Gott und das Leid. Die Theodizee-Frage - Warum lässt Gott Leid zu?

Mögliche Ansätze zur Klärung der Theodizee-Frage und der Verteidigung des Theismus mit Hilfe der Willensfreiheit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1) Einleitung

2) Die Theodizee – Frage
2.1 Etymologie – Wortherkunft der neuzeitlichen Theodizee
2.2 Woraus sich die Theodizee-Problematik ergibt

3) Mögliche Ansätze zur Klärung des Theodizee-Problems
3.1 Der Ansatz von Richard Swinburne auf Basis der Free-Will-Defence-Argumentation
3.2 Der Ansatz von John Leslie Mackie mit seiner religionskritischen Studie: „Das Wunder des Theismus – Argumente für und gegen die Existenz Gottes“

4) Persönliches Fazit

5) Quellenverzeichnis
5.1 Literatur
5.2 Internetquellen

1) Einleitung

Das Soziale Leben steht still. Schulen und Geschäfte sind geschlossen. Von oberster politischer Ebene der jeweiligen Länder werden weltweit Ausgangssperren verhängt, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen und der Pandemie entgegenzuwirken. Am 22. April 2020 sind auf globaler Ebene bereits rund 183.000 Todesfälle in Folge der viralen Infektion zu verzeichnen. Zeitgleich werden weltweit rund 2,6 Mio. Fälle an Infektionen bestätigt. Alleine in Deutschland sind bis zu diesem Zeitpunkt bereits rund 150.000 Menschen mit dem Virus infiziert und 5.140 Menschen an den Folgen einer Infektion gestorben.1 Angesichts dieses großen Ausmaßes, sind die Ängste und Sorgen der Menschen im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Pandemie unschwer nachvollziehbar. Beim Versuch sich in die vielen Einzelschicksaale hineinzuversetzen, lässt sich nur erahnen wieviel Schmerz, Leid und Trauer die Betroffenen selbst und deren Angehörige und Bekannte erfahren müssen.

Auch mit Rückblick auf den 18. Januar 2017, als in Mittelitalien die Erde mehrmals mit einer Stärke von mehr als fünf auf der Richterskala bebte, wurden tausende von Haushalten dadurch vom Stromnetz und der Außenwelt abgetrennt, wodurch angesichts der Kälte und des meterhohen Schnees die Lage zusätzlich erschwert wurde. Im Erdbebenzentrum, nahe des Orts Amatrice, ereignete sich bereits im Sommer 2016 eine Erdbebenserie, in deren Folge viele Gebäude zerstört wurden. Unzählige Menschen verloren ihr Hab und Gut und Hunderte starben.2

Bei der Katastrophe vom Januar 2017 sterben ebenfalls Menschen, nachdem eine durch die Erdbeben ausgelöste Lawine ein Hotel unter ihren Schneemassen begräbt. Die Wucht der Lawine war dabei so heftig, dass das gesamte Hotel mit allen Gästen bis zu zehn Meter mitgerissen wurde. Angesichts der extremen Kälte, in der für die Opfer jede Minute zählt, kommt erschwerend hinzu, dass aufgrund der seit Jahrzehnten nicht dagewesenen Schneefälle und der bis zu zwei Meter hoch verschneiten Straßen, der Ort des Geschehens nur schwer durch die Rettungskräfte erreicht werden kann.3

Tagtäglich ereignen sich schlimme Dinge, die durch die Medien sowohl auf lokaler, als auch auf globaler Ebene stets präsent sind. Seien es Naturkatastrophen, wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis etc. in deren Folge nicht selten unzählige Menschen obdachlos werden oder gar zu Tode kommen oder anthropogen verursachte Katastrophen, wie Kriege, Terroranschläge oder Unfälle, die großes Leid verursachen.

Vor dem Hintergrund solch schlimmer Katastrophen bleibt stets die eine Frage: „Warum passiert derart Schreckliches? Wie konnte das passieren? Wie kann Gott zulassen, dass solch schreckliches Leid geschieht“?

Die Bibel zeugt an vielen Stellen davon, dass Gott ein Gott der Liebe und die Liebe selbst ist: „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“.4 Aus der Liebe, die ihren Ursprung im Wesen Gottes hat, wird Gott zum Schöpfer einer Schöpfung, welche das Wesen Gottes widerspiegelt5: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut […]“.6 Wir sprechen im biblischen Sinn von einem Gott, der uns als geliebte Kinder7 nach einem weisen Liebesplan erdacht und geschaffen hat und der nur das Beste für uns im Sinn hat und uns zur „Fülle des Lebens“8 führen will. Auch findet sich die Liebe Gottes in Jesus wieder, um einen weiteren Bibelauszug zu nennen: „Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben möchten“.9 Im christlich apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es schließlich: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde […]“.

