Das Denkbare wäre ohne das Undenkbare undenkbar

Eine Annäherung an den letzten Gedankengang in Wittgensteins "Tractatus"


Hausarbeit, 2004

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Einordnung des Themas in den Aufbau des Tractatus
2.1 Sieben Sätze
2.2 Drei Teile

3. Das Ethische
3.1 Sätze der Ethik als Wenn-Dann-Relation
3.2 Die Anschauung der Welt sub specie aeternitatis
3.3 Konsequenzen
3.4 Die Motivation der Ethik
3.5 Gott
3.6 Die Frage nach dem „Sinn des Lebens“
3.7 Exclaven der Sprachlosigkeit

4. Das Mystische
4.1 Die Existenz ist das Mystische
4.2 Mystische Sprache
4.3 Die Entgrenzung
4.4 Die unio mystica

5. Schluß

6. Bibliographie
6.1 Verwendete Wittgenstein-Ausgaben
6.2 Sonstige Quellen

1. Einleitung

Am 6. Juli 2004 hielt ich im Rahmen des Seminars „Quantorenlogik in Wittgensteins Tractatus“ unter der Leitung von Apl. Prof. Dr. Ingolf Max ein Referat mit dem Titel „Das Denkbare wäre ohne das Undenkbare undenkbar“ über die Sätze 6.4 bis 6.54 des Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein. Die vorliegende Arbeit ist in weiten Teilen eine Verschriftlichung dieses Referats.

Daß sie es nicht vollständig ist, schuldet sich einerseits einem Fortschreiten meines Erkenntnisstandes. So ist mir durch die Diskussion im Anschluß an das Referat der eine oder andere Anstoß gegeben worden, diverse Aspekte intensiver zu überdenken, bzw. sie neu zu bewerten. Andererseits verdanken sich die Veränderungen gegenüber dem Referat durch einen neuen Ansatz, der sich mir in der weiteren Beschäftigung mit dem Thema erschloß. Dieser Ansatz versucht gleichsam Wittgensteins Haltung zur Ethik aus seiner Auffassung des Mystischen zu erhellen. Das Mystische wird hierbei als der zentrale Punkt des gesamten Tractatus gesehen. Starke Impuls zu diesem Ansatz verdanke ich Reinhard Margreiter, Erfahrung und Mystik, Berlin 1997.

Die Arbeit besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil versuche ich, eine Einteilung des Tractatus in drei Abschnitte zu begründen. Diese Einteilung geht einher mit der Einordnung der zu behandelnden Sätze in die Gesamtstruktur des Tractatus und bildet somit die Basis für die Ausdifferenzierung meines weiteren Gedankenganges. Der zweite Teil widmet sich der Ethik, wie Wittgenstein sie von Satz 6.4 an thematisiert. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Spannungsverhältnis zwischen Unsagbarkeit einerseits und Existenz und Wichtigkeit der Ethik andererseits. Der dritte Teil schließlich, der sich mit dem von Wittgenstein so genannten Mystischen beschäftigt, bemüht sich zu zeigen, wie sich dieses Spannungsverhältnis auflöst, indem alle Gegensätze und Unterscheidungen in einer unio mystica zusammenfließen.

2. Einordnung des Themas in den Aufbau des Tractatus

2.1 Sieben Sätze

Ludwig Wittgenstein hat seinen Tractatus logico-philosophicus, jenes Frühwerk, das das einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Werk Wittgensteins bleiben sollte, in sieben Sätze eingeteilt, denen eine Vielzahl von Sätze untergeordnet sind. Diese untergeordneten Sätze sind nur bedingt als Erläuterungen oder direkte Konsequenzen der übergeordneten Sätze zu verstehen, vornehmlich gibt die Nachkommastelle das „logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck“[1], den Wittgenstein ihnen verleihen will.

Diese Einteilung in sieben Sätze ist sicherlich nicht willkürlich, sie verdankt sich einerseits der Entstehungsgeschichte des Werkes aus dem sogenannten Prototractatus heraus.[2] Andererseits wählt Wittgenstein die Zahl sieben sicherlich auch wegen ihres Symbolwertes in der kabbalistischen und christlichen Zahlenmystik. Der augenfälligste Vergleich soll hier nur kurz umrissen sein:[3] Laut Genesis schuf Gott in sechs Tagen die Welt und ruhte am siebten.[4] Wittgenstein will in sechs Sätzen alles sagen, was sich überhaupt sagen läßt. Er will gewissermaßen die Welt der Logik, wenn schon nicht schaffen, so doch zumindest ausschöpfen. In seinem siebten Satz thematisiert er das Schweigen, was nicht nur als nicht-reden zu verstehen ist, sondern sich vielmehr als Ruhe des Verstandes auffassen läßt. Diese Ruhe entspräche der Ruhe Gottes nach der Schöpfung.

