Markt der Visionen oder Illusionen - Der Arbeitsmarkt im Hinblick auf die Berufswahl von Jugendlichen heute


Magisterarbeit, 2002

90 Seiten, Note: 2,6


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Teil I: Theoretische Grundannahmen/Thesen zum Wandel der Arbeit

1. Der Arbeitsbegriff im historischen Wandel
1.1. Antike: Arbeit als Gegenwelt zur Gesellschaft
1.2. Mittelalter und Bürgerzeit: Arbeitsgesellschaft als Ordnungsgesellschaft
1.3. Reformation: Entwicklung der neuzeitlichen Arbeitsethik
1.4. Moderne und Industriezeitalter: Die Arbeitsgesellschaft polarisiert Produktion und Reproduktion
1.5. Von der Industrie zu Dienstleistungen, Information und Kommunikation
1.6. Zusammenfassung

2. Aspekte von „Arbeit“ in der Gegenwart
2.1. Bedeutung der Erwerbsarbeit als Existenzsicherung
2.2. Identitäts- und Sinnstiftung durch Arbeit
2.3. Arbeit als wert-volle, als Status bestimmende Tätigkeit
2.4. Arbeitszeit in der Unterscheidung zu Freizeit

3. Neue Anforderungen an die Arbeitswelt zu Beginn des 21. Jahrhunderts
3.1. Gesellschaft
3.2. Wirtschaft
3.3. Unternehmen
3.4. Arbeitnehmer

4. Zukunftsprognosen
4.1. Arbeitszeitmodelle in der Postmoderne
4.2. Alternativen zur Erwerbsarbeit
4.3. Exkurs: Der Nonprofit-Bereich als „Dritter Sektor“

5. Zwischenergebnis

Teil II: Beobachtungen aus der Lebens- und Arbeitswelt

6. Berufswahl in der Praxis
6.1. Grundlegende Überlegungen zur Sozialisation für und durch den Beruf
6.2. Zur Ausbildung von Berufswahlkompetenzen in der Primärsozialisation
6.3. Beobachtungen aus der Berufswahlpraxis von Jugendlichen
6.4. Erwartungen an die Berufsanfänger

7. Die Vorstellungen der Jugendlichen selbst
7.1. Generelle Beobachtungen zu den Sinnvorstellungen von Jugendlichen
7.2. Umfrage-Ergebnisse zu den Erwartungen von Jugendlichen
7.2.1. Ansprüche an den Beruf
7.2.2. Zukunftskonzepte/Lebenslauferwartungen
7.2.3. Wertorientierungen

8. Gegenüberstellungen Umfrage-Ergebnisse – Thesen zum Wandel der Arbeit
8.1. Werden die in Teil I aufgestellten Thesen in der Praxis berücksichtigt?
8.2. In welchen Bereichen gibt es Korrektur- und Handlungsbedarf?
8.3. Fazit

Literaturnachweis

Einleitung

Im Mittelpunkt dieser Betrachtungen steht die Frage nach der Beurteilung des Arbeitsmarktes, seiner Chancen, Möglichkeiten und schließlich auch Konsequenzen für die Lebensplanung von Jugendlichen heute, die sich aufgrund des bevorstehenden Schulabschlusses mit ihrer beruflichen Zukunft auseinandersetzen müssen. Diese Auseinandersetzung ist von zwei Komponenten geprägt: Einmal geht es natürlich um die Realisierbarkeit des gewünschten Berufes für den Einzelnen, zweitens aber auch um die Identitätsfindung, die im Zusammenhang mit diesem Entscheidungsprozess erforderlich wird. Denn die damit verbundene „Selbstreflexivität und Zukunftsorientierung führen zu einem Begründungszwang, dem sich der Jugendliche stellen muss. Dazu gehören neben der Übernahme einer Berufsrolle die Ausarbeitung einer Weltanschauung und die Wahl einer Lebensform.“[1]

Die Interdependenz von Berufswahl und Identitätsfindung lässt sich nicht auflösen, wird aber leider in der gegenwärtigen Diskussion viel zu wenig beachtet. Es ist augenfällig, dass in der vielfältigen Literatur zum Thema der neuen Entwicklungen in der Arbeitswelt fast ausschließlich die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, für die Unternehmen und die Wirtschaftslage untersucht und kommentiert werden, aber es wenig Untersuchungen gibt, die andere als die ökonomischen, arbeitsmarktpolitischen und sozialen Konsequenzen für den Einzelnen ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen. Dabei ist die Beantwortung der Frage, wie die veränderten Bedingungen und Aussichten des Arbeitsmarktes die Einstellung der Erwerbstätigen beeinflussen, welche Reaktionen sie provozieren und – besonders - welche mentalen Anpassungen erforderlich sind, um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen, aus sozio-kultureller Sicht sicherlich ebenso interessant. Daher wird sich die vorliegende Arbeit vorrangig mit ebendiesen Fragen auseinandersetzen.

Zum Verständnis der heutigen Arbeitsmarktlage wird sich Teil I einleitend mit den theoretischen Grundannahmen, Thesen und Erkenntnissen zum Wandel der Arbeit beschäftigen, um im weiteren die Basis für eine Auseinandersetzung mit diesen zu schaffen. Aufgrund des in diesem Teil zusammengestellten Kriterienkatalogs kann dann in Teil II eine Begründung erfolgen, warum die dort zusammengefassten Vorstellungen der Jugendlichen als Vision oder eher als Illusion zu qualifizieren sind. Im Ergebnis gibt diese Arbeit also nicht lediglich einen Zustandsbericht des Arbeitsmarktes wieder, sondern stellt die Situation in einem größeren, ganzheitlichen Rahmen dar. Dabei wird versucht,

a) unseren heutigen Arbeitsbegriff unter Zuhilfenahme seiner historischen Herleitung neu zur Diskussion zu stellen,
b) ihn mit den aktuellen Vorstellungen von Jugendlichen abzugleichen, und
c) daraus Rückschlüsse für das Bildungs- und Gemeinwesen zu ziehen.

Als theorieleitende These habe ich die Aussage von Jeremy Rifkin übernommen, der er seinem Buch „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ voranstellt: „Seit dem Beginn der Moderne bemisst sich der Wert eines Menschen am Marktwert seiner Arbeitskraft. Jetzt, da diese Ware in einer automatisierten Welt zunehmend überflüssig wird, müssen wir den Menschen in seinem Verhältnis zur Gesellschaft neu definieren.“[2]

Teil I: Theoretische Grundannahmen/Thesen zum Wandel der Arbeit

1. Der Arbeitsbegriff im historischen Wandel

Um zu verstehen, dass der Arbeitsbegriff in seiner inhaltlichen Definition stark von der Gesellschaft geprägt ist, die ihn verwendet, sowie umgekehrt seine sozio-ökonomischen Folgen diese Gesellschaft wieder entscheidend beeinflusst[3], stelle ich der eigentlichen Fragestellung einen geschichtlichen Exkurs voran. Denn um sich auf neue Definitionen des Arbeitsbegriffes einlassen zu können (oder auch nur zu wollen), hilft das tiefere Verständnis der Interdependenz von Arbeits- und Gesellschaftsformen.

1.1. Antike: Arbeit als Gegenwelt zur Gesellschaft

In der griechischen Polis und im antiken Rom definierte sich Freiheit vornehmlich durch das Freisein von Arbeit. Arbeit gehörte nach Aristoteles zum Bereich des Notwendigen. Darin unterschied sich Arbeit vom praktischen Handeln, das über bloße Nützlichkeit hinausging. „Gesellschaft (...) wurde als Gegenwelt zur Arbeit definiert und durch die Kunst des öffentlichen Austausches, der Muße und des politischen Handelns ausgefüllt.“[4] Daher wurde von jedem, der nicht körperlich arbeiten musste, ein qualitativer Beitrag für das Gemeinleben in politischen Ämtern gefordert.

Der Arbeitsbegriff umfasste in der Antike nur die körperliche Arbeit; geistige Tätigkeit wurde als gesellschaftliches Privileg angesehen. Schwere körperliche Arbeiten wurden nur von Sklaven verrichtet, handwerkliche Arbeit vom Mittelstand; dagegen war der begüterten Schicht, den Philosophen und Staatsmännern die Muße als Privileg der Reichen vorbehalten. Sie definierte den Stand derer, die nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten, sondern sich befreit von der Last des täglichen Broterwerbs anderen Dingen wie der Kontemplation, der Diskussion und Spielen widmen konnten. Muße bezeichnete das „tätige Nichtstun“, also eine spezifische Form der schöpferischen Verwendung von freier Zeit. Sie galt als Möglichkeit und zugleich Bedingung der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung.

