Das Kloster Saint-Remi - Vom Aufstieg einer bischöflichen Grabkirche zur königlichen Nekropole


Hausarbeit, 2004
22 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Anfänge einer Grabkirche
2.1 Saint-Remi als Grab des heiligen Remigius
2.2 Das Heiligengrab als Anziehungspunkt
2.3 Bevorzugte Bischofsgrablege

3. Reims als merowingische Residenz

4. Reims und Saint-Remi zur frühen Karolingerzeit
4.1 Erzbischöfliche Verwaltung und Umwandlung in ein
benediktinisches Kloster
4.2 Letzte Ruhestätte Karlmanns

5. Das Wirken Erzbischof Hinkmars
5.1 Restitution und materielle Sicherung
5.2 Ideologische Verankerung
5.3 Saint-Remi ergeben

6. Reims und Saint-Remi zur späten Karolingerzeit
6.1 Politische Schlüsselrolle
6.2 Ludwig IV.
6.3 Lothar
6.4 Ludwig V.
6.5 Verlagerung der Krondomäne
6.6 Administrative Unabhängigkeit und deren Folgen

7. Saint-Remi im 12. Jahrhundert
7.1 Repräsentative Umgestaltung im Sinne einer königlichen Grablege

8. Schlussfolgerungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eines von 29 Kultur- und Naturdenkmälern in Frankreich, die die UNESCO für besonders erhaltenswert erachtet, ist das Kloster Saint-Remi in Reims. Es bildet zusammen mit der Kathedrale und dem Palais du Tau jenes Ensemble, welches die Völkergemeinschaft seit 1991 in seine Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen hat.[1] So spiegeln sich in seiner Basilika nicht nur bedeutende Aspekte der französischen Geschichte wider, sondern die romanische Architektur aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts zeichnet sie zudem als exemplarisches Beispiel für diesen Baustil besonders aus.[2] Früher vor den Toren der Stadt gelegen, ist das Kloster heute einen Kilometer südlich der Kathedrale auf einer Anhöhe innerhalb des Stadtgebietes zu finden.[3] Die zum Kloster gehörende Kirche soll im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen.

Sie steht freilich im Lichte jener nordfranzösischen Stadt Reims und ihrer alles überragenden Kathedrale, die seit Jahrhunderten eine besondere Rolle gespielt hat und seit den Merowingern, dessen Königsresidenz sie unter anderem war, immer mehr in den Blickpunkt französischer Geschichte geriet.[4] Bereits im 3. Jahrhundert Bischofs- und seit dem 8. Jahrhundert Erzbischofssitz erlangte Reims besonders als religiöses Zentrum eine immer größere Bedeutung und war mit ihrer Institutionalisierung zum Krönungsort der französischen Könige seit dem 11. Jahrhundert wohl eine der exponiertesten Stätten im frühen Frankreich.[5] Um so mehr überrascht es dann, dass im Schatten der Stadt ein religiöser Ort, ausgehend von einer Kirche, einen eigenen Weg ging und nach Saint-Denis zur bedeutendsten Nekropole der französischen Könige wurde. Dies ist eine interessante Entwicklung, die mit dem Wirken des heiligen Remigius als Bischof von Reims begann und im Folgenden nur skizziert werden kann. Schwerpunkt der Betrachtungen soll die Herausstellung Saint-Remis im Sinne einer beabsichtigten Schaffung als königliche Grablege sein, die jedoch im Vergleich zu Saint-Denis einen anderen Charakter zeigt und zugleich die politischen Ereignisse des 10. Jahrhunderts, welche letztlich den Dynastiewechsel von den Karolingern zu den Kapetingern bewirkten, veranschaulicht.

