Die Sprachkrise und Franz Kafkas Schweigen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung dieser Arbeit

2. Die Sprachkrise als Phänomen um 1900
2.1. Friedrich Nietzsche
2.2. Fritz Mauthner
2.3. Hugo von Hofmannsthal
2.4. Konsequenzen und Überwindungsversuche

3. Franz Kafkas Schweigen: seine Beziehung zur Sprachkrise
3.1. Kafka und Prag
3.2. Der Prozesscharakter in Kafkas Schreibstil
3.3. Die ambivalente Bedeutung der Sprachkrise für Kafka

4. Schlussbetrachtung: Die Sprachkrise als Phänomen der Moderne?

5. Literaturverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung dieser Arbeit

Die vorliegende Seminararbeit soll im Wesentlichen Kafkas Verhältnis zur Sprachkrise herausstellen. Kafkas Schweigen als direkte Reaktion auf die um die Jahrhundertwende virulent gewordene Sprachskepsis zu interpretieren ist durchaus problematisch, denn er zählt nicht zu den Propagandisten, die die Unzulänglichkeit sprachlichen Ausdrucks in theoretischen Abhandlungen darlegen

Gegenstand dieser Arbeit wird es in einem ersten Schritt sein, die Sprachkrise als ein Phänomen um 1900 mit ihren Auswirkungen für das Individuum herauszustellen und so der Frage nachzugehen, ob die Sprachkrise als Teil einer größeren Sinnkrise zu verstehen ist. Auf diese Grundlage aufbauend gilt es dann die Aussagen der Hauptvertreter Friedrich Nietzsche, Fritz Mauthner und Hugo von Hofmannsthal in ihren unterschiedlichen Nuancierungen zu fokussieren, um abschließend die Frage nach Konsequenzen aus den zuvor aufgezeigten Postulaten, aber auch Überwindungsversuche aufzuzeigen, die exemplarisch durch Hugo Ball als Vater des Dadaismus am prägnantesten herausgestellt werden können

Auch wenn Kafka nicht eindeutig als Vertreter der Sprachkrise bezeichnet werden kann, finden sich bei ihm durchaus sprachkritische Äußerungen. Aus dieser Widersprüchlichkeit ergibt sich dann auch die Fragestellung des zweiten Hauptteils, nämlich wie sich Kafkas Beziehung zur Sprachkrise beurteilen lässt. In diesem Zusammenhang gilt es zunächst Prag als seinen Lebensmittelpunkt und die ihn am stärksten prägende Stadt zu berücksichtigen. Entscheidender aber sind der für Kafkas Schreibstil charakteristische Prozesscharakter, sowie seine stets erneut auftretenden Schreibblockaden, um abschließend die ambivalente Bedeutung der Sprachzweifel auch im Hinblick auf Konstruktivität oder Destruktivität abzuwägen

In der Schlussbetrachtung werden die vorangegangenen Überlegungen noch einmal im Hinblick auf die Moderne beleuchtet, um abschließend die Frage zu stellen, wie dauerhaft die Angst vor dem Sprachverlust ist, ob die Sprachkrise als Phänomen auch der neueren Moderne einzustufen ist. In diesem Zusammenhang finden unter anderem exemplarisch Peter Handke und Botho Strauss nähere Berücksichtigung, denn sie greifen durchaus sprachkritische Impulse auf

2. Die Sprachkrise als Phänomen um 1900

Wenn Hugo von Hofmannsthal Worte mit „modrigen Pilzen“[1] vergleicht und Friedrich Nietzsche ebendiese als bloße „Abbildung[en] eines Nervenreizes in Lauten“[2] auffasst, zeugt dies von einer Sprachskepsis, die sich durch eine selbstreflexive Wende in der Literatur um 1900 manifestiert. Als grundlegend gelten in diesem Zusammenhang Bedenken an dem Objektivitätsanspruch der Sprache, also „philosophisch begründete Zweifel an der Adäquationstheorie“[3]. Infolgedessen wird die Vorstellung, dass es zwischen der wahrnehmbaren Welt, dem erkennenden menschlichen Geist und der darstellenden Sprache eine sachlogische Übereinstimmung gibt, negiert.[4]

