Nahrungsaufnahme aus psychologischer Sicht nach Sigmund Freuds "Totem und Tabu". Inwiefern hat Essen eine verbindende Funktion?


Essay, 2019

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Erkenntnisinteresse

Abgrenzung zu anderen Primärbedürfnissen

Geschichte der Nahrungsaufnahme in Gesellschaft

Sinnesübergreifend

Unterschiedliche Geschmäcker

Essen in Gesellschaft im Alterungsprozess

Bedürfniserfüllung und Nichterfüllung in Gesellschaft

Konsumverhalten und gesellschaftliche Akzeptanz

Sinnerweiternde Lebensmittel

Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung und Erkenntnisinteresse

Groß, klein, mit braunen oder blauen Augen, buddhistisch, atheistisch, sportlich, gemütlich, egozentrisch, altruistisch, optimistisch oder pessimistisch: Einzeln betrachtet können Menschen unterschiedlicher nicht sein. Doch entgegen der Diversität lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen, die die Menschheit verbindet. Um zu überleben müssen die Grundbedürfnisse erfüllt sein. Jeder Mensch muss mit Nahrung, Sauerstoff, Schlaf und Liebe versorgt werden, sowie die Nahrung wieder aussscheiden. Auffällig ist, dass das Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme oftmals in (größerer) Gesellschaft erfüllt wird, während den anderen Bedürfnissen hingegen alleinig oder zu zweit nachgegangen wird. Im Folgenden soll daher primär geklärt werden, inwiefern und weshalb die Nahrungsaufnahme in psychologischer Hinsicht eine verbindende Funktion hat.

Abgrenzung zu anderen Primärbedürfnissen

Dass das Bedürfnis nach Sauerstoff lediglich erfüllbar in Einzelarbeit ist, ist physiologisch erklärbar und liegt auf der Hand. Zudem ist das Atmen keine aktive Handlung, sondern ein Reflex und wird somit unbewusst – selbst im Schlaf – durchgeführt, im Gegensatz zur Nahrungsaufnahme, die eine aktive und meist bewusste Tätigkeit ist.

Schlafgewohnheiten werden von Menschen sehr unterschiedlich gehandhabt. Während viele Menschen, besonders die mit leichtem Schlaf gerne alleine nächtigen, erfüllen sich wiederum andere dieses Bedürf is in Gesellschaft. Oftmals sind dies paarweise oder Eltern-mit-Kind- Konstellationen. Der Sinn dieses gemeinschaftlichen Schlafens liegt in der Erfüllung des Sicherheitsbedürfnisses, sodass der zweite Schläfer eine passive Schutzfunktion einnehmen kann. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist jedoch im Gegensatz zur Nahrungsaufnahme ein Sekundärbedürfnis Ein weiterer wichtiger Effekt ist der der Festigung von Beziehungen durch körperliche Nähe. Da Säuglinge ohne liebevolle menschliche Begegnungen nicht lebensfähig sind, wird auch das Bedürfnis nach Liebe zu den Grundbedürfnissen gezählt. Liebevoller Austausch erfolgt ebenso aktiv wie passiv und der Rhythmus dieser Befriedigung entwickelt sich höchst individuell, ebenso wie die Strategien: Es muss weder bewusst noch täglich geschehen und die Liebe zu sich selbst erlaubt auch eine Erfüllung als Einzelne Person.

Weshalb nun der Ausscheidung von Nahrung alleine und nicht in Gesellschaft ausgeübt wird, während die Aufnahme gesellschaftlich geradezu zelebriert wird, ist ein beleuchtenswertes soziales Verhältnis. Es ist eine ebenso verletzliche und schutzlose Tätigkeit und lediglich das andere Ende ein und desselben Prozesses. Gesellschaftlich anerkannt ist der gemeinsame Toilettengang lediglich bei Hilfsbedürftigen.

