Ironic Mode(s) - Die verschiedenen Ebenen der Ironie im Tristram Shandy


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Northrop Fryes Konzept der Ironie
2.1. Ironic/satiric mode

3. Ironie im Tristram Shandy
3.1. Parodie der Figuren
3.1.1. Parodie von Institutionen und Wissenschaften
3.2. Ironie auf der Handlungsebene
3.3. Spiel mit der Form
3.4. Die Digression als Stilelement
3.5. Metanarrativik bzw. Ironie auf der Erzählerebene

4. Schlussfolgerungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die Ironie in dem von 1759 bis 1767 in neun Büchern erschienenen Roman The Life and Opinions of Tristram Shandy Gentleman[1] von Laurence Sterne einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Die Faszination von Sternes Roman geht davon aus, dass, obwohl auf der Handlungsebene nicht gerade ein durchgehender Spannungsbogen aufgebaut wird, die Erzählung trotzdem in höchstem Maße unterhaltsam ist. Dies wird u.a. bedingt durch die Formexperimente des Autors und durch den Einsatz von Ironie. Gerade die Ironie macht das Lesen der Alltäglichkeiten des Romans zu etwas Besonderem, und eben jener Prozess der Ironisierung soll im Rahmen dieser Hausarbeit untersucht werden.

Um die Ironie im Tristram Shandy untersuchen zu können, bedarf es der Erstellung eines Arbeitskonzepts. Eine endgültige Definition des „Ironie“-Begriffs zu finden ist natürlich schlichtweg unmöglich - gerade Ironie ist ein Stilmittel, bei dessen Verwendung in Konversationen man Gefahr läuft, missverstanden zu werden, weil es sich nicht sonderlich einfach abgrenzen lässt von nicht-ironischer Rede. Wahrigs Deutsches Wörterbuch versucht den Begriff folgendermaßen zu definieren:

Ironie […] hinter Ernst versteckter Spott, mit dem man das Gegenteil von dem ausdrückt, was man meint, seine wirkl[iche] Meinung aber durchblicken lässt; […] zufälliges Ereignis, das dem erwarteten Verlauf überraschend widerspricht; […] spieler[ische] Einstellung des Künstler zum eigenen Werk, Spiel mit der eigenen Schöpfung.

Hier finden sich bereits drei heterogene Momente der Ironie als

Polemik, bzw. Parodie

unerwarteter Zufall (Ironie des Schicksals)

(postmodernes) Spiel[2] des Künstlers mit seinem Werk

Ein Blick in das Metzler Literatur Lexikon erweitert unsere heuristische Arbeitsdefinition um folgende Punkte:

Ironie als

Redeweise, bei der das Gegenteil des eigentlichen Wortlauts gemeint ist[3]

Ironisches Lob, durch das versteckter Spott ausgedrückt wird

Methode der Erkenntnisförderung (sokratische Ironie)

Romantische Ironie, in der „das Gefühl von dem unauslöschlichen Widerspruch des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung“ zum Ausdruck kommt[4]

Sicherlich würde man mühelos zahlreiche weitere Spielarten der Ironie entdecken, dies soll aber nicht Aufgabe dieser Untersuchung sein. Darum habe ich mich dafür entschieden, die bereits gewonnenen Punkte und das Konzept von Northrop Frye zu verwenden, der Ironie als eines der vier grundlegenden Urmuster oder -mythen der Literatur ansieht. Aus seiner essayistischen Abhandlung „Anatomy of Criticism“ werde ich unter Punkt 2 die Merkmale der Frye’schen Bestimmung der Ironie extrahieren. Punkt 3 soll sich der Untersuchung des Tristram Shandys hinsichtlich ironischer Phänomene widmen unter Zuhilfenahme des hier und unter Punkt 2 erarbeiteten Verständnisses von Ironie.

2. Northrop Fryes Konzept der Ironie

Northrop Frye schrieb 1957 „Anatomy of Criticism“[5], eine Sammlung von vier Essays über die historischen Modi der Literatur, die literarische Symbolik, die Mythentheorie und über literarische Gattungen. In dieser Untersuchung soll nur der dritte Essay, nämlich der über die Mythen als die „den literar[ischen] Gattungen zugrundeliegende[n] Urmuster“[6] betrachtet werden. Frye behauptet, dass es vier verschiedene Urmuster gibt: Comedy, tragedy, romance und irony. Kennzeichnend für diese Grundmythen sind vorgeformte Figurenkonstellationen und Handlungsverläufe, bestimmte archetypische Charaktere und spezielle Motive, die in fast allen Ausprägungen dieser Mythen immer wieder vorkommen.

