Der Einfluss der Big Five Persönlichkeitsmerkmale auf das Finanzverhalten


Bachelorarbeit, 2020

81 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Theorie und Forschungsstand
2.1 Definition von Persönlichkeit und Disposition
2.2 Das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit
2.3 Facettenstruktur des Fünf-Faktoren-Modells
2.3.1 Offenheitfür Erfahrungen
2.3.2 Gewissenhaftigkeit
2.3.3 Extraversion
2.3.4 Verträglichkeit
2.3.5 Neurotizismus
2.4 Definition von Finanzverhalten
2.5 Finanzverhalten im Sinn von Best Practice
2.6 Dimensionen von Finanzverhalten
2.6.1 Cash-Management
2.6.2 Credit-Management
2.6.3 Spar-und Investitionsverhalten
2.6.4 Versicherungsverhalten
2.7 Operationalisierung von Finanzverhalten
2.8 Gegenwärtiger Forschungsstand
2.8.1 Finanzielles Wohlbefinden
2.8.2 Determinanten von Finanzverhalten
2.8.3 Persönlichkeit und Finanzverhalten
2.8.3.1 Gewissenhaftigkeit und Finanzverhalten
2.8.3.2 Offenheit und Finanzverhalten
2.8.3.3. Extraversion und Finanzverhalten
2.8.3.4. Neurotizismus. und Finanzverhalten
2.8.3.5. Verträglichkeit. und Finanzverhalten
2.9 Fragestellung und Hypothesen

3 Methode
3.1 Untersuchungsdesign- und vorgehen
3.2 Stichprobe
3.3 Fragebogenskalen
3.3.1 Demografische Variablen
3.3.2 Big-Five-Inventory Kurzskala (BFI-10)
3.3.3 The Financial Management Behavior Scale

4 Ergebnisse
4.1 Vorbereitende Datenanalyse
4.2 Deskriptive Datenanalyse
4.3 Inferenzstatistische Prüfung
4.4 Weiterführende Analysen

5 Diskussion und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Facetten des Fünf-Faktoren-Modells

Abbildung 2: Die vier Dimensionen des Finanzverhaltens

Abbildung 3: Wesentliche Determinanten des Finanzverhaltens

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Deskriptive Statistiken der Stichprobe (N = 178)

Tabelle 2: Deskriptive Statistiken für die BFI-10- Skalen der Stichprobe (N = 178)

Tabelle 3: Deskriptive Statistiken für die FMBS-Skalen der Stichprobe (N = 178)

Tabelle 4: Korrelationen zwischen den fünf Faktoren und dem Finanzverhalten (N = 178)

Tabelle 5: Lineare Regression des Prädiktors Gewissenhaftigkeit auf das Kriterium Finanzverhalten

Tabelle 6: Lineare Regression des Prädiktors Neurotizismus auf das Kriterium Finanzverhalten

Tabelle 7: Modell 1 - Multiple Regression der Prädiktoren auf das Kriterium (H4)

Tabelle 8: Modell 2 - Multiple Regression der Prädiktoren auf das Kriterium (H1)

Tabelle 9: Mittelwerte und Standardabweichungen des BFI-10 getrennt nach Geschlecht, Alter und Bildungsstand (N = 178)

Tabelle 10: Mittelwerte und Standardabweichungen der FMBS getrennt nach Geschlecht, Alter und Bildungsstand (N = 178)

Tabelle 11: Mittelwerte und Standardabweichungen der FMBS getrennt nach Haushaltstyp und Einkommen (N = 178)

Tabelle 12: Interkorrelationen der BFI- und FMBS- Variablen

Zusammenfassung

Frühere Forschung hat bereits soziodemografische, kognitive und psychologische Einflussfak­toren als relevante Determinanten des Finanzverhaltens von Privatpersonen identifiziert. Um das Verständnis dafür zu erweitern, welche individuellen Faktoren Unterschiede im finanziellen Verhalten von Menschen beeinflussen, ist es von hoher Relevanz, die psychologische Dispo­sition zu untersuchen. Bisher mangelt es allerdings an aktueller deutscher Forschung zu dieser Thematik. Aufgrund dessen untersucht diese Arbeit anhand einer Online-Erhebung den Ein­fluss der Big Five auf das Finanzverhalten an einer deutschen Stichprobe von N = 178. Die Ergebnisse zeigen, dass a.) Gewissenhaftigkeit positiv mit dem berichteten Finanzverhalten korreliert und b.) Neurotizismus negativ mit dem berichteten Finanzverhalten korreliert. Die Untersuchung verdeutlicht, dass einzelne Persönlichkeitsfaktoren signifikante Zusammen­hänge mit dem Finanzverhalten aufweisen. In der Diskussion werden weitere Forschungsfra­gen aufgeworfen und auf die Relevanz dieser Erkenntnisse für die Gestaltung von Interventio­nen eingegangen.

1 Einleitung

Nach einer Umfrage des Bundesverbandes deutscher Banken (2017) interessieren sich über 50 % der befragten Deutschen für finanzielle Themen und 75 % schätzen ihre Finanzkompe­tenz als gut ein. Es besteht allerdings eine deutliche Diskrepanz zwischen dieser Selbstein­schätzung und der tatsächlichen Finanzkompetenz. Dies wird besonders deutlich, wenn das aktuelle finanzielle Verhalten der Deutschen betrachtet wird. Die Deutschen sparen zwar gerne, doch trotz Niedrigzinsen von derzeit durchschnittlich 0.17 % (Tagesgeldvergleich, 2019) bevorzugen über 40 % der befragten Deutschen gering verzinste Geldanlageformen, wie das Spar- und Girokonto (Verband deutscher Bausparkassen, zitiert nach de.statista.com, 2019). Hingegen sind andere Geldanlageformen, wie Aktien, die wesentlich höhere Renditen ermög­lichen, mit 15 % weitaus weniger beliebt. Zugleich besitzt trotz hoher Sparquoten fast ein Drittel der befragten Haushalte gar keine Ersparnisse (ING International Survey, 2019). Dies ist prob­lematisch und deutet auf mangelnde finanzielle Verhaltensweisen hin. Denn Ersparnisse er­füllen eine wichtige Funktion, indem sie eine Notreserve für unerwartete Ausgaben und Schwankungen im Einkommen darstellen. In der Konsequenz müssen viele Deutsche, die keine Ersparnisse besitzen, von Freunden und Familie Geld leihen oder Kredite aufnehmen. Dies kann ein erster Schritt in die Verschuldung sein. In Deutschland stieg die durchschnittliche Gesamtverschuldung der Haushalte von 26.500 EUR (2008) auf 31.800 EUR (2018) je Haus­halt an (Statistisches Bundesamt, 2019b). Gleichzeitig stieg jedoch auch das durchschnittliche Nettovermögen je Haushalt von 45.700 EUR (2008) auf 55.400 EUR (2018) an. Folglich un­terscheiden sich die finanziellen Ergebnisse der deutschen Bevölkerung deutlich. Besorgnis­erregend ist zudem, dass ein Drittel der befragten Deutschen angibt, dass es ihnen nicht mög­lich sei, für den Ruhestand zu sparen (ING International Survey, 2019). Hierbei handelt es sich nach Lusardi und Mitchell (2017) auch um ein internationales Problem. Denn die Mehrzahl der befragten Pensionäre in acht Ländern kommt mit wenig oder gar keinem Nettovermögen in den Ruhestand (Lusardi & Mitchell, 2017). Doch gerade in der heutigen Zeit, in der Rentenlü­cken durch eine private Altersvorsorge gefüllt werden müssen, ist von allen ein hohes Maß an Eigenverantwortung im Umgang mit den eigenen Finanzen gefordert.

Wie verdeutlicht, unterscheiden sich die finanziellen Verhaltensweisen und Ergebnisse der Deutschen. Einige zeigen bereits ein kompetentes Finanzverhalten, indem sie sparen und pri- vatfürdie Rente vorsorgen. Doch nichtjedergehtso verantwortungsvoll mit seinen Finanzen um. Manche weisen ein ungünstiges finanzielles Verhalten auf und fügen sich finanziellen Schaden zu, indem sie den überwiegenden Anteil ihres Einkommens ausgeben, Konsumkre­dite aufnehmen und mit Verschuldung kämpfen. Wie kommt es dazu, dass einige diszipliniert und verantwortungsvoll mit ihrem Geld umgehen, während andere am Monatsende sorgenvoll auf ihren Kontostand blicken?

