Kurtisanen im Venedig des 16. Jahrhunderts

Babylon an der Adria?


Seminararbeit, 2005

32 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Definition der Kurtisane

3. Die Stellung der Kurtisane im Venedig des 16. Jahrhunderts

4.Bekämpfung und Prävention
4.1 Massnahmen gegen die Prostitution
4.2 Einrichtung von Frauenhospizen
4.2.1 Konvertitenorden
4.2.2 Casa delle Zitelle
4.2.3 Casa del Soccorso

5. Die literarische Darstellung der Kurtisane in den Ragionamenti Pietro Aretinos
5.1 Ragionamenti : Eine Anleitung für eine erfolgreiche Kurtisane

6. Veronica Franco
6.1 Biographie
6.2 Literarische Tätigkeit
6.2.1 Terze Rime
6.2.2 Lettere familiari a diversi

7. Konklusion

8. Bibliographie
8.1 Quellen
8.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Die zunehmende Rückbesinnung auf die Werte des klassischen Altertums, in dem die gebildete Hetäre, ebenso die gewöhnliche Strassendirne und der schöne Jüngling ihren vorgeschriebenen Platz einnahmen, manifestierte sich im Venedig des 16. Jahrhunderts zunehmend durch eine Kultur, welche die mehr oder weniger öffentliche Billigung der Gestalt der Kurtisane und deren gesellschaftliche Partizipation zuliess. Jacob Burckhardt geht in seinem Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ kurz auf das Kurtisanentum ein und schreibt dazu:

„Auch der Umgang mit Buhlerinnen nimmt bisweilen einen scheinbaren Aufschwung, als wollte sich das Verhältnis der alten Athener zu ihren Hetären erneuern.“[1]

Nach Guido Ruggiero bestand das gesellschaftliche Leben im Venedig des 16. Jahrhunderts zunehmend aus einer normativen, sittlichen Welt und eine realen unmoralischen Gegenwelt, wobei sich letztere zu einem grossen Teil im Stereotyp der Kurtisane, die sowohl über Bildung, musikalische Talente, körperliche Schönheit und verfeinerter Geschmack verfügte, als auch in den erotischen Künsten hervorragte, konsolidierte:

Much of Renaissance life and culture, both high an low, can be understood as turning around these two nexuses of discourse and organization: a licit world of mariage, legitimating and defended by a discours of civic religion and morality; and a illict world of love and sex outside marriage with a coherent discours of its own…“[2]

Obwohl die unmoralische Gegenwelt durch den normativen Diskurs der moralisch zulässigen Welt marginalisiert wurde, schreibt ihr Guido Ruggiero dennoch eine enorme Wichtigkeit zu, ohne die sich die Renaissance in ihrer Gesamtheit nicht erfassen liesse: „In sum, if we are to understand a broader Renaissance, our rereading must search out this world and its discours as well.“[3]

1535 erschien erstmals der vielgerühmte catalogo di tutte le principal et più honorate cortigiane di Venezia, der die Namen, die Preise, die Qualitäten und die KupplerInnen vieler Kurtisanen und Prostituierten enthielt und somit das mythisierte Bild Venedigs als idyllischer Hort der käuflichen Liebe zementierte. In den Reiseberichten zeitgenössischer Intellektueller, die angesichts dieser starken Präsenz ins Schwärmen gerieten, traten die Kurtisanen oft als die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Venedigs hervor. So schildert beispielsweise Michel de Montaigne in seinem Journal de voyage en Italie eingehend die Schönheit, das Leben und die Praktiken dieser Damen. Doch auch in der italienischen Kunst und Literatur des 16. Jahrhunderts ist die cortigiana nicht wegzudenken. Sie inspirierte Maler wie Tizian, Raphael und Tintoretto, denen sie oft Modell sass und somit auch in religiöse Gemälde einging. Ausserdem wurde sie von den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen Literatur – unter anderem Machiavelli, Ariost und Aretino – zum Gegenstand ihrer Korrespondenzen, Theater und Romane erhoben. Diese oft überhöhte Meinung des „goldenen Zeitalter“ des Kurtisanentums in der Renaissance unterschlägt jedoch die oft bittere Realität des Kurtisanenlebens, das durch den fortwährenden Kampf gegen Armut, körperlichen Verfall, öffentliche Diffamierung, polizeiliche Verfolgung, physische Gewalt und Syphilis geprägt war.

