Welche Rolle spielen Schamgefühle im Exhibitionismus? Ein psychoanalytisch orientierter Erklärungsversuch


Diplomarbeit, 2001
85 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1. Zugang zum Thema
2. Herangehensweise und Zielsetzung

Erster Teil: Der Exhibitionismus als sexuelle Perversion
1. Was ist ein Exhibitionist?
1.1. Klinische Definition und diagnostische Leitlinien
1.1.1. Typologie des Exhibitionisten
1.2. Psychoanalytische Definition nach Freud
2. Allgemeine Definition der Perversion
2.1. Terminologie
2.2. Klassifikation
2.3. Ätiologische Aspekte
2.3.1. Kennzeichen einer perversen Symptomatik
2.3.2. Klinische Aspekte
3. Die psychoanalytische Theorie sexueller Perversionen
3.1. Die grundlegenden Ängste und Konflikte in der Entwicklung sexuell Perverser
3.1.1. Kastrationsangst und ödipale Konflikte
3.1.2. Die anale Phase
3.1.2.1. Der Prozess der Individuation und Seperation
3.1.3. Die orale Phase
3.1.4. Die narzisstische Entwicklung
3.1.5. Zusammenfassung
3.2. Die Psychogenese der Perversion aus Sicht der klassischen Psychoanalyse
3.2.1. Die Theorie von Morgenthaler
3.2.2. Das Konzept von Stoller
3.3. Psychodynamik der Perversion
3.3.1. Ausdrucksgehalte der sexuellen Perversion
3.3.2. Die Psychodynamik des Exhibitionisten
Exkurs: Über die Bedeutung der Sexualität in der psychischen Organisation des Menschen

Zweiter Teil: Zur Theorie von Scham und Schamentwicklung
4. Definition und Funktion der Scham
5. Psychoanalytische Schamtheorien
6. Die Entwicklung des Schamgefühls in der Kindheit
6.1. Die allgemeine Psychodynamik der Scham
6.2. Scham und das ideale Selbst
6.3. Narzissmus
6.4. Die Psychologie des Selbst
6.4.1. Die Psychogenese des Selbstwertgefühls
6.5. Ödipale Scham

Dritter Teil, Diskussion:
Wird der Exhibitionismus durch einen unbewußten Schamkonflikt motiviert?
7.1. Die sexuelle Perversion als narzisstische Störung
7.2. Affektgeschehen versus Triebgeschehen
7.3. Die Scham als Ursache des Exhibitionismus
7.3.1. Unbewusste Scham und ihre Abwehr im Exhibitionismus
7.5. Der Prozess der Perversionsbildung
8. Die Krankheitswertigkeit der Scham im Exhibitionismus
9. Schlusswort
Literaturverzeichnis

Einleitung

1.Zugang zum Thema

„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ - Jeder kennt diesen Kindervers, der viele dazu verleitet, an den schwarz bemantelten Mann zu denken, dem Exhibitionisten, der sich im Park vor Kindern oder Frauen entblößt. Doch hat sich schon einmal jemand gefragt, wovor der schwarze Mann sich ängstigt, oder was ihn zu einer solchen Handlung bewegt? Schämt er sich gar nicht?

Im Zeitalter des Zur-Schau-Stellens, in dem die Sexualmoral zu schwinden scheint, sind Exhibitionisten fast schon ins Komische abgedrängt und „so gut wie überholt“. Die heutigen sexuellen Verhältnisse haben sie um das Schockierende ihrer Existenz gebracht. „Mittlerweile haben die ‘Normalen’ eigentlich nur noch ein müdes Lächeln für die Gliedvorzeiger übrig, nachdem in Kino, Fernsehen und Schaufenstern Geschlechtswerkzeuge in ausreichender Menge und Variation ihren Auftritt hatten, die Stupidität ihrer bloßen Erscheinung verratend. Von nun an waren die Exhibitionisten auf ein weiteres genötigt, um Aufmerksamkeit und Bestrafung der anderen zu kämpfen. Richter, ja selbst Polizisten und psychiatrische Ermittler sind zu milde geworden. Liebevoll vernichtend nennen sie sie ihre ‘Exis’ “ , so Volkmar Sigusch (1984, S.24).

Ist die reale Begegnung zwischen dem Exhibitionisten und seinem Opfer wirklich ohne Scham? Kommen der Exhibitionist und sein Opfer ohne sie aus? Und lässt es eine Frau tatsächlich kalt, wenn ein fremder Mann ihr unaufgefordert, hemmungslos und scheinbar stolz seinen erigierten Penis präsentiert, wo dieser doch in unserer Gesellschaft mit Aggression assoziiert wird?

Die Frage, die mich zu dieser Arbeit bewegt hat, war, ob Exhibitionisten tatsächlich schamlose Menschen sind. Auf der Suche nach einer konkreten Fragestellung zu meinem ursprünglichen Thema, der Scham, interessierte mich zunehmend die andere Seite der Scham, die Schamlosigkeit. Da ich bei der Themensuche zur Diplomarbeit ebenso die sexuellen Perversionen in die engere Auswahl einbezogen hatte, kam mir der Gedanke, diese beiden Themen miteinander zu verbinden. Der Exhibitionismus war dabei naheliegend, da dieser sozusagen den Gipfel der Schamlosigkeit verkörperte.

Die Selbstverständlichkeit, mit der ich den Exhibitionisten als schamlos bedachte, bezog sich auf meine internalisierte natürliche Schamgrenze. Diese, so dachte ich, würde jeden „normalen“ Menschen davon abhalten, sich in einer kulturell nicht geduldeten Form auszuziehen. Kaum eine andere Verhaltensweise schien mir schamloser, als dem anderen Geschlecht gegenüber unaufgefordert die eigenen Genitalien zu entblößen. An diesem Punkt wurde mir die Grenze meines Nachfühlens deutlich. Sich als Frau mit einem Mann identifizieren zu wollen, führt schnell an die Verständnisschranken, erst recht, wenn es sich auf die Identifizierung der Körperebene bezieht. Erst später wurde mir klar, dass die Bereitschaft zur Identifizierung das Entscheidende war. Sie war die Vorraussetzung, sich mit einem eher unliebsamen Thema beschäftigen zu wollen. Das der Exhibitionismus zu den „unattraktiven“ Perversionen zählt, merkte ich an der spärlich vorhandenen Literatur, im Gegensatz zu anderen „attraktiveren“ Perversionen, wie z.B. Pädophilie oder Sadomasochismus, zu denen es eine Fülle von Literatur gibt. Nicht zu vergessen die Homosexualität, die lange Zeit als Perversion gesehen wurde. Ich möchte anmerken, dass der Exhibitionismus wie ich ihn in meiner Arbeit darstelle eine rein männliche Perversion ist. Eine Diskussion über den weiblichen Exhibitionismus muss an anderer Stelle geführt werden.