Dieser numerologische Vergleich mit dem Schöpfungswerk Gottes ist einerseits sicherlich bezeichnend für das Selbstbewußtsein Wittgensteins, das ja auch aus dem Anspruch erhellt wird, mit seinem Buch „die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“[5]. Andererseits aber weiß er, „wie wenig damit getan ist, daß die Probleme gelöst sind“[6] und deutet daher am Ende des Werkes auf jenen Bereich, in den sich die Sinnsuche verlagert hat. Dies ist eben der selbe Bereich, dem auch die Zahl Sieben als Einteilung des Tractatus entstammt: Es ist die Mystik.

Aus diesen Überlegungen heraus erhellt sich, daß die von Wittgenstein gewählte Einteilung des Tractatus nicht den Sinn verfolgt, seinen Inhalt zu strukturieren und damit dem Rezipienten verständlich zu machen. Es empfiehlt sich daher zum besseren Verständnis, nach einer anderen Einteilung zu suchen.

2.2 Drei Teile

Als eine solche Einteilung bietet sich beispielsweise an, drei Hauptthemen im Tractatus anzunehmen.[7]

Zum einen stellt Wittgenstein zu Beginn seiner Schrift eine Dreiteilung der Welt dar und etabliert damit sein Verständnis von Erkennen. Die drei Teile des Erkennens sind die Ontologie, die Bildkonzeption und die Satzkonzeption. Dieser Teil umfaßt die Sätze 1 bis ungefähr 3.263. Das Wort „ungefähr“ im vorhergehenden Satz zeigt an, daß bei dieser Einteilung keine scharfen Grenzen zu ziehen sind, sondern die Bereiche ineinanderfließen und sich überschneiden.

Ungefähr von Satz 3.3 bis Satz 6 ist er um die Herleitung einer allgemeinen Satzform bemüht. Es ist nicht leicht zu entscheiden, wo die Darstellung der Satzkonzeption aufhört und wo die Herleitung der allgemeinen Satzform anfängt. Es mag sogar so scheinen, als sei die Herleitung der allgemeinen Satzform ein Teil der Satzkonzeption. Dieser Auffassung widerspräche allerdings, daß im Verlauf der Herleitung die eingangs etablierte Dreiteilung sich als Scheineinteilung entpuppt, bzw. die Isomorphie, die Wittgenstein zwischen den drei Ebenen postuliert, nicht tatsächlich vorhanden ist.[8]

Auch ist fraglich – obwohl das Ergebnis, die allgemeine Satzform erst in Satz 6 benannt wird – ob die Solipsismuskritik der Sätze 5.6 bis 5.641 tatsächlich noch zur Herleitung der allgemeinen Satzform gehört, oder ob hier nicht vielmehr schon der dritte Teil des Tractatus beginnt. In diesem Teil nämlich wird gewissermaßen das bisher Erarbeitete angewandt und in Bezug zu verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen gesetzt. Nacheinander durchleuchtet Wittgenstein die Bereiche Logik (Satz 6.1 ff), Mathematik (Satz 6.2 ff) und Physik (Satz 6.3 ff).

Bei dieser Untersuchung kommt er zu dem Ergebnis, daß sowohl Logik als auch Mathematik Sätze produzieren, die entweder immer wahr (Tautologien) oder immer falsch (Kontradiktionen) sind. Da solche Sätze zwar sagbar sind, aber keinen Sinn machen, nennt Wittgenstein sie sinnlos. Sinnlose Sätze sind für ihn Grenzfälle, sie bezeichnen die Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem und ziehen somit die Außengrenze der Welt.[9] Die Physik, wie die Naturwissenschaft an sich, formuliert hingegen sinnvolle Sätze, also Sätze, die je wahr oder falsch sein und somit etwas beschreiben können. Die Sätze der Naturwissenschaft sind so lange sinnvoll, wie sie nicht versuchen, Sätze über die Form ihrer Sätze aufzustellen, also etwa so etwas wie ein Kausalitätsgesetz. Solche Sätze über die Form der Sätze sind nicht sagbar, sie sind unsinnig. Unsinnige Sätze liegen außerhalb des Bereichs des Sagbaren und somit außerhalb der Welt.

