Inwiefern kann ein Geschenk von Wert sein? Karl Marx und das Kapital


Hausarbeit, 2019

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Inwiefern kann ein Geschenk von Wert sein?

Ist die Schuld als Kapital nutzbar?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Es ist kurz vor Weihnachten, die Menschen tummeln in Massen durch die Einkaufszonen, belagern die Kassen, strömen durch analoge und digitale Verkaufswelten . Die Begierde nach käuflich erwerbbarem durchströmt die Geister der Menschen gleich einer unabdingbaren Sucht und schlägt sich im Handeln nieder, kaum einer entrinnt den Raffinessen des amerikanischen „Black Friday“, an dem sich ganze Horden vor Sonnenaufgang vor den Türen insbesondere vor Elektronikfachhändler tummeln, um sich Sekunden nach Ladenöffnung durch die Security zu quetschen und sich wenn nötig sogar unter Einsatz körperlicher Gewalt die Gadgets von morgen, das neueste Smartphone für 3 Monatsgehälter für die Großeltern, ein weiteres Computerspiel für den Neffen, eine Kaffeevollautomaten mit ganzen 37 unterschiedlichen Warmgetränkevariationen für den Partner, eine Drohne mit Bildstabilisator und 8,5m mehr Sturzabfederung als das Vorgängermodell für den Sohn und eine wiederverwendbare Windel mit Duftneutralisierung und Alarm bei Füllung für den Hund der lauffaulen Nachbarin, zu ergattern. Alles zu unschlagbaren, einzigartigen Angeboten, wie die Händler versprechen. Ab dem 27. Dezember gibt es dann doch schon den darauffolgenden Sale, alle Weihnachtsartikel nun für nur die Hälfte des Preises und Winterschlussverkauf 6 Tage nach der Wintersonnenwende, also dem offiziellen Anfang der kalten Zeit, sodass die weihnachtlich Beschenkten ihre Möglichkeit, nicht zufriedenstellende Geschenke einzutauschen und von diesen neuen Schnäppchen zu profitieren – vermeintlich. Kaum einer schafft es, diesem Anschaffungswahn zu entgehen, der an besagten Stellen kriegsähnlichen Zuständen gleicht, unsere verdrängte animalisch-egoistische Seite zum Vorschein bringt. Andauernd betreten wir Märkte, nur einige Schritte vor der Haustür stehen Banner, der Supermarkt wimmelt vor Bildern, die eingekaufte Müslipackung trägt selbst Werbung, in regelmäßigen Abständen erinnert uns das Radio, sowie das Internet an nützliche Dinge, die mit Geld erwerbbar sind. Die Werbung übertrifft sich ständig gegenseitig, wird aufwändiger, schockierender, grenzenloser und nun sogar persönlich abgestimmt.

Mir stellen sich viele Fragen: Was ist der Preis eines Geschenkes ? Wer bezahlt in wirklich? Was möchten wir überhaupt im Eigentlichen verschenken? Sind wir im Konsumkreislauf gar selbst die Ware?

Inwiefern kann ein Geschenk von Wert sein?

Zuerst muss demnach geklärt werden, ob etwas, das geschenkt werden soll, überhaupt eine Ware ist, also die Marxsche Komponente des Gebrauchswertes aufweist.

