Der aus England stammende Bonifatius spürte als 40-jähriger eine Sehnsucht nach missionarischer Tätigkeit. Bonifatius traf im Jahr 716, damals noch unter seinem Geburtsnamen Wynfreth, ausgehend von England, auf dem Festland ein und erreichte Dorstadt, wo er sich zu dem Friesenherzog Radbod begab. Dort musste er erkennen, wie eng die Stärke des Frankenreiches mit dem missionarischen Wirken in Wechselwirkung stand. Der erste Versuch Wynfreths scheiterte an der politisch gespannten Lage nach dem Tod Pippins 714, die auch Willibrord vorübergehend zur Aufgabe seiner Tätigkeit gezwungen hatten. Infolgedessen musste Wynfreth nach England zurückkehren und reiste erst 718, nachdem das Ansehen der fränkischen Hausmeier wiederhergestellt war, wieder auf das Festland. Nach einer Pilgerreise nach Rom, brach er, nun im päpstlichen Auftrag und mit neuem Namen Bonifatius, zur Missionsarbeit nach Thüringen auf, allerdings ohne bestimmtes, abgegrenztes Missionsgebiet. Er erkannte aber bald, dass Missionseifer allein nicht genügte und erlernte das Missionshandwerk bei Willibrord, der nach dem Tod Radbods 719 seine Friesenmission wieder aufgenommen hatte.
In den Jahren 719 bis 722 arbeitete Bonifatius unter Willibrord im friesischen Missionsfeld. Von Fritzlar und Amöneburg aus, wo er 721 eine Mönchsniederlassung gründete, begann er seine Tätigkeit in Hessen und Thüringen.1 Zu diesem Zeitpunkt wurde Bonifatius erneut auf die Verbindung zwischen angelsächsischen Missionaren und der politischen Welt der Karolinger aufmerksam gemacht. Dabei stand er zunächst unter dem Schutz des Hausmeiers Karl Martell, der auf Befürwortung des Papstes Gregor II. im Jahre 723 für Bonifatius bereitwillig einen Schutzbrief ausstellte, nachdem Bonifatius am 30. November 722 zum Bischof geweiht worden war.2 Politische Gewalt und kirchliches Werk hatten sich auf ein gemeinsames Ziel verständigt, da sich die Missionsarbeit des neuen Bischofs sehr gut in das Programm Karl Martells fügte, der hoffte, dass die Missionsarbeit in den östlichen Grenzgebieten des Reichs der Befestigung seiner eigenen Machtstellung förderlich sein würde.3
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Untersuchungen zu den Quellen
2.1 Vita Bonifatii auctore Willibaldo
2.2 Bonifatii Epistolae
3. Bonifatius Verhältnis zu den Franken
3.1 Karl Martell
3.1.1 Der Bonifatius Brief 73
3.2 Karlmann
3.2.1 Das Concilium Germanicum
3.3 Pippin
4. Zusammenfassung
5. Liste der verwendeten Quellen und Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis des angelsächsischen Missionars Bonifatius zu den karolingischen Hausmeiern. Im Zentrum steht die Analyse, wie Bonifatius versuchte, seine missionarischen und kirchenpolitischen Reformziele durch die enge Anbindung an Rom zu verwirklichen, dabei jedoch gleichzeitig von der politischen Rückendeckung und dem Schutz der Karolinger abhängig blieb.
- Die Rolle des Bonifatius im Spannungsfeld zwischen päpstlicher Autorität und fränkischer Machtpolitik.
- Quellenkritische Untersuchung der Vita Bonifatii und der Briefsammlung (Epistolae).
- Die kirchenpolitische Haltung und Praxis der Karolinger (Karl Martell, Karlmann, Pippin).
- Die Bedeutung und Umsetzung des Concilium Germanicum für die fränkische Kirchenreform.
- Die Transformation der fränkischen Landeskirche zur römisch orientierten Struktur.
Auszug aus dem Buch
3.2 Karlmann
Karl Martell war zwar Bonifatius grundsätzlich wohl gesonnen, konnte oder wollte allerdings keine strukturellen Reformen innerhalb der fränkischen Landeskirche durchführen. Erst nach seinem Tod wurde dies begonnen, zunächst unter Karlmann und Bonifatius.