Mit dem Arbeitsbegriff der Antike war also keine Wertschätzung verbunden, dem Arbeitenden war sogar im Gegenteil ein höherer gesellschaftlicher Rang verwehrt. „Schloss damals Arbeit die Menschen von der Gesellschaft aus, so ist Arbeit heute zum fast alternativlosen Wert- und Integrationskern moderner Gesellschaften geworden.“[5]

1.2. Mittelalter und Bürgerzeit: Arbeitsgesellschaft als Ordnungsgesellschaft

Im Mittelalter hatte sich der Arbeitsbegriff wesentlich verändert. Der Ausspruch des Thomas von Aquin: „Jeder Tätige vollendet sich in seinem Tätigsein“ zeigt, dass ein bedeutsamer Wandel stattgefunden hatte: Der Mensch vollendet sich nicht mehr in seinen Mußezeiten, sondern in dem, was er schafft, sei es körperlich oder geistig. (Nebenbei sei hier bemerkt, dass der Begriff des „Tätigseins“ auch heute wesentlich wertneutraler ist als der Begriff der „Arbeit“, dem, geprägt von der biblischen Herleitung des „im Schweiße deines Angesichts“, immer ein negativer Beigeschmack von Mühsal anhaftet.)

Zwar konnte es sich auch der mittelalterliche Adel leisten, nicht arbeiten zu müssen. Doch „Arbeit adelte“ die niederen Bevölkerungsschichten im Sinne des damit erworbenen Anspruchs auf einen Platz in der Gesellschaft. Das Aufkommen des Wortes „industria“, das ursprünglich die „fleißige Gesellschaft“ meint, dokumentiert etymologisch diese Veränderung. „Insofern war dieser Epochenbegriff ein Kampfbegriff, der sich gegen die Herrschaft des unproduktiven Adels wandte.“[6]

Schon im beginnenden bürgerlichen Zeitalter des 16. Jahrhundert befassten sich die Gesellschaftsutopien mit den Nachteilen der „industria“ wie Unterdrückung, Ausbeutung und Erniedrigung. Die drei großen Utopisten dieser Zeit: Thomas Morus, Tommaso Campanella und Francis Bacon verfolgten aufklärerische Ziele, die auffallende Ähnlichkeiten mit heutigen Problematiken aufweisen:

Was ihnen allen (...) gemeinsam ist, das ist der Wille und das Bewusstsein zur Regelung und Selbstregulierung der menschlichen Angelegenheiten nach kollektiven Maßstäben und, was noch wichtiger ist, dass die Hoffnung auf die durch Wissenschaft und Industrie vervielfältigte Produktion des gesellschaftlichen Reichtums Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung eines Tages überflüssig machen werden. Verkürzung der Zeit, in der die Menschen zur Arbeit für die Bewältigung der eigenen Not und für die gemeinschaftlichen Angelegenheiten gezwungen sind, ist ein durchgehender Programmpunkt der Gesellschaftsutopien der modernen Welt.[7]

Mit der wachsenden Bedeutung der Bürgertums wurde die Arbeit immer weiter aufgewertet: Nicht nur versuchte sich der Bürger gesellschaftlich zu etablieren, vordringlicher noch musste er erst einmal auf der psychischen Ebene seine Existenz sichern. In diesem Sinne war ihm Arbeit ein vorrangiges körperliches Bedürfnis. Dabei wird

(...) die Bereitstellung von bezahlter Arbeit (...) zum entscheidenden Instrument der Bekämpfung von Armut und zugleich zur Einbindung der Menschen in eine gesellschaftliche Ordnung. Arbeitsgesellschaft heißt demnach Ordnungsgesellschaft. (...) Der tägliche Rhythmus der Arbeit, ihre Disziplin, ihre Werte, ihr Verständnis von Selbstverantwortlichkeit und Kooperation entsprechen damit auch einem Herrschaftsanspruch, nämlich dem der Herren der Arbeitsgesellschaft gegenüber ihren Arbeitern und Angestellten. Dieser Ordnungsanspruch der Arbeitsgesellschaft hat sich erhalten, ja er ist zu einem anthropologischen Selbstverständnis des Menschen, der seine Identität und Persönlichkeit letztlich nur in Arbeit ausbildet, aufgewertet und naturalisiert worden.[8]

An dieser Stelle ist es wichtig zu resümieren, dass der Bürger ursprünglich als Arbeits bürger gedacht war. Die Betonung lag dabei, wie Ulrich Beck herausstellt, auf „Arbeit“ und nicht auf „Bürger“, da gesellschaftliche Anerkennung und Integration dem Arbeitnehmerstatus, nicht dem Bürgerstatus, entsprang:

An den bezahlten Arbeitsplatz war alles gekoppelt: Einkommen, Ansehen, Alterssicherung usw. Die Erwerbsarbeit bildete also das Nadelöhr, durch das sich jeder, jede einfädeln musste, wollte er oder sie als Vollbürger in der Gesellschaft präsent sein. Der Staatsbürgerstatus galt demgegenüber als abgeleitet. Über ihn konnte man weder eine materielle Existenz sichern noch gesellschaftliche Anerkennung gewinnen.[9]

Reformation: Entwicklung der neuzeitlichen Arbeitsethik

Durch die calvinistische Ausformung des Protestantismus entwickelte sich die für die neuzeitliche kapitalistische Gesellschaft typische Arbeitsethik: Der berufliche und wirtschaftliche Erfolg in der Gemeinde galt als Zeichen der Auserwähltheit von Gott, so dass die Verwirklichung im Beruf nicht mehr nur ein Gebot der materiellen Notwendigkeit, sondern auch des ideellen Strebens war. Damit war der Grundstein gelegt für die sich immer vehementer durchsetzende Überzeugung, dass sich der Mensch nicht einfach in allgemeinem Tätigsein vollendet, sondern in seinem Beruf, der gleichzeitig Berufung ist. Muße galt demgegenüber zwar noch als humanistisches Ideal, war aber Statussymbol der gehobenen Klasse und daher für den Normalbürger nicht erreichbar.

In der Aufklärung setzte sich diese Auffassung von der Bedeutung der Arbeit in einer säkularisierten Version weiter durch: „Der Bürger, der seinen Glauben an Gott verloren hat, glaubt an die Gottähnlichkeit seiner Hände Arbeit, die alles, was ihm heilig ist, schafft...“[10] Damit wurde die Abhängigkeit von einem Arbeitsplatz als persönlichem Identitätsfaktor, wie sie sich spätestens in der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts manifestierte, vorbereitet. Gleichzeitig entstand damit der Zwang zu Selbstverarbeitung, Selbstplanung und Selbstherstellung von Biografie, da nichts mehr von Gott gegeben, sondern selbst verantwortet war.[11]

1.3. Moderne und Industriezeitalter: Die Arbeitsgesellschaft polarisiert Produktion und Reproduktion

In der Neuzeit definierte „sich der Mensch durch das, was im Altertum seinen Ausschluss von der Gesellschaft bedeutete: durch seine Erwerbsarbeit.“[12] Arbeit bedeutete Mühe, aber auch die Chance, sich gesellschaftlich zu etablieren. Die Gesellschaft wurde zur Arbeitsgesellschaft, deren Werte und Normen auf den Normalitätsstandard eines geregelten Arbeitslebens bezogen waren: Arbeitstugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Unterordnung bestimmten auch das gesellschaftliche Leben. Die Standardisierung der Berufe um die Jahrhundertwende verstärkte diesen Effekt noch.

Noch Hegel hatte von Arbeit als Tun gesprochen, doch bei Marx wird Arbeit zur Gattungs- bzw. Lebenstätigkeit, sie bezeichnet die Grundbestimmung des Menschen. „Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewusstseins. (...) Menschliche Arbeit kann danach als Weise menschlichen Seins nicht vom Menschen abgelöst werden“[13], darin besteht die Wesensbestimmung des Menschen. In der Auseinandersetzung mit der Natur vergegenständlicht sich der Mensch, da „ihm die Ergebnisse seiner Arbeit als Objektivationen seines menschlichen Seins gegenübertreten.“[14] Wieland Jäger fasst zusammen: „Der Mensch ist also gesellschaftlich, wenn er tätig ist, und ist Mensch erst durch die Art und Weise seiner bewussten Lebenstätigkeit.“[15]

Die Geschichte der Entwicklung industrieller Produktion und dazugehörender Reproduktionsformen lässt sich auch als Geschichte einer fortlaufenden Verdrängung und Substituierung natürlicher Tages- und Lebenszeitrhythmen durch gesellschaftlich konstituierte Rhythmen verstehen, die wiederum vor allem durch den Rhythmus der Erwerbsarbeit hervorgebracht worden sind und werden und die die Industrialisierung, der technische und schließlich auch der technologische Fortschritt möglich machte.