Karl Marx definiert den Gebrauchswert eines Dinges als „Nützlichkeit“, es muss also zu der Vereinfachung des Lebens oder zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse beitragen1. Diese Bedürfnisse sind unter anderem die Grundbedürfnisse nach Nahrung, Sicherheit, Wasser, Schlaf und Zuneigung, die von jedem Menschen auf unterschiedlichste Weisen erfüllt werden können. Sicherheit kann beispielsweise durch eine Unterkunft oder ein stabiles soziales Netz befriedigt sein, anderenorts bedarf es jedoch auch materiellen Besitztümern und einem geregelten Tagesablauf, um die Sicherheit spüren zu können. Weitere Bedürfnisse sind: Autonomie, körperliche Bedürfnisse, Integrität und Sicherheit, sowie Einfühlung, Verbindung und Entspannung2. Gleichzeitig äußern sich Bedürfnisse höchst individuell: Während Person A über ein hohes Maß an Bewusstheit über die eigene Bedürfnislage verfügt und eigenständig eine Diversität an Erfüllungsstrategien zusammengestellt hat, verfällt Person B rapide einer Verwirrtheit, Inflexibilität, oder Verantwortungsverschiebung aus dem eigenen Handlungsbereich heraus. Wenn beispielsweise das Bedürfnis nach Ruhe einer Aufbesserung bedarf, was sich meist in Stressgefühlen und Unausgeglichenheit äußert, wüsste Person A, sich durch bewusst gesetzte Rituale, wie Pausen, zielorientierte Gespräche, oder gut strukturierte Aufgabenlisten für das eigene Bedürfnis zu sorgen. Person B hingegen würde den Stress nicht als Indiz für fehlende Ruhe erkennen, sondern das Problem in den kleinen Auslösern für übermäßige Gefühlsausbrüche, wie den hörbaren Schmatzgeräuschen des Sitznachbarn, suchen und nur das Beenden dieses Geräusches als Möglichkeit sehen, um Befriedigung der Ruhe zu erlangen.

Es zeigt sich also, dass die Bedürfnislage kompliziert und von so zahlreichen Komponenten abhängig ist, dass die Nützlichkeit eines generellen Dings, nicht einmal eines Geschenkes, nur schwierig einzuschätzen ist, denn dem muss eine detaillierte Analyse des eigenen Bedürfnishaushalts vorangehen. Eine Ware ist lediglich dann von Gebrauchswert, wenn sie unerfüllter Bedürfnisse anspricht, andernfalls ist sie ein Luxusobjekt. Wenn das Leben durch ein anderes Ding erleichtert wird, wäre es zwar für jemand anderen nützlich, für den Beschenkten allerdings wertlos. Eine Ausnahme mag der Sammler sein, der sich an zweckentfremdeter Vielzähligkeit seiner Dinge erfreut. Da eine Mahlzeit das Bedürfnis nach Nahrung nur temporär wieder auffüllt, verspürt der Mensch also einige Stunden darauf wieder das Bedürfnis nach Nahrung. Es wäre also denkbar, dass man nun in dem Moment ein Geschenk gibt, das ein gerade erst aufgefülltes temporäres Bedürfnis anspricht. Obwohl in dieser Situation der Übergabe kein Gebrauchswert für den Geschenkempfänger besteht, ergibt er sich bei dem nächsten Tiefstand des Bedürfnisses. Wenn nun absehbar ist, eines der regelmäßig sinkenden Bedürfnisse zu erfüllen, ist ein Geschenk in diesem Falle kein reines überflüssiges Luxusobjekt, sondern tatsächlich von, wenn auch zukünftigem, Gebrauchswert. Möglicherweise wird ein Fahrrad verschenkt, doch der Beschenkte benutzt es nicht, da er bereits einen Roller besitzt und ihn als Fortbewegungsmittel bevorzugt. Wird mit einem Geschenk ein Bedürfnis angesprochen, das über eine längere Phase hinweg gefüllt ist und die beschenkte Person bereits eine Füllungsstrategie entwickelt hat, hängt der Gebrauchswert davon ab, welches Objekt die Person für die Bedürfnisbefriedigung vorzieht. Auch das Geschenk eines Gefallens in Form von menschlicher Arbeit und Zeit kann von Gebrauchswert sein, da abstrakte Arbeit mit dem Gebrauchswert den Warenkörper definieren Während eine geschenkte Mahlzeit die beschenkte Person einmalig zu sättigen vermag, führt ein geschenktes Fahrrad zu mehrzähligen erleichterten Momenten und nachträglicher Dankbarkeit.. Der Gebrauchswert des Fahrrads ergibt sich so durch die Zusammenzählung der gefüllten Bedürfnisstände, wobei die Art des erfüllten Bedürfnisses zu vernachlässigen ist: X1 + X2 + X3 + X4 + X5-n = ∆G ( mit X= unspezifisches Bedürfnis und ∆G= als Gesamtmenge des tatsächlichen Gebrauchswertes).

