Subjektive Bedeutung des Sportabzeichens in Karriereverläufen bei Senioren

Eine empirisch-qualitative Untersuchung des Stützpunktes Urach


Examensarbeit, 2006
159 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Theoretische Vorüberlegungen
2.1 Von Hochleistungssportkarrieren zu Breitensportkarrieren
2.1.1 Analyse der Lebensverläufe aus sozialisations- theoretischer Sicht
2.1.2 Annahmen zur Sportabzeichenthematik
2.2 Grundlagen der Motivationspsychologie
2.2.1 Begründung der Auswahl des kognitiv- handlungstheoretischen Ansatzes
2.2.2 Klassifizierung der Motive
2.2.3 Annahmen und ihre Einbettung in die Karrierethematik
2.3 Überblick

3 Empirischer Teil
3.1 Methodenreflexion
3.1.1 Die Einzelfallanalyse als methodischer Ansatz
3.1.2 Welche Sportler kommen in Frage?
3.1.3 Die Datenerhebung
3.1.4 Ablauf der Untersuchung
3.1.5 Verfahren der Datenverarbeitung und Auswertung
3.2 Analyse der 20 Probanden
3.3 Ergebnisse der Untersuchung
3.3.1 Ergebnisse bezogen auf die Karrierethematik
3.3.2 Auftretende Motive im Verlauf der Sportabzeichenkarriere

4 Zusammenfassung, Diskussion, Ausblick

5 Literatur

Anhang

1. Interview mit Proband 1

2. Interview mit Proband 2

3. Interview mit Proband 3

4. Interview mit Proband 4

5. Interview mit Proband 5

6. Interview mit Proband 6

7. Interview mit Proband 7

8. Interview mit Proband 8

9. Interview mit Proband 9

10. Interview mit Proband 10

11. Interview mit Proband 11

12. Interview mit Proband 12

13. Interview mit Proband 13

14. Interview mit Proband 14

15. Interview mit Proband 15

16. Interview mit Proband 16

17. Interview mit Proband 17

18. Interview mit Proband 18

19. Interview mit Proband 19

20. Interview mit Proband 20

Vorwort

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es nun das deutsche Sportabzeichen. Es überlebte trotz vieler Veränderungen und Anpassungen an zum Teil extremste Bedingungen - so zum Beispiel zur Zeit Hitlers - bis heute und ist nach wie vor eine von vielen wahrgenommene Fitnessprüfung. Ähnlich erging es auch dem Sportabzeichenstützpunkt in Bad Urach. Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts übernahm mein Großvater die Leitung dieses Stützpunktes und hielt ihn bis in die 90er Jahre hinein mit viel Ehrgeiz und Elan am Leben. Eine Besonderheit des Stützpunktes des TSV Urach ist, dass seit der Übernahme durch meinen Großvater Trainings- und Abnahmezeiten immer gleich blieben. Durch meine Familie bin auch ich in die Arbeit im Stützpunkt seit einiger Zeit eingebunden. Bei der jährlichen Sportabzeichenverleihung im Sporthaus erzählen die Teilnehmer immer wieder Geschichten aus „alten Zeiten". Diese haben bei mir das Interesse an der Geschichte des Sportabzeichens geweckt und mich veranlasst, auf diesem Gebiet nachzuforschen. Im Studium wurde dann in einem Proseminar zu Forschungsmethoden der Sportwissenschaften die Einzelfallanalyse und ihre Formen der Datenerhebung besprochen. In diesem Rahmen hatten wir die Aufgabe, die besprochene Methode an einem selbst gewählten Thema zu erproben. Dabei sah ich die Gelegenheit, mein Interesse am Sportabzeichen mit dieser Forschungsmethode zu verbinden und es entstand die Idee zu untersuchen, was den Menschen, die das Sportabzeichen schon seit über 20 Jahren ablegen, dieses bedeutet.

So ist diese Arbeit entstanden, an der auch mein Großvater einigen Anteil genommen hat. Leider kann er die Fertigstellung dieser Arbeit nicht mehr miterleben.

Ich möchte mich bei den 20 Probanden bedanken, die sich Zeit für mich nahmen, und sich für ein Interview zu dieser Arbeit bereit erklärten. Es war sehr interessant zu sehen, dass das Werk eines Einzelnen doch so viele dazu bewog, über mehrere Jahrzehnte hinweg die „Reifeprüfung Sportabzeichen" immer wieder abzulegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bad Urach, Januar 2006

1 Einleitung

„Das Deutsche Sportabzeichen forderte eine Gutleistung auf 5 verschiedenen Gebieten. Es war eine Leistungsprüfung auf Herz- und Lungenkraft (Gruppe 3), auf Spannkraft (Gruppe 2), auf körperliche Fertigkeiten (Gruppe 1 und 4) und auf Ausdauer (Gruppe 5), kurz eine Rüstigkeitsprüfung. Sinn des Sportabzeichens war, als Ansporn zu dienen, auf dass diese von geübter Jugend leicht zu erreichenden Leistungen bis ins reife Mannesalter erhalten werden, eine durch die Graduierung der immer wieder zu erwerbenden Auszeichnung gegebene Anregung".

Carl Diem (1988, 32)

So definierte Carl Diem, der Begründer des Deutschen Sportabzeichens in seinem Antrag zur Wiederaufnahme des Sportabzeichens nach dem Ersten Weltkrieg die „Rüstigkeitsprüfung" wie sie heute noch bekannt ist. Das Deutsche Sportabzeichen hat bis heute, betrachtet man die Auswahl der Disziplinen, über mehr als 90 Jahre hinweg nie Rost angesetzt. Es wurden immer wieder neue Altersklassen eingeführt. Und auch heute noch werden mit z.B. der Einführung des Inlineskatings Alternativen zu den manchmal doch eintönigen leichtathletischen Übungen der Gruppen 2 bis 5 geschaffen. Die Gruppen setzen sich heute, analog zu Diems Einteilung von 1917, aus den folgenden Übungsteilen zusammen: Gruppe 1 beinhaltet das Schwimmen. In Gruppe 2 sind die Sprungdisziplinen zusammengefasst. Der dritten Gruppe ist der Sprint zugeordnet. In Gruppe 4 geht es ums Werfen, wobei Schwimmen und Geräteturnen als Alternativen angeboten werden. Die fünfte und letzte Gruppe fordert Ausdauerleistungen. Hier sind fast alle gängigen Ausdauersportarten nebst einigen Exoten, wie dem Wandern und dem Eisschnelllaufen möglich.

Eine ganz andere Art der Ausdauer beweisen auch die Sportler, die jährlich aufs Neue das Sportabzeichen ablegen. Dies entspricht der Forderung, die Carl Diem damals in seinem Antrag stellte, dass die Körperübung zum Allgemeingut und für alle zur Lebensgewohnheit werden müsse (vgl. Diem, 1988, S. 32). Schaut man in die Statistiken, so findet man am Uracher Stützpunkt einen Sportler, dessen Sportabzeichenkarriere als Erwachsener beinahe ein halbes Jahrhundert andauert. Es gibt also Menschen, die im Sinne Carl Diems das Sportabzeichen zu einem festen Bestandteil ihres Lebens gemacht haben. Aufgrund der Tatsache, dass die Leitung des Sportabzeichenstützpunktes Bad Urach seit 1963 der Familie des Verfassers obliegt, sind intensive Kontakte zu Sportlern gegeben, die sich über Jahre hinweg diesem körperlichen TÜV stellen. Aufgrund dieser Kontakte entwickelte sich das Interesse, den folgenden Fragen nachzugehen:

- Wie verlaufen eigentlich solch lange Karrieren beim deutschen Sportabzeichen?

- Welche Faktoren beeinflussen den Verlauf der Karrieren?
- Gibt es Gemeinsamkeiten bei den Sportlern was einzelne dieser Faktoren betrifft?

- Welche (subjektive/n) Bedeutung(en) hat das Sportabzeichen für diese Menschen im Verlaufe ihrer Karriere?

- Warum machen diese Menschen das Sportabzeichen?
- Was ist ihnen wichtig am Sportabzeichen?
- Gibt es Gemeinsamkeiten bezüglich der auftretenden Motive?