Im Zusammenhang mit industrieller Fertigung kommt zum ersten Mal der von Karl Marx geprägte Begriff der „entfremdeten Arbeit“ auf. Der in nicht selbstbestimmter Arbeit gefertigte Gegenstand ist ein Produkt, das dem Produzenten als ein fremdes Wesen, als eine von ihm unabhängige Macht gegenübertritt. „Das Individuum produziert Waren, aber sie gehören ihm nicht. Statt dessen ist es selbst zur Ware degradiert worden.“[16] Daher bedeutet

Entfremdung (oder Entäußerung) (...) für Marx, dass der Mensch sich in seiner Aneignung der Welt nicht als Urheber erfährt, sondern dass die Welt (die Natur, die anderen und er selbst) ihm fremd bleiben. Die Aneignung der Natur erfolgt vor allem über Arbeit, so dass sich die Entfremdung und ihr Entstehungszusammenhang vor allem auf die Arbeit beziehen.[17]

Hier löst sich der Arbeitsbegriff der Moderne zunehmend mehr von menschlicher Selbstbestimmung, gleichzeitig bindet er immer fester den ökonomischen Zwang zur Arbeit mit ein. Die entlohnte Arbeit wird zum Maßstab, an dem das ganze Leben gemessen wird. „Damit büßt der Mensch das spezifisch Menschliche ein; was Mensch sei, wird Funktion.“[18] Typisch für die Industriegesellschaft war ein Arbeitsethos, in dem nur reine Leistung und nackte Funktion zählte.

Es ergibt sich also eine Zweiteilung: In der industriellen Arbeitsgesellschaft werden Leistungsfähigkeit, Arbeitsfreude, Verlässlichkeit honoriert und auf der Gegenseite balanciert durch Stabilität im Privatleben. Identitätsfragen sind verlagert von Produktion auf Reproduktion (Konsum und Freizeit), was Marx als „proletarische Entfremdung“ bezeichnet und so umschrieben hat: „In der Arbeit außer sich, außer der Arbeit bei sich.“[19] Erst aus diesem Kontrast hat sich „Freizeit“ im modernen Sinn entwickeln können. „Damit verkürzte sich allerdings der moderne Freiheitsanspruch auf die von fremdbestimmter Arbeitszeit abgetrennte ‚Restzeit‘ reproduktiver Entspannung.“[20]

1.4. Von der Industrie zu Dienstleistungen, Information und Kommunikation

In den letzten Jahrzehnten sind durch die Automatisierung und Technologisierung speziell des produzierenden Gewerbes immer mehr Menschen aus den Zwängen tayloristischer Arbeitsbedingungen befreit worden. Gleichzeitig hat sich der Dienstleistungssektor quantitativ immens vergrößert; der damit verbundene qualitative Zuwachs der Bedeutung von Dienstleistung (sowohl auf der Seite der Dienstleistungsbereiten als auch seitens des Kundenanspruches) verändert den Lebensalltag zunehmend weiter. Gleichzeitig hat eine Demokratisierung des Wissens stattgefunden. Heute wird die Arbeitswelt von den Bereichen Information und Kommunikation dominiert. Die dadurch bedingten Auswirkungen auf die Sozialstruktur sind eine Destandardisierung der Arbeitsverhältnisse, Verschiebungen in der Berufs- und Qualifikationsstruktur und ein Wandel der Arbeitsbeziehungen.[21]

Weitere einschneidende Veränderungen in der Arbeitswelt entstanden im Zuge der fortschreitenden Gleichberechtigung und der im 20. Jahrhundert institutionalisierten Bildungschancen für Frauen. Frauen drängten und drängen auf den Arbeitsmarkt, suchen sich dort ihre Karrieren und lösen sich in ihren Lebensentwürfen immer mehr von tradierten Vorstellungen. Das bringt zwar Unsicherheiten, eröffnet aber rein theoretisch ebenfalls neue Möglichkeiten für die Männer: Sie sind freier, die Ernährerrolle gegen den Hausmann einzutauschen, könnten auf eine berufliche Karriere auch ganz verzichten oder sich zumindest Auszeiten für die Familie oder andere privaten Interessen nehmen. (Es sei an dieser Stelle allerdings schon relativierend angemerkt, dass die Lebenspraxis den theoretischen Möglichkeiten nicht gerecht wird.)

Kurz: Die gestiegenen Bildungsmöglichkeiten und der technologische Fortschritt hat die Individualisierung von Lebensentwürfen entscheidend vorangetrieben. Damit verbunden ist ein erhöhter Anspruch an Selbstbestimmung des persönlichen Lebens, und diese wiederum lässt sich ohne die humanistische Sinnfrage nicht verwirklichen.

Die sich mit der Computertechnologie immer rasanter verändernden Arbeits- und damit auch Lebensbedingungen werden in den Bezeichnungen verdeutlicht, die die Soziologen für die Gesellschaft der letzten Jahrzehnte geprägt haben: „Von der Industrie- zur Leistungsgesellschaft (Opaschowski 1973), Risikogesellschaft (Beck 1986), Erlebnisgesellschaft (Schulze 1992), Optionsgesellschaft (Klages 1993) oder Multioptionsgesellschaft (Gross 1994)“.[22]

Beck sieht grundlegende Änderungen voraus:

Ähnlich wie im Übergang von der traditionalen Gesellschaft zur Ersten Moderne der Agrarsektor schrumpfte und der Industrie- und Dienstleistungssektor expandierte, gilt es nun, im Übergang zur Zweiten Moderne den Schritt von der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft in die Wissens- und Informationsgesellschaft zu wagen und zu schaffen. Dieser Übergang (...) wird nicht nur die Arbeitswelt grundlegend verändern, sondern sehr viel tiefgreifender den Arbeitsbegriff selbst. (...) Wissen, nicht Arbeit, wird zur Quelle gesellschaftlichen Reichtums.[23]

Das Verschwinden traditioneller Arbeitsformen zwingt zum Umdenken. Nach Beck sind wir „Augenzeugen einer historischen Kehrtwende in der Evolution der Arbeitsgesellschaft: Stand die Erste Moderne unter den Vorzeichen der Normierung und Standardisierung der Arbeit, so zeichnet sich mit der Zweiten Moderne das Gegenprinzip der Individualisierung der Arbeit ab.“[24] Und Rifkin prophezeit: „Wir stehen am Beginn tiefgreifender technologischer und sozialer Umwälzungen, wie sie die Geschichte noch nicht gesehen hat.“[25]

1.6. Zusammenfassung

Es lässt sich also zusammenfassen:

Arbeit umfasst im historischen Rückblick die gegensätzlichen Bestimmungen Freiheit und Mühsal, Selbstverwirklichung und Selbstentfremdung, Produktivität und Ausbeutung. Wie der Historiker Werner Conze (1976) nachzeichnet, hat sich unser Arbeitsbegriff aus unterschiedlichen ideologischen Positionen von der Antike über die mittelalterliche Philosophie und Theologie, Reformation und Aufklärung, die bürgerliche Gesellschaft, die sozialistische Revolution und die Industriegesellschaft zu einer zweckgerichteten, in das System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Berufe eingefügte, nutzbringende Tätigkeit gewandelt.[26]

Mit diesem geschichtlichen Exkurs sollte deutlich geworden sein, dass der Arbeitsbegriff nicht per se, quasi absolut existiert, sondern von sozio-kulturellen Bedingungen abhängig ist, wie er reziprok auf diese Bedingungen wieder entscheidenden Einfluss hat. (So heißt es auch im „Wörterbuch für Soziologie“: „Gesellschaften werden in ihren Abhängigkeits- und Machtverhältnissen wie auch in ihren Wertformen entscheidend durch die geschichtlichen Anteile ihrer Arbeitsformen charakterisiert.“[27] ) Die gegenwärtige Diskussion über arbeitsweltliche Zusammenhänge scheint allerdings geprägt von einer mittlerweile nicht mehr zeitgemäßen Definition von Arbeit. So wird beispielsweise von Arbeits-Losigkeit gesprochen als sei sie Schicksal, als lebten wir in einer Gesellschaft der Untätigen und als gäbe es zukünftig für immer mehr Menschen keinen anderen Ausweg als die Sozialhilfe. Die Aufgabe der Zukunft – und damit der heranwachsenden Generation - besteht aber nicht darin, die Verhältnisse an eine veraltete und realistischerweise nicht mehr umsetzbare Vorstellung von Vollbeschäftigung anzupassen, sondern umgekehrt darin, den Arbeitsbegriff mit neuen Inhalten anzufüllen, die den real gegebenen Umständen entspricht. Das Losgelöstwerden aus vorgegebener Arbeit und Beschäftigungsverhältnissen erweist sich damit als Chance zu selbstbestimmter Tätigkeit[28], der eigenverantwortlich Sinn und Richtung gegeben wird.

