Konfession und Region im Spannungsfeld der Reichseinigung 1870-71


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Konfession als Faktor der Einstellung zur Nation
a. Konfessionalität im Krieg 1870/71
b. Das Verhältnis der Konfessionen zum entstehenden Deutschen Reich

3. Regionale Beeinflussung der Einstellungen zur Nation – am Beispiel Bayerns
a. Einstellungen zum Deutsch-Französischen Krieg
b. Einstellung zum Reich und Kaiser in der Konstituierungsphase

4. Beziehung zwischen regionaler und konfessioneller Haltung zur Nation

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

„Die positiven Beziehungen zwischen Religion und den europäischen Nationalbewegungen bezogen sich auf die national integrationswilligen Teile tendenziell überstaatlicher religiöser Gemeinschaften. Gleichzeitig markierten Konfessionen [aber auch; D.H.] die Grenzen zwischen oder innerhalb von Nationalitäten.“[1]

1. Einführung

Diese Hausarbeit entstand für das Seminar „Die deutsche Nationalbewegung im 19. Jahrhundert“ im Wintersemester 2005/06. Nachdem die nationalen Hoffnungen, welche in den Befreiungskriegen 1815 entstanden waren, enttäuscht wurden, dauerte es bis zu den Einigungskriegen 1864, 1866 und 1871 bis die deutsche Frage geklärt wurde und eine Deutsches Reich mit einem Kaiser an der Spitze gegründet werden konnte. Diese Arbeit setzt sich mit der Problematik auseinander, die sich aus der Lage ergibt, dass das neugegründete Reich sich aus Einzelstaaten mit jeweils eigener Geschichte und eigenem Partikularbewusstsein zusammengesetzt war. Dabei wird dies noch dadurch in seiner Komplexität erhöht, dass die Einzelstaaten mehrkonfessionell zusammengesetzt waren.

Der Aufbau der Hausarbeit ist zum einen in die Themenbereiche Konfession und Region gegliedert und zum anderen chronologisch zwischen den Einstellungen zum deutsch-französischen Krieg 1870 und denen zum Deutschen Reich in seiner Konstituierungsphase aufgeteilt. Im Anschluss an diese Einführung folgt also eine allgemeine Darstellung der konfessionellen Situation der Soldaten im Krieg von 1870/71. Darauf folgt eine Betrachtung der Einstellungen der Konfessionen zum Deutschen Reich. Das dritte Kapitel setzt sich dann intensiv mit der regionalen Problematik auseinander. In dem Bemühen eindeutige Merkmale und Standpunkte zu erhalten ist dieser Abschnitt auf die Partei der Bayerischen Patrioten konzentriert. Hier wird anhand der „Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland“ von Josef Edmund Jörg und dessen publizierten Briefwechsel aufgezeigt, welche Auswirkungen das Partikularbewusstsein auf die Einstellungen und Meinungen zum deutsch-französischen Krieg und zum Deutschen Reich und dessen Kaiser haben. Das vorletzte Kapitel versucht dann eine Fusion beider Bereiche vorzunehmen. Das Augenmerk liegt dort auf der gegenseitigen Beeinflussung von konfessionellen und regionalen Faktoren und auf den Unterschieden beider. Zum Abschluss werden die Ergebnisse resümiert und ein Ausblick auf die Einstellungen katholischer Kreise im Deutschen Kaiserreich im 19. Jahrhundert vorgenommen.

Die Relevanz dieser Hausarbeit ergibt sich aus den Erkenntnissen, die sich den Beobachtungen und Feststellungen hinsichtlich Integrations- und Abgrenzungsmotiven verschiedener Gruppen gewinnen lassen. Auch wenn heute konfessionelle oder regionale Fragen keinerlei Rolle spielen in Deutschland lassen sich doch möglicherweise Parallelen hinsichtlich gegenwärtiger Integrationsproblematiken von Menschen aus anderen Kulturräumen feststellen. Des Weiteren sind auch Vergleiche bezüglich der Schwierigkeiten nicht völlig von der Hand zu weisen, die zum einen ehemalige Einzelstaaten im Deutschen Reich ab 1871 hatten und zum anderen heute hinsichtlich der Übertragung des Identifikationsraumes als Deutscher hin zur Europäischen Union vorhanden sind.