Bedeutung für die Forschung

Die oben genannten Fragen sind auch aus einer Deutschlandweiten Perspektive interessant. Da es aber um Einzelfälle geht, würde das den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Durch das persönliche Mitwirken des Verfassers im Stützpunkt Bad Urach bietet es sich aber an, auf die Sportler zurückzugreifen, zu denen entsprechende Kontakte bereits vorhanden sind. Im Zusammenhang damit steht auch die Tatsache, dass es noch keine Untersuchungen über Karrieren beim Sportabzeichen gibt. Daher soll erst einmal auf kleiner Basis anhand eines Stützpunktes angefangen werden dieses Thema zu bearbeiten. Die hierbei gewonnenen Ergebnisse könnten dann den Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen bilden.

Das nicht Vorhandensein von Untersuchungen zu diesem Thema hat auch Konsequenzen hinsichtlich der in Frage kommenden theoretischen Literatur. Auf den Breitensport bezogene Konzeptionen, die eine Analyse von Karrieren ermöglichen würden, gibt es nicht. Da aber im Bereich des Hochleistungssports mindestens ein Konzept zu diesem Thema existiert, wird für die vorliegende Untersuchung die Entwicklung eines adäquaten Rahmens versucht, um diese Konzeption auf den Breitensport bzw. die Sportabzeichenthematik zu übertragen.

Aufbau der Arbeit:

Im folgenden Kapitel soll die benötigte Theorie zur Karriereforschung und zur Motivationsthematik näher vorgestellt werden. Danach werden in einem weiteren Kapitel der Methodische Ansatz und die Vorgehensweise bei der Datenerhebung und Auswertung erläutert. Anschließend erfolgen die Einzelfallanalyse und die Darstellung der Ergebnisse. Im letzten Kapitel werden dann die wichtigsten Resultate im Hinblick auf die bearbeitete Fragestellung noch einmal zusammengefasst und ihre Bedeutung evaluiert. Da bei der Ergebnisgewinnung aufgrund des qualitativen Forschungsansatzes keine Statistische Überprüfung von Hypothesen vorgenommen wird sondern die Statistik nur der Veranschaulichung der Ergebnisse dient, wird im weiteren Verlauf der Begriff der Hypothese durch den Begriff der Annahme ersetzt.

Wenn im Folgenden von Sportlern, Probanden oder Teilnehmern gesprochen wird, so beinhaltet dies auch immer die weibliche Form.

2 Theoretische Vorüberlegungen

In diesem Kapitel sollen die für die in der Einleitung formulierte Fragestellung relevanten Theorien der Karriereforschung und der Motivationspsychologie näher erläutert werden. Anschließend werden die jeweils besprochenen Modelle für die vorliegende Untersuchung entsprechend modifiziert und Hypothesen daraus abgeleitet. Diese Hypothesen werden dann in Kapitel 3 auf ihre Gültigkeit hin überprüft.

Da es bislang keine Arbeiten zum Verlauf von Karrieren beim Deutschen Sportabzeichen gibt, wird im Folgenden eine Untersuchung zur Karrierethematik herangezogen, die sich mit dem Hochleistungssport beschäftigt hat. Es gibt zwar noch Arbeiten, die sich mit anderen Bereichen v. a. außerhalb des Sports beschäftigt haben, aber um die vorliegende Arbeit nicht ins unermessliche ausufern zu lassen, wird eine auf die Sportabzeichenthematik übertragbare Konzeption des Hochleistungs- sportmodells herangezogen. Es sind also einige Anpassungen nötig, da in der vorliegenden Arbeit der Fokus auf dem Breitensport liegt und nicht auf dem Hochleistungssport.

2.1 Von Hochleistungssportkarrieren zu Breitensportkarrieren

Heutzutage ist der Begriff Karriere ein vielfach gebrauchter. Es gibt Karrieren beim Fernsehen, im Showbusiness, in der Wirtschaft, in der Politik und im Sport. Im alltäglichen Sprachgebrauch hat das Wort Karriere eine eher positive Bedeutung. Wer Karriere macht, der hat Erfolg auf seinem Gebiet. Der Ausdruck „Karriere machen" bezieht sich meistens auf bekannte, besser noch berühmte Menschen. Ob nun Angela Merkel als Bundeskanzlerin, Robbie Williams als Sänger, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger als Nationalspieler im Fußball Karriere machen, sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind (im Moment) erfolgreich in dem was sie tun. Generell kann man den Begriff der Karriere als mit dem beruflichen Leben verknüpft betrachten. Für die beiden Fußballer stellt das Fußballspielen den Beruf dar. Sie verdienen ihr Geld damit. Allerdings sind Karrieren im Hochleistungssport nicht von der Dauer, wie eine ,normale' berufliche Karriere beispielsweise der von Handwerkern.

Diese Annahme wurde auch durch die Untersuchung von Conzelmann, Gabler und Nagel bestätigt, die sich mit Lebensläufen von Olympiateilnehmern in Bezug auf die Hochleistungssport-Karrieren, die Berufskarrieren und die familialen Karrieren befasst haben und unter anderem zu den folgenden Ergebnissen kamen:

Ergebnisse bezogen auf Hochleistungssport-Karrieren:

- Im Durchschnitt beginnt eine Leistungssportkarriere mit 15 Jahren und endet etwa mit 28 Jahren.
- Der für den Leistungssport durchschnittlich erbrachte Aufwand beträgt etwa 30 Stunden pro Woche (vgl. Conzelmann et al. 2001, S. 85).

Ergebnisse bezogen auf Berufskarrieren:

- Der Hochleistungssport hat eher positiven Einfluss auf die berufliche Laufbahn.
- Institutionelle Unterstützungsmaßnahmen und Förderstrukturen wirken positiv auf die Qualität der Bildungszertifikate ein.
- Leistungssportler, die nach ihrer Karriere im Leistungssportbereich tätig sind, profitieren zum Teil von ihren Erfahrungen und ihrem Bekanntheitsgrad
- Es wird immer schwieriger parallel zum Hochleistungssport eine vergleichbare berufliche Karriere aufzubauen. Dabei haben es erfolgreiche Sportler aus den bekannteren Sportarten deutlich leichter, als jene Athleten, die aus den Randsportarten kommen bzw. weniger erfolgreich sind (vgl. Conzelmann et al. 2001, S. 172-174).

Ergebnisse bezogen auf familiale Karrieren:

- Bei der Hälfte der befragten Athleten wirkte sich die Hochleistungssportkarriere nicht wesentlich auf die familiale Karriere aus. Die anderen 50% haben sowohl positive als auch negative Auswirkungen erfahren müssen.
- Längere Karrieren mit hohen zeitlichen Belastungen führen eher zu Problemen im Familienleben.
- Der Zeitpunkt der Eheschließung und der Geburt von Kindern liegt bei Hochleistungssportlerinnen deutlich später, als bei männlichen Hochleistungssportlern (vgl. Conzelmann et al., 2001, S.187f.).

Betrachtet man die Ergebnisse, so wird deutlich, dass hier eine neutralere Definition des Begriffs Karriere vorliegt. Hier geht es nicht um Menschen, die im Sinne eines positiven Aufstieges Karriere machen, sondern es geht um die „Abfolge von Ereignissen und Aktivitäten in je unterschiedlichen, institutionalisierten Handlungsfeldern, (...) wie die Berufskarriere oder die Hochleistungssport-Karriere" wie Conzelmann et al. (2001) In Anlehnung an Mayer formulieren Würde der oben genannte umgangssprachliche Gebrauch des Begriffs Karriere als Definition verwendet werden, so wären bei der Untersuchung von Conzelmann et al. negative Erfahrungen in allen drei Karrierebereichen nicht möglich, weil der Begriff Karriere in diesem Fall grundsätzlich als positiver Verlauf verstanden wird.

Die der Untersuchung von Olympiateilnehmern zu Grunde gelegte Theorie stützt sich auf einen interdisziplinären Ansatz, der die gesamte Lebensspanne der befragten Athleten betrachtet. Dieser Ansatz besteht in der Verknüpfung von biologischen, psychologischen und soziologischen Lebenslauf- Konzeptionen (vgl. Conzelmann et. al., 2001, S. 10). Da die verschiedenen Lebensbereiche Hochleistungssport, Bildung, Beruf und Familie und ihre Beziehung zueinander untersucht werden sollten, war für die Problemstellung von Conzelmann et al. vor allem der sozialisationstheoretische Blickwinkel wesentlich. Da dieses Beziehungsgeflecht in ähnlicher Form für die Sportabzeichenthematik von Interesse ist, soll im Folgenden vor allem darauf eingegangen und anschließend in Anlehnung an den Bezugsrahmen von Conzelmann et al. (2001, S. 15) ein für die Analyse von Sportabzeichenkarrieren entsprechend angepasstes Modell erarbeitet werden.