Beck weist darauf hin, dass der Beruf seine ehemaligen Sicherheiten und Schutzfunktionen eingebüßt hat. Damit

verlieren die Menschen ein mit der industriellen Epoche entstandenes, inneres Rückgrat der Lebensführung. (...) Die Industriegesellschaft ist auch außerhalb der Erwerbsarbeit in der Schematik ihres Lebens (...) durch und durch eine Erwerbsgesellschaft. Wenn ihr ein Systemwandel der Erwerbsarbeit bevorsteht, dann steht ihr ein Gesellschaftswandel bevor.[29]

Dies sollte als Chance zur Gestaltung neuer Lebens- und Arbeitswelten verstanden werden. Deshalb müssen gerade Jugendlichen die Möglichkeiten, die die Gesellschaft als Alternativen zur Lohnarbeit industriellen Musters bietet, aufgezeigt werden. Zur Illustrierung dieser Möglichkeiten werde ich im nächsten Abschnitt kursorisch das Spektrum darstellen, das sich mit dem Begriff „Arbeit“ in unserer industrialisierten Dienstleistungsgesellschaft verbindet.

2. Aspekte von „Arbeit“ in der Gegenwart

2.1. Bedeutung der Erwerbsarbeit als Existenzsicherung

Nach Lothar Böhnisch und Werner Schefold werden in der Arbeit Themen der Kontinuität und der Identität der Gesellschaft verhandelt:

Arbeit fungiert als Medium individueller Existenzsicherung, als Struktur einer Ordnung des Alltags, als Leitlinie von Lebensplanung, als Material für Sinngebung, als Produzent sozialer Sicherheit, als Bezugsfeld von Bildung und Erziehung wie als Vehikel von Zukunftssicherung. (...) Arbeit existiert demnach als bezahlte Arbeit in der Form von Erwerbsarbeit, deren Zweck die Produktion von Gütern und Dienstleistungen in der Form von Waren ist; sie existiert ferner in verschiedenen Formen unbezahlter Arbeit, die im weitesten Sinn der Reproduktion des täglichen Lebens dient, all das umfasst, was an Tätigkeit notwendig ist, um als Einzelner oder als soziale Gruppe überhaupt existieren zu können. (...) Erwerbsarbeit – und nur sie allein – dient als Medium sozialer Statuszuweisung, sozialer Differenzierung und Stratifizierung. (...) Erwerbsarbeit wird deshalb gesellschaftlich eindeutig höher bewertet als ‚reproduktive‘ Arbeit.[30]

Dieter Frey fasst die inhaltliche Bestimmung der Arbeit in unserer Gesellschaft wie folgt zusammen:

Arbeit, besser – in unserer Leistungsgesellschaft und –kultur – bezahlte Arbeit, ist der wohl zentralste Faktor, der Erleben und Verhalten bestimmt. Bezahlte Arbeit

- liefert die existentiellen Grundlagen,
- beeinflusst unseren Selbstwert und bietet Anerkennung durch andere für unsere Leistung,
- gibt einen Lebenssinn – für viele sind Arbeit und die damit verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten der „Sinn“ des Lebens schlechthin,
- eröffnet bessere Zukunftschancen für die eigenen Kinder durch Vermittlung von Selbstbewusstsein, Anregung und Ausbildung,
- verleiht uns eine personale Identität und, zusammen mit den Arbeitskollegen, eine soziale Identität,
- ist ein entscheidender Faktor für persönliche und gesellschaftliche Lebensqualität.[31]

Erwerbsarbeit sorgt demzufolge für „soziale Verortung“: Sie gibt dem Menschen für sich und andere einen Kontext vor, indem sie die Frage, wer sie im Verhältnis zueinander sind, behandeln und beantworten können. (Allerdings wirkt die Arbeitsgesellschaft in ihren Differenzierungen, speziell in der Einteilung zwischen erwerbstätig und arbeitslos sein, auch desintegrierend.)

Arbeit ist also zweierlei: Sie dient als Medium der Strukturierung des täglichen Lebens und als Struktur, welche die Abläufe eines ganzen Lebens prägt, in deren Rahmen Lebensentwürfe entwickelt und realisiert werden.

Auf eine weitere Konsequenz der Übernahme arbeitsweltlicher Strukturen in die Lebenswelten macht Johannes Berger aufmerksam:

Erwerbs- und Berufstätigkeit [hat] sich im Laufe einer historischen Entwicklung so sehr (...) durchgesetzt, dass die auf marktwirtschaftliche Vorgänge abgestellte Statistik die tätige Bevölkerung mit der erwerbstätigen identifiziert und z.B. Frauen, die ihre Zeit ausschließlich hausfraulichen Tätigkeiten und mütterlichen Betätigungen widmen, nicht zu der tätigen Bevölkerung rechnet. Arbeit konstituiert auf diese Weise jene Form der Alltäglichkeit, die subjektiv als Ordnung, auch als Zwang erscheinen mag, auf jeden Fall aber eine Struktur abgibt, die weit über natürliche Abläufe hinaus Regelmäßigkeit stiftet.[32]

2.2. Identitäts- und Sinnstiftung durch Arbeit

Erst durch Arbeit konstituiert der Mensch sein Menschsein, da er das einzige Lebewesen ist, das seine Überlebensmittel planmäßig und organisiert aus Arbeit gewinnt. „Das Interesse der Lebenserhaltung lässt sich von dem Bedürfnis nach Herstellung und Erhaltung der Identität gerade unter den entfremdenden Bedingungen industrieller Arbeit nicht trennen.“[33] Auch nach Volmerg ist es ein für den Arbeitenden typisches Bedürfnis, sich in der Tätigkeit als Subjekt zu bestätigen bzw. zu erhalten.

Für Marie Jahoda ist Arbeit ein unverzichtbarer Teil der menschlichen Identität, der selbst durch noch so sinnvoll ausgefüllte Freizeit nicht ersetzt werden kann.[34] Dies wird bestätigt durch Untersuchungen, nach denen Langzeitarbeitslose pathologische Symptome zeigen, die denen Sterbender ähneln. „Die Auffassung, dass nur lebt, wer einer produktiven Arbeit nachgeht, ist so stark in ihrem Bewusstsein verankert, dass sie nach dem Verlust ihres Jobs alle klassischen Anzeichen eines nahen Todes zeigen.“[35]

Nun hat Arbeit für den Lebensunterhalt heute eine geringere Bedeutung als im industriellen Zeitalter und verliert dadurch gegenüber der Lebenswelt ihre Zentralität. Zunehmend werden andere Bereiche für die Entwicklung von Identität und Solidarität entscheidend. Trotzdem behält sie als Voraussetzung für die Entwicklung der Persönlichkeit ihre Bedeutung, denn wenn man die Maslowsche Bedürfnispyramide als Folie nimmt, müssen erst einmal die physischen und psychischen Bedürfnisse erfüllt sein, bevor man sich höheren Zielen widmen kann. Und materiell werden diese Bedürfnisse heute immer noch durch Erwerbsarbeit abgesichert.

Die Beziehungen zur Arbeit geben den verschiedenen Altersphasen Sinn im Hinblick auf eine zeitliche Einordnung im Lebenslauf. Biografien organisieren sich in Vergangenheit und Gegenwart um den roten Faden von „Arbeitsverhältnissen“. Die Tatsache des Arbeiten-müssens, in der Gesellschaftsstruktur angelegt, wird deshalb von den meisten Menschen nicht (allein) als äußerlicher Zwang empfunden, sondern sinnhaft gedeutet und auch positiv emotional besetzt. Arbeit ist jedoch ebenso ein Modus der Entfremdung, des Verfehlens von Sinn.[36]

Wenn nun Sinn in der Arbeitswelt knapp wird und ihr damit Legitimation und Motivation entzogen werden, verlagert sich die Suche nach Sinn und Identität in andere Lebensbereiche (Freizeit, Konsum, Massenkommunikation), die als sozialisatorisches Milieu die Führung übernehmen. Allerdings vermitteln sie andere Werte, als sie das klassische Arbeits- und Leistungsethos forderte; stattdessen gewinnen humanistische Qualitäten an Bedeutung, von denen Hannah Arendt noch 1960 gemutmaßt hatte, dass sich die Arbeitsgesellschaft darum nicht von den Fesseln der Arbeit befreien kann, weil ebendiese Gesellschaft nicht einmal mehr vom Hörensagen die „höheren und sinnvolleren Tätigkeiten kennt, um derentwillen sich die Befreiung (...) lohnen würde.“[37]

Viktor Zihlmann hat ebenfalls die „Sinnfindung als Problem der industriellen Gesellschaft“[38] beschrieben. Dabei stellt er klar heraus, dass es auf der Suche nach dem Sinn nicht um „Sinngebung“ geht, also einer passiv-rezeptiven Haltung, sondern um das aktive, eigenverantwortliche Auffinden von Sinn. Ein Weg zu umfassender Wertverwirklichung erfordert seiner Meinung nach eine erhöhte Gesinnungsethik und verminderte Zweckethik.