2. Konfession als Faktor der Einstellung zur Nation

a. Konfessionalität im Krieg 1870/71

Die Tatsache, dass im Krieg 1870/71 auf deutscher Seite protestantisch geprägte norddeutsche Staaten, allen voran Preußen, und auf süddeutscher Seite katholische geprägte Staaten mit Bayern als größter Vertreter gemeinsam gegen das katholische Frankreich kämpften, kann aus sozialgeschichtlicher Perspektive fast nicht überwertet werden. „Der Umstand, dass die deutschen Soldaten unterschiedlichen Konfessionen angehörten, schuf ein Konfliktpotential.“[2] Dieses Kapitel soll der Frage nachgehen inwiefern sich dieser Konflikt in der Realität niedergeschlagen hat bzw. nicht niedergeschlagen hat und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden können.

Verschiedene vor, während und nach dem Krieg publizierte private und staatliche Reden, Texte und Lieder zeigen auf wie groß die Religiosität und Frömmigkeit der handelnden Personen war. Gott und Kirche wurden unmittelbar vor dem Kriege herangezogen um den Krieg zu legitimieren, aber auch um den Soldaten Mut zu machen.[3] So erinnert sich ein bayerischer Soldat, dass seine Mutter ihm vor dem Krieg mitteilte: „Gott hat es immer wieder recht gemacht, er wird mich auch diesmal nicht verlassen.“[4] Betrachtet man beispielsweise den Briefwechsel des Generals von Stosch fällt auf, dass bei Berichten über Kriegswendungen und gewonnene Schlachten viel weniger auf Gottesbeistand als auf eigenes Geschick verwiesen wird. Einer der wenigen Äußerungen von Stoschs, bei der er auf Gott rekurriert findet man am 29.11.1870. Diese bezieht sich allein auf die Tatsache, dass der General wieder zurück in Truppennähe versetzt wurde.[5] Einfache Soldaten beider Konfessionen dankten Gott im Gegensatz dazu nach überstandenen Schlachten für ihr überleben. Beispiele dafür sind: „[…] aber ich bin Gott sei Dank glücklich und unverletzt zurückgekommen“[6], „[…] aber Gott hat über mich gewacht.“[7] oder „Allein Gott hat mich nicht nur am Leben, sondern bei meiner beständigen Gesundheit erhalten.“[8]

Religiöse Konnotationen stellen nicht das eigentlich überraschende dar, sondern dieses ergibt sich erst aus der Beobachtung, dass die sonst in Konkurrenz zueinander stehenden Kirchen auf dem Feld des Krieges ungewöhnliche Harmonie zeigten. „Die konfessionellen Grenzen wurden in einem erstaunlichen Maße verwischt.“[9] Die ursprüngliche Scheu und Berührungsängste von Soldaten unterschiedlicher Konfession – somit auch zum großen Teil unterschiedlicher regionaler Herkunft – wurden schnell abgelegt. Sogar gegenüber Geistlichen und Gottesdiensten der anderen Konfession galt dieser Einstellungswandel. War es nicht möglich einen Gottesdienst der eigenen Konfession zu besuchen, besuchten Soldaten eben den der anderen Konfession, im Extremfall sogar einen in französischer Sprache.[10]

Neben diesen allgemeinen Betrachtungen sollen zwei weitere Differenzierungen das Bild religiös-regionaler Einstellungen deutscher Soldaten im Krieg von 1870/71 komplettieren. Zum einen bietet eine Untersuchung über Jesuiten im Deutsch-französischen Krieg die Möglichkeit die Stellung der großen katholischen und protestantischen Mehrheit zu einer Minderheit von Ordensleuten zu betrachten. Zum zweiten lässt sich die innerdeutsche Konfessionsproblematik anreißen, welche sich aus der Tatsache ergibt, dass der Erbfeind, das katholische Frankreich, Schutzmacht des Papstes, der Verlierer eines Krieges ist, der zur Gründung des Deutschen Reiches führte.