Wenn Gott also doch ein Gott der Liebe ist und die Allmacht besitzt, allgegenwärtiges Leid zu verhindern, wo ist Gott dann, wenn Menschen durch Naturkatastrophen sterben müssen und durch Kriege ganze Familien zersplittert werden und aus dem eigenen Land flüchten müssen? Wie kann Gott zulassen, dass weltweit rund 795 Millionen unschuldiger Menschen an Hunger leiden und der Kampf gegen diesen durch Konflikte, Krisen und Naturkatastrophen zusätzlich erschwert wird?10 Wieso verhindert Gott nicht, dass bei dem Zugunglück in Indien vom 22. Januar 2017, 32 Menschen sterben und über 50 verletzt werden?11

Nach Kreiner kommt man in Folge des modernen Weltverständnisses zur Auffassung, dass hinter dem menschlichen Schicksal keine höhere Gewalt, sondern die Macht kausaler Naturzusammenhänge steht.12 Böttigheimer versucht in diesem Zusammenhang den Schöpfungs- und Vorsehungsglaube mit Evolutionsmechanismen, den Eigengesetzlichkeiten der Natur und in Gottes Liebe begründeten Freiheit des Menschen zu vereinbaren. Das Göttliche Wirken bezieht er darauf, dass Gott in der creatio ex nihilo ursprünglich alles was existiert, ins Dasein gerufen habe, alles Existierende in der creatio continua im Dasein erhalte und dadurch in der Schöpfung wirke, ohne ihre Autonomie und Eigengesetzlichkeit zu verletzen.13

Es stellt sich also v.a. auch die Frage, warum Gott eine Welt erschaffen hat, in welcher derartige Naturgesetze gelten, in Folge derer Leid überhaupt erst entstehen kann. Hierauf wird in Kapitel 3 schließlich näher eingegangen.

Die Anfänge der Leidproblematik sind weit zurückzuführen. Demnach versteht die christliche, jüdische und islamische Glaubensauffassung das Ijobbuch und die darin gestellte Frage nach der Rechtfertigung Gottes, der so viel Leid, Unglück und Ungerechtigkeit zulässt, als den Beginn der Theodizeethematik. Thematisiert und kritisiert werden im Ijobbuch u.a. die alttestamentlichen Theodizeen, wonach Leid zum einen als Erprobung und Bewährung der Frömmigkeit und zum anderen als göttliche Strafe für begangene Sünden verstanden wird. Das Leidproblem wird hier in seiner vollen Realität thematisiert und Ijob darin „zum Typus des leidenden Menschen, der nach dem Sinn seines Schicksals fragt“ und der sich „nicht mit vorschnellen theologischen Erklärungen zufrieden geben kann“.14 Ijob vertritt dabei keine theologische Perspektive, sondern den fragenden Menschen selbst, welcher im Leid und mit dem Sinn menschlicher Existenz im Allgemeinen ringt.15

Ijob wird ohne ersichtlichen Grund, so scheint es zumindest aus menschlicher Sicht, bestraft, obwohl Gott dies hätte verhindern können. Als Allmächtiger hätte Gott doch seinen treuen und frommen Diener Ijob verschonen und über die Zweifel des Satans an Ijobs Frömmigkeit hinwegsehen können. Doch warum lässt Gott zu, dass Ijob solch schreckliches Leid in so unvorstellbar großem Ausmaß widerfährt?

Unter den Voraussetzungen, dass es das Übel in der Welt gibt und dass ein allmächtiger und zugleich gütiger Gott existiert, welcher quasi intervenieren müsste, um die Übel in der Welt zu beseitigen, ergibt sich schließlich die Brisanz der Theodizee-Problematik.16