Aus wirtschaftspsychologischer Perspektive sind Privathaushalte ein interessantes und rele­vantes Forschungsgebiet, um finanzielles Verhalten zu untersuchen. Denn das finanzielle Ver­halten hat relevante Folgen, sowohl auf individueller als auch aggregierter Ebene. Zum einen ist das individuelle finanzielle Verhalten ein wesentlicher Faktor der allgemeinen Lebenszufrie­denheit und des finanziellen Wohlbefindens (Howell & Howell, 2008; Howell, Kurai & Tam, 2013). Zum anderen hat das finanzielle Verhalten von Einzelnen auf aggregierter Ebene auch Konsequenzen für die gesamte Wirtschaft. Denn das individuelle Konsum- und Sparverhalten hat Auswirkungen auf den gesamten Geld- und Güterkreislauf zwischen Haushalten und Un­ternehmen (Keynes, 2018). Deshalb haben Forscher bereits intensiv untersucht, welche Fak­toren das finanzielle Verhalten von Privatpersonen determinieren. Nach den bisherigen For­schungserkenntnissen sind demografische, wirtschaftliche und kognitive Einflussfaktoren nicht ausreichend, um die Unterschiede im finanziellen Verhalten von Haushalten zu erklären. Auf­grund dessen werden zur Erklärung der Unterschiede häufig psychologische Faktoren, wie Risikotoleranz (Pinjisakikool, 2018), Optimismus (Strömbäck, Lind, Skagerlund, Västfjäll & Tinghög, 2017) und der Zeithorizont (Lynch, Netermeyer, Spiller & Zammit, 2010), herangezo­gen. Neben psychologischen Faktoren wird auch die persönliche Disposition in Form von stabilen Persönlichkeitsmerkmalen als relevant zur Beschreibung, Erklärung und Vorhersage des menschlichen Verhaltens angesehen (Donnelly, Iyer & Howell, 2012; Duckworth & Weir, 2010). Denn in der Psychologie herrscht Einigkeit darüber, dass die Persönlichkeit das Han­deln in verschiedenen Kontexten beeinflussen kann (Mischel, 2009).

Die psychologische Forschung hatfünf grundlegende Persönlichkeitsfaktoren identifiziert, die relevante Lebensergebnisse und Variablen erklären und vorhersagen können. Diese fünf Faktoren werden als Extraversion, Verträglichkeit, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Neuroti­zismus bezeichnet. Sie sind gute Prädiktoren für die Arbeits- und Lebenszufriedenheit (Judge, Heller & Mount, 2002; Rammstedt, 2007), die akademische sowie berufliche Leistung (Barrick & Mount, 1991; John et al., 1994), die Berufswahl (Barrick, Mount & Gupta, 2003), den beruf­lichen Erfolg (Schmidt & Hunter, 1998), die Gesundheit und Lebensdauer (Friedmann, Hawley & Tucker, 1994; Goodwin & Friedman, 2006) und subjektive sowie objektive Erfolgsvariablen (Duckworth, Weir, Tsukayama & Kwok, 2012). Demnach erscheint es sinnvoll, die Rolle der persönlichen Disposition zu berücksichtigen, um den komplexen Zusammenhang von Fakto­ren zu verstehen, die eine Person wahrscheinlich dazu bringen, verantwortungsvoll mit den eigenen Finanzen umzugehen (Mosca & McCrory, 2016). Im Einklang damit beschäftigt sich diese Arbeit mit dem Einfluss von stabilen Persönlichkeitseigenschaften auf das Finanzverhal­ten von Privatpersonen. Sie soll das Verständnis dafür verbessern, welchen Einfluss die Per­sönlichkeit auf den Umgang mit den individuellen Finanzen hat. Um beantworten zu können, was die Personen, die ein verantwortungsbewusstes und gutes Finanzverhalten zeigen, von denen unterscheidet, die ein mangelhaftes, verbesserungswürdiges Finanzverhalten zeigen, untersucht diese Arbeit, ob ein Zusammenhang zwischen den fünf Faktoren und dem tatsäch­lichen Finanzverhalten von Privatpersonen besteht.

Frühere Studien deuten bereits darauf hin, dass die fünf Faktoren das finanzielle Verhalten von Privatpersonen beeinflussen und sich zur Erklärung von finanziellen Ergebnissen eignen (Donnelly et al., 2012; Hurd, Duckworth, Rohwedder & Weir, 2012; Mosca & McCrory, 2016; Nyhus & Webley, 2001). Zudem zeigen Studien, dass ein verantwortungsbewusstes finanziel­les Verhalten mit einem hohen Maß an Gewissenhaftigkeit und einer geringen Ausprägung an materialistischen Werten (Donnelly et al., 2012; Gardarsdottir & Dittmar, 2012), mit hoher Fi­nanzkompetenz (Perry & Morris, 2005), höherem Einkommen (Xiao, Sorhaindo & Garman, 2006), höheren Ersparnissen (Gardarsdottir & Dittmar, 2012) und geringeren Schulden (Lea, Webley & Walker, 1995) in Zusammenhang steht. Demnach können verantwortungsvolle fi­nanzielle Verhaltensweisen einen wichtigen Schutz vor Überschuldung darstellen und das Ver­mögen vergrößern. Hierdurch können nicht nur die Rente und andere finanzielle Risiken bes­ser abgesichert werden, sondern wahrscheinlich auch das finanzielle und individuelle Wohl­befinden erhöht werden (Howell & Howell, 2008).

Allerdings hat sich der überwiegende Anteil der finanzpsychologischen Forschung zu die­ser Thematik auf einzelne finanzielle Ergebnisvariablen, wie die Höhe der Ersparnisse (Nyhus & Webley, 2001) und der Verschuldung (Lea et al., 1995), sowie spezifische Bevölkerungs­gruppen und Länder, wie ältere irische Ehepaare (Mosca & McCrory, 2016) oder amerikani­sche Erwachsene (Duckworth et al., 2012), fokussiert. Problematisch ist auch, dass es nur wenige Studien gibt, welche konkrete finanzielle Verhaltensweisen untersuchten (Donnelly et al., 2012). Zudem besteht ein deutlicher Mangel an aktueller deutscher Forschung zu diesem Forschungsgegenstand. Aufgrund dessen wird diese Arbeit an den Forschungsdefiziten an­setzen, indem sie Zusammenhangshypothesen zwischen den fünf Persönlichkeitsfaktoren und dem tatsächlichen Finanzverhalten an einer deutschen Stichprobe prüft. Die zentrale For­schungsfrage, die sich hierbei stellt, lautet: Besteht ein Zusammenhang zwischen den fünf Persönlichkeitsfaktoren und dem tatsächlichen als verantwortungsbewusst zu bezeichnenden Finanzverhalten? Zur Analyse dieses Zusammenhangs wurde ein Online-Fragebogen entwi­ckelt, welcher soziodemografische Variablen, die fünf Faktoren der Persönlichkeit und das in­dividuelle Finanzverhalten an einer Stichprobe von deutschen Erwachsenen (N= 178) erhebt. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen die Erkenntnisse über den Einfluss von Persönlichkeits­merkmalen auf das private Finanzverhalten erweitern. Zudem können die Erkenntnisse hilf­reich für die Gestaltung von Interventionen sein, um dabei zu unterstützen, das Finanzverhal­ten zu verbessern und das finanzielle Wohlbefinden zu steigern.

Die Arbeit beginnt mit der Definition wesentlicher Konstrukte und Theorien in Abschnitt 2 und stellt im Anschluss aktuelle Ergebnisse der empirischen Forschung dar, die relevante De­terminanten des Finanzverhaltens aufzeigen. Auf Basis der bisherigen Forschungserkennt­nisse zum Zusammenhang zwischen den Big Five und dem Finanzverhalten werden die zu prüfenden Zusammenhangshypothesen in Abschnitt 2.9 abgeleitet. Darauf folgt in Abschnitt 3 eine Beschreibung der Methodik, indem das Untersuchungsdesign, die Stichprobe und die verwendeten Fragebogenskalen sowie das konkrete Vorgehen näher erläutert werden. Die Ergebnisse der statistischen Analyse werden in Abschnitt 4 berichtet. Hierbei geht die vorbe­reitende in die deskriptive Datenanalyse über, um schließlich eine inferenzstatistische Prüfung der aufgestellten Zusammenhangshypothesen vorzunehmen. Der Ergebnisteil endet mit wei­teren explorativen Analysen. Zum Schluss werden die zentralen Ergebnisse und Grenzen die­ser Arbeit diskutiert sowie zukünftige Forschungsfragen und die Praxisrelevanz aufgezeigt.

2 Theorie und Forschungsstand

Dieser Abschnitt der Arbeit wird sich auf die Definition der zu untersuchenden Konstrukte fo­kussieren, indem er wesentliche Theorien und empirische Ergebnisse zum Forschungsgegen­stand darstellt. Auf Basis dieser Ergebnisse werden anschließend die zentralen Hypothesen dieser Untersuchung abgeleitet.

2.1 Definition von Persönlichkeit und Disposition

Da die Persönlichkeit aus einer Vielzahl von theoretischen Perspektiven betrachtet werden kann, wird zunächst definiert, wie das Konstrukt der Persönlichkeit als unabhängige Variable in dieser Arbeit zu verstehen ist.

