Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der europäischen Schuldenkrise am Beispiel Spaniens


Bachelorarbeit, 2014

63 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Der Weg Europas in die tiefste Krise seit dem 2. Weltkrieg
1.2 Spanien: Vom Musterschüler der EU zum Sorgenkind
1.3 Vorgehensweise

2. Ursachen der spanischen Krise
2.1 Die Immobilienblase
2.1.1 Grundlagen des Immobilienbooms
2.1.2 Euro-Einführung als Verstärker des Booms
2.1.3 Auf den Immobilienboom folgt die Bankenkrise
2.2 Illegale Praktiken und die Stellung der Justiz
2.2.1 Korruption und Schattenwirtschaft
2.2.2 Probleme im Justizapparat
2.3 Probleme auf dem Arbeitsmarkt
2.3.1 Grundlegende Merkmale des spanischen Arbeitsmarktes
2.3.2 Dualität des Arbeitsmarktes
2.3.3 Die Rolle der Gewerkschaften
2.4 Mangelnde Haushaltsdisziplin der autonomen Regionen
2.5 Strukturschwäche der Wirtschaft
2.5.1 Produktivitäts- und Innovationsdefizite
2.5.2 Das spanische Bildungssystem
2.6 Dauerhaft hohes Leistungsbilanzdefizit

3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Schnelle Restrukturierung und –kapitalisierung des Bankensektors
3.2 Arbeitsmarktreformen
3.2.1 Bisherige Reformanstrengungen
3.2.2 Auswirkungen der Arbeitsmarktreformen und Handlungsempfehlungen
3.3 Wachstumsfreundlicheres und effektiveres Steuersystem
3.4 Nachhaltige Reduzierung des Leistungsbilanzdefizits
3.5 Stabilitäts- und Wachstumspakt
3.5.1 Kritische Betrachtung der Grundlagen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes
3.5.2 Reformierung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes und Kritik

4. Kritische Beurteilung des EU-Krisenmanagements
4.1 Bewertung des Krisenmanagements aus rechtlicher Sicht
4.2 Bewertung der Effizienz des EU-Krisenmanagements

5. Italien als Vergleichsbeispiel
5.1 Die Situation Italiens und Parallelen zu Spanien
5.2 Die Reaktion Italiens auf die Schuldenkrise

6. Schlussbetrachtung
6.1 Fazit
6.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Arbeitslosenquote in Spanien von 2003 bis 2013

Abbildung 2: Staatsverschuldung Spaniens von 2003 bis 2013 in Relation zum BIP

Abbildung 3: Anteil der Bauinvestitionen am BIP in europäischen Ländern

Abbildung 4: Europäische Hochtechnologie-Patente, 2005

Abbildung 5: Handelsbilanzsaldo Spaniens 2001-2011

Abkürzungsverzeichnis

AEUV Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union

BIP Bruttoinlandsprodukt

CCOO Comisiones Obreras

CEOE Confederación Española de Organizaciones Empresariales

EFRE Europäischer Fonds für regionale Entwicklung

EFSF European Financial Stability Facility

EG Europäische Gemeinschaft

ESM European Stability Mechanism

ESRB Europäischer Ausschuss für Systemrisiken

EU Europäische Union

EWU Europäische Wirtschaftsunion

EZB Europäische Zentralbank

FLA Fondo de Liquidez Autonómica

FROB Fondo de Reestructuración Ordenada Bancaria

FuE Forschung und Entwicklung

IWF Internationaler Währungsfonds

MoU Memorandum of Understanding

MwSt. Mehrwertsteuer

OMT Outright Monetary Transaction

PP Partido Popular

PSOE Partido Socialista Obrero Español

Sareb Sociedad de Gestión de Activos Procedentes de la Reestructruación Bancaria

SWP Stabilitäts- und Wachstumspakt

UGT Unión General de Trabajadores

1. Einleitung

1.1 Der Weg Europas in die tiefste Krise seit dem 2. Weltkrieg

Seit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl auf Betreiben des damaligen französischen Außenministers Robert Schumann ist die europäische Integration stetig vorangeschritten. Die kontinuierliche Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft (EG) bzw. der Europäischen Union (EU) mit der Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten sowie die Einführung des Europäischen Binnenmarktes und einer gemeinsamen Währung (Euro) zeugen von diesem Integrationsprozess.1 Doch seit dem Platzen der US-Immobilienblase im Jahr 2006, das von europäischen Politikern und Ökonomen zunächst als rein amerikanisches Problem angesehen wurde, und der daraus folgenden Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise, steckt die EU und insbesondere die Europäische Währungsunion (EWU) in einer tiefen Krise. Im Krisenjahr 2009 brach die Wirtschaftsleistung innerhalb der EU um 4,2 % ein. So stark wie noch nie in ihrer Geschichte. Aufgrund dessen und milliardenschwerer Bankenrettungsprogramme gerieten europäische Staaten in Zahlungsschwierigkeiten. Griechenland und Irland mussten durch Garantien und Kredite in Milliardenhöhe gestützt werden. Auch Portugal, Spanien und Italien gerieten in die Krise.2 Die daraufhin von der EU geforderten Sparmaßnahmen der Krisenländer und negatives Wirtschaftswachstum führten zu Massenentlassungen. Die Zahl der Arbeitslosen in der EU betrug im November 2013 26,6 Millionen und erreichte damit einen traurigen Negativrekord.3 Die auf der Global Investment Conference in London getätigte Aussage des EZB-Präsidenten Mario Draghi: „Die EZB wird alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir, es wird ausreichen.“4 sorgte zwar für erhebliche Entspannung an den Anleihemärkten, doch die Bürger der Krisenländer reagierten auf die Negativentwicklung mit Massendemonstrationen und protestierten vor allem gegen harte Einschnitte in die Sozialsysteme und gegen Bankenrettungen. Gerade in Griechenland, wo Reformen besonders tiefgreifend durchgeführt wurden, kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten.5 Alles in allem kann die Situation in den einzelnen Krisenländern als äußerst problematisch angesehen werden.