Von den für diese Arbeit wichtigen Ereignissen berichten insbesondere Gregor von Tours, Hinkmar, Flodoard und Richer.[6] Ihre Aufzeichnungen bilden noch immer die Grundlage für die heutige Geschichtsforschung und sind um die wachsende Bedeutung der Abtei nachvollziehen zu können unerlässlich. Hinsichtlich der Forschungsliteratur ist auf die relativ neue Monografie von Mario Kramp hinzuweisen, dessen Bemühungen hier ebenso berücksichtigt sind, wie der etwas ältere, aber auch sehr ausführliche Beitrag von Richard Hamann-Mac Lean. Einen guten Überblick bezüglich der Einordnung Saint-Remis als merowingische Grablege und umfassende Literaturhinweise dazu bietet der Katalog von Karl Heinrich Krüger aus dem Jahr 1971. Um sich dem politischen Hintergrund des 10. Jahrhunderts anzunähern, dessen Betrachtung für das Verständnis der Rolle des Klosters notwendig ist, empfehlen sich die einschlägigen Handbücher von Joachim Ehlers und Rudolf Schieffer. Daneben sind die beiden Aufsätze von Carlrichard Brühl von großem Nutzen, um die unter anderem in dieser Zeit und in Saint-Remi beigesetzten Könige Ludwig IV. und Lothar eingehender zu beleuchten. Ihnen liegen besonders die alten, jedoch sehr dienlichen Monografien von Philippe Lauer und F. Lot zu Grunde.

Hier soll nun nicht der Frage nachgegangen werden, ob Saint-Remi überhaupt als königliche Nekropole gelten kann. Das die Basilika aus heutiger Sicht als solche einzuschätzen ist, ist Prämisse dieser Arbeit. Dabei kommt es eben nicht auf die Anzahl der jeweils in einer Kirche bestatteten Könige an. Aus dieser Sicht würde Saint-Denis deutlich als die bedeutendste Grabstätte französischer mittelalterlicher Monarchen hervorgehen und womöglich allen anderen Grabkirchen einen ähnlichen Rang absprechen.[7] Vielmehr soll demnach aufgezeigt werden, wie es zu diesem Status kam, wie sich die beabsichtigte Exponierung durch die Schaffenskraft von Menschen vollzog und gerade darin der Kern einer Einschätzung zu suchen ist, die Saint-Remi als königliche Grablege bezeichnet.

2. Die Anfänge einer Grabkirche

2.1 Saint-Remi als Grab des Heiligen Remigius

Wie auch bei Saint-Denis beginnt das besondere Ansehen von Saint-Remi mit dem Wirken oder dann vielmehr dem Tod eines Heiligen eben in Verbindung mit dieser Kirche. Ist es bei Paris der heilige Dionysios, so zeichnet sich Reims als Wirkungsstätte des heiligen Remigius aus. Als Reimser Bischof, so belegt es Gregor von Tours, taufte dieser zum Weihnachtsfest 498 den Merowingerkönig Chlodwig in Reims zum ersten christlichen Herrscher der Franken.[8] Die Anfänge der Reimser Kirche hingegen sind nicht genau zu bestimmen, allerdings war die Hauptstadt der römischen Provinz Belgica Secunda wohl bereits seit der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts Bistum. Insbesondere Remigius führte die Christianisierung der Franken weiter fort und ordnete seine Kirchenprovinz mit der Gründung neuer Bistümer um.[9] Mit seinem Tod um die Jahre 530/ 533 beginnt nun die, wenn auch anfangs legendäre Geschichte der Kirche Saint-Remi. Über das Begräbnis des Remigius berichtet Hinkmar, Erzbischof von Reims, um 878 und legt dar, wo dieser schließlich begraben wurde und weshalb diese Stätte nicht dem eigentlichen Wunsch des Bischofs entsprach. Seinem Testament zufolge wollte er in der Basilika der Heiligen Thimotheus und Appollinaris[10] außerhalb der Stadtmauern begraben werden. Auf dem Weg dorthin sei jedoch, so Hinkmar, die Bahre mit dem Toten so schwer geworden, dass sie sich nicht mehr von der Stelle bewegen ließ. Der göttliche Wille habe dann dazu geführt, dass die Bahre wieder leichter wurde, als man die Christophskirche, die ebenfalls vor der Stadtmauer lag, als letzte Ruhestätte ersann. Andere Berichte über das Begräbnis gibt es nicht; Flodoard greift die Schilderung Hinkmars etwas später in seiner „Historia Remensis ecclesia“ wieder auf.[11] Es wird angenommen, dass die Christophskirche noch nicht lange bestand und vielleicht sogar während Remigius` Amtszeit errichtet worden war.[12] Anzunehmen wäre aber auch eine, die dem 6. Jahrhundert entsprechende Beisetzung des Bischofs in einer merowingischen Grabkammer. Dies ginge mit der Aussage Gregors einher, man hätte später aus zunehmender Verehrung über dem Grab eine Basilika errichtet.[13] Ob diese letztlich ein Neubau oder nur die Erweiterung[14] einer bestehenden (Christophs)kirche des 6. Jahrhunderts war, bleibt offen.

