Albert Camus' Konzept des Absurden und seine Bedeutung für l'Envers et l'endroit


Hausarbeit, 2002

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einführung

Das Absurde

Der Umgang mit dem Absurden

Hintergründe und Streitpunkte zu Le mythe de Sisyphe

Das „absurde“ Werk

Das Absurde in L’envers et l’endroit

Quellennachweise

Bibliographie

Einführung

In der kurzen Rede, welche Albert Camus am 10.12.1957 anläßlich der Entgegennahme des Nobelpreises hielt,[i] nannte er zwei zentrale Begriffe, denen sich seine bis dahin entstandenen

Werke gemäß ihrer Grundhaltung zuordnen lassen: La négation und le positif. Ersterer steht in einem engen Zusammenhang mit Camus’ philosophischem Konzept des Absurden, welches den ersten Teil seines Schaffens bestimmt und Hauptgegenstand dieser Arbeit ist.°

Je voulais d’abord exprimer la négation . Sous trois formes. Romanesque: ce fut <l’étranger>. Dramatique: <Caligula>, <le malentendu>. Idéologique: <le mythe de Sisyphe>. (zitiert nach Massin 1972: 10)

Findet die Theorie des Absurden in dem Roman L’étranger sowie in den Dramen Caligula und Le malentendu bereits konkrete Anwendung, so wird sie in dem Essay Le mythe de Sisyphe ausführlich dargelegt und hergeleitet. Letzterer stellt also einen Schlüssel zu ihrem Verständnis dar, aber auch zu jenem der übrigen drei Werke.° Er erschien am 16.10.1942 in einer Auflage von 2750 Exemplaren beim Verlag Gallimard in Paris, d.h. unter deutscher Besatzung. Deswegen mußte das Kapitel über den jüdischen Autor Kafka in der Erstveröffentlichung weggelassen werden.[ii] Verfaßt wurde das Werk von 1938 bis 1941,[iii] der Gedanke, einen Essay über das Absurde zu schreiben, geht jedoch schon auf 1936 zurück.[iv] Die geistige Auseinandersetzung mit dem Thema muß also noch früher begonnen haben. Welche Rolle spielt das Absurde eigentlich in Camus’ frühem Schaffen? Spielt es überhaupt eine Rolle? Immerhin tauchen Werke wie die Essaybände Noces oder L’envers et l’endroit nicht in dem oben zitierten Kanon „absurder“ Werke auf.° Berücksichtigen wir aber, daß L’envers et l’endroit 1935/36 verfaßt wurde und eine frühe Fassung dieser Sammlung bereits 1934 vorlag,[v] so wird deutlich, daß die Arbeit an dem Werk spätestens seit 1936 zeitlich mit Überlegungen zum Absurden zusammenfiel, daß eine Einflußnahme letzterer auf die Essaysammlung daher durchaus denkbar ist.°

Sowohl für Le mythe de Sisyphe als auch für L’envers et l’endroit wählte Camus die Form des Essays, welche er allerdings unterschiedlich behandelte. Während es sich im ersten Fall um die explizite Darlegung einer Philosophie bzw. einer geistigen Haltung handelt, haben wir es im zweiten Fall mit fünf kurzen Erzählungen zu tun, in deren Rahmen Fragen und Konflikte, die für Camus damals von bedrängender Wichtigkeit waren, in eher lyrischer Weise angesprochen werden.[vi] Generell ist die Wahl dieser literarischen Ausdrucksform sicherlich durch Jean Grenier (1889-1971) beeinflußt, der seine Schriften ebenfalls als Essay verfaßte.[vii] Da der Philosophielehrer allgemein eine Vorbildfunktion für Camus übernahm, widmete dieser Grenier auch sein erstes veröffentlichtes Werk L’envers et l’endroit. Es erschien am 10.5.1937 als zweiter Titel der Reihe Méditérranéennes bei dem Verleger Edmond Charlot in Algier.[viii] Bekannt wurde Camus dadurch allerdings noch nicht, außer bei einigen Intellektuellen der algerischen Hauptstadt.[ix] Die erste Auflage umfaßte nämlich lediglich 350 Exemplare,[x] von denen eins 20 Francs kostete und nur in Algerien erhältlich war. Erst in Camus’ letzten Lebensjahren erfolgte eine höhere Neuauflage (1958), die für einen größeren Leserkreis bestimmt war.[xi] In seinem Vorwort von 1954 zu einer neuen, aber ebenfalls niedrigen Auflage[xii] erklärt der Autor seine jahrelange Zurückhaltung mit einigen stilistischen, literarischen Ungeschicklichkeiten, die er an diesen frühen Prosatexten selbst bemängelt. Dennoch erkennt er mit einem Abstand von zwanzig Jahren, welch’ bedeutende Stellung sie trotz alledem in seinem Gesamtschaffen einnehmen, denn in ihnen steckt „une source unique qui alimente pendant sa vie ce qu’il [l’artiste] est et ce qu’il dit.“ (Camus 1986: 13) Eine höhere Neuauflage schien aber auch durch das Argument geboten, daß das Werk nicht nur wenigen reichen Lesern vorbehalten bleiben dürfe.[xiii]