1.2 Spanien: Vom Musterschüler der EU zum Sorgenkind

Betrachtet man die Entwicklung Spaniens näher so fällt auf, dass das heute als Sorgenkind geltende Land zwischen 1995 und 2006 ein überdurchschnittliches jährliches Wachstum von im Schnitt 3,8 % im Jahr verzeichnete. Im Vergleich dazu lag der Wert der Euro-Zone für den gleichen Zeitraum bei 2,2 %. Die Wachstumstreiber der spanischen Wirtschaft waren zu dieser Zeit die Baubranche und die Tourismusindustrie.6 Zudem erhielt Spanien seit seinem Beitritt zur EG im Jahr 19867 erhebliche Fördermittel aus diversen Strukturfonds, was für zusätzliche Investitionen sorgte. So wurden die Bereiche Fischerei, Landwirtschaft und regionale Entwicklung von europäischer Seite besonders gefördert. Während der 90er Jahre waren die durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) ermöglichten Investitionen in die Infrastruktur des Landes von großer Bedeutung. Die Gelder aus dem EFRE waren ein entscheidender Faktor für den Ausbau des spanischen Autobahnnetzes und die Entwicklung von Hochgeschwindigkeitszügen. Die Osterweiterung der EU im Jahr 2004 sorgte jedoch für eine massive Umverteilung der EU-Subventionen, sodass Spanien seitdem in deutlich geringerem Maße Fördergelder erhält.8 Nichtsdestotrotz führten die oben genannten Punkte zu steigendem Wohlstand in Spanien und daraus resultierend zu einem kontinuierlichen Rückgang der Arbeitslosenquote seit 1994.9

Der Höhepunkt dieser Entwicklung war eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von lediglich 8,28 % im Jahr 2007 (Abbildung 1). Die nachfolgende Abbildung macht aber auch deutlich, dass seit Ausbruch der Finanzkrise die Zahl der Arbeitslosen dramatisch zugenommen hat und im Jahr 2012 bereits 25 % betrug. Europaweit steht in dieser Statistik nur Griechenland noch schlechter da als die Iberer (Stand: Dezember 2013).10 Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung für Spanien. Jedoch zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass derart hohe Werte für das Land nicht ungewöhnlich sind. Bereits Mitte der 80er Jahre und Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte Spanien mit ähnlich hohen Arbeitslosenquoten von über 20 % zu kämpfen.11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Arbeitslosenquote in Spanien von 2003 bis 201312

Weitaus schwerer wiegt dagegen die Problematik der Jugendarbeitslosigkeit. Diese betrug erschreckende 54,3 %13 (Stand: Dezember 2013) und in den Medien wird bereits von einer verlorenen Generation gesprochen. Zu bedenken gibt, dass nicht nur geringqualifizierte Jugendliche, sondern auch junge Akademiker erhebliche Schwierigkeiten haben einen Job zu finden. Folglich entscheiden sich vermehrt junge Leute auszuwandern, um Arbeit zu finden. Dementsprechend warnen Gewerkschafter vor einem fatalen Brain Drain.14

Die gute Wirtschaftslage und die niedrige Arbeitslosigkeit führten wie in Abbildung 2 zu sehen zu einer deutlichen Reduzierung der Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP von gut 48 % im Jahr 2003 auf ca. 36 % im Jahr 2007. Aufgrund der Erzielung von marginalen Haushaltsdefiziten bzw. sogar -überschüssen zu Beginn des neuen Jahrtausends galt Spanien als Musterschüler der EU.15 Dies hat sich seit dem Jahr 2008 allerdings grundlegend geändert. Seitdem blicken die EU-Mitgliedsstaaten mit Sorge nach Spanien. Die Staatsverschuldung hat sich mehr als verdoppelt (Abbildung 2) und die Haushaltsdefizite liegen seitdem deutlich über dem Maastricht-Kriterium von drei Prozent.16 Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Den verminderten Staatseinnahmen standen aufgrund der Wirtschaftskrise deutlich höhere Ausgaben beispielsweise für das Sozialversicherungssystems (insbesondere für die Arbeitslosenversicherung) gegenüber und führten somit zur oben genannten Entwicklung.17

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Staatsverschuldung Spaniens von 2003 bis 2013 in Relation zum BIP18

1.3 Vorgehensweise

Somit stellt sich die Frage, wie Spanien vom Musterschüler der EU, der zwischen 2003 und 2008 mühelos die Konvergenzkriterien erfüllte (im Gegensatz z.B. zu Frankreich und Deutschland19 ), seit dem Ausbruch der Finanzkrise zum Sorgenkind werden konnte. In der folgenden Arbeit soll dieser Fragestellung nachgegangen werden (Kapital 2) und außerdem Wege aus der Krise aufgezeigt werden (Kapital 3). Zusätzlich wird das Vorgehen der EU während der Staatsschuldenkrise kritisch hinterfragt (Kapitel 4) und die Entwicklung Spaniens mit derer Italiens verglichen (Kapitel 5). Anschließend wird ein Resümee gezogen (Kapitel 6).

2. Ursachen der spanischen Krise

Die Gründe für die schwere Krise Spaniens im Anschluss an eine langjährige Phase der Hochkonjunktur sind vielschichtig. Zum einen ist die durch das Platzen der Immobilienblase ausgelöste Bankenkrise zu nennen. Zum anderen liegt eine allgemeine Strukturschwäche der Wirtschaft vor, die aufgrund des starken Wachstums in der Immobilienbranche lange Zeit unbemerkt blieb. Weiterhin haben Besonderheiten des spanischen Arbeitsmarktes die Krise zusätzlich verschärft. Außerdem ist die mangelnde Haushaltsdisziplin in den autonomen Regionen, für die zwielichtige Provinzpolitiker Rechnung trugen, ein weiterer Gesichtspunkt. Damit einher ging die Verstrickung von Politik und Wirtschaft in zahlreiche Korruptionsfälle, die dem Land schwer zu schaffen machten. Zu guter Letzt trug ein anhaltend hohes Leistungsbilanzdefizit zur misslichen Lage Spaniens bei.