Die Bereitschaft zur Identifizierung ist somit keine Selbstverständlichkeit, wenn ich bedenke wie mich schamhafte Gefühle beschlichen, sobald sich Außenstehende nach dem Thema meiner Diplomarbeit erkundigten. Die Reaktionen waren überwiegend abwehrend. Über Exhibitionismus und Scham wollte sich niemand Gedanken machen. Rückblickend interpretiere ich diesen Widerstand als Abwehr gegen eigene exhibitionistische und voyeuristische Anteile. Diese werden unbewusst aktiviert, wenn man sich in diese Thematik einfühlt. Frenken (1984, in: Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität 1993, vgl. S.30) weist daraufhin, dass wir alle heimliche sexuelle Fantasien und Wünsche haben, die von der Norm abweichen und die wir uns erst in unseren Träumen zugestehen. Doch widersetzen wir uns gegen diese Gedanken und Fantasien, weil sie uns in Konflikt bringen mit den uns angelernten Normen guten und schlechten sexuellen Verhaltens. Wenn wir nun mit Personen konfrontiert werden, die öffentlich abweichendes sexuelles Verhalten zeigen, kann dies dazu führen, dass wir sozusagen in einen Spiegel unserer eigenen bedeckten unerlaubten Wünsche sehen. Diese öffentliche Konfrontation facht unsere eigenen inneren Konflikt über Vorstellungen an, die wir über angelernte Normen zwischenmenschlicher Beziehungen und unsere eigenen Werte haben. Darum fühlen wir uns oft durch diese Personen bedroht. Eberhard Schorsch, ein bereits verstorbener Psychoanalytiker und Sexualforscher, äußerte sich mit seiner provokanten These ähnlich, in dem er sagte (1975/1980, S.33):“...daß die Taten des Sexualstraftäters verbotene sexuelle Wünsche in uns wecken, deren Existenz wir uns bewußt nicht eingestehen mögen.“ Seiner Auffassung nach scheinen Perversionen eine „Möglichkeit in uns zu sein, zu denen wir fähig und die deshalb gefährlich nahe sind“. Für ihn werden Perversionen in einer Gesellschaft durch die Art und Begrenzung der geltenden Moral als Phänomen und als Problem geschaffen.

Wie aber kann es zu solch einem schwer nachvollziehbaren Verhalten kommen?

2. Herangehensweise und Zielsetzung

Im Verlauf der Literaturrecherche entwickelte ich die Hypothese, ob es nicht sein könnte, dass der Exhibitionismus durch einen unbewussten Schamkonflikt motiviert wird. Mir fiel auf, dass kein mir bekannter, in deutscher Sprache vorliegender Autor, außer Boss (1966) und Hilgers (1997), diese Form der sexuellen Perversion überhaupt kausal mit Scham in einen Zusammenhang brachte. Ich fragte mich, ob der Exhibitionismus und die demonstrierte Schamlosigkeit, nicht einen Abwehrversuch gegen eigene Schamgefühle darstellen könnte. Wenn das so wäre, würde sich hinter dem „schamlosen Wüstling“, wie man den Exhibitionisten häufig moralisch verurteilt, ein Mensch verbergen, der durch unerträgliche Schamgefühle eine Sexualpathologie entwickelt hat.

Damit komme ich zu der Frage, ob die Perversion als Krankheit definiert werden kann. Darüber gibt es geteilte Meinungen. Der Begriff Krankheit, so Schorsch (vgl. 1980, S.120f.), ist als solcher schwer fassbar und verleitet schnell zu falschen Vorstellungen: Einmal weckt er - ausgesprochen oder nicht - Assoziationen bezüglich biologisch-somatischer Ursachen, die sich nicht haben finden lassen. Zum anderen bezeichnet Krankheit ein individuelles Störungssyndrom nach Art eines Schicksals und verleitet dazu, die soziale Dynamik außer acht zu lassen. Schorsch erinnert daran, dass der Grundansatz der psychiatrischen Sexualpathologie ein moralischer war, der sich darin ausdrückte, dass die so genannte Normalität, das heißt der Gehorsam gegenüber den Forderungen der Moral, mit Gesundheit gleichgesetzt wurde. Alles was von dieser Norm abwich, wurde als Gegenstand der Psychopathologie, als biologisch fundierte Krankheitsgeschichte, gesehen. Schorschs Standpunkt zu der Definitionsfrage ist somit äußerst kritisch.

Ich komme zu dem Ergebnis, die Perversion dennoch als eine Krankheit zu betrachten, im Sinne einer psychischen Störung. Ein Ziel meiner Arbeit ist, die Ursache und Art dieser psychischen Störung aufzuzeigen; einen Weg zu ebnen für das Verstehen, um diesen Menschen den gebührenden Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen. Meiner Meinung nach ergibt sich aus ihrer Störung ein Leiden nicht nur sozialer, sondern vor allem persönlicher Art, das aus Beziehungskonflikten und pathologischem Narzissmus resultiert.

Warum aber sollte der Exhibitionist (verdrängte) Schamgefühle haben? Wie und warum sollte er sie durch das Zeigen seiner Genitalien ungeschehen machen? Das klingt auf den ersten Blick paradox und verlangt eine Erklärung. Ohne ein tieferes Wissen über den Exhibitionismus als sexuelle Perversion, den ich im ersten Teil erörtere und der den Schwerpunkt meiner Arbeit ausmacht, und der Psychogenese der Scham, die den zweiten Teil meiner Arbeit darstellt, ist diese Frage nicht zu beantworten. Darauf aufbauend werde ich im dritten Teil der Diplomarbeit meine Hypothese diskutieren.

Für meinen Erklärungsversuch wählte ich den psychoanalytischen Ansatz, da unbewusste innere Konflikte das „der Psychoanalyse eigentümliche Kausalverständnis ausmachen“ (Wurmser 1990, Vorwort). Das Gedankengebäude der Psychoanalyse ist hochkomplex und das Wort „-versuch“ in dem Titel entbindet von dem Anspruch, mich vor allem in der Diskussion darin fehlerfrei zu bewegen, auch wenn die Anwendung der psychoanalytischen Terminologie in äußerster Sorgfalt erfolgte.

Hauptteil

Erster Teil: Der Exhibitionismus als sexuelle Perversion

1. Was ist ein Exhibitionist?

Laut der WHO (Weltgesundheitsorganisation 1993) ist der Exhibitionist ein Mann, der die wiederholte oder ständige Neigung verspürt, das Genitale vor meist gegengeschlechtlichen Fremden in der Öffentlichkeit zu entblößen. Er fordert dabei nicht zu einem näheren Kontakt auf und wünscht diesen auch nicht. Das Zeigen wird meist von sexueller Erregung begleitet und in der Regel kommt es zur Masturbation.

1.1. Klinische Definition und diagnostische Leitlinien

In „Katamnestische Untersuchungen zum Exhibitionismus“ von Elisabeth Zorn (1976) ist zu lesen, dass die erste psychiatrische Beschreibung der Erscheinungen des Exhibitionismus bereits im Jahre 1877 von Lasegue erfolgte. Hier wurden bereits die wesentlichen Kennzeichen dieser Triebanomalie richtig dargestellt. Die schon von Lasegue gemachte Beobachtung, dass die exhibitionistischen Handlungen jeweils in episodisch auftretenden psychischen Ausnahmezuständen bei ansonsten geistig gesunden Personen aufzutreten scheinen, hat sehr lange Zeit dazu geführt, dass der Exhibitionismus mit der Epilepsie in Zusammenhang gebracht und als eine Art epileptisches Äquivalent gedeutet wurde. „Tatsächlich lässt sich diese Annahme bei genauer Prüfung aber nicht halten“, so Zorn (S.8).

Die folgenden Ausführungen zu diesem Abschnitt stützen sich auf die Definitionen aus „Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie“, herausgegeben u.a. von K.P. Kisker (1973), „Klinische Sexologie“ von P. Hertoft (1976), der WHO herausgegeben u.a. von H.Dilling (1993) und geben einen zusammenfassenden Überblick.