2.1.1 Analyse der Lebensverläufe aus sozialisationstheoretischer Sicht

Unter Sozialisation wird „der Prozess der Entwicklung der Persönlichkeit in produktiver Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen (der inneren Realität) und mit der sozialen und physikalischen Umwelt (der äußeren Realität)" verstanden (Hurrelmann, 2002, S. 7). Dabei ist die Annahme wesentlich, dass der Mensch auf seine Umwelt aktiv Einfluss nimmt, die Umwelt aber zugleich auch den Menschen beeinflusst. Die produktive Auseinandersetzung mit der Umwelt ist bei jedem Menschen zu jeder Zeit und in jeder „Lebenslage“ gegeben. Die zentrale These des Sozialisationsmodells ist dabei, das diese Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Realitäten flexibel die Persönlichkeit des Menschen formt (vgl. Hurrelmann, 2002, S. 7 f.).

Ausgehend von dieser Definition lag der Bearbeitung der Hochleistungssportthematik von Conzelmann et al. Das unten aufgeführte Modell zu Grunde, das im Folgenden erläutert werden soll:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Bezugsrahmen zur Analyse der Lebensverläufe von Hochleistungs- sportlern wechselseitige Abhängigkeit (vgl. Conzelmann et al. 2001, S. 15)

Es geht also um die Analyse der individuellen Lebensläufe von Hochleistungssportlern. Diese Lebensläufe beinhalten die in Abb. 1 aufgeführten Karrieren auf beruflicher, familialer und hochleistungssportlicher Ebene. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Untersuchung der Spitzensportkarriere und deren Auswirkungen auf die anderen Teilbereiche bzw. Karrieren im Bereich Beruf und Familie. Dabei wurde generell davon ausgegangen, dass die jeweiligen Karrieren in „einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis" zu einander stehen (Conzelmann et al. 2001, S.14). Das bedeutet, dass spezifische Merkmale der einen Karriere (z.B. Sportkarriere) sich positiv oder negativ auf eine andere Karriere (z.B. Familie) auswirken können und umgekehrt.

Das Umweltsystem mit dem sich der Mensch im Sinne der Sozialisationstheorie auseinandersetzt, besteht neben den bereits angesprochenen Handlungsfeldern Beruf, Familie und Hochleistungssport, noch aus der Interaktions-, Organisations-, Institutions- und der Gesellschaftsebene. Durch die Interaktion zwischen dem Individuum und der Umwelt kann in einer konkreten Handlungssituation in den jeweiligen Handlungsfeldern wie Beruf, Familie und Sport eine Karriere entstehen. Diese Handlungsfelder beinhalten verschiedene Sozialisationsinstanzen und soziale Netzwerke. Im Bereich Sport wären da vor allem Trainingsgruppen, Vereine und Verbände, im Bereich Beruf die Schulen und Hochschulen und im Bereich Familie die Herkunftsfamilie und dann später die eigene Familie zu nennen (vgl. Conzelmann et al. 2001, S. 14). Die Karrierebereiche Spitzensport und Beruf wurden in Systeme zusammengefasst, die die einzelnen Institutionen und Organisationen, die den jeweiligen Feldern zugeordnet sind beinhalten. Diese Systeme unterscheiden sich voneinander dadurch, dass sie unterschiedlichen Handlungsnormen und Zielen unterliegen. Diese Ziele und Normen sind wandelbar und verändern sich im laufe der Zeit mitbestimmt durch geschichtliche Ereignisse und somit auch mitbestimmt durch den Menschen, der diese Dinge beeinflusst. Somit werden die Systeme Beruf und Hochleistungssport - wie in Abb.1 dargestellt - durch die Dimension der historischen Zeit beeinflusst (vgl. Conzelmann et al. 2001, S.14).

2.1.2 Annahmen zur Sportabzeichenthematik

Für die Bearbeitung der Sportabzeichenthematik ergeben sich zu dem in Abb.1 aufgeführten Modell folgende Unterschiede:

- Die Sportabzeichenkarriere entsteht im System Breitensport. Das heißt, der zeitliche Aufwand, den die Sportler für das Sportabzeichen erbringen, entspricht nicht dem Aufwand, den ein Spitzensportler für seine Sportart erbringen muss. Zusätzlich ist mit dem Sportabzeichen kein Geld zu verdienen. Somit ist davon auszugehen, dass die Karrierebereiche Familie und Beruf vorrangig Einfluss auf die Sportabzeichenkarriere nehmen (siehe rote Pfeile in Abb.2).
- Das Beziehungsgeflecht Beruf, Familie, Sportabzeichenkarriere wird um das Feld Freizeit erweitert, da Hobbies parallel zum Sportabzeichen durchaus als Einflussgröße auftreten können, egal ob sie im Sportbereich anzusiedeln sind oder nicht. Auch hierbei besteht eine Wechselwirkung zwischen den einzelnen Handlungsfeldern (siehe Abb.2).
- Zusätzlich zum Handlungsfeld Freizeit kommt noch das Handlungsfeld Schule dazu, das auch in ein der historischen Zeit unterliegendes System Schule gefasst wird. Es wird davon ausgegangen, dass der Bereich Schule lediglich Einfluss auf die Sportabzeichenkarriere (roter Pfeil) die Berufskarriere und das Handlungsfeld Freizeitsport hat. Der Bereich der familialen Karriere wird von der Schule nicht beeinflusst, da die Schulbildung nicht als bestimmendes Merkmal der Familienbildung angesehen wird.
- Das Beziehungsgeflecht wird vor allem im Hinblick auf den Einfluss der einzelnen Handlungsfelder auf die Sportabzeichenkarriere untersucht (rote Pfeile in Abb.2).
- Da sich das Sportabzeichen ähnlich dem Hochleistungssport durch Organisationen wie Stützpunkte zur Abnahme, Sportabzeichenkreise etc. konstituiert, ist auch dieses in ein System Sportabzeichen zusammengefasst Seit seiner Entstehung im Jahr 1913 durch Carl Diem ist auch dieses System durch die verschiedenen Änderungen der Sportarten und Altersklassen (vgl. DSB, 1989 S.71), die Verleihungen ins Ausland ab 1954 (vgl. DSB, 1989, S. 99f.), und auch die ideologischen Anpassungen des NS Regimes (vgl. DSB, 1989, S.53ff), dem historischen Zeit- und Wertewandel unterworfen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Modell zur Analyse von Sportabzeichenkarrieren modifiziert nach Conzelmann et al.

Aus den oben getroffenen Aussagen zur Analyse von Sportabzeichenkarrieren ergeben sich folgende Fragen und Annahmen, denen in Kapitel 3 anhand des Uracher Stützpunktes nachgegangen werden soll. Dabei soll der Analyse der Sportabzeichenkarrieren folgende chronologische Einteilung zu Grunde liegen:

Fragen bezüglich des Karrierebeginns

1. Wann beginnt in der Regel die Sportabzeichenkarriere?
2. Inwiefern haben Familie, Beruf, Schule und Freizeit Einfluss auf den Karrierebeginn?

Daraus ergibt sich folgende Annahme:

- Der Beginn der Sportabzeichenkarriere wird durch die Einflussgrößen Beruf, Schule, Familie und Freizeit bestimmt.

Diese Annahme geht davon aus, dass einer oder mehrere der genannten Handlungsfelder als Auslöser der Sportabzeichenkarriere auftreten können. Sollten Fälle auftreten bei denen die Sportabzeichenkarriere später beginnt; ist auch zu berücksichtigen welche Handlungsfelder für diese Verzögerung verantwortlich waren.

Fragen bezüglich des Karriereverlaufs

1. Inwiefern wird der Karriereverlauf durch Familie, Freizeit, Beruf z.B. durch Unterbrechungen beeinflusst?
2. Wird im Verlauf der Karrieren auf das Sportabzeichen trainiert?
3. Gibt es im Verlauf der Karrieren Schwachstellen, verändern sich diese und inwiefern haben diese Schwachstellen Einfluss auf das Trainingsverhalten?
4. Gibt es Zusammenhänge zwischen Karrierebeginn und Karriereverlauf?