Thema der vorliegenden Arbeit sind die Sätze 6.4 bis 7 des Tractatus, also die letzten Sätze des dritten Teils des Werkes. Noch immer geht es Wittgenstein um die Anwendung des bisher Erarbeiteten. Er wendet es in den Sätzen 6.4 ff auf die Ethik an. Dabei ergibt sich, daß die Sätze der Ethik unsinnige Sätze sind. Sie können nicht gesagt werden. Dies wird im nun folgenden zweiten Teil der vorliegenden Arbeit darzustellen sein. Bei der Beschäftigung mit der Ethik fällt allerdings auf, daß es Unsagbares nicht nur außerhalb der Welt gibt, sondern daß auch innerhalb der Welt ein Rest von Unsinnigem verbleibt. Diesen Rest nennt Wittgenstein das Mystische. These des letzten Teils der vorliegenden Arbeit ist es, daß die Grenze zwischen sinnvoll, sinnlos und unsinnig sich bei der Konfrontation mit dem Mystischen auflöst.

3. Das Ethische

Zunächst läßt sich feststellen, daß sich Ethik nicht aussprechen läßt.[10] Es fällt also in den Bereich des Unsinnigen, liegt also außerhalb der Welt. Diese Aussage ist verschieden begründbar. Aus dem zu behandelnden Abschnitt des Tractatus lassen sich zwei Begründungen herauslesen, die im folgendem kurz vorgestellt werden sollen.

3.1 Sätze der Ethik als Wenn-Dann-Relation

Die erste Begründung ergibt sich aus dem Vergleich eines Satzes der Ethik mit einem Aussagesatz.[11] Bei der Bewertung eines Aussagesatzes (aRb) ist die Ermittlung eines Wahrheitswertes denkbar einfach. Es läßt sich für dieses aRb etwas einsetzen, beispielsweise: Anton küßt Berta. Der Satz ist genau dann wahr, wenn Anton Berta küßt. In allen anderen Fällen ist er falsch.

Es läßt sich also ermitteln, was der Fall ist, wenn aRb wahr ist. Dies genau bedeutet, den Satz zu verstehen.[12]

Genau dies aber ist bei einem Satz der Ethik nicht möglich. Beispielsweise der Satz „Du sollst nicht lügen“ läßt sich nicht als wahr oder falsch bewerten. Er wird nicht dadurch falsch, daß jemand doch lügt. Eher ist er als Handlungsmaxime, als Imperativ zu verstehen. Wittgenstein schlägt in Satz 6.422 vor, er könnte als Wenn-Dann-Relation ausdrückbar sein.

Da der Satz aber keine Aussage über das Dann dieser Relation trifft, kann ihm auch kein Wert zugeordnet werden. Wir wissen nicht, unter welchen Voraussetzungen der Satz wahr oder falsch ist. Und wir wissen nicht, was der Fall ist, wenn er wahr ist.

Natürlich ließe sich auch hier wieder verfahren wie mit unserem Aussagesatz. Es ließe sich einfach etwas einsetzen. Man könnte den Satz z.B. dahingehend erweitern, zu sagen: „Du sollst nicht lügen ist dann wahr, wenn alle, die nicht lügen, ein Schokoladeneis bekommen.“

Mit dieser Setzung ließe sich ein Wert des Satzes ermitteln. Aber der Wert hätte keinen Wert, weil die Setzung nicht höherwertig ist als der Satz, d.h. sie ist ebenso zufällig wie der Satz selbst.[13]

Das bedeutet, der Satz ist unsinnig: Er entzieht sich den Mitteln der Logik, indem er sich in der Sprache der Logik nicht konstruieren und innerhalb ihrer nicht bewerten läßt.

Diese Begründung für die Unsinnigkeit der Sätze der Ethik geht vom Logiker als demjenigen aus, der versucht, aus seiner Perspektive über Wahrheit und Falschheit der Sätze zu entscheiden. Das Ergebnis dieses Versuches ist, daß die Sätze der Ethik grammatisch nicht in die Logik passen. Daß dies nicht daran liegt, daß die Grammatik der Logik unzureichend ist, zeigt der folgende Ansatz, der die Perspektive thematisiert, die derjenige einnehmen müßte, der über Wahrheit und Falschheit der Sätze der Ethik entscheiden will.