Kurtisanen und Huren beflügelten die literarische Erfindungskraft nicht zuletzt deswegen, weil sich Sexgeschichten gut verkaufen liessen. Die Prostituierte als Heldin oder Hauptfigur der Romane Pietro Aretinos kann als ein Konstrukt männlicher (Wunsch-)Vorstellung aufgefasst werden. So verfügen die beschriebenen Frauen oft über eine heitere Gemütsart und geniessen ihr sexuelles Treiben vollauf, sprich: Sie legen es darauf an, zu „fallen“ und sind besessen von Geld. Die literarische Hure bietet das Bild, das ihre Klienten sich gewünscht haben: Sie ist lüstern, gesund, unverwüstlich und wirtschaftlich abgesichert.[4]

Abgesehen einiger Beobachtungen von Nonnen, die an den Spitzen wohltätiger Institutionen standen und den Gedichten Veronica Francos, sind nur wenige schriftliche Überlieferungen von Frauen erhalten. Francos literarische Zeugnisse sind für die vorliegende Arbeit besonders wertvoll, da sie die kontextuelle literarische Repräsentation der Kurtisane des 16. Jahrhunderts in den Werken Aretinos reformulieren und relativieren. In ihren zahlreichen Briefen und Gedichten legt sie in Abgrenzung oder Zustimmung zu den verbreiteten Moralvorstellungen ihre persönliche Auffassung und Erfahrungen dar. Mit ihrer literarischen Aufzeichnung verfolgt sie zusätzlich die Strategie, ihrem selbst geschaffenen Image der kultivierten, gebildeten, ratgebenden Gesellschafterin und Lyrikerin, die sich von den gewöhnlichen Kurtisanen abgrenzt, Auftrieb zu geben.

In der vorliegenden Arbeit gilt es nun herauszufinden, inwieweit der durch die literarische Verarbeitung entstandene Mythos der schillernden und gesellschaftlich angesehenen venezianischen Kurtisane tatsächlich den realen Begebenheiten entsprach und wie sich die Kurtisanen selbst zu ihrem aufgedrückten, literarischen Spiegelbild verhielten. Ein besonderes Augenmerk wird sich dabei auf Veronica Franco und ihre Aufzeichnungen richten, welche ganz besondere Perspektiven auf das zu behandelnde Thema bieten und als Antwort auf die vorgefasste und stereotypisierte Meinung eines Pietro Aretinos angesehen werden können. Zusätzlich liefert uns ihr Werk Aufschluss über die Repräsentationsmittel einer cortigiana onesta, die einerseits gegen die zeitgenössische Darstellung ihres Berufes ankämpft, sich andererseits dennoch von den gewöhnlichen Kurtisanen abgrenzen möchte, indem sie sich selbst als schillernde, gebildete und gesellschaftlich angesehene Gesellschafterin wiedergibt.

2. Definition der Kurtisane

Der Begriff Kurtisane entstand gemäss dem französischen Historiker Paul Larivaille an der päpstlichen Kurie unter der Ägide Nikolaus V (1447-1455) und Pius II (1458-1464), welche Humanisten an ihren Hof riefen.[5] Diese wiederum veranstalteten Abendessen, wo über weltliche Themen wie Philosophie, Philologie, Poesie und so weiter diskutiert wurde. Nach und nach brachten diese Männer, welche analog den weltlichen Höflingen cortigiani genannt wurden, zu ihren täglichen Treffen auch Frauen mit. Den humanistischen Idealen entsprechend, mussten diese jedoch sowohl über Schönheit, als auch über Bildung, Intelligenz und Kultiviertheit verfügen.[6] Diese Frauen waren jedoch nicht einfach zu finden. Viele Frauen und Mädchen der angesehenen römischen Gesellschaft entsprachen zwar den gewünschten Anforderungen, konnten aber aufgrund ihrer Stellung nicht eingeladen werden. Somit musste auf die grosse Anzahl der unverheirateten Frauen zurückgegriffen werden, welche die Junggesellen der römischen Kurie umgaben und ihnen oft auch in sexuellen Belangen zur Verfügung standen. Unter ihnen wurden die Schönsten und Kultiviertesten ausgewählt, welche von nun an die abendlichen Zusammenkünfte eingeladen wurden und gleichzeitig eine eigene Titulierung erhielten:

„ Et à ces jeunes femmes on attribua par la suite un titre qui les distinguait de leurs congénères: curie désignant la cour pontificale et curial donc (curialis en latin) le courtisan, on les appela naturellement elles aussi curiales, mot que l’on traduisait en italien par cortigiane. »[7]