Daraus ergeben sich die folgenden Annahmen:

- Der Karriereverlauf wird durch Einflüsse aus den Bereichen Familie, Beruf, Freizeit und Schule z.B. in Form von Unterbrechungen mit bestimmt.

Es wird davon ausgegangen, dass familiäre Gründe wie zum Beispiel Schwangerschaften unter Umständen eine Pause beim Sportabzeichen zur Folge haben könnten. Im Bereich Beruf wären zum Beispiel Dienststellenwechsel oder ähnliches zu nennen.

- Auftretende Schwachstellen beeinflussen die Disziplinwahl und damit den Karriereverlauf.

Die Tatsache, dass das Sportabzeichen eine Leistung in fünf verschiedenen Disziplinen verlangt, lässt darauf schließen, dass bei einigen Teilnehmern Probleme auftreten können. Es wird davon ausgegangen, dass diese Schwachstellen je nach Einstellung des Teilnehmers das Trainingsverhalten und die Disziplinwahl und damit auch den Karriereverlauf, sowie den zeitlichen Aufwand der betrieben wird beeinflusst. Möglich wäre auch, dass diese Probleme zum Nichterreichen des Sportabzeichens und somit zu einer Unterbrechung führen.

- Das Einstiegsalter der Probanden hat Einfluss auf den Karriereverlauf vor allem was Unterbrechungen betrifft.

Es wird davon ausgegangen, dass ein Karrierebeginn im Alter von zum Beispie! 10 Jahren einen anderen Karriereverlauf zur Folge hat, als ein Karrierebeginn mit 40 Jahren. Am Deutlichsten dürfte dieser Unterschied bei den weiblichen Probanden zu Tage treten, da Schwangerschaften jenseits der 40 Jahre eigentlich eine Ausnahme darstellen.

Fragen bezüglich des möglichen Karriereendes

1. Wird das Ende der Sportabzeichenkarriere geplant?
2. Wovon wird das Karriereende abhängig gemacht? Spielen Familie, Beruf, Freizeit eine Rolle?

Daraus ergibt sich die folgende Annahme:

- Das Ende der Sportabzeichenkarrieren ist von den Einflussgrößen Beruf, Familie, Freizeit abhängig.

Diese Fragen stellen eine Teilkomponente des Analyserahmens der vorliegenden Arbeit dar. Sie beantworten v.a. die Frage nach den speziellen Eigenschaften von Sportabzeichenkarrieren. Es ist aber noch zu klären, wie die Frage nach den Motiven, aus denen heraus das Sportabzeichen gemacht wird, zu beantworten ist. Hierzu soll im Folgenden Abschnitt der Stand der Motivationsforschung dargestellt werden und anschließend die Frage nach den Motiven in die Karrierethematik eingebettet werden. Abschließend werden die erarbeiteten Hypothesen noch einmal im Überblick dargestellt.

2.2 Grundlagen der Motivationspsychologie

Nachstehend sollen die für die Untersuchung relevanten Grundlagen der Motivationsforschung dargestellt werden. Anschließend werden für die vorliegende Fragestellung Annahmen formuliert, die dann im empirischen Teil der Arbeit überprüft werden.

2.2.1 Begründung der Auswahl des kognitiv-handlungstheoretischen Ansatzes

In der Motivationsforschung wurden im Laufe der Jahre verschiedene Modelle zur Erklärung solch motivierter Verhaltensweisen entwickelt die nachfolgend im Überblick aufgeführt werden:

- Das biologisch-physiologische Erklärungsmodell
- Das ethologisch Instinkttheoretische Erklärungsmodell
- Das tiefenpsychologisch-triebtheoretische Erklärungsmodell
- Das behavioristisch-lerntheoretische Erklärungsmodell
- Das persönlichkeitstheoretische Erklärungsmodell
- Das kognitiv-handlungstheoretische Erklärungsmodell

Der in der Aufstellung erwähnte kognitiv-handlungstheoretische Ansatz ist für die vorliegende Untersuchung deswegen relevant, weil er den Menschen als ein „planendes, auf die Zukunft gerichtetes und sich entscheidendes Wesen" (Gabler 2002, S.44) betrachtet. Dieser Mensch hat Ziele, versucht diese zu erreichen und sieht in seinen Handlungen einen subjektiven Sinn. Im Falle des Sportabzeichens sieht der Sportler für sich zum Beispiel den Sinn andere Menschen kennen lernen zu wollen. Dann wird er versuchen in der Zukunft beim Sportabzeichen dieses Ziel zu verfolgen und sich entsprechend verhalten. Dabei eröffnen sich immer wieder Spielräume, der Handelnde muss sich entscheiden und zu seiner Handlung stehen. Es wird davon ausgegangen, dass der Handelnde über seine Entscheidungen reflektiert. Der kognitiv- handlungstheoretische Ansatz interessiert sich also für Handlungen, die von Menschen „mehr oder weniger bewusst und kontrolliert" (Gabler, 2002, S. 45) verfolgt werden, so dass Beweggründe empirisch erfassbar sind. Routinetätigkeiten, Reflexe, also meist unwillkürliche Handlungen werden vernachlässigt, da diese normalerweise nicht geplant und kognitiv bewertet und somit auch nicht als zielgerichtet angesehen werden, (vgl. Gabler, 2002, S.45) Dies ist auch der Grund warum die instinkt- und triebtheoretischen Ansätze für diese Untersuchung nicht sinnvoll sind. Da in beiden Fällen von durch das Unterbewusstsein hervorgerufenen Handlungen ausgegangen wird, wäre die Frage nach dem Warum empirisch nicht überprüfbar, da die Probanden über unbewusste Vorgänge keine Auskunft geben könnten. Des Weiteren sprechen auch die anderen Ansätze dem Handelnden eine bewusste und reflektierte Handlungsweise ab, ein Vorwurf den sich die meisten Menschen nicht unbedingt gefallen lassen würden.

Das oben erwähnte zielgerichtete, auffällige Handeln, das keiner Routinetätigkeit entspricht, kann laut Gabler nach drei Gesichtspunkten beurteilt werden:

1. Verhaltensweisen von verschiedenen Personen in identischen Situationen
2. Verhaltensweisen von ein und derselben Person in unterschiedlichen Situationen
3. Vergleich von einer Person über einen längeren Zeitraum (vgl. Gabler, 2002, S. 45)

Handeln also zwei Personen in der gleichen Situation unterschiedlich, dann lässt sich vermuten, dass beide eine unterschiedliche Bewertung der Situation vorgenommen haben. Handelt eine Person in unterschiedlichen Situationen immer gleich, dann liegt nahe, dass die verschiedenen Situationen gleich bewertet wurden. Solchen Erwägungen liegt die Annahme zu Grunde, dass es in einer Person bestimmte Dispositionen im Sinne von Handlungstendenzen gibt, die es dem Handelnden gestatten, individuell Entscheidungen zu treffen und in die Tat umzusetzen. Diese Dispositionen werden in der Psychologie Wertungsdispositionen genannt. Demnach sind Motive laut Gabler „situationsüberdauernde, zeitlich überdauernde und persönlichkeitsspezifische Wertungsdispositionen" (2002, S.76). Dabei ist davon auszugehen, dass diese Wertungsdispositionen nicht sichtbar sind. Sie müssen über die beobachtbaren Bedingungen der Situation und dem beobachtbaren Handeln des Menschen mittels Fremdbeobachtung und Eigenreflexion des Handelnden erschlossen werden (vgl. Gabler, 2002, S. 46).

In diesem Sinne ist der Sportler als denkendes Wesen in der Lage, bestimmte auftretende Situationen für sich zu bewerten und vorauszuberechnen, was mögliche Folgen der Handlung, für die er sich entscheidet sein könnten. Das Ergebnis dieser Antizipation der Folgen im Sinne einer Kosten-Nutzen Rechnung ist dann der Auslöser für die Intentionsbildung, die zur Handlung führt. Nach der Handlung findet dann eine Interpretation des Geschehenen im Hinblick auf die erreichten Intentionen statt. Diese erworbenen Erfahrungen sind dann abrufbar im Hinblick auf neue Entscheidungsprozesse und beeinflussen somit die künftigen Motivierungsprozesse (vgl. Gabler, 2002, S.47f.).

