Ausbeutung am Beispiel des Unternehmens Apple

Eine philosophische Betrachtung unter besonderer Berücksichtigung der Literatur Rudolf Steiners


Essay, 2020

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Aufbau und Methodik

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Ausbeutung und das soziale Hauptgesetz
2.2 Gleichheit und Gerechtigkeit

3 Ausbeutung am Beispiel Apple

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Vierstufige Kette der Entscheidungsfindung nach John Rawls

1 Einleitung

Das Unternehmen Apple zählt dieses Jahr 137.000 Beschäftigte.1 Im August letzten Jahres er-reichte es als erstes Privatunternehmen einen Börsenwert von einer Billion US-Dollar.2 Ein Unternehmen kann einen solchen Börsenwert nur erzielen, wenn seine Belegschaft einen ge-meinsamen Geist entwickelt hat und diesem folgt. Die Angestellten müssen stets das große Ganze im Blick haben und absolut wollen, dass ihre geistige Mission gelingt. Sie müssen ganz im Sinne Rudolf Steiners „den Wert, die Wesenheit und Bedeutung dieser Gesamtheit empfin-den und fühlen.“.3 Ein solcher Geist für die gemeinsame Mission scheint das Unternehmen Apple und seine Angestellten miteinander zu verbinden. Zudem muss die Belegschaft dem Prinzip der Arbeitsteilung folgen. Jeder muss durch seine konkrete Arbeitsleistung die anste-hende Aufgabe derart erfüllen, dass der jeweils nächste auf dieser Leistung aufbauen kann. Ein neues iPhone auf den Markt zu bringen, bedeutet Arbeitsteilung. Das iPhone muss geplant, designt und hergestellt werden. An diesen Arbeitsschritten sind zahlreche Abteilungen und Per-sonen beteiligt. Das Prinzip der Arbeitsteilung scheint bei Apple zu funktionieren. Denn sonst wäre dieser seit Jahren andauernde überdurchschnittliche Erfolg nicht möglich. Steiner stellte damals fest: „Jede Gesamtheit zerfiele (…) sofort, wenn nicht die Arbeit der einzelnen dem Ganzen zufließen würde.“.4 Allerdings tauchen immer wieder Berichte auf, nach denen die An-gestellten Apples sowie seiner Zulieferer – bspw. FOXCONN – unter schlechten Arbeitsbedin-gungen und Ausbeutung leiden.

1.1 Problemstellung und Zielsetzung

Rudolf Steiner veröffentlichte 1905/06 einen Aufsatz unter dem Titel „Geisteswissenschaft und soziale Frage“. Darin formulierte er das soziale Hauptgesetz. Laut diesem hängt der Erfolg zu-sammenarbeitender Menschen davon ab, ob sie die Früchte ihrer Arbeit anderen überlassen und dementsprechend durch die Erträge der anderen befriedigt werden – oder nicht. Das soziale Hauptgesetz berührt demnach stark das Feld des Egoismus, aber auch der Arbeitsteilung. Die Veröffentlichung geschah vor fast 115 Jahren. Doch das soziale Hauptgesetz scheint aktuell zu sein. Ziel dieser Hausarbeit ist zu untersuchen, inwieweit das soziale Hauptgesetz auf Apple anwendbar ist.

1.2 Aufbau und Methodik

Nachdem das erste Kapitel in Thematik und Problemstellung eingeleitet hat, führt das zweite Kapitel in die theoretischen Grundlagen ein. Hier wird das soziale Hauptgesetz hergeleitet und mit Verlinkungen zur Praxis angereichert. Außerdem befasst sich dieses Kapitel mit den The-men Gleichheit und Gerechtigkeit. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den Arbeitsbedingun-gen bei Apple. Den Abschluss dieser Hausarbeit bildet das Fazit im vierten Kapitel. Zur Erstel-lung dieser Hausarbeit wurde die Methode der Literaturrecherche angewandt.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Ausbeutung und das soziale Hauptgesetz