Die zum großen Teil in den Lazaretten eingesetzten Jesuiten hatten aufgrund ihrer ultramontanen Einstellungen einen schweren Stand – verständlicherweise vor allem bei den evangelischen Soldaten - und sahen sich Verdächtigungen und Anfeindungen ausgesetzt. Durch ihre Tätigkeit gelang ihnen jedoch schnell ein Umschwung in den Einstellungen der Soldaten herzustellen: “Zu den Protestanten war unser Verhältnis ein sehr freundliches. Hatten auch einige infolge von Vorurteilen anfangs einigen Argwohn und sogar etwas Furcht vor den katholischen Gestalten, so wich diese doch nach kurzer Zeit einer wahren Liebe und Freundschaft, als sie sahen, daß wir in keiner Weise einen Unterschied machten zwischen ihnen und den Katholiken.“[11] Von den Jesuiten selbst, lässt sich – wenn auch mit Einschränkungen - ein patriotisches Bild zum deutschen Vaterland wiedergeben.[12]

Der durch die unterschiedliche Konfessionsangehörigkeit basierende Konflikt innerhalb der deutschen Truppen hatte einen zusätzlichen Spannungsschub durch das ein Tag vor der französischen Kriegserklärung verkündete Unfehlbarkeitsdogma des Papstes erhalten. „Manche Protestanten brachten dieses Dogma – wie überhaupt die katholische Kirche – mit dem Ausbruch und dem Verlauf des Krieges in Verbindung.“[13] Die französische Kriegserklärung an die Preußen galt als faktische und das Unfehlbarkeitsdogma als geistige Kriegserklärung an die protestantische Welt, so ein preußischer Trivialmythos.[14] Das schon 1864 veröffentliche Syllabus errorum, das nicht nur den Liberalismus, sondern die ganze moderne Zivilisation als Irrweg verwarf, war ein weiterer Faktor, der zur Entfremdung von Ultramontanen und gemäßigten Katholiken oder Protestanten beitrug.[15] Im Kriege 1871 lassen sich Verdächtigungen gegenüber Katholiken auch in der Heimat feststellen. So wurde beispielsweise dem Stadtpfarrer von Waldenburg vorgeworfen, er habe Soldaten ermahnt: „Schießt nur nicht auf die Franzosen, denn, wenn es die Preußen gewinnen, müssen wir alle lutherisch werden.“[16]

Für die einzelnen Soldaten und ihre Militärgeistlichen im Feld lassen sich aber harmonischere Einstellungen den anderen Konfessionen gegenüber beobachten. Die enge Zusammenarbeit von Seelsorgern beider Konfessionen lief „ohne weitere Bekenntnisrücksicht“[17] ab und auch für die Soldaten selbst lässt sich feststellen, das „die besondere Situation des Krieges und die enge Verbindung in gemeinsamen Einheiten Konflikte verhinderte und oftmals ausgeprägte Harmonie schuf.“[18]

Lenkt man den Blick von den einzelnen Soldaten und Kontingenten auf die Kirche als Institution, lassen sich neben der Harmonie im Feld gegenüber den Soldaten Konkurrenzeinstellungen gegenüber der jeweils anderen Konfession ableiten. Auf dem Gebiet der Seelsorge, der Ausrüstung von Soldaten mit Gebets- und Gesangsbüchern und der Krankenpflege wollte keine Konfession der anderen nachstehen.[19]

[...]


[1] Weichlein, Siegfried: Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa, in Reihe: Geschichte kompakt, hrsg. von Brodersen, Kai / Haug-Moritz, Gabriele / Kintzinger, Martin / Puschner, Uwe, Darmstadt 2006, S. 20.

[2] Kühlich, Frank: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/781, . Eine Darstellung der Situation und der Erfahrungen der deutschen Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg, in Reihe: Europäische Hochschulschriften, Reihe III Geschichte und ihre Hilfswissenschaften Bd. 672, Frankfurt/Main et al. 1995, S. 104.

[3] Der Krieg sei „in der Hand Gottes zugleich ein Mittel, um die Völker sittlich zu reinigen und zu heben, und dadurch zugleich deren Entwicklung zu fördern.“ (Hervorhebung im Original) Stöckl, ?: Der Krieg im Lichte des Christenthums, in: Der Katholik 51 (1871) Bd. 1, S. 400, zit. nach: Rak, Christian: Ein großer Verbrüderungskrieg? Kriegserfahrungen von katholischen Feldgeistlichen und das Bild vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, in: Berding, Helmut / Heller, Klaus / Speitkamp Winfried (Hrsg.): Krieg und Erinnerung. Fallstudien zum 19. und 20. Jahrhundert, in Reihe: Formen der Erinnerung Band 4, hrsg. von Oesterle, Günther, Göttingen 2000, S. 46, Anm. 39.