Die oben beschriebenen Erfahrungen sowie deren Bewertungen und die daraus getroffenen Entscheidungen sind dann auch die Daten, die für die vorliegende Untersuchung wichtig sind, da aus ihnen zum Zeitpunkt der Befragung der aktuelle Motivationsstand ableitbar ist.

2.2.2 Klassifizierung der Motive

Sucht man nun nach möglichen Motiven so findet man, wenn man die unterschiedlichsten Situationen und Handlungen betrachtet, eine ganze Fülle die im Sport auftreten. Um dieser Fülle eine Struktur zu geben, wurde festgelegt, dass es so genannte Grundsituationen gibt, die immer wieder auftauchen und zu denen der Handelnde „stabile Bewertungssysteme entwickelt" (Gabler, 2002, S. 13). Solche Grundsituationen sind z.B. Leistung, Anschluss, Hilfe, Spiel etc. Neben der Festlegung und Abgrenzung der Grundsituationen wurden auch noch zwei weitere Punkte angeführt die bei einer Klassifizierung der Motive zu berücksichtigen sind:

- Es sind Bewertungen, Erwartungen und Zielvorstellungen zu kennzeichnen, die auf diese Situationen gerichtet sind.
- Es ist zu prüfen, welche der Motive gemeinsame Eigenschaften besitzen, die eine Zusammenfassung zu Motivgruppen rechtfertigen würde (vgl. Gabler, 2002, S. 13-14).

Motive sind keine Konstanten die immer auftreten, sie können, da immer wieder neue Grundsituationen entstehen und andere verschwinden können, nicht immer gegeben sein. Motive unterliegen also Lernprozessen, die auf die Bewertungen und Ziele des Handelnden Einfluss nehmen. Das unterscheidet Motive in ihrer Definition von Trieben (vgl. Gabler, 2002, S. 14).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Klassifikation und Vielfalt der Motive im Sport (vgl. Gabler, 2002, S. 17)

Bei den 30 Motiven handelt es sich um bislang unpräzisierte Begriffsbestimmungen, da bislang lediglich die Motive Leistung, Macht, Aggression, Fairness und Hilfe genauer bestimmt und empirisch überprüft worden sind (vgl. Gabler, 2002, S.20).

Diese Klassifikation der Motive wurde bei einer Befragung im Rahmen einer Studie zur kommunalen Sportentwicklung im Jahr 2001 empirisch überprüft. Befragt wurden in Tübingen über 800 Menschen, die für drei Sportarten ankreuzen konnten, inwiefern die vorgegebenen Motive zutreffen (vgl. Gabler, 2002, S.20). Es zeigte sich dabei, dass Spaß und Freude an der Bewegung, sich wohl fühlen und Ausgleich zum Alltag die bedeutendsten Motive waren. Einen vergleichbaren Stellenwert nahmen auch die Motive Fitness, Gesundheit, Entspannung und Stressabbau ein. Zusätzlich konnte festgestellt werden, dass es geschlechtsübergreifend Übereinstimmungen hinsichtlich der Bedeutung der Motive Spaß, Ausgleich, und Fitness gab. Es wurden aber auch Unterschiede zwischen Mann und Frau festgestellt: So war für Frauen das Thema Gesundheit, Bewegungsfreude, sich wohl fühlen, Stressabbau und Entspannung wichtiger, während bei Männern die leistungsbezogenen Motive und der Wettkampfgedanke stärker ausgeprägt waren (vgl. Gabler 2002, S.20f.).

In erster Linie soll es in der vorliegenden Untersuchung darum gehen, diese 30 Motive auf die Situation des Sportabzeichens zu übertragen und zu überprüfen, welche Motive relevant sind. Da es gleichzeitig aber auch um die Analyse kompletter Karriereverläufe geht, muss im Folgenden noch ein Weg zur Einbettung der Motivationsthematik in die Karrierenanalyse gefunden werden.

2.2.3 Annahmen und ihre Einbettung in die Karrierethematik

Um nun die Frage beantworten zu können, warum Menschen über Jahre hinweg immer wieder das Sportabzeichen machen, sollen die in Abb. 3 aufgeführten Motive bezüglich ihrer Relevanz im Verlaufe einer Sportabzeichenkarriere überprüft werden. Die Tatsache, dass Motive im Sport untersucht werden sollen, die innerhalb einer Sportabzeichenkarriere auftreten, ermöglicht die Einbettung der Motivationsthematik in die Analyse der Sportabzeichenkarrieren wie in Abbildung 4 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Einbettung der Motivationsthematik in das Karrieremodell

Die Darstellung in Abb.4 entspricht der Annahme, dass die im Sport auftretenden Motive Einfluss auf die Sportabzeichenkarriere haben, nicht aber auf die anderen Teilbereiche. Somit ergeben sich für die Motivationsthematik folgende Annahmen:

- Die in Abb.3 genannten Motive treten im Verlauf von Sportabzeichenkarrieren auf.

- im sozialen Kontext, Sporttreiben als Mittel zum Zweck, bezogen auf das Ergebnis des Sporttreibens, bezogen auf das Sporttreiben selbst kann ohne Vorbehalte erfolgen.

2.3 Überblick

Der Übersichtlichkeit wegen erfolgt nun noch einmal die genaue Darstellung der für diese Arbeit zentralen Fragestellung, sowie der unter 2.1 und 2.2 für diese Fragestellung erarbeiteten Hypothesen:

Zentrale Fragestellung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Fragestellung im Überblick

Die in Abb.5 aufgeführten Annahmen werden nach der Darlegung der methodischen Vorgehensweise in Kapitel 3 empirisch überprüft und anschließend die entsprechenden Ergebnisse dargestellt.

3 Empirischer Teil

Dieses Kapitel dient der Darlegung der methodischen Vorgehensweise zur Untersuchung der oben erläuterten Fragestellungen, sowie der Analyse der 20 Einzelfälle. Im Anschluss an die Einzelfallanalyse werden dann die erzielten Ergebnisse dargestellt und erläutert.

3.1 Methodenreflexion

Im Folgenden wird insbesondere auf die Auswahl der zu untersuchenden Probanden, die gewählte Methode zur Datenerhebung und deren Auswertung, sowie auf den Ablauf der Untersuchung im Hinblick auf die Forderungen der qualitativen Vorgehensweise eingegangen.

3.1.1 Die Einzelfallanalyse als methodischer Ansatz

Da es bei dieser Untersuchung vor allem um die Untersuchung einzelner Karriereverläufe beim Sportabzeichen geht, kommt als qualitatives Verfahren nur die Einzelfallanalyse in Frage. „Die Einzelfallanalyse will sich während des gesamten Analyseprozesses den Rückgriff auf den Fall in seiner Ganzheit und Komplexität erhalten, um so zu genaueren und tief greifenderen Ergebnissen zu gelangen." (Mayring, 2002, 42) Für solch eine Einzelfallanalyse kann verschiedenes Material verwendet werden. So wurden bislang Autobiografien, Briefe, Lebensläufe, Laufbahnen und andere Materialien zur Untersuchung herangezogen (vgl. Mayring, 2002, 42f.). Im Falle der vorliegenden Untersuchung kommen Biografien der Probanden bezüglich des Sportabzeichens in Frage.

Die Vorgehensweise bei der Einzelfallanalyse sollte sich dabei laut Mayring an den folgenden fünf Punkten orientieren:

- Formulierung der Fragestellung und Herausarbeitung des Zwecks der Fallanalyse.
- Vornehmen einer Falldefinition. Dabei bestimmt die Fragestellung, was als Fall gilt und welches Material untersucht werden soll.
- Bestimmen der notwendigen Methoden und Sammeln des Materials.
- Aufbereitung und Kommentierung des Materials Arbeitsschritte hierfür können die Fallzusammenfassung und die Fallstrukturierung sein.
- Abschließendes Einordnen der einzelnen Fälle in einen größeren Zusammenhang. Der Vergleich der Ergebnisse erfolgt, um die Validität der Ergebnisse bewerten zu können (vgl. Mayring 2002, 43f.).