2.1 Die Immobilienblase

2.1.1 Grundlagen des Immobilienbooms

Einhergehend mit dem enormen Wirtschaftswachstum Spaniens seit Mitte der 90er Jahre bis zum Ausbruch der Banken- und Finanzkrise hat sich die Baubranche während dieser Zeit als entscheidender Wachstumstreiber etabliert. Die damalige außerordentliche Stärke des Immobiliensektors ist zum Teil auf die Verabschiedung eines neuen Bodengesetzes unter der Regierung des konservativen Politikers Aznar während seiner Amtszeit von 1996-200420 zurückzuführen. Dieses Gesetz regelte die Einteilung des Bodens in die Kategorien Baugrund (urbano), als Baugrund geeignet (de reserva urbana) und nicht als Baugrund deklariert (rústico) neu. War bis zu diesem Zeitpunkt eine Veränderung der Einteilung des Bodens mit Schwierigkeiten verbunden und eher langwierig, konnten nun die Gemeinden selbst bestimmen welche Flächen sie als Bauland ausweisen wollten.21 Wobei festzuhalten ist, dass die Gemeinden über einen hohen Ermessensspielraum verfügten und daran interessiert waren möglichst weite Teile als Bauland auszuweisen. Der Grund hierfür war, dass die Einnahmen aus den Baulizenzen in die Kassen der Gemeinden flossen und die Lokalpolitiker sich durch Schmiergeldzahlungen der Bauunternehmen zur beschleunigten Genehmigung dieser Lizenzen selbst bereicherten. Der zu dieser Zeit hohe Bedarf an billigen und unqualifizierten Arbeitern in der Baubranche wurde hauptsächlich von Immigranten gedeckt.22 Somit waren die Einwanderer, die oftmals aus Nordafrika und Osteuropa stammten, ein weiterer Faktor für den Erfolg der Immobilienbranche.23 Das neue Bodengesetz und das Reservoir an billigen Arbeitskräften können demnach als Grundlage für den Immobilienboom angesehen werden.

2.1.2 Euro-Einführung als Verstärker des Booms

Der eigentliche Auslöser für den Immobilienboom war jedoch die Einführung des Euro im Jahr 2002, die den spanischen Banken und dem Staat völlig neue Finanzierungsmöglichkeiten einräumte. Die Banken nutzten das vergrößerte Geldangebot und konnten den spanischen Haushalten so niedrige Zinsen bieten wie nie zuvor. Die durch die Euro-Einführung ohnehin stark verbesserte Finanzierungssituation Spaniens wurde zusätzlich durch eine Niedrigzinspolitik der EZB im Zuge der einsetzenden Konflikte in Afghanistan und im Irak beeinflusst. Dabei spielte auch die deutsche Wirtschaft eine entscheidende Rolle. Aufgrund deren Schwäche zu Beginn des neuen Jahrtausends war die EZB gezwungen den Leitzins auf niedrigem Niveau zu halten, um die Probleme Deutschlands nicht zu verschärfen. Gleichzeitig aber wäre für Länder in der Eurozone, in denen überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum und hohe Inflationsraten vorherrschten (wie in Spanien) eine Leitzinserhöhung angebracht gewesen.24 Die extrem niedrigen Realzinsen, die in manchen Fällen sogar negativ waren, da in dieser Situation die spanische Inflationsrate den Kreditzins überstieg, bildeten somit den idealen Nährboden für eine Immobilienblase.25

Hinzu kam, dass sich vor allem regionale und unregulierte Sparkassen (cajas), die die Hälfte des spanischen Bankensektors repräsentierten, bei der Vergabe von Hypothekenkrediten stark engagierten. Dabei ist festzuhalten, dass die cajas über den Aufsichtsrat von Politikern kontrolliert werden.26 Aufgrund der bereits erwähnten Einnahmen aus der Vergabe von Baulizenzen für die Kommunen, hatten die Lokalpolitiker ein großes Interesse daran die Kreditvergabe zu forcieren. Weiterhin ist wohl auch die spanische Zentralbank (Banco de España) ihren Überwachungspflichten nur unzureichend nachgekommen.27 Die Folge waren zu laxe Kreditwürdigkeitsprüfungen von Seiten der Banken und die Vergabe von Krediten über 100 % des Immobilienwertes.28 Das bedeutet also, dass spanische Banken an ihre Kunden Kredite vergeben haben, die höher waren als der Marktwert des Hauses bzw. der Wohnung. Im Vergleich zu Spanien ist es z.B. in Deutschland üblich, dass maximal 60-80 % des Immobilienwertes als Kredit ausgezahlt werden. Die Differenz muss vom Kreditnehmer aus Eigenmitteln finanziert werden. Somit konnten nun viele Spanier ein Eigenheim erwerben, die zuvor möglicherweise nicht ausreichend kreditwürdig gewesen wären. Die Politik hat im Rahmen der Integration von Immigranten den Immobilienkauf zusätzlich gefördert, indem die Kreditvergabe an Einwanderer ohne ausreichende Bonitätsdaten erleichtert wurde.29 Das Ergebnis dieser Entwicklung waren nicht nur vermehrte Käufe von Ferienhäusern durch Briten oder Deutsche,30 auch immer mehr Spanier erfüllten sich den Traum von einer Zweitwohnung an der Küste.31 Die hohen jährlichen Preissteigerungsraten für Immobilien von ca. 20 % während der Boomjahre lockten zudem Spekulanten an.32 Diese trieben die Preise durch den Erwerb von Zweit- und Drittwohnungen in die Höhe und trugen somit ihren Teil zur Überhitzung des Immobilienmarktes bei.