2) Die Theodizee – Frage

2.1 Etymologie – Wortherkunft der neuzeitlichen Theodizee

Grundlegend geprägt wurde der Begriff der neuzeitlichen Theodizee vom wohl letzten großen deutschen Philosophen, Mathematiker und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm von Leibniz. Demnach leitet sich die Begrifflichkeit aus den griechischen Wörtern „theós“ (Gott) und „díke“ (Gerechtigkeit) ab. Entsprechend des Wortursprungs geht es um die Frage der Gerechtigkeit oder Rechtfertigung Gottes. Leibniz verfolgte die Absicht, Gott auch angesichts allen Übels zu rechtfertigen, indem er versuchte die logisch zwingende Annahme, dass die bestehende Welt mit all ihrem Leid die beste aller möglichen Welten sei, zu beweisen. Das gesamte Übel, seiner Differenzierung nach also sowohl das „Methaphysische“, „Natürliche“, als auch das „Moralische“, ist demnach nicht Gott gewollt, sondern aus moralischer Notwendigkeit nur zugelassen, um die bestmögliche Welt zu erschaffen.17 Einen ähnlichen Ansatz vertritt auch der Religionsphilosoph Richard Swinburne in seinem Werk „The Existence of God“, welcher in Kapitel 3 näher betrachtet wird.

2.2 Woraus sich die Theodizee-Problematik ergibt

Unter den im Einleitungsteil bereits angedeuteten Prämissen, dass es Übel in der Welt gibt und ein gütiger allmächtiger Gott existiert, ergibt sich die Brisanz des Theodizee-Problems dadurch, dass auf der einen Seite die moralische Verpflichtung Gottes steht, der das Übel beseitigen müsste, es andererseits aber ein phänomenales Faktum ist, dass Leid in der Welt existiert. Hierin besteht also der Widerspruch, welcher, so Rommel, charakteristisch für die Theodizee-Problematik ist. Bei Rommel ist zu lesen, wie in zwei unterschiedlich stark gestellten Problemformulierungen bzgl. der Theodizee-Frage differenziert werden kann:

I. Starke Formulierung: Kann es angesichts des Übels in der Welt (überhaupt) einen guten Gott geben?
II. Schwache Formulierung: Wie lässt sich der gute Gott angesichts des Übels in der Welt rechtfertigen?

Während die erste Formulierung versucht, grundsätzlich die Existenz Gottes bzw. eines guten Gottes zu hinterfragen, geht es in der zweiten Fragestellung darum, welche Argumente aufgeführt werden können, um die Existenz eines guten Gottes zu rechtfertigen.18 Aus einer anderen Quelle geht diesbezüglich schließlich noch hervor, dass es beim Theodizeeproblem nicht darum geht, Gott anzuklagen oder zu verteidigen, sondern vielmehr um die Verteidigung des Glaubens an Gott, weil Übel, Böses und Leid jenem Glauben zu widersprechen scheinen.19

3) Mögliche Ansätze zur Klärung des Theodizee-Problems

Einen möglichen Lösungsansatz bildet das sogenannte Argument der Willensfreiheit handelnder Wesen. Die Basis hierfür bildet zunächst die Grundannahme, dass Menschen über einen freien Willen verfügen, obgleich diese Annahme sowohl in Anbetracht neurowissenschaftlicher Erkenntnisse, als auch in der christlichen Tradition eine seit langer Zeit umstrittene Thematik ist. In ihrer theologisch motivierten Ablehnung der Willensfreiheit nämlich äußern Kritiker beispielsweise, dass darin die göttliche Allmacht und Souveränität in Frage gestellt würde.

Eine weitere Basis für die sogenannte „Free-Will-Defence-Argumentation“ besteht darin, dass der Willensfreiheit gleichzeitig jedoch ein enorm hoher Wert zugesprochen wird und den Menschen damit zu einem eigenverantwortlich handelnden Wesen macht, das nicht marionettenartig nach fremdgesteuerten Faktoren handelt. D.h. die Willensfreiheit des Menschen stellt quasi die Bedingung für ein daraus entstehendes Gut von immens hohem Wert dar.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird dieser mögliche Ansatz zur Lösung der Theodizee-Problematik von zwei unterschiedlichen Perspektiven her beleuchtet. Zum einen werden die Argumentationen und Gedanken des Theologen und Philosophen Richard Swinburne herangezogen und zum anderen die Erörterungsarbeit des Philosophen John Leslie Mackie.

Einführend sei hierzu bewusst herausfordernd zunächst folgender Sachverhalt erwähnt: Wäre die Willensfreiheit, wie den Kritikern zu Folge, eine Illusion, gäbe es gar kein moralisch geprägtes Leid, sondern ausschließlich natürliche Übel. Im Sinne des Leidursprungs bestünde quasi kein Unterschied zwischen Kriegen und Naturkatastrophen. Um letztlich eine wirklich echte, wertvolle Willensfreiheit zu garantieren, muss von Gott in Kauf genommen werden, dass die Möglichkeit des Freiheitsmissbrauchs besteht.