Ein großes Plus der Fallanalyse ist, dass in Abhängigkeit von der Stichprobengröße auf die Besonderheiten der einzelnen Fälle genauer eingegangen werden kann. Da im vorliegenden Fall bei 20 Karrieren bis zu 20 verschiedene Verläufe denkbar sind, ist im Hinblick auf den Verallgemeinerungsprozess zu erwarten, dass es zu Einschränkungen kommen kann. Diese können aber nur anhand der einzelnen Beispiele herausgearbeitet werden (vgl. Mayring, 2002, 421).

Laut Mayring besteht bei solchen biografischen Fallanalysen aber auch ein Problem. Es liegt meist eine selbst erzählte Lebensgeschichte zugrunde, die im Einzelnen eventuell nicht mehr vollständig ist, da man sich nicht unbedingt an alles erinnert. Es gibt also Möglichkeiten der Verzerrung. Diesen Verzerrungen kann man ein Stück weit begegnen, indem man zum Beispiel Bezugspersonen befragt. Für die vorliegende Untersuchung ergibt sich daher folgende Konstellation:

Die für die Untersuchung in Frage kommenden Probanden kennen sich alle gegenseitig. Somit werden auch in den Interviews teilweise Bezüge zu anderen Probanden hergestellt. Zum Teil werden erzählte Begebenheiten von mehreren Probanden aufgegriffen und in ähnlicher Form erzählt, woraus auf eine gewisse Objektivität des Erzählten geschlossen werden kann (vgl. Mayring, 2002, 44f.). In manchen Fällen ist man bei Erinnerungslücken auf die Vermutungen der Probanden angewiesen. Daher sind im Bezug auf die Ergebnisse keine vollkommen gesicherten Verallgemeinerungen möglich, sondern allenfalls grobe Tendenzen auszumachen.

3.1.2 Welche Sportler kommen in Frage?

Punkt 2 der oben beschriebenen Vorgehensweise bei der Einzelfallanalyse besagt, dass definiert werden muss, was als Fall gelten soll. Die hier getroffenen Entscheidungen haben Einfluss auf die Zusammensetzung der Stichprobe. Für die vorliegende Untersuchung waren die folgenden Gesichtspunkte bei der Auswahl der Fälle, bzw. der Probanden maßgeblich. Aufgrund der Tatsache, dass Karriereverläufe untersucht werden sollen, kommen nicht alle Teilnehmer des Stützpunktes in Bad Urach in Frage. Es fallen Kinder und Jugendliche bzw. alle Teilnehmer, die noch nicht im Berufsleben stehen oder standen weg. Die Stichprobe wird somit auf solche Teilnehmer begrenzt, die mindestens das Sportabzeichen in Gold mit der Zahl 20 erreicht haben. Dies garantiert, dass die Probanden über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren das Sportabzeichen abgelegt haben. Hinzu kommt, dass über einen so langen Zeitraum unterschiedliche Motivationen und Beweggründe offensichtlicher zu Tage treten. Insgesamt gibt es am Stützpunkt Bad Urach 23 Sportler, die aufgrund der genannten Einschränkungen in Frage kämen. Aus Gründen der Handhabung wurde die Stichprobe auf 20 Teilnehmer begrenzt, was auch in Bezug auf die Datenanalyse aus mathematischen Gründen sinnvoll ist.

3.1.3 Die Datenerhebung

Da es in dieser Arbeit um subjektive Bedeutungen geht, sollten die Subjekte als „Experten für ihre eigenen Bedeutungsgehalte" (Mayring, 2002, S. 66) selber zur Sprache kommen.

Dann stehen in der qualitativen Forschung auf sprachlicher Ebene das Interview, unterscheidbar in problemzentriertes Interview, narratives Interview, offenes Interview und andere, die Gruppendiskussion und die teilnehmende Beobachtung zur Verfügung. Qualitative Interviewformen entsprechen in der Regel offenen Interviews, die dem Befragten keine Antworten vorgeben. Des Weiteren sind sie eher unstandardisiert, was bedeutet, dass der Frager keine starren Abläufe hat und auf die jeweilige Situation im Interview frei reagieren kann. Die Auswertung der Interviews erfolgt mit Hilfe von qualitativ- interpretativen Techniken. Sämtliche Interviewformen der qualitativen Forschung unterscheiden sich meist im Grad ihrer Strukturierung (vgl. Mayring, 2002, 66).

Das problemzentrierte und narrative Interview

Eine stärker strukturierte Interviewform ist das problemzentrierte Interview. Darunter fallen alle Formen der offenen halbstrukturierten Befragung. Ziel dieses Interviews ist es, den Befragten möglichst frei zu Wort kommen zu lassen „um einem offenen Gespräch nahe zu kommen" (Mayring, 2002, 67). Wie der Begriff .problemzentriert' bereits andeutet, hat das Interview einen Fokus auf eine Problemstellung, die im Verlaufe der Befragung immer wieder aufgegriffen wird. Der Interviewer erstellt vorher einen Leitfaden in dem bestimmte Aspekte der Thematik, die im Verlaufe des Interviews dann auch angesprochen werden, zusammengestellt sind. Folgende Grundgedanken sind beim problemzentrierten Interview laut Mayring maßgeblich:

- Der sprachliche Zugang wird gewählt um die Fragestellung auf dem Hintergrund subjektiver Bedeutungen, vom Befragten selbst formuliert, zu erörtern.
- Es soll eine Vertrauenssituation zwischen Interviewer und Interviewten entstehen.
- Eine Analyse der objektiven Seite von konkreten gesellschaftlichen Problemen soll vorher stattgefunden haben.
- Der Leitfaden lenkt auf bestimmte Fragestellungen hin. Diese sollen aber offen und ohne feste Antwortvorgaben vom Interviewten beantwortet werden (vgl. Mayring 2002, 69).

Der oben erwähnte Leitfaden sollte, nachdem er erstellt wurde, in einer Testphase erprobt und eventuell angepasst werden. Zudem dient die Erprobung auch der Schulung des Interviewers. Die Aufzeichnung des Interviews sollte im Einverständnis mit den Befragten mittels eines Tonbandes oder per Protokoll erfolgen.

Ein weniger stark strukturiertes Interview ist das narrative Interview. Hier geht es darum, den Befragten ganz frei zum Erzählen zu animieren. Dabei stehen zwei Punkte im Vordergrund:

- Freies Erzählen soll zu subjektiven Bedeutungsstrukturen gelangen, die sich einem systematischen Befragen verweigern würden.
- Die Interviews laufen nach einem universellen Ablaufplan von Erzählungen ab, den der Frager unterstützt (vgl. Mayring, 2002, 72f.).

Grundsätzlich sollte der Interviewer beim narrativen Interview nur eingreifen, wenn der rote Faden verloren geht. Dies ist zum problemzentrierten Interview ein wesentlicher Unterschied. Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass bei Erzählungen im Allgemeinen immer die gleiche Struktur zu Grunde liegt. Dieser „universelle Ablaufplan" (Mayring, 2002, S.73) steht dem Interviewer zur Verfügung, um eventuellen Abweichungen vom Thema vorbeugen oder entgegenwirken zu können.

Narrative Interviews werden vorrangig eingesetzt, wenn es um Themen mit starkem Handlungsbezug geht und wenn schwer abfragbare Sinnstrukturen im Vordergrund stehen. Des Weiteren eignet es sich auch als explorative Form wenn es um unerforschte Gebiete geht (vgl. Mayring, 2002, 74).

Wahl der Interviewform für die vorliegende Erhebung Für die gewählte Thematik wurde eine eher offene Interviewform gewählt und in problemzentrierter Form mit narrativen Elementen durchgeführt. Die offene Form hat den Vorteil, dass die Befragten ihre eigenen Perspektiven darlegen können, eigenständig größere Zusammenhänge entwickeln können und der Fragende kontrollieren kann, ob er verstanden wurde (vgl. Mayring, 2002, 68). Zusätzlich zu den von Mayring genannten Punkten ist im offenen Gespräch die Komplexität der Thematik besser zu erfassen und zu vermitteln.

Die Einstiegsfrage eher narrativ zu gestalten bot sich an, weil die Fragestellung individuelle Handlungsgeschichten in den Vordergrund stellt, die sich über mindestens zwei Jahrzehnte erstrecken. Außerdem fällt es den meisten Menschen leichter, beim Rückblick auf ihr bisheriges Leben frei zu erzählen. Hemmungen, Privates Preis zu geben, lassen sich besser abbauen.