Zum einen wird also die Arbitrarität von Repräsentant und Repräsentiertem in den Vordergrund gerückt, zum anderen ergibt sich aber auch eine für das Individuum relevante Nuancierung. Denn wenn Fritz Mauthner die Sprache allgemein als „elendes Erkenntniswerkzeug“[5] verurteilt, unterstreicht dies zudem die Verschränkung von Sprach- und Erkenntniskritik. So ist Sprache einerseits nicht in der Lage Wirklichkeit adäquat wiederzugeben, andererseits kann mit ihr aber ebendiese auch nicht erfasst werden. Es ergibt sich also nicht nur die Frage nach der Abbildbarkeit der gegebenen Welt, sondern auch die der verstandesmäßigen Erkennbarkeit, wobei nach Eschenbacher in diesem Zusammenhang einschränkend zu formulieren ist, dass

„vom Verlust der Wirklichkeit und von der Entfremdung der Dinge zu sprechen [] nur dann einen Sinn [hat], wenn man dabei das Verhältnis des Menschen zur Realität und zu den Dingen als ein sprachlich bedingtes und vermitteltes voraussetzt.“[6]

Diese Problematisierung von Wahrnehmen und Bewusstsein führt dann zu einer Ich-Krise, wenn das Individuum durch eine von ihm selbst wahrgenommene Auflösung der „Einheitlichkeit und Ganzheitlichkeit von Welt und Dasein“[7] tiefgreifend verunsichert wird. Dass diese Orientierungs- oder Identitätskrise ein Phänomen der Moderne ist, zeigt ein Blick sowohl in den philosophisch-historischen als auch in den sozial-historischen Kontext: Im Gegensatz zum Theozentrismus im Mittelalter vollzieht sich in der Renaissance seit Montaigne ein Paradigmenwechsel hin zum Egozentrismus, der den Menschen nicht mehr als bloßes imago dei auffasst, und der cartesianische Zweifel hebt das denkende Ich hervor: Cogito ergo sum. Im 18. Jahrhundert postuliert Rousseau in seinem Contrat Social die subjektive Rückwende, die dem Menschen die Eigenzweckmäßigkeit zugesteht. Die Konsequenz ist das Ausbleiben einer Identitätsbestimmung durch eine höhere metaphysische Instanz und in der sozialen Entwicklung mit dem Wegfall der Ständeordnung die Einbuße eines - das Individuum - übergreifenden Zwecks. So wird die Würde der Freiheit gleichzeitig zu einer Bürde für das Individuum, das Identitätsfindung oder –schaffung als persönliche Aufgabe leisten muss. Es ist also nicht tautologisch, abschließend zu formulieren, dass persönliche Identität lange Zeit sozial hergestellt wurde, weil sie von gesellschaftlichen Lebensformen geprägt und getragen worden ist. Im Vordergrund standen lebenspraktische Probleme und erst in der Moderne stellte sich die Problematik der Individuation in Form von Reflexionen über das Selbst und über die Fragwürdigkeit seiner Einzigartigkeit

2.1. Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsches 1873 verfasster Essay Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne ist in erster Linie erkenntnispessimistisch und verbindet die Identitätsproblematik mit der Sprachkrise aufs Unmittelbarste. In seiner misanthropischen Betrachtungsweise legt der Schüler Schopenhauers dar, dass Wahrnehmung für das Subjekt sowohl bezogen auf das Selbst als auch auf die ihn umgebende Welt nichts als eine Täuschung sei.

„Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung“[8], so lautet die markante Charakterisierung des Menschen, der als Verstellungskünstler sein Leben als „Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst“ bestreitet. Dieses „Maskiertsein“ täuscht also nicht nur andere, sondern auch das Individuum selbst hinsichtlich seiner Identität, so dass Nietzsches Frage „Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst!“ als eine bloß rhetorische aufzufassen ist. Denn mit seinem Ausspruch „Ja, vermöchte [das Individuum] auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren?“, spricht er dem Menschen jegliche Fähigkeit zur sinnlichen Wahrnehmung seines Selbst ab

Zusätzlich erschwert wird die Identitätsproblematik dadurch, dass das Individuum seine Stellung in der Welt und somit seinen Daseinssinn nicht für sich erklären kann, weil es die ihn umgebende Welt ebenso wie sein Dasein verkennt. Denn die Natur hat den Schlüssel zur objektiven Welterkenntnis weggeworfen, so dass die menschliche Erkenntnis als bloß menschliche in ihrer Bedeutung herabgesetzt wird, da sie in ihrer Subjektivität, also in ihrer perspektivischen Gebundenheit, objektiv betrachtet ebenso nihilistisch ist, wie die einer Mücke. Ähnlich wie bei Kant ist auch bei Nietzsche das einzelne Ich Produzent der Welt, die aber durch ihre konstruktivistische Natur keine Absolutheit oder objektive Wahrheit für sich beanspruchen kann. Dass aber dennoch ein „ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte“, liege in der durch Not und Langeweile unerlässlich gewordenen Herdentier-Existenz des Menschen begründet. Wenn der Mensch also angewiesen ist auf Gesellschaft muss er „wenigstens das allergröbste bellum omnium contra omnes“ vermeiden, so dass es folgerichtig einer „gleichmäßig gültige[n] und verbindliche[n] Bezeichnung der Dinge“ bedarf, die ihm erst den Austausch möglich macht und ihm darüber hinaus seine Stellung in der Welt verdeutlicht. Diese „Verabredung“ einer Verständigungsstruktur, der Nietzsche den Status einer „Erfindung“ beimisst, die konventionellen Charakter erlangt, ohne dabei die Frage zu berücksichtigen, ob „Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten“ ist, muss Nietzsche zufolge als „Täuschung“ oder „Betrug“ bewertet werden. Denn „[d]er Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen.“ Bei der Wortwahl kommt es demzufolge nie auf den adäquaten Ausdruck an, sondern viel mehr trachtet der Mensch danach, sich die Welt durch anthropomorphistische Begriffe verständlich zu machen:

„[Der Sprachbildner] bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hülfe. Ein Nervenreiz zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedes Mal vollständiges Überspringen der Sphäre mitten hinein in eine ganz andere und neue. [] Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen [] und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen.“

Menschliche Welterkenntnis ist für Nietzsche also ein Prozess der Metaphernbildung und nur im Medium der Sprache möglich. Diese ist die lautliche Umsetzung von „Einbildungen“, die nicht den Dingen entsprechen, sondern den menschlichen Empfindungs- und Vorstellungsmöglichkeiten

Aufgrund der Radikalität seiner Thesen ist es nicht verwunderlich, dass Nietzsche seinen sprach- und erkenntniskritischen Essay dreizehn Jahre lang geheim gehalten hat und erst 1886 in Druck gegeben hat[9]. Offensichtlich aber fehlte dem Lesepublikum zu jener Zeit noch das entsprechende Verständnis für eine sprachkritische Reflexion, so dass der Aufsatz zunächst weitgehend unbeachtet blieb. So auch unter Autoren, die ihre sprachkritischen Werke fünfzehn Jahre später veröffentlicht haben, wie Hugo von Hofmannsthal und Fritz Mauthner, der ihm ansonsten wohl kaum den Vorwurf hätte machen können, Nietzsche habe uns „keine Sprachkritik geschenkt“[10] und verwerfe die Sprache nicht als Erkenntniswerkzeug[11]. In seinem Kapitel Über Nietzsche und Sprachkritik findet Nietzsches Essay Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne dementsprechend auch keine Erwähnung. Ein weiterer Vorwurf an Nietzsche ist, dass er nur dort Sprachkritiker sei, wo ihm die Sprache im Wege steht