In der Folge ergibt sich eine der schwierigsten religionsphilosophischen Fragen, welche darin besteht, ob ein allwissender Gott Entscheidungen voraussehen kann und damit eine Welt erschaffen könnte, in der ausschließlich handelnde Wesen existieren, die von vorne herein aus freiem Willen ihre Freiheit im Sinne von Entscheidungen zum Leid hin, nicht missbrauchen. Es wäre also eine Welt mit Willensfreiheit, aber gleichzeitig ohne moralische Übel. Der problematische Kern der Thematik besteht nun aber darin, dass wenn Gott allwissend Entscheidungen voraussehen kann, die Entscheidungsfreiheit handelnder Wesen dadurch bereits eingeschränkt wäre, indem sie nicht anders als von Gott vorgesehen entscheiden könnten. Andererseits kommt im Gegenzug die Problematik auf, dass wenn Gott Entscheidungen nicht voraussehen kann, seine Allwissenheit in Frage stünde.

3.1 Der Ansatz von Richard Swinburne auf Basis der Free-Will-Defence-Argumentation

Unter den genannten Gesichtspunkten bleibt bzgl. der Free-Will-Defence-Argumentation die Existenz natürlicher Übel letztlich ungeklärt. Richard Swinburne weitet daher in seinem Lösungsansatz die Free-Will-Defence-Theorie auch auf die Übel natürlichen Ursprungs aus.20

Im Folgenden wird nun ein möglicher Ansatz betrachtet, der sich damit auseinandersetzt, wie auch angesichts allen Übels ein Gottesglaube erwachsen und auf die Existenz Gottes geschlossen werden kann. Die Basis für die folgenden Gedanken bildet dabei einmal mehr die kritische Frage danach, ob ein gütiger Gott nicht eine bessere, andere Schöpfung, als jene, wie sie vorzufinden ist, hätte erschaffen müssen.

Der Philosoph und Theologe Richard Swinburne konstatiert dazu ähnlich, wie auch bereits Leibniz, dass die existierende Welt trotz allen Übels bzw. sogar eben deshalb gleichzeitig die Beste aller möglichen Welten ist. Mit seinen Überlegungen über den Sinn des allgegenwertigen Übels versucht er so die bestehende Welt zu rechtfertigen.

Um diesen Gedanken nachvollziehen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass Swinburne dabei zunächst eine fiktive Welt vor Augen hat, in denen er quasi von einer Schöpfung ausgeht, die frei von jeglichem Übel und Leid ist. Dabei kommt Swinburne zu dem Schluss, dass die reale Welt trotz allen Übels letztlich Vorzüge gegenüber einer fiktiven vermeintlich besseren Welt ohne Übel hat. Wenn es handelnden Wesen selbst möglich sein soll, zu entscheiden, ob sie Leid herbeiführen oder verhindern wollen, müssen sie gleichzeitig wissen, wie Übel herbeigeführt oder verhindert werden kann. Logische Konsequenz dessen ist, nach Swinburne, dass die Existenz von Übel dazu vorausgesetzt werden muss. Wenn Menschen quasi selbst die Entscheidungsfreiheit haben sollen, sowohl kurzfristig als auch langfristig über Generationen hinweg, Leid herbeizuführen, oder eben abzuwenden, dann muss Leid allgemein existent sein, um eine Erkenntnisgewinnung zu ermöglichen und damit Menschen in der Folge entsprechend handeln können. Swinburne spricht in diesem Zusammenhang von Wissenserwerb und Erkenntnisgewinnung handelnder Wesen durch Induktion. Greifen wir dazu das im Einleitungsteil genannte Beispiel der Erdbeben – und Lawinenkatastrophe in Italien auf, welches Todesopfer zur Folge hatte. In Anlehnung an Swinburnes Gedanken, ist es die Handlungsfreiheit der Menschen, sich dafür zu entscheiden, sich in einem erdbeben –und lawinengefährdeten Gebiet aufzuhalten und mögliches Leid in Kauf zu nehmen bzw. herbeizuführen. Erst wenn also Leid allgegenwärtig existent ist und der Mensch um die Folgen des Übels weiß und selbst beurteilen soll, besteht die Handlungsfreiheit, sich vom Leid abzuwenden oder es herbeizuführen.

