Das sprachliche Zeichen als Zeigehandlung: Eine theoretische Analyse mit praktischem Bezug zu Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder"


Seminararbeit, 2004
24 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ein Text als Zeichen?

2. Die Handlungsdefinition vom Kamlah/Lorenzen

3. Handeln und verstehen: Handlungen als Exemplare von Handlungs-schemata

4. Sprechakttheorie und Drama

5. Der Begriff der Zeigehandlung in sprachlichem und nicht sprachlichem Kontext

6. Peirce: Interpretant, Abduktion

7. Die Rezeption von „Mutter Courage und ihre Kinder“ bei Publikum und Presse

8. Wann „funktioniert“ eine Zeigehandlung in einem literarischen Text: Ein Modell

Schlussbemerkung

Literatur

Einleitung

Solange es Literatur gibt, wird über die Wirkungsabsicht der produzierten Texte diskutiert. Jeder Leser versucht hinter den Zeilen, die er liest, hinter der Geschichte, die er miterlebt, eine Botschaft zu entschlüsseln, die bald chiffriert und versteckt und kaum erkennbar im Hintergrund bleibt, bald völlig offensichtlich als Plakat dem Leser vor Augen geführt wird. Der Leser sucht den direkten Draht zum Autor, möchte seine Gedanken direkt erfahren, doch der Text, den er liest, die Inszenierung, die er sieht, stellt zwar eine Brücke dar, da sie das einzige Verbindungsglied zwischen dem Autor, der dieses literarische Zeichen sendet, und dem Leser bzw. Zuschauer, der es empfängt, ist, steht aber auch für ein unüberwindbares Hindernis, da das literarische Zeichen zwar als Vermittler zwischen Leser und Autor fungiert, dessen Ideen genau abzubilden jedoch nicht imstande ist.

Deswegen wird häufig heftig debattiert, was der Autor eines Textes aussagen möchte. Wie kann es dazu kommen? Offensichtlich deuten verschiedene Leser den gleichen Text individuell. Diese Hausarbeit möchte zunächst theoretisch untersuchen, wodurch Möglichkeiten zur unterschiedlichen Interpretation eines Textes auftreten können und ins Zentrum der Auseinandersetzung soll das linguistische Phänomen gestellt werden, von dem die Wirkungsabsicht eines Autors abzuleiten ist, die Zeigehandlung. Ein besonderes Augenmerk soll auch der von einer Zeigehandlung ausgehenden Handlungsaufforderung an den Leser gewidmet werden. Diesen Begriffen wird sich im Laufe dieser Ausführungen schrittweise angenährt, indem die verschiedenen Prozesse, die bei der Rezeption eines Textes auftreten, nachvollzogen werden. Um nicht allzu sehr in der Theorie zu verharren, wird stets der Bezug auf einen literarischen Text gesucht. Hier erschien es sehr passend, „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht zu wählen, da diesem Autor eine recht offensichtliche Aussageabsicht unterstellt werden kann: Er wollte durch seine Werke im Leser eine pazifistische und sozialistische politische Einstellung hervorrufen. Wie diese durch Zeigehandlungen bewirkten Handlungsaufforderungen beim Leser bzw. Zuschauer angekommen sind und wie es zu eventuell auftretenden Missverständ-nissen kommen konnte, wird ebenso untersucht werden. Die durchweg behandelte Fragestellung wird also sein, ob eine vom Autor an den Leser adressierte Zeigehandlung von diesem immer im Sinne ihres Senders verstanden werden kann und wordurh ein eventuelles Scheitern des Verstehenden zu erklären ist.

1. Ein Text als Zeichen?

Zu Beginn der Auseinandersetzung sollte zunächst diskutiert werden, inwiefern ein literarischer Text, in dem vorliegenden Fall ein Drama, überhaupt als „Zeichen“ charakterisiert werden kann, denn nur von einem Zeichen kann eine Zeigehandlung ausgehen. Was ist das Zeichenhafte an einem literarischen Text? Hierzu soll auf Karl Bühlers „Organonmodell der Sprache“ eingegangen werden.[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Sender des Zeichens, also der Autor selbst, drückt sich bei einem literarischen Text nicht durch eine phonetische Äußerung, sondern schriftlich aus. Der Effekt bleibt aber der gleiche: Ein Zeichen entsteht, das symbolisch Gegenstände und Sachverhalte aus der Realität darstellt. Dieses Zeichen, also der entstandene Text, wird durch den Empfänger, das Publikum im Theater oder den Leser zu Hause, empfangen. Dementsprechend kann man sagen, dass nach diesem Zeichenmodell, an dem sich diese Arbeit hauptsächlich orientieren wird, ein literarischer Text durchaus ein (sprachliches) Zeichen ist.[2]

Auch auf die zu behandelnde Fragestellung, nämlich inwiefern eine Zeigehandlung in einem literarischen Text vom Zuschauer aufgefasst wird, kann man von Bühlers Modell einige erwähnenswerte Rückschlüsse ziehen: Bühler führt aus, dass mit der Aufnahme eines Zeichens durch den Empfänger ein Appell einhergehe. Und ein Appell ist nichts anderes als eine Handlungsaufforderung, denn durch das Zeichen wird vom Sender an den Empfänger appelliert, etwas zu tun. Und da, wie bereits festgestellt, ein literarischer Text ein Zeichen ist, kann von diesem auch eine Handlungsaufforderung ausgehen, welche auf einer Zeigehandlung beruht.