Menschen werden durch ihre Lebensverhältnisse geformt. Diese Lebensverhältnisse werden durch Menschen geschaffen, nicht von der Natur.5 Die Lebenschancen eines Individuums hän-gen signifikant vom sozialen Status der Eltern ab: Kleidung, Auswahl der Schule, Möglichkeit des Studiums, Auswahl der Universität und daran gekoppelt die Berufsaussichten – Eltern ha-ben einen erheblichen Einfluss auf den Lebensweg ihres Kindes.6 Herausforderungen lassen sich nicht mit der gleichen Denk- und Herangehensweise lösen, durch welche diese entstanden sind.7 Wer seine Lebensverhältnisse verbessern will, muss also zunächst verstehen, wie genau diese Lebensverhältnisse entstanden sind. Dazu wird häufig eine Veränderung der Sichtweise nötig sein. Das folgende Beispiel verdeutlicht dies: Jemand, der in einer Villa wohnt, einen Ferrari fährt, Kleidung und Schmuck von Luxusmarken trägt, erscheint äußerlich leicht als Aus-beuter. Als Ausgebeuteter kann jemand wirken, der in einer 1-Zimmer-Wohnung lebt und Klei-dung günstiger Marken trägt.8 Tatsächlich kommt es nicht darauf an, welche Marken getragen werden. Relevant ist die Entlohnung des Arbeiters, der die Kleidung herstellt.9 Kommt es bei der Ausbeutung nicht auf die Luxusgüter an, welche jemand besitzt, sondern auf Zahlung eines gerechten Preises, ergibt sich folgendes Bild: Der Arme steht zu seinen Mitmenschen in dersel-ben Beziehung wie der Reiche.10 Nach Steiner beutet jeder aus, der für erworbene Güter zu wenig bezahlt. Die eigene Arbeitsleistung wird jedem verkauft, nicht nur Reichen.11

Dementsprechend sind nicht allein die Reichen für Ausbeutung verantwortlich, sondern jeder, der zu wenig bezahlt. Daher ist eine Trennung der Begriffe „Reich“ und „Ausbeutung“ gebo-ten.12 Ob jemand arm oder reich ist, hängt nicht unbedingt von ihm selbst ab; beutet er jemanden aus, ist dies ihm zuzurechnen.13 Steiner postulierte, dass „unsere Einrichtungen oder die uns umgebenden Verhältnisse auf den persönlichen Eigennutzen aufgebaut“ seien.14 Vor diesem Hintergrund erschien es ihm natürlich, Produkte so billig wie möglich erwerben zu wollen.15 Auch heute scheint dies zumindest teilweise noch zu gelten. Der Erfolg von PRIMARK, KIK und ähnlichen Unternehmen lässt sich kaum anders erklären. Auch die Not zahlreicher Milch-bauern, welche seit Jahren auf die viel zu niedrigen Milchpreise aufmerksam machen, deutet auf einen entsprechenden Egoismus hin. Steiner vertrat die Ansicht, dass sich alle Interessen und Lebensverhältnisse ändern, sobald beim Erwerb einer Sache nicht mehr das Ich im Vorder-grund steht, sondern der Andere.16 Die eigene Arbeit solle den anderen dienen; die eigenen Kräfte sollten in den Dienst der anderen gestellt werden.17 Egoismus ist allerdings ein Bestand-teil des Menschseins. „Und das führt dazu, dass er [Egoismus] sich im Gefühl des Menschen regt, wenn dieser innerhalb der Gesellschaft mit anderen zusammen leben und arbeiten soll.“.18 Laut Steiner müssen „sich in einer Menschengemeinschaft ganz notwendig zu irgendeiner Zeit Elend, Armut und Not einstellen, wenn diese Gemeinschaft (…) auf dem Egoismus beruht.“.19 Die Welt ist voll von Elend, Armut und Not. Auch Deutschland ist nicht frei davon, obwohl dies gern behauptet wird. Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, Rentner – auf diese Gruppen passt jedes der genannten Attribute. Die Beteiligten der Cum-Ex-Deals haben sich auf Kosten dieser und weiterer Gruppen aus purem Egoismus bereichert. Der Kronzeuge im ersten deutschen Strafprozess – ehemaliger Anwalt bei einer Großkanzlei, der u. a. Gesetzesänderungen in sei-nem Sinne formulierte - gab in einer Befragung vor dem Landgericht Bonn die Einstellung der Beteiligten wieder: „Wer ein Problem damit hat, dass wegen unserer Arbeit weniger Kinder-gärten gebaut werden – da ist die Tür.“.20 Steiner leitete aus seinen Erkenntnissen das soziale Hauptgesetz ab. Es lautet:

„Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.“21

2.2 Gleichheit und Gerechtigkeit

Wir gehen heute davon aus, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Ungleiche Behandlung muss gerechtfertigt werden.22 Vermögensunterschiede zwischen Armen und Reichen können nicht pauschal als ungerechtfertigt gelten. Schließlich verfügen Menschen über unterschiedli-che Fähigkeiten, Interessen und Lebenspläne.23 Gerechtigkeit darf nicht zu einer erzwungenen Gleichheit führen – „oder dazu, dass alle gleich sind, aber auf einem sehr niedrigen Niveau.“.24 Um festzustellen, welche Höhe materieller Ungleichheit gerechtfertigt werden kann, entwi-ckelte John Rawls die Theorie der Gerechtigkeit.25 Dazu nutzte er den Sozialvertrag. Nach die-sem Vertrag ist eine soziale Ordnung dann gerechtfertigt, wenn ein hypothetischer Vertrag vor-stellbar ist, dem alle Mitglieder einer Gesellschaft zustimmen. Die Individuen schließen diesen „Gesellschaftsvertrag über die Grundstruktur der Gesellschaft in einem Urzustand hinter dem Schleier des Nichtwissens“ ab.26 Der Schleier des Nichtwissens sorgt dafür, dass niemand seine eigene Position im künftigen Gesellschaftssystem kennt.27 Man selbst kann genauso zur Gruppe der Reichen wie zu den Armen zählen. Deswegen möchte jeder, dass es der auf der untersten Stufe stehenden Gruppe möglichst gut geht.28 Argumente, die lediglich vorgetragen würden, um die eigene Position zu verteidigen, werden auf diese Weise herausgefiltert.29 „Übrig bleiben Argumente, die von allen gleichermaßen akzeptiert werden können.“ 30 Laut Rawls würden sich die Individuen hinter dem Schleier des Nichtwissens auf zwei Gerechtigkeitsprinzipien eini-gen31:

1. „Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreihei-ten, das für alle möglich ist.“
2. „Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein: a) sie müssen (…) den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und (b) sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.“

Das in Punkt 2a formulierte Differenzprinzip bildet den Maßstab zur Beurteilung dessen, „wie viel Ungleichheit mit dem gleichen moralischen Status aller Bürger vereinbar ist.“32 Um eine gerechte Gesellschaft zu entwickeln, schlug Rawls eine vierstufige Umsetzung seiner Ideen vor33:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Vierstufige Kette der Entscheidungsfindung nach John Rawls (Eigene Darstellung)

Die Diskussion um Rawls‘ Prinzipien behandelte auch die Frage nach den Währungen (Gütern) der Gerechtigkeit. Für Rawls sollte es hierbei um die Primärgüter gehen, u. a. „Bewegungs-und Berufsfreiheit, soziale Positionen mit Einfluss und Verantwortung, Einkommen und Ver-mögen (…).“.34 Allerdings verfügen nicht alle über dieselben Freiheiten. Einige Freiheiten „er-geben sich erst daraus, wie Individuen ihre Ressourcen nutzen können.“.35 Um festzustellen, welche Freiheiten Bürger haben, lässt sich der Fähigkeitenansatz („capabilities approach“) von Amartya Sen und Martha Nussbaum nutzen.36 „Fähigkeiten“ meinen das, was Individuen „ma-chen“ oder „sein“ können – bspw. „bei guter Gesundheit sein“ oder „eine gute Ausbildung genießen“.37 „Fähigkeiten, die für ein selbstbestimmtes Leben unverzichtbar sind, müssen allen Mitgliedern einer Gesellschaft zur Verfügung stehen.“.38

[...]


