Eines von 29 Kultur- und Naturdenkmälern in Frankreich, die die UNESCO für besonders erhaltenswert erachtet, ist das Kloster Saint-Remi in Reims. Es bildet zusammen mit der Kathedrale und dem Palais du Tau jenes Ensemble, welches die Völkergemeinschaft seit 1991 in seine Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen hat. So spiegeln sich in seiner Basilika nicht nur bedeutende Aspekte der französischen Geschichte wider, sondern die romanische Architektur aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts zeichnet sie zudem als exemplarisches Beispiel für diesen Baustil besonders aus. Früher vor den Toren der Stadt gelegen, ist das Kloster heute einen Kilometer südlich der Kathedrale auf einer Anhöhe innerhalb des Stadtgebietes zu finden. Die zum Kloster gehörende Kirche soll im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen.
Sie steht freilich im Lichte jener nordfranzösischen Stadt Reims und ihrer alles überragenden Kathedrale, die seit Jahrhunderten eine besondere Rolle gespielt hat und seit den Merowingern, dessen Königsresidenz sie unter anderem war, immer mehr in den Blickpunkt französischer Geschichte geriet. Bereits im 3. Jahrhundert Bischofs- und seit dem 8. Jahrhundert Erzbischofssitz erlangte Reims besonders als religiöses Zentrum eine immer größere Bedeutung und war mit ihrer Institutionalisierung zum Krönungsort der französischen Könige seit dem 11. Jahrhundert wohl eine der exponiertesten Stätten im frühen Frankreich. Um so mehr überrascht es dann, dass im Schatten der Stadt ein religiöser Ort, ausgehend von einer Kirche, einen eigenen Weg ging und nach Saint-Denis zur bedeutendsten Nekropole der französischen Könige wurde. Dies ist eine interessante Entwicklung, die mit dem Wirken des heiligen Remigius als Bischof von Reims begann und im Folgenden nur skizziert werden kann. Schwerpunkt der Betrachtungen soll die Herausstellung Saint-Remis im Sinne einer beabsichtigten Schaffung als königliche Grablege sein, die jedoch im Vergleich zu Saint-Denis einen anderen Charakter zeigt und zugleich die politischen Ereignisse des 10. Jahrhunderts, welche letztlich den Dynastiewechsel von den Karolingern zu den Kapetingern bewirkten, veranschaulicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Anfänge einer Grabkirche
2.1 Saint-Remi als Grab des heiligen Remigius
2.2 Das Heiligengrab als Anziehungspunkt
2.3 Bevorzugte Bischofsgrablege
3. Reims als merowingische Residenz
4. Reims und Saint-Remi zur frühen Karolingerzeit
4.1 Erzbischöfliche Verwaltung und Umwandlung in ein benediktinisches Kloster
4.2 Letzte Ruhestätte Karlmanns
5. Das Wirken Erzbischof Hinkmars
5.1 Restitution und materielle Sicherung
5.2 Ideologische Verankerung
5.3 Saint-Remi ergeben
6. Reims und Saint-Remi zur späten Karolingerzeit
6.1 Politische Schlüsselrolle
6.2 Ludwig IV.
6.3 Lothar
6.4 Ludwig V.
6.5 Verlagerung der Krondomäne
6.6 Administrative Unabhängigkeit und deren Folgen
7. Saint-Remi im 12. Jahrhundert
7.1 Repräsentative Umgestaltung im Sinne einer königlichen Grablege
8. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung des Klosters Saint-Remi in Reims von seiner Entstehung als bischöfliche Grabkirche bis hin zu seiner Bedeutung als königliche Nekropole, wobei insbesondere der politische Kontext des 10. Jahrhunderts und der Wandel der Herrscherdynastien betrachtet werden.
- Die Entwicklung von Saint-Remi zur königlichen Grabstätte im Vergleich zu Saint-Denis.
- Die Rolle des heiligen Remigius als Legitimationsgrundlage.
- Das politische Wirken von Erzbischof Hinkmar von Reims.
- Die machtpolitische Bedeutung von Reims im 10. Jahrhundert unter den späten Karolingern.
- Die repräsentative Umgestaltung des Klosters im 12. Jahrhundert.
Auszug aus dem Buch
2.1 Saint-Remi als Grab des Heiligen Remigius
Wie auch bei Saint-Denis beginnt das besondere Ansehen von Saint-Remi mit dem Wirken oder dann vielmehr dem Tod eines Heiligen eben in Verbindung mit dieser Kirche. Ist es bei Paris der heilige Dionysios, so zeichnet sich Reims als Wirkungsstätte des heiligen Remigius aus. Als Reimser Bischof, so belegt es Gregor von Tours, taufte dieser zum Weihnachtsfest 498 den Merowingerkönig Chlodwig in Reims zum ersten christlichen Herrscher der Franken.