Das Verhältnis zwischen den Angehörigen der Kurie und den cortigiane bestand anfänglich auf einer rein platonischen Basis, was sich aber nach einer gewissen Zeit zu ändern begann. Der rein intellektuelle Zirkel verkam zunehmend zu einem feucht-fröhlichen Bacchanal und die anfänglich rein spirituelle Freundin unterschied sich bald nur noch durch ihren sozialen Status von der gewöhnlichen Prostituierten. So schreibt Paul Larivaille: „Cortigiana, hoc est meretrix honesta.[8] Dabei liegt die Ehrbarkeit, welche die cortigiana von einer gewöhnlichen Prostituierten unterscheidet nicht in ihrer Keuschheit, sondern charakterisiert ihren anspruchsvollen Lebensstil, Kultiviertheit und gutes Benehmen. Oft konnten sie sich durch ihre Liebhaber einen luxuriösen und aufwendigen Lebensstil finanzieren, der sogar Adligen gleichkam. Diesen sozialen Aufstieg bemerkten die gewöhnlichen Prostituierten und Strassendirnen, welche sich, um ihren Status anzuheben, nach und nach auch als cortigiane zu verkaufen begannen. Folglich kam es zu einer Entwertung der Titulierung cortigiana, die praktisch zu einem Synonym für Prostituierte wurde. Neue Mittel mussten gefunden werden, um die kultivierte Gesellschafterin von der gewöhnlichen Strassendirne zu unterschieden. Es entwickelten sich neue Kategorien, welche die verschiedenen cortigiane in ein hierarchisches Verhältnis setzten.[9]

An der Spitze rangierte die kultivierte cortigiana onesta, die ehrbare Kurtisane also, welche sich durch ihre Qualitäten von der grossen Masse der cortigiane da candela und cortigiane da lume, deren Bezeichnung darauf zurückgeht, dass sie ihre Geschäfte in den Hinterzimmern von Verkaufsläden betrieben. Eines der Hauptunterscheidungsmerkmale dieser beiden Kategorien bestand darin, dass erstere von einem oder mehren Bewunderer ausgehalten wurde und sich mit einer Wohnung, teuren Kleidern und Möbeln versorgen liess, während letztere ihren Lebensunterhalt durch eine unbestimmte Anzahl von Freiern bestreiten musste.[10] Die Unabhängigkeit einer cortigiana onesta gegenüber der gewöhnlichen Prostituierten lag somit um einiges höher, da letztere sehr oft dem Willen profitorientierter ZuhälterInnen ausgeliefert war. Auch in der rechtlichen Auslegung fand dieses Unterscheidungsprinzip Eingang, denn im Jahre 1524 wurde in einem offiziellen venezianischen Dokument erstmals auf die bestehende Hierarchie zwischen einer cortigiana und einer meretrice hingewiesen: „Le cortesane e altra sorte de putane over meretrice.“[11] Daraus geht hervor, dass eine cortigiana rechtlich anders beurteilt wurde, als eine gewöhnliche Prostituierte.

[...]


[1] Burckhardt, Jakob, Die Kultur der Renaissance in Italien, S.227

[2] Ruggiero, Guido, Marriage, love, sex and Renaissance civic morality, S.11

[3] Ruggiero, Guido, Marriage, love, sex and Renaissance civic morality, S.16

[4] Vgl. Hufton, Olwen, Frauengeschichten, S.425

[5] Vgl. Larivaille, Paul, La vie quotidienne des courtisanes, S.33

[6] Vgl. Larivaille Paul, La vie quotidienne des courtisanes, S.33 sowie Ruggiero, Guido, Marriage, love, sex and Renaissance civic moralitiy, S.21

[7] Larivaille, Paul, La vie quotidienne des courtisans, S.34

[8] Die Kurtisane ist eine ehrbare Prostituierte. Larivaille, Paul, La vie quotidienne des courtisanes, ebd.

[9] Vgl. Larivaille, Paul, La vie quotidienne des courtisans, S.35

[10] Vgl. Larivaille, Paul, La vie quotidienne des courtisanes, S.140

[11] Archivio di Stato di Venezia, Provveditori Sopra la Sanità. Capitolare, I. C.33, zitiert in Pavan, Elisabeth, Police de moeurs, société et politique à Venise à la fin du Moyen Age, S.263

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Kurtisanen im Venedig des 16. Jahrhunderts
Untertitel
Babylon an der Adria?
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Veranstaltung
Geschichte der Neuzeit
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V58276
ISBN (eBook)
9783638525183
ISBN (Buch)
9783638665896
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kurtisanen, Venedig, Jahrhunderts, Babylon, Adria, Geschichte, Neuzeit
Arbeit zitieren
Master Angela Mattli (Autor), 2005, Kurtisanen im Venedig des 16. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58276

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