In diesem Zusammenhang komme ich nochmals zu der anfänglich genannten Annahme Swinburnes einer fiktiven Welt, die frei von Leid ist und in der Gott unmittelbar eingreift, um das Übel zu verhindern, zurück. Daraus ist zu schließen, dass der Mensch als handelndes Wesen in seiner Freiheit, sich gegen das Leid bzw. selbständig zu entscheiden, gewissermaßen eingeschränkt wäre. Swinburne führt in diesem Zusammenhang folgendes Beispiel auf: „ Wenn aber die Welt so eingerichtet wäre, wüssten wir, daß es viel weniger wichtig wäre, andere aus einer Feuerbrunst zu retten oder Feuerbrünste zu verhindern. Entsprechend minderten sich dann die Wahlmöglichkeiten, anderen zu helfen und sie vor künftigen Leiden zu bewahren.“21 Selbiges würde auch für eine Welt zutreffen, in der sich Gott in Form von unmittelbaren Äußerungen erkenntlich zeigen würde und damit eine klare Existenz Gottes bewiesen wäre. Angesichts einer klar bewiesenen Existenz Gottes, so Swinburne, würde die Wahrscheinlichkeit des handelnden Menschen sich für das Übel bzw. das Böse zu entscheiden, sinken.

Ähnlich wie bei einer Differenzierung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation beispielsweise bzgl. des Lernverhaltens bei Schülern innerhalb der Lehrer-Schüler-Beziehung, bestünde in einer solchen Welt die Motivation des Menschen sich für das Gute bzw. gegen das Übel und Leid zu entscheiden darin, nach dem Willen des moralisch gerechten Gottes zu handeln, da ja dessen Existenz bewiesen ist. Eine echte Wahlfreiheit handelnder Wesen aber verknüpft Swinburne mit der Möglichkeit, sich sowohl für das Gute, als auch für das Schlechte entscheiden zu können. Swinburne propagiert in seinem Ansatz, dass dem Menschen dadurch erst etwas Entscheidendes von Gott gegeben werden kann, das ihm ohne die freie Wahl verborgen bliebe. Mehr noch, Swinburne bezeichnet die Freiheit des Menschen als ein kostbares Gut, welches aber auch eine überaus große Verantwortung mit sich bringt. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass der Mensch ein von Gott gewolltes autonomes, verantwortungsvolles Wesen ist, dessen Entscheidungsfreiheit also darin besteht sich sowohl für das Gute als auch das Böse zu entscheiden. Die logische Konsequenz dessen ist demnach die Notwendigkeit der Existenz sowohl moralischer, als auch natürlicher Übel. Insbesondere soll natürliches Leid dem Menschen ermöglichen, sich Entscheidungswissen anzueignen, um in der Folge danach entsprechend frei handeln zu können.22 Dabei verstrickt Swinburne quasi moralisches und natürliches Leid in einer gewissen Art und Weise miteinander unter dem Gesichtspunkt der von Gott gewollten Freiheit des Menschen als wertvolles Gut bzw. Voraussetzung für die Entstehung eines solch wertvollen Guts.

Offensichtlich ist für Swinburne also die Existenz eines Gottes, wie er aus traditionell theistischer Sicht gesehen wird durchaus mit dem Faktum des Leids und weltlichen Übels zu vereinbaren.

3.2 Der Ansatz von John Leslie Mackie mit seiner religionskritischen Studie: „Das Wunder des Theismus – Argumente für und gegen die Existenz Gottes“

Den mehr oder weniger exakten Gegenpol zu Swinburnes Argumentationsreihe und quasi die direkte Antwort auf Swinburnes Studie „Die Existenz Gottes“, bildet der renommierte Philosoph John Leslie Mackie mit seiner religionskritischen Studie „Das Wunder des Theismus – Argumente für und gegen die Existenz Gottes“. Ebenfalls wie auch Swinburne, widmet sich Mackie im Rahmen seiner Erörterung der methaphysischen Frage nach der Existenz Gottes. Während sich Swinburne als Anhänger des Gottesglaubens versteht, nimmt Mackie in Folge seiner Studie eine atheistische Grundhaltung ein. Die aufkommende Debatte zwischen den zwei verschiedenen Ansätzen, welche die beiden vertreten, wird dabei oftmals als sogenannte „Theismus-Atheismus-Kontroverse“ propagiert. Ihr Gegenstand ist die Lehre, dass es einen Gott von jener Art gebe, wie ihn die Traditionen der monotheistischen Religionen im Ausgang ihrer Offenbarungsschriften verkünden. Im Hinblick auf ihre Studien zeichnen sich sowohl Swinburne als auch Mackie dadurch aus, dass Sie großen Wert darauf legen, über die Gottesthematik argumentativ vernünftig zu reflektieren, wobei ihre Denkweise stark empirisch orientiert ist.