Im folgenden soll zunächst Camus’ philosophisches Konzept des Absurden in seinen Grundzügen dargestellt und erläutert werden. Dies geschieht auf der Grundlage von Le mythe de Sisyphe. Darauf aufbauend, gilt es zu zeigen, inwiefern Camus seinen eigenen Ansprüchen an ein „absurdes“ literarisches Werk bereits in L’envers et l’endroit gerecht wurde, bzw. welche „absurden“ Elemente diese frühen Essays aufweisen.°

Das Absurde

Der Ausgangspunkt des Absurden, so wie Camus es versteht, liegt in einem unüberwindbaren Gegensatz, auf dessen einer Seite der Mensch und dessen anderer Seite die Welt steht.

Der Mensch zeichnet sich in erster Linie durch seine Fähigkeit zu denken aus, eine Eigenschaft, die ihn maßgeblich von Tier und Pflanze abhebt, ihm aber ebenso zum Verhängnis werden kann. Denn mit der Denkfähigkeit verbindet sich das ureigene Bedürfnis nach Identität und Sinngebung, das Verlangen, die Welt samt all ihrer Erscheinungen nicht bloß hinzunehmen, sondern sie dem Verstand zugänglich zu machen, d.h., sie in ihrer Ursächlichkeit zu verstehen. Da die irdischen Phänomene in ihrer unüberschaubaren Komplexität nicht ohne weiteres faßbar sind, verleiht der Mensch ihnen Strukturen, kategorisiert er sie. Dabei treibt ihn die Sehnsucht, möglichst alles auf ein einziges, einheitliches Prinzip zurückzuführen. Erst dann wären sein Sinnverlangen und sein Wunsch nach Vertrautheit vollends befriedigt.[xiv] Diese beziehen sich jedoch nicht nur auf die Angelegenheiten der Welt, sondern mindestens genauso auf die des Menschen selbst. Sich zu definieren und die eigene Existenz zu ergründen und zu erklären, ist kein geringeres menschliches Anliegen. - Genau wie die Vernunft ist auch das aus ihr erwachsende Verlangen nach einer absoluten und allumfassenden Erkenntnis wesentlich für das Menschsein.[xv]

Dem gegenüber steht die Welt mit ihrer unabänderlichen Irrationalität, d.h., die wirklich existentiellen Wahrheiten bleiben der menschliches Ratio verschlossen, sie lassen sich nicht von einem vernunftgemäßen Prinzip ableiten. Zwar kann der forschende Geist die Welt klassifizieren und ihre Gesetzmäßigkeiten herausfinden, wodurch sich zweifelsohne manches Rätsel vordergründig lösen läßt, doch selbst die ausgefeilteste wissenschaftliche Methode bringt immer nur eine spezifische Einzelwahrheit hervor, welche in ihrer Verlorenheit lediglich die analytische Beschreibung eines Sachverhalts bleibt. – Die Vernunft soll keineswegs für nutzlos erklärt werden. Sie hat ihren unangefochtenen Wirkungsbereich, dessen Grenzen jedoch angesichts der Frage nach den existentiellen Ursachen sehr schnell deutlich werden. Diese kann nach wie vor nur hypothetisch beantwortet werden. Zur Erreichung des Ziels erweist sich der Verstand also schlicht als untauglich. Folglich bleibt einem die Welt fremd. Die Fremdheit der Welt führt wiederum dazu, daß der Mensch auch seine eigene Identität nicht einheitlich bestimmen, sondern sie ebenfalls nur in einzelnen, voneinander losgelösten Eigenschaften beschreiben kann. Diese Kluft zwischen der Gewißheit der eigenen Existenz und dem Unvermögen, sie zu begründen, verursacht eine Fremdheit gegenüber sich selbst. Die offensichtlichste und gravierendste Irrationalität in bezug auf das Leben ist dessen Endlichkeit, ist der Tod.