Es gab und gibt viele Stimmen, die in Frage stellen, warum gerade diesen vier Konstrukten die Fähigkeit zugeschrieben wird, die Typen der Literatur im Ganzen umfassen zu können. Auch Frye war sich der Möglichkeit dieser Einwände durchaus bewusst: „We doubtless have objectors […] saying that our categories are artificial, that they do not do justice to the variety of literature, or that they are not relevant to their own experiences in reading.“[7] Mir bleibt an dieser Stelle nur darauf hinzuweisen, dass ich nicht behaupte, Frye hätte mit diesem Quartett sämtliche Möglichkeiten der Literatur endgültig und vollständig bestimmt; vielmehr sehe ich in Fryes Ausführungen einen heuristischen Nutzen. Ich will dies am Beispiel der Gattungstriade erläutern: Poetologische Diskussionen im 18. Jahrhundert brachten die sogenannte „Gattungstriade“ hervor. Die Literatur wurde eingeteilt in Epos, Lyrik und Drama. Obwohl diese Einteilung außer Acht lässt, dass es bestimmte Mischformen gibt oder dass manche Schriften sich gar nicht in sie einordnen lassen (z.B. der Roman, der später in gewisser Hinsicht diese Gattungstrias sprengte), hatte die Dreiteilung ihren Nutzen, da sie sich auf die vorhandenen Phänomene dieses Literatursystems bezog und sie in eine Ordnung brachte, mit der man praktisch arbeiten konnte. Analog dazu sehe ich Fryes Einteilung als nützlich an, weil sie viele Phänomene der bisherigen Literatur systematisieren und in eine Ordnung bringen kann, und mit einem Bonmot aus Thomas Manns Dr. Faustus gesprochen: „sogar eine alberne Ordnung ist immer noch besser als gar keine.“[8]

2.1. Ironic / satiric mode

Northrop Frye stellt sich in seinem Essay die Frage, ob es narrative literarische Kategorien gibt „broader than, or logically prior to, the ordinary literary genres“[9]. Als ebensolche identifiziert er, wie bereits erwähnt, „the romantic, the tragic, the comic, and the ironic or satiric”. Deren umfassender Status zeigt sich daran, dass, wenn etwas Tragisches oder Ironisches angekündigt wird, man nicht notwendigerweise ein bestimmtes literarisches Genre erwartet, sondern vielmehr „a certain kind of structure and mood“[10]. Diese Erwartungen sollen im Folgenden für den ironic mode bestimmt werden.

Frye grenzt die verschiedenen literarischen Modi unter anderem nach dem Verhältnis ab, in dem die Protagonisten zu ihrer Umwelt oder zu anderen Figuren stehen. Zum Beispiel erhebt sich der Held der romance über die anderen Menschen, da seine „actions […] marvellous“[11] sind und er sich bewegt „in a world in which the ordinary laws of nature are slightly suspended“, so dass es auch übernatürliche Dinge geben kann wie „enchanted weapons, talking animals, terrifying ogres“. Der Protagonist des ironic mode allerdings ist im Vergleich zum Leser mit weniger Macht, Kraft oder Intelligenz ausgestattet, so dass dieser auf ihn herabschaut „on a scene of bondage, frustration, or absurdity“[12]. Insofern werden die Protagonisten im Modus der Ironie, ähnlich den Figuren der Komödie, oft nicht bewundert, sondern eher vom Leser belächelt.

Der ironic mode ist nach Frye ein Versuch „to give form to the shifting ambiguities and complexities of unidealized existence“[13]. Der Ironiker sieht sich also konfrontiert mit einer Lebenswelt, die er nicht mehr durch klassische Formen wie tragedy oder romance fassen kann, weil sich die heterogenen, kontingenten Ereignisse nicht mehr in die Bahnen von idealisierten Erzählgerüsten pressen lassen. Es gibt keinen „Helden“ mehr im ironischen Modus, weil an die Figuren Erwartungen herangetragen werden, die sich nicht mit einer heroischen Existenz vereinbaren lassen. „No one in a romance, Don Quixote protests, ever asks who pays for the hero’s accommodation.”[14] Der ironic mode parodiert die romance, indem er sich ihrer „Helden“ bedient, diese jedoch mit alltäglichen Problemen konfrontiert, wodurch ihre Glorifizierung unterminiert wird. Dies wiederum führt dazu, dass die sogenannten „Helden“ der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Die Darstellung der Handlung kann primär auf vier Arten geschehen: Durch Witz, Humor, als Groteske oder auf absurde Weise.[15] Allen Arten aber ist gleich, dass sie ihr Objekt der Darstellung nicht ernst nehmen und es angreifen oder lächerlich machen. Frye bestimmt hierzu sechs verschiedene Grade der Ironie bzw. der Satire, die sich unterscheiden in Bezug auf das Verhältnis der Protagonisten zu der Gesellschaft, in der sie leben. Mit diesen Abstufungen möchte ich mich hier aber nicht eingehender auseinandersetzen - es genügt zu bemerken, dass Frye Tristram Shandy zu der dritten Phase der Ironie rechnet, der „satire of the high norm“[16], in der neben anderem das Bathos das Pathos verdrängt, die Pragmatik die Dogmatik lächerlich macht und metanarrativ der Prozess des Schreibens selbst thematisiert und parodiert wird[17].