2.2. Fritz Mauthner

Die Tatsache, dass Fritz Mauthner als „eifrigste[r] und vielleicht auch wirkungsreichste[r] Vertreter jener Sprachskepsis und Sprachkritik“[12] bezeichnet wird, mag auch am Umfang seiner Werke liegen, die sich der sprachkritischen Analyse widmen, denn allein seine Beiträge zu einer Kritik der Sprache, die 1901 und 1902 veröffentlicht worden sind, umfassen immerhin drei Bände. Auch wenn sich Mauthner selbst stark von Nietzsche distanziert, ergeben sich durchaus Parallelen. Denn Mauthner schreibt in seinem 1900 verfassten Vorwort, dass er schon vor „dreimal neun Jahren [den] Zwang [verspürt hat,] alle Kräfte einer Kritik der Sprache zu widmen“[13], so dass Mauthners erste sprachskeptische Auseinandersetzung in dasselbe Jahr der Nietzsche-Abhandlung fällt. Aber nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ergeben sich durchaus einige Entsprechungen, wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird

Bereits in seinem einleitenden Postulat wird deutlich, dass Mauthner eine nicht weniger radikale und nicht minder skeptische Haltung gegenüber der Sprache einnimmt:

„Im Anfang war das Wort. Mit dem Wort stehen die Menschen am Anfang der Welterkenntnis und sie bleiben stehen, wenn sie beim Worte bleiben. Wer weiter schreiten will, auch nur um den winzigen Schritt, um welchen die Denkbarkeit eines ganzen Lebens weiterbringen kann, der muss sich vom Worte befreien und vom Wortaberglauben, der muss seine Welt von der Tyrannei der Sprache erlösen versuchen.“[14]

Außerdem zeigt dieses Zitat eingangs schon, dass ebenso wie bei Nietzsche, auch bei Mauthner die Sprachkritik eine für die Erkenntnistheorie relevante Rolle spielt, denn „die ganze Untersuchung dieses Buches ist der Frage gewidmet, ob die menschliche Sprache ein nützliches Werkzeug sei für die Welterkenntnis.“[15] In dieser Absicht betont er den engen Zusammenhang von Denken, Sprechen und Erkennen: Weil das Bewusstsein an die Worte unserer Sprache gebunden ist, kann es „kein Denken ohne Sprechen, das heißt ohne Worte [geben]. Oder richtiger: Es gibt gar kein Denken, es gibt nur Sprechen.“[16] Und folglich kann Erkenntnis auch nur im Medium der Sprache möglich sein. Diese Sprache ist jedoch nur ein „Scheinwert, wie eine Spielregel, [] die aber die Wirklichkeitswelt [nicht] begreifen will.“[17] Sie ist mit Nietzsche gesprochen eine Verabredung und mit Mauthners Worten eine „Herdenhandlung“, die aber nicht wie bei Nietzsche zur Verständigung der Herdentiere beiträgt. Denn „kein Mensch kennt den andern. Ein Hauptmittel des Nichtverstehens ist die Sprache. Wir wissen voneinander bei den einfachsten Begriffen nicht, ob wir bei einem gleichen Worte die gleiche Vorstellung haben“[18] Mauthner kritisiert an dieser Stelle, dass der Einzelne von der älteren Generation bereits überlieferte „fertige Wortzeichen für fertige Begriffe [] ins Gehirn gedrückt bekommt“[19]. Dabei werden die Worte und Begriffe immer abstrakter und „waren doch in der Urzeit sicherlich deutlichere Symbole ihrer Vorstellungen“[20]. Begriffsbildung und Kategorien sollen also der Orientierung des Menschen in der ihn umgebenden Welt dienen[21] und dabei klingt jener Anthropomorphismus an, den auch Nietzsche schon kritisiert hat: „Der Mensch hat in seiner Sprache die Welt nach seinem Interesse geordnet“[22] und zwar auf widernatürliche Art und Weise, denn die Natur an sich hält keine Kategorien bereit. Wie Nietzsche negiert auch Mauthner die Vorstellung von allgemeingültiger Begrifflichkeit und Abstraktion, weil das Allgemeine eine unzulässige Reduktion des Konkreten und Individuellen darstellt und auf diese Weise die Differenzen der Wirklichkeit verwischt werden

„Die Sprache kann niemals zu einer Photographie der Welt werden, weil das Gehirn des Menschen keine Camera obscura ist, weil im Gehirn des Menschen Zwecke wohnen und die Sprache nach Nützlichkeitsgründen geformt haben.“[23]