Es ist zu vermuten, dass das Christophs- schon bald durch das Remigiuspatrozinium verdrängt wurde. In den nachfolgenden Jahrzehnten entwickelte sich zunehmend ein Remigiuskult, der für die wachsende Bedeutung Saint-Remis während der nächsten Jahrhunderte ausschlaggebend sein sollte.[15] Neben dem heiligen Martin und dem heiligen Dionysios stieg Remigius zu einem der Patrone Frankreichs auf.[16]

2.2 Das Heiligengrab als Anziehungspunkt

Einer Kirche als letzte Ruhestätte eines Heiligen und die damit verbundene Bewahrung seiner Gebeine kam, wie es ebenso Saint-Denis und andere Beispiele zeigen, eine besondere Bedeutung und Rolle zu. Das Heiligengrab als „Kultmittelpunkt und ideelle(s) Zentrum der Kirche“[17] wirkte sich demnach dahingehend aus, dass sich fortan die Menschen darum bemühten besonders nahe „ad sanctum“, also bei dem Heiligen zu leben und hier auch bestattet zu werden.[18] Sie erhofften sich dadurch im Jenseits den Beistand des Verehrten gewinnen zu können. Und so waren es anfangs die Bischöfe und Äbte selbst, die sich trotz des noch geltenden Verbotes des Begräbnisses innerhalb der Kirche im 6. und 7. Jahrhundert nahe bei dem Heiligen zur Ruhe betten ließen. Später kamen auch Laien zum Zug und vor allem Königen und anderen Würdenträgern konnte man die Bestattung in der Kirche nicht mehr verweigern.[19]

[...]


[1] Vgl. <http://www.unesco.de/> am 12.02.05; Anhäuser, Uwe, Wo Frankreichs Könige gesalbt wurden, in: Schätze der Welt – Erbe der Menschheit. Die UNESCO-Liste der Kulturdenkmäler und Naturparadiese dieser Erde, Bd. 4, Gütersloh 2000, S. 92f.

[2] Vgl. Prache, Anne, Die Kathedrale Notre-Dame und die Basilika Saint-Remi, Würzburg 1985 (im Folgenden zitiert als: Prache, Saint-Remi), S. 77.

[3] Vgl. ebd., S. 71; vgl. Hamann-Mac Lean, Richard, Die Reimser Denkmale des französischen Königtums im 12. Jahrhundert. Saint-Remi als Grabkirche im frühen und hohen Mittelalter, in: Beumann, Helmut, Beiträge zur Bildung der französischen Königsnation im Früh- und Hochmittelalter, Sigmaringen 1983, S. 94-259 (im Folgenden zitiert als: Hamann, Saint-Remi als Grabkirche), S. 102.

[4] Vgl. Krüger, Karl Heinrich, Königsgrabkirchen der Franken, Angelsachsen und Langobarden bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts: ein historischer Katalog, München 1971 (im Folgenden zitiert als: Krüger, Königsgrabkirchen), S. 75, der Reims als Hauptstadt Sigiberts I. (561-575) nennt.

[5] Vgl. dazu Bur, Michel, Reims, Art., in: Lexikon des Mittelalters, S. 657f; als endgültiger Ort der Krönung kann Reims in jedem Fall seit 1131 angesehen werden, vgl. dazu Prache, Saint-Remi, S. 9.