Exhibitionismus tritt in unserem Kulturkreis häufig auf. Er beschränkt sich meist auf heterosexuelle Männer, die in der Öffentlichkeit erwachsenen oder heranwachsenden Frauen den erigierten Penis zeigen, um sie damit zu beeindrucken. Es handelt sich dabei um eine perverse Inszenierung, in der nicht nur ein sexuelles Hochgefühl, sondern auch Macht über die Frau erlebt wird. Eine gewisse räumliche und personale Distanz wird dabei aufrechterhalten. Meist wird während des Präsentierens masturbiert, der Orgasmus aber erst anschließend erreicht - abhängig vom „Gelingen“ der Situation. Selten wird das unerregte Geschlechtsteil gezeigt. Die ideale Inszenierung beinhaltet Reaktionen der Frauen von Interesse bis zu Erschrecken, was häufig die Erregung erhöht. Gleichgültigkeit und Uninteressiertheit lässt die Szene meist zusammenbrechen. Hinsichtlich der Risikobereitschaft gibt es große Unterschiede bis hin zu Fällen, wo das Gefasstwerden mit zur Inszenierung zu gehören scheint. Die meisten Fälle bleiben der Polizei unbekannt. Trotzdem gehört der Exhibitionismus zu den am häufigsten angezeigten und abgeurteilten Formen von Sexualkriminalität. Das Exhibieren wird mit Strafe bedroht (§ 183 StGB), auch wenn es sehr selten zu sexueller Annährung oder gar zu Gewalt kommt. Meist flieht der Exhibitionist, sobald er sein Ziel erreicht hat. Exhibitionisches Verhalten so definiert, kommt ausschließlich bei Männern vor. Es manifestiert sich nach der Pubertät und bleibt das ganze Leben bestehen.

Viele Exhibitionisten hoffen durch das Eingehen einer Ehe oder durch ein stabiles eheähnliches Verhältnis, ihr Bedürfnis, sich zu entblößen, abschwächen zu können. Sie entdecken aber, dass nur der Exhibitionismus ihnen Triebbefriedigung gewährt und der Koitus nur ein Surrogat darstellt.

In manchen Fällen ist das Exhibieren auf emotionale Krisen beschränkt, in anderen Fällen sind exhibitionistische Fantasien allgegenwärtig und die Häufigkeit groß. Die meisten Exhibitionisten empfinden ihren Drang als schwer kontrollierbar und persönlichkeitsfremd (ich-dyston).

1.1.1. Typologie des Exhibitionisten

Zorn (1976) bezieht sich bei der Typologie auf die Einteilung von Witter (1972). Demnach lassen sich von der Persönlichkeit her typologisch drei Gruppen unterscheiden: der „typische“ Exhibitionist des mittleren Lebensalters, der jugendliche Exhibitionist und der asoziale Exhibitionist. Die in meiner Arbeit dargestellten Ausführungen zum Exhibitionismus beziehen sich auf den „Typischen“, da die Benennung und Diskussion der Faktoren, die für die beiden anderen Gruppen eine Rolle spielen, den Rahmen meiner Arbeit sprengen würde.

Nach dem Persönlichkeitsprofil von Zorn handelt es sich bei den „typischen“ Exhibitionisten des mittleren Lebensalters meist um kontaktgestörte, asthenisch-selbstunsichere und stimmungslabile Persönlichkeiten mit einer Triebanomalie, die sich in einer psychosexuellen Unreife und Infantilität ausdrückt. Im Gegensatz zu vielen anderen Sexualdelinquenten fallen diese Exhibitionisten durch eine gute allgemeine soziale Einordnung, Stetigkeit in der Lebensführung und der Bewährung im Arbeitsleben auf. In der sexuellen Entwicklung lässt sich meist ein früher Beginn der Masturbation registrieren, die auch im Erwachsenenalter oft beibehalten wird. Der Exhibitionist hat Schwierigkeiten hinsichtlich der Werbung einer Partnerin und dem Aufbau einer Partnerschaft, insbesondere auf sexuellem Gebiet. Trotzdem wird oft schon früh eine Ehe geschlossen, die vom Exhibitionisten, wie schon erwähnt, meist als sexuell unbefriedigend erlebt wird. In der Regel weiß die Ehefrau nichts von der exhibitionistischen Neigung des Mannes, die er meist schon in die Ehe mitbringt, und oft spielt sie eine dominierende Rolle. Die Tendenz des Exhibitionisten zu innerer Isolierung scheint das Auftreten von Verstimmungszuständen zu begünstigen, in denen die Exhibition als ein lustvoller, unreflektierter Ausbruch aus der sonst ganz auf Ordnung orientierten Lebensführung erscheint. Der Ausbruch aus der Ordnung beschränkt sich aber auf die Durchbrechung der Schamschranke. Eine darüber hinausgehende Aggressivität bleibt dem Exhibitionisten fremd, so wie ihm allgemein stehnische Wesenszüge und jede Tendenz zur Gewalttätigkeit fehlen. Diese „typischen“ Exhibitionisten sind laut Zorn (1976, vgl. S.13) von nahezu allen Autoren, die sich in jüngerer Zeit mit einer Vielzahl von Fällen befasst haben, übereinstimmend als die bei weitem größte Gruppe bezeichnet worden.

Eberhard Schorsch weist jedoch in seinem Beitrag „Sexuelle Perversionen: Ideologie, Klinik, Kritik“ ausdrücklich darauf hin, dass die Bezeichnung „sexuelle Perversion“ eine Feststellung auf der Verhaltensebene ist. Seiner Auffassung zufolge ist ein sexuell Perverser ein Mensch, der sich gewohnheitsmäßig in einem Sektor seines Sozialverhaltens, der Sexualität, anders verhält als die meisten anderen Menschen. „Eine sexuelle Perversion ist eine habituelle Spezialisierung auf ungewöhnliche sexuelle Gewohnheiten“, so Schorsch (1980, S.121). Seiner Meinung nach bezeichnet eine solche Etikettierung zunächst gar nichts: „weder ob die Persönlichkeit ‘normal‘, ‘abnorm’ oder ‘krank’ ist“ (ebd.), noch wird damit etwas über die Persönlichkeitsstruktur oder den Charakter ausgesagt. Wenn in der moralisch-nosologisch orientierten Psychiatrie von „dem“ Exhibitionisten die Rede ist und damit bestimmte Persönlichkeitsmerkmale assoziiert werden, so Schorschs Kritik, dann ist das eine unzulässige Verallgemeinerung, die einer Orientierung an Vorurteilen und Stereotypen entspricht. Schorschs Ansicht nach sollte man von dem Exhibitionisten überhaupt nicht sprechen, weil damit suggeriert werde, die Persönlichkeit dieses Menschen sei durch seine Neigung zur Exhibition hinreichend gekennzeichnet. In Wahrheit jedoch kennzeichnet diese Tendenz nur einen minimalen Sektor seines Lebens und Erlebens. Solche Ausdrucksweisen beinhalten eine unzulässige Generalisierung, so Schorschs Überzeugung.