Zusammenfassend kann man von einem unlösbaren Zwiespalt sprechen zwischen einer essentiellen menschlichen Sehnsucht einerseits und ihrer Unerfüllbarkeit andererseits. In ihm besteht das menschliche Drama, in einer Dialektik ohne Synthese.[xvi] Und um es mit Camus’ Worten zu sagen: „Mensch und Welt sind verdammt, miteinander zu leben, ohne sich je zu umarmen.“ (zitiert nach Lesch 1994: 162)

Zweifellos sind sich die Menschen darüber nicht immer im klaren. Dringen aber der Konflikt sowie seine Unlösbarkeit in das Bewußtsein ein, so nennt Camus diesen Zustand „das Absurde“.[xvii] Es ist der Zustand einer Klarsichtigkeit, welche das Sinnverlangen nach Einheit und Identität ebenso feststellt wie die Ohnmacht der Vernunft gegenüber dem Irrationalen der Welt.[xviii] C’est évidence, c’est l’absurde. C’est ce divorce entre l’esprit qui désire et le monde qui déçoit, ma nostalgie d’unité, cet univers dispersé et la contradiction qui les enchaîne. (Camus, Le mythe de Sisyphe) Das Absurde umfaßt unbedingt beide der sich widersprechenden Komponenten. Sobald sich eine von ihnen im Bewußtsein verliert, verschwindet das Absurde, welches demnach auch als innere Zerrissenheit verstanden werden kann, die nur so lange besteht wie die sie konstituierenden Pole. Da Tier und Pflanze nicht über Vernunft verfügen, trifft sie das Absurde nicht. Dieses befällt ausschließlich den menschlichen Geist und endet spätestens mit dem Tod, wenn nämlich das Bewußtsein endgültig erlischt. Hinsichtlich der existentiellen Fragen stellt das Absurde also die einzige Verbindung zwischen Welt und Mensch dar.[xix]

Dem Bewußtsein geht jedoch ein Gefühl voraus, welches erst in seiner Verdichtung in die beschriebene Hellsichtigkeit mündet.[xx] Es handelt sich um eine schrittweise Entfremdung von der Umwelt, von Lebensgewohnheiten und von sich selbst. Bislang lebensbestimmende Handlungsabläufe verlieren auf einmal ihre Selbstverständlichkeit. Sie werden spontan in Frage gestellt, und was sonst mit zwingender Notwendigkeit den Alltag prägte, erscheint plötzlich völlig lächerlich und sinnlos.[xxi] Un jour seulement, le <pourquoi> s’élève et tout commence dans cette lassitude teintée d’étonnement. <Commence>, ceci est important. La lassitude est à la fin des actes d’une vie machinale, mais elle inaugure en même temps le mouvement de la consciense. (Camus 1942: 27) Man wird eines mechanischen Lebens überdrüssig, womit zugleich ein Bewußtwerdungsprozeß einsetzt. Nun tritt der Tod aus der Verdrängung hervor. Die Unerbittlichkeit und Unabänderlichkeit seines Eintretens macht den Menschen zu einem unbedeutenden Spielball der ständig ablaufenden Zeit. Diese Vergänglichkeit läßt jegliches menschliche Treiben in Nutzlosigkeit und Sinnlosigkeit erstarren. Man vermag das Handeln seiner Mitmenschen nicht mehr zu deuten. Deren Gesten wirken stumpfsinnig, mechanisch und steril, ebenso die eigenen. Auch die Welt entzieht sich unserem Verständnis, wird fremd und feindselig, als wenn die natürliche Verbindung zu ihr einfach durchtrennt worden wäre. Seines gesamten Lebenshintergrundes und jeder Vertrautheit beraubt, treibt der Mensch zunächst heimatlos umher – kurz, eine Krise, welche die Wertlosigkeit des Lebens nahelegt.

Wie aber kommt es zum Einsturz der bestehenden Ordnung, bzw. was macht die Ordnung so einsturzgefährdet?