Unter Zuhilfenahme der hier erarbeiteten Frye’schen Systematik und der Definitionen aus der Einleitung, die als Arbeitsgrundlage dienen, soll nun unter Punkt 3 die spezifische Ironie des Tristram Shandy untersucht werden.

3. Ironie im Tristram Shandy

Was die Untersuchung des Tristram Shandy von Laurence Sterne im Rahmen einer Hausarbeit schwierig macht, ist die Überfülle an Ansatzmöglichkeiten. Allein der im Seminar behandelte Aufsatz „Bescheidung. Laurence Sternes Romanform“[18] von Peter Michelsen untersucht bereits folgende Themen:

- Fülle der Imagination (die die Erzählung einer durchgehenden Handlung verhindert)
- Sternes Erzählweise als Konversation / Dialog (mit dem Leser und zwischen den Figuren)
- Ironisierung traditioneller Erzählweisen
- Digressionen als Kern des Sterne’schen Werks
- Auflösung des Handlungsbegriffs → Nichts = Handlung
- Fiktiver Leser, metadiegetische Interaktion mit dem Rezipienten
- Verhältnis von Leben und Kunstwerk
- Problem der Zeit: je mehr erzählt, desto mehr zu erzählen
- Zeitstruktur in Tristram Shandy: verschiedene Zeitebenen: erzähltes Geschehen, subjektive Zeit der Figuren (deren innenweltliche Betrachtungen), Situation des Erzählers, Digressionen ins Allgemeine oder in Vergangenheit / Zukunft
- Humor des Buchs: Konflikte der Eigenwelten der Figuren
- Widerspüche von „Kopf“ und „Herz“
- Geste = Ausdruck von Gefühl, aber durch die übergenaue Schilderung gleichzeitig dessen Unterminierung bzw. Ironisierung
- Fehlende Spannung im Tristram Shandy, da auf keinen Höhepunkt zulaufend; prinzipiell ins Unendliche ausgelegt
- Diskrepanz von Welt und Seele läuft im Roman auf Toleranz hinaus, auf „heiteres - Gewährenlassen der Gegensätze“

Diese ungeordnete Auflistung soll nur zeigen, was bereits ein einzelner Essay über Tristram Shandy für eine Fülle an Aspekten beinhalten kann. Angesichts einer solchen Bandbreite an möglichen Themen muss diese Hausarbeit sich auf einen Interessenfokus festlegen und das soll in diesem Fall, wie bereits erwähnt, die Untersuchung der Ironie sein. Das wirft wiederum die folgenden zentralen Fragen auf:

Ist Sternes Tristram Shandy überhaupt ironisch? Was macht ihn zu einem ironischen Roman?

[...]


[1] Sterne: The Life and Opinions of Tristram Shandy Gentleman. Ich benutze im Folgenden die Kurzform „Tristram Shandy“.

[2] Vgl. hierzu Rouffiange: Un «Nouveau Roman», die Tristram Shandy als einen postmodernen Roman liest und in ihm die verschiedenen Ebenen des „ Spiels “ analysiert.

[3] Ein Paradebeispiel hierfür findet sich bei Shakespeares Julius Caesar in der Rede des Antonius, bei der dieser wiederholt die Verschwörer um Brutus als „ehrenwerte Männer“ bezeichnet, aber durch seine Worte klarmacht, dass genau das Gegenteil gemeint ist.

[4] Vgl. Metzler Literatur Lexikon. S. 224. Eintrag „Ironie“.

[5] Frye: Anatomy of Criticism.

[6] Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. S. 197.

[7] Fyre: Anatomy of Criticism. S. 133f.

[8] Mann: Dr. Faustus. S. 87.

[9] Frye: Anatomy of Criticism. S. 162. Auch das folgende Zitat.

[10] Ebd.

[11] Ebd. S. 33. Auch die beiden folgenden Zitate.

[12] Ebd. S. 34.

[13] Ebd. S. 223.

[14] Ebd.

[15] Vgl. ebd. S. 224.

[16] Ebd. S. 234.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. Michelsen: Bescheidung.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Ironic Mode(s) - Die verschiedenen Ebenen der Ironie im Tristram Shandy
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Nichts (rhetorisch, literarisch, poetologisch)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V58439
ISBN (eBook)
9783638526333
ISBN (Buch)
9783638773584
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hauptseminarsarbeit versucht die verschiedenen Ebenen der Ironie in Laurence Sterne's Tristram Shandy zu analysieren und greift dabei unter anderem auf Northrops Frye's Konzeption des "ironic mode" zurück.
Schlagworte
Ironic, Mode(s), Ebenen, Ironie, Tristram, Shandy, Nichts
Arbeit zitieren
Jonas Ivo Meyer (Autor), 2006, Ironic Mode(s) - Die verschiedenen Ebenen der Ironie im Tristram Shandy, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58439

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