Je öfter demnach ein Gegenstand zum Zwecke der Lebenserleichterung verwendet werden kann und tatsächlich wird, desto höher ist auch sein summierter Wert im Gebrauch. Zudem lässt sich der Gebrauchswert weder bei Erstellung, noch bei der Übergabe des Geschenkes feststellen, sondern erst nach der Entledigung dessen aus dem Zuhandensein3 des Besitzers. Der gewollte Zweck des Gegenstandes muss nicht identisch mit dem tatsächlichen Gebrauch sein. Auch Marx beschreibt den Austauschprozess durch die Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse als höchst individuell und weist als Lösung auf den Tauschwert hin, der in Geldeinheiten gerechnet werden kann. Geschenktes Geld ist somit von Geldwert, hat aber im Schenkmoment keinen unmittelbaren Gebrauchswert.4 Da zum Erlangen des Geldes Zeit aufgewandt wurde, ist Geld indirekt geschenkte Zeit, und somit vergleichbar mit geschenkten Gefallen. Der Beschenkte entscheidet selbst, welche Ware er bezieht. Marx beschreibt Geld als Inkarnation menschlicher abstrakter Arbeit5.

Somit wir die Schwierigkeit, abzuwägen, inwiefern ein Gebrauchswert für einen anderen Menschen besteht, deutlich.

Zusammenschließend müssen Bedürfnisse und Strategien klar unterschieden, sowie die Strategien des Empfängers gekannt werden. An temporäre Bedürfnisse gerichtete Waren sind immer von Gebrauchswert, Luxusdinge jedoch nicht. Die Summe der erfüllten Bedürfnisse bestimmen schlussendlich den Gesamtgebrauchswert des Geschenkes.

Um dennoch herausfinden zu können, inwiefern ein Geschenk Gebrauchswert haben kann, können verschiedene Strategien ergriffen werden. Einerseits stellt ein persönliches Gespräch ein Mittel zum Herausfinden momentan oder periodisch unerfüllter Bedürfnisses dar. Allerdings kann durch die Zeitverzögerung zwischen der Erkenntnisgewinnung über leere Bedürfnisse und der Geschenkankunft bei dem Empfänger eine Füllstandänderung liegen, sodass die Bedürfnislage nun bereits verschoben sein kann. Bei solch unklaren Zuständen des zu Beschenkenden kann nun das rein logische Denken eingreifen und beispielsweise erkennen, dass, wie bei einem selbst zu beobachten ist, in regelmäßigen Abständen Hunger zu verspüren ist, dem Abhilfe geschafft werden möchte. Basierend auf dem eigenen Erfahrungsstand, sowie der eigenen Empathiefähigkeit und der spezifischen Menschenkenntnis, sowie bereits erhaltener Informationen durch den Beschenkten oder ihm Nahestehende, kann also auf wahrscheinliche Lebenserleichterungsmöglichkeiten geschlossen werden. Nichtsdestotrotz bleibt die Ungewissheit bis hin zu der Erfüllung eines tatsächlich leeren Bedürfnisses bestehen, bis sich der Gebrauchswert für den Beschenkten erkennen lässt. Ein an dieser Stelle nicht zu vernachlässigendes Phänomen ist die Erweckung eines vorher nicht vorhandenen Bedürfnisses, wie dem neusten Spielzeugrennauto, das das alte nicht zu ersetzen vermag. Hier darf nicht der Unterschied zwischen dem eigentlichen Spaßbedürfnis und der alten, sowie neuen Strategie zur Erfüllung verwechselt werden: Das Bedürfnis war, wenn auch unterbewusst, bereits vorhanden, die neue Strategie legt sich lediglich als Monopol darüber und verdeckt weitere Lösungsstrategien.