Wie wichtig der Bausektor für die spanische Volkswirtschaft war und ist zeigt Abbildung 3. Hier wird gleichzeitig die Überdimensionierung der spanischen Immobilienbranche sichtbar. Mit einem Anteil von 21,5 % am BIP im Jahr 2007 war der Beitrag der Bauinvestitionen zum BIP mehr als doppelt so hoch wie beispielsweise in Deutschland. Aber auch nach Platzen der Immobilienblase ist der Anteil im Jahr 2011 mit 14,2 % noch deutlich höher als der Durchschnitt in den EU-27 Ländern. Im Vergleich zu Irland, das ebenfalls einen Bauboom erlebte, hat die Baubranche in Spanien deutlich weniger an Gewicht verloren. Eine weitere Zahl, die die Überdimensionierung des spanischen Bausektors deutlich macht, sind die jährlich fertiggestellten Wohneinheiten. Diese betrugen in der Hochkonjunktur 800.000 Einheiten pro Jahr und damit mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen!33 Einhergehend mit gewaltigen Preissteigerungsraten von Immobilien stieg auch die Verschuldung der spanischen Privathaushalte.34 Die Privatverschuldung stieg zwischen 2001 und 2008 auf schwindelerregende 200 % des BIP.35

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Anteil der Bauinvestitionen am BIP in europäischen Ländern36

Diese Tatsache wurde für die Schuldner und die Bauwirtschaft erst zum Problem als die EZB im Jahr 2005 damit begann den Leitzins bis 2007 sukzessive von zwei auf vier Prozent anzuheben.37 In der Folge konnten sich weniger spanische Bürger den Kauf einer Immobilie leisten, was sich negativ auf die Nachfrage nach Häusern und Wohnungen auswirkte. Da in Spanien Hypothekenkredite üblicherweise variabel verzinst werden, wurde es überdies für die Schuldner zunehmend schwieriger den Kreditverpflichtungen in Form von Zinszahlung und Tilgung nachzukommen. Als Konsequenz setzte eine Abkühlung des Häusermarktes ein und der Preisanstieg bei Immobilien viel auf einstellige Werte zurück.38 Doch erst die Turbulenzen an den Finanzmärkten rund um den Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 brachte das Fass zum überlaufen. Das Misstrauen unter den Banken und der Zusammenbruch des Interbankenmarktes führten zu erheblichen Finanzierungsschwierigkeiten für spanische Banken. Diese bemühten sich nun verstärkt darum Gelder aus Immobilienkrediten einzutreiben die nicht mehr bedient wurden weswegen Zwangsversteigerungen zunahmen. Da die Finanzkrise nun auch auf den Realsektor übersprang, gerieten immer mehr private Haushalte in finanzielle Schwierigkeiten mit ernsthaften Konsequenzen für den Bankensektor.39

2.1.3 Auf den Immobilienboom folgt die Bankenkrise

Während die spanischen Großbanken bereits im Jahr 2007 damit begannen ihre Positionen im Immobiliensektor herunterzufahren, setzten die cajas ihre aggressive Kreditvergabe fort. Dementsprechend litten besonders die regionalen Sparkassen unter dem Platzen der Immobilienblase.40 Die Zahl der notleidenden Kredite, also der Darlehen, die mindestens drei Monate lang nicht bedient wurden, stieg kontinuierlich an.41 Diese Entwicklung zwang die Banken dazu ihre Rückstellungen für „faule“ Kredite zu erhöhen, um drohende Verluste auszugleichen. Die Notwendigkeit zur Bildung von Rückstellungen verschärfte sich weiter nachdem die Banco de España strengere Regeln zur Refinanzierung von Krediten verabschiedete.42 Bei tatsächlichen Kreditausfällen konnten die Banken zwar auf die Sicherheit in Form der Immobilie zurückgreifen, doch wegen fallender Haus- und Wohnungspreise blieben die Banken bei Zwangsversteigerungen auf großen Teilen ihrer Verluste sitzen. Folglich versuchten die Banken ihre Risiken zu reduzieren, indem sie Kredite in Höhe von maximal 80 % des Immobilienwertes ausgaben. Dies wiederum führte dazu, dass sich immer weniger spanische Bürger einen Hauskauf leisten konnten.43 Aufgrund der hohen Gewichtung an Hypothekenkrediten in den Bilanzen vieler spanischen Banken verteuerte sich zudem die Finanzierung (sofern sie denn möglich war) über den Geld- und Kapitalmarkt spürbar. Dies wog umso schwerer, da sich die spanischen Banken zu einem großen Teil nicht mit den Einlagen der heimischen Sparer refinanzierten, sondern an den internationalen Finanzmärkten.44 Die höheren Kosten mussten somit bei der Kreditvergabe an die Kunden weitergegeben werden, was die Vergabe von Krediten erschwerte.45

Die Kombination aus reduzierter Kreditgewährung, sinkendem Wirtschaftswachstum, steigender Arbeitslosigkeit und zunehmender Kreditausfälle erwies sich als Teufelskreis für Spanien und seinen Bankensektor. Die damalige sozialdemokratische Regierung unter Leitung José Luis Rodriguez Zapateros versuchte die negative Dynamik mit der Einrichtung eines laufzeitbegrenzten Fondo de Reestructuración Ordenada Bancaria (FROB) im Juni des Jahres 2009 zu mindern.46 FROB sollte die Restrukturierung des spanischen Bankensektors erleichtern. Der Bankenrettungsfonds wurde mit einem Eigenkapital von neun Milliarden Euro ausgestattet, welches später auf 15 Milliarden Euro erhöht wurde und konnte sich mit Hilfe des Eigenkapitals am Kapitalmarkt refinanzieren.47 Ziel von FROB war es durch die Bereitstellung von frischem Kapital Fusionen von Krisenbanken, insbesondere der cajas, zu unterstützen, um dadurch Synergieeffekte zu erzielen und die Effizienz im Bankensektor zu erhöhen.48 So wirkte FROB beispielsweise 2010 bei der Fusion von sieben spanischen cajas mit, die unter dem Namen Bankia zur viertgrößten Bank des Landes wurde.49