Gertrud Nunner-Winkler weist darauf hin, dass „Beruf (...) spontan mit Sinnstiftung zusammen gedacht [wird].“[39] Doch „das Problem der Sinnstiftung der individuellen Biografie wird zunehmend weniger auf der Ebene des kulturellen oder sozialen Systems gelöst, sondern bleibt dem einzelnen Individuum überlassen.“[40] Die Notwendigkeit, dass man erwerbsmäßig arbeiten muss, um sein Leben fristen zu können, wird zwar pragmatisch anerkannt[41], entscheidend ist jedoch, dass diese Notwendigkeit nicht mehr als sinnstiftendes Faktum begriffen wird, auf das sich ein gesamtes Leben gründen lässt. Die Lebensentwürfe, in denen die verberuflichte Arbeit ihrer faktischen und sinnhaften Bedeutung nach das zentrale Element des Lebens dargestellt hat, sind historisch überholt. Der Sinn des Lebens lässt sich nicht mehr auf die berufliche Tätigkeit reduzieren, die Ansprüche sind gestiegen:

In den siebziger und achtziger Jahren wurde vielfach das Sinnvakuum in der Freizeit beklagt und kritisiert. Jetzt löst auch die Freizeit ihren Anspruch auf Sinnerfüllung des Lebens ein (...). [Trotzdem bleibt] die subjektive Bedeutung der Arbeit als Lebensunterhalt und Lebensqualität auch in Zukunft erhalten, ja die Sehnsucht nach Sinnerfüllung im Arbeitsleben wird eher größer.[42]

Deshalb ist es „denkbar, dass vieles, was an sozialer Kompetenz, an Anspruchsniveau, an Bereitschaft zur Produktivität außerhalb der Arbeitswelt entwickelt wird, durchaus auch innerhalb der Arbeitswelt produktiv werden könnte: soziale Kreativität, die Bereitschaft zur Verantwortung, das Bedürfnis nach kommunikativer Einbindung.“[43]

Dazu stellt Wilhelm Schumm[44] fest, dass heute aus sozial- und arbeitswissenschaftlicher Sicht die Forderung nach einem Einsatz des Menschen, der seinen Eigenschaften, Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht, zugenommen hat. Selbstverwirklichung, Persönlichkeitsentfaltung und innere Befriedigung verlagern sich wieder aus dem Bereich der Freizeit in den der Arbeitssphäre, was bedeutet, dass die Menschen nicht mehr bereit sind, jede beliebige Arbeit aufzunehmen.

2.3. Arbeit als wert-volle, als Status bestimmende Tätigkeit

Arbeit ermöglicht die Teilhabe an der Gesellschaft dadurch, dass man durch sie einen gesellschaftlichen Status erhält. Wie oben gezeigt wurde, ist in der kapitalistischen Produktionsgesellschaft diese Zuordnungsfunktion ganz von der Erwerbsarbeit bestimmt. Eine dieser Funktionen besteht darin, Einkommen zu verteilen. Diese Funktion kann Arbeit freilich nur haben, wenn sie in der Form von Lohnarbeit realisiert wird. Alle Tätigkeitsformen unterhalb bezahlter Arbeit, mögen sie auch in hohem Maße sozialintegrativ wirken, führen nicht zu wirtschaftlicher Selbständigkeit.[45]

Nach Ralf Dahrendorf bestimmt Erwerbsarbeit für den überwiegenden Teil der Bevölkerung „den materiellen Status wie den immateriellen Geltungsrang“ und fungiert deshalb als konstituierende Grundlage institutionalisierter Normen und Werte der Gesellschaft.[46]

Dies hat in vieler Hinsicht Auswirkungen. In der industriellen Produktion gilt als „wert-volle“ Arbeit immer mehr nur die, die mit den anerkannten Mitteln des Marktes (also über Geld) entlohnt wurde. Die Arbeit, die verrichtet werden muss, um den Reproduktionsprozess zu unterhalten, der wiederum den Produktionsprozess erhält, wird statistisch nicht erfasst, daher nicht beachtet, ist bedeutungslos, wertlos. Die Konsequenzen eines solchen Denkens zeigen sich im Verständnis von einer „Normalbiografie“: Wer heute keine bezahlte Arbeit entrichtet, ist entweder zu jung, zu alt oder zu krank (und durch alle drei Faktoren „legitim“ von der Arbeit befreit). Wer in keine dieser Kategorien fällt, hat Schwierigkeiten, seine Arbeits-losigkeit zu rechtfertigen, und zwar nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. Denn wer seine Existenzberechtigung lediglich in entlohnter beruflicher Arbeit zu finden glaubt, wird nicht nur Problem damit haben, sich mit weniger Erwerbsarbeitszeit zufrieden zu geben, sondern auch damit, sich bei länger anhaltender Arbeitslosigkeit – die heute realistischerweise jeden einmal betreffen kann – sein Selbstwertgefühl zu erhalten.

Die entlohnte Arbeit ist also in der Produktionsgesellschaft zum Dreh- und Angelpunkt der Biografie geworden und hat damit andere Formen der Arbeit (z.B. gesellschaftliche Arbeit) in ihrem Stellenwert in an den Rand der Aufmerksamkeit gedrängt. In der Neubewertung der materiellen und ideellen Honorierung aller Formen von Arbeit liegt aber ein wichtiger Ansatzpunkt, vielleicht der wichtigste überhaupt, für eine zukunftsfähige Gesellschaft: Wenn keiner mehr bereit wäre, Reproduktionsarbeiten zu verrichten (Kinder aufziehen, Pflegebedürftige betreuen, Unterstützung des gesellschaftlichen Lebens, usw.), wäre auch der Fortbestand der Gesellschaft nicht mehr gewährleistet. Deshalb ist eine Beteiligung aller gefordert:

Mit der stärkeren Beteilung der einzelnen an der Gestaltung der Gesellschaft hat der Prozess des gesellschaftlichen Fortschritts eine neue Stufe der Emanzipation erreicht. Diese fordert nicht den unselbständigen Lohnempfänger, dem Staat, Unternehmerschaft oder Gewerkschaft alle Entscheidungen abnehmen, sondern den kompetenten, selbstbewussten, mündigen Mitarbeiter als Mitunternehmer, der zwar eines verbindlichen Rahmens gesellschaftlich organisierter Solidarität niemals wird entraten können, der nichtsdestoweniger jedoch in diesem Rahmen seine Arbeit sowie seinen Berufs- und Lebensweg weitgehend selber verantwortet.[47]

In der Teilhabe an der gesellschaftlich organisierten Solidarität liegt ein wichtiges Legitimationsmerkmal von Arbeit: Erwerbsarbeit trägt letztlich auch den indirekten Tausch von Steuern, Abgaben, Beiträgen auf der einen Seite und sozialstaatlichen Dienstleistungen wie Bildung und sozialer Sicherheit auf der anderen Seite. Eingedenk dieser Tatsache schließt Horst Opaschowski:

Trotz kürzerer Lebensarbeitszeit (bei gleichzeitig höherer Lebenserwartung) muss die Tätigkeits- und Leistungsgesellschaft in Zukunft unter allen Umständen erhalten bleiben. Untätigkeit und ein Leben ohne Herausforderung kann der Mensch auf Dauer nicht ertragen. Politik und Gesellschaft müssen über neue Beschäftigungsformen mit Ernst- und Sinncharakter nachdenken und den einzelnen Bürger auch mehr fordern, d.h. ihm wieder mehr soziale Verantwortung zurückgeben.[48]

2.4. Arbeitszeit in der Unterscheidung zu Freizeit

Außerhalb der Arbeitswelt, also in der Freizeit (der „arbeits-freien“ Zeit), waren zunächst kaum genug Stunden am Tag übrig als Essen, Schlafen, Körperpflege usw. in Anspruch nahm („reproduktive Freizeit“). Daneben stand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wenig „verhaltensbeliebige“, private Zeit zur Verfügung. Doch seitdem hat dieser Teil des Lebens mit der Verkürzung der Tages-, Jahres- und Lebensarbeitszeit laufend zugenommen. Die Freizeitgestaltung wurde immer mehr dominiert von einer hedonistischen Genussorientierung, welche dem Arbeitsethos prinzipiell komplementär gegenüber steht und die die Dichotomie zwischen Arbeitszeit und Freizeit noch verstärkt.