Die Definition von Persönlichkeit basiert auf den Annahmen der eigenschaftsorientierten Persönlichkeitspsychologie. Eigenschaftsorientierte Psychologen sind sich einig, dass Men­schen ein grundlegendes System von charakteristischen Persönlichkeitseigenschaften besit­zen, die sich in ihrer individuellen Ausprägung unterscheiden und das Verhalten, Fühlen und Denken sowohl beschreiben als auch bestimmen können (Allport, 1961; Cattel, 1950; Ey­senck, 1947). Diese grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften sind eng mit dem Begriff der Disposition verknüpft. Nach Allport (1961) bezeichnet persönliche Disposition die individuelle und relativ stabile Bereitschaft, auf bestimmte Bedingungen mit einem bestimmten Verhalten zu reagieren. Solche Dispositionen können als vererbte Veranlagung angeboren sein oder durch Umwelteinflüsse im Laufe des Lebens erworben werden. Heutzutage wird jedoch viel­fach von Psychologen die Auffassung vertreten, dass die persönliche Disposition auf die Zu­sammenwirkung von Umwelteinflüssen und vererbter Veranlagung zurückgeführt werden kann (Pervin, Cervone & John, 2005). Daher soll betont werden, dass zur vollständigen Erklärung eines Verhaltens sowohl die Disposition als auch die Situation berücksichtigt werden müssen. Auf Basis der Dispositions-Theorie kann ein direkter Zusammenhang zwischen dem eigen­schaftsbezogenen Verhalten und dem Besitz einer Persönlichkeitseigenschaft angenommen werden (Pervin et al., 2005). Für diese Arbeit ist ausschlaggebend, dass die Grundstruktur der Persönlichkeit durch charakteristische Eigenschaften beschrieben werden kann. Diese Per­sönlichkeitseigenschaften können im Sinne einer persönlichen Disposition unter bestimmten Bedingungen zu einem gewissen Anteil bestimmte Verhaltensweisen, wie das finanzielle Ver­halten, erklären und vorhersagen.

Darüber hinaus teilen viele eigenschaftsorientierte Psychologen die Annahme, dass die Persönlichkeit einem hierarchischen Aufbau folgt (Cattell, 1950; Eysenck, 1947). Hierdurch können die Persönlichkeitseigenschaften zu einem Schema verdichtet und in einem Modell dargestellt werden. Solche Modelle ermöglichen die Konzeption von Verfahren, welche die individuelle Ausprägung von Persönlichkeitseigenschaften messen können (Pervin et al., 2005). Aufgrund dessen ist der eigenschaftsbasierte Ansatz der Persönlichkeitspsychologie eng mit der Fragebogenforschung verbunden (John, Naumann & Soto, 2008).

Entgegen dem ansonsten theoriegeleiteten Vorgehen in der Psychologie basiert der eigen­schaftsbasierte Ansatz der Persönlichkeitspsychologie zudem grundlegend auf der Datenana­lyse. Hierbei können zwei Forschungsrichtungen unterschieden werden: der lexikalischeAn- satz (Allport & Odbert, 1936) und die statistische Faktorenanalyse (Cattell, 1950). Nach dem lexikalischen Ansatz sind relevante beschreibende Persönlichkeitsmerkmale in der Sprache kodiert (John et al., 2008). Auf Basis des lexikalischen Ansatzes identifizierten Allport und Od­bert (1936) anhand einer Studie insgesamt 18.000 Begriffe und bildeten vier Hauptkategorien, die eine Unterscheidung der Eigenschaftswörter ermöglichten. Da der datengeleitete Ursprung der eigenschaftsorientierten Forschung ihr größter Kritikpunkt ist, verfolgte Eysenck (1947) einen theoretischen Ansatz. Nach seiner Theorie ist die Persönlichkeit eine Kombination von Eigenschaften, die in einem hierarchischen Drei-Faktoren-Modell der Persönlichkeit zusam­mengefasst werden können. Hierbei bilden mehrere Persönlichkeitseigenschaften einen be­stimmten Persönlichkeitstyp. Eysenck (1947) unterscheidet die drei grundlegenden Persön­lichkeitsdimensionen: Extraversion, Neurotizismus und Psychotizismus. Einen weiteren For­schungsbeitrag leistete Cattell (1950), indem er wesentliche Persönlichkeitsdimensionen mit­tels statistischer Faktorenanalyse zusammenfasste. Hierfür verwendete Cattell (1950) die Da­ten von Allport und Odbert (1936) und verdichtete die große Anzahl an persönlichkeitsbe­schreibenden Begriffen zu Clustern, aus denen 16 Persönlichkeitsfaktoren resultierten.

Folglich bestand zunächst unter eigenschaftsorientierten Psychologen keine Einigkeit über eine grundlegende Persönlichkeitsstruktur. Aufgrund dessen verfolgten einige Persönlichkeits­psychologen das Ziel, eine grundlegende Struktur der Persönlichkeit zu identifizieren, um den wissenschaftlichen Diskurs mit einem allgemein anerkannten Modell zu vereinfachen (Costa & McCrae, 1992; Fiske, 1949; Norman, 1963; Tupes & Christal, 1992). Aus dieser Forschungs­arbeit entstand das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit. Auf die Entwicklung des Fünf- Faktoren-Modells (FFM) sowie auf Forschungsergebnisse, die das Modell repliziert haben, wird im folgenden Abschnitt eingegangen.

2.2 Das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit

Das FFM geht aus dem lexikalischen Ansatz sowie der Faktorenanalyse verschiedener Per­sönlichkeitspsychologen hervor. Es ist demnach nicht einem Forscherzuzuschreiben, sondern basiert auf der Forschungsarbeit mehrerer Psychologen (Costa & McCrae, 1992; Fiske, 1949; Goldberg, 1992; Norman, 1963; Tupes & Christal, 1992). Das zentrale Ziel der Forscher war es, ein Modell zu entwickeln, das grundlegende Persönlichkeitseigenschaften definiert, ordnet und zusammenfasst (John et al., 2008). Das FFM stellt demnach ein deskriptives Modell mit einer integrativen Funktion dar (John & Srivastava, 1999). Fiske (1949) sowie Tupes und Christal (1992) führten Re-Analysen von Cattells (1950) Faktoren durch und konnten die An­zahl sowie Art der 16 Faktoren nicht bestätigen. Sie kamen unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass fünf übergeordnete Faktoren die Grundstruktur der Persönlichkeit bilden. Wei­tere Forscher, wie Norman (1963) sowie Digman und Takemoto-Chock (1981), bestätigten in unabhängigen Faktorenanalysen eine Fünf-Faktoren-Struktur der Persönlichkeit. Goldberg (1990) testete die Verallgemeinerbarkeit der fünf Faktoren und stellte die Robustheit fest. Auch Costa und McCrae (2012) konnten eine hierarchische Struktur von fünf übergeordneten Per­sönlichkeitsfaktoren anhand einer umfangreichen Faktorenanalyse bestätigen. Die fünf Fakto­ren erlangten schließlich nach Goldberg (1990) als die Big Five Bekanntheit.

Die unterschiedlichen FFM weisen einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. Allen Modellen ist gemeinsam, dass sie fünf Faktoren höherer Ordnung bilden und ein hierarchi­sches System von Persönlichkeitseigenschaften darstellen. Obwohl ein breiter Konsens über eine Fünf-Faktoren-Struktur der Persönlichkeit herrscht, ist es wichtig festzuhalten, dass die Modelle inhaltliche Unterschiede aufweisen. Denn sowohl die Bezeichnung der Persönlich­keitsfaktoren als auch die Zuordnung der Facetten unterscheiden sich in den jeweiligen Mo­dellen. Beispielsweise wird der Faktor Verträglichkeit (Costa & McCrae, 2012) auch als Lie­benswürdigkeit (Norman, 1963) oder Konformität (Fiske, 1949) bezeichnet. Dies bedeutet, dass zwar methodische Einigkeit über fünf Faktoren besteht, jedoch keine begriffliche. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings auch, dass die unterschiedlich benannten Fakto­ren viele Gemeinsamkeiten besitzen und ihnen ähnliche Persönlichkeitseigenschaften zuge­ordnet sind (John & Srivastava, 1999).