Der Bankenrettungsfonds konnte jedoch die Krise nicht ausreichend eindämmen. Das Staatsdefizit lag deutlich über dem Maastricht-Kriterium von drei Prozent und die Verschuldung stieg unaufhaltsam an. Außerdem schossen die Risikoaufschläge für spanische Staatsanleihen nach oben und es wurde deutlich, dass die spanischen Banken weitaus mehr zusätzliches Kapital benötigten, als bisher angenommen. Die Lage wurde noch verschlimmert, da spanische Banken unter der im 1. Halbjahr 2012 einsetzenden Kapitalflucht litten. In diesem Zeitraum flossen 230 Mrd. Euro, was 20 % des BIP entsprachen, aus Spanien ab in sogenannte sichere Häfen wie Deutschland.50 Folglich bat Spanien Mitte des Jahres 2012, mittlerweile vom konservativen Premier Rajoy regiert, um EU-Mittel für den maroden Bankensektor. Anders als bei den Krisenländern Irland, Griechenland und Portugal erhielt Spanien zur Restrukturierung Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro aus den neu geschaffenen EFSF und ESM ohne sich im Gegenzug unpopulären Ausgabenkürzungen und Reformen zu verpflichten. Ein Grund hierfür lag darin, dass z.B. nicht der Internationale Währungsfonds (IWF) am Bankenrettungspaket beteiligt war und die Hilfsgelder ausschließlich für die Umstrukturierung des Bankensektors eingesetzt werden durften.51 Als Bedingung für die Gewährung der Hilfe musste sich Spanien im mit der EU verabschiedeten Memorandum of Understanding (MoU)52 dazu verpflichten mit der Sociedad de Gestión de Activos Procedentes de la Reestructruación Bancaria (Sareb) eine Art Bad Bank zu errichten.53 In diese können die spanischen Kreditinstitute ihre notleidenden Immobilienkredite auslagern und so ihre Bilanzen säubern. Sareb bündelt die faulen Kredite und verkauft sie an Investoren weiter. Dass der Bankensektor dennoch weiterhin weit von einer grundlegenden Erholung entfernt ist, wird durch eine Maßnahme der spanischen Regierung zum Ende des Jahres 2013 deutlich. Sie erlaubte ihren Banken latente Steueransprüche in Höhe von 30 Milliarden Euro in Eigenkapital umzuwandeln, um den Instituten die Möglichkeit zur Erhöhung der Kernkapitalquote zu geben.54

2.2 Illegale Praktiken und die Stellung der Justiz

2.2.1 Korruption und Schattenwirtschaft

Ein weiterer Schwachpunkt Spaniens ist die vorherrschende Korruption und Schatten-wirtschaft, die die aktuelle Krise mitausgelöst bzw. verschärft haben. In der weltweiten Korruptionsrangliste des Jahres 2013 von Transparency International belegt Spanien den 40. Platz hinter Ländern wie Katar und Botsuana.55 Im Vergleich zum Vorjahr fällt Spanien damit um zehn Plätze zurück.56 Somit wird dieses Problem durch die Wirtschafts- und Schuldenkrise noch verschlimmert. Kritiker wenden nun möglicherweise ein, dass man Korruption nicht genau messen könne und die Aussagekraft der Rangliste von Transparency International daher gering ist. Allerdings zeigen zahlreiche Vorfälle der letzten Jahre aus Wirtschaft und Politik, dass Korruption und Schattenwirtschaft ein ernst zu nehmendes Problem darstellen. Allen voran der Skandal um Schwarzgeldkonten der regierenden Partido Popular (PP) Anfang 2013, im Zuge dessen Premier Mariano Rajoy stark unter Druck geriet, ist als Paradebeispiel anzusehen. So sollen Dokumente des früheren PP-Geschäftsführers Luis Bárcenas zeigen, dass Spitzenpolitiker der Partei zwischen 1990 und 2008 monatlich Gelder von bis zu 15.000 Euro erhalten haben. Unter den Betroffenen ist auch der bereits angesprochene Premier Rajoy. Der wehrte sich allerdings vehement gegen die Vorwürfe, da das damalige Parteienfinanzierungsgesetz bis zum Jahr 2007 Privatpersonen erlaubte Parteispenden von bis zu 60.000 Euro zu tätigen. Allerdings tauchten in den Unterlagen Bárcenas auch Firmen, vor allem aus dem Bau- und Immobiliensektor, auf. Diese zahlten Gelder ein, die die erlaubte Grenze deutlich überstiegen. Durch ihre enge Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand bei Bauprojekten besteht somit der starke Verdacht, dass Unternehmen aus der Bau- und Immobilienbranche die Entscheidungen von PP-Regionalpolitikern zu ihren Gunsten beeinflussten. Wie sehr sich die Politiker dabei die eigenen Taschen füllten, offenbart Luis Bárcenas selbst. Er hortete 22,1 Millionen Euro auf einem Konto in der Schweiz.

Doch nicht nur PP-Politiker sind betroffen. Es ist vielmehr ein Phänomen, das über alle Parteien hinweg besteht. José Blanco, dem ehemaligen Minister der Partido Socialista Obrero Español (PSOE), wurde beispielsweise vorgeworfen fast eine halbe Millionen Euro von einem galizischen Unternehmer erhalten zu haben, um ihn im Gegenzug mit Subventionen zu versorgen. Doch nicht nur die zwei großen spanischen Volksparteien stecken im Schmiergeld- und Veruntreuungssumpf, sondern auch die regionale Partei Convergència i Unió ist darin verstrickt. Die Regierungspartei Kataloniens musste zugeben, dass Politiker ihrer Partei in den 90er Jahren EU-Gelder veruntreuten, die für die Förderung von Arbeitssuchenden bestimmt waren.57

Korruption steht in Spanien in engem Zusammenhang mit der grassierenden Schattenwirtschaft. Im Jahr 2011 gab die Sparkassenstiftung FUNCAS bekannt, dass die Schattenökonomie zwischen 2005 und 2008 fast ein Viertel der Wirtschaftsleistung ausmachte. Aus diesem Grund ist Spanien das Land Europas mit den meisten sich im Umlauf befindlichen 500-Euro-Banknoten. Der Schaden für die Wirtschaft, beispielsweise durch entgangene Steuereinnahmen, ist enorm. Wie so oft spielt auch hier der Bausektor eine entscheidende Rolle. Während der Boomjahre der Branche wurde ein umfangreiches paralleles Wirtschaftssystem aufgebaut.58 In diesem wurden z.B. häufig Immigranten als Schwarzarbeiter eingesetzt. Durch die tiefe Krise der letzten Jahre hat sich das Problem weiter verschlimmert, da der illegale Sektor durch hohe Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen weiteren Zulauf erfährt. Eine Bekämpfung des Zustands ist aufgrund von Personalmangel in den Behörden nur schwer möglich. In Spanien ist im Schnitt ein Finanzbeamter für knapp 2000 Steuerzahler verantwortlich. Das Verhältnis liegt in Deutschland hingegen bei eins zu 730.59 Folglich haben in der Schattenwirtschaft agierende Unternehmen wenig zu befürchten.