Neben der Schlussfolgerung, dass man sich bei dem Versuch, die Persönlichkeit des Exhibitionisten zu typologisieren, auf eine Gratwanderung begibt, möchte ich trotzdem die Erkenntnis festhalten, dass Perversionen

a) nicht einfach ausgelebte lustvolle Triebabkömmlinge sind, sondern daneben auch Abwehrcharakter für Inhalte, Ängste und Triebwünsche haben, die dem Ich bedrohlich erscheinen, und
b) daß die Perversion über ihren Symptomcharakter hinausgehend in eine ganzheitliche Charakterstruktur eingebettet ist, die auch außerhalb des sexuellen Bereichs Störungen aufweist...“ (vgl. Elhardt 1986, S.139 f.).

1.2. Psychoanalytische Definition nach Freud

Mit dem Begriff Exhibitionismus bezeichnet Freud einen der sexuellen Partialtriebe. Diese sind nach Freud (1915 „Triebe und Triebschicksale“) Komponenten von Trieben und Triebbefriedigungen. Demnach sind der Exhibitionstrieb und der Schautrieb, aber auch Sadismus und Masochismus Teiltriebe des Sexualtriebes und der sexuellen Befriedigungsstrebungen. Den Exhibitionismus charakterisiert er als einen mit einem passiven Ziel, nämlich dem, beschaut zu werden. In diesem Sinne ist der Exhibitionismus das Gegenstück der Schaulust, deren Ziel das Beschauen ist. Freud sagt: „Wo ein solcher Trieb im Unbewußten aufgefunden wird, welcher der Paarung mit einem Gegensatze fähig ist, da lässt sich regelmäßig auch dieser letztere als wirksam nachweisen ... wer im Unbewußten Exhibitionist ist, der ist auch gleichzeitig ein Voyeur“ (1915, S.66, zit. n. Nagera, S. 206). Exhibitionismus spielt im jedem normalen Sexualverhalten eine gewisse Rolle. Unter bestimmten Bedingungen kann er zu einer Perversion werden.

Humberto Nagera gibt in „Psychoanalytische Grundbegriffe“ (1974) einen historischen Überblick über die Rolle des Exhibitionismus in Freuds Werken. Die mir wichtigsten Etappen möchte ich zusammenfassen. Dabei wird auch deutlich welchen Bezug Freud zwischen der Scham und dem Exhibitionismus herstellte.

In der „Traumdeutung“ (1900, S.250, vgl. Nagera 1974, S.206) bemerkt Freud, dass Nacktheit bei Kindern nicht das Gefühl der Scham hervorrufe - vielmehr zögen die meisten Lust aus ihrer Entkleidung. „Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint in unserer Rückschau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. Darum sind auch im Paradies alle Menschen nackt und schämen sich nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der Traum allnächtlich zurückführen“ (ebd.).

1905 in „Drei Abhandlungen der Sexualtheorie“ sagt Freud: „Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und eventuell durch sie aufgehoben wird, ist die Scham“ (S.56). Unter entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten betrachtete Freud die Scham fast durchweg als Reaktionsbildung gegen den Exhibitionismus in der phallisch-ödipalen bzw. phallisch-narzisstischen Phase (vgl. Mertens 1998, S. 201). Wenn Scham die ursprüngliche Befriedigung, die ein Kind aus seiner Entblößung ziehe, verhindere, entstehe die Neugier, die Genitalien anderer Personen zu sehen. Zur Perversion wird die Schaulust bzw. der Exhibitionismus nach Freud unter drei Bedingungen:

a) wenn sie sich ausschließlich auf die Genitalien einschränkt;
b) wenn sie sich mit der Überwindung des Ekels verbindet (Voyeurs: Zuschauer bei den Exkretionsfunktionen);
c) wenn sie das normale Sexualziel, anstatt es vorzubereiten, verdrängt“ (1905, S.56, zit n. Nagera 1974, S.207).

Die Exhibitionisten zeigten ihre Genitalien, so Freuds Schlussfolgerungen aus mehreren Analysen, um als Gegenleistung die Genitalien einer anderen Person zu sehen. Er räumte jedoch ein, dass dieser Perversion eine „unerwartete Vielfältigkeit ihrer Motive und Bedeutungen“ zugrunde liegt. Der Exhibitionszwang ist stark abhängig vom Kastrationskomplex, betont immer wieder die Integrität des eigenen (männlichen) Genitales und wiederholt die infantile Befriedigung über das Fehlen des Gliedes im weiblichen (1905, vgl. S.56).

In „Triebe und Triebschicksale“ bemerkt Freud 1915 (Nagera 1974, vgl. S.208f.), dass alle Triebe eine Quelle, einen Drang, ein Ziel und ein Objekt haben. Außerdem können sie folgende Schicksale erfahren: Verkehrung ins Gegenteil, Wendung gegen die eigene Person, Verdrängung und Sublimierung. Die ersten beiden möchte ich näher ausführen, da sie mir in Bezug auf meine Arbeit am wichtigsten scheinen.

Verkehrung ins Gegenteil: Exhibitionismus und Schaulust sind ein Gegensatzpaar. Die Verkehrung ins Gegenteil betrifft nur die Ziele jedes dieser beiden Partialtriebe. Das aktive Ziel - beschauen - wird durch das passive Ziel - beschaut werden - ersetzt.

Wendung gegen die eigene Person: Der Exhibitionist genießt seine Entblößung mit. Das Objekt wird gewechselt, aber das Ziel bleibt dasselbe. Die Wendung gegen die eigene Person und die Wendung von der Aktivität zur Passivität fallen zusammen. Der Schautrieb geht der Zeigelust voraus und ist zunächst autoerotisch. „Er hat wohl ein Objekt, aber er findet es am eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet (auf dem Wege der Vergleichung), dies Objekt mit einem analogen des fremden Körpers zu vertauschen“ (1915, S.222, zit. n. Nagera 1974, S.209). Schaulust und Exhibitionismus haben deshalb im Sexualziel des Sich-selbst-Beschauens einen gemeinsamen Vorläufer. Im Hinblick auf dieses Gegensatzpaar postuliert Freud drei Stufen der Veränderung des Objekts:

1. Das Schauen als Aktivität gegen ein fremdes Objekt gerichtet;
2. das Aufgeben des Objektes, die Wendung des Schautriebes gegen einen Teil des eigenen Körpers, damit die Verkehrung in Passivität und die Aufstellung des neuen Zieles: beschaut zu werden;
3. die Einsetzung eines neuen Subjektes, dem man sich zeigt, um von ihm beschaut zu werden (Nagera 1974, vgl. S. 209).

Der aktive Schautrieb (ein fremdes Objekt zu beschauen) verlässt den Narzissmus, der Exhibitionismus hält am narzisstischen Objekt fest. Aufgrund ihres Ursprungs ist die erotische Lust im Exhibitionismus immer mit einem Zuwachs an Selbstachtung verbunden, die erwartet oder - dadurch, dass andere den Exhibitionisten betrachten - tatsächlich gewonnen wird (Freud 1915, vgl. Nagera 1974, S.209).

An dieser Stelle möchte ich die Einführung in die spezielle Perversion des Exhibitionismus beenden und mich der allgemeinen Perversion zuwenden, um ein umfassendesVerständnis über diesen Terminus zu schaffen.

2. Allgemeine Definition der Perversion

Perversion (lat.:perversitas=Verkehrtheit) ist „jede Form sexueller Betätigung, die gewohnheitsmäßig auf andere Weise als durch ‘normalen’ bisexuellen Koitus Orgasmus und sexuelle Befriedigung erlangt“ ( Peters 1990, S.382).

