auf eine Situation zu reagieren. Dann könne man sich entscheiden, ob man seine alten Reflexe laufen lasse oder sich für einen Weg entscheide, der für alle Beteiligten gut sei.

Durch die Übung der Meditationspraxis mache das Leben mehr Spaß und dank der Gemeinde, habe man viele soziale Kontakte und feste soziale Bezugspunkte. „ Ich weiß, ich habe sozialen Anschluss, wo immer ich auch hinziehe.“35 Diese Aussage unterstreicht die soziale Sicherheit, die der Diamantwegbuddhismus B. zu geben scheint.

Der Diamantwegbuddhismus konnte zur stärksten Linie im Westen werden, weil die Gründer ihren Auftrag die Meditation im Westen zu verbreiten sehr ernst nahmen. Ursprünglich wollten sie bis zur Erleuchtung in Nepal bleiben, aber der Karmapa äußerte sich dazu mit: „ Ganz tolle Idee und ihr denkt nur an euch !“36 Wieder einmal wird betont, dass es um das Wohl aller Wesen gehe. Egoismus scheint nicht gern gesehen zu sein. B. erzählt weiter, dass es 700 Zentren in der westlichen Welt gebe, die bis nach Südamerika und Vietnam reichten. Zur Gründungszeit des Diamantwegbuddhismus gab es im Westen außerdem nichts Vergleichbares, das hätte konkurrieren können.

Missionieren werde als schlechter Stil empfunden und deswegen rede B. nicht viel über seine Gemeindemitgliedschaft in seinem Privatleben. „ Wir missionierennicht37, sagt er ganz klar im Interview. Der Satz ist auch bei der Einführungsveranstaltung gefallen. Manche Menschen kamen nach 10 Jahren darauf, dass er Buddhist sein und interessieren sich dann auch wo er das mache. Es gebe aber auch Mitglieder, die ihren Glauben direkter kommunizieren würden. Ein oder zwei Mal wurde er gefragt, warum er sich in bestimmten Situationen nicht geärgert habe. Ansonsten falle „Buddhist sein“ nicht besonders auf, eher im Gegenteil.

Im nächsten Themenbereich erfrage ich, ob es bestimmte Dinge gebe, die in jedem Zentrum vorhanden sein müssen. Der Meditationsraum sei zwingend notwendig, aber alles andere nicht verpflichtend. Über das Vorhandensein einer Toilette lasse sich streiten. Der Meditationsraum müsse eine Richtung haben, in die meditiert wird. Es gebe sehr kleine Gruppen, die in Wohnzimmern untergebracht seien und große wie zum Beispiel in Hamburg, die ganze Häuser für sich zur Verfügung hätten. Die Räumlichkeiten sollten schön und nett aussehen. Der Altar habe eine Grundidee und fungiere als eine Art „Zufluchtsbaum“. Finanzieren tue sich die Gemeinde dadurch, dass sie ein eingetragener, gemeinnütziger Verein sei. Mitgliedsbeiträge seien dadurch steuerlich absetzbar und die Vermieter würden sich freuen, weil sie wissen, dass sie ihr Geld kriegen. Das Zentrum in Göttingen habe eine Miete von über 1000€ im Monat und der Verein existiere seit 20 Jahren.

[...]


1 Vgl. Freiberger/ Kleine, 2015, S. 166.

2 Vgl. Grübel/ Rademacher, 2003, S. 473.

3 Freiberger/ Kleine, 2015, S. 216.

4 Vgl. Freiberger/ Kleine, 2015, S. 216.

5 Vgl. Nydahl, 2012, Adressen.

6 Vgl. Schmid, 2003, S. 397f.

7 Vgl. Schrimpf, 2000, S. 192.

8 Vgl. Curren, 2008, S. 35f.

9 Vgl. Schmid, 2003, S. 397f.

10 Baumann, 1993, S. 94.

11 Baumann, 1993, S. 94.

12 Vgl. Baumann, 1993, S. 94f.

13 Grübel/ Rademacher, 2003, S. 638.

14 Vgl. Grübel/ Rademacher, 2003, S. 473f.

15 Vgl. Peljor, Tenzin: Tibetischer Buddhismus im Westen / Missverständnisse und Adaptionsprobleme (20.04.2007), Online im WWW unter URL: https://info-buddhismus.de/lama_ole_nydahl.html [Stand: 11.05.2018].

16 Berger, 1980, S. 79.

17 Vgl. Peljor, Tenzin: Tibetischer Buddhismus im Westen / Missverständnisse und Adaptionsprobleme (20.04.2007), Online im WWW unter URL: https://info-buddhismus.de/lama_ole_nydahl.html [Stand: 11.05.2018].

18 Vgl. Demel/ Emig, 2008, S. 132.

19 URL: http://europe-center.org/geschichte/ [11.05. 2018].

20 URL: https://www.diamantweg-buddhismus.de/ [11.05.2018].

21 Zur Nachvollziehung siehe Anhang „Handschrifttum“.

22 Links neben dem Tisch befinden sich drei Sofas, auf denen wir saßen, Anhang S. 35.

23 Siehe Anhang S. 41.

24 Siehe Anhang S. 40.

25 Siehe Anhang S. 42.

26 Vgl. Klein, Mechthild: Populisten-Buddhisten ?/ Kritik an Lama Ole Nydahls Diamantweg (01.08.2017), Online im WWW unter URL: https://www.br.de/themen/religion/diamantweg buddhisten-sommertreffen-immenstadt-100.html [Stand: 12.05.2018].

27 Zur Nachvollziehung siehe Anhang „Handschrifttum“.

28 Kleiner „Tisch“, der am Altar lehnt, Siehe Anhang, S. 41.

29 Siehe Anhang unteres Foto S. 41.

30 Zur Nachvollziehung siehe Anhang „Interviewtranskription“.

31 Siehe Anhang S. 21.

32 Vgl. Peljor, Tenzin: Tibetischer Buddhismus im Westen / Missverständnisse und Adaptionsprobleme (20.04.2007), Online im WWW unter URL: https://info-buddhismus.de/lama_ole_nydahl.html [Stand: 11.05.2018].

33 Siehe Anhang, S. 24

34 Siehe Anhang, S. 24.

35 Siehe Anhang, S. 24.

36 Siehe Anhang, S. 25.

37 Siehe Anhang, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Der Diamantweg-Buddhismus. Alltagspraxis, Organisation und Motivation
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Religiöse Diversität in der Stadt/ Empirische Exploration
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
44
Katalognummer
V541166
ISBN (eBook)
9783346146908
ISBN (Buch)
9783346146915
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religion, buddhismus, diamantweg, religionswissenschaft, diversität
Arbeit zitieren
Jasemin Kara (Autor), 2018, Der Diamantweg-Buddhismus. Alltagspraxis, Organisation und Motivation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541166

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