Die Rezeptionsgeschichte des Romans 'Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde'.


Seminararbeit, 2002

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Rezeptionsbedingungen
2.2. Die „Große Kontorverse“
2.3. Geschichtsmodell
2.4. Große Kontroverse
2.5. Zusammenfasssung des Kapitels

3. Rezeption von Vertretern der marxistischen Literatur- wissenschaft
3.1. George Lukács - Die Tragödie der modernen Kunst (1948)
3.2. Hans Mayer - Thomas Manns „Doktor Faustus“. Roman einer Endzeit und Endzeit des Romans (1959)

4. Reaktionen der literarischen Vorbilder
4.1. Ida Herz
4. 2. Emil Pretorius

5. Schluß

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Mann schrieb den Roman „Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde.“ von 1943-1947. Die zumeist sehr kontroversen Reaktionen, die er mit der Veröffentlichung 1948 / 49 hervorrief, sollen Gegenstand dieser Arbeit sein. Zunächst werde ich dabei auf die sich verändernden Rezeptionsbedingungen näher eingehen, um dann in einem zweiten Teil die Reaktionen näher zu betrachten. Im Mittelpunkt soll dabei die sogenannte „Große Kontroverse“ stehen, die sich im Kern mit Thomas Manns Verhältnis zu Deutschland in der Nachkriegszeit und den Auseinandersetzungen zwischen innerer und äußerer Emigration befaßte. Die im Roman von Thomas Manns angebotene Interpretation der deutschen Geschichte und das dahinter stehende Modell soll Thema des dritten Teils sein. Die marxistische Literaturwissenschaft mit den Vertretern Georg Lukács und Hans Mayer, welche den Roman unter einer anderen Fragestellung betrachteten, soll im vierten Teil etwas ausführlicher behandelt werden. Die Reaktion der Personen, hier am Beispiel von Ida Herz und Emil Preetorius, die Thomas Mann als Vorbilder für seine literarischen Figuren Meta Nackedey und Sixtus Kridwiß verwandte, werden im fünften Teil erörtert.

2. Hauptteil

2.1. Rezeptionsbedingungen

Die Rezeption eines Werkes beginnt immer mit der Wahrnehmung des Betrachters als ein ästhetisches Gebilde, das auf seine sinnlich-materiellen Qualitäten geprüft wird. Die Bewertungsmaßstäbe, die von der akademischen oder nichtakademischen Leserschaft angelegt werden, sind in den jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten der Epoche verankert und finden ihren Ausdruck im Erwartungshorizont. Daher sind Rezeptionen nicht objektiv, können es gar nicht sein, sondern subjektiver Ausdruck des Lesers und Spiegelbild der Wahrnehmungsmuster der Epoche.

Wenn ein Buch wie der „Doktor Faustus“ eine solch heftige Diskussion in der Öffentlichkeit auslöst und in seinen historischen Aussagen für viele als provokant erscheint, muß er eine Thematik berühren, welche die Leserschaft des Nachkriegsdeutschland anspricht und die bis dahin traditionellen und gültigen Wahrnehmungsmuster bricht. So gibt die Rezeptionsgeschichte des „Doktor Faustus“ auf Grund ihrer Verflochtenheit mit dem zeitgeschichtlichen Kontext ein Spiegelbild über die Auseinandersetzungen mit dem literarischem Exil, dem Nationalsozialismus, der Schuld und ihrer Verdrängung. Sie erlaubt Rückschlüsse auf den gesellschaftlichen und kulturellen Zustand des Nachkriegsdeutschland und die für die Gesellschaft konstitutiven Geschichtsmodelle.

In den letzten vier Dekaden haben sich die Rezeptionsbedingungen im Gegensatz zur Nachkriegszeit aber erheblich verändert. Zunächst kann man von einer wahren Informationsexplosion über den Autor in den letzten 10 Jahren sprechen. Es wurden nicht nur sein Briefwechsel, sondern auch die Tage- und Notizbücher veröffentlicht, die uns einen tieferen Einblick in das Leben und die Gedanken von Thomas Mann gestatten. Wenn nicht alle veröffentlichte Informationen wirklich wichtig und erhellend für das Verständnis des Werkes waren, hat sich trotzdem der Wissenshorizont durch diese Offenlegung erheblich erweitert. Einige Anklänge, wie etwa der Teufelspakt und dem darin enthaltenen Verbot des Liebens können nun in einem ganz neuen Licht des Verstehens betrachtet werden. Grundlegend verändert haben sich aber auch die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen in Deutschland seit der Erstveröffentlichung 1947. Die ideologischen Verhärtungen auf beiden Seiten zu Beginn und während des Kalten Krieges, die oft zu einer unzureichenden und einseitigen Interpretation des Werkes führten, weil man von einem vorgeprägten und zweigeteilten Deutschland- und Geschichtsmodell ausging, sind durch die Ereignisse 1989 / 90 und die Wiedervereinigung 1990 aufgeweicht und teilweise beseitigt worden. Mit der nationalstaatlichen Restauration wurden auch die Auseinandersetzungen und das Nachdenken über das Thema Nationalsozialismus und Holocaust verstärkt. Die hohen Verdrängungsleistungen in der deutschen Nachkriegszeit auf der einen Seite und das antifaschistische Dogma auf der anderen Seite hatten dies unmöglich gemacht. Die einsetzende Sensibilisierung für dieses Thema erlaubt es heute, stärker auf bestimmte Anklänge im Roman einzugehen und gewisse „Fehlstellen“ auszumachen. Das Aufbrechen des monolithischen Blockes von Autor-Werk-Wirkung durch die strukturalistische Bewegung und die Beachtung der unterschiedlich geprägten Rezeptionsvoraussetzungen eines jeden Lesers führen heute zu einer komplett anderen ästhetischen Wahrnehmung des Werkes und fordern eine Neubewertung des Romans.