Mehrere Forschungsbefunde verdeutlichen zudem, dass die fünf Faktoren eine replizier­bare und zeitlich stabile Grundstruktur der Persönlichkeit im Erwachsenenalter darstellen (Caspi & Roberts, 2001; Costa & McCrae 1998, 2000; Roberts & Del Vecchio, 2000) und auch interkulturelle Gültigkeit besitzen (Angleitner, Ostendorf & John, 1990; De Raad, Mulder, Kloosterman, & Hofstee, 1988; McCrae et al., 1999). McCrae et al. (1999) sowie Roberts und DelVecchio (2000) konnten bestätigen, dass die fünf Faktoren im Erwachsenenalter relativ stabil bleiben. Andere Forschungsbelege weisen jedoch darauf hin, dass das Niveau einzelner Faktoren im Lebensverlauf variieren kann (Soto, John, Gosling, & Potter, 2011; Srivastava et al., 2003). Zu den beobachteten altersbedingten Effekten zählt, dass Menschen mit zuneh­mendem Alter gewissenhafter und verträglicher werden (Srivastava et al., 2003). Insgesamt deuten die beobachteten Veränderungsmuster darauf hin, dass es sich bei den fünf Faktoren um zeitlich relativ stabile Konstrukte handelt, welche gleichzeitig einer Vielzahl von Entwick­lungseinflüssen, wie intrinsischen Reifeprozessen, unterliegen können (McCrae et al., 1999). Obwohl also stellenweise Zweifel an der Beständigkeit der fünf Faktoren im Lebensverlauf bestehen, wird diese Arbeit der Sichtweise von Cobb-Clark und Schurer (2012) folgen, dass die fünf Faktoren als stabile Einflüsse für das menschliche Verhalten angesehen werden kön­nen. Zudem deuten kulturübergreifende Untersuchungen stark darauf hin, dass die fünf Fak­toren universell gültig sind (Angleitner et al., 1990; De Raad, Mulder, Kloosterman, & Hofstee, 1988; McCrae et al., 1999). Nach De Raad et al. (1988) sind die fünf Faktoren besonders gut in germanischen Sprachen, wie Deutsch und Niederländisch, replizierbar.

Obwohl das FFM als eines der anerkanntesten Persönlichkeitsmodelle der angewandten Forschung gilt, gibt es auch Forscher, die Kritik an dem Modell äußern. Block (1995) kritisiert den fehlenden theoretischen Ansatz, die Art und Anzahl der Faktoren und stellt den prädiktiven Nutzen in Frage. Im Einklang hiermit weist Saucier (1997) darauf hin, dass die Forschung weiter nach Persönlichkeitsmodellen jenseits der fünf Faktoren forschen solle. Costa und McCrae (1998, 2012) nahmen sich dieser Kritik an und entwickelten post hoc eine Fünf-Fak- toren-Theorie. Diese formuliert die Annahme, dass die fünf Faktoren biologisch bedingt seien und abhängig von der persönlichen Biografie und weiteren äußeren Einflüssen lediglich in ihrer konkreten Ausprägung variieren. Die Annahme, dass die fünf Faktoren ein universelles Sys­tem der Persönlichkeit darstellen, kann auch von genetischen Analysen gestützt werden (Ya- magata et al., 2006).

Entgegen der geäußerten Kritik lautet der allgemeine wissenschaftliche Konsens, dass es fünf universal gültige Dimensionen der Persönlichkeit gibt, die sich durch spezifische Eigen­schaften zusammenfassen lassen und eine stabile Grundstruktur der Persönlichkeit bilden (John et al., 2008). Hierbei handelt es sich um die fünf Faktoren Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für Erfahrung, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Auf die spezifische Facetten­struktur dieser Faktoren und die hiermit eng verbundene Fragebogenkonstruktion wird im nächsten Abschnitt eingegangen.

2.3 Facettenstruktur des Fünf-Faktoren-Modells

Die fünf Faktoren bestehen aus einer großen Bandbreite an Einzelmerkmalen (Facetten), die den Hauptfaktoren zugeordnet sind. Folglich reduziert das FFM die Persönlichkeit nicht auf fünf globale Eigenschaften, sondern fasst eine große Anzahl an Persönlichkeitsmerkmalen in fünf breiten Dimensionen zusammen (John & Srivastava, 1999). Aufgrund dessen soll an die­ser Stelle eine Definition der fünf Faktoren sowie der zugehörigen Facettenstruktur erfolgen, die zum Verständnis der Hypothesen und zur Interpretation der Ergebnisse hilfreich sein wird. Die Facettenstruktur des NEO-PI-R von Costa und McCrae (2008) stellt mit 30 Facetten eine weit entwickelte und empirisch validierte Struktur dar und bildete die Grundlage für die Ent­wicklung von Persönlichkeitsinventaren, wie den NEO-Fragebögen sowie dem Big Five Inven­tory (BFI; John, Donahue & Kentle, 1991). Jeder der fünf Persönlichkeitsfaktoren beinhaltet sechs untergeordnete Facetten sowie beschreibende Adjektive (Costa & McCrae, 2008). Auch das 44 Items umfassende BFI von John et al. (1991) basiert auf einer eigenen Facettenstruk­tur, die auf der Grundlage der Facettenstruktur des NEO-PI-R von Costa und McCrae (2008) entwickelt wurde. Die Facettenstruktur des BFI besteht aus insgesamt 10 Facetten, die kon­zeptionell mit dem NEO-PI-R zusammenhängen (Soto & John, 2009). Je zwei Facetten bilden einen Faktor. Beispielsweise bilden die beiden Facetten Durchsetzungsfähigkeit und Aktivität den Faktor Extraversion. Der dazugehörige BFI-Fragebogen erfasst die fünf Faktoren anhand 10 kurzer Sätze, die aufAdjektiven basieren, welche prototypische Marker der fünf Faktoren darstellen (John, 1990). Die Facettenstrukturen von Costa und McCrae (2008) und John et al. (1991) sowie die beschreibenden Adjektive (John, 1990) sind in Abbildung 1 dargestellt. Durch die Vielzahl an Facetten und die beschreibenden Adjektive wird die große Bandbreite jedes Hauptfaktors verdeutlicht. Die einzelnen Facetten tragen zur Ausprägung des jeweiligen Hauptfaktors bei. Hierdurch lassen sich Personen anhand ihrer Werte auf einer Skala platzie­ren und einer niedrigen oder hohen Ausprägung zuordnen. Diese skalierbare Dimension der fünf Faktoren erwies sich als nützlich für die angewandte Forschung, um Unterschiede zwi­schen Individuen erklären zu können und führte zur Konstruktion von Persönlichkeitsinventa­ren (John et al., 2008).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Facetten des Fünf-Faktoren-Modells1.

2.3.1 Offenheit für Erfahrungen

Offenheit beschreibt eine generelle Bereitschaft für neue Ideen und Erfahrungen (John & Sri­vastava, 1999). Dies beinhaltet eine breite Vielfalt an Interessen, intellektuelle Neugier, As­pekte von Kreativität und Fantasie sowie Sinn für Ästhetik (John et al., 2008). Personen mit einer hohen Ausprägung in Offenheit für Erfahrung werden als wissbegierig, kreativ, neugierig und intelligent beschrieben (John, 1990). Hierdurch sind sie häufig unabhängige Denker, su­che gerne anregende Erfahrungen und zeigen Aufgeschlossenheit gegenüber unkonventio­nellen Ideen (John et al., 2008; Mehl, Gosling, & Pennebaker, 2006). Durch ihren Wissensdurst und ihre vielfältigen Interessen haben offenen Personen häufig ein hohes Bildungsniveau (Ro­bins, John, & Caspi, 1994) und ein breites Wissen (Ostendorf & Angleitner, 2001). Aufgrund dessen wird Offenheit auch mit Intelligenz in Verbindung gebracht. Allerdings sind Personen mit ausgeprägter Offenheit nicht unbedingt intelligenter als der Durchschnitt (Costa & McCrae, 2008), doch ein hohes Maß an Offenheit kann zur Entwicklung von Intelligenz beitragen (Ostendorf & Angleitner, 2001). Personen mit einer niedrigen Ausprägung in Offenheit werden hingegen als konventionell, engstirnig und traditionell beschrieben (John, 1990). Sie bevorzu­gen Vertrautes und verfolgen daher eher gewöhnliche Interessen (Ostendorf & Angleitner, 2001). Aufgrund dessen suchen sie nicht gerne Herausforderungen und sind neuen Erfahrun­gen gegenüber eher verschlossen (John et al., 2008).