Die bonifatianische Kirchenreform wäre ohne die Zustimmung und Mitwirkung der Karolinger nicht denkbar gewesen, die geschickt ihre politische Konsolidierung mit den Missionsbemühungen zu verbinden wussten.
Nach Karl Martells Tod am 22. Oktober 741 folgten ihm seine Söhne Pippin und Karlmann im Amt des Hausmeiers nach. Pippin erhielt die Herrschaft über Neustrien, Karlmann über Austrien, Alamannien, Thüringen und Hessen. Dieser Generationswechsel schneidet in der fränkischen Geschichte, besonders in der kirchenpolitischen, tief ein.
Ihrer Erziehung im Kloster entsprach ein reges Interesse für kirchliche Angelegenheiten. Allerdings unterschieden sich ihre Vorstellungen von denen des Bonifatius. Wollte er eine nach Rom orientierte und untergeordnete fränkische Landeskirche, hatten die Hausmeier andere Pläne. Sie sahen in der Kirche eher ein starkes und mächtiges Instrument in ihren Händen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt den Werdegang des Bonifatius sowie die politische Ausgangslage im Frankenreich und die Ambivalenz seines Wirkens unter verschiedenen Herrschern.
2. Untersuchungen zu den Quellen: Analysiert die Entstehung und den Zweck der Bonifatius-Vita von Willibald sowie die Überlieferung und Bedeutung der Bonifatii Epistolae.
3. Bonifatius Verhältnis zu den Franken: Untersucht das theokratische Amtsverständnis der Karolinger und das daraus resultierende komplexe Abhängigkeitsverhältnis des Missionars.
4. Zusammenfassung: Resümiert die gegenseitige Abhängigkeit von Missionar und Herrscher und bewertet die Reformen als notwendige, aber politisch begrenzte Kontinuität.
5. Liste der verwendeten Quellen und Literatur: Ein Verzeichnis der herangezogenen Primärquellen und der wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Bonifatius, Karolinger, Karl Martell, Karlmann, Pippin, Missionierung, Kirchenreform, Concilium Germanicum, Rom, Sakralkönigtum, Quellenkritik, Willibald, Epistolae, Hausmeier, Landeskirche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das komplexe Verhältnis zwischen dem angelsächsischen Missionar Bonifatius und den karolingischen Herrschern im frühen Mittelalter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Missionsgeschichte, kirchenpolitische Reformansätze im Frankenreich, das Verhältnis von Macht und Kirche sowie die kritische Auswertung historischer Quellen über Bonifatius.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen Bonifatius' Wunsch nach einer römisch orientierten Kirchenstruktur und seiner praktischen Abhängigkeit von der fränkischen politischen Macht darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die quellenkritische Analyse zeitgenössischer Dokumente, insbesondere der Bonifatius-Briefe und der Vita des Heiligen durch Willibald.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Beziehungen des Bonifatius zu den drei Hausmeiern Karl Martell, Karlmann und Pippin sowie den konkreten Schritten der Kirchenreform, etwa durch das Concilium Germanicum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Bonifatius, Karolinger, Kirchenreform, Missionierung, Rom-Anbindung und Sakralkönigtum.
Welche Bedeutung hatte der Schutzbrief des Karl Martell für Bonifatius?
Der Schutzbrief sicherte Bonifatius materielle und moralische Unterstützung zu, war jedoch primär ein politisches Instrument des Hausmeiers, um seine eigenen Machtansprüche in den Grenzgebieten zu festigen.
Wie unterschied sich die Einstellung Pippins von der seines Bruders Karlmann gegenüber Bonifatius?
Während Karlmann eng mit Bonifatius zusammenarbeitete, um die Kirche zu reformieren, schob Pippin den Missionar nach der Machtübernahme zunehmend beiseite und forcierte eine eigene kirchenpolitische Linie ohne die prominente Rolle des Bonifatius.
- Quote paper
- Thilo Patzke (Author), 2005, Das Verhältnis zwischen Macht und Mission. Die Karolinger und Bonifatius, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56523