2.2. Die „Große Kontroverse“

Die Rezeption des Romans von einzelnen Vertretern der selbsternannten „Inneren Emigration“ und die damit ausgelöste „Große Kontroverse“ sind nicht unabhängig von Thomas Manns Rolle als Repräsentant der emigrierten deutschen Intellektuellen in den Vereinigten Staaten zu sehen.

Am 13. August 1945, fast ein Vierteljahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges schrieb Walter von Molo, ehemaliger Präsident der deutschen Dichterakademie, Thomas Mann einen offenen Brief, der in der Münchener Zeitung veröffentlicht wurde. In diesem bittet er ihn, möglichst schnell nach Deutschland zurückzukehren, um den „zertretenen Herzen Trost durch Menschlichkeit [...] zurück [zu geben]“[1]. Er äußert den Wunsch, Thomas Mann könne „als guter Arzt, der nicht nur die Wirkung sieht, sondern die Ursache der Krankheit sucht und diese vornehmlich zu beheben bemüht ist, der allerdings auch weiß, daß chirurgische Eingriffe nötig sind, vor allem bei den zahlreichen, die einmal Wert darauf gelegt haben geistig genannt zu werden...“[2] nach Deutschland kommen. Er appelliert an seinen Glauben in die Humanität und an die Gerechtigkeit, die sich nicht von einer pauschalen Kollektivschuld leiten lassen sollte. Hier spielt vor allem der Wunsch Molos hinein, in Thomas Mann einen moralischen Vermittler zu den Besatzungsmächten sehen zu wollen. Weiter heißt es an anderer Stelle: „Ihr Volk,... hat im innersten Kern nichts gemein mit den Missetaten und Verbrechen, den schmachvollen Greueln und Lügen, den furchtbaren Verirrungen Kranker...“[3]. Diese Aussagen sind typisch für den moralischen Zustand im Nachkriegsdeutschland. Es geht bei Molo und bei einem Großteil der deutschen Bevölkerung, denn sein Brief dient ja als „Sprachrohr“, primär um die Verdrängung der eigenen Schuld und um die Inanspruchnahme des Unbeteiligtseins. Thomas Mann, der sich ja trotz der Emigration als geistigen Repräsentanten Deutschlands sah, hatte jedoch keinerlei Absichten, als moralischer Aufbauhelfer in das Land zurückzukehren, das er 1933 hatte verlassen müssen. In seinem Antwortbrief schrieb er, hinweisend auf die lange Trennung und die damit verbundene Befürchtung, daß man ihn nicht mehr verstehen würde. Amerika habe ihn aufgenommen, nun müsse er sich dankbar gegenüber dieser Geste zeigen, desweiteren wolle er nicht die „mühsam errungene Lebensform meines Alters zerbrechen, Kinder und Enkel verlassen, meine Arbeit aufgeben und nach dem verwüsteten Deutschland eilen.“[4]. Ein weiterer Grund lag wohl in der Befürchtung von Thomas Mann, zum Vorreiter einer neu-deutschen geistigen Bewegung zu werden. Er wollte sich nicht politisch instrumentalisieren lassen. In einem Brief an Paul Amman wurde er, was seine Gründe betraf, deutlicher. Er schrieb: „Die Schwierigkeiten der Verständigung sind enorm, das zeigt mir jede Berührung. Die drüben und drinnen glauben nämlich, sie hätten gar viel erlebt und wir Drückeberger nichts, während genau umgekehrt wir uns den Wind haben um die Nase wehen lassen und jene die 12 Jahre gerade nicht erlebt haben: sie halten 1933 und wollen fortfahren, wo sie damals aufgehört haben.“[5]

[...]


[1] Schröter, Klaus, Thomas Mann im Urteil seiner Zeit, Hamburg 1969. S. 334 ff.

[2] Ebd. S. 334 ff.

[3] Ebd. S. 334 ff.

[4] Gollnick, Ulricke; Thomas Mann - Repräsentant der Nachkriegszeit?, In: Zur literarischen Situation 1945- 47, hrsg. von Gerhard Hay, Kronenberg 1977. S. 205 - 223. Hier S. 209 ff.

[5] Kurzke, Hermann, Thomas Mann. Ein Leben als Kunstwerk, München 1999. Hier S. 531 ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Rezeptionsgeschichte des Romans 'Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde'.
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Seminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V54868
ISBN (eBook)
9783638499767
ISBN (Buch)
9783656650225
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezeptionsgeschichte, Romans, Doktor, Faustus, Leben, Tonsetzers, Adrian, Leverkühn, Freunde, Seminar
Arbeit zitieren
Manuela Lück (Autor), 2002, Die Rezeptionsgeschichte des Romans 'Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde'. , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54868

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