Die Anfänge der Reimser Kirche hingegen sind nicht genau zu bestimmen, allerdings war die Hauptstadt der römischen Provinz Belgica Secunda wohl bereits seit der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts Bistum. Insbesondere Remigius führte die Christianisierung der Franken weiter fort und ordnete seine Kirchenprovinz mit der Gründung neuer Bistümer um. Mit seinem Tod um die Jahre 530/ 533 beginnt nun die, wenn auch anfangs legendäre Geschichte der Kirche Saint-Remi. Über das Begräbnis des Remigius berichtet Hinkmar, Erzbischof von Reims, um 878 und legt dar, wo dieser schließlich begraben wurde und weshalb diese Stätte nicht dem eigentlichen Wunsch des Bischofs entsprach.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema, die Bedeutung von Saint-Remi als UNESCO-Welterbe und die Forschungsprämisse der Arbeit.
2. Die Anfänge einer Grabkirche: Untersuchung der Entstehung der Abtei durch den Remigiuskult und die Funktion als bevorzugte Grabstätte für Bischöfe.
3. Reims als merowingische Residenz: Analyse der merowingischen Einflüsse und der Bedeutung der Stadt Reims für die frühe fränkische Dynastie.
4. Reims und Saint-Remi zur frühen Karolingerzeit: Darstellung der administrativen Umwandlung in ein benediktinisches Kloster und die erste Nutzung als königliche Grabstätte durch Karlmann.
5. Das Wirken Erzbischof Hinkmars: Analyse des Einflusses von Hinkmar auf die materielle Sicherung und die ideologische Aufwertung der Abtei als Ort der königlichen Krönung.
6. Reims und Saint-Remi zur späten Karolingerzeit: Betrachtung der politischen Schlüsselrolle Reims im 10. Jahrhundert und der wechselvollen Geschichte der karolingischen Grablegen.
7. Saint-Remi im 12. Jahrhundert: Untersuchung der repräsentativen Umgestaltung und der Konkurrenzsituation zu Saint-Denis bei der Inszenierung des Königsmythos.
8. Schlussfolgerungen: Zusammenfassende Bewertung der Entwicklung des Klosters von einem bischöflichen Ort zu einer königlichen Nekropole trotz der begrenzten Anzahl an bestatteten Monarchen.
Schlüsselwörter
Saint-Remi, Reims, Karolinger, Merowinger, Erzbischof Hinkmar, Grabkirche, Königsgrablege, Remigiuskult, Krönungsort, Mittelalter, Kapetinger, Sakralraum, Nekropole, französische Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Aufstieg des Klosters Saint-Remi in Reims von seiner ursprünglichen Funktion als bischöfliche Grabkirche zu seiner repräsentativen Rolle als königliche Nekropole im Mittelalter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Remigiuskultes, die politische Bedeutung von Reims im 10. Jahrhundert, das Wirken von Erzbischof Hinkmar sowie die architektonische und künstlerische Inszenierung als Königsgrabstätte.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie Saint-Remi den Status einer königlichen Grabstätte erringen konnte und wie dieser Status durch Akteure wie Hinkmar oder spätere Äbte ideologisch und repräsentativ untermauert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung zeitgenössischer Quellen (u.a. Gregor von Tours, Hinkmar, Flodoard) und der Einbeziehung aktueller Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet chronologisch die Phasen der Nutzung durch Merowinger und Karolinger, die kirchlichen Bemühungen um administrative Unabhängigkeit und den künstlerischen Ausbau im 12. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Saint-Remi, Königsgrablege, Karolinger, Remigiuskult, Reims als Krönungsort und die Rolle der Reimser Erzbischöfe.
Warum spielt Hinkmar von Reims eine so zentrale Rolle für das Kloster?
Hinkmar von Reims hat durch die Verankerung des Remigiuskultes und die Etablierung des Mythos der heiligen Ampulle die Legitimation für den exklusiven Krönungsanspruch von Reims geschaffen und die Abtei nachhaltig aufgewertet.
Inwiefern beeinflusste die Lage der Krondomäne die Wahl des Bestattungsortes?
Die Arbeit zeigt, dass die Bestattungsorte der Könige oft eng an ihre tatsächliche Machtsphäre und den jeweiligen Aufenthaltsort der Krondomäne geknüpft waren, was im 10. Jahrhundert zu einer Bevorzugung von Reims durch die Karolinger führte.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2004, Das Kloster Saint-Remi - Vom Aufstieg einer bischöflichen Grabkirche zur königlichen Nekropole , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56387