Die Korruption und Schattenökonomie sind nicht nur wegen der direkten wirtschaftlichen Schäden ein Problem für Spanien. Zusätzlich wird das Image des Landes nachhaltig geschädigt. Dies kann beispielsweise bei Investitionsentscheidungen internationaler Unternehmen eine Rolle spielen und somit die Wettbewerbschancen Spaniens verschlechtern. Außerdem gefährdet das Verhalten vieler Politiker die Stabilität des Landes. Während von den Bürgern massive Sparanstrengungen gefordert werden, bereichern sich Politiker illegalerweise am Vermögen des Landes. Solch ein Verhalten kann das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie nachhaltig erschüttern.60

2.2.2 Probleme im Justizapparat

Eine Ursache für die weitverbreitete Korruption und Schattenwirtschaft ist das spanische Justizsystem. Die Gerichte sind aufgrund von Personalmangel, fachlich nicht ausreichend ausgebildeten Mitarbeitern und fehlenden technischen Mitteln chronisch überlastet. Die Folge ist ein extrem langsam agierender Justizapparat. In der Vergangenheit konnten dadurch eine Vielzahl von Urteilen nicht vollstreckt werden, was in der Spitze zu knapp 270.000 nicht vollstreckten Urteilen führte.61 In den Anfangsjahren der spanischen Demokratie kamen zudem zahlreiche Streitigkeiten über die Kompetenzverteilung zwischen dem Zentralstaat und den Comunidades Autónomas hinzu. Zu dieser Zeit wurde das Verfassungsgericht mit Klagen geradezu überschwemmt und daher stark belastet.62 Folglich musste das spanische Verfassungsgericht in den letzten 30 Jahren mehr Klagen bearbeiteten, als das deutsche Pendant in 60 Jahren.63

Neben der Überbelastung der Gerichte ist außerdem die Politisierung des Obersten Gerichtshof kritisch zu betrachten. Diese zeigte sich im Jahr 2012 als der bekannte spanische Richter Baltasar Garzón aufgrund von Ermittlungspraktiken im Zusammenhang mit der Aufdeckung des bereits genannten Korruptionsskandals der PP zu elf Jahren Berufsverbot verurteilt wurde. Er ließ bei den Ermittlungen Gespräche zwischen den Verdächtigen und Anwälten abhören, da seiner Begründung nach der Verdacht bestand, dass die Anwälte helfen würden Schmiergelder in Sicherheit zu bringen.64 Das Urteil des Obersten Gerichtshofs kann als politisch motiviert angesehen werden, da üblicherweise nicht rechtmäßige Abhörprotokolle lediglich nicht als Beweismittel zugelassen werden durften und das Vorgehen bis zu diesem Fall nie strafrechtliche Auswirkungen hatte.65 Die Ausgestaltung des Parteienfinanzierungsgesetztes trägt ebenfalls einen Teil dazu bei, dass die herrschenden Zustände nicht wirksamer bekämpft werden können. Demnach verjähren Verstöße gegen das Gesetz bereits nach vier Jahren. Die Revisionsberichte des spanischen Rechnungshofs werden allerdings im Schnitt erst nach fünf Jahren fertiggestellt. Premier Rajoy hat dessen Mittel während seiner Amtszeit aber sogar noch gekürzt.66

2.3 Probleme auf dem Arbeitsmarkt

2.3.1 Grundlegende Merkmale des spanischen Arbeitsmarktes

Eine Arbeitslosenquote von 25 % im Jahr 2013 machen die tiefgreifenden Probleme auf dem spanischen Arbeitsmarkt deutlich.67 Sicherlich ist die Entwicklung der Arbeitslosigkeit eng mit der wirtschaftlichen Aktivität eines Landes verbunden. Die anhaltende Rezession in Spanien kann jedoch nicht als alleiniger Grund für die desaströse Lage auf dem Arbeitsmarkt angeführt werden. Vielmehr ist dieser von schwerwiegenden strukturellen Problemen geplagt, die seit langem bestehen, aber durch die Krise erst sichtbar wurden. Daran konnten auch zahlreiche in den letzten Jahren durchgeführte Arbeitsmarktreformen nichts ändern.68 Zwar wurden seit 1994 in großem Umfang Jobs geschaffen und bis zum Ende der Boomjahre verdoppelte sich die Zahl der Arbeitnehmer, was auf eine deutliche bessere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt und der Einbindung von Zuwanderern zurückzuführen ist.69 Doch Holm-Detlev Köhler beklagt, dass „die Arbeitsplätze (…) oft prekär, gesundheitsschädlich und gering qualifiziert“ sind.70 Dieser Trend liegt in der für den damaligen Jobaufschwung maßgeblich beteiligten Bau- und Tourismusbranche begründet, da in diesen Sektoren ein hoher Bedarf an derartigen Arbeitsplätzen besteht.71 Eine Auswirkung des niedrigen Ausbildungsniveaus der Arbeiter auf Baustellen oder der Reinigungskräfte in Hotels ist eine Stagnation beim Produktivitätszuwachs. Außerdem steht Spanien bei der Zahl der Arbeitsunfälle, die besonders häufig im Bauwesen auftreten, im europäischen Vergleich besonders schlecht da.72 Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien ist auch Resultat der dritthöchsten Schulabbrecherquote in der EU. Während des beispiellosen Wachstums in der Immobilienbranche erlagen viele Heranwachsende dem Lockruf des schnellen Geldes im Baugewerbe. Dort konnten sie ohne Schulabschluss oder sonstige Qualifikationen in kurzer Zeit viel Geld verdienen. Dagegen haben sie jetzt umso größere Schwierigkeiten einen neuen Arbeitsplatz zu finden, da ein Job außerhalb der Baubranche für sie nahezu unerreichbar ist.73