2.3.2 Gewissenhaftigkeit

Der Faktor Gewissenhaftigkeit beschreibt wesentliche Aspekte von Impulskontrolle sowie Selbstregulierung, die ein aufgaben- und zielorientiertes Verhalten ermöglichen (McCrae & Löckenhoff, 2010). Dies umfasst Facetten wie Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Selbst­disziplin und Ordnungsliebe (Costa & McCrae, 2008). Personen mit einer hohen Ausprägung in Gewissenhaftigkeit werden als organisiert, zuverlässig, sorgfältig, ausdauernd und zielstre­big beschrieben (John, 1990). Sie führen Aufgaben korrekt aus, gehen systematisch vor und erzielen hohe berufliche Leistungen (Barrick & Mount, 1991; Ostendorf & Angleitner, 2001). Darüber hinaus sind gewissenhafte Personen zukunftsorientierter, da sie eine Vorliebe für Pla­nung und Struktur haben (John et al., 2008). Zudem haben gewissenhafte Personen eine starke Willenskraft, verfolgen diszipliniert ihre Ziele und beenden Aufgaben, ohne sich ablen­ken zu lassen (Ostendorf & Angleitner, 2001). Personen mit einer niedrigen Ausprägung in Gewissenhaftigkeit werden hingegen als unzuverlässig, unstrukturiert und vergesslich be­schrieben (John, 1990). Sie sind leicht ablenkbar, neigen zu spontanen Entscheidungen und unüberlegten Handlungen (Ostendorf & Angleitner, 2001).

2.3.3 Extraversion

Extraversion beschreibt nach Ostendorf (1990) wesentliche emotionale und soziale Aspekte der Persönlichkeit sowie laut John et al. (2008) nach außen gerichtete energetische Merkmale, die mit positiver Emotionalität verbunden werden. Dies beinhaltet Facetten wie Geselligkeit, Herzlichkeit, Aktivität und Frohsinn (Costa & McCrae, 2008). Personen mit einer hohen Aus­prägung in Extraversion werden als kontaktfreudig, lebhaft und unternehmungslustig beschrie­ben (John, 1990). Zudem kommen Extravertierte seltener zur Ruhe, da sie ein hohes Bedürfnis nach Beschäftigung haben (Ostendorf & Angleitner, 2001). Nach Rammstedt und Danner (2017) korreliert Extraversion positiv mit sozialer Resonanz. Denn Extravertierte suchen gerne die Gesellschaft anderer Menschen. Dies spiegelt sich auch in der Größe ihres sozialen Netz­werkes wider. Denn je extravertierter eine Person ist, desto größer ist die Anzahl ihrer sozialen Kontakte (John et al., 2008). Zudem sind Extravertierte durchsetzungsfähig und übernehmen häufig in Gruppen die Führung (Anderson, John & Keltner, 2001). Personen mit einer niedrigen Ausprägung in Extraversion werden hingegen als introvertiert bezeichnet. Sie haben ein nach innen gerichtetes Wesen und werden daher als zurückhaltend sowie reserviert beschrieben (John, 1990). Sie verbringen gerne Zeit alleine und richten ihre Energie stärker auf ihr Innen­leben (Mehl et al., 2006). Aufgrund dieser charakteristischen Facetten ist ihr soziales Netzwerk auch kleiner als das von Extravertierten (Rammstedt & Danner, 2017).

2.3.4 Verträglichkeit

Verträglichkeit beschreibt Persönlichkeitseigenschaften, die für die soziale Interaktion und Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen eine hohe Relevanz besitzen (John & Sri­vastava, 1999). Hierzu zählen Aspekte wie Hilfsbereitschaft und Entgegenkommen (Costa & McCrae, 2008). Personen mit einer hohen Ausprägung in Verträglichkeit werden als koopera­tiv, wertschätzend und freundlich bezeichnet (John, 1990). Sie haben ein starkes Harmonie­bedürfnis und gehen rücksichtsvoll mit anderen Menschen um (Angleitner et al., 1990). Auf­grund dessen pflegen sie ihre sozialen Beziehungen intensiv und verhalten sich mitfühlend sowie großzügig (John et al., 2008; Ostendorf & Angleitner, 2001). Bei zwischenmenschlichen Konflikten geben verträgliche Personen zudem wahrscheinlicher nach und vergeben den Be­teiligten schneller (Ostendorf & Angleitner, 2001). Personen mit niedrigen Werten in Verträg­lichkeitwerden hingegen als misstrauisch, kalt und unfreundlich beschrieben (John, 1990). Sie verfolgen eher ihre eigenen Interessen und können sich hierdurch anderen gegenüber rück­sichtslos verhalten. Aufgrund dessen haben sie häufiger zwischenmenschliche Konflikte und erzielen schlechtere Ergebnisse in Arbeitsgruppen (John et al., 2008).

2.3.5 Neurotizismus

Neurotizismus bezeichnet das Gegenteil von emotionaler Stabilität und beschreibt die Ten­denz, die Umwelt als beunruhigend und bedrohlich zu erleben (John et al., 2008). Dies umfasst Facetten negativer Emotionen wie Ängstlichkeit und Reizbarkeit (Costa & McCrae, 2008). Per­sonen mit hohen Werten in Neurotizismus reagieren stärker auf externe Reize, wie Stressoren, und fühlen sich leicht entmutigt und niedergeschlagen (Ostendorf & Angleitner, 2001). Sie ha­ben starke Stimmungsschwankungen und neigen zu depressiven Stimmungen (John et al., 2008). Infolgedessen werden sie häufig als unzufrieden, launisch und angespannt beschrie­ben (John, 1990). Neurotisches Verhalten wird auch als Prädiktorfür psychische Erkrankun­gen und Depression angesehen (Ormel et al., 2013). Um Stress abzubauen, sind Neurotiker zudem anfälligerfür Suchtverhalten, wie zwanghaftes Konsumverhalten (Hoch & Loewenstein, 1991) . Niedrige Werte in Neurotizismus sprechen hingegen für innere Ausgeglichenheit und Stressresistenz (Costa & McCrae, 2008). Denn emotional stabile Personen können mit Stress besser umgehen und nehmen Veränderungen gelassener hin (John, 1990). Aufgrund ihrer emotionalen Stabilität sind sie häufig auch insgesamt zufriedener mit und erfolgreicher in ihrem Leben (Duckworth et al., 2012; John et al., 2008).

2.4 Definition von Finanzverhalten

Nachdem die zugrundeliegenden Theorien der unabhängigen Variablen dieser Untersuchung erläutert wurden, wird in diesem Abschnitt das Finanzverhalten von Privatpersonen als abhän­gige Variable der Untersuchung definiert. Um das individuelle Finanzverhalten von Privatper­sonen beschreiben zu können, müssen zunächst grundlegende Aspekte sowie Dimensionen des finanziellen Verhaltens definiert werden. Darauffolgend wird erläutert, was in dieser Arbeit unter einem verantwortungsbewussten Finanzverhalten verstanden wird und wie dieses ope­rationalisiert werden kann.

Da diese Arbeit sich auf Privatpersonen konzentriert und der Frage nachgeht, wie die er­wachsene deutsche Bevölkerung mit ihren Finanzen umgeht, hat die Definition den Anspruch, die gesamte Bandbreite des Finanzverhaltens von Privatpersonen zu erklären. Obwohl finan­zielles Verhalten im betriebswirtschaftlichen Sinne nicht einfach auf die individuelle Ebene übertragen werden kann, erweist sich die Betrachtung des betriebswirtschaftlichen Finanzma­nagements zur Definition des privaten Finanzverhaltens als hilfreich. Nach Antonides (1999) ähnelt das private Finanzverhalten dem betriebswirtschaftlichen Finanzmanagement in eini­gen Punkten und umfasst alle Aktivitäten, die zur finanziellen Führung eines Privathaushaltes notwendig sind. Ähnlich wie beim betrieblichen Finanzmanagement schließt dies die zielge­richtete Planung, Steuerung und Kontrolle der finanziellen Ressourcen ein. Hierzu zählen un­teranderem die Aspekte Finanzierung, Investition und das Risikomanagement. Ebenfalls lässt sich das private Finanzverhalten in strategische, administrative und operative Ebenen unter­scheiden. Zu den strategischen Aufgaben zählt beispielsweise die Planung langfristiger finan­zieller Entscheidungen. Zur administrativen Ebene zählt die Verwaltung und Kontrolle der ei­genen Finanzen und zur operativen Ebene die Abwicklung des Zahlungsverkehrs sowie die Beschaffung von finanziellen Ressourcen (Antonides, 1999). Eine weitere Definition von pri­vatem Finanzverhalten stammt von Schmölders (1975). Nach Schmölders (1975) umfasst pri­vates Finanzverhalten den gesamten Umgang mit dem eigenen und fremden Geld in einem Haushalt. Hierzu zählen die individuellen Kauf- und Sparentscheidungen, das Ausgabe- und Anlageverhalten, die Zahlungsgewohnheiten, der Besitz von Geld- und Sachwerten, die Inan­spruchnahme von Krediten und Versicherungen sowie die Absicherung finanzieller Risiken.

Nachdem das allgemeine Finanzverhalten von Privatpersonen definiert wurde, soll nun darauf eingegangen werden, was als gutes und verantwortungsbewusstes Finanzverhalten im Sinne von Best Practice bezeichnet werden kann.