Die folgenden Abschnitte geben eine umfassende Definition hinsichtlich der sexuellen Perversion und stammen aus dem „Handwörterbuch der Psychiatrie“, herausgegeben von Raymond Battegay 1992.

2.1. Terminologie

Wegen der abwertenden Konnotation des Perversionsbegriffs in der Umgangssprache wird gelegentlich versucht, diesen Begriff durch „sexuelle Abweichung“ oder „Deviation“ zu ersetzen. Dies hat zur Begriffsverwirrung statt zu einer Klärung beigetragen. Deviation, Abweichung sind Begriffe der Soziologie, die die Ebene des Verhaltens bezeichnen. Zur Kennzeichnung der Ebene der intrapsychischen Symptombildung ist der Perversionsbegriff unentbehrlich und - bis dato - unersetzlich.

2.2. Klassifikation

Die Perversionen werden gewöhnlich in zwei Gruppen unterteilt, je nachdem, ob eher die sexuelle Praktik oder eher das Zielobjekt abweichend ist. Die wichtigsten Perversionen bezüglich der Praktik sind Exhibitionismus, Voyeurismus, Sadismus, Masochismus, Frotteurismus. Sexuelle Perversionen bezüglich des Zielobjektes sind Pädophilie, Gerontologie, Sodomie, Fetischismus, Nekrophilie und Transvestismus.

2.3. Ätiologische Aspekte

Die frühe psychiatrische Sexualwissenschaft (z.B. Krafft-Ebing 1894) machte Hirnkrankheiten und Degenerationen für die Entstehung sexueller Perversionen verantwortlich. In der Fortführung dieser frühen Konzeption wird auch heute noch von einigen Psychiatern die Annahme vertreten, Perversionen seien anlagebedingte Besonderheiten, die nicht auf weitere Gegebenheiten zurückführbar sind. Wenn auch ein nicht näher zu präzisierender konstitutioneller Faktor als mitbedingende wirkende Ursache keineswegs auszuschließen ist, bedeutet diese psychiatrische Hypothese einen zu weit getriebenen Agnostizismus, der die Fülle dessen, was über die psychodynamische Entstehung von Perversionen bekannt ist (z.B. Morgenthaler 1984 und Stoller 1979), nicht zur Kenntnis nimmt. Spezifische biologisch-somatische Ursachen sind nicht gefunden worden.

Eine entscheidende Bereicherung erfuhr die Perversionslehre durch die Psychoanalyse, die das einzig umfassende und in sich geschlossene Konzept über die Entstehung sexueller Perversionen aufgearbeitet hat. Ein Konzept, das seit den „Drei Abhandlungen der Sexualtheorie“ Freuds (1905) mehrfach überarbeitet worden ist (vgl. Becker u. Schorsch 1980). Freud zeigte, dass „normales“ Sexualverhalten nicht einfach die Erfüllung eines vorgeformten Verhaltensschemas bedeutet, sondern dass die Sexualität einer besonderen Entwicklung unterliegt. Die Tatsache der Perversion diente ihm als Hinweis auf die bis dahin geleugnete kindliche Sexualität. Die Möglichkeit der Perversion steckt damit in jeder normalen Sexualität und ist nicht Folge einer seltenen Veranlagung.

2.3.1. Kennzeichen einer perversen Symptomatik

Krankheitstheoretisch ist die Perversion zu den psychischen, neurotischen Symptombildungen zuzurechnen, die Abwehrformationen darstellen mit einer Stabilisierungsfunktion für das psychische Gleichgewicht. Dies besagt, dass perverse Symptombildungen, wie andere Symptombildungen auch, den Versuch darstellen, intrapsychische Ängste zu binden, innere Konflikte zu bewältigen und Persönlichkeitsdefekte auszugleichen. Es sind Abwehrformationen, Konsolidierungsversuche, die eine Stabilisierungsfunktion für das psychische Gleichgewicht haben. Sie sind unter einem reparativen Aspekt zu sehen und zu verstehen.

Vier Charakteristika kennzeichnen das perverse Symptom:

a) Die Sexualisierung, das heißt die thematische Bindung an die Sexualität. Dies ist insofern eine Entlastung, als die Persönlichkeit in ihrem sozialen nichtsexuellen Verhalten von den im Symptom gebundenen Ängste, Impulsen gleichsam freigestellt ist.
b) Die Ritualisierung: Perverse Inszenierungen sind auffallend starr und unflexibel; die Realität des anderen, sofern er überhaupt vorkommt, findet kaum Eingang. Ritualisierung meint die imaginäre Struktur der perversen Szene, es ist die inszenierte magische Fantasie. Die Funktion der Ritualisierung ist die Entschärfung destruktiver Impulse.
c) Die Prädominanz des narzisstischen Aspekts von Sexualität. Der Beziehungsaspekt fehlt entweder ganz, wie im Fetischismus, ist sehr rudimentär, wie beim Exhibitionismus oder deformiert wie in der sadomasochistischen Inszenierung.
d) Die Prädominanz der Aggressivität. Sexualisierte aggressive, destruktive Impulse sind die Essenz einer jeden Perversion. Stoller (1979) nennt die Perversion daher die „erotische Form von Haß“.

Genauere Erklärungen dieser vier Charakteristika werden in den folgenden Abschnitten gegeben.

2.3.2. Klinische Aspekte

Für die klinisch-therapeutische Arbeit und die forensische Diagnostik sind vor allem zwei Aspekte von besondere Bedeutung:

1. Die unterschiedliche Intensität einer perversen Symptomatik.
Nach Battegay (1992, vgl. S.515) lassen sich vier Stufen in dieser Intensitätsreihe unterscheiden, deren Ausführungen jedoch an dieser Stelle zu weit führen würden. Wichtig ist zu wissen, dass diese unterschiedlichen Intensitäten psychodynamisch erklärbar sind. Je nach der Intensität der Ängste, der Schwere des Konflikts, der Größe des Persönlichkeitsdefektes, gelingt die Abwehrleistung durch das perverse Ritual besser oder schlechter, nachhaltiger oder kürzer. Die progrediente Ausuferung ist ein Zeichen dafür, dass die Entlastung durch das perverse Symptom nicht mehr ausreicht. Progredienz signalisiert, dass die spezifischen Abwehrstrukturen vom Zusammenbruch bedroht sind. Die innere Spannung wächst, dies hat ein immer häufigeres, immer drängender erlebtes Bemühen zur Folge, durch ständige Wiederholung des Rituals Entlastung zu schaffen, was immer weniger gelingt.
2. Unterschiede in der Ichnähe der Perversion
Dieser Aspekt betrifft die Beziehung zwischen Perversion und Über-Ich, sowie dem Ich-Ideal. Hier gibt es ein Kontinuum zwischen den beiden Polen ich-synton und ich-dyston. Eine ich-syntone Verarbeitung bedeutet die Akzeptierung des perversen Symptoms, seine Integrierung in das Selbstkonzept und seine positive Bewertung. In dem anderen Pol den Kontinuums, der ich-dystonen Verarbeitung, finden sich Patienten, die das perverse Symptom mit Scham, Schuldgefühlen, Ängsten unterschiedlicher Art und Intensität beantworten. Diese Patienten bewerten das Symptom stark negativ und können es mit dem Selbstbild nicht in Einklang bringen. Die ich-dystonen Verarbeitung erinnert meines Erachtens nach, an den Kernkonflikt der Scham, der sich aus der Diskrepanz zwischen dem Ich und dem Ich-Ideal ergibt. Eine besondere Form ich-dystoner Verarbeitung besteht darin, dass das negativ bewertete Symptom als etwas ich-fernes, fremdes, gleichsam nicht zur Person gehöriges erlebt wird. Die Perversion wird als ein isolierter, in das Selbstkonzept nicht integrierbarer Block erlebt, für den Ich-Ideal und Über-Ich gleichsam nicht mehr zuständig sind. Wie ich in Punkt 1.1. dargestellt habe, erlebt der Exhibitionist seinen Drang als ich-dyston.