Problematisch wird allerdings die Frage, ob dieser Appell vom Empfänger auch im Sinne des Senders verstanden werden kann, da, betrachtet man nochmals das Organonmodell, auffällt, dass der gestrichelte Kreis, der den tatsächlich formulierten Laut bzw. in unserem Fall das geschriebene Wort darstellt, keineswegs deckungsgleich ist mit dem tatsächlichen Zeichen, für das es steht. Da nun, wie schon Imanuel Kant bemerkte, das „Ding an sich“ durch Sprache nicht abgebildet werden kann, können die automatisch eintretenden Interpretationsspielräume zu Missverständnissen in der Kommunikationssituation Autor/Zuschauer führen. Hier haben wir es also mit einem grundsätzlichen Problem von (sprachlichen) Zeichen zu tun, die zwar Referenz auf die Sachverhalte in der Natur nehmen, diese aber nicht exakt abbilden können.

Übertragen könnte man sogar eine Metaebene eröffnen, indem man Bühlers Modell auf die vorliegende Problematik („Mutter Courage und ihre Kinder“ ist ein Drama) wie folgt anwendet: Der Autor erschafft ein Zeichen (hier: das Dreieck im Organonmodell), nämlich den literarischen Text, welchen der Zuschauer im Theater empfängt. Als Mittler treten hier jedoch Schauspieler und die Inszenierung auf (hier: der gestrichelte Kreis im Organonmodell), die die literarische Vorlage interpretieren und dadurch unter Umständen verfremden können. Die Art und Weise der Darstellung eines Hauptcharakters kann den appellativen Charakter des Zeichens eindeutig verändern. Der Regisseur kann einerseits bis zu einem gewissen Punkt bestimmen, Mutter Courage kalt und unbarmherzig darstellen zu lassen, was den Appell hervorriefe: „Habt kein Mitleid mit der bösen Frau!“ Andererseits ist es dem Regisseur auch möglich, dieselbe Figur als resolute und herzliche Person von seinen Schauspielern interpretieren zu lassen, was genau den entgegengesetzten Appell auslösen würde (vgl. Kapitel zur Rezeptionsgeschichte). Schnell kann man erkennen, welche Problematik beim Verständnis des Zeichens in seinem ursprünglichen Sinn allein durch einen scheinbar minderwichtigen und auf den ersten Blick außerhalb der Beziehung Sender-Zeichen-Empfänger liegenden Faktor, wie z.B. die Art der Inszenierung, ausgelöst werden kann. Diese Problematik kann übertragen auf Karl Bühlers Organonmodell nachvollzogen werden.

2. Die Handlungsdefinition vom Kamlah/Lorenzen

Da Thema dieses Aufsatzes die Zeigehandlung ist, soll hier ein Bestandteil dieses Begriffs näher erläutert werden: Wie genau kann man „Handlung“ definieren? Welche Probleme treten bei den Handlungen auf, die durch Zeigehandlungen, ausgelöst werden?

Im Gegensatz zu anderen Vorgängen in der Welt, kann man Handlungen so charakterisieren, dass in ihnen „Menschen Zwecke verfolgen und sich diese Zwecke selbstständig setzen.“[3]

[...]


[1] vgl. TRABANT, Jürgen: Elemente der Semiotik. Tübingen, 1996. S.82.

[2] Grafik entnommen von:

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/buehlermodell.shtml, gelesen am 01.03.2005. Der Kreis hinzugefügt durch mich, T.E.

[3] KAMLAH, W./LORENZEN, P.: Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. Mannheim, Wien, Zürich, 1967. S.57.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das sprachliche Zeichen als Zeigehandlung: Eine theoretische Analyse mit praktischem Bezug zu Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Die Theorie des sprachlichen Zeichens
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V55662
ISBN (eBook)
9783638505512
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeichen, Zeigehandlung, Eine, Analyse, Bezug, Bertolt, Brechts, Mutter, Courage, Kinder, Theorie, Zeichens, Thema Mutter Courage
Arbeit zitieren
Timo Effler (Autor), 2004, Das sprachliche Zeichen als Zeigehandlung: Eine theoretische Analyse mit praktischem Bezug zu Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55662

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