2.5 Finanzverhalten im Sinn von Best Practice

Die Forschung hat gezeigt, dass verantwortungsvolle finanzielle Verhaltensweisen eine bes­sere psychische und physische Gesundheit fördern können (Dew & Xiao, 2011; Drentea, 2000). Es gibt daher gute Gründe, das verantwortungsvolle finanzielle Verhalten näher zu de­finieren.

Nach Robb und Woodyard (2011) zählen sechs Finanzpraktiken zu den wesentlichen Be­reichen des verantwortungsvollen Umgangs mit den privaten Finanzen: das Sparen für den Notfall, die Überwachung und vollständige Bezahlung der Kreditkartenrechnung, keine Über­ziehung des Kontostandes, der Besitz einer privaten Altersvorsorge und das Risikomanage­ment durch den Abschluss von Versicherungen. Auch Perry und Morris (2005) haben in einer Studie verantwortungsvolle finanzielle Verhaltensweisen identifiziert. Diese umfassen die Aus­gabenkontrolle, die rechtzeitige Begleichung von Rechnungen, die Planung der finanziellen Zukunft, die private Vorsorge sowie das Sparverhalten. Nach Dew und Xiao (2011) bezieht sich ein gutes Finanzverhalten auf positive und wünschenswerte finanzielle Verhaltensweisen, die in ihrer Summe sowohl das subjektive finanzielle Wohlbefinden als auch den objektiven finanziellen Erfolg verbessern können (Xiao, 2008). Solche Verhaltensweisen umfassen so­wohl Aktivitäten in Bezug auf Bargeld, Kreditkarten und Kredite als auch das Spar-, Investiti- ons-sowie Versicherungsverhalten (Dew & Xiao, 2011; Hilgert, Hogarth & Beverly, 2003). Um das finanzielle Verhalten im Sinne von Best Practice messen und verbessern zu können, ent­wickelten Dew und Xiao (2011) eine Skala, welche die Ausprägung des tatsächlichen Finanz­verhaltens messbar und bewertbar macht.

2.6 Dimensionen von Finanzverhalten

Um wesentliche Dimensionen des Finanzverhaltens privater Haushalte zu identifizieren, un­tersuchten Hilgert, Hogarth und Beverly (2003) das tatsächliche Finanzverhalten von amerika­nischen Privathaushalten. Die teilnehmenden Haushalte berichteten überVerhaltensweisen, die von sehr grundlegenden Tätigkeiten, wie rechtzeitige Begleichung von Rechnungen, bis hin zu anspruchsvolleren Tätigkeiten, wie Diversifizierung von Investitionen, reichten. Die Haushalte gaben zudem Auskunft über den Besitz und die Verwendung von Finanzprodukten, wie Spar- und Girokonten sowie Kreditkarten. Zur Systematisierung des Finanzverhaltens be­trachteten Hilgert et al. (2003) die berichteten finanziellen Verhaltensweisen und die verwen­deten Finanzprodukte. Aus dieser kombinierten Analyse resultierten die vier Dimensionen Cashflow- und Credit-Management, Saving und Investment, die Abbildung 2 zu entnehmen sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die vier Dimensionen des Finanzverhaltens2.

Die Ergebnisse von Hilgert et al. (2003) deuten darauf hin, dass die einzelnen Dimensionen des Finanzverhaltens hierarchisch geordnet sind. Durchschnittlich 66 % der Teilnehmer be­richteten über Cashflow-Management, 45 % über Credit-Management, 33 % über Sparverhal­ten und 19 % über Investitionsverhalten. Diese Verhaltenshierarchie kann mehrere Ursachen haben. Zum einen können nach der Einkommenshypothese Einkommensunterschiede dazu führen, dass bestimmte Haushalte mehr oder weniger finanzielle Kapazität haben, um zu spa­ren und zu investieren (Keynes, 2018). Darüber hinaus ändern sich nach der Lebenszyklus- theorie (LCT; Life Cycle Theory) von Modigliani (1980) die finanziellen Bedürfnisse mit den Lebensumständen. Aufgrund dessen können unterschiedliche Finanzpraktiken dazu dienen, den wandelnden Bedürfnissen gerecht zu werden (Hershey, Austin & Gutierrez, 2015).

Weitere Systematisierungen von Finanzverhalten erweitern die vier Dimensionen von Hil­gert et al. (2003) um die Bereiche Altersvorsorge und Risikomanagement (Robb & Woodyard, 2011) sowie Versicherungsverhalten (Dew & Xiao, 2011; Huston, 2011). Diese Arbeit folgt der Systematisierung des Finanzverhaltens von Dew und Xiao (2011). Sie basiert auf den vier Dimensionen von Hilgert et al. (2003) und erweitert die Systematisierung um die Dimension Versicherungsverhalten. Im Zuge der Systematisierung prüften Dew und Xiao (2011) die Ver­einbarkeit ihrer Dimensionen mit der hierarchischen Ordnung von Hilgert et al. (2003). Die Hierarchie des Finanzverhaltens wurde von Dew und Xiao (2011) nur teilweise bestätigt. Ent­sprechend den Ergebnissen von Hilgert et al. (2003) wurden das Spar- und Investitionsverhal­ten auch bei Dew und Xiao (2011) von der geringsten Anzahl an Befragten praktiziert. Im Ge­gensatz hierzu wurden die anderen drei finanziellen Verhaltensweisen auf etwa gleichem Ni­veau ausgeübt. Dies steht im Widerspruch zu den Ergebnissen von Hilgert et al. (2003), die das Cashflow-Management hierarchisch vordem Credit-Management einordneten. Diese Dis­krepanz kann darauf zurückzuführen sein, dass die Akzeptanz von Krediten möglicherweise gestiegen ist und dass die Analyse von Dew und Xiao (2011) zur Zeit einer wirtschaftlichen Rezession erfolgte (2007 bis 2009). Hierdurch waren die Befragten möglicherweise gezwun­gen, ihre Ausgaben stärker zu kontrollieren und vermehrt Kredite zu nutzen.

Im folgenden Abschnitt werden die einzelnen Dimensionen der Systematisierung von Dew und Xiao (2011) genauer charakterisiert, zentrale Determinanten aufgezeigt und positive sowie negative Konsequenzen der finanziellen Verhaltensweisen erläutert.

2.6.1 Cash-Management

Als Cash-Management werden aktive Tätigkeiten der Geldverwaltung bezeichnet (Dew & Xiao, 2011). Zu den spezifischen Verhaltensweisen zählen beispielsweise die Kontrolle der Ausgaben, die regelmäßige Prüfung des Kontostandes und das Erstellen von Budgets (Son­nenberg, 2017). Mehrere Studien zeigen, dass das Cash-Management relevante Folgen für die finanzielle Lage haben kann (Donnelly et al., 2012; Lea et al., 1995). Nach Lea et al. (1995) hängt unsystematisches Cash-Management positiv mit der Höhe der Schulden zusammen. Zu den negativen Konsequenzen kann folglich das zunehmende Risiko einer Verschuldung zäh­len. Denn wenn Rechnungen nicht rechtzeitig bezahlt und Ausgaben nicht kontrolliert werden, kann dies eine Verschuldung begünstigen. Zudem gibt es Belege dafür, dass diejenigen, die ihr Geld besser verwalten, weniger Schulden haben. Denn ein aktives Cash-Management steht in einem umgekehrten Zusammenhang mit der Höhe der Schulden (Gardarsdottir & Ditt- mar, 2012) und prognostiziert eine niedrigere Schuldenakkumulation (Donnelly et al., 2012). Aufgrund dessen argumentieren Donnelly et al. (2012), dass eine aktive Geldverwaltung das Risiko einer Verschuldung minimieren kann. In Übereinstimmung hiermit weisen Pham, Yap und Dowling (2012) darauf hin, dass ein geringes Cash-Management ein Prädiktor für zwang­haftes Kauf- und Konsumverhalten sei. Die bisherige Forschung zeigt zudem, dass aktives Cash-Management positiv mit Gewissenhaftigkeit (Donnelly et al., 2012), niedrigen materialis­tischen Werten (Gardarsdottir & Dittmar, 2012), hohem Finanzwissen (Ksendzova, Donnelly & Howell, 2017), Hochschulbildung (Donnelly et al., 2012), höherem Einkommen (Xiao et al., 2006), höherem Vermögen und Investitionen (Ksendzova et al., 2017), höheren Ersparnissen (Gardarsdottir & Dittmar, 2012) sowie geringeren Schulden (Lea et al., 1995) korreliert. Auf­grund dessen kann angenommen werden, dass ein aktives Cash-Management einen positiven Einfluss auf den gesamten finanziellen Status und das finanzielle Wohlbefinden haben kann.