Herbert Marcuse schrieb schon zu Beginn der Computerrevolution prophetisch:

(...) je mehr die Arbeit für den Einzelnen zu etwas Äußerlichem wird, desto weniger berührt sie ihn im Bereich des Notwendigen. Von den Erfordernissen der Herrschaft befreit, führt die quantitative Abnahme der Arbeitszeit und Arbeitsenergie zu einer qualitativen Wandlung im menschlichen Dasein: Die Freizeit und nicht die Arbeitszeit bestimmt seinen Gehalt.[49]

Freizeit wird zu einem Bereich, in dem die individuellen Fähigkeiten, die im Berufsleben nur noch standardisiert gefordert werden, voll zur Entfaltung gebracht werden können. Dort findet das eigentliche Leben statt, vermeintlich ist nur dort Selbstverwirklichung, Persönlichkeitsentfaltung, Kommunikation, innere Befriedigung möglich. Dies bedeutet eine gesellschaftlich folgenreiche Identitätsverlagerung in die Lebensfelder Konsum und Freizeit, wie auch Horst Kern und Michael Schumann betonen.[50]

Wie in der oben angeführten historischen Herleitung verdeutlicht, entwickelte sich die Freizeit als neuzeitlichere Version der Muße. Während man jedoch unter „Muße“ die Chance versteht, über sich selbst – und d.h. im wesentlichen über seine Zeit – verfügen zu können, ist dieses mit dem Anspruch humanistischen Inhalts verbundene Ideal im Begriff der „Freizeit“ nicht mehr so klar. „Der (von den Utopiern) erhoffte Zeitgewinn, der die Menschen in ihren Gedanken und in ihrer Lebensführung für die wichtigsten kollektiven Angelegenheiten ihrer Gemeinwesen freimachen sollte, ist nicht eingetroffen. Geblieben ist die Zeitnot.“[51]

Freizeit hat sich im Verständnis der industriellen Gesellschaft mehr als einfache Entgegensetzung zur Arbeitszeit entwickelt, und ist inhaltlich wesentlich bestimmt durch die Negierung all dessen, was im Beruf vermeintlich oder tatsächlich gefordert ist: Mühe, Ordnung (Ein- und Unterordnung), Last, Pflicht, Routine, usw. Freizeit soll dagegen (besonders bei der jüngeren Generation) den ultimativen „Kick“ beinhalten, Spannung, Aufregung, Abenteuer ins tägliche Einerlei bringen. Durch diesen Anspruch hat sich in der Freizeit eine rezeptive Haltung breitgemacht, die zwar auf der positiven Seite einen ganzen Wirtschaftszweig (die Freizeitindustrie) hervorgebracht hat und unterhält, als negative Begleiterscheinung aber eher Zeit „vertreibt“ als sinnvoll nutzt. Die Ausweitung der freien, d.h. arbeits-losen Zeit, wird daher zunehmend zum Sinnproblem. Auch diese Herausforderung lässt sich allerdings positiv wenden: Wenn die Konfrontation mit Sinnfragen zu einem selbstverantwortlicheren Umgang mit der freien Zeit führt, kann dies zu neuen (oder sollte man sagen: erneuerten alten) Muße-Konzepten führen, in deren Mittelpunkt nicht Spaß-Konsumenten, sondern aktive Mitproduzenten einer verantwortungsvollen Gesellschaft stehen.

Es ist ein Prozess des Bewusstwerdung, ob wir die von Arbeit befreite Zeit negativ als arbeitslose Zeit deuten, oder aber sie positiv als freie Zeit für individuelle Selbstverwirklichung verstehen. Unter dem Druck notwendiger Arbeitszeitverkürzungen kommt der Frage nach der Zeit außerhalb der Erwerbsarbeit neue Bedeutung zu. So fragt auch Oskar Lafontaine, ob

die dritte industrielle Revolution in die Gesellschaft der Arbeitslosigkeit oder in die Gesellschaft der Freizeit [führt]? Wird sie den Menschen von verkrüppelnder Arbeit befreien, oder wird sie ihn noch mehr verkrüppeln, indem sie ihn zu erzwungener Untätigkeit verdammt? Muss der Mensch zu seiner Identitätsfindung, zu einer selbstverantwortlichen Existenz unbedingt einer Erwerbsarbeit nachgehen?[52]

Diese Frage wird durch den technologischen Wandel, dem die industrielle Gesellschaft unterworfen ist, immer drängender.

Da die Loslösung aus arbeits- und lebensweltlichen Zusammenhängen als Identitätsverlust erfahren wird, geht die Frage nach sinnvoller Freizeitbeschäftigung über bloße Beschäftigung weit hinaus, sondern bindet die Neubewertung der Rolle des Individuums in der Gesellschaft mit ein. D. h., dass eine sozial vorgegebene Ordnung im Prozess der Entwertung von Arbeit durch eine persönlich oder gruppenspezifisch entworfene und aufrecht erhaltende Ordnung des täglichen Lebens ersetzt werden muss.

So wie die Arbeit heute nach dem Muster des industriellen Fortschritts organisiert ist, ist sie als Medium sozialer Beziehungen nicht mehr tauglich. Indem in der neuen Lebensperspektive die Revision des klassischen Verhältnisses von Produktions- und Reproduktionsarbeit, Erwerbs- und Hausarbeit thematisiert wird, wird das zentrale Problem der Arbeitsgesellschaft widergespiegelt: Die Vorstellung von Arbeit als Fokus der Welt wird überlagert durch die alternative Suche nach ganzheitlichem Leben, durch die Versuche, die Trennung von Freizeit und Arbeit wieder aufzuheben. Ob dies gelingen kann, hängt davon ab, inwieweit wir bereit sind, uns den Anforderungen der Arbeitswelt des beginnenden 21. Jahrhunderts zu stellen. Was aber sind diese Anforderungen, und welche Konsequenzen haben sie? Mit diesen Aspekten werden sich die nächsten Abschnitte beschäftigen.

3. Neue Anforderungen in der Arbeitswelt zu Beginn des 21. Jahrhunderts

3.1. Gesellschaft

Die Entwertung der Arbeit betrifft auch ihre allgemeine gesellschaftliche Bedeutung. Wie wir gesehen haben, kann das Tätigsein für sich oder andere dem Alltag eine sinnvolle Ordnung geben, soziale Beziehungen vermitteln oder aufrechterhalten, zentrale persönliche Motive, wie das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, befriedigen. Diese Vorstellung von „sich lohnender“ Arbeit (im materiellen wie im ideellen Sinne) gerät durch die gravierenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte auf dem Arbeitsmarkt ins Wanken. Der technologische Wandel hat vornehmlich die industrielle Produktion so revolutioniert, dass immer weniger menschliche Arbeitskraft nötig ist, um zum gleichen Ergebnis zu kommen. D.h., es werden zunehmend mehr Menschen freigestellt, für die alternativ keine anderen Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden können. Tatsächlich befinden wir uns in einer Krise des Beschäftigungssystems ohne wirkliche Krise der Produktion, weil sich der Beschäftigungsaspekt vom Produktionsaspekt gelöst hat.

Gerhard Bosch weist darauf hin, dass „ein Paradoxon der gegenwärtigen Arbeitsmarktentwicklung ist, dass anders als in der Weltwirtschaftskrise nicht nur die Arbeitslosigkeit, sondern auch die Beschäftigung wächst.“[53] Dies ist ein Faktum technologischer Arbeitslosigkeit: Die Einsparung von Arbeitskräften durch neue technische Erfindungen verläuft schneller als die Eröffnung neuer Beschäftigungsmöglichkeiten für die entlassenen Arbeitskräfte. Technologische Arbeitslosigkeit muss also gar nicht das Produkt einer Depression sein, sondern durchaus auch das einer Prosperitätsphase.