Da aber auch mit einzelnen Fällen zu rechnen ist, in denen die Erzählung zu Beginn eher kurz ausfällt, ist die Möglichkeit präzisere Fragen zu stellen, für den weiteren Verlauf der Interviews eine wichtige Alternative. Hinzu kommt, dass die in Kapitel 2 aufgestellten Annahmen ein gezielteres Nachfragen in bestimmten Punkten erfordern. Sollte eine so umfassende Erzählung zustande kommen, dass alle für die Prüfung der Annahmen notwendigen Informationen bereits vorhanden sind, wäre ein gezielteres Nachfragen nicht unbedingt nötig, würde sich aber eignen, um bestimmte Sachverhalte noch einmal explizit bestätigen oder vertiefen zu können.

Der Leitfaden für das Interview

In Abhängigkeit von der Fragestellung bzw. den zu prüfenden Annahmen müssen beim problemzentrierten Interview laut Mayring (2002) im Interviewleitfaden die anzusprechenden Aspekte festgehalten werden. Um einen Einstieg zu erhalten und die Perspektive einer Karriere von Beginn an im Blick zu haben, wurde die Einstiegsfrage dahingehend formuliert, dass die Probanden ihren Karriereeinstieg und die Umstände die dazu führten darlegen sollten. Je nachdem, welche wichtigen Themen hier bereits angesprochen wurden, waren zur Vertiefung weitere Fragen zum Trainingsverhalten, zum Sozialverhalten bezüglich der Einflüsse von Familienleben und Berufsleben und zu den im Karriereverlauf auftretenden Motiven zu stellen.

Die Aufzeichnung erfolgte mittels eines Tonbandgeräts. Entgegen der Aufzeichnung mittels eines Protokolls bietet die Tonbandaufzeichnung vor allem einen zeitlichen Vorteil, der in der heutigen Zeit eine erhebliche Rolle spielt. Solche zum Teil sehr langen Erzählungen und Erörterungen im Anschluss an ein Interview oder parallel aufzuschreiben, macht immer wieder Unterbrechungen und Nachfragen nötig, die den gesamten Prozess in die Länge ziehen und den Erzählfluss stören. Da doch einige der Probanden, die für diese Arbeit zur Verfügung standen, noch im Berufsleben stehen, war ein solch großer zeitlicher Aufwand nicht tragbar.

Den einzigen zeitlichen Nachteil bot die anschließende Verschriftung der Interviews. Allerdings war dieser im Vergleich zu den Vorteilen die für die weitere Bearbeitung entstanden, zu vernachlässigen. Die aufgenommenen Interviews wurden verschriftet, da es so einfacher möglich ist, wichtige Aspekte für die Interpretation zu kennzeichnen und hervorzuheben. Marker lassen sich bei einer Tonbandaufzeichnung kaum setzen. Auch das Querlesen der einzelnen Probanden ist einfacher, da man nicht jedes Mal eine neue Kassette einlegen bzw. nicht ständig das Tonband spulen muss. Der genaue Wortlaut der Interviews ist dem Anhang dieser Arbeit zu entnehmen. Im Verlauf der Datenanalyse wird immer wieder auf wichtige Stellen in den im Anhang befindlichen Interviews verwiesen werden.

3.1.4 Ablauf der Untersuchung

Die Untersuchung wurde so durchgeführt, dass, nachdem die Fragestellung geklärt und die entsprechenden Annahmen feststanden, die in Frage kommenden Sportler vom Verfasser persönlich beim Sport oder telefonisch auf das Thema angesprochen wurden, mit der Bitte, sich eventuell für ein Interview zur Verfügung zu stellen. Auf die zumeist positiven Antworten folgte die Festlegung eines Termins, an dem das Interview dann durchgeführt wurde. Ort und Zeit konnten in der Regel die Probanden bestimmen. Da einige noch im Berufsleben stehen, war diese Lösung die einfachste.

Nach Beendigung der Interviews wurden die gesammelten Interviews schriftlich für die anschließende Interpretation hinsichtlich der Fragestellung aufbereitet. Die bei der Interpretation herausgefilterten Ergebnisse wurden schriftlich festgehalten und strukturiert, um anschließend auf Zusammenhänge untersucht werden zu können. Nach Abschluss dieses Vorgangs erfolgte die Erstellung der vorliegenden Arbeit.

3.1.5 Verfahren der Datenverarbeitung und Auswertung

Die Datenauswertung erfolgte durch die Interpretation der Interviews hinsichtlich der in Kapitel 2 aufgestellten Annahmen. Das bedeutet, dass bestimmte Karrieremerkmale sowie die unterschiedlichen - für die Probanden wichtigen - Motive aus dem Text erschlossen und anschließend eine Typisierung jedes einzelnen Probanden vorgenommen wurde. Bei der Interpretation der Interviews ist vor allem wichtig, dass Motive, die im Interview nicht genannt wurden, vom jeweiligen Probanden dann auch als nicht wichtig angesehen behandelt werden.

Ein Beispiel:

Hat jemand im Interview für sich festgestellt, dass ihm beim Sportabzeichen der materielle Gewinn durch zum Beispiel Krankenkassenboni wichtig ist, dies aber von keinem anderen Probanden angesprochen wurde, findet dieses Motiv bei der Datenauswertung auch nur dieses eine Mal Berücksichtigung. Somit ist das Motiv - wenn man alle Probanden betrachtet - im Vergleich zu anderen Motiven die häufiger auftreten, zu vernachlässigen. Betrachtet man jedoch den Probanden für sich, dann hat dieses Motiv sehr wohl eine Bedeutung und zwar hinsichtlich der Typisierung des Probanden. Die Typisierung dient dazu, am Ende der Einzelfallanalyse ein Ergebnis zu bekommen, das im Sinne der 13 qualitativen Säulen nach Mayring und bezogen auf den Uracher Stützpunkt verallgemeinerbar ist (vgl. Mayring, 2002, S. 37f.).

Hinsichtlich der Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse ist festzuhalten, dass aufgrund der Einzelfallbezogenheit eine Generalisierung nur eingeschränkt möglich ist, da es sich aufgrund der gewählten Thematik bei 20 Probanden um 20 unterschiedliche Lebensläufe handelt und somit im Bestfall Regeln, aber keine „global" gültigen Gesetze aufgestellt werden können (Mayring, 2002, S. 23f.).

3.2 Analyse der 20 Probanden

Im Verlauf dieses Abschnittes sollen die 20 Probanden, bestehend aus acht Frauen und zwölf Männern im Alter zwischen 45 und 75 Jahren, bezüglich der Fragestellungen und Annahmen aus Kapitel 2 analysiert werden. Dabei wird zuerst auf die Daten zur Karrierethematik eingegangen und anschließend die Motivationsthematik diskutiert.

Proband 1

Proband 1 ist 69 Jahre alt und legte - einschließlich des Jahres 2005 - 29 Sportabzeichen als Erwachsener ab. Wann seine Sportabzeichenkarriere genau begann ist ihm nicht mehr erinnerlich, allerdings lässt sich mit großer Sicherheit annehmen, dass er durch seine berufliche Tätigkeit als Lehrer zum Sportabzeichen kam. („Ich kann jetzt nicht mehr genau sagen, ..."; Anhang 1. S. A1) Betrachtet man die Zahlen, so ließe sich sein Einstiegsalter nach der aktuellen Zählweise etwa auf 47 Jahre festlegen. Somit lässt sich für den Karrierebeginn festhalten, dass Proband 1 über den Sportlehrerberuf zum Sportabzeichen gekommen sein dürfte und im mittleren Alter von über 40 erst anfing. Die Berufskarriere scheint also maßgeblichen Einfluss auf den Beginn der Sportabzeichenkarriere gehabt zu haben.