Folgerichtig kann es keine objektive Kenntnis von der Welt geben, denn dieser utilitaristische Ansatzpunkt Mauthners beinhaltet auch die Subjektivität und Relativität allen Denkens

Sprache ist aber nicht nur untauglich für die Welterkenntnis, sondern auch für die Selbsterkenntnis. Radikaler noch als Nietzsche stellt Mauthner den Zusammenhang zur Sinnkrise dar: Von der Tyrannei der Sprache beherrscht, erkennt sich das Individuum nur, weil es Ich sagen kann, und das, was das Ich als die ihn prägende Wirklichkeit wahrnimmt, ist nichts weiter als eine sprachlich produzierte Fata Morgana[24]. Weil es an einer Beziehung zwischen Denken bzw. Sprache und Wirklichkeit mangelt,[25] schließt Mauthner seine Darlegungen mit dem Postulat: „Es wäre wieder Zeit zu schweigen.“[26]

2.3. Hugo von Hofmannsthal

Die vorangegangenen Ausführungen haben gezeigt, dass Mauthners einziger Ausweg aus der Sprach- und Erkenntniskrise die Befreiung von der Tyrannei der Worte - das Verstummen - ist, was aber – und darin besteht die Ausweglosigkeit – dem Menschen unmöglich ist.[27] Was Fritz Mauthner in seiner Abhandlung theoretisch darlegt, wird von Hofmannsthal in seinem Prosastück „Ein Brief“ in Form des fiktiven Autors Philipp Lord Chandos gleichsam umgesetzt. Denn hier dient das Erzählen paradoxerweise der Rechtfertigung des Verstummens.[28]

Am 18. Oktober 1902 erscheint der Brief erstmals in der Berliner Tageszeitung. Hofmannsthals Vorbemerkung

„Dies ist der Brief den Phillip Lord Chandos [] an Francis Bacon [] schrieb, um sich bei diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichts auf literarische Betätigung zu entschuldigen.“[29]

sowie die Datierung am Schluss rücken den Brief ins Licht eines historischen Dokuments von 1603, so dass Hofmannsthal selbst die Sprach- und Bewusstseinskrise aus retrospektiver Sicht von den Anfängen bis zu seiner Gegenwart, d.h. über einen Zeitraum von 300 Jahren reflektiert. Der fiktive Autor des Briefs dient der Projektion jener Krise in das Elisabethanische England[30], um Parallelen der jeweiligen Epochenumbrüche von 1600 und 1900 darzustellen, und wählt Francis Bacon als den die Renaissance vertretenden Adressaten, weil dieser die erste, wenn auch rudimentäre Sprachkritik verfasst hat. In seinem Novum Organon zweifelt er die Darstellbarkeit der Wirklichkeit durch Sprache zwar nicht grundsätzlich an, macht die Qualität der Realitätsdarstellung aber vom Genie des Menschen abhängig: Je begabter oder intelligenter der Mensch sei, desto präziser könne er Wirklichkeit durch Worte abbilden.[31] Bacon bricht also den zuvor starr geglaubten Zusammenhang von ontologisch gegebener Welt und menschlich erfahrbarer Wirklichkeit auf und ersetzt ihn durch eine dynamische Sichtweise. Dieser Ansatz wird von Chandos aufgegriffen, jedoch radikalisiert, so dass Hofmannsthal den Lord in die Tradition Bacons stellt. Helmuth Kiesel formuliert sogar, „Chandos [sei] Bacon, schwer belastet allerdings, ja verstört durch jene moderne Erkenntnis- und Sinnkrise, die er selbst mit vorbereitet ha[be].“[32] Folgerichtig sieht auch Kiesel, dass der Brief in seiner Thematik nicht in der Renaissance stehen bleibt, sondern einen Bezug zur Moderne, jener Sprach- und Bewusstseinkrise um 1900 aufzeigt. Denn die Erweiterung der Sprachkrise zu einer Bewusstseinkrise wird erst durch Lord Chandos, in seinem historischen Kontext allerdings verfrüht vollzogen, wurde das Ich doch noch bei Descartes als gegebene feste Größe verstanden und der Terminus einer Sinnkrise erst um 1900 virulent