Im Folgenden wird der Fokus nun näher auf Mackies Lösungsansatz gesetzt. Dabei kommt er im Rahmen seiner Argumentationserörterung schließlich zu einem Ergebnis, welches mehr gegen die Existenz Gottes, als dafür spricht. Auf jene Argumentation wird im Folgenden näher eingegangen, soweit dies im Rahmen der vorliegenden Arbeit möglich ist.23

Mackie konstatiert bzgl. der Logik des Theodizee-Problems zunächst, dass zwischen den beiden Aussagen der Lehre des traditionellen Theismus, es gäbe einen sowohl allmächtigen und allwissenden, als auch zugleich vollkommen gütigen und barmherzigen Gott, unter der Voraussetzung, dass Übel existiert und dass das Gute dem Leid so entgegengestellt ist, dass ein vollkommen gütiges Wesen mit all seinen Möglichkeiten das weltliche Übel beseitigt und in seiner Allmacht demnach alles zu tun vermag, ein offensichtlicher Widerspruch besteht. Entsprechend dieser logischen Denkweise wird die Existenz eines solchen Wesens bei Mackie in Frage gestellt und grundsätzlich diskutiert. Aus traditionell theistischer Sicht als schwierig erweist sich die Tatsache, dass es sich hierbei weder um eine naturwissenschaftliche, noch um eine praktische Problematik handelt, welche nicht ohne weiteres durch zusätzliche Nachforschungen und Handlungen zu lösen ist.

[...]


1 Vgl. https://news.google.com/covid19/map?hl=de&gl=DE&ceid=DE:de

2 Vgl. http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-01/italien-erdbeben-mittelitalien-staerke-5

3 Vgl .http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-01/italien-lawine-hotel-erdbeben-rettungskraefte

4 1. Johannes 4,16b

5 Vgl. http://www.was-christen-glauben.info/gott-ist-liebe/

6 1. Mose 1,31a

7 Vgl. 1 Johannes 3,1-3

8 Johannes 10,10

9 1. Johannes 4,9

10 http://de.wfp.org/hunger/hunger-statistik

11 http://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_80144388/zugunglueck-in-indien-viele-tote.html

12 Vgl. Kreiner, 1997, S. 331

13 Vgl. Böttigheimer, 2011, S. 26 f.

14 Loichinger & Kreiner, 2010, S. 163

15 Vgl. Loichinger & Kreiner, 2010, S. 160 ff.

16 Vgl. Rommel, 2011, S. 18

17 Vgl. https://de.zenit.org/articles/gottfried-wilhelm-von-leibniz-die-theodizee-die-beste-aller-welten/

18 Vgl. Rommel, 2011, S. 18 f.

19 Vgl. Loichinger, 2010, S. 10 f.

20 Vgl. Loichinger, 2010, S. 67 ff.

21 Swinburne, 1987, S. 288

22 Vgl. Swinburne, 1987, S. 277 ff.

23 Vgl. Rommel, 2011, S. 108 ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Gott und das Leid. Die Theodizee-Frage - Warum lässt Gott Leid zu?
Untertitel
Mögliche Ansätze zur Klärung der Theodizee-Frage und der Verteidigung des Theismus mit Hilfe der Willensfreiheit
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Veranstaltung
Religious Themes in Literature and other Media
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V585143
ISBN (eBook)
9783346186126
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Studienarbeit aus dem Jahr 2017 (aktualisierte Ausgabe von 2020) im Fachbereich Theologie - Biblische Theologie, Pädagogische Hochschule Weingarten, Sprache: Deutsch, Note: 1,0. Inhaltlich aktualisierte Fassung mit Bezug auf die Krise im Zusammenhang mit dem Coronavirus 2020.
Schlagworte
Gott - Leid - Mensch, Theodizee, Richard Swinburne, John Leslie Mackie, Willensfreiheit, Free-Will-Defence, Theodizee-Frage, Gott und das Leid, Warum lässt Gott Leid zu
Arbeit zitieren
David Knobelspies (Autor), 2017, Gott und das Leid. Die Theodizee-Frage - Warum lässt Gott Leid zu?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/585143

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