Viele Menschen insbesondere des westlichen Kulturkreises richten ihren Lebensvollzug auf die Zukunft hin aus, indem sie sich permanent kurz- oder langfristige Ziele setzen, auf deren Erreichung sie dann hinwirken können.[xxii] Damit folgen sie lediglich ihrer Sehnsucht nach Sinngebung, Einfachheit und Überschaubarkeit, denn sämtliche Handlungen und Gedanken sind an einem konkreten Ziel orientiert und erhalten dadurch automatisch einen vordergründigen Sinn. Diese Lebensweise gipfelt in einer vie machinale, in der jeder Wochentag und jede Tageszeit durchgeplant werden, so daß der Lebenssinn scheinbar durchgehend gesichert ist. Eingebettet in dieses illusorische Konstrukt, ist man der herrschenden Irrationalität gnadenlos ausgeliefert.° Ausgelöst wird die Krise oft durch einen Vorfall, welcher sich der gewohnten Kontrollierbarkeit und Erklärbarkeit entzieht, wie etwa eine schwere Krankheit oder der Tod eines Nahestehenden.[xxiii] Daraufhin stellen sich unweigerlich die existentiellen Fragen hinsichtlich der Welt, des Lebens und des Todes. In Anbetracht ihrer Unlösbarkeit wird der bisherige Lebensstil sinnlos, nichtig und fremd. Je intensiver man zuvor damit beschäftigt war, sich über die tatsächliche Sinnlosigkeit des Lebens mit einer pragmatischen, zweckgebundenen Sinngebung hinwegzutäuschen, desto gravierender sind die Fremdheitserfahrungen und die Identitätsunsicherheit bei Eintritt des Absurden.° Im marktwirtschaftlichen oder sozialstaatlichen Kapitalismus stehen solche Einbrüche an der Tagesordnung, da das Überleben hier meist eine mechanische Leistungserbringung erfordert, welche jene Lebensweise begünstigt, die den Menschen gegenüber dem Absurden schwächt. Soziales Scheitern und Ausgrenzung wären typische Auslöser der beschriebenen Sinnkrise.[xxiv]

Der Umgang mit dem Absurden

Wie soll man sich nun angesichts des Absurden verhalten? Kann das Leben überhaupt einen Wert haben, wenn das zentrale menschliche Bedürfnis nach Sinn definitiv unbefriedigt bleibt? Wäre die einzig logische Konsequenz nicht der Selbstmord? – Il n’y a qu’un problème philosophique vraiment sérieux: c’est le suicide. Juger que la vie vaut ou ne vaut pas la peine d’être vécue, c’est répondre à la question fondamentale de la philosophie. (Camus 1942: S.15)

Prinzipiell gibt es zwei Grundrichtungen, die im Umgang mit dem Absurden eingeschlagen werden können: Entweder man löscht es aus oder behält es bei. Das Absurde auflösen heißt, mindestens eine der beiden gegensätzlichen Gewißheiten aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Einige Menschen täuschen sich über die bestehende Irrationalität hinweg, indem sie die Grenzen der Vernunft übersehen und ein in sich stimmiges Modell konstruieren, mit dem sie sich die Welt ganz nach Wunsch erklären. Allerdings sind sie ständig bedroht, von der Wahrheit überwältigt zu werden. Die am häufigsten praktizierte Art, das Absurde von sich fernzuhalten, besteht wohl im Verzicht auf den Absolutheitsanspruch, auf den Anspruch eines vernunftgebundenen Verständnisses der Welt. Camus nennt sie espoir und meint damit alle Einstellungen und Lebensweisen, welche auf Nichtevidentem gründen. Das betrifft u.a. die Vergöttlichung des Irrationalen, d.h. seine Erklärung mit einem Gott, dessen Existenz der Verstand jedoch nicht nachvollziehen kann. Diesen Übergang in die Transzendenz bezeichnet Camus als saut, als Sprung in die Religiosität. Gleiches gilt für jede Form der Hoffnung, z.B. auf ein Leben nach dem Tod, wie auch für verschiedenste Ideen und Ziele, nach denen man sein Leben ausrichtet. Immer wird dabei ein ideeller Sinn geschaffen, der nicht auf Gegebenem beruht und daher rational nicht faßbar ist.[xxv] Das Verlangen nach einem rational begründeten Sinn, welches den Menschen geradezu als solchen charakterisiert, wird in diesen Fällen unterdrückt. Der Mensch gibt folglich ein grundlegendes Element seiner Humanität preis und verleugnet sich damit selbst. Gleichermaßen verhält es sich mit dem Suizid, denn auch er führt zum Erliegen des entscheidenden menschlichen Bedürfnisses. – Als Tribut für eine Umgehung des Absurden sind derartige Zugeständnisse für Camus nicht hinnehmbar, denn sie kämen einer Tötung der Vernunft gleich, einem geistigen Selbstmord. Dies läßt nur einen Schluß zu: Das Absurde muß erhalten bleiben. Es wird als unüberwindbare Evidenz eingesehen. Der „absurde Mensch“ steht zum Absolutheitsanspruch der Vernunft genauso wie zu dem Wissen, daß die Irrationalität der Welt niemals besiegt werden kann.[xxvi] Der innere Zwiespalt darf nicht gelöst, die Spannung nicht ausgeglichen werden – eine Zerreißprobe, bei der es auf äußerste Klarsichtigkeit ankommt.[xxvii] Vivre, c’est faire vivre l’absurde. Le faire vivre, c’est avant tout le regarder. (Camus 1942: 76) Man muß dem Absurden stets ins Auge sehen, da es stirbt, sobald man sich von ihm abwendet. Da alle anderen Optionen vehement verworfen wurden, gilt es nun herauszufinden, ob und wie man mit ihm leben kann, oder ob die Logik den Suizid fordert.[xxviii] Durch diese Haltung unterscheidet sich Camus von etlichen Existenzphilosophen, auf die er kritisch Bezug nimmt. In den großen Linien der verschiedenen Systeme existentialistischen Denkens kannte er sich aus.[xxix] Grenier hatte ihn u.a. an Spinoza, Pascal, Schopenhauer, Kierkegaard, Schestow und Nietzsche herangeführt.[xxx] Nietzsche las er gründlich und mit leidenschaftlicher Anteilnahme. Ebenso aufmerksam studierte er Kierkegaard, ohne sich allerdings von ihm angezogen zu fühlen. An Husserl, Heidegger und Jaspers fand er hingegen kein besonderes Interesse. Überhaupt stand er philosophischen Dichtern wie Dostojewski oder Melville näher als den systematischen Philosophen.[xxxi] In Le mythe de Sisyphe geht es Camus auch weniger um eine tiefgehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den ausgewählten Philosophen. Vielmehr benutzt er sie zur Abgrenzung und Verdeutlichung seines eigenen Konzepts, sozusagen als Kontrastmittel.[xxxii]