3. Die psychoanalytische Theorie sexueller Perversionen

Freuds „Drei Abhandlungen der Sexualtheorie“ (1905) war eines der ersten psychoanalytischen Publikationen über die Entstehung sexueller Perversionen. Freud erklärte als erster, dass Eltern den größtmöglichen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder haben und diese als Reaktion darauf eine psychische Struktur bilden. Die Sexualität des Erwachsenen lässt sich auf frühe Kindheitseindrücke zurückführen. Das bedeutet, dass sexuelle Wünsche und Befriedigungen in der Kindheit entstehen und zwar lange bevor sie in der Pubertät offenkundig werden. Die Leistung Freuds bestand gegenüber den Sexualforschern seiner Zeit (wie Krafft-Ebing und Havelock Ellis) darin, dass er - ausgehend von der Annahme einer infantilen Sexualität - eine für die Kindheit als normal geltende „polymorph-perverse-Anlage“ beschrieb1).

Diese hatte als „Erklärungsfolie für das Auftreten perverser Phantasien und Handlungen im Erwachsenenalter zu gelten“ (Mertens 1998, S.171). Dadurch rückte der seltsame und „verdorbene“ Charakter mancher perverser Triebhandlungen in den Bereich des Verstehbaren.

Am bekanntesten wurde Freuds Auffassung, dass die Neurose als das „Negativ der Perversion“ zu gelten habe. Das bedeutet, der Neurotiker hat seine libidinösen Triebstrebungen zu massiv unterdrückt und verdrängt, wodurch keine wirkliche Integration und Sublimierung der im Unbewussten fortbestehenden Impulse stattfinden konnte. Der spätere Perverse dagegen ist entweder an seine kindlich polymorph-perverse Regung fixiert, die dissoziert erhalten bleibt, oder er greift regressiv auf sie zurück (vgl. Mertens 1998, S.171).

Im Folgenden werde ich einen umfassenden Überblick der psychoanalytischen Theorie sexueller Perversionen geben. Ich beziehe mich dabei vorwiegend auf die Darstellungen von Becker und Schorsch (1980) auf die schon Battegay (vgl. Punkt 2.3.) hingewiesen hat. Beide Autoren versuchen die psychoanalytische Theorie mit dem klinischen Erscheinungsbild und den Verlaufsformen sexueller Perversionen in Einklang zu bringen.

3.1. Die grundlegenden Ängste und Konflikte in der Entwicklung sexuell Perverser

Der heterosexuelle Koitus tritt im Vergleich zur nichtperversen Sexualität stark in den Hintergrund und ist die verbindende Gemeinsamkeit der Perversionen. Entweder wird er

vermieden oder löst Impotenz und Abwehr aus, oder

der Koitus wird als weniger befriedigend erlebt, oder

er kann schließlich nur unter Zuhilfenahme perverser Praktiken und Fantasien ausgeführt werden.

In der Regel bezieht sich dieses Ausweichen nicht allein auf den heterosexuellen Koitus und das weibliche Genitale, sondern betrifft die Frau überhaupt. Solange die Frau ein Sexual subjekt mit eigenen Wünschen ist, gilt ihr ein Unbehagen. Ist sie jedoch zum Sexual objekt männlicher Wünsche geworden, lässt dieses Unbehagen nach. Der Hintergrund für dieses Vermeiden ist Angst vor der Frau bzw. Angst vor der erwachsenen weiblichen Sexualität. Diese Angst kann mehr oder minder bewusst sein, sowie weitgehend abgewehrt werden und hat tiefenpsychologische Wurzeln. Dafür ist es notwendig, die spezifischen Entwicklungsprozesse in der frühen Kindheit zu verstehen, weil nur so die Vielschichtigkeit des perversen Verhaltens deutlich gemacht werden kann.

3.1.1. Kastrationsangst und ödipale Konflikte

Kastrationsangst gehört zu dem Erleben des Jungen in der Entwicklungsphase zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr. Dabei geht es weniger um die Angst vor dem Verlust des Penis, als vielmehr um die Angst, die sich festigende männliche Identität, Selbstständigkeit und Aktivität wieder zu verlieren. In dieser Zeit ist der Junge in der Regel über die anatomischen Unterschiede orientiert und wendet seinem Genitale ein besonderes Interesse zu, weil es für ihn Männlichkeit und aktives, eindringendes Erforschen der Umwelt verkörpert. Diese Zeit wachsender Männlichkeit wird phallisch-narzisstisch genannt. Das Phallisch-Narzisstische äußert sich z.B. in der Weise, dass der Junge seine neu entdeckte Männlichkeit lustvoll präsentiert, sich der Mutter gegenüber „exhibitionistisch“ verhält und versucht, sie in seine kindlich-sexuelle Aktivität mit einzubeziehen; es äußert sich aber auch in der Weise, dass der Penis als Waffe fantasiert wird. Wegen dieser aggressiven Fantasien auf der einen Seite kommen in der normalen Entwicklung Verlust- und Kastrationsängste auf. Die sind zumindest bei unserer Sozialisation ein ubiqitäres Phänomen. Wird diese noch labile männliche Identität und Aktivität von den Eltern, besonders der Mutter, nicht verständnisvoll akzeptiert, sondern mit Reaktionen wie Missbilligung, Angst, Unterdrückung und mit Strafandrohung bei genitalen Spielereien zurückgewiesen und in ihrer Entfaltung behindert, können solche Kastrationsängste verstärkt werden. Diese Ängste zentrieren sich deshalb häufig um den Penisverlust, weil der Junge inzwischen wahrgenommen hat, dass Mädchen keinen Penis haben.