Geschichte der Nahrungsaufnahme in Gesellschaft

Seit Anbeginn der Menschheit, sogar zu Zeiten der Neandertaler wurde bereits in Gemeinschaft gegessen. Alleinstehend war ein Überleben unter den rauen Bedungungen kaum möglich. Es wurde in Gruppen von Männern gejagt, während die Frauen Pflanzen, Wurzeln und Früchte sammelten, sowie – nach der Entdeckung – Totholz zusammentrugen und Feuer entfachten. Das Zusammensuchen von Nahrung und der Aufbereitung dieser nahm damals nahezu den kompletten Tag ein, sodass die Nahrungsaufnahme def Gruppe den Höhepunkt des Tages darstellte. Diesem immensen Aufwand und dem Zusammenhalt der Gruppe verdankten die Urmenschen eine deutlich größere Varietät an Nährstoffen, als es ein Individuum alleine geschafft hätte. Unter Umständen wäre ein Überleben als Einzelner beispielsweise bei Jagdmisserfolgen nicht gesichert. Somit war Sinn und Mittel des Überlebens, gemeinschaftlich für das leibliche Wohl zu Sorgen. Hierbei gab es strikte Hierarchische Ordnungen, bei Knappheit wurden vorrangig die Kräftigsten gestärkt, während die Schwachen und Älteren zum Schluss aßen. Die Entwicklung zum Homo Sapiens verdanken wir demnach dem Nährstoffreichtum durch Gruppenzusammenhalt und der indirekten Trennung von resistenter und schwacher Genetik infolge des gemeinschaftlichen Essens.

Die im Zuge der Sesshaftigkeit möglich gewordene Landwirtschaft beschleunigte den Werdungsprozess der Vielfältigkeit an Nahrungsmitteln, sowie der menschlichen Entwicklung ließ neue Tätigkeitsfelder entstehen: Das Hauptaugenmerk des Lebens verschob sich so in Jahrhundertelangen Prozessen vom reinen Überleben weg hin zum gesellschaftlichen Umgang in Hochkulturen wie die der Maya, der Wikinger und der Römer. Das intelektuelle Gut der Älteren Menschen wurde geschätzt und junge Menschen im Sinne der Zukunft gepeppelt. Anhand von Tischordnungen ließen sich nun vorrangig der soziale Stand ablesen: Die Adeligen speisten wertvolles Fleisch, während das Fußvolk an separaten Tischen Getreidemahlzeiten speisten. Der sozialen räumlichem und dinglichen Trennung entgegen lässt sich durchgehende Gleichheit anhand des tageszeitlichen Rhythmus' erkennen: So waren bei den Wikingern ein „náttmál“ abends, sowie ein „dagmál“, bestehend aus den Resten vom Vorabend, welches morgens verspeist wurde. Diese weitesgehende Gleichzeitigkeit der Mahlzeiten untersteicht den sozialschichtig übergreifenden, intuitiven und unterbewussten Rhythmus jeder Gesellschaft.

In religiösen Totemkulten wurde zudem die Tötung und Verspeisung von Totemtieren in Gemeinschaft zelebriert1 1. Unabhängig vom Stand erhielt hier jeder auf Verbindlichkeit beruhend den gleichen Anteil, selbst dem Gott wurden die gleichen Speisen dargebracht, um die Zusammengehörigkeit untereinander und mit dem Gott zu betonen 2.

Sinnesübergreifend

Als einziges Bedürfnis wird Nahrung mit allen Sinnen aufgenommen: Vorerst wird das Essen gesehen, wie das Sprichwort Das Auge isst mit beschreibt. Anschließend wird die Nahrung über den Geruchssinn wahrgenommen, um im Folgenden entweder mit den Händen oder doch direkt mit dem Mundraum ertastet zu werden. Beim Zerkauen werden unterschiedlichste Geräusche je nach Konsistenz und Schmatzverhalten gehört. Der ausschlaggebende Sinn ist jedoch wohl das Schmecken, sodass salzig, süß, sauer oder bitter erkennen lässt und in letzter Instanz bei allzu bitteren vermeintlich lebensspendenen Mitteln den Würgereiz auslösen kann. Doch erst in Verbindung mit dem Geruchssinn lässt sich das volle Spektrum an Geschmack erleben. Diese Fülle an Sinneswahrnehmungen unterscheidet die reine Bedürfnisbefriedigung von einem Genusserlebnis.