1 Vgl. Statista: Anzahl der Mitarbeiter von Apple Inc. weltweit in den Geschäftsjahren 2005 bis 2019 (in 1.000), in: Statista, 01.11.2019 [online] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/191540/umfrage/anzahl-der-mitarbeiter-von-apple-seit-2005/ [16.12.2019]

2 Vgl. manager magazin: Apple erstmals eine Billion Dollar wert, in: manager magazin, 02.08.2018 [online] https://www.manager-magazin.de/digitales/it/apple-iphone-konzern-erstmals-eine-billion-dollar-wert-a-1221447.html [16.12.2019]

3 Vgl. Steiner, Rudolf: Geisteswissenschaft und soziale Frage, Erstveröffentlichung: „Lucifer Gnosis“, Nr. 30 u. 32, 1905/06. (GA Bd. 34, S. 191-121). S. 24

4 Vgl. Steiner, 1905/06. S. 23

5 Vgl. Steiner, 1905/06. S. 15

6 Vgl. ZEIT ONLINE: Wer schafft es nach oben?, in: ZEIT ONLINE, 08.05.2018 [online] https://www.zeit.de/2018/20/sozialer-aufstieg-studierende-anstieg-bildung [15.12.2019]

7 Vgl. Steiner, 1905/06. S. 15

8 Ebd. S. 15. Leicht modifiziertes Beispiel.

9 Ebd. S. 15

10 Ebd. S. 15

11 Ebd. S. 16

12 Vgl. Steiner, 1905/06. S. 16

13 Ebd. S. 16

14 Ebd. S. 16

15 Ebd. S. 16

16 Ebd. S. 18

17 Ebd. S. 18

18 Ebd. S. 21

19 Ebd. S. 21

20 Vgl. SPIEGEL ONLINE: Wie Banker und Investoren die Staatskasse plünderten, in: SPIEGEL ONLINE, 29.10.2019, [online] https://www.spiegel.de/wirtschaft/cum-ex-prozess-wie-banker-und-investoren-die-staatskasse-pluenderten-a-1293967.html [15.12.2019]

21 Vgl. Steiner, 1905/06. S. 22

22 Vgl. Herzog, Lisa: Politische Philosophie, 1. Auflage, Paderborn. S. 37

23 Ebd. S. 37

24 Ebd. S. 37

25 Ebd. S. 37

26 Ebd. S. 39

27 Ebd. S. 39

28 Ebd. S. 40

29 Ebd. S. 39

30 Ebd. S. 39

31 Ebd. S. 39

32 Vgl. Herzog, 2019, S. 40

33 Ebd. S. 40-41

34 Ebd. S. 41

35 Ebd. S. 42

36 Ebd. S. 42

37 Ebd. S. 42

38 Ebd. S. 42

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Ausbeutung am Beispiel des Unternehmens Apple
Untertitel
Eine philosophische Betrachtung unter besonderer Berücksichtigung der Literatur Rudolf Steiners
Hochschule
Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V591124
ISBN (eBook)
9783346204400
ISBN (Buch)
9783346204417
Sprache
Deutsch
Schlagworte
apple, steiner, rudolf steiner, ausbeutung, profit, gier, primark, kik, billig
Arbeit zitieren
Constantin Elias Konradi (Autor), 2020, Ausbeutung am Beispiel des Unternehmens Apple, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/591124

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