Die mittlerweile 29 Jahre andauernde Karriere beim Sportabzeichen war keiner Unterbrechung durch Umzüge, Krankheiten oder ähnliches unterworfen. Proband 1 führt zwar an, dass er einmal Rückenprobleme gehabt habe, aber aufgrund der Tatsache, dass zum Ablegen des Sportabzeichens ein sehr großer Zeitraum im Jahr zur Verfügung steht, sollten die Rückenprobleme eigentlich kein Hinderungsgrund gewesen sein. Wenn sie wichtig gewesen wären, hätte er sich auch bestimmt präziser daran erinnert (vgl. Anhang 1. S. A1). Ansonsten ist seine Sportabzeichenkarriere vor allem dadurch bestimmt, dass er den gleichen Fehler macht den er auch anderen vorwirft, nämlich „dass man da runter ins Diegele geht, und schnell seine Übungen macht, und dann, .Tschüss' und ein Jahr später sich wieder sieht, anstatt konsequent zu trainieren" (Anhang 1. S. A1f.). Was die Disziplinwahl angeht, so gab es für ihn zwei wichtige Eckpunkte. Zum einen wollte er die Mehrkampfnadel nebenher mitmachen, dadurch waren drei leichtathletische Übungen an einem Tag abzulegen. Allerdings - und da kommt der zweite Eckpunkt ins Spiel - hatte er mit Kugelstoßen eine Disziplin als Schwachstelle, die auch für die Mehrkampfnadel von Belang war. Um dieses Problem zu lösen, konnte er entweder auf Steinstoßen ausweichen, oder das Kugelstoßen trainieren. Letztlich entschied er sich für das Steinstoßen, bis er dann „ins gestandene Mannesalter kam, ... [und es] dann gereicht mit dem Kugelstoßen" (Anhang 1. S. A1).

Für den Karriereverlauf lässt sich also festhalten, dass dieser nicht Unterbrochen wurde. Das Ziel, die Mehrkampfnadel trotz seiner Schwachstelle im Kugelstoßen gleich mitzumachen, führte jedoch dazu, dass Variationen in den Disziplinen auftraten. Die Tatsache, dass Proband 1 in den 29 Jahren ununterbrochen das Sportabzeichen machen konnte, hängt mit seinem späten Einstiegsalter zusammen. Mit knapp 50 Jahren sind große Einflüsse aus den Bereichen Familie, Beruf und Freizeit eigentlich nicht mehr zu erwarten.

Feste Pläne bezüglich des Endes der Sportabzeichenkarriere scheint Proband 1 nicht zu haben, denn er spricht dieses Thema im Interview gar nicht an. Daher wird angenommen, dass er solange es sein körperlicher Zustand zulässt, weitermachen möchte. Das Ende der Sportabzeichenkarriere scheint also nicht von Einflüssen aus den Bereichen Familie, Beruf und Freizeit abzuhängen und vielmehr die Gesundheitsebene von Belang zu sein scheint.

Für Proband 1 sind vor allem vier Motive beim Sportabzeichen wichtig. Zum einen betrachtet er das Sportabzeichen als „TÜV" (Anhang 1. S. A1 und A3), womit zum Ausdruck kommt, dass für ihn Fitness wichtig ist. Wichtig, wenn auch nicht vorrangig, war ihm das Motiv Kontakt/Anschluss (siehe Kapitel 2), da er die letzten beiden Stützpunktleiter nennt und dass es eine gewisse „Clique" gab. Zusätzlich war ihm die soziale Interaktion beim Sporttreiben selbst, also hier das gemeinsame Ablegen des Sportabzeichens wichtig (vgl. Anhang 1. S. A1 „dass man miteinander das eben absolvierte"). Das Ablegen der Mehrkampfnadel lässt darauf schließen, dass der Leistungsgedanke auch eine Rolle spielte. Für ihn war einfach wichtig dies hinzubekommen. Insofern kann man sagen, dass das Motiv Leistung als, Selbstbestätigung und subjektbezogener Erfolg' (vgl. Kapitel 2) auf Proband 1 zutrifft.

- Betrachtet man diese unterschiedlichen Motive, so lässt sich sagen, dass Proband 1 das Sportabzeichen vor allem zweckorientiert (Fitness) macht, aber ein bestimmter sozialer Bezug in Form von Kontakt und Interaktion mitbestimmend ist.

Proband 2

Proband 2 ist eine von acht weiblichen Teilnehmerinnen am Uracher Stützpunkt, die eine mindestens 20 jährige Sportabzeichenkarriere aufweisen. Sie ist 68 Jahre alt und absolvierte im Jahr 2005 das 22. Sportabzeichen. Auch sie fing mit dem Sportabzeichen erst später an. Vier Kinder und ein Acht- Stunden-Tag waren der Hinderungsgrund und führten dazu, dass sie noch nicht einmal die „Idee" (Anhang 2. S. A4) dazu hatte. Somit lässt sich für Proband 2 festhalten, dass sie mit 46 Jahren erst angefangen hat und Familie und Beruf ,schuld' waren, dass sie nicht früher dazu kam mit dem Sportabzeichen anzufangen.

Aufgrund ihres späten Einstiegs beim Sportabzeichen mit über 40 Jahren gab es im Verlauf der Karriere keine familien- und berufsbedingten Veränderungen mehr. Diese Veränderungen hatte sie zum Zeitpunkt des Karrierebeginns bereits hinter sich und sie kam wieder „zu eigener Zeitgestaltung" (Anhang 2. S. A4). Daraus lässt sich schließen, dass sie keine für die Sportabzeichenkarriere negativen Auswirkungen mehr erwartet Des Weiteren ist für ihre Kariere markant, dass sie „nicht alleine zum Sportabzeichen" (Anhang 2. S. A4) geht Ohne ihre Gruppe ist sie nicht beim Sportabzeichen anzutreffen. Hinzu kommt die Tatsache, dass sie eigentlich nie üben geht, sondern nur zum Ablegen des Sportabzeichens auf den Platz oder ins Schwimmbad kommt. Also vollzieht sich ihre Sportabzeichenkarriere immer in Abhängigkeit von der Gruppe und beschränkt sich dann auf ein paar Termine an denen die Gruppe gemeinsam zum Stützpunkt geht. Schwächen hat sie keine genannt würde nach eigener Aussage aber - sollte es einmal Probleme geben - vorher noch mal zum Üben gehen. Aufgrund der Tatsache, dass sie in den 5 Gruppen des Sportabzeichens drei Mal schwimmen macht, sind eigentlich kaum Schwachstellen zu erwarten. Hinzu kommt, dass diese Disziplinwahl dafür sorgt dass sie nur noch zwei Fünftel des Sportabzeichens auf dem Sportplatz ablegt wo sich eigentlich das Gros der Sportabzeichenabnahme abspielt (vgl. Anhang 2. S. A5).

Ihr Karriereende hängt im Wesentlichen von ihrer Leistungsfähigkeit und von der Gruppe ab. Gibt es nach ihrem Ermessen zu große negative Veränderungen wie zum Beispiel ein Leistungsabfall, gesundheitliche Probleme, oder ihre Gruppe lässt sich nicht mehr motivieren, dann wird sie ihre Sportabzeichenkarriere beenden. Ansonsten möchte sie mit der Gruppe noch so lange wie möglich weitermachen.

Was die Motivationslage betrifft, so lässt sich bei ihr vor allem ein sehr großer Sozialbezug beim Sportabzeichen feststellen („ich geh ja nicht alleine zum Sportabzeichen, wir sind eine Gruppe." Anhang 2. S. A4).

- Betrachtet man diese unterschiedlichen Motive, so lässt sich bei Proband 2 sagen, dass ein sehr großer Sozialbezug ihr Ansporn ist. Hinzu kommt noch das Fitnessmotiv, dieses steht aber hinter der Sozialen Interaktion etwas zurück, da sie ihre Fitness nicht überprüfen würde, wenn sie alleine hingehen müsste.

[...]

Ende der Leseprobe aus 159 Seiten

Details

Titel
Subjektive Bedeutung des Sportabzeichens in Karriereverläufen bei Senioren
Untertitel
Eine empirisch-qualitative Untersuchung des Stützpunktes Urach
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Sportwissenschaft )
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
159
Katalognummer
V55990
ISBN (eBook)
9783638508001
ISBN (Buch)
9783640866854
Dateigröße
1261 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Subjektive, Bedeutung, Sportabzeichens, Karriereverläufen, Senioren, Eine, Untersuchung, Stützpunktes, Urach
Arbeit zitieren
Karsten Ernst (Autor), 2006, Subjektive Bedeutung des Sportabzeichens in Karriereverläufen bei Senioren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55990

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