[4] Kühnhauser, Florian: Kriegserinnerungen eines Soldaten eines königlich-bayerischen Infanterie-Leib-Regiments 1870-71, Partenkirchen o.J. (1898), S. 9f., zit. nach: Bührer, Werner: Volksreligiosität und Kriegserleben: Bayerische Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, in: Boll Friedhelm (Hrsg.): Volksreligiosität und Kriegserleben, in Reihe: Niedhart, Gottfried u.a. (Hrsg.): Jahrbuch für Historische Friedensforschung Bd. 6, Münster 1997, S. 54.

[5] „Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dem lieben Gott bin, daß er mich wieder zur Truppe zurück geführt hat;“ Stosch, Ulrich v. (Hrsg.): Denkwürdigkeiten des Generals und Admirals Albrecht v. Stosch, ersten Chefs der Admiralität. Briefe und Tagebuchblätter, 3. Auflage, Stuttgart/Leipzig 1904, S. 210.

[6] Roeder. Max, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. IV Kriegsarchiv, Kriegsbriefe 296, zit. nach: Bührer 1997: Volksreligiosität, S. 61.

[7] Geschichtsverein Hösbach (Hrsg.): Zum Jahreswechsel alles Gute. Kriegsbriefe des Paul Krebs, Hösbach 1990, zit. nach. Ebd.

[8] Jos. Schramm v. 26.12.1870 (korrigiert aus 1871), Bayeririsches Hauptstaatsarchiv, Abt. IV Kriegsarchiv, Kriegsbriefe 303, zit. nach.: Ebd.

[9] Kühlich 1995: deutsche Soldaten, S. 105.

[10] Vgl. Bührer 1997: Volksreligiosität, S. 57.

[11] Aus: Archiv der Norddeutschen Provinz der Jesuiten Abt. 0, Nr. 26/1, 2. Heft („Bericht der zweiten Turme“), S. 30 f., zit. nach: Rak 2001: Jesuiten, S. 133, Anm. 38.

[12] „Nun möge der liebe Gott diese und meiner Herrn Collegen Arbeit zum Heile der Kranken und zum Besten unseres Vaterlandes gereichen lassen.“ P. Nix an Feldpropst Namszanowski v. 4.9.1870, in: Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg PH 32/153 S. 302, zit. nach: Ebd., S. 143, Anm. 78.

[13] Kühlich 1995: deutsche Soldaten, S. 105.

[14] Vgl. Becker, Frank: Konfessionelle Nationsbilder im Deutschen Kaiserreich, in: Haupt, Heinz-Gerhard / Langewiesche, Dieter (Hrsg.): Nation und Religion in der Deutschen Geschichte, Frankfurt / Main 2001, S. 396, Anm. 18.

[15] Vgl. Birke, Adolf M.: Nation und Konfession. Varianten des politischen Katholizismus im Europa des 19. Jahrhunderts, in: Historisches Jahrbuch 116, (1996), S. 400.

[16] Der Oberamtmann von Künzelsau v. 22.7.1870, in: Diözesenarchiv Rottenburg, Bestand: G.1.1-A19.1a, zit. nach: Rak 2000: Verbrüderungskrieg?, S. 54, Anm. 93.

[17] Pfleiderer, E.: Erlebnisse eines Feldgeistlichen im Kriege 1870/71, München 1890, S. 122 f., zit. nach: Ebd. S. 52, Anm. 78.

[18] Kühlich 1995: deutsche Soldaten, S. 106.

[19] Vgl. Rak 2000: Verbrüderungskrieg?, S. 53 f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Konfession und Region im Spannungsfeld der Reichseinigung 1870-71
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Die nationale Bewegung im 19. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V56531
ISBN (eBook)
9783638511865
ISBN (Buch)
9783640827404
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konfession, Region, Spannungsfeld, Reichseinigung, Bewegung, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Daniel Heisig (Autor:in), 2006, Konfession und Region im Spannungsfeld der Reichseinigung 1870-71, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56531

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