Hinsichtlich der Erkenntnis des Absurden stellt sich Camus ganz in die Tradition der Existenzphilosophie und der Phänomenologie. Bei allen erwähnten Vertretern begrüßt er, daß sie den Rationalismus in seine Schranken weisen und die Unmöglichkeit eines absoluten Verstehens herausstellen. Doch ihre Schlußfolgerungen lehnt er entschieden ab. So sehen Karl Jaspers (1883-1969) und Lew Schestow (1866-1938) im Irrationalen den Beweis für einen Gott, während Søren Kierkegaard (1813-1855) aus Verzweiflung das Verlangen nach einer rationalen Einheit zu unterdrücken versucht und sich mit der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod tröstet. Edmund Husserl (1859-1938) strebt zwar nicht nach einem übergeordneten, für alle Erscheinungen gültigen Erklärungsmodell, führt aber jede einzelne Erscheinung auf ein eigenes, ihr innewohnendes Prinzip, auf eine ihr zugrunde liegende „Wesenheit“ zurück und flüchtet sich damit in einen abstrakten Polytheismus, welcher ebenso wenig erfahrbar ist wie ein alleinverantwortlicher Gott. – Sie alle vereint die Flucht vor dem Absurden, da sie die Vernunft verneinen, indem sie das Irrationale vergöttlichen und somit die tatsächliche Sinnlosigkeit der Welt in eine ewige Sinnhaftigkeit verwandeln.[xxxiii] Camus spricht hierbei vom philosophischen Selbstmord. Je prends la liberté d’appeler ici suicide philosophique l’attitude existentielle. (Camus 1942: 62)

Was macht die „absurde“ Haltung nun aber im einzelnen aus, bzw. nach welchen Richtlinien lebt der „absurde“ Mensch?

Savoir se maintenir sur cette arête vertigineuse, voilà l’honnêteté, le reste est subterfuge. (Camus 1942: 72)

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Albert Camus' Konzept des Absurden und seine Bedeutung für l'Envers et l'endroit
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Camus und Algerien
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V59440
ISBN (eBook)
9783638533799
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Albert, Camus, Konzept, Absurden, Bedeutung, Envers, Algerien
Arbeit zitieren
Thomas Roghmann (Autor), 2002, Albert Camus' Konzept des Absurden und seine Bedeutung für l'Envers et l'endroit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59440

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