In jedem Fall sitzt ein Teil des möglichen Gebrauchswertes in dem Moment, in dem das Geschenk übergeben wird und im Normalfall ein Gefühl der Freude, allerdings abhängig von der Erwartungshaltung und der Beziehung des Schenkers und des Beschenktem, entsteht (Hier wird von einer neutralen Nichtwertung oder Sinngebung der Geste ausgegangen). In diesem Augenblick wird so das Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Verbindung und Wertschätzung, beziehungsweise Liebe durch die Reine Geste einer Schenkung, umgangssprachlich auch eine „Aufmerksamkeit“ (quelle), die, oberflächlich betrachtet, keiner Gegenleistung bedarf, gefüllt. Freude als Indiz für eine Lebensverbesserung ist allerdings nicht die einzig denkbare Variante der Reaktion auf ein Geschenk. Empfängt ein frisch gekündigter Neuarbeitsloser ein Geschenk (in Form von einer Tüte Schokoladenpralinen), der allerdings eine Abfindungssumme in Geldform erwartet, so kann er es als höhnische Geste wahrnehmen, anstatt in ihr eine entschuldigende Geste aufgrund der Auszahlungsverzögerung zu erkennen. Wenn nun ein vegan lebender Mensch von einem fleischverzehrenden Menschen ein Paar Lederschuhe erhält, mag er sich wundern oder sich gar verärgert über die fehlende Sorgfalt bei der Geschenkauswahl auslassen, obwohl dem Schenker diese diskussionswürdige Geschenkkomponente nicht als solche bewusst war, und doch die Geste als eine warmherzige wahrnehmen.

Die unterschiedlichen Deutungsweisen einer Geste wie der Geschenkübergabe lassen sich nach Marshall Rosenberg auf verschiedenen Ebenen analysieren: Der Sender, in diesem Falle der Schenker, sowie der Empfänger, in diesem Fall der Beschenkte, analysieren die gegebenen Informationen der Geschenkgeste jeweils unabhängig voneinander auf der Sachebene, der Beziehungsebene, der Appellebene und der Ebene der Gefühle6. Unabdinglich für den erzielten Effekt eines Geschenkes ist somit die ausreichende Analyse der Bedürfnisse und Vorlieben des zu Beschenkenden sowie eine klare Kommunikation während der Übergabe.

Es stellt sich hier nun die Frage, welcher Gebrauchswert, wenn denn vorhanden derjenige ist, der die Größenordnung des Wertes angibt: Auf der einen Seite gibt es den Wert, der dem Beschenkten zugute kommt durch die Freude der Geste und der eventuell vorhandenen Sinnhaftigkeit, beziehungsweise der Nützlichkeit des geschenkten Objekts. Auf der anderen Seite steht der Wert der durch die positive Geste eine auf der Beziehungsebene eine verbesserte Verbindung schafft, da das Glückserlebnis nicht nur das Bedürfnis des Beschenkten, sondern auch das des Schenkenden gleichsam auffüllt.

[...]


1 Marx, Karl (1993 1867: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals. MEW Band 23, Dietz Verlag: Berlin, Seite 50

2 Rosenberg, Marshall Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Junfermann, 8. veränd. Auflage, Paderborn 2009

3 Heidegger, Martin: Sein und Zeit. 2006, Max Niemeyer Verlag, Tübingen, Seite 12

4 Vgl. Marx, Karl (1993 1867: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals. MEW Band 23, Dietz Verlag: Berlin, Seite 100

5 Vgl. Marx, Karl (1993 1867: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals. MEW Band 23, Dietz Verlag: Berlin, Seite 107

6 Schulz von Thun, Friedemann : Miteinander Reden. 1: Störungen und Klärungen. Reinbek bei Hamburg 1981, S. 44 f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Inwiefern kann ein Geschenk von Wert sein? Karl Marx und das Kapital
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V542444
ISBN (eBook)
9783346153906
ISBN (Buch)
9783346153913
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschenk, inwiefern, kapital, karl, marx, wert
Arbeit zitieren
Henrike Wendt (Autor), 2019, Inwiefern kann ein Geschenk von Wert sein? Karl Marx und das Kapital, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/542444

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