Unterschiedliche Geschmäcker

Zudem ist bemerkenswert, wie unterschiedlich die Vorlieben der einzelnen Menschen bezüglich der Nahrungsarten sind. Ob dies an unterschiedlicher Wahrnehmung durch Variation der Geschmacksnerven liegen kann, bleibt fragwürdig, es scheint eher mit der Persönlichkeit zutun zu haben: ein toleranter und abenteuerlustiger Mensch würde sich eher an neuartige und extrem saure oder bittere Speisen heranwagen, als ein gewohnehetsbedachter und vorsichtiger Mensch. Nichtsdestotrotz wird nirgendwlo auf der Welt Erde von Menschen als schmackhaft empfunden und es wird kein salziges Meerwasser getrunken. Somit wird ein sich durch die Menschheit ziehender Konsens sichtbar, der gewisse Substanzen aus der oralen Zufuhr ausgeschlossen wird. Dieser Konsens könnte unterbewusst vor für menschliche Körper giftigen Stoffen schützen. Auffällig sind allerdings auch die Vorlieben ganzer ethnischer Gruppen, wie den Thais, die ihre jährliche Heuschreckenplage einfach in ein Landestypisches Gericht verwandeln, während die meisten Europäer dies niemals auf ihren Teller lassen würden.

Die gleichen Speisen zu essen bedeutet im Rückschluss eine Gruppenzugehörigkeit und eine Bildung von Nahrung betreffenden Interessengemeinschaften .

Essen in Gesellschaft im Alterungsprozess

Seit Anbeginn menschlicher Existenz ist die Zufuhr von Nahrung Verbunden mit Geselligkeit: damit der Fötus im Mutterleib reifen kann, muss er über die Nabelschnur versorgt werden. Diese verbindet ihn direkt mit dem Blutkreislauf der Mutter und so wird alles, was sich die Mutter an Stoffen zuführt direkt an den Fötus weitergeleitet.

Auch nach der Trennung der Nabelschnur in Folge der Geburt bleibt eine immense Abhängigkeit des Neugeborenen von der Mutter bezüglich des Essens. Das Stillen an der Brust, welche das Kind mit dem Mund ertastet, läutet die orale Phase ein. Die Nähe der Körper zum Herzen befriedigt nicht nur das Bedürfnis nach Nahrung, sondern auch das für das Neugeborene ebenso wichtige Bedürfnis nach Liebe. Bemerkenswert ist zudem, dass die Berührung der mütterlichen Brust im späteren Verlauf des Kleinkinddaseins mit Scham belegt wird, ebenso wie der Gang zu der Toilette, jedoch die Nahrungsaufnahme frei von Scham bleibt. Freud beschreibt den Menschen als ein Wesen von inzestiöser Natur, da in jedem Menschen der verdrängte Urtrieb nach sexuellen Verbindungen zu den eigenen Eltern steckt. Auf diesen Aspekt wird im späteren Verlauf der Abhandlung erneut eingegangen werden2.

Freud zufolge wird als Kind zudem eine wachsende Lustenergie, beispielsweise dem Essen gegenüber als Hunger spürbar, empfunden, die unmittelbar entladen werden möchte. Wird diese Energie nun aber durch regulierende Sekundärvorgänge, wie gesellschaftlich wirksamen Verdrängungsmechsnismen, unterdrückt, wird diese Energie umgeleitet. Dieses sogenannte Reslitätsprinzip führt zu einer Verwandlung der Lust in Unlust und die eihemals positiv empfundene Lustenergie wird mit Scham und Ekel belegt.3

Die Abhängigkeit des Kindes von älteren Versorgungspersonen wird erst aufgehoben, wenn das Kind sich gezwungermaßen durch Abwesenheit von Verantwortlichen selbst ernähren muss, oder während der Pubertät einen zunehmenden Selbstbestimmungsdrang erfährt. Theoretisch wäre eine Selbstversorgung schon ab dem Zeitpunkt des Erlangens der nötigen motorischen Fähigkeiten und des zur Nahrungsbeschaffung und Verwertung notwendigen Wissens möglich. Jedoch wird ein sich selbst versorgendes Kind nicht glücklich werden. Es wird somit deutlich, dass gemeinsam eingenommene und zubereitete Mahlzeiten befriedigen nicht nur den Hunger stillen, sondern auch das Bedürfnis nach Liebe, sowie die Sekundärbedürfnisse nach Zugehörigkeit und nach Sicherheit.