[6] Gregor von Tours (538/ 539-593/594), Heiliger und Bischof von Tours berichtet von der Taufe Chlodwigs durch Remigius und einer Basilika über dem Grab des Heiligen sowie von der ersten Translation seiner Überreste; Hinkmar (gest. 882), seit 845 Erzbischof von Reims, berichtet in seiner „Vita Remigii“ insbesondere vom Begräbnis des Heiligen Remigius und begründet mit der Beschreibung der Taufe Chlodwigs die Legende von der Heiligen Ampulle, mit deren Öl die Könige Frankreichs gesalbt werden (müssen), Flodoard (893/ 894-966), Kanoniker, Archivar und Priester der Reimser Kathedrale, nimmt die Schilderungen Hinkmars zur Bestattung Remigius` und bezieht sich besonders auf die Regentschaft Ludwig IV.; Richer von Reims, Geschichtsschreiber des späten 10. Jahrhunderts, schildert unter anderem das Begräbnis Lothars.

[7] Vgl. die Tabelle Führer, Julian, „Sterbedaten, Sterbe- und Bestattungsorte der westfränkisch-französischen Könige seit den Karolingern“ (im Folgenden zitiert als: Führer, Tabelle).

[8] Vg. Werner, Karl Ferdinand, Geschichte Frankreichs. Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000, Stuttgart 1989 (im Folgenden zitiert als: Werner, Ursprünge Frankreichs), S. 324.

[9] Vgl. Kramp, Mario, Kirche, Kunst und Königsbild: Zum Zusammenhang von Politik und Kirchenbau im capetingischen Frankreich des 12. Jahrhunderts am Beispiel der drei Abteien Saint-Denis, Saint-Germain-Des-Prés und Saint-Remi/ Reims, Weimar 1995 (im Folgenden zitiert als: Kramp, Kirche, Kunst und Königsbild), S. 249f.

[10] Zu bemerken ist, dass das Lexikon des Mittelalters diese Basilika entgegen der Forschungsliteratur als Grabstätte des Remigius anführt, vgl. dazu Nonn, Ulrich, Remigius, Art, in: Lexikon des Mittelalters, S. 707.

[11] Vgl. Kramp, Kirche, Kunst und Königsbild, S. 251.

[12] Vgl. Krüger, Königsgrabkirchen, S. 74f.

[13] Vgl. Hamann, Saint-Remi als Grabkirche, S. 113f; vgl. Prache, Saint-Remi, S. 8; vgl. auch die Bemerkungen in Ohler, Norbert, Sterben und Tod im Mittelalter, München 1993 (im Folgenden zitiert als: Ohler, Sterben und Tod), S. 135f zu Coemeterialbasiliken, die über den Gräbern von Märtyrern gebaut wurden.

[14] Vgl. Krüger, Königsgrabkirchen, S. 75.; vgl. Kramp, Kirche, Kunst und Königsbild, S. 252.

[15] Vgl. Kramp, Kirche, Kunst und Königsbild, S. 251; vgl. Krüger, Königsgrabkirchen, S. 80.

[16] Vgl. Prache, Saint-Remi, S. 8.

[17] Hamann, Saint-Remi als Grabkirche, S. 103.

[18] Vgl. Krüger, Königsgrabkirchen, S. 497.

[19] Vgl. Ohler, Sterben und Tod, S. 134-136.

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Details

Titel
Das Kloster Saint-Remi - Vom Aufstieg einer bischöflichen Grabkirche zur königlichen Nekropole
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Tod und Bestattungsbrauch der französischen Könige des Mittelalters
Note
1,7
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V56387
ISBN (eBook)
9783638510691
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kloster, Saint-Remi, Aufstieg, Grabkirche, Nekropole, Bestattungsbrauch, Könige, Mittelalters
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Das Kloster Saint-Remi - Vom Aufstieg einer bischöflichen Grabkirche zur königlichen Nekropole , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56387

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