Eine Akzentuierung erfährt die Kastrationsangst durch die Art und Weise, wie sich der Junge in den sogenannten ödipalen Konfliktsituationen mit den Eltern auseinandersetzt. Der Junge hat nun aufgrund früherer Entwicklungsprozesse, auf die ich noch zu sprechen komme, eine gewisse Selbstständigkeit und Unabhängigkeit erreicht und die Grenzen zwischen Selbst und Objekt haben sich weitgehend gefestigt. Diese Eigenständigkeit ermöglicht dem Jungen nun, den Eltern gegenüber neue und reifere Beziehungsformen zu entwickeln: Die eine Form, der Wettbewerb, kennzeichnet Bestrebungen des Kindes, sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zu vergleichen und mit ihm in Konkurrenz zu treten. Der andere Beziehungsaspekt, die Werbung, hat das Ziel, den andersgeschlechtlichen Elternteil für sich zu gewinnen, zu erobern und zur Befriedigung - auch seiner kindlich-sexuellen Wünsche - für sich zu haben. Diese reiferen Formen der Beziehung - Wettbewerb und Werbung - stellen das Kind in ein kompliziertes Beziehungsgefüge: Mit der Entdeckung der eigenen Individualität werden Vater und Mutter stärker als bisher voneinander unterschieden und die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau wird differenzierter wahrgenommen. Diese Rollendifferenzierung wird mit der verschiedenen Beschaffenheit von männlichem und weiblichem Genitale verknüpft. Gegenüber der Mutter entwickelt der Junge eine eher aktive, „männliche“ Form der Beziehung: die Werbung in Form von Erobern- und Besitzenwollen. Dieses Fürsichhabenwollen der Mutter ist die Ausgangskonstellation für die ödipale Konfliktsituation: der Wettbewerb mit dem Vater verschärft sich damit zur Rivalität. Es entstehen zumindest zeitweise aggressive und ablehnende Gefühle dem Vater gegenüber, die ihren Ausdruck in Fantasien finden können, dass der Vater stirbt, oder in Wünschen, ihn zu beiseitigen, um die Mutter ganz für sich zu haben. Dieses Rivalisieren erzeugt Ängste und Unsicherheit. Zum einen, weil die Realitätswahrnehmung des Jungen soweit ausgebildet ist, dass die Furcht entsteht, dem großen und starken Vater als Rivalen nicht gewachsen zu sein und zum anderen sind es Gefühle von Kleinheit und Minderwertigkeit, die den Jungen in seinem Selbsterleben beeinträchtigen und zu einem Konflikt zwischen seinem Narzissmus und seinen Triebwünschen führen. Zudem entstehen Ängste, dass der stärkere und als mächtig erlebte Vater sich an ihm rächen und ihn bestrafen könnte. Schließlich ängstigen den Jungen auch die Vorstellungen, seine Beseitigungswünsche dem Vater gegenüber könnten Wirklichkeit werden, weil er dann sein idealisiertes Vorbild verlöre, das für die Entwicklung seiner Männlichkeit eine wichtige Unterstützung darstellt. Über den Bestrafungsaspekt für phallisch-aggressives Verhalten oder Fantasieren hinaus geht es in diesen Ängsten der ödipalen Entwicklungsphase auch um Liebesverlust und den Verlust der Selbstständigkeit.

Unter dem Druck der Kastrationsangst wird in der normalen Entwicklung die ödipale Konfliktsituation überwunden. Dadurch, dass der Junge sich verstärkt mit dem Vater identifiziert, seine phallisch-libidinösen und phallisch-aggressiven Wünsche zurückstellt und sich mit der Vorstellung tröstet, später wie der Vater eine Frau wie die Mutter zu haben, löst er das Rivalitätsverhältnis auf. Die sekundäre Identifizierung mit dem Vater verstärkt die sich entfaltende männliche Identität und ist ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu einer erwachsenen männlichen Sexualität. Die Identifikation mit dem Vater fördert darüber hinaus den Prozess der Ich-Entwicklung, weil dadurch väterliche Ideale und Wertvorstellungen übernommen und verinnerlicht werden. Aus den präödipalen Vorformen des Über-Ich entsteht so der Kern des reifen Gewissens.

Becker und Schorsch (1980, S.162) merken an, dass es „...zunächst den Anschein hat, als seien diese durch die ödipalen Konflikte ausgelösten Ängste bei den sexuellen Perversionen außergewöhnlich stark. Genauer betrachtet sind es aber nicht Ängste aufgrund einer besonders intensiven phallisch-aggressiven Aktivität in den ödipalen Beziehungen. Vielmehr bedingt die phallische Besetzung eine Zunahme von Aktivität und Aggressivität, führt zu einem verstärkten Sich-selbst-Fühlen und Selbst-Erleben und stellt den Jungen vor das Problem, sich von den Eltern unabhängig und ihnen gegenüber selbstständig zu erleben“. Weiter beschreiben die beiden Autoren, dass dies Ängste aus nicht abgeschlossenen früheren Entwicklungsprozessen der Ich-Entwicklung aktualisiert. Denn die, nur aus einer gewissen Eigenständigkeit herausentstehende, mögliche Werbung um die Mutter und der Wettbewerb mit dem Vater setzen voraus, dass die früheren Prozesse der Ich- und Selbstentwicklung abgeschlossen sind, vor allem die innere Abgrenzung von dem mütterlichen Objekt und das allmähliche Aufgeben der narzisstischen Besetzung der Elternfiguren. Sind diese Entwicklungsschritte nicht bewältigt, dann ist das Kind den Anforderungen, die die neueren, reiferen Beziehungsformen zu den Eltern mit sich bringen, nicht gewachsen und es reagiert mit Angst oder Rückzug. Die besondere Problematik in der ödipalen Situation bei sexuell-perversen Entwicklungen beruht also nicht lediglich auf einer quantitativ stärkeren Ausprägung der normalen Kastrationsangst, so Schorsch und Becker, sondern unterscheidet sich auch qualitativ insofern, als frühere präödipale Ängste, auf die ich später noch eingehen werde, aktualisiert werden. Diese Ängste (z.B. die vor der Seperation), verhindern nicht nur die normale Bewältigung und Auflösung der ödipalen Konflikte, sondern machen es darüber hinaus schwierig, sich der ödipalen Situation überhaupt zu stellen. Diese mangelnde Bewältigung der ödipalen Konflikte zeigt sich darin, dass die Errungenschaften aus den Reifungsprozessen dieser Phase rudimentär bleiben, denn „männliche Identität und männliches Sexualverhalten bleiben problematisch, die Ablösung der Sexualität von den Eltern gelingt nur unvollständig, das Verhältnis zur Frau bleibt angst- und konfliktbeladen und das Über-Ich lückenhaft und unvollständig“ (1980, S.163).

Um Art und Intensität der präödipalen Ängste verständlich zu machen, ist es notwendig, die wichtigsten Prozesse der früheren Trieb-, Ich- und Selbstentwicklung zu skizzieren. Auf die Selbstentwicklung werde ich vertieft im zweiten Teil eingehen, da sie bei der Schamentwicklung eine zentrale Rolle spielt.

3.1.2. Die anale Phase

Im Alter von eineinhalb bis drei Jahren führt die Triebentwicklung in der analen Phase zu einer libidinösen Besetzung der Ausscheidungsfunktionen, denen sich das Kind lustvoll interessiert zuwendet. Gegenüber der vorwiegend passiven Abhängigkeit des ersten Lebensjahres kommt es jetzt, mit den sich herausbildenden motorischen Fähigkeiten, zu einer aktiveren Erforschung des eigenen Körpers mit seinen Funktionen. Dies führt zu Versuchen, die Umwelt in den Griff zu bekommen, zu kontrollieren und zu beherrschen. Ein wichtiges Instrument für diesen Prozess ist die Entwicklung der Sprache. Aggressive Impulse, die im Zuge dieser neuen Aktivität verstärkt auftreten, werden in dieser Phase normalerweise als lustvoll erlebt. Aus diesem Grunde wird diese Stufe der Triebentwicklung auch anal-sadistisches Stadium genannt. In dieser Zeit entwickelt das Kind Gefühle von Trotz und Wut, die mit Zerstörungsphantasien einhergehen können, es zerstört Gegenstände, stößt Personen weg und versucht ihnen wehzutun. Diese aggressiven Impulse erzeugen Konflikte und Ängste, weil sie gegen Personen gerichtet sind, deren Liebe und Zuwendung das Kind behalten möchte. Das Nebeneinander von aggressiv-feindseligen Impulsen und liebevollen Wünschen nach Bewahren und Besitzen begründet die für dieses Stadium charakteristische Ambivalenz: Fortstoßen der Mutter und Sich-Zurückflüchten in ihre Arme; Zerstören, Unordnung schaffen und dann wieder Ordnen, Bauen, Zusammenfügen; Beherrschen, Kontrollieren, auf eigenem Willen beharren und dann Sich-Unterordnen und Abhängigkeit suchen.