Bedürfniserfüllung und Nichterfüllung in Gesellschaft

Dass gewisse Bedürfnisse sich besser mithilfe anderer Menschen erfüllen lassen, wurde im Voringen gezeigt. Wenn ein Bedürfnis befriedigt wurde, werden im Körper Glückshormone wie Serotonin freigesetzt, sodass sich das Gefühl der Glückseligkeit ausbreitet. Während nach dem Toilettengang für kurze Zeit Beglückung findet, ist ein satter Mensch je nach zu sich genommener Mahlzeit über einen längeren Zeitraum zufrieden und verspürt Glück. Wird dieses Glück dann in Gesellschaft geäußert, wird es von den anderen Menschen gespiegelt, aufgenommen und ebenso zurückgegeben. Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt, besagt ein Sprichwort aus dem deutschen Volksmund.

Das Nicht-erfüllt-sein von Bedürfnissen ist ein Laster, besonders, wenn man sich selbst nach Nahrung verzehrt. Werden keine Nöhrstoffe von extern zugeführt, werden diese dem eigenen Körper entzogen, was einen immensen Kraftaufwand bedeutet. Es werden sprichwörtlich an den Nerven gezehrt, ein jeder hungrige Mensch wird dünnhäutig, gestresst und unglücklich. Der Fokus liegt nun stetig auf der eigentlichen Wohlfühlzone, dem Bauch, der vor Hunger nun aber sogar zu schmerzen vermag. Sich in solchen Momenten jedoch mit anderen Leidtragenden zusammenzuschließen kann den Gefühlen eine vorläufige Abhilfe verschaffen, denn : Geteiltes Leid ist halbes Leid. Nichtsdestotrotz muss sich dennoch um eine Mahlzeitzubereitung bemüht werden, da ein Zusammrnschluss den Hunger nicht stillen, nur lediglich die Symptome dessen schmälern kann. Wenn das Essen gemeinsam zubereitet wird, kann das halbe zu tragende Leid zudem von einer Vorfreude nicht überschattet, sondern übersonnt werden. Verantwortlich für diese emotionalen Effekte in Gruppen sind sogenannte Spiegelneuronen:

„Handlungsplanung und Handlungsausführung sind so gesehen zwar verbunden, aber modular getrennt verarbeitende neuronale Zusammenhänge (Kerzel/Hommel/Bekkering 2001). Dieser modulare Aufbau des Gehirns erklärt auch, warum man Handlungen planen kann, ohne sie gleich ausführen zu müssen und auch warum man Handlungen wahrnehmen kann, ohne sie selbst auszuführen, und eben warum wahrgenommene, aber nicht selbst ausgeführte Handlungen eine ›Resonanz‹ bei den ›handlungsplanenden‹ Neuronen auslösen. Spiegelneuronen können dank dieses Mechanismus eine Art innere Simulation der wahrgenommenen Handlung abbilden.“ 5 4

Somit können wir in Gruppen gewisse Gefühle wie Glück deutlicher spüren, während unangenehme Gefühle überdeckt werden können. Ein solch positiver Gruppeneffekt fördert das gemeinsame Essverhalten, obwohl auch Spiegeleffekte in weniger angenehme Gefühlsgebiete verstärkt werden können.

Nahrung zu sich zu nehmen kann auch rein praktisch betrachtet werden. Wenn sich in der Gruppe zusammengeschlossen und bei der Vorbereitung die nötigen Aufgaben untereinander aufgeteilt werden, kann viel Zeit gespart werden.

[...]


1 1 Totem und Tabu , die Totemmahlzeit, S.424, 418

2 3 Freud, Sigmund: Totem und Tabu, S.409

3 4 Freud, Sigmund: Abhandlungen zur Sexualtheorie, Die Infantile Sexualitä, S. 78ff

4 5 Lauer et Al., Spiegelneuronen,Über den Grund des Wohlgefallens an der Nachahmung, S.4ff

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Nahrungsaufnahme aus psychologischer Sicht nach Sigmund Freuds "Totem und Tabu". Inwiefern hat Essen eine verbindende Funktion?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V542392
ISBN (eBook)
9783346175991
ISBN (Buch)
9783346176004
Sprache
Deutsch
Schlagworte
essen, freuds, funktion, inwiefern, nahrungsaufnahme, sicht, sigmund, tabu, totem
Arbeit zitieren
Henrike Wendt (Autor), 2019, Nahrungsaufnahme aus psychologischer Sicht nach Sigmund Freuds "Totem und Tabu". Inwiefern hat Essen eine verbindende Funktion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542392

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