Die Darstellung und Erörterung der Sprachkrise und mit ihr der fundamentale Zusammenhang von Sprache, Bewusstsein und Erfahrung erfolgt in mehreren, sich in ihrer Tragik verschärfenden Phasen und die Reflexion über den Zustand fragloser Einheit von Natur, Subjekt und Gesellschaft lässt Chandos den Zerfall ebendieser Einheit realisieren: Zunächst ist es die Negation des Theozentrismus, in dessen „Spinnennetz [] viele [] Gefährten hängen bleiben“[33], dessen Auffassungen aber keine Kraft über Chandos haben.[34] In einem nächsten Schritt verliert der Lord auch das Vertrauen in die Richtigkeit der irdischen Begriffe, denn diese „entziehen sich [ihm] in gleicher Weise“[35] und schließlich verliert er „völlig die Fähigkeit [] über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“[36]

„Die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge gewohnheitsmäßig bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen [ihm] im Munde wie modrige Pilze.“[37]

Das konventionalisierte Sprachsystem, dessen „sich doch alle Menschen ohne Bedenken gewohnheitsmäßig zu bedienen pflegen“[38], erscheint dem Lord unangemessen. Wie ein „um sich fressender Rost“[39] verhindert seine Einsicht in die Unzulänglichkeit der Sprache nicht nur die Interaktion mit den Mitmenschen, sondern auch eine mittelbare Haltung gegenüber der Welt, denn „die Dinge entziehen sich dem begrifflich ordnenden Blick und lassen eine holistische Weltsicht nicht mehr zu“[40]

[...]


[1] Hofmannsthal: Brief, S. 14

[2] Nietzsche: Wahrheit, S. 4

[3] Kiesel: Literarische Moderne, S. 177

[4] Cf. Ebd

[5] Mauthner: Kritik der Sprache, S. 88

[6] Eschenbacher: Fritz Mauthner, S. 34

[7] Kiesel: Literarische Moderne, S. 194

[8] Dieses, sowie folgende ohne Fußnote versehene Zitate beziehen sich allesamt auf Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. Aufgrund des überschaubaren Umfangs von nur fünf Seiten soll zugunsten des Leseflusses auf eine ausführlichere Zitierweise verzichtet werden

[9] Cf. Kiesel: Literarische Moderne, S. 186

[10] Mauthner: Kritik, S. 331

[11] Cf. Ebd. S.332

[12] Kiesel: Literarische Moderne, S. 186

[13] Mauthner: Kritik, Vorwort

[14] Ebd. S. 1

[15] Mauthner: Kritik, S. 67

[16] Ebd. S. 164

[17] Ebd. S. 25

[18] Ebd. S. 54

[19] Ebd. S. 28

[20] Ebd. S. 99

[21] Cf. Ebd. S. 73

[22] Ebd

[23] Ebd. S. 46

[24] Vgl. Kiesel: Literarische Moderne, S. 187

[25] Cf. Mauthner: Kritik, S. 180

[26] Ebd. S. 215

[27] Cf. Ebd. S.161

[28] Cf. Göttsche: Aufbruch, S. 181

[29] Hofmannsthal: Brief, S. 7

[30] Göttsche: Aufbruch, S. 179

[31] Cf. Siebert, S. 49

[32] Kiesel, S. 190

[33] Hofmannsthal:Brief, S. 13

[34] Cf. Ebd

[35] Ebd

[36] Ebd

[37] Ebd. S. 14

[38] Ebd. S. 14.

[39] Ebd. S. 15

[40] Kiesel: Literarische Moderne, S. 193

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Sprachkrise und Franz Kafkas Schweigen
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Kafkas Kurzprosa und Erzählungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V55585
ISBN (eBook)
9783638504911
Dateigröße
742 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachkrise, Franz, Kafkas, Schweigen, Kurzprosa, Erzählungen
Arbeit zitieren
Anneke Veltrup (Autor), 2006, Die Sprachkrise und Franz Kafkas Schweigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55585

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