Die anal-sadistischen und anal-libidinösen Triebäußerungen lösen bei den Eltern wertende, kontrollierende und verbietende Reaktionen aus, die -richtig dosiert- dem Kind helfen, diese Triebregungen allmählich zu kontrollieren und zu kanalisieren. Diese elterlichen Reaktionen werden allmählich verinnerlicht und ermöglichen es dem Kind immer mehr eigene Steuerungsfunktionen für seine Triebwünsche zu entwickeln. Dieses Verinnerlichen elterlicher Reaktionen führt zu einer präödipalen Vorstufe des Über-Ich mit ersten moralischen Kategorien von Gut und Böse. Das Kind richtet sein Verhalten nach den erfahrungsgemäß zu erwartenden Reaktionen der Eltern aus, d.h. es strebt ein Verhalten an, welches Belohnung nach sich zieht, und vermeidet, was Strafe auslöst. Dieses präödipale Über-Ich ist an die Anwesenheit der Eltern gebunden. Es funktioniert nicht ohne die Präsenz von äußeren Autoritäten. Das reifere Über-Ich reguliert das Verhalten autonomer und nach differenzierteren Werteskalen als nur nach Belohnung und Bestrafung und funktioniert unabhängig von präsenten Autoritätsfiguren. Eine fehlende Ausdifferenzierung des Über-Ich ist für das Verständnis von delinquentem Verhalten überhaupt wichtig. Häufig ist es so, dass Schuldgefühle fehlen und statt dessen lediglich Bestrafungsängste oder auch Bestrafungswünsche zu beobachten sind.

Eine weitere wichtige Errungenschaft in der analen Phase ist die Entwicklung des Körper-Ich. In Zusammenhang mit den Prozessen der Ablösung von der Mutter und der Individuation entwickelt das Kind allmählich Vorstellungen von der Beschaffenheit und den Grenzen des eigenen Körpers. Durch die Möglichkeit zu stehen und zu laufen macht das Kind Erfahrungen mit seinem Körper. In dieser Zeit, in der das Kind den eigenen Körper gegen die Umgebung abgrenzt, interessiert es sich besonders für hervorstehende Körperteile, wie Zehen Finger, Nase, Penis, und reagiert mit Besorgnis auf Veränderungen seines Körpers durch Verletzungen, Blutungen, blaue Flecken etc.. Bei diesen Erfahrungen spielen die Ausscheidungsvorgänge eine besondere Rolle, bei denen etwas, das zum Körper gehört, verloren geht. A. Freud (1936), Kris (1955) und Greenacre (1968) haben, laut Becker und Schorsch (1980, S. 165), darauf hingewiesen, dass im Rahmen dieser Entwicklungsvorgänge der Junge erste Verlustängste in Bezug auf den Penis entwickelt. Im Gegensatz zur Kastrationsangst der ödipalen Phase ist diese aber nicht eine Bestrafungsangst, sondern eine Angst, in diesem noch ungefestigten Körper-Ich beeinträchtigt zu werden und, ebenso wie die Exkremente, den Penis zu verlieren. Im Zuge dieser genitalen Unsicherheit tauchen in der Fantasie des Jungen auch Vorstellungen auf, dass die Mutter einen Penis hat; damit greift er zurück auf Fantasien einer androgynen Vollkommenheit vor der Differenzierung in männliche und weibliche Objekte. Grennacre (1968) hat darauf hingewiesen, so die beiden Autoren (1980, S.165), dass Kinder, die unter bestimmten Bedingungen solchen Ängsten und Unsicherheiten bezüglich ihres Körper-Ichs ausgesetzt sind, verstärkt dazu tendieren, sich in orale Abhängigkeit mit der Mutter zu flüchten.

3.1.2.1. Der Prozess von Seperation und Individuation

Der wichtigste Entwicklungsschritt in dieser Phase jedoch ist die Ablösung von der Mutter und eine gewisse Verselbständigung ihr gegenüber (Seperation und Individuation nach Mahler, 1972), die die Phase der symbiotischen Verschmelzung von Mutter und Kind beendet. Wenn die Mutter die Entwicklungsschritte bejaht und unterstützt, dann lernt das Kind sich selbständig zu bewegen und jetzt besser seine eigenen Gefühle und Wünsche von denen der Mutter zu unterscheiden. Es probiert in dieser Zeit, dem elterlichen Willen den eigenen entgegenzusetzen und den Bestimmungsversuchen der Eltern mit eigenen Bestimmungen zu begegnen. Der äußere Konflikt zwischen den elterlichen und den kindlichen Tendenzen führt zu dem bekannten Phänomen des Trotzes. Eines dieser Konfliktfelder ist die Erziehung zur Reinlichkeit. Die Triebentwicklung in dieser Phase, die zu lustvollen Erfahrungen im Zusammenhang mit den Ausscheidungsvorgängen und Exkrementen führt, stößt gewöhnlich auf Widerstand der Eltern. Die Ich-Leistung des Sauberwerdens ist ein Aspekt der übergreifenden Funktion von Festhalten, Loslassen, Wegwerfen, die allmählich willentlich kontrolliert werden. Die Entwicklung zur Reinlichkeit enthält so auch die Trennung und Ablösung. Da das Sauberwerden den elterlichen Intentionen entgegenkommt, erfährt das Kind eine zusätzliche Bestätigung seiner Ich-Leistung. Aus dem Interesse an den Exkrementen und den Ausscheidungsfunktionen wird das Spiel mit Sand, Farben und Knetmasse; in der Abwehr der Reaktionsbildung errichtet das Kind Barrieren gegen die Verwirklichung analer Wünsche in Form von Ekel und Widerwillen gegen Schmutz.

[...]


1) Pervers, polymorph: Fähig zu vielerlei Formen von Triebbefriedigung. Bezieht sich auf die kindliche Fähigkeit, beim Sehen, Berühren, Riechen, Entkleiden, Saugen oder beim Stuhlgang und Urinieren Lust zu empfinden. Diese Empfindungen sind an phasentypische erogene Zonen gebunden (Phasenschema der Psychoanalyse) und entsprechen verschiedenen sexuellen Partialtrieben. Mit der Entwicklung der eigentlichen genitalen Funktionen wird die frühkindlich polymorph-perverse Phase beendet; die Partialtriebe werden vereinigt. In dieser Sicht erscheint die Perversion des Erwachsenen als Wiedererscheinen eines Partialtriebes der frühkindlichen Sexualität (Peters 1990, S.382).

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Welche Rolle spielen Schamgefühle im Exhibitionismus? Ein psychoanalytisch orientierter Erklärungsversuch
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
85
Katalognummer
V59308
ISBN (eBook)
9783638532877
ISBN (Buch)
9783638717748
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welche, Rolle, Schamgefühle, Exhibitionismus, Erklärungsversuch
Arbeit zitieren
Martina Juergens (Autor), 2001, Welche Rolle spielen Schamgefühle im Exhibitionismus? Ein psychoanalytisch orientierter Erklärungsversuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59308

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