Diese „positiv“ begründete Arbeitslosigkeit mag eine überraschende Erkenntnis sein, ebenso wie John Hormann und Willis Harmans Überlegungen zur Zukunft der zur Verfügung stehenden Arbeit: „Keiner Gesellschaft droht jemals die konstruktive Arbeit auszugehen; solche Situationen entstehen ausnahmslos nur dann, wenn man davon ausgeht, dass Arbeit nur Arbeit ist, wenn sie im Rahmen des monetären Wirtschaftssystems getan wird.“[54]

Dies lässt sich an einem alltäglichen Beispiel belegen: So muss nicht jede Person im arbeitsfähigen Alter erwerbstätig sein, um ihr Leben fristen zu können. Tatsächlich ist es so, dass für jede Person, die einer Erwerbstätigkeit nachgeht, wenigstens noch die halbe Arbeitszeit einer weiteren Arbeitskraft (in aller Regel Frauen) benötigt wird, die sich um die Reproduktionsarbeit kümmert und damit jenen die Konzentration auf die Erwerbsarbeit überhaupt erst ermöglicht.

Die Frage ist, ob es gelingen kann, dauerhaft genügend Arbeitsplätze mit auskömmlichen Entgelt anzubieten. Anderenfalls entsteht eine Beschäftigungskrise (in der wir uns seit geraumer Zeit befinden, mit steigender Tendenz). Eine Konsequenz läge darin, die Erwartung an Lohnarbeit als Quelle des Lebensunterhaltes herabzumindern: Lohnarbeit kann weder Vollzeitbeschäftigung, auch nicht der Hauptpol im Leben des Einzelnen mehr sein. Es besteht die Notwendigkeit, nicht nur die weitere Expansion der Lohnarbeit zu stoppen, sondern diese zurückzudrängen, sie von einer ausschließlichen Tätigkeit zu einer unter mehreren Beschäftigungsformen zu machen.

Die Erwerbsarbeit ist jedoch traditionell als Medium des Fortschritts begriffen worden, wobei Fortschritt nicht nur unter wissenschaftlichen, sondern auch unter wirtschaftlichen Aspekten gesehen wurde, als materieller Reichtum und soziale Sicherheit. Das war nicht immer so:

Keine Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit war bisher so sehr auf Kommerz und Konsum ausgerichtet wie die unsrige. Keine andere Gesellschaft hatte ihre Ziele primär ökonomisch verstanden. Keine Gesellschaft hatte Materialismus und technologischen Fortschritt als ihr höchstes Ziel angesehen.[55]

Allerdings gibt es auch schon deutliche Anzeichen eines veränderten Bewusstseins:

Die seit Mitte der siebziger Jahre sich entwickelnde Alternativkultur stellt eine Reaktion auf die Entwicklungen der spätkapitalistischen Gesellschaft dar; sie ist zugleich geprägt durch die Strukturmerkmale dieser Gesellschaft (...) Die brüchig gewordenen Identifikationsmöglichkeiten und die Wirtschaftskrise (...) bieten Ansatzpunkte für die Entwicklung alternativer Lebens- und Arbeitsformen. Gleichzeitig wird eine Abkehr von umfassenden, großtechnischen bzw. sozialstaatlichen Lösungen gesellschaftlicher „Probleme“ (...) gefordert und eine Hinwendung zu lebensweltlichen, kleinräumigen Strukturen propagiert.[56]

Durch die Beschäftigungskrise wird unsere Gesellschaft nun gespalten in Erwerbstätige und Arbeitslose, in Teilhaber am materiellen und technologischen Fortschreiten und in die, die auf der Strecke bleiben. Die Informationstechnologie tut ein übriges, um die Menschen noch weiter in Wissende und Unwissende aufzuteilen. Denn zu den Veränderungen in der entwickelten Industriegesellschaft zählen der Wandel der Berufs- und Qualifikationsstruktur, die natürlich Konsequenzen hat: Schon Hannah Arendt wies darauf hin, dass bei einer strukturellen Verknappung der Arbeitschancen immer größere Gruppen und immer weiter gesteckte Lebensphasen (Jugend/Alter) an den Rand der Arbeitsgesellschaft gedrängt werden. (Diese Entwicklung wurde von Max Weber mit „sozialer Schließung“ bezeichnet.)

Angesichts dieser Polaritäten schreibt Rifkin:

Wenn Millionen Arbeitnehmer in den kommenden Jahren immer weniger Zeit für die Erwerbsarbeit aufwenden müssen und wenn Millionen von Ungelernten überhaupt keine Beschäftigung in der globalen, automatisierten High-Tech-Wirtschaft mehr finden, dann wird die Frage der arbeitsfreien Zeit zu einer politischen Frage. Der Übergang von einer Gesellschaft, deren Basis die Massenbeschäftigung in der Privatwirtschaft ist, zu einer Gesellschaft, deren Strukturen nicht um den Markt zentriert sind, verlangt eine Veränderung unseres gegenwärtigen Weltbildes. Die Rolle des Individuums in einer Gesellschaft ohne Massenerwerbsarbeit neu zu definieren, dies wird vielleicht die Hauptaufgabe des kommenden Jahrhunderts werden.[57]

Die notwendigen Mittel zum Leben werden allerdings noch immer durch Arbeit gewonnen, durch eigene Arbeit oder durch Arbeit anderer. In den Industriestaaten muss darauf jedoch immer weniger Zeit verwendet werden. Dadurch sind neue Lebensformen möglich geworden, bei denen Arbeit an Bedeutung verliert. Die Utopie ist denkbar, dass jeder Einzelne nur soviel arbeitet, wie es in seine Lebensvorstellung passt. Eine Pluralität von Produktionsweisen sowie verschiedene Lebensweisen und –rhythmen werden nebeneinander bestehen, die Lohnarbeit wird aufhören, die Haupttätigkeit zu sein, aber durch das Einkommen, das sie jedem Einzelnen sein Leben lang garantiert, wird sie die ökonomische Basis einer unbegrenzten Vielfalt möglicher Tätigkeiten bleiben.[58]

Hier zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, der als These so formuliert werden soll: Muss nicht der Begriff „Arbeit“ um den Aspekt „Nichterwerbstätigkeit“ erweitert und die Arbeitsgesellschaft umfassender als Tätigkeitsgesellschaft verstanden werden? Gesellschaftliches Leitbild wäre dann nicht mehr primär der Erwerbstätige bzw. abhängig Beschäftigte, sondern der „freie tätige Mensch“. Alle, egal ob Männer und Frauen, würden somit gleichberechtigt an gesellschaftlicher Arbeit beteiligt.

Wegen der herausragenden Bedeutung, die der zukünftigen Gestaltung und Verteilung von Arbeit zukommt, müssen die Betroffenen – und das sind alle Mitglieder der Gesellschaft, vor allem aber die junge Generation – in die Lage versetzt werden, die damit verbundenen spezifischen Bedingungszusammenhänge, Auswirkungen und implizierten Zielsetzungen zu reflektieren, sich ihrer Interessen bewusst zu werden und entsprechende (Mit-) Gestaltungsfähigkeiten zu entwickeln. „Entwicklungsdilemmas und Innovationspotentiale [müssen] diskutiert [werden], wie sie sich in neuen Arbeitsplätzen, neuen Bedürfnissen, Gütern und Diensten, aber auch in neuen Lebensstilen abzeichnen.“[59]

Die Entwicklung von Gestaltungsfähigkeit erfordert vor allem die Bereitschaft zur Gestaltung. Diese setzt Einsicht in die Gestaltbarkeit von Arbeit, Technik und Wirtschaft voraus, die sich wiederum nur vor dem Hintergrund eines dementsprechenden historischen Bewusstseins entwickeln kann. Aus einem „Verstehen des Entstehens“ können Einblicke in die prinzipielle Veränderbarkeit und die Dynamik gesellschaftlicher, technologischer und ökonomischer Entwicklungen gewonnen und Ursachen, Zusammenhänge und Konflikte ermöglicht werden.[60] Dies scheint mir die Hauptaufgabe einer zukunftsorientierten gesellschaftlichen Bildung zu sein.