3.2 Die Anschauung der Welt sub specie aeternitatis

In einer Tagebucheintragung vom 7. Oktober 1916 schreibt Wittgenstein, Ethik sei die Anschauung der Welt sub specie aeternitatis, also unter dem Begriff der Ewigkeit:

Das Kunstwerk ist der Gegenstand sub specie aeternitatis gesehen; das gute Leben ist die Welt sub specie aeternitatis gesehen. Dies ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Ethik.[14]

Dabei ist zu bemerken, daß Ewigkeit für Wittgenstein nicht die unendliche Zeitdauer ist, sondern der ausdehnungslose Augenblick, also eine nichtvergehende Gegenwart.[15] Es ist gewissermaßen eine individuelle, private Ewigkeit, so wie die Welt eine individuelle, private Welt ist.[16]

In dieser nichtvergehenden Gegenwart der Ewigkeit existiert offenbar keine Zeit, denn Zeit hat die Eigenschaft, zu vergehen. Der ausdehnungslose Punkt der Ewigkeit steht also außerhalb der Zeit, und damit auch außerhalb der Welt.

Wenn also die Ethik die Betrachtung der Welt sub specie aeternitatis ist, so muß die Perspektive der Ethik von außen auf die Welt gerichtet sein. Wittgenstein expliziert:

[...]


[1] Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt am Main 1960, S. 11 (Fußnote); im folgenden zitiert als: TLP.

[2] Das Prototractatus ist z.B. enthalten in: Ludwig Wittgenstein , Logisch-philosophische Abhandlung. Kritische Edition, Frankfurt a. M. 1998

[3] Zu einer detaillierteren Ausdeutung des Symbolgehalts der Anzahl Sieben bei den Hauptsätze und der Bedeutung für Struktur und Gewichtung des Aufbaus – einer Ausdeutung die in ihrer numerologischen Komplexität deutlich an die kabbalistische Mystik gemahnt – siehe: E. M. Lange , Wittgenstein und Schopenhauer: logisch-philosophische Abhandlung und Kritik des Solipsismus, Cuxhaven 1989, S. 16-31

[4] vgl. Bibel, Gen 2.3

[5] TLP, Vorwort von 1918, S. 8

[6] ebd.

[7] Die in diesem Unterkapitel vorgestellte Dreiteilung des Tractatus geht zurück auf die Arbeitsergebnisse des HS Quantorenlogik in Wittgensteins Tractatus von Prof. Dr. Ingolf Max, SoSe 2004, an der Humboldt-Universität zu Berlin.

[8] vgl. die Sätze TLP 1.21 und TLP 5.5262 miteinander.

[9] vgl. TLP 5.6

[10] vgl. TLP 6.421

[11] Zu diesem Ansatz vgl. auch H. O. Mounce, Wittgensteins Tractatus. An Introduction, Oxford 1981, S. 93 f

[12] vgl. TLP 4.024

[13] vgl. TLP 6.41

[14] Ludwig Wittgenstein, Tagebücher 1914-1916, Frankfurt a. M. 1984 , 7.10.1916; im folgenden zitiert als: TB.

[15] vgl. TLP 6.4311

[16] Nicht „subjektiv„, weil das Subjekt sich selbst nicht wahrnimmt und somit nicht zur Welt oder Ewigkeit dazugehört.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Denkbare wäre ohne das Undenkbare undenkbar
Untertitel
Eine Annäherung an den letzten Gedankengang in Wittgensteins "Tractatus"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V56501
ISBN (eBook)
9783638511599
ISBN (Buch)
9783638664615
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ethik und Mystik sind die beiden letzten Gegenstände, mit denen Wittgenstein sich in seinem Tractatus logico-philosophicus beschäftigt. Es wird aufgezeigt, wie diese beiden Bereiche die Logik scheinbar ad absurdum führen, sie aber gerade dadurch erst begründen.
Schlagworte
Denkbare, Undenkbare
Arbeit zitieren
Magister Artium Norbert Krüßmann (Autor), 2004, Das Denkbare wäre ohne das Undenkbare undenkbar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56501

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