2.6.2 Credit-Management

Finanzielle Verhaltensweisen, die sich auf den aktiven Umgang mit Krediten beziehen, werden als Credit-Management bezeichnet (Dew&Xiao, 2011). Hierzu zählen beispielsweise die Nut­zung von Krediten und der Besitz einer Kreditkarte sowie Tätigkeiten, die der Beschaffung und Kontrolle von Krediten dienen (Ranyard, McHugh & McNair, 2017). Heutzutage werden Kredite vielfach als akzeptables Mittel zur Finanzierung von langfristigen Investitionen oder zur Befrie­digung von Konsumbedürfnissen angesehen und von vielen Personen genutzt. Insbesondere jüngere Erwachsene zeigen positiven Einstellungen gegenüber Krediten (Livingstone & Lunt, 1992) . Jedoch kann die Nutzung von Konsumkrediten das Risiko einer Überschuldung stark erhöhen (Kamleitner& Kirchler, 2007). Wenn die Kreditzahlungen nicht mehr geleistet werden können, wird nach Ranyard et al. (2017) von einer Überschuldung gesprochen. Sowohl eine Verschuldung als auch eine Überschuldung können weitreichende Folgen für das finanzielle Wohlbefinden haben. Mehrere Studien zeigen, dass eine hohe und dauerhafte Verschuldung starken Stress verursachen kann, welcher der Gesundheit und Psyche langfristig schadet (Drentea, 2000; Fitch, Hamilton, Basset & Davey, 2011). Taylor, Pevalin und Todd (2007) beo­bachteten zudem, dass Schwierigkeiten bei der Hypothekenrückzahlung das individuelle Stresslevel stärker erhöhen als die Faktoren Arbeitslosigkeit oder Scheidung. Im Kontrast hierzu stellten Brown, Taylor und Wheatley (2005) allerdings fest, dass das Stresslevel nur bei Personen mit ungesicherten Schulden, die nicht hypothekarisch belastet sind, erhöht wird. Relevante Determinanten für einen hohen Schuldenstand sind ein niedriges Einkommen und die Präferenz für sofortigen Konsum (Nyhus, 2017). Darüber hinaus begünstigen weitere psy­chologische Variablen, wie kurze Planungshorizonte, externale Kontrollüberzeugung, positive Einstellungen gegenüber Schulden, materielle Werte und schwach ausgeprägte Cash- und Credit-Management-Fähigkeiten, eine hohe Verschuldung (Donnelly et al., 2012; Lea et al., 1995). Demzufolge kann angenommen werden, dass ein gutes Credit-Management, das Ri­siko einer Überschuldung senken und positive Auswirkungen auf das finanzielle Wohlbefinden und den finanziellen Status haben kann.

2.6.3 Spar- und Investitionsverhalten

Als Spar- und Investitionsverhalten wird die Gesamtheit der Finanzpraktiken zusammenge­fasst, die sich auf das private Anlageverhalten, die finanzielle Vorsorge sowie das Bilden von finanziellen Rücklagen und den Vermögensaufbau beziehen (Dew &Xiao, 2011). Zu solchen finanziellen Verhaltensweisen zählen beispielsweise das Sparen auf dem Giro- oder Spar­konto und das Investieren in Wertpapiere oder weitere langfristige Anlagen, wie Immobilien, sowie die private Vorsorge für den Ruhestand (Dew & Xiao, 2011). Das Sparen stellt in der Regel eine Voraussetzung für das Investieren dar. Denn ohne Ersparnisse kann nicht investiert werden. Nach Ranyard et al. (2017) bilden Ersparnisse und Investitionen gemeinsam die Grundvoraussetzung für das Wachstum von privatem Vermögen und finanziellem Wohlstand. Mehrere Studien unterstützen diese Annahme, indem sie zeigen, dass das Spar- und Investi­tionsverhalten einen positiven Einfluss auf den Vermögensaufbau und die finanzielle Zufrie­denheit haben (Brown & Taylor, 2014; Duckworth et al., 2012). Studien weisen zudem darauf hin, dass Personen, die sparen und ihre Finanzen aktiv verwalten, Kredite nicht als Einkom­mensquelle sehen und weniger wahrscheinlich von einer Verschuldung betroffen sind (Lea et al., 1995; Nyhus & Webley, 2001). Nach Nyhus und Webley (2001) reduziert ein ausgeprägtes Sparverhalten wesentlich das Risiko einer Verschuldung. Zu den bisher identifizierten Einfluss­faktoren, die positiv mit dem Sparverhalten korrelieren, zählen die internale Kontrollüberzeu­gung (Strömbeck et al., 2017), eine langfristige Zeitorientierung (Brounen, Koedijk & Pownall, 2016), positive Einstellungen gegenüber dem Sparen (Brandstätter, 2005) und der Faktor Ge­wissenhaftigkeit (Donnelly et al., 2012). Wesentliche Determinanten des privaten Investitions­verhaltens sind die Finanzkompetenz (Perry & Morris, 2005), der bevorzugte Zeithorizont (Brounen et al., 2016) und die individuelle Risikotoleranz (Fischer & Mörsch, 1999). Demnach kann davon ausgegangen werden, dass ein ausgeprägtes Spar- und Investitionsverhalten die finanzielle Lage und das Wohlbefinden positiv beeinflussen kann.

2.6.4 Versicherungsverhalten

Auch das Versicherungsverhalten wird von einigen Forschern als wesentliche Dimension des Finanzverhaltens angesehen (Dew & Xiao, 2011; Robb & Woodyard, 2011). Denn Versiche­rungen können der Risikovorsorge dienen und auf diese Weise vor einer Verschuldung schüt­zen (Huston, 2010). Obwohl nach Dew und Xiao (2011) das Versicherungsverhalten zum ver­antwortungsbewussten finanziellen Verhalten zählt, wird es in dieser Arbeit nicht näher be­trachtet. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen stammt die Systematisierung des Versiche­rungsverhaltens von Dew und Xiao (2011) aus den USA, wo viele relevante Versicherungen, im Gegensatz zu Deutschland, nicht gesetzlich vorgeschrieben sind (§ 1 Abs.1 S.1 SGB IV, 1976; The American Health Care Act, 2017). Die Absicherung von finanziellen Risiken, wie beispielsweise einer Krankheit, erfolgt in den USA auf freiwilliger Basis und kann somit als verantwortungsbewusste finanzielle Tätigkeit angesehen werden (Dew & Xiao, 2011). Zum anderen variieren die Empfehlungen zur privaten Absicherung von finanziellen Risiken nach dem Bund der deutschen Versicherten (2016) stark. Sie sind von persönlichen Lebensumstän­den, der eigenen Risikoneigung und den finanzielle Ersparnissen abhängig. Demnach muss das Versicherungsverhalten höchst individuell bewertet werden und wird von dieser Untersu­chung ausgeschlossen. Im Einklang hiermit argumentieren auch Strömbäck et al. (2017), dass das Versicherungsverhalten kein guter Indikator für verantwortungsbewusstes Finanzverhal­ten sei, da eine Unterversicherung nicht notwendigerweise auf ein verantwortungsloses finan­zielles Verhalten hindeute.

2.7 Operationalisierung von Finanzverhalten

Wie Dew und Xiao (2011) bei der Entwicklung der Financial Behavior Management Scale (FMBS) zeigten, verwendeten 10 von 15 Studien ausschließlich ein- oder zweidimensionale Skalen zur Erfassung des Finanzverhaltens. Demnach konzentriert sich ein großer Anteil der Forschung auf wenige spezifische finanzielle Verhaltensweisen, wie das Spar- und Kreditver­halten (Lea et al, 1995; Nyhus & Webley, 2001). Anstatt die gesamte Bandbreite des Finanz­verhaltens zu erfassen, verwendeten Forscher zudem häufig Einzelindikatoren, um positive und negative Resultate des Finanzverhaltens zu messen. Sie folgten der Annahme, dass sich in einer leistungsorientierten Gesellschaft finanzielle Kennzahlen, wie das Nettovermögen o­der das Einkommen, zur Beurteilung des objektiven Finanzerfolgs eignen (Duckworth, Weir, Tsukayama, & Kwok, 2012). Zu diesen Indikatoren zählen die Höhe der Verschuldung als ne­gatives Ergebnis von finanziellen Praktiken (Lea et al., 1995) und die Höhe der Ersparnisse (Cobb-Clark, Kassenboehmer & Sinning, 2016; Nyhus & Webley, 2001), des Einkommens (Motika, 2019; Nyhus & Pons, 2005) und des gesamten Vermögens (Mosca & McCrory, 2016; Nyhus & Pons, 2005) als positive Indikatoren für ein verantwortungsvolles Finanzverhalten. Die geschilderte Operationalisierung von spezifischem Finanzverhalten und finanziellen Er­gebnisvariablen ist sehr ökonomisch und leicht durchzuführen. Problematisch an der der Ein­zel-Item-Messung ist, dass die Messgenauigkeit negativ beeinflusst wird. Denn eindimensio­nale Skalen bilden nicht die gesamte Bandbreite des Finanzverhaltens ab. In Konsequenz sinkt häufig die Reliabilität dieser Skalen. Zudem kann jede einzelne Dimension des finanziel­len Verhaltens relevante Auswirkungen auf die finanzielle Lage haben.