3.2. Wirtschaft

Bosch gibt folgende Thesen für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung an:

- Anders als in der Vergangenheit wird die künftige Wirtschaftsentwicklung in einer wissensbasierten Wirtschaft weniger von Investitionen in Sachkapital als von der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen, hoher Kompetenz und sozialen Innovationen getragen.
- Viele gesellschaftliche Institutionen sind bislang auf die traditionelle Familie mit einem männlichen Alleinverdiener zugeschnitten. Neue Lebensformen und Erwerbsverläufe [und neue Lebensverläufe und Erwerbsformen] sollten sozial abgesichert und damit zu Normalarbeitsverhältnissen ‚neuen Typs‘ weiterentwickelt werden.
- Eine säkulare Massenarbeitslosigkeit kann nur durch eine Verkürzung der Arbeitszeiten verhindert werden. Weiterhin müssen mit zunehmender Erwerbstätigkeit der Frauen die Wahlchancen zwischen bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Eigenarbeit erhöht werden.[61]

Nach Heike Afheldt kann „generell (...) Wachstum erwartet werden im Gesundheitsbereich, bei erlebnisvermittelnden, persönlichkeitsbildenden Diensten, bei Wissensvermittlung, Weiterbildung, Sicherheit, Finanzdiensten, produktionsfördernden Dienstleistungen, Orientierungshilfen.“[62]

Bosch sieht besonders im Dienstleistungsbereich große, noch ungenutzte Wachstumschancen:

Steigender Bedarf nach Dienstleistungen ergibt sich z.B. aus der zunehmenden Erwerbstätigkeit der Frauen. Früher unbezahlte Hausarbeit wird nunmehr auf dem Markt nachgefragt. Mit der Alterung der Gesellschaft expandiert die Nachfrage nicht nur nach Pflegedienstleistungen, sondern auch im Freizeit- und Bildungsbereich. Viele Industrieprodukte lassen sich in Zukunft nur noch verkaufen, wenn sie für spezielle Kundenwünsche maßgeschneidert oder mit zusätzlichen Dienstleistungsangeboten kombiniert sind.[63]

Hier ist hinzuzufügen, dass in nicht produktionsbezogenen Dienstleistungen, die früher meist in Eigenarbeit erbracht wurden, eine wachsende Nachfrage festzustellen ist. Dieser Bereich des Arbeitsmarktes wird daher häufig als derjenige angesehen, der den Rückgang der Nachfrage nach Arbeitskräften in anderen Bereichen kompensieren soll. Allerdings sind gerade in diesem Sektor niedrige Löhne und ungünstige Arbeitsbedingungen die Regel.

Weiter führt Bosch aus:

Zweitens sind viele Dienstleistungstätigkeiten rationalisierbar. Man denke nur an viele Tätigkeiten in den Banken oder Versicherungen, die sich heute mit Hilfe der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien wesentlich effektiver erledigen lassen als in der Vergangenheit. D. h., es wird Dienstleistungen geben, die sich künftig weiter verbilligen, womit ebenfalls Raum für Nachfrage nach anderen – rationalisierungsresistenten – Dienstleistungen geschaffen wird.

Drittens sind gerade die rationalisierungsresistenten persönlichen Dienstleistungen „Vertrauensgüter“. Die Kunden begeben sich sozusagen in die Hand des Anbieters – man denke nur an Pflege und Bildung – und fragen eine Dienstleistung nur nach, wenn die Anbieter ihnen vertrauenswürdig erscheinen. Deshalb entstehen Märkte für professionalisierte, qualitativ hochwertige Angebote, die man natürlich bezahlen muss.[64]

Opaschowski sieht in der Dienstleistungsgesellschaft den grundsätzlichen Ansatzpunkt eines neuartigen Denkens: „Die Industriegesellschaft in Deutschland mag in Zukunft sterben, doch die (Dienst-) Leistungsgesellschaft lebt. Mit dem Begriff Leistungs gesellschaft kann sehr viel umfassender jede Form von gesellschaftlicher Leistung zum Ausdruck gebracht werden.“[65] Insofern ist eine Umverteilung der tatsächlich existierenden Arbeitsmöglichkeiten eher angebracht als der wenig erfolgreiche Versuch, Arbeit zu „beschaffen“, was in diesem Zusammenhang an das sprichwörtliche tote Pferd erinnert, das zum Leben erweckt werden soll.

Arbeitszeit muss jedoch nicht nur umverteilt, sondern auch in ihren Strukturen modernisiert werden. Das geht aber nur, wenn man sich den neuen Flexibilitätsbedürfnissen der Wirtschaft anpasst. Gefordert ist daher gleichzeitig eine expansive Beschäftigungspolitik und sozial gesicherte Phasen von Nichterwerbstätigkeit, die u.a. der Weiterbildung dienen und dadurch Übergänge zwischen zwei Arbeitsstellen erleichtern könnten.

3.3. Unternehmen

Jäger fasst die Auswirkungen der Veränderungen der Arbeitswelt in drei Trends zusammen: Trend zu qualifizierter Arbeit (neuer Taylorismus), der allerdings nur wenigen vorbehalten ist, zu Tertiarisierung und zu qualifizierten, unternehmensbezogenen Dienstleistungen. Dadurch bedingt ist eine Destandardisierung der Arbeitsverhältnisse, Verschiebungen in der Berufs- und Qualifikationsstruktur, ein Wandel der betrieblichen Sozialorganisation, ein Wandel der Arbeitsbeziehungen und eine neue Rolle der Gewerkschaften.[66]

[...]


[1] NUNNER-WINKLER 1981, S. 115

[2] RIFKIN 1997, S. 13

[3] vgl. ATTESLANDER 1983, S. 126: „Zwischen Arbeit und Gesellschaftsform [besteht] seit je eine untrennbare

Wechselwirkung.“

[4] BECK 1999, S. 17

[5] BECK 1999, S.17

[6] ebd., S.18

[7] NEGT 1987, S. 203

[8] BECK 1999, S. 18

[9] ebd., S. 143

[10] ebd., S.69

[11] vgl. BECK 1986, S. 218

[12] BECK 1999, S.18

[13] JÄGER 1997, S. 19

[14] MEW 1972, Bd. 1, S.85

[15] JÄGER 1997, S. 21

[16] ISRAEL 1972, S. 62

[17] JÄGER 1988, S. 237

[18] JÄGER 1972, S. 23

[19] PANKOKE 1984, S. 64

[20] ebd., S. 83

[21] vgl. JÄGER 1999

[22] OPASCHOWSKI 1997, S. 26

[23] BECK 1999, S. 44

[24] ebd., S. 61

[25] RIFKIN 1997, S. 24

[26] HEINZ 1995, S. 17

[27] HILLMANN 1994, zum Begriff „Arbeit“

[28] vgl. GLASER 1988

29 BECK 1986, S. 222

[30] BÖHNISCH/SCHEFOLD 1985, S. 16f.

[31] FREY 1996, S. 9

[32] vgl. BERGER 1984

[33] VOLMERG 1986, S. 199

[34] vgl. JAHODA 1983

[35] RIFKIN 1997, S. 138

[36] vgl. BÖHNISCH/SCHEFOLD 1985

[37] vgl. ARENDT 1967

[38] vgl. ZIHLMANN 1980

[39] NUNNER-WINKLER 1981, S. 126

[40] ebd., S. 115

[41] vgl. Bericht des Sinus-Instituts, herausgegeben von LESKE + BUDRICH, 1983

[42] OPASCHOWSKI 1997, S.38

[43] PANKOKE 1984, S. 80

[44] vgl. SCHUMM 1988

[45] vgl. BÖHNISCH/SCHEFOLD 1985

[46] vgl. DAHRENDORF 1983

[47] LAFONTAINE 1988, S. 41

[48] OPASCHOWSKI 1997, S. 31

[49] MARCUSE 1979, S.190

[50] vgl. KERN/SCHUMANN 1970

[51] NEGT 1987, S. 203

[52] LAFONTAINE 1988, S.34

[53] BOSCH 1998, S. 40

[54] HORMANN/HARMAN 1990, S. 139

[55] HORMANN/HARMAN 1990, S. 75

[56] JÄGER 1988, S. 41

[57] RIFKIN 1997, S. 176

[58] vgl. GORZ 1983

[59] PANKOKE 1984, S. 72

[60] SCHULTZE 1998, S. 107f.

[61] BOSCH 1998, S. 16

[62] AFHELDT 1998, S. 125

[63] BOSCH 1998, S. 25

[64] ebd., S. 27

[65] OPASCHOWSKI 1997, S. 27f.

[66] vgl. JÄGER 1999

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Markt der Visionen oder Illusionen - Der Arbeitsmarkt im Hinblick auf die Berufswahl von Jugendlichen heute
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,6
Autor
Jahr
2002
Seiten
90
Katalognummer
V5723
ISBN (eBook)
9783638135207
ISBN (Buch)
9783638901284
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitsmarkt; Jugendliche
Arbeit zitieren
Carola Nierendorf (Autor), 2002, Markt der Visionen oder Illusionen - Der Arbeitsmarkt im Hinblick auf die Berufswahl von Jugendlichen heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5723

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