2.3.2 Dualität des Arbeitsmarktes

Zudem ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit der Dualität des spanischen Arbeitsmarktes geschuldet, das heißt, dass der Arbeitsmarkt in zwei Bereiche unterteilt werden kann. Auf der einen Seite sind Arbeitssuchende und meist junge Arbeitnehmer, die einen befristeten Arbeitsvertrag (zwischen sechs Monaten und drei Jahren) besitzen und für den Arbeitgeber aufgrund niedriger Abfindungsverpflichtungen leicht kündbar sind. Folglich trägt diese Gruppe die Hauptlast, wenn Unternehmen wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten Arbeitsplätze abbauen müssen. Zwischen 2005 und 2007 waren vier von fünf spanischen Arbeitnehmern zwischen 16 und 19 Jahren mit einem befristeten Arbeitsvertrag ausgestattet. Auf der anderen Seite gibt es Arbeitnehmer, die mit unbefristeten Arbeitsverträgen versehen wurden. Zusätzlich werden sie durch hohe Abfindungsansprüche und für sie geltende Tarifvereinbarungen geschützt.74

Die Förderung der Umwandlung von befristeten in unbefristete Arbeitsverhältnisse durch Nachlässe bei den Sozialversicherungsbeiträgen für Arbeitgeber zeigt, dass von Seiten der spanischen Regierung Handlungsbedarf erkannt wurde. Allerdings brachte diese Maßnahme bisher keinen nachhaltigen Erfolg, da die Förderung zeitlich begrenzt war und die Mitarbeiter in vielen Fällen nach dem Auslaufen der Nachlässe entlassen wurden.75 Daher verwundert es nicht, dass Spanien im Jahr 2007 mit einem knapp 32-prozentigen Anteil an befristeten Arbeitsverträgen den höchsten Wert in Europa erzielte. Zwar konnte dieser Wert bis 2012 auf rund 23 % reduziert werden.76 Der Grund für den geringeren Anteil an befristeten Arbeitsverträgen ist jedoch, dass wie bereits erwähnt, diese Arbeitnehmer während der schweren Krise in Spanien die ersten waren, die ihren Arbeitsplatz verloren. Zwischen 2008 und 2011 wurden allein im Bausektor 650.000 Arbeiter mit einem befristeten Anstellungsverhältnis freigestellt.77 Neben der hohen Unsicherheit, der befristete Arbeitnehmer ausgesetzt sind, ist die mangelnde Bereitschaft der Arbeitgeber in diese Arbeitnehmergruppe zu investieren ein weiterer negativer Aspekt. Selbst im Vorkrisenjahr 2006 wurden unbefristet angestellte Arbeitnehmer von ihren Unternehmen deutlich bevorzugt, wenn es darum ging an bezahlten Fortbildungen teilzunehmen.78

2.3.3 Die Rolle der Gewerkschaften

Das in Spanien vorherrschende „insider-outsider-Modell“ wird zusätzlich durch die Gewerkschaften unterstützt. Hier sind insbesondere die zwei mächtigsten Arbeitnehmervertretungen zu nennen, die Comisiones Obreras (CCOO) und die Unión General de Trabajadores (UGT). Obwohl Gewerkschaften in Spanien generell eher einen geringen Zulauf erfahren, beeinflussen sie den Arbeitsmarkt entscheidend. Aufgrund der niedrigen Mitgliederzahl der Gewerkschaften finanzieren sich diese nur zu einem geringen Teil über Mitgliedsbeiträge. Weitaus mehr Gelder erhalten sie von der öffentlichen Hand. Laut einer Zeitung sind zwischen 2008 und 2011 rund eine Milliarde Euro von der Staatsregierung an die Arbeitnehmervertreter geflossen, was zu einer gewissen Abhängigkeit führt.79 Außerdem verfügen die Gewerkschaften über ein Vertretungsrecht in den öffentlichen Institutionen.80 Die Arbeitgeberseite wird in Spanien von der Confederación Española de Organizaciones Empresariales (CEOE) vertreten, die eine Monopolstellung inne hat.81 Die rechtlichen Regelungen in Spanien führen dazu, dass die durch die CCOO und die UGT erzielten Tarifabschlüsse allgemeinverbindlich sind. Somit gelten Tarifverträge nicht nur für Gewerkschaftsmitglieder, sondern für den ganzen betroffenen Sektor. Folglich ist der Anreiz für eine Mitgliedschaft eher gering, was die niedrige Partizipationsquote (15-20 %) erklärt.82

Aufgrund der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge nutzen Arbeitgebervertreter die Verhandlungen, um den Wettbewerb zu regulieren, indem sie in der Lage sind Gehälter auszuhandeln, die für alle Betriebe gelten. Eine Konsequenz daraus ist, dass die Löhne und Gehälter in Spanien sehr starr sind, da sie sich nicht an der Produktivität eines Unternehmens orientieren, sondern indexgebunden sind.83 In der herrschenden Krise konnten Arbeitgeber somit nicht durch Lohnanpassungen auf die schlechtere wirtschaftliche Lage reagieren, sondern waren gezwungen befristet eingestellte Mitarbeiter zu entlassen. Dabei profitieren vor allem große und produktive Unternehmen vom bestehenden System, da deren Lohnniveau ohnehin über den tariflichen Vereinbarungen liegen und sie demnach nicht von diesen beeinflusst werden. Wohingegen kleine und weniger produktive Unternehmen gezwungen werden ein gewisses Lohnniveau zu übernehmen. Auf diese Weise können die großen Spieler auf dem Markt ihre Konkurrenten klein halten. Die bestehenden Verhältnisse führen zudem dazu, dass unbefristet eingestellte Arbeitnehmer Lohnerhöhungen fordern können ohne ein großes Risiko einzugehen, da die Zeitarbeiter als eine Art Puffer gegen den Abbau von festen Arbeitsplätzen fungieren.84 Die 2012 unter Rajoy durchgeführte Arbeitsmarktreform räumt den Unternehmen größere Flexibilität bei der Einstellung und Entlassung von Mitarbeitern ein.85 Die Problematik der befristeten und unbefristeten Arbeitsverträge wird dadurch allerdings nicht behoben. Es ist also anzuzweifeln, ob die Reform das schaffen kann, was durch die vorangegangenen Reformen nicht gelungen ist und in der Lage ist die verkrusteten Strukturen des spanischen Arbeitsmarktes aufzubrechen.