Es gibt bereits eine überschaubare Anzahl psychometrischer Skalen, die von Forschern zur Erfassung des gesamten Finanzverhaltens entwickelt und validiert wurden. Zu diesen zäh­len die Frequency of Financial Management Scale (Fitzsimmons, Hira, Bauer, & Hafstrom, 1993) , die Personal Financial Management Scale (Prochaska-Cue, 1993) und die Brief Money Management Scale (Ksendzova et al., 2017). Doch diese Skalen weisen Probleme auf, da sie an nichtrepräsentativen Stichproben validiert wurden. Dies wirft Fragen nach der Generalisier­barkeit dieser Messinstrumente auf. Obwohl es also bereits Skalen gibt, die spezifisches Fi­nanzverhalten messen, existieren nur wenige mehrdimensionale sowie psychometrisch vali­dierte Skalen. Aufgrund dieser Einschränkungen entwickelten Dew und Xiao (2011) die FMBS, mit dem Ziel, eine multidimensionale und psychologisch validierte Skala zu konstruieren, wel­che die gesamte Breite des tatsächlichen Finanzverhaltens von Privatpersonen erfasst. Da das Finanzverhalten in dieser Untersuchung anhand der FMBS operationalisiert wird, wird in Abschnitt 3.3.3 näher auf diese Skala eingegangen.

2.8 Gegenwärtiger Forschungsstand

Dieser Abschnitt wird den gegenwärtigen Forschungsstand zum Schwerpunkt dieser Arbeit zusammenfassen. Da ein verantwortungsbewusstes finanzielles Verhalten das finanzielle Wohlbefinden beeinflusst, wird zuerst ein kurzer Überblick über Forschungserkenntnisse zum finanziellen Wohlbefinden gegeben. Im Anschluss werden wesentliche Determinanten des Fi­nanzverhaltens aufgezeigt und zuletzt besonders auf die Persönlichkeit als Einflussfaktor ein­gegangen. Auf Basis dieser Erkenntnisse werden anschließend die Hypothesen der Untersu­chung formuliert.

2.8.1 Finanzielles Wohlbefinden

Das finanzielle Wohlbefinden einer Person kann entweder objektiv (gemessen an Einkommen oder Vermögen) oder subjektiv (gemessen an Zufriedenheit und Wohlbefinden) erhoben wer­den (Joo, 2008). Aktuelle Forschungen zum Thema finanzielles Wohlbefinden deuten darauf hin, dass finanzielle Verhaltensweisen nicht nur zur finanziellen Zufriedenheit, sondern auch zur allgemeinen Lebenszufriedenheit beitragen (Howell & Howell, 2008; Howell, Kurai & Tam, 2013). In Übereinstimmung hiermit bezeichnen Xiao, Tang und Shim (2008) finanzielles Wohl­ergehen als wesentlichen Prädiktor von Lebenszufriedenheit sowie physischer und psychi­scher Gesundheit. Xiao et al. (2008) fanden empirische Belege dafür, dass positive finanzielle Verhaltensweisen zur finanziellen Zufriedenheit beitragen und finanzielle Zufriedenheit wiede­rum zur allgemeinen Lebenszufriedenheit beiträgt. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein verantwortungsbewusstes finanzielles Verhalten positive Auswirkungen auf das allge­meine und finanzielle Wohlbefinden haben kann.

Im Umkehrschluss kann die Annahme formuliert werden, dass schlechte finanzielle Ver­haltensweisen negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben können. Auch hierfür las­sen sich empirische Belege finden. Nach Drentea (2000) steht die Höhe der Verschuldung in einem positiven Zusammenhang mit Angst und Stresserleben. Darüber hinaus beeinflussen Schulden und Vermögenswerte auch die Beziehungsqualität von Ehepaaren (Dew, 2007). Demnach kann ein schlechtes finanzielles Verhalten weitreichende persönliche Konsequen­zen haben. Neben diesen negativen persönlichen und zwischenmenschlichen Auswirkungen berichten Forscher auch über positive Zusammenhänge zwischen finanziellen Ergebnisvari­ablen und dem finanziellen sowie subjektiven Wohlbefinden (SWB). Mehrere Studien konnten empirisch zeigen, dass sowohl die finanzielle Zufriedenheit als auch die subjektive Lebenszu­friedenheit positiv vom Haushaltseinkommen und dem Nettovermögen beeinflusst werden (Blanchflower & Oswald, 2004; Heady, Muffels & Wooden, 2008; Headey & Wooden, 2004; Mugenda, Hira, & Fanslow, 1990). Allerdings besteht in Bezug auf das Einkommen kein line­arer Zusammenhang. Denn die Zufriedenheit steigt nur bis zu einem gewissen Einkommens­niveau an und bleibt danach relativ konstant (Cummins, 2000; Easterlin, 1974). Auch Howell und Howell (2008) bestätigen diesen Zusammenhang und berichten, dass der positive Effekt bei niedrigem Einkommen am stärksten ist (r =.28) und mit steigendem Einkommen (r =.10) abnimmt. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass mit höherem Einkommen häufig auch pro­portional die materiellen Ansprüche steigen. Auf diese Weise kann es mit steigendem Einkom­men immer schwieriger werden, die materiellen Bedürfnisse zu erfüllen, wodurch die Zufrie­denheit sinkt (Donnelly et al., 2012). Es spricht also viel dafür, dass das Einkommen zwar eine wichtige, jedoch nicht die ausschlaggebende Variable ist, die SWB beeinflusst. Vielmehr wird nach Howell et al. (2013) ein relevanter Anteil von SWB von der Summe aller finanziellen Entscheidungen und Handlungen beeinflusst.

Darüber hinaus zeigt sich, dass auch die persönliche Disposition einen Einfluss auf die finanzielle sowie allgemeine Lebenszufriedenheit haben kann (Boyce & Wood, 2011; Proto & Rustichini, 2005). Boyce und Wood (2011) weisen darauf hin, dass der zusätzliche Nutzen, der sich aus einer Erhöhung des Einkommens ergibt, stark von der Persönlichkeit des Einzel­nen abhängt. Ihren Ergebnissen nach korreliert die subjektive Zufriedenheit von gewissenhaf­ten Personen positiv mit der Höhe des Einkommens. Im Vergleich hierzu legen jedoch offene Personen keinen großen Wert auf das Einkommen als Zufriedenheitsmaß. Stattdessen ziehen sie Lebenszufriedenheit eher aus anderen Bereichen, wie kultureller und intellektueller Aktivi­tät (Boyce & Wood, 2011). Zudem weist eine Studie von Proto und Rustichini (2005) darauf hin, dass das finanzielle Wohlergehen von Neurotizismus negativ beeinflusst wird. Denn neu­rotische Personen sind unzufriedener und erleben Stresssituationen, wie den finanziellen Stress einer Verschuldung, intensiver. Diese Erkenntnisse sind im Einklang mit den Ergebnis­sen von Rammstedt (2007), welche aufzeigen, dass Neurotizismus das allgemeine Wohlbe­finden negativ beeinflusst.

Zusammenfassend zeigt die Forschung, dass ein positiver Zusammenhang zwischen ver­antwortungsbewusstem finanziellen Verhalten und dem finanziellen sowie subjektiven Wohl­befinden bestehen kann. Hierdurch kann das finanzielle Verhalten einen Prädiktorfür die all­gemeine Lebenszufriedenheit darstellen. Dieser Zusammenhang ist allerdings nicht immer li­near und kann von der psychologischen Disposition beeinflusst werden.

[...]


1 Eigene Darstellung nach Costa & McCrae, 2008; John, 1990; John, Donahue & Kentle, 1991. Die folgenden Erläuterungen sollen die einzelnen Faktoren und zugehörigen Facetten be­schreiben und charakteristische Verhaltensweisen von Personen mit niedrigen oder hohen Ausprägungen in einem Faktor näher erläutern.

2 Eigene Darstellung nach Hilgert, Hogarth & Beverly (2003).

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Big Five Persönlichkeitsmerkmale auf das Finanzverhalten
Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
81
Katalognummer
V584906
ISBN (eBook)
9783346160461
ISBN (Buch)
9783346160478
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finanzverhalten Persönlichkeitsmerkmale Big Five Persönlichkeit Finanzpsychologie Verhaltenspsychologie Persönlichkeitspsychologie Wirtschaftspsychologie Fünf Faktoren
Arbeit zitieren
Bettina Schäfer (Autor), 2020, Der Einfluss der Big Five Persönlichkeitsmerkmale auf das Finanzverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584906

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