2.4 Mangelnde Haushaltsdisziplin der autonomen Regionen

In der Übergangsphase (Transición) zwischen der Franco-Diktatur und der Demokratie wurde der von Madrid ausgehende Zentralismus beibehalten, um in dieser schwierigen Phase Stabilität zu gewährleisten. Gleichzeitig wurden den autonomen Regionen mit eigenen Verwaltungsapparaten weitreichende Kompetenzen zugesprochen. In den folgenden Jahren wurde Spanien schrittweise dezentralisiert. Allerdings wurden die zentralen Verwaltungseinheiten nicht abgebaut, was zu einer Doppelung von vielen Verwaltungsfunktionen führte. Daraus resultieren Ineffizienzen in der Verwaltung und dementsprechend zusätzliche Kosten.86 Möglicherweise sind doppelte Verwaltungen auch ein Grund dafür, dass es in Spanien derart viele Privilegierte gibt, also Personen die von Steuergeldern leben. Zählt man zu den gewählten Volksvertretern beispielsweise noch die Politiker in öffentlichen Betrieben, Inhaber von Posten im Gesundheits- und Bildungssektor und vom Staat bezahlte Gewerkschaftsfreigestellte hinzu, erhält man fast 450.000 Privilegierte. In Deutschland beträgt diese Zahl 150.000 und das bei fast doppelt so vielen Einwohnern im Vergleich zu Spanien.87

[...]


1 Vgl. FOCUS Online (2007).

2 Vgl. Initiative Soziale Neue Marktwirtschaft GmbH (2012).

3 Vgl. tagesschau.de (2014).

4 Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH (2014).

5 Vgl. Initiative Soziale Neue Marktwirtschaft GmbH (2012).

6 Vgl. Köhler (2008), S. 219.

7 Vgl. Berbel (2001) S. 3.

8 Vgl. Rodríguez Martín (2012), S. 95-97.

9 Vgl. Bogs (2013).

10 Vgl. Statista GmbH (2014b).

11 Vgl. Bogs (2013).

12 Vgl. Statista GmbH (2013a).

13 Vgl. Statista GmbH (2014b).

14 Vgl. Spiegelhauer Reinhard (2013).

15 Vgl. Statista GmbH (2012).

16 Vgl. Statista GmbH (2012a).

17 Vgl. Rodríguez Martín (2012), S. 109.

18 Vgl. Statista GmbH (2013b).

19 Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH (2004).

20 Vgl. Schütz (2012), S. 55.

21 Vgl. elplural.com (2011).

22 Vgl. Köhler (2008), S. 221.

23 Vgl. Kreienbrink (2008), S. 246.

24 Vgl. Heise (2013), S. 17-18.

25 Vgl. Lin/Edvinsson/Chen/Beding (2013), S. 6.

26 Vgl. Lin et al. (2013), S. 15.

27 Vgl. tagesschau.de (2013).

28 Vgl. Lin et al. (2013), S. 14.

29 Vgl. Lin et al. (2013), S. 14.

30 Vgl. Köhler (2008), S. 221.

31 Vgl. Rodríguez Martín (2012), S. 102.

32 Vgl. Klinger (2012a).

33 Vgl. Bergheim (2007), S.10.

34 Vgl. Lin et al. (2013), S. 14.

35 Vgl. FOCUS Online (2012).

36 Vgl. Statista GmbH (2012d).

37 Vgl. finanzen.net GmbH (2014a).

38 Vgl. Bergheim (2007), S. 10 f.

39 Vgl. DIE WELT (2013).

40 Vgl. Lin et al. (2013), S. 15.

41 Vgl. WirtschaftsWoche Online (2013).

42 Vgl. Grüttner (2013a).

43 Vgl. WirtschaftsWoche Online (2013).

44 Vgl. BBC News (2012).

45 Vgl. Grüttner (2013a).

46 Vgl. FROB (2010), S. 3.

47 Vgl. FROB (o. J.).

48 Vgl. FROB (2010), S. 2.

49 Vgl. DIE WELT (2012).

50 Vgl. Díez (2013).

51 Vgl. BBC News (2012).

52 Vgl. European Commission (2014a).

53 Vgl. Sareb (o. J.).

54 Vgl. finanzen.net GmbH (2013).

55 Vgl. Transparency International Deutschland e.V. (2013).

56 Vgl. SPIEGEL ONLINE GmbH (2013).

57 Vgl. Wuhrer (2013).

58 Vgl. Rodríguez Martín (2012), S. 102.

59 Vgl. Müller (2014).

60 Vgl. García Vega (2013).

61 Vgl. Wagner (2008).

62 Vgl. Hildenbrand Scheid (2008), S. 136.

63 Vgl. Klinger (2012b).

64 Vgl. Hamburger Abendblatt (2012).

65 Vgl. Wanlder (2012).

66 Vgl. Wuhrer (2013).

67 Vgl. Statista GmbH (2013a).

68 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 8.

69 Vgl. Köhler (2008), S. 224.

70 Köhler (2008), S. 221.

71 Vgl. Köhler (2008), S. 221.

72 Vgl. Köhler (2008), S. 226 f.

73 Vgl. Böcking (2012).

74 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 7 f. und S. 11.

75 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 8.

76 Vgl. Eurostat (2013a).

77 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 9.

78 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 8.

79 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 10.

80 Vgl. Köhler (2008), S. 231 f.

81 Vgl. Köhler (2008), S. 233.

82 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 9 f.

83 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 10 f.

84 Vgl. Bentolila, Dolado, Jimeno (2012), S. 11.

85 Vgl. Handelsblatt GmbH (2012a).

86 Vgl. Barrios (2008), S. 65 und Klinger (2012a).

87 Vgl. Klinger (2012a).

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der europäischen Schuldenkrise am Beispiel Spaniens
Hochschule
Fachhochschule Hof
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
63
Katalognummer
V541399
ISBN (eBook)
9783346170811
ISBN (Buch)
9783346170828
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beispiel, lösungsmöglichkeiten, schuldenkrise, spaniens, ursachen
Arbeit zitieren
Michael Dotterweich (Autor), 2014, Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der europäischen Schuldenkrise am Beispiel Spaniens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541399

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